Verlobungstage eine heftige Scene mit dem Prinzen von Wales . Der Prinz war von den flehendsten Bitten zur höchsten Wuth übergegangen ; man hatte von Befehlen , von Arrestgeben gehört , bis endlich eine lange Stille das Fernere der Beobachtung entzogen hatte . Als sie sich trennten und Beide Arm in Arm in dem Vorsaale erschienen , trugen sie wohl noch den Ausdruck heftiger Gemüthsbewegung im Gesicht , aber zugleich den der Versöhnung . Hier erschien unangemeldet Buckingham , und nach einigen wüthenden Worten gegen den Grafen , die Niemand verstand , befahl der Prinz der Dienerschaft , sich zu entfernen . Doch der heftig geführte Streit , der sich nun erhob , schien alle Grenzen zu übersteigen . Man hörte Buckinghams Stimme , wie die eines Wahnsinnigen , und wenn die Worte dem Ohre unzugänglich blieben , mußte es Augen gegeben haben , welche zu sehen wähnten , er habe die Hand gegen den Prinzen drohend erhoben , Robert habe ihn mit Riesenkraft ergriffen , gegen die Thür gedrängt , während der Prinz nach Wache schrie und den Herzog verhaften lassen wollte . Doch dies hinderte der Graf ebenso , und Buckingham , der etwas zur Besinnung gekommen zu sein schien , stürzte mit wüthenden , unverständlichen Drohungen aus den Gemächern des Prinzen . Nach einem augenblicklich darauf erfolgten Besuche des Prinzen beim Könige erhielt Buckingham Befehl , auf seine Güter zu gehen . Doch zur selben Zeit verließ der Graf von Derbery in Begleitung seines Bruders auf vierundzwanzig Stunden London . Als er zurück kam , hatte ein unruhiges Pferd ihn geschleift und seinen Arm verwundet ; es liefen darüber indeß einige andere Vermuthungen . Die Gräfin von Buckingham hatte ihre Abschieds-Audienz bei der Königin . Sie ward mit großer Huld entlassen , aber die junge Gräfin war noch blässer , ihr Auge trübe und ihre Schritte wankend . Als sie , aus den Zimmern der Königin kommend , an dem Grafen von Derbery vorüber ging und ihn achtungsvoll zum Abschiede grüßte , sah die Gräfin Bristol schüchtern zu ihrem Verlobten hin ; aber sein bewegtes Gesicht senkte sich , um den Gruß der Gräfin zu erwiedern , als ob eine gekrönte Fürstin an ihm vorüber ginge . Schmerzlich ruhte das Auge der Scheidenden auf diesem Gruße , und sie schwebte hinweg , um nie wieder die prachtvollen Säle von Whitehall zu betreten , in denen sie der Mittelpunkt alles Schönen und Vollkommenen gewesen war . Bald darauf ward die Vermählung des jungen Grafen vollzogen , und da Beide nichts lebhafter wünschten , als den Hof zu verlassen , an welchem sie sich gestehn mußten , ein Gegenstand des Erstaunens und der Beobachtung geworden zu sein , gingen sie sogleich nach Godwie-Castle , während der Herzog von Nottingham in London verblieb , um sich zu seiner großen Sendung nach Spanien vorzubereiten , wohin seine Gemahlin und Graf Archimbald ihn begleiteten . Man sagte , die Trennung des Grafen von Derbery vom Prinzen Carl sei von Seiten des Prinzen eine Scene des leidenschaftlichsten Schmerzes gewesen . Er verließ einen Tag vor der Hochzeit London und sah die Gräfin erst später als Frau seines Freundes wieder . Wenige Tage nach ihrer Abreise kehrte er zurück , aber in eine für ihn ausgestorbene Welt , und der Ernst , der seine Stirn umhüllte , ging fast in Melancholie über . Dessenungeachtet war seine erste Handlung , den König um die Zurückberufung des Herzogs von Buckingham zu bitten , weil er wohl wußte , wie schwer Jakob sich zu einer solchen Demüthigung seines Lieblings entschlossen hatte ; und die Freude , die Jakob bei dieser Bitte zeigte , gab dem Prinzen die traurige Gewißheit , wie der König die gröbsten