. Beide Frauen trennten sich dann für die Nacht , mit gegenseitig angenehm belebten Hoffnungen für ein ferneres Beisammenleben . Es zeigte sich bald , wie leicht sich die beiden Frauen neben einander einwohnen sollten . An regelmäßige Zeiteintheilung gewöhnt , trennten sie ihre Beschäftigungen , und führten sie zusammen , in so ungesuchter Ordnung , mit so wachsendem Interesse für einander , daß man die Stirn der Gräfin d ' Aubaine nie so unumwölkt gesehen , seit lange das Herz der Miß Eton nicht in so ruhigem Takte geschlagen hatte . Die vorschreitende Jahreszeit , die geschmackvollen Gärten , noch mehr aber die schönen , daran gränzenden Wälder von Ardoise boten die genußreichsten Spaziergänge , und Miß Eton , die nach Art der Engländerinnen diese zu ihren täglichen Beschäftigungen zählte , fühlte sich ungemein dadurch angezogen und unterhalten . Ihre Erscheinung war den Bewohnern von Ardoise bekannt und lieb geworden . Die Kinder erwarteten das Schloßfräulein um die Stunde ihrer Promenaden , und vertraten ihr mit der schüchternen Hoffnung ihres Grußes oder Scherzes den Weg , ihr zartes grünes Laub oder eine frühzeitig emporgesproßte Wiesenblume überreichend ; die jungen Mädchen ergötzten sich an der Schönheit und vornehmen Kleidung und dem immer gleich freundlichen Wesen - während die älteren Leute des Dorfes , die Leidenden , die Kranken oder von Verlusten Getroffenen , ihren sanften Zuspruch genossen und aus ihren Händen die reichen Gaben empfingen , die zu spenden ihre Lage ihr erlaubte , oder welche die Gräfin d ' Aubaine durch sie austheilen zu können sich freute . Sie fühlte so nach gerade in den Umgebungen von Ardoise eine Sicherheit , die sie ihre Wanderungen immer weiter ausdehnen ließ , da auch hier bekannte Förster vollkommenen Schutz zu gewähren schienen . An einem schönen Nachmittage hatte sie ihren Weg bis zu einem verlassenen Steinbruche ausgedehnt , dessen höchst romantische Lage sie anzog , und wo sie niedersitzend eine lange Zeit in den tiefen Grund blickte , der , mit schlanken Edeltannen bewachsen , nur einzelne niedergestürzte Steinmassen blicken ließ und ein kleines Thal bildete , dessen saftig grüner Moosgrund immerfort bespült ward von einem silberhellen Bächlein , das , tief aus den Steinbrüchen sich hervorarbeitend , seinen lustigen Lauf über grün bemooste Steine durch den schmalen Thalweg verfolgte . Längst schon hatte sich Elmerice gewünscht , bis zu ihm niedersteigen zu können , aber vergeblich nach einem Wege ausgesehen ; die pyramidenartig emporsteigenden Tannenwipfel allein , die , schräg herablaufend , nur einen sehr steilen Abhang annehmen ließen , zeigten sich ihren Blicken . Abermals durchspähte sie in allen Richtungen den Waldgrund , als sie sich gegenüber einen Jäger erblickte , der , auf einem jäh vorspringenden Felsblocke sitzend , seine ganze Aufmerksamkeit , wie es schien , ihr zugewendet hatte . Ueberzeugt , einen der vielen Jäger zu erkennen , die ihr bereits bekannt waren , winkte sie ihn zu sich herüber in der Hoffnung , von ihm Aufschluß über einen möglichen Weg zu erhalten . Die Gestalt blieb aber ohne Bewegung sitzen , sie immerfort anstarrend , ihre Winke , wie es außer Zweifel war , gewahrend , ohne Lust , wie es schien , ihnen zu folgen . Miß Eton fühlte plötzlich ein fast unerklärliches Grauen , und schnell von ihrem Platze aufstehend , beschloß sie den Rückweg anzutreten , als sie , von unwillkürlicher Besorgniß getrieben noch ein Mal umsah und nun die plötzlich belebt gewordene Gestalt des Jägers gewahrte , der mit der Schnelligkeit einer Gemse , oben an dem äußersten Rande des Steinbruchs entlang , ihr entgegen lief . Miß Eton mußte gleichfalls , um den Rückweg zu erreichen , einen kaum bemerkbaren Fußsteig an diesem Rande der Höhe zurücklegen - und indem sie hastig vorschritt , in der Hoffnung , dem unheimlichen Waidmanne zu entgehen , sah sie bald die Unmöglichkeit davon ein , da er bereits den Punkt überschritten hatte , wo sie hätte einlenken können , so daß jetzt ein Begegnen auf dem schmalen Pfade unausbleiblich ward . - Diese Ueberzeugung ließ sie einsehen , daß sie ihre Unruhe beherrschen müsse , und sie blieb einen Augenblick stehen , um Athem zu schöpfen . Der Jäger eilte noch einige Schritte vor , dann blieb er ebenfalls stehen und schaute sie , auf sein Gewehr gestützt , vorgebogen aus hohlen Augen an . Miß Eton hatte Zeit , die wunderliche Erscheinung zu prüfen , und mit Grauen drängte sich ihr ein Bild auf , das an Wildheit und Sonderbarkeit alles Andere überbot . Sein todtenbleiches Gesicht war fast überwachsen von dem starken schwarzen Haare , das Kopf , Kinn und Mund bedeckte - die farblosen großen Augen starrten mit einem trüben Wasserglanze hervor und waren so fürchterlich anzuschauen , daß Elmerice davon wie erstarrt ward . Seine starke Gestalt von mittler Größe zeigte noch jetzt in ihrer traurigen Vernachläßigung von ehemaliger Schönheit , und die abgetragene , zum Theil zerrissene Kleidung von früherer Sorgfalt und Wohlhabenheit . - Er hatte einen flachen Hut mit breiter Krempe und einer alten zerbrochenen Feder auf dem Kopfe , woran ein Strauß gemachter Blumen mit Goldblättchen und Perlen hing , überdeckt mit einem halbzerrissenen Streifen schwarzen Flors . - Ohne die Lippen zu öffnen oder eine Bewegung zu machen , schaute er sie grauenhaft neugierig an . Auch Elmerice glaubte das Blut an ihrem Herzen stocken zu fühlen , denn vorüber schien er sie nicht lassen zu wollen ; ja , der Weg war so schmal , daß sie nur , wenn er umkehrte , hinter ihm hergehend , weiter zu kommen hoffen konnte . Eines neuen Gedankens unfähig , ergriff sie der bei seinem ersten Anblicke gefaßte , ihn um Nachricht über den Weg zum Thal hinab zu fragen , und von der Qual des Schweigens getrieben , rief sie mit wankender Stimme : » Wißt Ihr nicht den Weg hinab von dieser Höhe in das Thal ? « Sein Schweigen dauerte fort - er bog sich noch mehr vor und schien , indem er jetzt die Augen zur Erde niederschlug , über das Gehörte nachzudenken . So wie sich seine grauenhaften Augen von ihr abwandten , faßte Miß Eton neuen Muth - » ich frug Euch , guter Freund , « hob sie mit ruhigerer Stimme an - » ob Ihr den Weg in das Thal hinab kennt ? « Jetzt fuhr die Gestalt zusammen , und mit einer konvulsivischen Bewegung in sein Haar greifend , rief er , indem er sie aufs Neue anblickte : » Lebst Du denn , Jenny ? Und sprichst mit mir ? Und das war nicht Dein Geist auf dem Felsensitz ? - Bei diesen Worten schlich er furchtsam vorgebeugt näher und hatte jetzt das Fräulein fast erreicht . Miß Eton fühlte ihre Kniee beben - sie übersah schnell , daß der , welcher diese Worte mit dem sanftesten , schwermüthigsten Tone der Stimme sprach , kein Räuber , aber eben so schrecklich , ein Wahnsinniger sei . « » Ihr irrt Euch , « stammelte sie , den Stamm einer jungen Fichte umfassend , » ich heiße nicht Jenny ! ich gehöre in das Schloß der Gräfin d ' Aubaine , führt mich dahin , oder - ich bitte Euch - haltet meinen Weg nicht auf , die Gräfin erwartet mich . « » Ach , warum sagst Du mir das Alles , was ich ja weiß ! Wohl wird Dich die Gräfin erwarten - aber wo warst Du ? - Du hast sie so lange schon warten lassen , daß sie Dich nicht mehr erwarten wird - aber mich ? mich ? warum hast Du denn auch mich warten lassen ? so lange , so vergeblich ? « Hier verzog ein konvulsivisches Weinen sein zum tiefsten Schmerze ausgeprägtes Angesicht . » Armer Unglücklicher , « sprach Miß Eton , deren Rührung über ihre Angst zu siegen begann - » Du bist wohl recht traurig und leidest wohl großen Schmerz ? Doch kann ich Dir Deinen Kummer nicht lindern , denn ich bin nicht , wofür Du mich hältst - aber ich bitte Dich , da Du unglücklich bist , habe Mitleid mit mir und laß ' mich jetzt ungehindert weiter gehen ! « » Ich Dich gehen lassen ? « rief der Jäger dagegen in wilder Hast , » ich soll Dich aufs Neue verlieren ? « - Eine fürchterliche wilde Angst brach aus seinen Zügen und verwandelte die Todtenbleiche seiner Farbe in Purpurglut . » Niemals ! Niemals ! « rief er mit solcher Heftigkeit , daß Elmerice , die Besinnung verlierend , fast bewußtlos gegen den Abgrund zustürzte . Da fühlte sie sich mit einer Gewalt ergriffen , als ob eine Riesenhand sie umspannte , und sie sah sich nun gänzlich in die Macht des Wahnsinns gegeben . - » Willst Du wieder hinabstürzen , willst Du nicht warten , bis ich Dir den schönen ebenen Weg gezeigt , den ich ja für Dich schon fertig gemacht hatte , ehe Du Dir selbst den steilen , rauhen hier suchtest . Ach , hättest Du noch einen Tag gewartet , so hätte ich ihn Dir gezeigt ! - Sie sagen , « fuhr er fort , ganz zerstreut mit der Hand an seine Stirn fahrend , indem er die zitternde Elmerice aus seinen Armen ließ - » Du seist hinab gestürzt , als Du in der Finsterniß nach Ardoise zurück wolltest , hier unten hätten Deine blutigen Gebeine gelegen - da habe ich sie gesehen - da ! « fuhr er fort und starrte vor sich hin - » ganz in Blut ! Dein Köpfchen geknickt daneben , Deine lieben Arme zerrissen - warst Du das ? « - Er fing still und bitterlich an zu weinen . - » Hätte ich Deinen Wunsch erfüllt und Dich den Tag vor unserer Hochzeit hinab geführt , dann könnte ich doch schlafen , wie Du , aber so , - wer konnte auch denken , Du würdest Wort halten und hinabsteigen ! « Er schien Elmerice ganz vergessen zu haben , die Vergangenheit trat mit allen ihren schmerzenden Bildern ihm nah ' ; Miß Eton raffte aufs Neue ihren Muth zusammen und versuchte zurück zu kehren - da hörte er ihr Gewand rauschen , er blickte um , er sah sie und schrie krampfhaft auf . » Jenny , Jenny , Du willst doch fort ? « rief er , sich ihr nachstürzend ; - » nein , nein , geh ' nicht , ich bitte Dich , geh ' nicht ! oder es geschieht , was die Leute sagen , und ich verliere den Verstand ! « Miß Eton blieb stehen , unfähig zu gehen , aber wohl fühlend , daß jeder Versuch , ihn zu verlassen , ihre Lage bedenklicher machte , rief sie schnell entschlossen : » Nun wohl , ich will Euch nicht verlassen - aber bringt mich selbst nach Ardoise zurück - ich bitte