allen gemeinschaftlich ertheilt . In freien Stunden suchte die kleine Helena , soviel dieses anging , den beiden Knaben fortwährend zur Seite zu bleiben , und das immer frohe , freundliche Kind wurde auch von ihnen als ein lieber willkommner Spielkamerad betrachtet , dem sie , weil er jünger und schwächer war , manches nachsahen und alles zu Gefallen thaten . Richard , als der älteste und stärkste , bestrebte sich besonders , Helenen überall zu vertreten und sie ritterlich in seinen Schutz zu nehmen , wenn Gefahr oder Unbill ihr drohten . Lebte der gute August Lafontaine noch , und wären seine , fast in der Wiege aufflammenden , jetzt schon halb vergeßnen Kinderlieben noch Mode , welchen Stoff zu den rührendsten und naivesten Liebesscenen hätten die kleine russische Prinzessin und der englische Strumpfwebersbube ihm geboten ! Was könnte romantischer erdacht werden , um ihn zum Ausspinnen einer höchst zart empfundenen Novelle zu verleiten . Doch Richard und Helene waren , die Wahrheit zu gestehen , zu gesunde , zu unverschrobene , zu wahrhaft kindliche , mitunter auch , selbst als sie schon ziemlich herangewachsen waren , zu kindische Kinder , als daß so etwas bei ihnen nur denkbar gewesen wäre ; sie nannten einander Bruder und Schwester , und liebten sich als solche recht ehrlich und offenbar . So vergingen mehrere Jahre ; Richard blieb , was er vom ersten Tage seines Eintritts in dieses Haus gewesen , der Liebling Aller , vom fürstlichen Ehepaar an bis zum Ofenheizer herab ; vor allem aber Eugens innigster unzertrennlichster Freund . Wer beide , ohne sie genauer zu kennen , zusammen sah , mußte für Brüder sie halten ; sie selbst hatten gänzlich vergessen , daß nur Wahlverwandtschaft , nicht Bande des Blutes sie verbänden . Alles hatten sie mit einander gemein , die Liebe der Eltern , die Vortheile welche Reichthum , Stand und Geburt , den Söhnen des Glückes gewähren ; jeden Unterricht , nicht nur im Gebiete der Kunst und Wissenschaft , auch in ritterlichen Übungen , und in Allem was Jünglinge aus den höhern Ständen bedürfen können , um sowohl in den bedeutendsten Stellungen des öffentlichen Lebens , als auf dem glatten Parkette der Salons , mit Anstand und Sicherheit aufzutreten . Daß der arme Richard durch alles dieses viel zu hoch über die bescheidne Sphäre erhoben werde , welche sein Geschick beim Eintritt in das Leben ihm angewiesen hatte , daran dachte Keiner , am wenigsten er selbst ; sogar das Fürstenpaar schien die zwischen dem in Dunkelheit gebornen Fremdling , und den Sprößlingen seines erlauchten Hauses bestehende Scheidelinie , ganz aus den Augen verloren zu haben . Die Fürstin wünschte ihre Kinder , besonders ihre Töchter , das ächte Frühlingsleben der Jugend so lange als möglich genießen zu lassen ; sie führte sie daher später , als sonst wohl geschieht , in die Gesellschaft der großen Welt ein ; versagte ihnen aber , als sie heranwuchsen , keine ihrem Alter angemessne Freude . Sogenannte Kinderbälle , musikalische Übungen , Spazierfahrten im Sommer , Schlittenpartieen an leidlichen Wintertagen , gewährten ihnen Abwechselung und Vergnügen im Überfluß ; sogar ein kleines Theater wurde ihnen im Palast errichtet , auf welchem , anfangs an Geburtstagen und bei ähnlichen festlichen Gelegenheiten , kleine dramatische Vorstellungen von ihnen gegeben wurden , die sich zuletzt zu einem förmlichen Liebhabertheater gestalteten . Alles dieses bot Gelegenheit zu mannigfaltigen Verbindungen mit andern jungen Leuten ihres Standes und Alters . Ganz unbefangen nahm Richard an allen Festen und Vergnügungen thätigen Antheil , und spielte dabei , durch seine persönlichen