Beleidigungen gegen seinen Sohn eher vergessen , als den übermüthigen Liebling entbehren könne . Nie erfuhr ein Mensch den Grund dieser wüthenden Scene . Gewiß war es , daß die junge Gräfin von Buckingham an dem Tage der Verlobung des Grafen von Derbery den Grafen von Carlisle ausgeschlagen hatte . Auf ungestüme Befehle ihrer Brüder , des Herzogs und des Grafen Buckingham , diesen Antrag anzunehmen , hatte sie bestimmt erklärt , sich nie vermählen zu wollen . Sie fügte hinzu , ihre Gesundheit habe gelitten und sie wünsche mit ihrer Mutter das Schloß zu bewohnen , das der König derselben in Buckingham verliehen , und das sie nie mehr zu verlassen gedächte . Dies Schloß lag höchst einsam an einem kleinen Flecken , von Wäldern umgeben , und obwohl es der Gräfin ein bedeutendes Einkommen gewährte , schien es doch zu einsam und düster , um je von einem Mitgliede dieser glänzenden Familie bewohnt zu werden . Die Brüder erstarrten daher vor Erstaunen und Wuth über den Entschluß einer Schwester , deren kurze Erscheinung sehr ehrgeizige Pläne , auf den ihr so verschwenderisch zu Theil gewordenen Beifall gegründet , hinreichend gerechtfertigt hatte . Sie hielt die empörendsten Vorwürfe und Beschimpfungen aus , ohne sie abzulehnen oder zu erwiedern ; als jedoch der Herzog mit dem bittersten Hohne ihr die unglückliche Liebe zum Grafen Derbery vorwarf und wie er sie verlassen , um einer Andern willen , gab sie bei diesen Worten den ersten Schmerzenslaut von sich , und als der Herzog , von der Erinnerung seines eigenen Verlustes noch höher gesteigert , mit rasender Wuth Gott zum Zeugen anrief , sich an dem Grafen rächen zu wollen , sank sie mit dem Ausbruche der Verzweiflung zu seinen Füßen und bat ihn unter Strömen von Thränen , dies nicht über sie zu verhängen . Doch der Wüthende schien seine gekränkte Eitelkeit bis zu Mißhandlungen getrieben zu haben ; man fand die Gräfin blutend am Boden , und ihre Mutter hatte dem Herzoge gedroht , sich unter den Schutz des Königs zu stellen . So glaubte also die Welt , daß der Streit beim Prinzen eine Fortsetzung dieser Scene gewesen war , und daß des Herzogs Verbannung der unglücklichen Mutter zu Hülfe kam , um mit ihrer Tochter unangefochten den Hof verlassen zu können . Buckingham kam stolzer zurück , als er gegangen war . Der Prinz schien ihn nie zu sehn , doch vermied er mit fast ängstlicher Sorge jede Störung des Friedens ; auch dies konnte man kaum vom Herzoge sagen , und die größte Mäßigung des Prinzen mußte oft sich den Anmaßungen Buckinghams entgegenstellen , um den äußeren Anstand zu behaupten , den der Prinz von sich und seinen Anhängern forderte . Erst nach Verlauf mehrerer Jahre , als dem nunmehrigen Herzog von Nottingham , der ein Jahr früher seinen Vater verloren hatte , das dritte Kind , nach zweien Söhnen die erste Tochter , geboren ward , sah Carl seinen Freund in Godwie-Castle wieder . Die Trennung hatte beide nicht entfremdet , sie blieben in stetem Briefwechsel , und es war um so auffallender , daß der Prinz erst so spät den Wunsch seines Freundes , ihn in Godwie-Castle zu besuchen , erfüllt hatte . Die Herzogin hatte stets unter einer Art von Ehrerbietung die Kälte verborgen , mit der sie das Verhältniß des Prinzen zu ihrem Gemahl erfüllte . Sie hatte sich beleidigt gefühlt durch die Art , wie der Prinz sich bei ihrer Vermählung betragen hatte , und die sie für Mißbilligung der Wahl ihres Gemahls nahm , was ihr stolzes Herz nicht glaubte vergessen zu dürfen . Aber der Augenblick , den der Prinz erwählt , sie wiederzusehen , war ein sehr glücklicher . Eine Tochter ruhte an ihrem Herzen , und