Euch , thut das ! « » Ja ! « sagte er sanft und freundlich , » das will ich gewiß , aber erst muß ich Dir den schönen Waldweg zeigen , den ich für Dich gemacht , und von da aus führe ich Dich durch den Steinbruch einen Weg , den Niemand kennt , nach Ardoise ; dort bei unserer Hütte , in der wir uns immer trafen - weißt Du noch , liebe , liebe Jenny ? O , Du hast doch nichts vergessen ? Denn es ist lange her , wie sie Dich begruben - dazwischen war Winter - da hatten sie mich eingesperrt - nun ist die Zeit unserer Hochzeit wieder da ! und nun kommst Du auch , und bist so schön , so schön ! Du bist wohl noch schöner geworden , weil Du ein Engel geworden bist . « Miß Eton hörte trotz ihrer Angst mit Rührung und Interesse die Klagen des Armen , dessen Schicksal sie aus seinen Andeutungen hinreichend errathen konnte , aber sie wußte ihm nichts mehr zu antworten ; sie zitterte eben so sehr vor seiner Begleitung , als vor dem Zustande , worin ihn ihre Weigerung versetzte . - » Laßt uns ein anderes Mal diesen Weg versuchen , « sprach sie schüchtern , » ich bin heute ermüdet , kann so weit nicht mehr gehen . « » Ermüdet bist Du ? - da müssen wir uns erst ausruhen . O gehe nur wenige Schritte weiter , so will ich Dir einen schönen Moossitz zeigen , wo Du ausruhen kannst , und dann steigen wir hinab - oder ich trage Dich bis dahin . « » Um Gottes Willen , nein ! « rief Miß Eton und eilte , so schnell sie vermochte , voran - sie fühlte , daß ihr nichts übrig blieb , als sich ohne Widerstand in seine Gedanken zu fügen , sie hoffte ihn so sanft zu erhalten - vielleicht traf sie auf dem Wege einen Schutz , vielleicht leitete er sie selbst , in dem Wahne , die Geliebte zu führen , sicher nach Ardoise zurück . » Nein , « rief er und schob sie sanft zurück , » Du mußt mich voran lassen ! ich zeige Dir den Weg . « Dies war in der That nöthig , denn eben bog der Fußsteig , den sie bisher verfolgt , auf eine Art ab , die ihn fast verschwinden ließ . Abermals blieb Miß Eton schaudernd stehen , gewiß , er glaube nur in seinem Wahnsinn an einen hier vorhandenen Weg - aber nur noch wenige Schritte , und sie sah ihren Irrthum ein - eine kleine Wendung zeigte ihr den Moossitz , von dem aus eine mühsam behauene Treppe mit kleinem Holzgeländer nieder stieg . Er bat sie nun , auszuruhen ; geduldig nahm Miß Eton den Sitz ein , und hart zu ihren Füßen setzte sich der Unglückliche auf die Treppe vor ihr nieder . Obgleich die Umstände , unter denen Elmerice hier ausruhen mußte , wenig geeignet waren , einen Antheil an Naturschönheit zuzulassen , mußte sie doch wahrnehmen , wie ausgezeichnet dieser Punkt gewählt war . Die Fichtenwand war hier von Oben nach Unten durchbrochen , und in diesem schmalen schwarzen Vorgrunde schloß sich , wie in einem Rahmen , die blaue Ferne ein , die in dem gebrochenen Lichte der in Nebel gehüllten Abendsonne wie ein unabsehbares Meer ausgebreitet lag , und das Auge nach den kolossalen Steinwänden zurückzog , die , halb mit Moos überwachsen , halb ihre eigenthümliche gelbrothe Farbe zeigend , den Mittelgrund bildeten , während unten das helle Grün des Thales mit dem silbernen Streifen des kleinen Baches herauf leuchtete . - Schweigend starrte der Unglückliche gleichfalls in die Gegend , und wie es schien , wirkte das Außerordentliche dieses Anblicks auf ihn : denn Stille , müde Ruhe verbreitete