« Der Wirt schrie : » Bedenken Sie , daß ich Ihr heute morgen die Daumen aufgebrochen habe ! « - » Ist dieses der Dank dafür , daß Sie uns das Bett zerrammelt hat ? « schrie die Wirtin . Während dieses Geschreis war eine neue Figur an der offnen Tür erschienen . Den Reitknecht Wilhelm hatte der Lärmen herbeigezogen ; er kam , die kurze Pfeife im Munde . Als die Jungfer den Dienstgenossen erblickte , lebten in ihr alle Hoffnungen auf ; sie lief zu ihm , und beschwor ihn bei der Ehre des Stalls und der Gesindestube , ihr das gegen göttliche und menschliche Rechte entrißne Zimmer wiedererringen zu helfen . Es hätte so dringender Worte nicht bedurft . Der brave Kerl war selbst auf den Wirt und dessen schlechten Hafer böse , und eine Gelegenheit , ihm etwas anzuhaben , kam ihm grade erwünscht . Es rückte nunmehr die Heersäule der Bundesgenossen vor ; die Kammerjungfer , mit einer Elle bewaffnet , die sie irgendwo gefunden hatte , der Reitknecht , sich verlassend auf seine derben rotbraunen Fäuste . Sofort duckte sich der Wirt mit seiner Gattin zwischen zwei Stühlen nieder . Hermann , der endlich merkte , worum es sich handle , rief wiederholentlich ; » Hört mich an ! « Es achtete aber niemand seiner , und nun beschloß er , vorerst die Entwicklung der Begebenheiten abzuwarten . Er zog daher einen Tisch vor das Sofa , auf dem er saß , um sich gegen alle gezwungne Teilnahme an den drohenden Ereignissen der nächsten Zukunft zu sichern . Der Reitknecht und die Kammerjungfer gingen indessen grade gegen die Stühle vor . Dem verständigen Gastwirte , welcher zwischen denselben hockte , wurde nicht wohl zumute . » Ihr wollt mich doch nicht in meinem eignen Hause prügeln ? « rief er mit einer zwischen Mut und Furcht zitternden Stimme . - » Haun Sie zu , Wilhelm ! « redete die Jungfer den Knecht an . » Hurra ! « rief der brave Kerl , welcher nur an seine übelgenährten Pferde , und nicht an den Dienst des Herzogs dachte , und reichte dem Wirte eine Ohrfeige von schwerem Gewichte . Diese Ohrfeige gab das Zeichen zum allgemeinen Kampfe . Der Wirt fuhr grimmig auf den Reitknecht los , und die Jungfer machte sich mit der Wirtin handgemein . Zuerst von den Männern . Mit leichter Mühe hatte der Reitknecht , ein baumstarker Mann , den Wirt zurückgeworfen . Er verfolgte den errungnen Vorteil , und legte den Gegner , alles Sträubens ungeachtet , über einen Stuhl , mit dem Gesichte gegen die Erde . Die Rockschöße des Wirts trennten sich , und nun erst wurde dem Reitknechte das eigentliche Feld seiner Tätigkeit sichtbar . Alsobald begann er auf dieser Tenne zu dreschen , so flink und so gewaltig , als gälte es , die Ernte des ganzen Jahres an einem Tage zu gewinnen . In dieser schrecklichen und letzten Not rief der Wirt inbrünstig alle Heiligen um Beistand an . Einer derselben mußte ihn gehört haben , denn es ereignete sich eine völlige Wendung der Geschicke . Der Reitknecht hatte im Übermaße seiner Siegestrunkenheit sich die Faust an dem Wirte fast lahm geschlagen . Deshalb müde , noch mehr Lorbeern mit Schmerzen zu gewinnen , nahm er den Geprügelten in seine Arme , nicht , um ihn zu küssen , sondern um ihn zur Stube hinauszutragen . Aber er hatte denn doch seiner Kraft zu viel vertraut . Auf der Hälfte des Wegs stolperte er über seine Sporen , stieß an Hermanns Tisch , und fiel mit seiner Bürde donnernd zu Boden . Jetzt fügte es jener unbekannte Heilige so , daß der Wirt eher auf den Füßen zu stehen kam , als