ich nun den erwachsenen Jahren schon näher erfuhr , daß es wirklich von einem Verfasser herrühre , der noch lebe und auch andere Sachen geschrieben habe . In welchem Dämmerlichte erschienen mir Clavigo , Claudine , Erwin , Stella : gleichsam wie von kranker Natur gegen jene Fülle herrlicher Gesundheit , und ich dachte mir ihren Verfasser lange Zeit als melancholisch und im Sterben . Auch das geliebte Frankenland wurde mir zuerst durch dieses Gedicht teuer , und im schönsten Sonnenglanze schwebten die Maingegenden , Jaxthausen und Bamberg vor meinen Augen . « » Wir sind also einig ? « fragte der Baron . Leonhard gab ihm die Hand , und sagte : » Ja ! « - » So reisen wir also morgen früh . « - » Schon morgen ? « - » Es kann nicht anders sein , ich muß an einem gewissen Tage dort eintreffen , um das Gut zu übernehmen , alle Gerichtspersonen sind schon eingeladen . « - » So sei es denn « sagte der Tischler , und entfernte sich mit schwerem Herzen , weil er noch nicht einsah , auf welche Weise er seinen veränderten Entschluß seiner Gattin vortragen solle . Er traf sie geschäftig in ihrer Wirtschaft , er half ihr eintragen und einrichten , und war mit der größten Freundlichkeit um sie bemüht . Sie ließ ihn bald dieses , bald jenes holen , und er konnte den Augenblick nicht finden , ihr sein Vorhaben anzubringen . Endlich nahm sie ihm ein Stück Silber aus der Hand , stellte es in den Schrank , stemmte die beiden Hände auf Leonhards Schultern , und sahe ihm freundlich lachend ins Gesicht . » Was ist dir ? « fragte er . » Mir nicht « , antwortete sie , » aber was ist dir ? Warum bist du denn so freundlich und zutätig , und mengst dich in Dinge , die dich gar nichts angehen ? Also ist es denn beschlossen , du machst dich wieder auf und davon ? « - » Woher weißt du es denn ? « fuhr er fort zu fragen . - » Sowie du in die Haustüre tratest , wußte ich es schon . Gingst du auf deine Stube und maultest etwa ein wenig mit mir , worauf ich mich schon gefaßt gemacht hatte und was ich billig fand , so wußte ich , daß du bliebst , und daß du mir dein Hierbleiben hoch anrechnen wolltest . Wie ich aber sah , wie sacht du hereintratest , wie leise du die Haustür wieder anlehntest , daß sich kaum die Klingel hören ließ , wie freundlich , beinahe demütig , du mich grüßtest : da erkannte ich auch dein böses Gewissen . Je nun , ich fordere auch vielleicht zu viel , daß du deine Leidenschaft so ganz bezwingen sollst , reise denn in Gottes Namen , und komme wenigstens , so bald als möglich , wieder . « Dem jungen Gatten war durch diese Rede das Herz erleichtert , er umarmte die freundliche Frau auf das innigste und küßte sie zärtlich . » Mache nur « , sagte sie , » dem Altgesellen deine Abwesenheit recht dringend , damit du nicht die Autorität bei den Leuten verlierest , vielleicht kannst du auch unterweges einige vorteilhafte Holzankäufe schließen , und deine Arbeit dort wird dir doch wohl so viel einbringen , als du hier versäumst . Ist es dir nicht überhaupt wunderlich , wenn du daran denkst , daß du ein Familienvater bist , vor dem eine eigensinnige Frau , ein Pflegesohn , vier Gesellen und fünf Lehrbursche Respekt haben sollen ? « Das Essen war aufgetragen und man wollte sich zu Tische setzen . Indem trat ein fremder alter Mann mit schlichtem bräunlichen und greisen Haar herein , in schwarzem Oberrock schwarzen Strümpfen und zugebundenen Schuhen . Leonhard ging