Vorzüge dazu berechtigt , keinesweges eine untergeordnete , sondern vielmehr eine sehr ausgezeichnete Rolle . Eltern und Heimath wurden über das alles völlig vergessen ; darf man ihn deshalb verdammen ? Doch mitten in diesem Freudentaumel wurde er ganz unerwartet an beide erinnert , und zwar , sonderbarer Weise , von der Fürstin Eudoxia selbst . Die Fürstin liebte es , in müßigen Stunden sich von ihrem Pflegesohne die neuesten Erzeugnisse der französischen Literatur in ihrem Kabinette vorlesen zu lassen , welche aber damals , gegen den romantisch wilden Schwung , den sie in unsern Tagen gewonnen haben , noch ziemlich nüchtern sich ausnahmen . Das neueste Werk des damals noch sehr bewunderten Herrn von Arlincourt war , zu Richards großer Freude , eines Tages beendet , und er , innerlich noch gähnend , eben im Begriff das Buch an seinen Platz zu bringen , als die heute besonders gütig gestimmte Fürstin plötzlich auf den , ihr nie zuvor gekommenen Einfall gerieth , nach seiner Familie sich zu erkundigen . Sie fragte ihn , wie alt seine Mutter sei , wollte die Anzahl seiner Geschwister , Namen und Alter eines jeden derselben von ihm erfahren , lauter Fragen , die Richard nicht zu beantworten im Stande war , und die ihn beängstigten und verwirrten , weil er , nach langem Besinnen , doch nichts fand , was er darauf erwiedern könne . Durch eine schnell ersonnene Antwort rasch aus der Verlegenheit sich zu ziehen , war seinem redlichen Sinne nicht möglich , und doch war ihm nicht unbekannt , mit welcher Innigkeit alle Russen , vom Höchsten bis zum Geringsten , an den Ihrigen hangen , und mit welcher religiösen Pietät sie besonders ihre Eltern und das Andenken derselben ehrfurchtsvoll hochhalten . In diesem Augenblicke erschien das gänzliche Vergessen der Seinigen ihm beinahe wie ein Verbrechen . Ich wurde so jung von den Meinigen getrennt - ich erhalte so selten Nachricht von ihnen , stotterte er endlich , erglühend im ganzen Gesicht ; Thränen traten ihm in die Augen , als er bemerkte , daß der Fürstin seine Verlegenheit nicht entging . Doch sie mochte dieselbe anders sich deuten , als er in seiner tiefen Beschämung es fürchtete ; vermuthlich weil der wahre Grund derselben ihr undenkbar war ; denn sie sah mitleidig lächelnd ihn an . Guter Sohn , sprach sie , freilich liegen mehr als zehn lange Jahre , und Meere und Länder zwischen Dir und den Deinen . Aber was Du dort verlorest , hast Du hier wiedergefunden , und sollst es nie wieder verlieren . Tief bewegt küßte Richard die ihm gebotene schöne Hand . Ich bin Willens Dir und den Deinen eine kleine Freude zu bereiten , fuhr die gütige Frau fort , Du sollst Deine Mutter und auch Deine Schwestern beschenken . Ein armenischer Kaufmann war heute Morgen bei mir , unter dessen Waarenvorrathe ich allerlei Kleinigkeiten auswählte , die einer englischen Lady vielleicht gefallen können , weil sie in ihrem Lande etwas Seltenes sind . Schwer beladen mit wirklich fürstlichen Geschenken mannigfaltiger Art , eilte Richard von der Fürstin in sein Zimmer . Seine Freude war gränzenlos ; wer ihm in den Weg kam , wurde um Rath und Hülfe angegangen , wie das alles auf das sicherste und sorgfältigste einzupacken wäre . Er gönnte weder sich noch andern Ruhe , bis er seine Kostbarkeiten zur weitern Beförderung auf dem Wege nach Petersburg wußte , und sah hernach täglich nach der Windfahne , bis er Nachricht von der glücklichen Ankunft seiner Sendung aus England erhielt . Seit Nottingham steht , hat wohl kein außerpolitisches Ereigniß in dem Städtchen mehr Lärm gemacht , größeres Aufsehen erregt , als die Ankunft von Richards Sendung . Alle Bekannten , ja die halbe Stadt strömte herbei , Mißtreß Wood zu besuchen , und die nordischen Schätze zu bewundern , deren Gleichen dort nie gesehen worden waren . Die Dose von ächtem sibirischen Malachit , deren Werth Master Wood fast unermeßlich taxirte , die in Gold gefaßten türkischen Pastillen und mit wunderlichen Schriftzügen bedeckten Amulette , die blinkenden Fläschchen mit Rosenöl , die reichen Stoffe , die trefflich gearbeiteten Erzeugnisse russischer Fabriken in Stahl , Krystall und vor allem in Saffian , erregten die höchste , mit etwas Neid untermischte Bewunderung ; der zu mannigfaltigem Schmucke gefaßten farbigen Edelsteine nicht einmal zu gedenken ; und wenn Mißtreß Wood in ihren ächt türkischen Kaschmir-Shawl gewickelt durch die Straßen stolzierte , füllten sich alle Fenster mit ihr nachschauenden Gesichtern . Sogar die Straßenbuben ließen Ball- und Reifenspiel im Stich , und zogen bewundernd ihr nach . Richard hatte abermals von England und seinen Eltern seit längerer Zeit keine Nachricht erhalten ; der dorthin abgesandten Geschenke wurde nicht weiter gedacht , und er fing eben wieder an , sich in Hinsicht auf seine Familie seiner gewohnten Gleichgültigkeit hinzugeben , als ein von dorther an ihn abgesandtes Kästchen , nebst dem Auftrage , im Namen seines Vaters , als schwachen Beweis von dessen Dankbarkeit , es der Fürstin zu überreichen , ihn sehr angenehm überraschte . Freudig eilte er es ihr selbst hinzutragen ; es fand freundliche Aufnahme , und wurde sogleich geöffnet , um den Inhalt desselben zu untersuchen . Strümpfe kamen zum Vorschein , nichts als baumwollne Strümpfe , viele , viele Dutzende , für die Fürstin selbst , und für die Prinzessinnen ; aber was für Strümpfe ! Strümpfe wie die Welt sie nie gesehen . Wie aus Sommerfäden , von Elfenhänden gewoben , durchsichtigklar , wie der feinste Spitzengrund , an Muster und Gewebe den kostbarsten Brabanter Kanten zu vergleichen . Eigne Maschinerien hatten zu ihrer Verfertigung erfunden werden müssen ; mit unendlichen Weitläufigkeiten und großem Aufwande hatte Master Wood die geschicktesten Arbeiter in diesem Fache aus ganz England herbeigezogen , um mit ihrer Hülfe ein Meisterwerk hervorzubringen , dessen Ausführung in den Annalen des englischen Manufakturwesens seinen Namen verewigen wird . Das Erstaunen , welches diese Sendung im fürstlichen Palaste zu Moskau erregte , war dem , in welches die gute Stadt Nottingham über die russischen Geschenke gerathen war , zu vergleichen . Die Prinzessinnen , ihre Gouvernanten , die Amme Elisabeth , sogar die Kammerfrauen , wurden auf der Fürstin Geheiß herbei gerufen , um bewundern zu helfen . Des Lobens , des Außersichkommens über die unbegreifliche Feinheit , über die geschmackvolle Arbeit der Strümpfe , war kein Ende , bis der Fürst Andreas selbst zufälliger Weise in das Zimmer trat . Auch er würdigte den Gegenstand allgemeiner Bewunderung seiner Aufmerksamkeit , und ließ über die hohe Vollendung , zu welcher Fleiß und Industrie die englischen Fabrikate hinaufgetrieben haben , sich weitläuftig aus . Dieses brachte ihn auf seine Lieblings-Idee , auf die Möglichkeit , auch in Rußland durch gehörige Leitung und Unterstützung der arbeitenden Volksklasse ähnliches zu erreichen . Warum wäre es nicht möglich , einen geschickten Arbeiter aus dieser Fabrik nach Rußland zu ziehen ? rief er im Verfolg seiner Gedanken ; Richard , sind die Namen des Orts , wo diese Strümpfe gemacht werden , und des Fabrikanten Dir bekannt ? Richard war eben beschäftigt , Helenas Stickrahmen aufzuspannen : Mein Vater hat sie gemacht : war seine nachlässig hingeworfene Antwort . Die Fürstin erschrak