sich auf seinem Antlitz und schien ihn in ein glückliches Selbstvergessen einzuhüllen . Miß Eton , immer den Gedanken verfolgend , ihn in Güte zu entfernen , und wahrhaft über den Weg in Sorge , den sie vor sich jäh in den Abgrund steigen sah , von dem nahenden Abend doppelt besorgt gemacht , erhob sich wieder und sagte , so ruhig sie vermochte : » Die Treppe ist zu steil für mich - ich will den Weg zurückgehen , den ich gekommen , und bitte Euch , daß Ihr mir folgt . « Der Jäger sprang auf und schien Alles vergessen zu haben , seinen Wahn , seine Hoffnungen . » Laßt mich , « rief er ängstlich , » folgt mir nicht ! Niemand soll diese Treppe betreten , als Jenny - und sie ist todt , längst todt ! und Alles ist umsonst - Alles vergeblich ! Ach , Alles ! Alles ! « Aufs Neue fühlte sich Miß Eton erschüttert von diesem Schmerzenstone , von dem Unglück des armen Wahnsinnigen gerührt - aber die Hoffnung , ihm jetzt vielleicht entschlüpfen zu können , überstieg doch jedes andere Gefühl . Sie eilte daher hinter ihm fort , den eben verlassenen Weg zurück . Der Jäger blieb noch einige Augenblicke in Gedanken stehen - als er , sich plötzlich umwendend , Miß Eton wieder erblickte . » Jenny , theure Jenny ! « rief er , sich ihr nachstürzend - » jetzt , jetzt eile Dich ! Es ist heut ' unser Hochzeittag - Du weißt , wir müssen uns noch putzen , und dann nach Ardoise zur Gräfin gehen . « » Ja , « sagte Miß Eton - » aber ich bitte Euch , laßt uns diesen Weg gehen ! « » Nein ! « rief er mit ausbrechender Heftigkeit - » diesen sollst Du gehen - diesen will ich Dich führen , damit Du nicht wieder Deinen eigenen fürchterlichen Weg gehst , in den Abgrund hinein ! « - Wild umfaßte er das Fräulein und riß sie gegen die Treppe . Ein lauter Schrei entpreßte sich ihrem Munde - bebend , aber mit aller Kraft , die ihr noch blieb , entriß sie sich ihm , und nun überzeugt , nur williges Nachgeben könne sie retten , folgte sie , ihm ihre Hand überlassend , ein Paar Stufen in den Abgrund hinab . Aber was sie befürchtet , bestätigte sich nur zu sehr : nachdem sie wenige Stufen hinunter gegangen , sah sie , daß die Treppe etwas weiter plötzlich aufhörte und sich nur in einem schroffen jähen Abhange mit einzelnen weitliegenden Steinen fortsetzte . » Ihr wollt mich umbringen ! « rief sie angstvoll - » die Treppe hört hier auf ! O , um Gottes Willen erbarmt Euch und laßt mich umkehren - hier muß ich in den Abgrund stürzen - seht , gleich hören die Stufen auf , und dann bin ich verloren ! « » Nein ! « sagte er heftig - » hier ist der Weg , den ich für Dich behauen habe , Keiner hat ihn seitdem betreten dürfen , er muß noch haltbar sein ! Habe ich darum die langen Nächte ihn bewacht und selbst dem Wilde mit dem Laufe dieser Flinte den Weg darüber gehindert , daß Du jetzt ihn verachten willst ? Nein , Du mußt hinab ! Ich werde Dir helfen . « - Er streckte wieder die Arme aus - Elmerice stieß abermals einen Angstschrei aus und drängte sich jetzt selbst in verzweifelter Hast einige Stufen herunter - doch jetzt hatte sie nur noch vier Stufen vor sich , jede wankte unter ihrem Fuße , und sie sah mit Entsetzen , wie er diese Schwierigkeit nicht bemerkte , nicht ahnete . - Sie blieb stehen und ihr Auge schweifte verzweifelnd umher . Da war es ihr , als sähe sie seitwärts , höher als sie selbst eben stand , eine männliche Gestalt