der Reitknecht . Hurtig , wie eine wilde Katze , holte jener seinen Marterstuhl herbei , und stülpte denselben dem Reitknecht über den Leib , dergestalt , daß dieser kein Glied zu regen vermochte . Nun war der Augenblick der Vergeltung erschienen . Der Wirt saß auf dem Stuhle und ließ alle zehn Finger im Gesichte des Reitknechts spazierengehn , welcher , die Farben des Regenbogens vor den Augen sehend , vorn wieder empfing , was er hinten ausgeteilt hatte . So rächte der Wirt sein gemißhandeltes Kreuz . Der brave Kerl lag unter dem Stuhle , zerschlagen , wehrlos , regungslos , und rief unaufhörlich : » Jungfer , zu Hülfe ! « Aber wie hätte die Jungfer ihm helfen mögen , sie , die selbst nur zu ernsthaft beschäftigt war ? Anfangs suchten die beiden Frauenzimmer einander mit den Nägeln möglichst zu schaden . Da indessen dieses Gefecht der Kammerjungfer kein genügendes Resultat gab , so drängte sie die fette und unbehülfliche Wirtin in eine Fenstervertiefung und fing an von ihrer Elle Gebrauch zu machen . Die Wirtin konnte sich der ungemein schmächtigen und behenden Jungfer nicht erwehren , tat einen Satz der Verzweiflung , und sprang auf die Fensterbrüstung . Hier wurde nun die Schnur des Vorhangs von der heftigen Erschüttrung gelöst , und die Gardine rollte vor der Wirtin nieder . Mit großer Geistesgegenwart ergriff die Jungfer augenblicklich das untre Ende des Vorhangs , hielt die Wirtin wie in einem Sacke gefangen und hämmerte wacker auf die runde Erhöhung los , welche der Leib der Feindin im Vorhange bildete . Die Frau seufzte nach ihrem Manne , wie der Reitknecht nach der Jungfer , aber beide Sieger spürten größere Begierde in sich , die Gegner zu prügeln , als den Ihrigen zu helfen . Endlich fiel der genotängsteten Wirtin das letzte Mittel ein , durch welches sogar eine Hinrichtung hinausgeschoben wird , und welches freilich dem armen Kerl von Reitknecht nicht zu Gebote stand . Sie rief hinter dem Vorhange : » Jungfer , schonen Sie meiner , ich bin in andern Umständen ! « Bei diesen Worten geriet Hermann in eine Todesangst , denn die funkelnden Augen der Jungfer ließen besorgen , daß sie auch das Ungeborne ihrer Rache opfern werde . Er fürchtete ein Unglück , und fand , wie durch innere Eingebung einen rettenden Gedanken . Vom Sofa aufspringend , den Tisch umwerfend , rief er mit lauter Stimme : » Haltet inne , der Herzog kommt ! « Dies wirkte . Sogleich hörte die Schlägerei auf . Die Wirtin sprang vom Fenster und pustete , die Kammerjungfer stellte sich vor den Spiegel , brachte ihre Flechten in Ordnung und keuchte , der Wirt ließ den Stuhl los und spuckte , der Reitknecht raffte sich auf , und schüttelte sich am ganzen Leibe , wie ein durchnäßter Pudel . Hermann erklärte darauf dieser pustenden , keuchenden , und sich schüttelnden Versammlung , daß es des ganzen Krieges nicht bedurft habe , und daß er lieber im Freien zubringen , als jemandem sein Zimmer nehmen wolle . Der Reitknecht sah die Jungfer verdrießlich an , und sagte : » Auf ein andermal lasse Sie einen mit Ihren Dummheiten ungeschoren . « Den armen Kerl schmerzten seine Beulen , er ging , sich mit Branntwein zu waschen . Hermann wollte auch hinaus . Aber der Wirt , der seine Schläge umsonst empfangen zu haben , nicht begehrte , hielt ihn zurück , und erklärte rund und nett , die Jungfer solle nun durchaus ihren Willen nicht haben , die Stube sei ihm zugeteilt , und dabei habe es sein Bewenden . Auf dieses Manifest