und wurde bald bleich , bald roth . Dein Vater ? rief sie : Richard das hoffe ich nicht . Ist Dein Vater ? - macht Dein Vater ? - ist Dein Vater denn ein Strumpfwirker ? stotterte sie sehr verlegen . Richard war noch immer neben Helenen mit dem Stickrahmen eifrig beschäftigt . Ich meine ja : erwiederte er gedankenlos : ich kann mich dessen zwar kaum noch erinnern , aber gewiß muß es so sein . Denn es wurden in unserm Hause immer viel Strümpfe gemacht , soviel weiß ich ganz deutlich : setzte er sich bestimmend hinzu . Eudoxia verstummte , sah aber mit einem ganz unbeschreiblichen Blicke ihn an , den Richard indessen nicht bemerkte , denn er mußte jetzt Helenen beim Durchzeichnen ihres Musters helfen . Bald darauf entfernte er sich mit den Übrigen . Helene nahm mit ihrer Arbeit hinter den tief herabhängenden Draperien eines Fensters ihren gewohnten Platz ein . Wahrscheinlich ohne ihrer gewahr zu werden , blieben der Fürst und seine Gemahlin übrigens mit einander allein . Nun ? fragte Fürst Andreas , nachdem er einige Augenblicke mit untergeschlagenen Armen vor seiner schmollenden , ihm keinen Blick gönnenden Gemahlin gestanden : nun ? was zieht diese sonst immer so glatte Stirne in so krause Falten ? was hat es denn gegeben , das Euer Gnaden verdrießt ? Ach Andreas Andreas ! seufzte sie : das hättest Du an mir nicht thun sollen ! hättest Du Richards niedre Herkunft mir nicht verhehlt , wie hätte ich jemals ! - nein dergleichen thut nie gut ; Du weißt ich behaupte , es geht wider die Natur . Seltsames Geschlecht ! den will ich sehen der Dir alles recht machen kann ! rief herzlich lachend der Fürst . Gute Eudoxia , hast Du denn jemals um Richards Herkommen mich befragt ? hast Du wirklich gemeint , ein englischer Herzog oder Lord würde uns seinen Sohn für unsre Kinder herschicken ? So albern bin ich nicht , daß ich einen jungen Lord zum Gesellschafter für unsre Kinder fordern sollte : erwiederte sie , ziemlich gereizt ; aber ein Handwerksbursch ? - der Abstand ist zu ungeheuer ! ich wollte ich hätte den unglücklichen Richard nie gesehen ! ich möchte über ihn weinen . Helena , in ihrer Fensterecke mit ihrer Stickerei beschäftigt , hatte bis dahin auf das Gespräch ihrer Eltern nicht sonderlich geachtet . Jetzt ward sie aufmerksam ; die Nadel entfiel ihrer Hand ; sie hob sie nicht wieder auf , sondern näherte sich vorsichtig dem sie verdeckenden Vorhange , der von dem hohen Fensterbogen herabschwebte . Aber gute theure Eudoxia , wie kannst Du mit so barmherzigen Gesinnungen Dich quälen wollen , die hier gar nicht am rechten Orte angebracht sind ! erwiederte der Fürst , und faßte liebkosend seiner Gemahlin nur schwach widerstrebende Hand . Wie würde Richard über Dein unverdientes Mitleid sich verwundern , dessen Veranlassung ihm ganz unerklärlich scheinen müßte ! Er ist ja nichts weniger als unglücklich oder bedauernswerth , fuhr der Fürst fort ; zwar ist er kein Prinz , aber eben so wenig ein Handwerksbursche zu nennen . Richards Vater ist ein Mitglied jener höchst achtungswerthen Klasse von Bürgern , welcher Großbritannien seinen Reichthum und dadurch seine Größe verdankt . So viel ich durch Herrn Groß erfahren , ist er Besitzer einer Fabrik in einem englischen Mittelstädtchen ; hat viele Kinder , bei nicht sehr bedeutendem Vermögen ; und entschloß sich deshalb , einen seiner jüngern Söhne im Auslande zu versorgen . Was liegt denn darin so Entsetzliches ? Gewiß wird er noch obendrein in kurzer Zeit sehr reich werden , wenn er es nicht schon geworden ist . Denn diese Probe seiner Fabrikate ist ein Beweis , daß er durch Erfindungsgeist und Industrie sich vor vielen andern