gegen das Gebüsch sich bewegen . Augenblicklich lebte die Hoffnung in ihr auf - mit allem Muthe , den sie noch in sich trug , riß sie sich los , lief die Treppe zurück und rief mit größter Anstrengung nach Hülfe , während ihr Auge an der Steinwand hängen blieb , an der sich ihrem Rufe entgegen die Gestalt zu bewegen anfing und den Weg zu suchen schien , der hinüber führen könnte . Aber in demselben Augenblicke brach , durch den erfahrnen Widerstand gereizt , die volle Wuth des Wahnsinnigen hervor - er stürmte ihr nach , Verwünschungen brachen aus seinem Munde , er ergriff sie und versuchte sie die Treppe aufs Neue hinab zu ziehen , weil Miß Eton halb ohnmächtig vor Schreck sie nicht mehr zu steigen vermochte . Da hörte sie einen Schuß , einen wilden Schrei ihres Verfolgers , und fühlte , wie seine Arme nachließen und er , zur Erde sinkend , sie niederzog - noch ein Mal richtete sie sich mit der geringen Kraft , die ihr nach so vielen Erschütterungen geblieben war , empor und wehrte sich gegen das drohende Hinabstürzen , indem sie krampfhaft das kleine Geländer der Treppe ergriff . So mußte sie sich erhalten , bis sie einige Besinnung gesammelt . Ihre Lage hatte sich nur wenig gebessert - zu ihren Füßen war der Unglückliche niedergesunken , der , mit Blut bedeckt , zwar die Kraft verloren hatte , sich mit ihr in den Abgrund zu stürzen , aber , auf ihren Füßen liegend , ihren Shawl krampfhaft zwischen seiner zusammengeballten Hand haltend , in den unruhigsten Bewegungen , mit dem Bestreben , sich aufzurichten , jeden Augenblick das schwankende , zitternde Fräulein in den Abgrund zu reißen vermochte . Der Schuß , der als schnell nöthiges Rettungsmittel von ihrem unbekannten und jetzt ganz verschwundenen Wohlthäter abgefeuert ward , das niederströmende Blut , von dem sie ihr weißes Gewand bald gefärbt sah , die entsetzliche Vorstellung , vielleicht den Tod dieses Unglücklichen veranlaßt zu haben , dies Alles machte ihr eine nöthige Fassung , um die Umstände zu ihrer Flucht zu benutzen , fast unmöglich . Entzog sie ihren Shawl seiner Hand oder wickelte sie sich selbst davon los , so verlor er seinen einzigen Anhalt und mußte ohne Rettung in den Abgrund stürzen , da sie ihm , wenn auch nur schwach , doch als Stützpunkt diente . Es war ihr unmöglich , eine andere Auskunft zu entdecken - und eben so unmöglich , ihre Rettung um solchen Preis zu bewirken . Da hörte sie ein fernes Anrufen - bald wieder , und näher schon - sie faßte Hoffnung , es konnte Hülfe nahen - sie rief zurück und erhielt eine schnelle Antwort , obwohl die Bewegungen ihres Peinigers durch dieses Rufen noch heftiger wurden , und ihre Lage mit jedem Augenblicke gefahrvoller . Jetzt glaubte sie das Gebüsch durchbrechen zu hören , und plötzlich stand eine hohe Männergestalt am Rande der Treppe , die , ihre entsetzliche Lage schnell übersehend , rasch und geschickt hinabstieg , und in demselben Augenblicke neben dem Fräulein stehend , auch den Arm des Unglücklichen ergriffen hatte und , indem er ihn empor riß , dem Fräulein Freiheit gab , sich zu bewegen . So wie sie die Last von ihren Füßen gehoben fühlte , versuchte sie die Stufen hinan zu steigen , aber ihre Kräfte ließen mit jedem Schritte mehr nach , und auf der obersten angelangt , sank sie willenlos auf den Boden nieder . Der Fremde hatte indessen den Verwundeten erfaßt und