rief alle Milde und Güte desselben ins Leben . Sie trat dem Prinzen mit ihren beiden schönen Knaben entgegen , eine Dienerin trug das holde Mägdlein ihr nach ; ihre Augen strahlten von Glück und Freude , sie wollte sich dem Prinzen so glänzend zeigen , als sie konnte ; nie war über ihre fast unveränderte Schönheit ein höherer Reiz verbreitet gewesen . Der Prinz betrachtete sie fast mit Erstaunen , und was er ihr dann sagte , trug den Ausdruck einer Huldigung und Freude , wogegen die stolze Frau nicht gleichgültig blieb . Doch von ihr weg eilte er , noch ein Mal den Herzog zu umarmen , und mit Thränen in den Augen rief er : Dem Himmel sei Dank , Du bist glücklich ! Dies war der Herzog wirklich geworden , und hatte es eben so sehr seinen eigenen Tugenden , als denen seiner Gemahlin zu danken . Die leidenschaftliche Liebe , welche sie hinzufügte , ward auch von ihm herzlich erwiedert . Von dieser Zeit sahen sich der Prinz und der Herzog öfter , doch selten in Godwie-Castle . Der Prinz bestimmte dem Herzog irgend eines von den vertheilt liegenden königlichen Schlössern , wo sie stets mehrere Tage ohne alles Gefolge mit einander blieben . Wir übergehen hier eine Reihe von Jahren , die nur eine stille Vorbereitung der Epoche sind , über welche wir unsere Mittheilungen zu machen haben , und indem wir uns zu dem Frühlingsabende zurück wenden , der mit seiner schönen Beleuchtung die anmuthige Gegend von Godwie-Castle so wunderbar verklärte , betrachten wir das bis hieher Gesagte als den Hintergrund der folgenden Erzählung , als die nothwendige Erwähnung von Familienverhältnissen , in die wir uns leichter auf diese Weise zu finden wissen werden . Wie schön auch Natur und Kunst den Raum geschmückt hatten , wie sehr er zum Glück und zu allen Genüssen des Lebens einzuladen schien , die Menschengestalten in dieser fröhlichen Außenwelt entsprachen solcher Hoffnung für den Augenblick nicht . Eine Dame in der tiefsten Wittwen-Trauer der höheren Stände , von zweien Pagen in ehrerbietigster Ferne begleitet , die durch ihre schwarzen Kleider und wehenden Schulterblätter , welche die Farben des Hauses Nottingham , die Trauer über einen diese Familie betroffenen Verlust anzeigten , schritt langsam einher an dem Rande der großen Schloßterrasse . Wer hätte in der gebeugten Gestalt der Trauernden die einst so glänzende Gräfin von Bristol erkannt ? Ihr Auge ruhete am Boden , und die Welt schien ihr versunken ; ihr Gesicht blickte aus den tiefen schwarzen Verhüllungen mit der Bleiche des Marmors , und obgleich noch immer ihre Gestalt sich in einer besonderen Würde zeigte , ruhte doch ihr Kopf gebeugt auf dem tief athmenden Busen , und sie erhob ihn nur , um die schwermüthigen Blicke nach den großen Hallen des Schlosses zu wenden , die durch ihre goldenen Gitter die schwarz verkleideten Wände sehen ließen , und das trübe Licht der hohen Kerzen , die den Katafalk umgaben , der zunächst der Kapelle in der letzten Fürstenhalle errichtet war . Ein Katafalk , ohne die geliebte Leiche in sich zu fassen ! Welch ' ein Schmerz für das Herz der zärtlichen Gattin , der es nicht vergönnt ward , die freundlichen Augen zuzudrücken , die ihrem Leben geleuchtet . Der Herzog war in Spanien gestorben , wohin er sich mit seinem ältesten Sohne begeben hatte , und wo damals sein Schwiegervater , der Graf von Bristol , um eine spanische Infantin für den Prinzen von Wales unterhandelte . Die Kunde seines Todes hatte die Herzogin schon vor einem Monat erreicht , und heute erwartete sie den geliebten Sohn und die theure Leiche , welche nur langsam den weiten Weg zurück zu legen vermochten . Mit