, der Furie zu entrinnen , ich verließ das Zimmer meines Oheims sogleich , und sein Haus vor Anbruch des Tages . Ich schrieb ihm aus Jena , wohin ich nun eilte , um mit ganzer Seele Medicin zu studiren , ich erhielt aber nur eine kurze , trockne Antwort , worin er mir meldete , daß er seine Hand gänzlich von mir abziehe , da ich mich erdreistet habe , seine Gattin mit solcher Frechheit zu beleidigen . Was war zu thun , ich mußte mich fügen , und ich kann sagen , daß ich mit geringen Mitteln die Arzneiwissenschaft wie ein Held erobert habe . Jedoch , wie kamen Sie mit dem Grafen in Verbindung ? fragte der Pfarrer , der gern wieder das Gespräch auf diesen Gegenstand leiten wollte , der ihm wichtiger war , als die Lebensgeschichte des Arztes , ob er gleich auch diese nicht ohne Theilnahme anhörte , denn es war ihm ein Bedürfniß geworden , aller Menschen Verhältnisse genau zu kennen , mit denen er irgend in Berührung kam . Ich hatte es möglich gemacht , sagte der Arzt mit selbstgefälligem Lächeln , indem ich meine eignen Studien trieb , noch so viel durch Unterricht , den ich Andern gab , zu gewinnen , daß ich nicht nur lebte , sondern auch noch ein Sümmchen ersparte , womit ich mich auf den Weg nach Wien machte , um die großen Geister der dasigen Region kennen zu lernen . Es ging auch dort mühsehlig , aber es ging doch ; ich erreichte meinen Zweck und studirte mit Eifer . Der Graf hielt sich zu der Zeit in Wien auf , er suchte einen geschickten jungen Arzt , der ihn auf seine Güter begleiten sollte , man empfahl mich , und ich erndtete nun die Früchte meines Fleißes ; ich kann bei einem bedeutenden Gehalte nun ein völlig sorgenfreies Leben führen und ungehindert mich meinem Lieblingsfach widmen . Der Pfarrer versuchte es einigemal , das Gespräch wieder auf den Grafen zu lenken ; indeß die Phantasie des Arztes war zu sehr durch seine eigne wunderbare Lebensgeschichte angeregt und alle Fragen , die der Pfarrer an ihn richtete , er mochte sie wenden , wie er wollte , führten den Arzt immer wieder auf einen Vorfall seiner Jugend oder Kindheit , so daß nichts mehr aus ihm herzubringen war , und der Pfarrer , verdrießlich über die geringe Ausbeute , die er gemacht hatte , sich endlich entschloß , zu Bette zu gehen . Er verabredete noch vorher mit dem Arzte , daß sie um fünf Uhr am andern Morgen aufstehen und den alten Dübois von seiner Krankenwache ablösen wollten . Nach dieser Verabredung begaben sich beide zur Ruhe , und überließen sich den Träumen , die ihrem Lager nahen wollten . IV Mit dem Schlage fünf stand der Pfarrer , der in allen Geschäften höchst pünktlich war und sein ganzes Leben zum Geschäft machte , vor dem Bette des Arztes und ermahnte ihn , der Verabredung gemäß , aufzustehen , indem er ihm zugleich anzeigte , daß der Kaffee schon auf dem Tische stehe , wie sie es am vorigen Abend bestellt hätten . Der Arzt sprang auf , kleidete sich mit großer Hast an und rieth dem Pfarrer , seine Morgenpfeife beim Kaffee zu rauchen , weil er nicht zugeben könne , daß im Zimmer des Kranken geraucht würde . Er selbst machte das Kaffeetrinken eilig ab , denn er hatte eine große Begierde , den Kranken zu sehen . Nach wenigen Minuten begaben sich beide , Arzt und Pfarrer , nach dem Krankenzimmer ; sie fanden den Verwundeten ruhig schlummernd und den alten Haushofmeister neben dem Bette desselben in einem Lehnstuhl sitzend . Er hatte