machte die Jungfer ein grimmiges Gesicht . Hermann fürchtete den Wiederausbruch der Feindseligkeiten , und um nur die Sache vorderhand beizulegen , schlug er vor , die Stube zwischen ihm und ihr zu teilen ; ob der Wirt nicht ein Saattuch oder sonst etwas habe , womit man die beiden Hälften abscheiden könne ? Wirklich erinnerte sich jener eines alten riesigen Krankenschirms . Dieser wurde herbeigeholt , aufgestellt , und schied das Zimmer in zwei gleiche Teile . Hermann überließ der Jungfer das Kabinett rechts , und zog links vom Schirm ein . Zuerst hatte sich ihr Zartgefühl gegen einen solchen Vorschlag gesträubt , endlich war sie durch wiederholte feierliche Versichrungen Hermanns , daß er jede ersinnliche Rücksicht auf ihre Nähe nehmen werde , beschwichtigt worden . Beim Hinausgehen fragte der Wirt seine Gattin mit dem Ausdrucke einer stillen Trauer , ob denn ihre Nachricht von vorher richtig sei , und der Herr sich an ihrem Leibe noch mächtig erwiesen habe ? Die Frau versetzte , er solle doch nicht so töricht sein , sie sei ja weit über die Jahre hinaus . Das war denn doch eine Freude nach manchem Leid , denn der Wirt hatte Kinder genug , und verlangte nicht nach mehreren . Nun schien Ruhe und Frieden links und rechts des Schirmes eingekehrt zu sein . Die Jungfer nähte , und Hermann hatte sich auf das Bett gelegt , welches in seiner Hälfte stand . Er suchte seine Gedanken zu ordnen , und sich in den mannigfaltigen Zufällen dieses Tages zurechtzufinden . » Ich muß wohl der Mann des Schicksals sein « , rief er , » da um meinetwillen ohne Not Unheil und Katzbalgerei entsteht ! « - Ermüdet , wie er war , von Wandern und Hitze , versank er bald in Schlummer . Die Kammerjungfer drüben wurde auch des Nähens überdrüssig , legte sich mit dem Kopf auf den Tisch , und nickte ein . Aber Eris schlief nicht , und brauchte diesmal statt des Apfels einen Hund , um die Eintracht zu stören . Ein Newfoundländer von der größten und zottigsten Art , den ein Gast mitgebracht hatte , ging , nach Wurstschalen und andern Leckerbissen umherschnoppernd , durch das Haus . Er kam auch zu Nummer Vier , fand die Tür nur angelehnt , und schob sich sacht hinein . Die Hunde wissen auf der Stelle , wer ihr Freund ist . Dieser sah dem schlafenden Hermann so eine Art von Sympathie an . Er setzte sich vor dem Bette nieder , beroch die niederhängende Hand des Schlummernden , leckte dann an derselben , und setzte dieses Spiel eine Weile fort . Hermann , der bald die kalte Nase , bald die warme Zunge des Tiers an seiner Hand hatte , wachte von dieser Abwechslung auf . Der Instinkt des Hundes war richtig gewesen , Hermann hielt wirklich gute Freundschaft mit allen lebendigen schönen Geschöpfen . Er freute sich des mächtigen Tiers , streichelte seinen Kopf und Rücken , so daß der Hund vor Vergnügen zu gähnen anfing . Hermann ballte das Schnupftuch zusammen , der Hund apportierte lustig . Ihn ergötzten die gewaltigen Sprünge des Newfoundländers , er wiederholte den Zeitvertreib und warf das Tuch nach dem Schirme zu . Der zottige Gesell sprang mit seiner ganzen Stärke gegen den Schirm , dessen Bespannung , alt , mürbe und kaum noch in den Nägeln hangend , einem solchen Stoße nicht zu widerstehn vermochte . Ein großer Fetzen riß aus , der Hund fuhr hindurch , und in das Gebiet der Kammerjungfer ; Hermann hörte den Hund bellen und die Jungfer schrein . Diese war durch das Getöse , welches der Köter machte , längst erweckt worden . Tapfer gegen ihresgleichen , war sie überaus furchtsam , wenn sie nur eine Spinne oder Kröte sah . Und nun gar eine Newfoundländer Dogge ! Sie floh vor der erregten Bestie in eine Ecke , warf sich dort nieder , und brachte , wie der Vogel Strauß , ihren Kopf in Sicherheit , alles übrige preisgebend . Der Hund sprang ihr lustig nach , und mit den Vorderfüßen auf beide Hüften . So stand er halb auf der Jungfer und bellte aus Leibeskräften , ohne etwas Arges im Schilde zu führen . Die Sache schien ihn vielmehr ausnehmend zu belustigen , und er wurde immer vergnügter , je heftiger die Jungfer kreischte . Vergebens rief ihn Hermann durch das ganze Register der ihm bekannten Hundenamen . Indessen war der bedrängten Jungfer bereits ein Retter erschienen und zwar in der Person des verständigen Wirts , welchen der abermalige Lärmen in der verhängnisvollen Nummer Vier wieder herbeigezogen hatte . Um gutzumachen , was er an der Jungfer verbrochen , faßte er den Beller am Schweif , ihn von ihrem Rücken herabzureißen . Der Hund verstand aber , wie alle seine Brüder , am Schweife durchaus keinen Scherz , fuhr herum und versetzte dem Wirt einen solchen Biß in die Hand , daß der Mann sie unter Geheul blutig in die Luft schlenkerte . So ward jener an einem Tage für beides bestraft , für Laster und Tugend . Inzwischen trat die Kammerjungfer zum Schirme und schalt in den bittersten Ausdrücken nach Hermann hinüber . Dieser aber hörte von allem , was sie sagte , nichts , denn er hatte das Schlachtfeld verlassen , entschlossen , die Stätte so vieler Streitigkeiten mit keinem Fuße wieder zu betreten . Unten begegnete er dem Newfoundländer , der auch gleichgültig fortgerannt war , sobald er den Wirt in die Hand gebissen hatte . Achtes Kapitel Der Abend war schön , Hermann beschloß denselben im Freien zuzubringen . Draußen vor dem Tore zwischen grünen Hecken , unter mächtigen Kastanienbäumen sah er ein blaues Schieferdach . Spitzbogen , Kreuze und hohe schmale Fenster überzeugten ihn , daß das kleine einsame Gebäude eine Kapelle sei ; er erinnerte sich , von einem weit und breit berühmten Marienbilde gehört zu haben , welches hier den Gläubigen seine Wunder spendete . Die Neugier führte ihn in das Heiligtum ; leise trat er durch die nie verschloßne Pforte . Der den katholischen Kirchen und Betörtern eigentümliche Geruch , welcher vom zersetzten Weihrauchs- und Lichterdampfe herrührt , schlug ihm entgegen . Sammet , Borten , Blumen von gesponnenem Gold und Silber , Schmelzwerk , und was sonst die Andacht zur Zier verwendet , prangten um den geschmückten Altar . Zwischen diesen glänzenden Dingen nahm sich freilich das von Dunst und Alter gebräunte Bild der Mutter Gottes nicht sonderlich aus . Indessen bewegte ihn ein eigner Anblick . Dieses Bild erzeigte sich besonders Gichtkranken hülfreich . Da hatten nun die Reicheren , welche die Befreiung von ihren Leiden hier erbetet , silberne Votivglieder geschenkt ; kleine blinkende Arme und Füße hingen in großer Anzahl um die himmlische Helferin . Die Armen , welche Silber zu schenken unvermögend waren , stellten ihre Krücken als Denkzeichen hin . Zu Hunderten standen die unnötig gewordnen Notbehelfe rechts und links vom Altar . » Sie ist zur Fabel geworden , diese Religion der Wunder « , sagte Hermann für sich , » aber sie ist eine rührende Fabel . « Er sah zwei Betende in der Kapelle und erkannte den Herzog und die Herzogin , die hier ihre Abendandacht verrichteten . Sonst war niemand darin . Als sie sich erhoben , trat Hermann mit einer unwillkürlichen Bewegung hinter ein Seitentabernakel zurück . Die Herrschaften setzten sich auf die Bänkchen ihrer Betpulte . » Man weiset uns an , Gott einzig um geistige Dinge zu bitten « , sagte die Herzogin . » Heute muß ich gestehn von dieser Vorschrift abgewichen zu sein . Ich habe dem Herrn nur allein die Bitte vorgetragen , uns die Spur der unglücklichen Johanna zu zeigen . « » Ich denke « , versetzte der Gemahl , » daß die Ehre unsres Hauses und das Schicksal eines verirrten Wesens wohl auch Dinge sind , von denen man zu dem höchsten Ordner der menschlichen Angelegenheiten reden darf . « » Glaubst du , daß wir morgen auf dem Falkenstein etwas von ihr hören werden ? « fragte die Herzogin . » Wenn ich aufrichtig sprechen soll , nein « , erwiderte der Gemahl . » Der Entführer ist schlau genug , und der alte Amtmann , dem ich längst nicht mehr traue , war vermutlich mit ihm im Einverständnis . Er wird sich anstellen , als sei er selbst getäuscht worden . Lieb wäre es mir , wenn du den graden Weg nach Hause einschlügst , und mich mit Wilhelmi diese verdrießliche Seitentour allein abmachen ließest . « » Nimmermehr ! « rief die Herzogin . » Es müßte denn sein , daß meine Gegenwart euch in etwas Dienlichem hinderte . Ich bin doch auch schuld daran , daß die Unselige sich so weit vom rechten Pfade verlieren konnte , ich hätte sie vielleicht sanfter behandeln , ihr Herz mehr aufschließen sollen . Deswegen halte ich es für meine Pflicht , alle Mühsale und Verlegenheiten , die sie uns verursacht , mit tragen zu helfen . « » Wer hat hier Schuld ? « sagte der Herzog . » Der , welcher eigentlich für die Fehltritte einer zügellosen Natur verantwortlich ist , liegt im Grabe . Die Sünden der Väter werden heimgesucht an den unsträflichen Kindern ; ich mache mich auf schmerzliche Dinge gefaßt . « Hermann hörte noch manches , was sich auf das Hausgeschick bezog , dessen diese Reden gedachten . Er fühlte sich in seiner gezwungnen Horcherrolle sehr gepeinigt . Wenn man ihn beim Hinausgehn sah , in welchem Lichte mußte er erscheinen ? Und doch war es jetzt unmöglich geworden , unbemerkt aus der Kapelle zu schlüpfen . Die Herzogin stand plötzlich auf , ergriff ihren Gemahl bei der Hand und sagte mit einiger Leidenschaftlichkeit : » Du mußt mir etwas versprechen . Ich weiß , daß du talentvolle junge Männer gern an dich heranziehst . Tue mir den Gefallen , und halte uns unsre heutige Bekanntschaft fern . « Ihr Gemahl sah sie verwundert an . » Wie kommst du darauf ? « fragte er . » Es ist eine Grille « , erwiderte sie , » und ich mag ihr keine Wichtigkeit beilegen . Aber tue mir den Gefallen , und lade diesen jungen Mann nicht über unsre Schwelle . « » Man sollte sich bei seinen Handlungen eigentlich durch Grillen nicht leiten lassen ! « rief der Herzog . » Er ist der Sohn eines Manns , dem mein Vater die größten Verpflichtungen hatte ; Verpflichtungen , die nach hingeworfnen Äußerungen zu schließen , ganz eigner , sonderbarer Art gewesen sein müssen . Er rennt ohne Zweck und Ziel durch die Welt . Ich hatte daran gedacht , ihn nützlich zu beschäftigen . Indessen gehn mir deine Wünsche über alles , und er mag sich daher selbst in der Irre zurechtfinden . « Sie standen jetzt kaum zwei Schritte von Hermann , und er sah der Fürstin in das schöne regelmäßige Antlitz . » Hätten wir doch unsre Pferde bei der Hand « , sagte sie . » Ein