auszeichnet , und sich auf dem rechten Wege befindet , sein Glück zu machen . Was liegt daran ? klagte Eudoxia ; und wenn er Millionen erwürbe , das ändert nichts . Die Geburt entscheidet ; ein geborner Leibeigner bleibt es ewig . Aber es giebt keine Leibeigenen in jenem Lande , wo selbst der an der Küste von Guinea für baares Geld erkaufte Neger ein Freier wird , sobald er den Fuß auf englischen Boden setzt : erwiederte etwas ungeduldig der Fürst . Das alles habe auch ich in Büchern gelesen , antwortete Eudoxia im nämlichen Tone ; aber wenn dem auch so ist - wenn das gemeine Volk , Arbeitsleute , Diener , Handwerker , und jene Manufakturisten , die sich nur dadurch von diesen letzteren unterscheiden , daß sie das Handwerk mehr ins Große treiben , wenn das alles auch dort nicht leibeigen genannt wird , es gehört doch zu einer Klasse - genug , es ist ebenso von uns verschieden , als das armselige Haidekraut von der Rose , die doch auch alle beide zum Pflanzenreiche gezählt werden . Deine Klagen werden wirklich poetisch : rief der Fürst gutmüthig spottend . Wie bedauernswürdig ist der arme Richard ! fuhr Eudoxia fort ; warum mußte er von der Natur für ein weit höheres Loos ausgestattet werden , als das ist , wozu sie ihn bestimmte ! Ich meinte er sei wenigstens der Sohn eines Kaufmanns , wie Herr Groß in Petersburg und Andre , die zuweilen Zutritt zu uns haben , weil sie gewissermaßen den Übergang zu den niedrigen Volksklassen bilden , zu denen sie nur halb gezählt werden können . Ich habe gehört , daß der jüngere Bruder eines Lords sich in England oft dem Kaufmannsstande widmen muß , weil nur der älteste Erbe der Familiengüter und des mit diesen verbundenen Adels werden kann . Ich habe das oft gehört und gelesen , und konnte , nach Richards vortheilhaftem Äußern zu urtheilen , nur denken , daß er Abkömmling eines solchen edeln Stammes sei ; und nun muß ich heute erfahren , daß er im niedrigsten Stande , aus unedlem Blute - - Halt , halt , rief lachend der Fürst : machst Du doch aus lauter Liebe und reinem Mitleid den armen Jungen vollends zum Paria . Dann setzte er zu ihr sich hin , und gab , ernster werdend , sich alle ersinnliche Mühe , ihre Ideen über diesen Punkt zu berichtigen . Seine Reden und Gründe glitten an dem unbeugsamen Glauben der Fürstin ganz wirkungslos ab ; desto größern Eindruck aber machten sie auf Helenen , die bis dahin mit gespannter Aufmerksamkeit dem Gespräche ihrer Eltern zugehört hatte . Sie fing schon an sich mit ihrer Mutter über Richards , ihr freilich ganz unverständliches Unglück , recht von Herzen zu betrüben , und die Thränen traten ihr darüber in die Augen ; aber die Worte ihres Vaters , dem sie gewöhnt war unbedingt zu vertrauen , ermuthigten und trösteten sie wieder . Sie kehrte leichteren Herzens zu ihrem Stickrahmen zurück , als das Gespräch Familienangelegenheiten sich zuwandte , die sie wenig interessirten ; doch als sie im Verlaufe desselben ihren eignen Namen nennen hörte , mußte sie wider Willen abermals darauf achten . Wahr ist es , hörte sie die Mutter sagen , Helenen kann man beinahe ganz erwachsen nennen ; das ist so gekommen , ohne daß ich es recht gewahr worden bin . Die Jahre vergehen so unbemerkt und schnell , die Veränderungen , die sie mit sich bringen , treten so leise , so allmälig ein , daß man nur zufällig , zu eigner großer Überraschung sie entdeckt , als wären sie durch ein Wunder im nämlichen Augenblicke erst entstanden . Die liebe kleine Helena ! wenn wir kommenden Winter die Verlobung ihrer Schwester mit dem Fürsten Konstantin feiern , werde ich es schwerlich vermeiden können , auch sie in die Welt zu führen , und doch hätte ich es gern , wenigstens noch um ein Jahr verschoben . Ich möchte die frohe Jugendzeit ihr noch lange erhalten ; sie lebt jetzt ihre glücklichsten Tage ; diese vergehen schnell und kehren nie wieder . Wohl wahr , erwiederte der Fürst , doch diese Tage , so schön sie auch sein mögen , müssen , wie jeder andre Tag im Leben , endlich andern Tagen weichen . Helena wird sich endlich doch bequemen müssen , auch scheinen zu wollen was sie ist , ein erwachsenes Mädchen . Mich dünkt es wäre endlich Zeit , daß sie die Spielkameraden ihrem Bruder überließe , und sich mit Gespielinnen begnügte . Mag diese Veränderung ihrer Lebensweise immer einige Monate früher eintreten , ehe sie nothwendig wird , damit sie sich daran gewöhnt , ehe sie den Fesseln sich beugen muß , welche Konvenienz , Geschlecht und Stand , ihr wie jedem jungen Mädchen ihres Alters anlegen . Ich muß Dir gestehen , Eudoxia , ich habe in der letzten Zeit , nicht ohne stille Besorgniß , sie so ganz unbefangen und zwanglos mit Eugens Freunden umgehen sehen ; wie leicht könnte sich da etwas anspinnen , das uns , wenn Helena älter wird , der bösen Tage genug machen würde . Wo waren meine Sinne ! auch daran habe ich nicht gedacht ! rief die Fürstin sehr lebhaft . Du hast Recht , vollkommen Recht . Die große wöchentliche Tanzstunde , der musikalische Verein , müssen sobald als möglich abbestellt werden ; da ist der , und der , und der , - sie nannte die Namen mehrerer jungen Leute , Söhne vornehmer und angesehener Familien , welche täglich ihr Haus und ihre Kinder besuchten , - es sind Eugens Jugendfreunde , - und mögen sie es immer bleiben , setzte sie hinzu , aber für unsre Tochter - - nun ich hoffe es ist noch nicht zu spät . Das hoffe ich auch , sprach lächelnd der Fürst . Eudoxia , fuhr er nach einer kleinen Pause ernster werdend fort , Du zweifelst nicht an meinem festen Vertrauen ; Du weißt es , ich kenne Dein Gemüth , Deinen klaren Verstand , den nur hier und dort kleine unschädliche , Dir mit der Muttermilch eingeflöste Vorurtheile zuweilen umdunkeln ; ich ehre Dein schönes Talent , mit sanfter Hand alles zum Besten zu leiten , ohne durch die Güte Deines Herzens Dich von Deinem Zwecke abführen zu lassen . In allem was unsre Töchter betrifft laß ich Dir freie Hand , denn die Ehre wie der Vortheil unsres Hauses liegen Dir nicht minder am Herzen als mir . Nur suche nie unsern Eugen von den Freunden zu entfernen , mit denen schon die Spiele seiner Kindheit ihn verbanden , das Einzige erbitte ich von Dir . Was ist in späteren Tagen dem Manne von höherem Werthe , als ein treuer Jugendfreund ! in Noth und Tod , in Sturm und Gewitter , beut er ihm eine sichre Zuflucht , oder geht Arm in Arm mit ihm zu Grunde . Ach ! und es werden Tage kommen , schwere heiße Kämpfe , wo es wohl Noth thun wird fest an einander zu halten ! setzte er sehr bewegt , halb leise hinzu . Die Fürstin war in diesem Augenblicke mit ihren eignen Ideen zu beschäftigt , um diese Andeutungen so zu beachten , als sie es zu andrer Zeit gethan haben würde . In Hinsicht auf Eugen hast Du vollkommen Recht , erwiederte sie , aber unsre Töchter dürfen solche Konnexionen nicht bilden . Sie können ihrem Geschick nicht vorgreifen , sie müssen geduldig abwarten , was Gott und ihre Eltern über ihre Zukunft beschließen . Übrigens will ich noch heute über die ihrem Alter angemessenen Beschäftigungen unsrer jüngsten Tochter , und über die nothwendige Beschränkung ihrer Gesellschaft mit Madame Sommerfeldt mich berathen ; Helenas Gouvernante ist eine verständige welterfahrne Frau ; sie wird auf meine Ansichten eingehen , und alles dem gemäß anzuordnen