seine silbergrauen Haare mit einer weißen Nachtmütze bedeckt , Pantoffeln an den Füßen , seinen weiten braunen Ueberrock bis oben zugeknöpft und las mit der Brille auf der Nase andächtig in einem französischen Gebetbuche , beim Schein einer Lampe , deren Schimmer er so gerichtet hatte , daß der Kranke nicht von den Lichtstrahlen belästigt wurde . Nun , wie gehts , bester Herr Dubois , rief der Arzt eilig , wie geht ' s mit unserm jungen Manne ? Sie haben mich nicht gerufen , in der Nacht ist also wohl nichts vorgefallen ? Der Kranke , versetzte der Haushofmeister , erwachte aus seinem Schlummer vor einigen Stunden , er blickte um sich und wollte sich aufrichten ; es war ein rührender Anblick , dem armen jungen Mann fehlten die Kräfte , ich bat ihn ruhig zu sein . Wo bin ich ? fragte er französisch . Ich gab ihm in der Kürze einige Auskunft , ich weiß aber nicht , ob er mich verstanden hat ; er forderte zu trinken , und als ich seinen Wunsch befriedigt hatte , sank er wieder in Schlummer , wie Sie ihn noch sehen . Es ist gut , sagte der Arzt , es ist sehr gut , indem er den Puls des Verwundeten lange mit bedächtigen Mienen untersuchte . Jetzt , alter Freund , können Sie zu Bett gehen , und wir Beide , der Herr Pfarrer und ich , wollen die Krankenwache übernehmen . Wäre es nicht besser , wenn ich hier bliebe ? fragte der Haushofmeister ; der junge Mann hat sich vielleicht schon an meinen Anblick gewöhnt , auch kann ich mich ihm verständlich machen . Meinen Sie , es könne Niemand hier französisch sprechen als Sie ? sagte der Arzt empfindlich ; ich spreche so gut als Sie , und kann also mich dem Kranken eben so wohl verständlich machen . Diese letzten Worte fügte er als Beweis der Behauptung , die sie enthielten , französisch hinzu , indem er zugleich alles Nöthige zum Verbande des Verwundeten auf den Tisch in Ordnung legte ; da er aber das Deutsche im härtesten Thüringer Dialekt sprach und diesen auch auf das Französische übertrug , so klangen seine Worte den Ohren des geboren Parisers so rauh , wie die Rede eines Wilden , und er sah den Arzt mit Erstaunen an , der so unbefangen behauptet hatte , dies sei so gutes Französisch , als nur immer er , der Pariser , zu sprechen vermöge . Nun machen Sie , alter Mann , gehen Sie zu Bett , wiederholte der Arzt , Sie müssen durchaus einige Stunden schlafen , sonst werden Sie krank , und dann fallen Sie in meine Hände . Diese letzte Aeußerung schien in der That Eindruck auf den Haushofmeister zu machen , denn er wollte sich stillschweigend mit einer Verbeugung aus dem Zimmer entfernen , der Pfarrer aber trat ihm in den Weg und ersuchte ihn , doch sogleich einen Boten zu schicken und den Kreisarzt aus dem nächsten Städtchen holen zu lassen ; das hätten wir gleich gestern thun sollen , bemerkte er , es wurde aber in der Unruhe vergessen ; es ist nöthig , daß er den Kranken sieht , der Herr Graf könnte sonst Ungelegenheiten haben . Dübois entfernte sich , um diesen Auftrag zu besorgen und sich dann zur Ruhe zu begeben . Der Arzt wartete auf das Erwachen des Kranken , und der Pfarrer fing an , den Bericht an die Regierung über ihn aufzusetzen . Diese Gesellschaft wurde nach einigen Stunden durch den Kreisarzt vermehrt . Der Kranke erwachte , seine Wunden wurden von allen Dreien gemeinschaftlich untersucht und verbunden , und auf einige Fragen , die er thun wollte , wurde er von Allen gemeinschaftlich