Ritt am Flüßchen müßte in dieser Kühle sehr behaglich sein . « » Ich habe leider keinen Bedienten mitgenommen , den wir nach dem Gasthofe schicken könnten « , erwiderte der Herzog . » Laß uns eine Strecke zu Fuß spazieren . « Als sie die Kapelle verlassen hatten , trat Hermann aus seinem Verstecke hervor . » Was hat sie gegen mich ? « fragte er bitter und wehmütig . Es war ihm so neu , in der Damenwelt etwas wie Abneigung zu finden , daß er sich nicht wohl darein zu schicken wußte . Er trat in die Türe der Kapelle , und sah die Herrschaften zwischen wallenden Kornfeldern gehn . Der Schmerz kleidete sich bei ihm leicht in den Scherz . Er strich sich über die Augen , wischte eine Träne aus , und rief : » Weiset ihr den Gast zurück , so werdet ihr doch den Bedienten nicht verschmähn . « In fünf Minuten hatte er das Wirtshaus erreicht . Er stöberte den Reitknecht Wilhelm auf , und hieß ihn satteln ; der Herzog befehle die Pferde . Er wollte ihm die Gegend beschreiben , wo sein Herr lustwandelte , der Reitknecht ließ ihn aber nicht ausreden , sondern schlug sich mit beiden Fäusten in das Gesicht , welches von den Stößen des Wirts schon blau genug war , und rief : » Ich bin aus dem Dienst , wenn die Herrschaft mich so zu sehn bekommt . « Vergebens stellte ihm Hermann vor , morgen bemerke der Herzog ja doch sein geschwollnes Antlitz , und erfahre mithin die Sache . Der Reitknecht dachte wie ein Wilder nicht über den heutigen Tag hinaus . Hermann sah , daß mit dem Menschen nichts anzufangen war . » Was tut ' s , ob mich das Nest für einen Narren hält ? « rief er . » Sattelt , Wilhelm , ich will den Herrschaften die Pferde bringen . « Diese Großmut schlug dem Kerl bis auf die Seele durch , er küßte Hermann inbrünstig die Hand , und sattelte weinend die Rosse . Bald trabte jener auf einem gedrungnen Polacken , den Zelter der Herzogin , und den Fuchs des Herzogs an der Hand führend , davon , zum Erstaunen des Wirts , dem dieser Gast ein Rätsel war und blieb . Als die Herrschaften den Hufschlag hörten , wandten sie sich um , und machten verwunderte Gesichter . Er war rasch vom Pferde , trat , die Tiere führend , zu jenen , und sagte schnell , um die Entdeckung des wahren Zusammenhangs zu verhüten : » Ich sah Ew . Durchlauchten im Felde spazieren , ich dachte , daß ein Ritt vielleicht angenehmer sein möchte , habe ich mich geirrt , so bringe ich die Pferde zurück . Den Reitknecht konnte ich nicht finden , ich erlaubte mir deshalb , selbst den Stallmeister zu machen . « Der Herzog fixierte ihn , und versetzte nicht ohne eine gewisse Schärfe : » In wie vielen Gestalten wird man Sie denn noch zu sehn bekommen ? « » In jeder , welche schicklich ist , Ew . Durchlaucht Dienste zu leisten « , sagte Hermann trocken . Man sprengte durch Wiesen und lichte Baumplätze . Hermann hielt sich streng mehrere Schritte zurück . Da der Weg breit genug für drei war , so forderte ihn der Herzog auf , Front zu machen . » Der Platz des Dieners ist hinter den Gebietern « , erwiderte er , und blieb , wo er gewesen , der schlanken Reiterin vor ihm im stillen grollend . Es war dunkel , als man zurückkehrte . Hermann half vor dem Gasthofe der Herzogin vom Pferde . Sie flüsterte ihm , als sie ins Haus ging , zu : » Ich habe noch mit Ihnen zu reden . « In der Dämmerung stand er ihr bald in ihrem Zimmer gegenüber . Sie ging nach ihrer Schatulle , holte eine Rolle , drückte sie in seine Hand und sagte : » Sie haben mir heute