ihm entgegen , um zu fragen , was zu seinem Befehl sei , als er zu seinem Erstaunen den Magister erkannte . Die übrigen waren nicht weniger verwundert . Er verbeugte sich anständig und grüßte alle , dann gab er dem Meister die Hand und sagte : » Ich will fortan ein Mensch anstatt eines Magisters sein , und mir die citationes aus denen autoribus classicis , wo möglich , ganz abgewöhnen . Die Sünde der Hoffart ist mit Gottes Hilfe und durch Ihr Beispiel von mir gewichen . « Man setzte sich , und der junge Martin erlaubte sich heute keine lachenden Blicke und Mienen ; alle , selbst Leonhard und seine Gattin , schienen zu ihrem alten Freunde in ein neues Verhältnis gesetzt ; er sprach dreister und weniger verwickelt und man verwunderte sich über seine verständige Gesprächigkeit . Früher als sonst erhob man sich vom Tische , weil Leonhard noch mancherlei Einrichtungen zu besorgen hatte ; er nahm seinen ältesten Arbeiter beiseite , und unterrichtete ihn , wie er es in seiner Abwesenheit mit den Bestellungen und noch zu fertigenden Arbeiten zu halten habe ; er bezahlte einige Rechnungen und ging dann zu seinem kleinen Freunde , dem Tischlermeister , der nach seiner Wirtschaft sehn und unvorhergesehene Fälle schlichten sollte . Mit diesem kam er am Abend zurück , und der Magister war wieder von der Gesellschaft . » Wir wollen heute noch einmal recht vergnügt sein « , fing Leonhard an , » denn es ist möglich , daß einige Wochen vergehen , ehe ich wiederkomme . « - » Werde mich aber hüten müssen « , sagte der Magister , » wie gestern im Enthusiasmus , so viel von dem starken Weine zu trinken . Fürchte , schöne Frau Leonhard , daß ich in Ihrer Achtung ein merkliches verloren , denn , ob ich es gleich gut meinte , so habe ich mich doch narrenhaft bezeigt . « Die Frau versicherte das Gegenteil , und daß ein Mann , wie er , nur immer Achtung einflößen müsse . - » Rührung , Erhebung der Seele und Wein , meine Freunde « , fuhr der Magister fort , » können sich nicht zusammen vertragen , jedes davon ist schon geeignet , den Menschen zu berauschen ; und so billig , ja liebevoll wir gegen den Rausch der erhobenen Seele und des Mitleids oder Enthusiasmi sind , so hart urteilen wir vom Zorn- oder Weinrausch , und meinen , daß der Mensch darinne zum Tiere hinabsteige ; doch sind je zuweilen die Zustände so konfundiert , daß , wenn das kalte Bewußtsein einmal in die Hinterhand geraten , man beim Blindekuh nicht wissen könnte , ob man beim Zutappen Vieh oder Engel aus unsereinem herausgreifen würde . « Krummschuh sagte hierauf : » Ein Vieh , Herr Magister , wird der Mensch nur , wenn er sich täglich um seinen Verstand säuft , sonst aber tut man unrecht , viel aus einem Rausch zu machen , was auch unsre Vorfahren wohl einsahen ; wer gar nichts von Wein versteht und noch niemals berauscht gewesen ist , ist kein deutscher Mann ; wer in seinem Leben noch nie ein Narr gewesen ist , ist gewiß auch noch nicht gescheit . « » Desipere in loco « , sagte der Magister , » doch nein , fort mit dieser Torheit , da sie nicht an ihrer Stelle ist , ich wollte sagen : zu passenden Zeiten der Torheit nachgeben , ist eines Weisen nicht unwürdig . « Der Baron trat unvermutet in die Gesellschaft , alle erhoben sich , der Magister verbeugte sich tief ; doch Elsheim sagte : » Ich muß recht sehr bitten , sich nicht stören zu lassen . « Er setzte sich ohne Umstände mit an den runden Tisch