wissen . Und Richard ? muß auch er aus Helenas Nähe verbannt werden ? fragte ein wenig spottend der Fürst ; Helena horchte hoch auf . Ach , warum quälst Du mich so ! Du weißt es ja , von dem kann ja hier gar nicht die Rede sein , das bleibt wie es ist , erwiederte die Fürstin etwas ungeduldig . Beide verließen das Zimmer , und Helena gewann dadurch Zeit , unbemerkt aus ihrem Verstecke zu entkommen . Helena war der Pflege ihrer Amme zwar schon längst entwachsen ; doch diese ließ es sich dennoch nicht nehmen , die Nachttoilette ihres Lieblinges zu besorgen , wie sie von jeher es gewohnt gewesen war . Obgleich mehr als zwanzig Hände sich herbei drängten , dieses Geschäft , das sie mit mütterlichem Eifer als unerläßliche Pflicht betrieb , ihr abzunehmen , so litt sie doch nie den mindesten Eingriff in ihre Rechte . Das ungemessenste Vertrauen des holdseligen Wesens , das in unbeschreiblicher Anmuth unter ihren pflegenden Händen gleichsam erblühte , lohnte überreichlich ihre treue Anhänglichkeit . Die junge Prinzessin hatte von frühester Kindheit an sich gewöhnt , Abends beim Auskleiden ihrer Elisabeth von allem , was sie den Tag über erfahren oder gethan , ausführlichen Bericht abzustatten ; auch die Fürstin Eudoxia pflegte des Morgens , gleich nach ihrem Erwachen , sie zu sich zu berufen , um alles , was in dem unermeßlich großen Haushalte , und selbst in der Familie des fürstlichen Hauses sich ereignete , mit ihr allein zu besprechen . Und so war denn die gute Frau besser als irgend Jemand , die Fürstin selbst nicht ausgenommen , im Stande , alles im Ganzen zu überschauen , und nicht selten durch ihren Rath , oder selbst thätig , in die Leitung desselben einzugreifen . Auch an jenem Abende versäumte Helena nicht , ihr Herz vor der treuen Amme auszuschütten ; es war ihr dieses sogar mehr als sonst ein Bedürfniß ; denn sie fühlte das Unrecht , das sie begangen , indem sie , wenn gleich Anfangs unabsichtlich , ihre Eltern belauschte , und sie schämte sich deshalb nicht wenig . Indessen die Beichte wurde abgelegt , und daß Frau Elisabeth , als eine höchst moralische Person , sie darüber sehr ernstlich schalt und ermahnte , war dem guten frommen Kinde , als wohlverdiente Buße , eine Art von Trost . Doch die gute Amme konnte ihrem Lieblinge nicht lange zürnen ; als sie die innere Zerknirschung desselben über den begangenen Fehler bemerkte , ging sie zu Beruhigungsgründen über und sprach so lange , so eindringlich , mit so sanft gemilderter Stimme , daß ihre Rede endlich wie ein Wiegenliedchen wirkte . Als Helena am andern Morgen erwachte , waren sowohl das , was sie von dem Gespräche ihrer Eltern vernommen , als die Ermahnungen und Tröstungen der Amme ihr fast ganz aus dem Gedächtniß entschwunden . Die heimliche Liebe des jungen Fürsten Konstantin und der Prinzessin Natalia war für Helena längst kein Geheimniß mehr gewesen ; denn welchem funfzehnjährigen Mädchen wäre ein solches , unter ihren Augen entstehendes Verhältniß jemals entgangen ? in dieser Hinsicht hatte sie also aus dem Gespräche ihrer Eltern nichts erfahren , das ihr nicht schon bekannt gewesen wäre . Daß sie selbst ihrem Eintritte in die große Welt so nahe stehe , war ihr allerdings neu ; denn mit ihrem Loose völlig zufrieden , hatte sie bis dahin noch gar nicht daran gedacht , und wußte auch jetzt noch nicht recht , ob sie sich darauf freuen , oder davor fürchten solle . Da aber doch erst von kommendem Winter die Rede gewesen war , bis zu welchem noch mehrere Monate vergehen mußten , - in ihrem Alter eine unermeßlich lange Zeit , - so hielt sie es für das Beste , auch jetzt noch nicht weiter darüber nachzudenken , und schlug mit ächt jugendlichem Frohsinne sich die ganze Sache fürs erste aus dem Kopfe . Die Voranstalten zu dieser Hauptepoche in Helenas Jugendleben wurden indessen allmälig getroffen ; aber ganz unmerklich langsam und leise ; denn Eudoxia war eine zu weltkluge Dame , um nicht alles was sie unternahm mit großer Überlegung auszuführen . Natalias nahe Verlobung blieb fürs erste noch ein öffentliches Geheimniß , aber sie wurde jetzt doch , als eine ganz erwachsene junge Dame , in die Gesellschaft eingeführt . Ihre Erziehung wurde für vollendet erklärt , und dieses bot von selbst Gelegenheit , die große Tanzstunde aufhören zu lassen , die sonst wöchentlich im Palaste des Fürsten Andreas statt fand , und die gar bald in eine Art Gesellschaftsball sich umgewandelt hatte , zu welchem Moskaus heranwachsende brillanteste Jugend beiderlei Geschlechts , beinahe ohne andre Aufsicht als die des Tanzmeisters , sich versammelte . Die großen musikalischen Übungen hatten aus dem nämlichen Grunde gar bald das nämliche Schicksal ; und unter dem Vorwande einiger nothwendig damit vorzunehmender Reparaturen , wurde auch das kleine Haustheater einstweilen zugeschlossen . So zog der Kreis , welcher Helenen von der fröhlichen blühenden Jugendwelt abschloß , sich immer enger zusammen , während die glänzendsten Feste in dem Hause ihrer Eltern sich mehrten , und Natalie als die Königin derselben glänzte . Madame Sommerfeldt wich ihrem Zöglinge fast nie mehr von der Seite ; nur in ihrer Gegenwart durfte Helena die Besuche ihrer jungen Freundinnen annehmen , nur in ihrer , oder in der Fürstin Begleitung , sie erwiedern ; Eugens Freunde waren , ohne daß dieses ausgesprochen worden wäre , durch diese neuen Einrichtungen aus ihrer Nähe gänzlich entfernt . Alle diese Veränderungen wurden , ohne ein Wort darüber zu verlieren , gleichsam eine aus der andern entstehend , so ganz allmälig eingeführt , daß Helena derselben schon gewohnt worden war , ehe sie nur bemerkte , daß sie gegen sonst ein fast klösterliches Leben führe . Ihr heitrer , still zufriedener Sinn blieb dabei völlig unbefangen ; war sie doch , vom Morgen bis zum Abend , auf eine Weise beschäftigt , die Langeweile und üble Laune fern von ihr hielt . Um die Zeit , die ihr bis zu ihrem Eintritte in die Welt noch übrig blieb , recht zu benutzen , waren fast alle Stunden ihres Unterrichts verdoppelt worden ; sie las , zeichnete , malte , sang und spielte ; Richard war nach wie vor bei ihren Übungen ihr zur Hand , so oft sie seiner bedurfte . Der Tag verging , der Morgen wurde zum Abende , ehe sie sich dessen versah ; sie war zufrieden , als hätte sie nie anders gelebt . Natalia , von Bewunderern umgeben , im Wonnetaumel der ersten Liebe , von einem glänzenden Feste zu einem andern eilend , wurde der vereinsamten jüngern Schwester bei dieser ganz verschiedenen Lebensart zwar etwas entfremdet , und mochte selten genug ihrer gedenken ; doch Eugen und Richard vergaßen die Verlassene nicht . Auch sie waren jetzt in der Gesellschaft eingeführt , doch Richard entfernte sich aus derselben , sobald es der Anstand erlaubte , um der einsamen Helena ein Paar lange Abendstunden durch gemeinschaftliche Lectüre zu kürzen , und auch Eugen folgte ihm zuweilen . Richard schlich sich nicht heimlich zu ihr ; der Fürst , die Fürstin , Alle wußten darum und gönnten ihr gern diese Erheiterung , während das ganze Haus in festlichem Glanze strahlte . Madame Sommerfeldt war eines Abends zu einer Freundin geladen ; eine sehr zahlreiche und brillante Assemblée wogte in den weiten Sälen des Palastes , während Richard sich früher als sonst zu Helena begeben , um