morgen von einem unglücklichen Mädchen erzählt . Hier ist Geld . Finden Sie den Vater ab , bringen Sie das Kind anständig unter ; wenn ich späterhin gute Zeugnisse zu sehn bekomme , so will ich die Verlaßne selbst aufnehmen . « Hermann weigerte sich , das Geld anzunehmen . » Ich bin Ew . Durchlaucht unbekannt , und kann mir nicht schmeicheln , Ihr Vertrauen schon in dem Maße zu verdienen , um der Depositar einer so großen Summe sein zu können . « » Was meinen Sie ? « fragte die Herzogin befremdet . » Sie sind brav und klug , und Ihr Name hat für unser Haus einen guten Klang . Leben Sie wohl ! Wir sehen uns wohl schwerlich wieder ! « Sie machte ihm ein Zeichen , daß er entlassen sei . Er ging , und wußte nicht , was er von ihrer Abneigung und von dem letzten Lobe denken sollte . Man setzte sich in der größeren Stube , die den Salon vorstellen mußte , zum Spiel . Nachdem einige Partien gemacht waren , sagte die Herzogin : » Wir treiben die Sache so ernsthaft , daß , wenn uns jemand sähe , der uns nicht kennt , dieser glauben müßte , die bunten Blätter lägen bei uns zu Hause beständig auf dem Tische . « » Das Spiel ist in eine unverdiente Mißachtung gefallen und bis jetzt durch nichts Besseres ersetzt worden « , sagte Wilhelmi . » Grade die mäßige Aufmerksamkeit , die es fordert , das Zählen und Anlegen ist wohltätig . Es hält uns in einem heilsamen Mittelzustande zwischen Anspannung und Zerstreuung . « » Unser Freund sagt wieder Schmeicheleien eigner Art ! « rief der Herzog . » Weil wir zu geistlos sind , miteinander zu reden , müssen wir spielen . « » Ich verwahre mich gegen alle besondren Auslegungen , gnädigster Herr « , versetzte Wilhelmi . » Sie wissen , daß es meine Schwachheit ist , gern im allgemeinen zu reden . Und das darf ich denn doch wohl behaupten , daß unsre deutsche Gesellschaft meistenteils ein wunderbares Gesicht macht , welches nicht schöner geworden ist , seitdem man die Tische mit den Markenkästchen entfernt , und an ihre Stelle die Musikpulte und die Lesebrettchen geschoben hat . Sonst kam man zusammen , ganz einfach und aufrichtig , ein Spielchen zu machen , man freute sich auf seine Partie , der Abend wurde dadurch kürzer , späterhin gelang wohl ein heitres Gespräch an runder vertraulicher Tafel . Jetzt strömt das Verschiedenartigste in die erleuchteten Säle , Menschen , die keinen Ton leiden mögen , die man , wollten sie aufrichtig reden , mit Gedrucktem und Geschriebnem , wer weiß wie weit , jagen könnte , Leute , die an nichts Wissenswürdigem einen wahren Anteil nehmen , dieser bunte Jahrmarkt flutet zwischen Musik , Vorlesen und sogenannter geistreicher Unterhaltung hin und her , mit erlognem Interesse , mit scheinbarer Erhebung . Jeder Vernünftige , welchen sein Unstern in dieses Getreibe wirft , seufzt im stillen : , Ach ! ständen doch die Kartentische erst wieder da ! Ich erinnre mich von meiner letzten Geschäftsreise eines solchen Festes . Ein alter General , dem man die Pein ansehen konnte , saß traurig in einer Fenstervertiefung , und klagte , sich unbelauscht glaubend , in seinem eigentümlichen Deutsch über die verwünschte Bücher- und Singemode . Gleich darauf war ein Hauptaktus beendigt ; ein geckenhafter Mensch trat an den Gelangweilten hinan , und der alte Degenknopf mußte sich nun zwingen , in den Enthusiasmus des Windbeutels einzustimmen . « » Welche Predigt ! « rief die Herzogin . » Was dergleichen kleine Torheiten nur groß schaden ! « » Was sie