zwischen Krummschuh und Friederiken , an die er sich sehr freundlich wandte : » Sie werden mir böse sein , schöne liebenswürdige Frau , daß ich Ihnen Ihren Mann auf einige Wochen entführe . « - » Gewiß nicht « , erwiderte sie ebenso zuvorkommend , » denn wenn ich es weiß , daß es meinem Leonhard Vergnügen macht , wie könnt ich anders als Zufriedenheit darüber empfinden . « » Ihr Wohlsein ! « indem er anstieß und trank ; » gewiß ich preise meinen Freund glücklich , eine so heitere , sanfte und liebenswürdige Gefährtin gefunden zu haben ! « » Herr Baron « , sagte sie , » machen Sie in unserm kleinen Zirkel Ihr Talent zu schmeicheln nicht geltend , und glauben Sie meinem offenen Geständnis , daß ich mich täglich bestrebe , meines Leonhard werter zu werden , denn er ist besser , verständiger und liebenswürdiger als ich « . » Nicht also « , fiel der Magister ein , » man soll sich selbst nicht rühmen , aber ebensowenig erniedrigen , und Sie müssen keine Unwahrheit sagen , schönste Madam ; der Halbblinde fühlt , daß Sie schön sind , der Gefühllose begreift , daß Sie liebenswürdig sind , und die beiden Eheleute sind gut , redlich und dem Herrn wohlgefällig . « Beide Eheleute waren rot geworden . » Sie haben recht , Herr Magister « , sagte der Baron , » und dieser jugendliche Eifer macht Ihnen Ehre ; es ist , als wenn Sie für die Dame Ihres Herzens den Handschuh hinwerfen wollten . « Bei diesen Worten wurde der Magister bis in die Schläfen rot , er hustete , er wollte antworten und verwirrte sich ; » ich habe niemals « , sagte er endlich , » niemals eine Herzensdame gehabt . Mit jener Geschichte in Jessen hatte es eine andere Bewandtnis . « » Ei ! ei ! « sagte Krummschuh , » so muß man nicht sprechen , das ist dieselbe Sache , wie mit dem Rausch , einmal muß jeder Mann einen Schatz gehabt haben , einmal wenigstens muß jeder redliche Mensch verliebt gewesen sein , sonst kömmt er bei grauen Haaren in die Schlingen des bösen Geistes . Ja , Frau Leonhard , Ihr lieber guter Mann könnte , glaub ich , darüber mitsprechen , der ist damals wohl in allerhand Versuchungen gewesen , denn Weiber und Mädchen waren ihm immer gewogen . « » Stille von solchen Geschichten « , sagte der Baron : » das heißt ja nur unsere liebe Wirtin ohne Not eifersüchtig machen . Sie scheinen das menschliche Herz wenig zu kennen , Meister . « » Darüber kann ich nicht eifersüchtig sein « , sagte Friederike , » Leonhard hat mich früh gekannt , ebenso ich ihn , er hat mich frei gewählt und andern vorgezogen , auch möchte ich keinen Mann haben , den mir nicht hie und da eine beneidete , und der nicht sonst schon einmal andern hübschen Mädchen gefallen hätte . « » Nun dann sind Sie ja gerade an den Rechten gekommen « , rief der kleine Dicke , » denn ich sage Ihnen , er hat Nachstellungen gehabt , daß man eine Geschichte davon machen könnte , und wenn er nicht so halsstarrig gewesen wäre , wer weiß , wer weiß - « Leonhard schien verlegen , und Elsheim unterbrach den Schwatzenden , indem er sich an den Magister wandte . » Sie sagten vorher , werter Herr Magister , die Geschichte mit Jessen habe eine ganz andere Beschaffenheit . Was ist das für eine Geschichte ? Sie haben also wirklich niemals geliebt ? « » Nein , mein hochverehrter Herr Baron « , antwortete der Magister , » das kann ich wohl vor jedem Gericht mit einem teuern Eide erhärten , denn immer war mir aes triplex circa pectus , und