schleppte ihn sich nach , bei dem Anblicke des Fräuleins ihn auf sicheren Boden niederlegend und zu ihrer Hülfe herbeieilend . - Er hob sie vom Boden empor und lehnte sich in den Steinsitz , indem er ihr den Hut abnahm , um ihr Luft zu verschaffen . Das Fräulein schlug die Augen auf - Beide blickten sich an und fuhren mit dem lebhaftesten Ausdrucke der Ueberraschung zurück . » Um Gottes Willen - Fräulein Eton ! « rief der Fremde - » in welcher Lage finde ich Euch ! welch ' ein entsetzlicher Augenblick macht mich so glücklich , Euch nützlich sein zu können ! « Das Fräulein stand auf - die Gemüthsbewegung , die ihr der Anblick des Fremden sichtlich in anderer Richtung gegeben , schien ihre geschwächte Kraft zurück zu rufen . - » Ich bin Euch großen Dank schuldig , « sagte sie hastig - » erlaubt , daß ich jetzt die mir wohlbekannten Wege durch diesen Wald nach Ardoise eile , diesem Unglücklichen von dort aus Hülfe zu senden . « » Das heißt so viel , « entgegnete der Fremde mit vorwurfsvollem Ton , » ich eile , mich Eurem Schutze , Eurer Hülfe so schnell , als möglich , zu entziehen . - Ja , Elmerice , ich ahnete , daß Ihr hier sein würdet - und der Freund , der , von seinem sehnsüchtigen Herzen getrieben , den Weg bis hieher fand , verdient er kein anderes Willkommen , als den Wunsch , seiner wieder los zu werden ? « » Ich habe nicht das Recht , Euch aufmerksam zu machen , ob Ihr diesen Weg finden durftet - Ihr werdet eben so wenig vergessen , was Ihr Euch schuldig seid , als es mir nicht entfiel , was mir zusteht . - Seid jedoch sicher , « setzte sie mit bebender Stimme hinzu , » ich werde es ewig dankbar bewahren , was ich Euch in dieser Stunde schuldig ward , mögen Eure übrigen Handlungen so bleiben , daß ich Euch dieses Gefühl ohne Beimischung erhalten kann . « » O , Elmerice , « rief hier der Fremde mit dem tiefsten Ausdrucke zärtlichen Schmerzes - » seid Ihr wirklich so hart , als Eure Worte ? In das dürre Gebiet der Dankbarkeit verweist Ihr jedes Gefühl für mich , und auch dies stellt Ihr noch unter Bedingungen , die den Zweck haben , von mir das Einzige zu fordern , wogegen sich mein Herz mit allen seinen Kräften auflehnt ! Denkt Ihr , es gäbe eine Gewalt , gegen die ausreichend , die aus einem wahrhaft liebenden Herzen dringt ? O , Elmerice , wie wenig müßt Ihr die Gefühle kennen , von denen mein Herz durchdrungen ist , eine Rettung , eine Auskunft in der Trennung zu hoffen ! Sie ist es , die uns lehrt , welchen Werth das übrige Leben behält , wenn uns das geraubt wird , wodurch wir erst zur Fähigkeit gelangten , es zu lieben . « » Haltet ein ; « rief Miß Eton , mit neuem Versuche , den Rückweg anzutreten - » vergeßt Euch nicht selbst ! - vergeßt nicht , was Ihr mir schuldig seid , und wie wenig diese Sprache für uns gehört , ja , wie beleidigend ich sie finden müßte , wüßte ich nicht , daß Ihr dies nicht beabsichtigt . Aber laßt meine einfache dringende Bitte etwas gelten und schont meine Ruhe , indem Ihr zurückkehrt und Euch an den Gedanken zu gewöhnen sucht , daß ich Euch nur eine entfernt bleibende Freundin sein kann ! Ich bitte Euch , « unterbrach sie ihn zitternd , als er ihr antworten wollte - » haltet mich jetzt nicht länger auf - wir dürfen den Unglücklichen nicht vergessen , der dort unserer Hülfe benöthigt ist - ich selbst , « fuhr sie fort , » bedarf der Ruhe , und meine