bedeutet , daß er in guten Händen sei , aber sich fürs Erste alles Sprechens enthalten müsse , wenn er sein Leben erhalten wolle . Die größte Ermattung des Verwundeten machte , daß er sich geduldig in Alles fügte , was über ihn beschlossen wurde , und die fremden Menschen , die ihn umgaben , mit ruhigem Erstaunen betrachtete . Nach acht Uhr vermehrte der Graf die Gesellschaft ; man hatte ihm die Gegenwart des fremden Arztes gemeldet ; er begrüßte ihn höflich und erkundigte sich mit vieler Theilnahme nach dem Verwundeten . Nachdem ihm die Aerzte und der Pfarrer berichtet hatten , was sich nach der ruhigen Nacht , die der Kranke gehabt hatte , Gutes hoffen ließe , näherte sich der Graf dem Bette desselben . Der junge Mann richtete seine großen dunkeln Augen auf den Grafen und schien ihn als den Herren des Hauses zu erkennen , denn er versuchte es sich empor zu richten . Der Pfarrer aber und der Doktor Lindbrecht , so war der Name des Hausarztes , riefen ihm zugleich zu : er solle alle Anstrengungen unterlassen . Der Graf , der sich neben seinem Lager nieder ließ , bat ihn , indem er seine Hand faßte , ruhig zu bleiben und nicht selbst durch unnöthige Anstrengungen seine Herstellung zu verzögern . Ein schwacher , kaum merklicher Druck der Hand , womit der seinige erwiedert wurde , zeigte dem Grafen , daß ihn der Kranke verstand . Er gab ihm nun selbst Nachricht , wo er sich jetzt befände , und bat ihn , sein Haus so zu betrachten , als ob er im Hause seines Vaters wäre , und alle Hülfe und Dienste , die man ihm gerne leisten wolle , so ruhig anzunehmen , als ob er sie von seinen nächsten Angehörigen empfinge . Trotz seiner großen Schwäche richtete der Kranke einen so rührend dankbaren Blick auf den Grafen , daß dieser sich wunderbar erweicht fühlte . Es war ihm , als ob aus den dunkeln Augen des Kranken ein theurer , geliebter Freund zu ihm aufblickte , auf dessen Namen er sich nur nicht gleich besinnen könne . Er betrachtete nachdenkend das schöne , edle , obwohl durch Krankheit entstellte Gesicht des jungen Mannes , die dunkeln Haare , die sich in weichen Locken um die hohe , kühne Stirn legten , den wohlgeformten Mund ; Alles dünkte ihm so bekannt , und doch konnte seine Seele das Bild nicht finden , dem dieser Jüngling glich . Nach einigen Augenblicken bemerkte der Graf , daß unwillkührlich alle im Zimmer Anwesenden ihm nachahmten und den Verwundeten eben so ernsthaft betrachteten , wie er selbst , welches den jungen Mann zu quälen schien . Er wandte sich also an den Pfarrer mit der Bitte , ob er ihm nun behülflich sein wolle , den nöthigen Bericht an die Regierung abzufassen . Ich glaube , sagte der Pfarrer , es wird weiter nichts nöthig sein , als , was ich hier aufgesezt habe , zu unterschreiben . Mit diesen Worten reichte er dem Grafen den fertigen Aufsatz hin , der ihn durchlas und sich nicht enthalten konnte , innerlich zu bemerken , daß der Pfarrer wohl nicht in der bürgerlichen Welt auf seiner rechten Stelle stehe , und dadurch ein vortrefflicher Jurist verloren gegangen sei . Es herrschte eine Genauigkeit in diesem Aufsatze , die jedem möglichen Verdruß in der Zukunft vorbeugte , und diese Genauigkeit war mit einer bewundernswürdigen Kürze und Deutlichkeit verbunden . Die Uniform des Verwundeten war beschrieben , wodurch die Gerichte , wenn ihnen daran gelegen war , ausmitteln konnten , zu welchem feindlichen