schaden ? « sagte Wilhelmi . » Ich glaube , daß sie mit dazu beitragen , den Zustand allgemeiner Heuchelei hervorzubringen , der recht eigentlich das Kennzeichen unsrer Zeit ist . Wir Deutschen sind ein häusliches und bürgerliches Volk , ehrwürdig durch einen einfachen Sinn , durch gesunden Menschenverstand . Was man Geist nennt , ist nur das Erbteil einzelner , nicht der Nation . Am allerwenigsten kann man sagen , daß das Gefühl für das Schöne bei uns so häufig verbreitet sei , als man jetzt sich und andern einbilden will . Wir sind und bleiben Barbaren , und wollen die Musen und Grazien , wie jener König in Phokis , immer gleich einsperren , wenn sie ja einmal bei uns einkehrten . Darum wiederhole ich : Ständen doch die Kartentische erst wieder da ! « » Und vergessen , daß Sie an einem sitzen « ; sagte der Herzog . » Sie hätten längst mischen sollen . Dieses Schelten auf die Zeit , auf unsre Zeit ! Gehören Sie denn nicht auch zu ihr , Sie mit Ihren trüben Ansichten eben recht zu ihr ? Es ist charakteristisch , daß wir immer von der Zeit reden , von unsrer Zeit . Wo fängt sie denn an , und was hat sie eigentlich so Besondres , wenn wir einmal ganz auf den Grund gehn wollen ? « » Sie spielt Komödie , wie keine andre « , sagte Wilhelmi . » Die alten Jahrhunderte haben uns ihre Röcke hinterlassen , in die steckt sich die jetzige Generation . Abwechselnd kriecht sie in den frommen Rock , in den patriotischen Rock , in den historischen Rock , in den Kunstrock , und in wie viele Röcke noch sonst ! Es ist aber immer nur eine Faschingsmummerei , und man muß um des Himmels willen hinter jenen würdigen Gewändern ebensowenig den Ernst suchen , als man hinter den Tiroler- und Zigeunermasken wirkliche Tiroler und Zigeuner erwarten soll . Was aus unsrer Jugend , die so recht vom Geiste der Gegenwart durchsogen ist , werden mag , ist in der Tat schwer abzusehn . So ein junger Mensch von heute steht im vierundzwanzigsten Jahre fertig da , alles ward ihm leicht und mundrecht gemacht , im Fluge hat er den Schaum von der Oberfläche der Dinge abgeschöpft . Daß der Mensch nur durch Erfahrung , unter Arbeit und Not zu irgendeiner Erkenntnis gelangen kann , daß man durch das Kleine sich lange Jahre hindurchwinden muß , bevor man das Größere zu verstehn imstande ist , daß nur das wahrhaft besessen wird , was errungen , ermüht und erlitten wurde , wer möchte dergleichen Dinge jetzt aussprechen ? Die wohlfeilen Kommunikationsmittel fördern den jungen Weisen in reißender Schnelligkeit durch alle Lande , er ist durch den Vatikan gestrichen , nun ward er ein Kunstkenner , er hat den Tunnel angesehn , seitdem versteht er sich auf Mechanik . Benjamin Constant sprach mit ihm ein paar höfliche Worte - der Politiker war ausgebrütet . Bescheidenheit , Gehorsam , Unterordnung , Zweifel an der eignen Unfehlbarkeit sind ihm Ammenmärchen , Großmutterschwächen . Überall und nirgends zu Hause , kehrt er zurück ins Vaterland , ein Riese an Sicherheit , der aber bei jedem Schritte ausgleitet , kluge Reden hält er über gute Lebensart ... « Ein herzliches Lachen unterbrach den schwarzgalligen Redner . » Daher der Zorn ! « rief die Herzogin . » Der arme Hermann ! Sie haben doch ein rachsüchtiges nachtragendes Gemüt , Wilhelmi ! « Währenddem der Herzog den Spott seiner Gemahlin fortsetzte , wurde ein Billet an Wilhelmi abgegeben . Dieser wollte es ungelesen einstecken . » Öffnen Sie doch , es könnte etwas Eiliges sein « , sagte