ein sonderbares Geschick hat mich stets vor diesen Leiden und Verwirrungen bewahrt ; obgleich man aus einem Verhältnisse , das sich in meinen Studierjahren in Jessen angesponnen hatte , mir ein Liebesaventure hat andichten wollen . « » Und wollten Sie uns nicht vielleicht gefälligst diese Erzählung mitteilen ? « fragte der junge Edelmann , indem er die Hand des alten Mannes nahm . » Wenn es nur Ihnen und meinen werten Freunden nicht beschwerlich fällt « , äußerte der Magister . Da alle , vorzüglich Friederike das Gegenteil versicherten , so fuhr er hierauf mit folgenden Worten fort : » Um etwas Verständliches über jenes Gerücht beibringen zu können , muß mir etwas früher auszuholen erlaubt sein . Mein Vater seliger war Prediger auf einem kleinen Dörfchen ; er brachte mich früh auf die Stadtschule , und mein Ehrgeiz und ziemlich gutes Ingenium trieben mich schnell die Klassen hinauf . O meine Werten , ich kann es Ihnen nicht aussprechen , welche Verehrung , ja welche Anbetung ich vor dem Stande eines Gelehrten immer in meinem Herzen trug ; ein Buch zu schreiben , den Ornat eines Predigers zu tragen , schien mir groß , vor allem aber den Titel eines Magistri zu erringen , fast den menschlichen Kräften unerschwinglich , und die höchste Stufe der Seligkeit hienieden . Nicht wahr , Sie lächeln ? so wie ich zum Lächeln gezwungen werde , da ich nun schon seit lange derselbe Mann bin , und doch nur weniges von jener geträumten Größe in diesem Besitze gefunden habe . Wie gesagt , die Schule wäre mir ein Paradies gewesen , denn das Lateinische und Griechische entzückte mich , Hebräisch war meine Wonne , wenn nicht einiges mich gestört hätte . Wir hatten viele Stunden in Mathesi , worauf gehalten wurde , und wir alle sollten darinne Fortschritte machen , aber ich nehme die Götter zu Zeugen ! - lag es an mir , oder am Lehrer , oder an der Wissenschaft selbst , ich habe nie auch nur das Allergeringste davon beim besten Willen begreifen können . Diese Demonstrationes , die axiomata , die Drei- und Vierecke und Circula haben mir in vielen Stunden das Gehirn schwindlig gemacht , und ich habe mich nie einer Verachtung gegen diese anmaßliche scientia erwehren können . Noch schlimmer aber war , daß ein Neologe , der viel auf alle Arten von Schwärmereien hielt , den Rektor , einen weichherzigen , nachgiebigen Mann , überredet hatte , einen Zeichenmeister anzunehmen . Dacht ich nicht , der Schlag müsse mich treffen , als das erstemal der Gaukler seine Bude in unserm ehrwürdigen Auditorio aufschlug ? Ich zitterte vor Unwillen und rief : Wahrlich , nun fehlt nur noch , um uns völlig abscheulich zu machen , ein Tanzmeister ! Und in der Tat woraus man sehen kann , wie stark die Imagination wirkt , träumte mir selbige Nacht , der Rektor habe einen Tanzmeister angenommen , und wir müßten vor dem Katheder , den Bachstelzen nicht unähnlich , herumhüpfen . Ich erwachte zum Glück bald , und fühlte Zittern und einen kalten Schweiß . Also der Kram wurde ausgelegt , und denken Sie , Werte , mir , als einem schon meritierten Primaner , wurde die Wahl gelassen , ob ich ein Häuslein mit einem Bäumchen , oder eine Blume , oder gar einen Pferdekopf , oder dumme krumme Striche , die man menschliche Nase und Mund nannte , nachreißen und mit Rotsteinbleifeder abfärben wollte . Ich äußerte fest und bestimmt , daß ich allen Arten von Elaborationen mich nimmermehr entziehen wolle