welcher Empfindung , mit welcher Sehnsucht sah die unglückliche Gattin diesem Moment entgegen , welcher der letzte Trost ihres gebeugten Herzens schien . Jeder andre , den die starke und fromme Frau finden zu müssen schien , war zurückgedrängt von dem zehrenden Verlangen , seine letzten Ueberreste zu besitzen . Ja , sie schien gar nichts früher von sich zu fordern und blieb jedem Worte verschlossen . Darum richtete sie so oft die thränenlosen Augen nach dem Schlosse , weil sie jeden Augenblick hoffte , die mit Trauergestalten angefüllten Hallen würden sich öffnen und ihr den ersehnten Anblick zeigen . Noch ein Wesen folgte ungestört und so nah , daß es ihre Gewänder berührte , der trauernden Witwe ; es war Gaston , der Lieblingshund und treue Begleiter des Herzogs , der nur dies Mal von der weiten Reise hatte zurückbleiben müssen . Er war eine von den schönsten Doggen des Königreiches , von ungewöhnlicher Größe und Schönheit des Körpers , und von einem rührend treuen Karakter . Seit die Herzogin in Schmerz und Trauer gehüllt war , hatte er seinen Platz in der Vorhalle verlassen und war nicht mehr von ihr zu entfernen . Ernst und gravitätisch schritt er jetzt dicht neben ihr , mit so traurig gesenkten Ohren , so ohne allen Antheil für seine sonstige Lust in Garten und Wald , daß der Gedanke nicht abzuweisen war , er wisse , was auch ihn betroffen . Es hatte etwas tief Rührendes , ihn zu sehen , wie zur Wache seiner trauernden Herrin bestellt . Am Ende der Terrasse , und so oft die Leidtragende still stand , setzte auch er sich dicht vor sie hin und blickte sie an , als wollten die ehrlichen traurigen Augen Thränen weinen ; schritt sie weiter , ohne ihn zu sehn , raffte er sich sogleich auf und schritt ihr in gleicher Ordnung nach . Um so auffallender war sein Betragen , als die Herzogin sich jetzt noch ein Mal dem Ende der Terrasse nach der Waldseite zu näherte und ruhend einen Augenblick an einen Sitz gelehnt blieb . Plötzlich unruhig werdend und die Herzogin verlassend schien er irgend etwas zu suchen , was ihm sein feiner Instinkt andeutete , jeden Platz um seine Gebieterin durchsuchend verschwand er plötzlich hinter der Brüstung der Terrasse nach der Treppe zu , welche in den Waldgrund führte . Bald hörte man sein wohlbekanntes lautes Anschlagen und darauf ein langes Geheul . Er sprang mit solcher Gewalt über die Terrasse zurück , daß die Herzogin , selbst davon erschreckt , aus ihrem starren Nachdenken gerissen ward . Er stürzte auf sie hin , bellte heftig , und indem er ein lautes Geheul ausstieß und mehrere Mal an ihr in die Höhe sprang , kehrte er eben so schnell zurück , um wieder an der Treppe zu verschwinden . Einen Augenblick nur hatte der Ungestüm dieses geliebten Thieres ihre traurigen Gedanken unterbrechen können . Langsam wandte sie sich zurück , als Gaston aufs Neue herbeistürzte , ihr fast den Weg vertrat , immer wieder mit lautem Geheul der Treppe zu fliegend , immer wieder umkehrend , und , als die Herzogin dennoch weiter gehen wollte , dies zu verhindern fest entschlossen schien , indem er ihr Gewand zwischen die Zähne nahm , um sie nach der Treppe hinzuziehen . So ungestüm aus sich herausgerissen , und von einem so treuen Gefährten ihres Gemahls , ward die Herzogin jetzt aufmerksam und bemerkte , daß Gaston am ganzen Leibe zitterte und den Wunsch zu erkennen gab , daß sie ihn begleiten möge . Dies erkennen und ihm sanft folgen , war eins , und nun erhob Gaston ein Freudengebell , stürzte nach der Treppe zu , stellte sich ruhig harrend hin , bis sie sich näherte , und schritt vor ihr her die Stufen hinab . Eben blieb die