Kleidung , die mit seinem Blute gefärbt ist , erfüllt mich mit Schauder . « Dies entschied bei dem Fremden , der augenblicklich zurück trat ; und Miß Eton eilte nun einige Schritte auf dem Fußpfade vor , der sie , an einem kleinen Vorsprunge vorüber , auf eine gesicherte Stelle führte . » Lebt denn wohl ! « sagte hinter ihr eine zitternde Stimme - Miß Eton blickte schüchtern um und gewahrte , wie der Fremde ihr noch einige Schritte gefolgt , jetzt an einen Baum gelehnt , ihr nachblickte - sein Angesicht war todtenblaß , und der linke Arm hing wunderbar schlaff an ihm nieder . - Einen Augenblick schien das Fräulein den schmerzlichsten Kampf zu kämpfen , dann eilte sie , zurückgrüßend , so schnell es ihre Kräfte zuließen , den Weg nach Ardoise zurück . Am Eingange des Waldes stieß sie auf die Leute der Gräfin d ' Aubaine , welche diese , über ihr langes Ausbleiben höchlichst beunruhigt , ihr entgegen geschickt hatte . Der Anblick des Fräuleins , ihre in Blut getränkten Kleider , ihr blasses , erschöpftes Ansehn , erfüllte Alle mit Schrecken . In wenigen Worten erläuterte sie Ihnen das Vorgefallene , und jede Hülfe von sich ablehnend , bat sie vor Allem , zu dem Unglücklichen zu eilen , den sie nur mit dem tiefsten Entsetzen sterbend zu denken vermochte . Sie selbst eilte , sich so unbemerkt , als möglich , nach dem Schlosse zu schleichen , um durch ihren Anblick die gütige Freundin nicht zu erschrecken . Umgekleidet eilte sie alsdann zur Gräfin d ' Aubaine , durch ihren Anblick die Mittheilungen zu mildern , die so viel Erschreckendes hatten . » Aber , mein theures Kind , « fuhr die Gräfin fort , nachdem sie an ihre Freude über die glückliche Rettung ihres Lieblings manchen zärtlichen Vorwurf über die dreisten Wanderungen angeknüpft - » wären wir doch nur so glücklich , den Fremden wieder zu finden , der uns einen so unschätzbaren Dienst leistete ! Du kanntest ihn also nicht ? « fuhr sie fort , als das Fräulein schwieg - » aber vielleicht gehört er doch zu meinen Nachbarn , und wir können ihn ausforschen und unsere Dankbarkeit ihm bezeigen . « » Ich glaube nicht « - sagte das Fräulein rasch und unruhig - » es war gewiß ein Fremder - ja , ich erinnere mich genau , daß es ein Fremder war - er wird abgereist sein - wir werden ihn nicht auffinden . « » Sagte er Dir dies ? « fragte die Gräfin , das Gespannte und Aengstliche in diesen Worten fühlend . » Ich glaube , ja ! « - seufzte Miß Eton , » aber ich weiß es nicht genau zu sagen . « » Ich aber , « sagte die Gräfin und erhob sich lächelnd - » weiß sehr genau , daß mein liebes Kind mich sogleich verlassen wird , und ihren Gehorsam mir zeigen , indem es sich niederlegt und so viel Schrecknisse durch Ruhe auszugleichen sucht . « Miß Eton zeigte sehr gern den verlangten Gehorsam , und eilte , die Ruhe ihres Lagers zu suchen , wenn wir uns auch nicht dafür verbürgen wollen , daß sie dieselbe , nach so vielen Erschütterungen ihrer Seele , fand . - Die Gräfin d ' Aubaine empfing Miß Eton am andern Morgen , als die Frühstücksstunde die beiden Damen wieder zusammenführte , mit der Nachricht , daß sie gestern Briefe von ihrer Nichte , der Marquise d ' Anville , aus Paris empfangen habe , welche deren Besuch ihr angemeldet , und äußerte ihre Freude , diese liebenswürdige Nichte mit Miß Eton bekannt machen zu können , da sie über das Wohlgefallen Beider an