doch , daß ich mit dem Rötelwesen und jenen Hahnenfüßen oder Bauerwohnungen , Pferdeschnauzen und Blumengeckereien niemals mich oder mein Papier beschmutzen werde . Himmel ! sagt ich , wir den Musen Eigene , zur Lehre des göttlichen Worts , oder zu Galene und Carpzove bestimmte Tironen , sollen wie die Stuben-Anstreicher , oder jene Unseligen , die die kleinen Tassenköpfchen anfärben , uns in solchen Pinseleien vertiefen ! Damit zerriß ich einen daliegenden Hammel , der nach der Meinung des Phantasten ein unschätzbares Werk eines abgestorbenen Gaukelmannes sein sollte , und da der Kunstzeichner selbst ein Enthusiast für seine Klexerei war , so warf er mir , nicht ohne Empfindung meinerseits , ein großes Reißbrett an den Kopf , nannte mich Ignoranten und Barbaren , und wollte mich endlich gar mit Gewalt aus meiner eignen Klasse entfernen . Zwei Freunde , die sich gleichfalls der Theologie widmen wollten , standen mir redlich bei , die übrige Jugend aber , ihrer Würde uneingedenk , nicht achtend , daß wir für sie nur kämpften , konnte es über sich gewinnen , uns laut und schallenderweise auszulachen . Der Rektor kam dazu , und ich hatte vielen Verdruß . Doch überwand ich alles und bezog die Universität Wittenberg , von einem kleinen Stipendio unterstützt . Mein Vater war nicht Magister , und nach dieser Würde war mein Tichten in der Nacht wie bei Tage , um mich und ihn damit zu ehren . Steil war der Weg , aber die Möglichkeit , zur Höhe hinaufzugelangen , wurde mir doch mit jedem Tage einleuchtender und wahrscheinlicher . Vier Stunden westlich von Wittenberg liegt ein kleines offenes Örtchen , Jessen genannt , mir immer , wenn davon die Rede gewesen war , wegen des biblischen Tones ein erwünschter Name . Dahin reisete ich mit einigen Freunden zu Fuß in den Herbstferien , denn der eine Begleiter war aus dem Orte , in welchem sein Vater eine Stelle bekleidete . Wir wurden von dem alten Mann gut aufgenommen , der sich mit mir in ein Gespräch über die Klassiker einließ , und vortreffliche Kenntnisse besaß . Er achtete meine Meinung , doch erstaunte er , mich so unbewandert in deutscher Poesia anzutreffen , in der er Opitzii und einige andere Werke besaß , doch vermißte er mit Leidwesen den Gryphium , dessen Horribilicribrifax , wie er sagte , in seiner Jugend seine Seelenweide gewesen sei , und dem alle Aus- und Einländer , alte sowohl wie neue , durchaus nicht zu vergleichen wären . Hier sah ich nun auch in demselben Zimmer , meine Verehrtesten , jenes Frauenbild , die Tochter des Hauses , deren helleuchtende Augen oft auf meinem Angesichte ruhten . Ob ich gleichsam hübsch gewesen , kann ich nicht melden , doch war ich jung und weiß und rot , war anständig in allen Gebärden , hielt Hände und Füße ruhig , und schaute viel vor mir nieder . Wo sie , die Hedwig , stand , war mir immer , als wenn ein rötliches Licht , fast wie Morgenrot , in der Stube brannte , und was bemerkenswert ist , ich konnte wissen , ob sie im Zimmer zugegen sei oder nicht ; ich mochte die Augen auch ganz woanders haben und etwa mit dem Alten sprechen , ich fühlte es gleich , wann sie wegging , und wann sie wiederkam , es war , als wenn in mir Finsternis und Helligkeit wechselten ; und wenn sie weg war , sprach ich verwirrt und hatte Bangigkeit auf der Brust , so daß ich nicht genau wußte , ob ich eben zornig oder betrübt war . « » Das war ja die klare helle Verliebtheit , Herr Magister « , sagte Krummschuh . » Nicht also « , erwiderte der Gelehrte , » es war eine Art von Sympathia , denn ihr ist es gleicherweise so ergangen , wie sie mir nachher gestanden hat . Wir wechselten Reden , die andern rauchten mit dem Vater ; da ich nun immer dieses Kraut der Wilden verabscheut habe , so ging ich vor die Tür mich umschauen und sie stand schon im Sonnenschein draußen . Ob ich sie zu ihrer Freundin , der Försterin , begleiten wolle ? erging an mich die Frage . Ich konnte mir nichts Besseres wünschen , und wir gingen den schmalen Steig ganz nahe aneinander . Gesprochen wurde wenig , denn ich fürchtete , Dinge zu sagen , die ihr nicht gefallen möchten ; sie aber sah mich je zuweilen lächelnd von der Seite an worüber ich nur in Angst geriet , weil ich fürchtete , an den Haaren , oder der Halskrause bemerkte sie irgend etwas Ungeziemliches . Abseits unter einigen Bäumen lag das Häuschen des Oberförsters , wir traten in die dämmernde Stube ein , und niemand war zugegen . Meine Freundin muß ausgegangen sein , sagte sie , und wir stellten uns beide vor den Spiegel , der an der Mittelwand hing . Sind wir nicht von einer Größe ? sprach sie weiter indem sie sich an mir maß . Da war das Antlitz mir nun ganz nahe vor dem meinigen , und mir fiel ein , was ich wohl gehört , auch in Autoren gelesen , daß ein Kuß von besonderer Lieblichkeit sei . Ich konnte mir aber das Herz nicht fassen , so standen und gingen wir beide stumm nebeneinander . Noch einmal stellte sie sich vor mich und sagte : Sie sind doch etwas größer ; stand auf den Zehen , und faßte mit beiden Händen meinen Kopf in der Gegend der Ohren , und indem sich mir die Stube rundum drehte , gab sie mir einen rechten lieben zärtlichen Kuß . Wie ich hinauskam , weil ich nicht , es war fast dunkel geworden und wir gingen zurück ; ich hörte und sah nicht , und die Menschen in ihren Gesprächen und Gestikulationen kamen mir alle so wild und unbängig vor , und ich sehnte mich nach der Ruhe . Doch schlief ich in der Nacht nur halb ; der Spiegel , die Bäume , die weißen Hände und Arme und der Kuß waren immer vor mir und in mir . Am Morgen war eine neue Welt um mich her . Auf nichts konnte ich mit Verstand Rede und Antwort geben , meine Augen suchten die ihrigen , und schlugen sich doch nieder , wenn sie sich begegneten . Am Nachmittage ging ein Teil der Gesellschaft in einen nahen kleinen Weinberg , der der Familie zugehörte . Die Tochter , ein Bruder und ich saßen oben in dem kleinen Gartenhäuschen , sahen umher auf die sandige Gegend und das Städtlein unter uns , und tranken von dem selbstgezogenen säuerlichen Wein und dem besser schmeckenden Most . Bald verließ uns auch der Bruder . Da konnten wir uns nun recht ungestört unser Herz ausschütten , wenn wir nur erst die Rede hätten finden mögen , welches aber geraume Zeit nicht geschah , und noch dazu mußte sie den ersten Anfang machen . Wir erfuhren in diesem Gespräch , daß wir einander heiraten wollten , sowie ich Magister geworden und eine Stelle als Pfarrer oder Lehrer an einer Schule erhalten hätte . Vergnügt kehrte ich nach einigen Tagen nach Wittenberg zurück ; ich war von neuem Eifer zu meinen Studien durchdrungen , auch erhielt ich etliche kleine Schreiben von der Person , die ich jetzt im stillen für meine Braut ansah , obgleich noch nichts davon laut werden durfte . So ging der Winter ganz erfreulich hin . Um Pfingsten