Herzogin zweifelnd stehen , ungewiß , ob sie ihm weiter folgen solle , als mit dem ersten Schritt auf der Treppe sich ein Anblick ihr zeigte , der augenblicklich die ganze Stimmung der edlen Frau veränderte und ihre Aufmerksamkeit völlig in Anspruch nahm . In dem Ausrufe : O Gaston ! verrieth sich das ganze Gefühl , welches die jetzt unverkennbare gute Absicht des klugen Thieres ihr einflößte . Sie schritt schnell einige Stufen weiter und befand sich jetzt vor einer weiblichen Gestalt , die , auf dem Gesicht liegend , die Arme weit vor sich hingestreckt , entweder todt oder ohnmächtig war . Schnell überblickte sie , ob äußere Zeichen der Verletzung sich zeigten , und gewahrte , wie Gaston angstvoll um den Gegenstand seiner Sorge hertrat und sich nach dem Kopfe zu , unter das lange dichte braune Haar , drängte , dann zurück sprang und den mit Blut überzogenen Kopf zur Herzogin aufhob . Dies entriß der erschütterten Frau den ersten Schreckensruf , und ihre Diener , die nicht gewagt hatten , ungerufen herbei zu kommen , obwohl Gastons Betragen und das Verschwinden der Herzogin von der Terrasse sie besorgt näher geführt hatte , stürzten jetzt schnell herbei . Sie fanden die Herzogin , dem Umsinken nahe , an die Wand der Terrasse gelehnt und vor ihr Gaston mit dem Gegenstand seiner Sorge . Die ehrerbietige Scheu zügelte das Erstaunen der Herbeigeeilten , und als die Herzogin mit der Kraft eines schönen Gefühls für Menschlichkeit sich erhob , eilten sie blos stumm ihre Befehle zu erfüllen . Die Unglückliche lag nämlich , durch ihren wahrscheinlichen Fall beim Erklimmen der Stufen , so am Rande des tiefen und steilen Waldgrundes , an dem die Treppe hinaufführte , daß die leiseste Bewegung sie hinabstürzen konnte , ja , es war zu glauben , daß Gaston durch Versuche , die Gestalt hinaufzuziehen , die Lage noch verschlimmert hatte , da der Boden am Waldabhange frisch von seinen Pfoten unterwühlt schien , und das Gewand von dem linken Oberarm zurückgerissen und mit frischer Erde bedeckt war . Als aber die Diener sich näherten , die Gestalt vom Boden zu erheben , ergriff die Herzogin ein unaussprechliches Gefühl von Abneigung , die weibliche , offenbar junge und zarte Gestalt von Männern berühren zu lassen , sie winkte sie zurück und befahl , nach Mistreß Morton und ihren Frauen zu senden , den Doktor Stanloff zu rufen und eine bequeme Bahre an den Fuß der Terrasse zu bringen . Sie selbst blieb wie gefesselt vor dem Wesen stehn , von dem es zweifelhaft blieb , ob es noch zu den lebenden gehöre . Einige bange einsame Augenblicke ließen die Herzogin Entdeckungen machen , die ihr Interesse erhöhten . Obwohl nichts von der Gestalt zu sehen war , als Arme und Hände und eine Fülle des schönsten braunen Haares , das wie ein Mantel über sie ausgebreitet war , so ließen sich doch darunter lange schwarze Trauerkleider in dem Schnitt der vornehmeren Stände wahrnehmen , und die Arme und Hände , die vor den Füßen der Herzogin ausgestreckt lagen , waren , neben der zartesten Jugend , von einer so außerordentlichen Schönheit , daß die Herzogin sich gestehen mußte , nie etwas Vollkommeneres gesehen zu haben . Was aber ihr peinliches Erstaunen noch erhöhte , war , daß wahrscheinlich Gastons Bemühung an dem obern Theil des linken Armes ein Armband halb enthüllt hatte , welches in einer bedeutenden Breite von den prachtvollsten Juwelen an einander gereiht war . Jetzt nahte die ersehnte Hülfe . Mortons sanfte Stimme ließ sich hören , und die Herzogin streckte ihr , voll Schmerz , die Hände entgegen . O Morton ! Morton ! rief sie , was geschah hier ? Welch ' ein Unglück , welch ' ein Verbrechen , vielleicht im Bereiche des Schlosses ! Laß sie sanft anfassen , aber nur von Deinen Frauen . Wo ist Stanloff , daß er mir sage , ob sie lebt oder hier ohne Hülfe verscheiden mußte ? - Mistreß Morton sah fast noch mit größerer Bewegung , als der weisen und erfahrenen Frau das sonderbare Ereigniß abnöthigen konnte , die wohlthätige Einwirkung , welche die Stimmung ihrer Gebieterin erlitten ; denn von sich selber abgelenkt schien ihr Herz in den Gefühlen der Menschlichkeit und der Theilnahme ganz aufgelöst , und Thränen , die das Uebermaaß ihres eigenen Grames bisher zurück gehalten hatte , flossen wohlthuend , durch ein fremdes Leiden hervorgerufen . Mortons sanfte Worte suchten ihre Gebieterin zu beruhigen , und während die Kammerfrauen ihren Winken folgten , führte sie die Herzogin zur Terrasse zurück . Doch weiter ging ihre Ueberredung nicht ; denn sie wollte selbst sehen , ob nichts versäumt werde , und an die Brustwehr der Terrasse gelehnt , blickte sie mit höchster Unruhe hinab und sah , wie Gaston sich zu den Füßen der Unglücklichen niedergelegt hatte , und ihre nackten mit blutenden Wunden bedeckten Sohlen sorgsam nach allen Seiten hin mit seiner großen Zunge leckte . O Morton ! rief die Herzogin überwältigt , welch ' ein Herz in diesem Thiere , welch ' ein Beispiel für uns alle ! Die Kammerfrauen näherten sich jetzt mit ihrer sorgfältig emporgehobenen Bürde und legten sie sanft auf die bereitstehende Bahre , als Morton , von der Herzogin gesendet , heran trat , um das Haar von dem Gesicht zu entfernen , worauf sich ein vom Tode beschlichenes , aber wunderbar schönes jugendliches Angesicht enthüllte . Sinnend blieb sie , von einer dunkeln Erinnerung ergriffen , stehen , als das ehrerbietige Auseinanderweichen der Diener die Herzogin verkündigte , welche rasch herangetreten war . Morton wandte sich zu ihr , die Haare zurücklegend , und ward von Angst um ihre Gebieterin ergriffen , welche mit allen Zeichen der höchsten Erschütterung zurück schauderte , nachdem sie das bleiche Todtenbild einen Moment betrachtet hatte , und , indem sie fast wild in dem Kreis ihrer Diener umherblickte , mit einer lauten und heftigen Stimme rief : Heiliger Gott ! wer ist dieses Weib ? Niemand wußte diese Frage zu beantworten , und Alle standen erschüttert von dem Zustande ihrer Gebieterin , bis Morton , die keine weitern Zeugen wünschte , einen Wink ertheilte , sich mit der Bahre zu entfernen . Einige Augenblicke vergingen im tiefen Schweigen ; langsam richtete sich die Herzogin alsdann empor , und als ob alle Spannung aus ihrem Körper gewichen , sagte sie mit matter Stimme : Führe mich , liebe Morton ; ach ! es ist zu viel , ich bin krank , ich will mich niederlegen . Ach ! was geschieht um mich her ; wie soll ich leben , wie ausempfinden , was über alles Maaß ist - kannst Du es begreifen ? Morton hütete sich wohl , die zerstreute und traurige Gedankenreihe ihrer Gebieterin durch Antworten zu unterbrechen . Seit der schrecklichen Todesnachricht hatte die Unglückliche bis auf wenige nöthige Befehle kein Wort freiwillig gesprochen , keine Thräne geweint , kein Bedürfniß der Ruhe geäußert , und der treue Doktor Stanloff hatte mit Angst die Entwickelung dieser gänzlichen Erstarrung erwartet . Morton , die seine Besorgnisse getheilt hatte , sah nun mit einem Male diese gefürchtete Katastrophe durch ein sonderbar von Außen kommendes Ereigniß herbeigeführt : ihre geliebte Gebieterin weinte , hatte gesprochen , fühlte selbst das Bedürfniß der Ruhe . Dies schienen alles glückliche Zeichen , und die treue Dienerin empfand eine Freude und einen