ging ich wieder hinaus , zu Fuß und allein ; für meinen künftigen alten Schwiegervater hatte ich den Gryphius und seinen Horribilicribrifax in meiner Tasche . O wie schön war das Wetter ! Mein Weg führte mich an den schönen Buchen und Eichen beim Luthersbrunn hinüber . Ich sprach mir vor die Ode Horatii : Integer vitae , welche mit Lalagen schließt , dulce loquentem , dulce ridentem . Dieses verstand ich nun erst , wie manches andere in meinen autoribus . Das war damals in der Tat ein Frühling , welcher sich sehen lassen durfte , diesen auserwählten Mai konnte man nicht schimpfen ; denn es war nicht anders , als wenn jedem rauhen Winde das Maul zugehalten wurde , und nur die artigsten Spielgesellen der Sommerkönigin unter Läubern und Blumen wie wohlgezogene Kindlein herumgaukelten . Auf halbem Wege gelangt man durch das Dorf Elster , welches an der Elbe liegt . Schön dünkte mir der Strom und die Schiffmühlen darauf , der weite Blick , die Frische des Wassers und dessen Geräusch . Nachher kommt man durch ein kleines stilles Dörflein , welches ich immer nur meine Sabbatsdörflein nannte , weil die Straße hinter den kleinen Häusern fortläuft , so daß man niemand gewahr wird , und von beiden Seiten Fruchtbäume die Hütten beschatten . Nachher kurz vor Jessen wandelt man durch ein Gehölz , wo ein Bach von einer Anhöhe herunterrieselt , und dann sieht man das zerstreute Städtlein vor sich , in welchem die Wohnungen einzeln liegen , und die weißen sandigen Weinhügel mit den kleinen roten Häuschen und den vielen Nebenstöcken umher . Ich trat in die Tür , verehrte Freunde , grüßte und ward freundlich begrüßt , und überlieferte dem Alten mein Geschenk . Ich konnte mit meiner Braut nicht sprechen , denn gleich mußt ich dem künftigen Schwiegervater sein Lieblingsstück vorlesen , daß er wie mit einer heiligen Heiterkeit erwartete , über welches ich aber nicht lachen konnte , sei es nun , daß ich niemals in meinem Leben sehr für das Lachen gestimmt gewesen , oder weil andere Gedanken mir meinen Kopf beunruhigten . Aber denkwürdig ist es vielleicht , daß ich kaum dreimal in meinem Leben begriffen habe , daß es etwas Belachenswertes geben könne ; seh ich von den Menschen die Gebärden des Lachens veranstalten , so möchte ich immer fragen : Cur ? Ebenbild Gottes , warum zergrinsest du also mit aufgesperrtem Hals und faltigem Gesicht dein Aushängeschild der Unsterblichkeit ? Lächeln ist gar lieblich an Kindern und Mägdlein , aber Lachen , und dabei knaustern und prusten und schnarren , absit ! Nicht wahr , meine Edelsten ? « » Sie haben vollkommen recht « , sagte der Baron , mit verhaltenem Lachen ; » aber was urteilen Sie vom Weinen ? « » Da es mehr « , erwiderte der Magister , » mit dem Schnupfen und dem inwendigen Kitzeln der Nase zusammenhängt , so ist es verzeihlicher , doch auf jeden Fall unmännliche Schwäche . Auch bricht bei den meisten Menschen die lamentatio ebenfalls in gar widerlichen Gebärden aus , so daß es mir fast immer hat unanständig bedünken wollen . Jedennoch ist freilich mehr Not als Lust , mehr Jammer als Freude auf dieser Welt , und es regen sich wenn der vernünftige Blick in das mannigfaltige verschlungene Elend der Welt geworfen wird besonders wenn man selbst im Unglücke laboriert , so gar sonderbar-wehmütige Zuckungen in allen Eingeweiden , daß ich gestehe , ich inklinierte oft und leicht zu Tränenergießungen , die auch wohl