Trost , wogegen die sonderbare und geheimnißvolle Veranlassung ganz in den Hintergrund trat . Man näherte sich langsam den Schloßhallen , und Morton hätte viel darum gegeben , wenn sie die Herzogin , die sich wankend stützte , durch einen andern Weg nach ihrem Zimmer hätte führen können , denn sie mußte fürchten , daß die schwermüthigen Trauerzurüstungen , welche diese Hallen erfüllten , die unglückliche Frau aufs Neue in ihren trostlosen Zustand versenken würden . Aber es schien etwas anderes tief in der Seele Erwecktes dem heftigen Schmerze der Herzogin das Gleichgewicht zu halten . Morton fühlte , je näher sie den Hallen kamen , ihren Schritt sich befestigen und beschleunigen , und sie richtete sich mit ihrer gewöhnlichen Strenge empor , als Stanloff am Eingange ihr hastig entgegen schritt , und ihn mit der Hand zurückweisend , sagte sie fest : Wir bedürfen Eurer Hülfe nicht ; aber wo waret Ihr , da Ihr so nöthig hattet hier zu sein , um die Ungewißheit über Leben und Tod einer Unglücklichen von uns zu nehmen ; die Ungewißheit , sage ich , Gott verhüte es , daß hier in der nächsten Nähe unseres Schlosses ein unerhörtes Verbrechen begangen worden sei . Sie schritt während dessen , Mortons Arm verlassend , fest in den mittlern Saal . Jepson ! rief sie und winkte die Hand des Doktors zurück , als er den schwarzen Schleier , der als ein Theil ihrer Bekleidung von den Dienerinnen beim Aufheben abgedeckt und jetzt über sie geschlagen war , zurückziehen wollte , - dieser Ort scheint uns nicht passend für die wichtigen Untersuchungen , ob Leben und Tod obwaltet . Wir wünschen zu diesem Zweck den kunstreichen und erfahrenen Anordnungen unsers Doktors durch eine passende Wohnung zu Hülfe zu kommen , und bestimmen dazu die Zimmer im linken Flügel , welche die Vorzimmer zur Wohnung Seiner Hoheit des Prinzen von Wales ausmachen , und die durch den Kapellenthurm zugleich mit den Zimmern unserer Mistreß Morton verbunden sind , welcher wir , wenn Gott unser Gebet erhört und uns die Gnade gewährt , durch unsere wunderbar herbei geführte Hülfe ein Menschenleben gerettet zu haben , die besondere Pflege und Aufsicht übertragen wollen . - Jepson , der erste Vogt des Schlosses , mit seinem weißen Stabe und ebenso weißen Haupte , hörte , voll Ehrfurcht gebeugt , diese Befehle an , und begab sich alsdann , von der Bahre und mehreren von Morton beorderten Dienerinnen begleitet , nach der Vorhalle des Saales , von wo durch eine verschlossene Gallerie dieser Flügel für außerordentliche Fälle zu erreichen war . Auch Doktor Stanloff wollte sich dahin entfernen , als die Herzogin ihn zurück rief und mit minder fester Stimme hinzufügte : Ich kenne Euch , Doktor , Ihr werdet all ' Eure so oft bewährte Kunst , die uns manches theure Haupt erhielt , - ich sage , Ihr werdet diese Kunst auch heute anwenden , so Leben noch zu erwecken ist , und ein so schreckliches , empörendes Unglück , als ein Mord in unserm Bereich sein würde , dadurch vernichten . Sobald ich meine Zimmer erreicht habe , soll Morton Euch beistehen . - Nimm die übrigen Frauen mit Dir , Morton , und sorge vor allen Dingen , daß die Unglückliche geschont , und Alles mit Achtung und ohne Neugierde bei Seite gelegt wird , was sie noch an sich trägt und uns vielleicht , will ' s Gott , zur Kunde über ihre Angehörigen führen könnte . Stanloff , der bejahrte treue Diener dieses Hauses , der seiner großen Dienste und seltenen Eigenschaften halber mehr als Freund , denn als Diener angesehen wurde , fühlte wohl das Versöhnende in den Worten der Lady , womit sie schnell zu begütigen suchte , was ihr stolzer und heftiger