stattgefunden haben würden , wenn die Scham sie nicht zurückgehalten hätte . « » Sie sind ein allzu strenger Mann , Magister « , sagte Krummschuh , » aber wie wurde es weiter mit Ihrer Liebesgeschichte ? « » Ich erinnere noch einmal « , sagte der Alte , » daß es keine solche gewesen , wie man sehr bald aus dem Verlauf der Historie ersehen wird . Ich sprach nachher meine Lalage , ich erzählte ihr von meiner Aussicht , bald Magister zu werden , und sie teilte meine Freunde darüber ; es war die Rede davon , daß ich im Orte selbst die Predigerstelle annehmen könnte , die gewiß bald erlediget würde . Auch der Vater und die Mutter redeten über diese Aussicht , und mir schien , als wenn alle , ohne es Wort haben zu wollen , um mein Vorhaben wüßten . Diese Zeit war in der Tat die Freudenzeit meines Lebens , ich hörte mich schon mit dem Titel Magister ! begrüßen , ich sah mich auf der Kanzel , und meine Frau und Schwiegereltern unter meinen andächtigen Zuhörern ; ich betrachtete Stadt und Feld als meine Heimat , und unter herzlichen Küssen und Umarmungen , deren ich mich jetzt nicht mehr zu schämen brauchte , ging ich fort und kam glücklich und wohlbehalten , freudiger Seele und gesunden Körpers , wieder zum Sitze der Musen zurück , um mich zur Disputation vorzubereiten und der hohen Würde fähig zu machen . In vierzehn Tagen sollte diese große Feierlichkeit vollzogen werden , und ich ging im Herbste wiederum hinaus , um meine Teure aus dem Stamme Jesse noch einmal zu sehen . Ich hatte mich in der letzten Woche recht angestrengt und war gar nicht aus meinem Zimmer gekommen , um so mehr freute ich mich auf meinen Gang in das Feld hinaus . Aber ich kann es nicht beschreiben , werte Herren , wie mir ward , als ich aus der Stadt kam . Schon die hohen grünen Wälle sahen mich so finster an , draußen wurde es noch schlimmer , die Bäume , die Wiesen , alles war voll Schauer und Angst . Was ist mit mir geworden ? dachte ich : denn wie bei gräßlichen Geistergeschichten richtete sich mir das Haar empor ; war mir doch , als sei alles tot in mir und außer mir . Der Fluß , die Schiffmühlen rauschten Totengesang und Schrecken der Vergänglichkeit , die kalten Winde sprangen recht mit Lust im Sonnenschein umher , als wenn sie rufen wollten : Alles , alles ist eitel ! Das Sabbatdörfchen war wie ein stilles Totengewölbe . O entsetzlich ! ich nahm mit Schrecken wahr , daß mir heute sogar die Aussicht auf meine Magisterwürde keine Freude gewähren könne . Wie komme ich zu dieser Melancholia ? rief ich aus ; ohne Zweifel hat mir mein übermäßiges Studieren eine Hypochondriam zugezogen , die mich sehr krank machen könnte . Da freute ich mich , bei meiner Lalage gegen diesen gelehrten Krankheitsanstoß Trost und Schutz zu suchen , und bald von ihren Küssen , in denen Venus das Fünfteil ihrer Wonne gelegt , mich heilen zu lassen . So die Tristitia bezwingend trat ich in die Stadt ein und fand niemand zu Hause , indem die Magd mir sagte : alles sei im Weinberg . Ich schritt dahin , und meine Herzensbangigkeit kam wieder . Aus dem Lusthäuschen herunter hörte ich schon von fern ein Kichern und Lachen , wie ich es unanständig nenne , und als ich oben war und die Tür öffnete , war sie es auch wirklich , die eben wieder mit verzerrtem Angesicht lachte , und neben ihr saß in einem blanken Reithabit , mit hohen Stiefeln und großen Sporen , auch Gold auf den Schultern , ein lustiger Bruder ,