Sinn nur zu leicht verschuldete , doch nie ungestraft von einem zarten Gewissen und einem edlen Herzen . Dies , was Allen , die sie näher kannten , wohl bewußt war , sicherte ihr einen leichten Sieg über jeden trüb ' heraufgeführten Augenblick , und flößte ihren Umgebungen eine Mischung von Furcht und Liebe ein , die sie mit vielem Geiste zu benutzen wußte , und die sie zu einer seltenen Herrschaft über die Gemüther erhob . Doch weniger als je , hatte sie Widerstand in dem sanften milden Herzen Stanloffs zu fürchten , denn er sah mit Freude in seiner geliebten Gebieterin das Gleichgewicht hergestellt , das so furchtbar noch bis vor wenigen Augenblicken zerstört war und ihn für ihr Leben fürchten ließ . Die Heftigkeit , die Ungerechtigkeit ihrer ersten Worte , waren so der natürliche Gang ihrer Außerungen , daß er einsah , ihr ganzes Wesen sei mit dieser Erschütterung in seine Bahn zurückgetreten . Er küßte voll Rührung die dargebotene Hand , wagte es noch ein Mal die oft ertheilten , kaum angehörten , noch weniger befolgten Verordnungen für ihre Gesundheit zu wiederholen , und ging getröstet von dannen . Sanft wandte die Herzogin sich zu Mistreß Morton und sagte ihr schmerzlich : Bringe mich hier weg , dieser Anblick scheint mich und meine Vernunft vernichten zu wollen . Sie wandte sich von dem Trauersaale ab , wollte sich so eben nach dem Ausgange begeben , als ein ferner Ton , wie ein Horn , an ihr Ohr traf , der nach einem Augenblick des bangen Harrens von einem näheren an der Thorbrücke , sodann zunächst von den Castellthürmen beantwortet wurde und keinen Zweifel ließ über die Ankunft der herzoglichen Leiche . Die Herzogin blieb einen Augenblick wie überwältigt , mit über die Brust gefalteten Händen und gegen die Decke gehobenen Augen stehn . Dann sank sie , wie getroffen , auf ihre Kniee nieder und beugte ihr Haupt wie zum Gebet . In einem Kreise umher kniete ihre noch immer die Halle erfüllende Dienerschaft , und die erhabene Feierlichkeit dieses Augenblicks und die tiefe Stille umher ward nur durch das sanft ausbrechende Schluchzen der Frau unterbrochen . So fanden die beiden Töchter der Herzogin , die mit ihren Damen herbeieilten , die geliebte Mutter , die bei ihrer Ankunft das thränenbenetzte Gesicht mit schwermüthigem Lächeln zu ihnen aufhob , und sie neben sich nieder winkte . Der weite Weg , den der Zug zu machen hatte , da der erste Ruf des Hornes noch vor der Brücke , nach alter Sitte , Einlaß begehrte , füllte eine lange Zeit . Während er den ersten Hof betrat , erschien Jepson am Eingange der äußeren Halle , um der Herzogin Meldung zu machen . Als er die hohen Gitterthüren öffnete und seine erhabene Gebieterin , von ihren Töchtern und Dienerinnen umgeben , auf den Knieen sah , sank auch er stumm zur Erde und blieb so einige Augenblicke voll Andacht , dann erhob er sich , seines Amtes gedenkend , und den Arm mit dem Stabe vor sich herstreckend begann er mit feierlicher Stimme : Es hat dem allmächtigen Gott in seiner Barmherzigkeit gefallen , den Weg zu beschützen , den der erhabene Sohn und Erbe dieses erlauchten Hauses in der Erfüllung seiner großen und schweren kindlichen Pflichten aus weiter Ferne angetreten , um die sterblichen Ueberreste des durchlauchtigen Herzogs , seines erhabenen Vaters , zu den Hallen seiner Väter zurückzuführen . Vor den Thoren dieses Schlosses harrt er und begehrt voll Demuth gegen seine herzogliche Mutter , unsere erhabene Gebieterin , Einlaß ! Von ihren Knieen sich erhebend , von ihren Töchtern unterstützt , antwortete die Herzogin mit tiefer Stimme : Gott segne seinen Eintritt über die Schwelle