Regiment er gehöre . Die Zeugnisse der Aerzte waren diesem Bericht beigelegt , und der Graf hatte in der That nichts weiter nöthig , als seine Unterschrift hinzuzufügen . Mit großem Vergnügen bemerkte der Graf die Brauchbarkeit des Pfarrers , und der Gedanke ging schnell durch seine Seele , ob er sich nicht an ihn in manchen Angelegenheiten wenden sollte , die er ungern gerichtlich betreiben wollte , und wo sich ihm vielleicht in der Person des Pfarrers unvermuthet ein guter Unterhändler darbot . Nur die vorschnelle Art desselben , sich in alle Gespräche zu mischen , die unbescheidene Zudringlichkeit , womit er sich über Dinge zu fragen erlaubte , die man nicht beantworten wollte , machte den Grafen irre , und er fürchtete , ein unbescheidener Frager möchte nicht mit Bescheidenheit schweigen können . Indem der Graf dieß dachte , ruhten seine Augen forschend auf dem Pfarrer , der sich diesen Blick nicht erklären konnte und sich verdrießlich nach dem Arzt umsah , den er für einen halben Narren hielt , von dem ein vernünftiger Mensch nichts erfahren könne . Der Graf besann sich , dankte dem Pfarrer sehr höflich , unterschrieb den Bericht , sendete ihn ab und nahm sich vor , den Geistlichen genauer zu beobachten und auf eine gute Art Erkundigungen über seinen Charakter einzuziehen , um dann diesen Nachrichten und seinen Beobachtungen gemäß sein Vertrauen zu bestimmen . Der Pfarrer sowohl , als der fremde Arzt blieben der Mittag noch auf dem Schlosse und verließen es nach der Tafel , ohne daß weiter etwas Erhebliches vorgefallen wäre . Es war natürlich , daß sich beinah alle Gespräche um die Begebenheiten drehten , die alle Gemüther mit Sorgen erfüllten . Die unglückliche Schlacht bei Jena und ihre bekannten Folgen ließen befürchten , daß sich die Feinde auch über diesen Theil von Schlesien verbreiten würden ; Alle glaubten , daß man es nur den engen Schluchten zu danken haben würde , die zu dem jetzigen Wohnorte des Grafen führten , wenn das Schloß von feindlichem Besuche verschont bliebe ; desto mehr war für die andern Besitzungen des Grafen zu befürchten . Der Pfarrer erschöpfte sich in Vermuthungen , welche Veranlassung den französischen Offizier könnte nach einem so einsamen Orte im Walde geführt haben , wie der war , wo man den jungen verwundeten Mann gefunden hatte . Eben so war es unbegreiflich , Wer seine Gegner gewesen sein konnten , da die vielen Wunden , die er empfangen , bewiesen , daß kein Zweikampf vorgefallen war , sondern wahrscheinlich mehrere Gegner den Unglücklichen niedergehauen hatten . Da Spuren von Pferden bemerkt worden waren , so ließ sich vermuthen , daß Reiter diese Handlung verübt und nach dem Falle des jungen Mannes sein Pferd mit sich geführt hatten ; denn da er selbst mit Sporen gefunden worden , so konnte man annehmen , daß auch er zu Pferde gewesen war . Es läßt sich nicht ausmitteln , sagte der Graf , wie die Begebenheit zusammenhängt , wir müssen uns in Geduld fügen , bis die Brustwunden des Kranken so weit geheilt sind , daß er selbst sprechen und uns die nöthigen Aufschlüsse geben kann . Der Pfarrer gab diese Nothwendigkeit mit einem Seufzer zu und bemerkte nur : wenn der Kranke an seinen Wunden sterben sollte , so werde man niemals den Zusammenhang erfahren . Die Gräfin wendete sich erschreckt an die Aerzte und fragte , ob sie die Wunden für so gefährlich hielten . Beide mußten es zugeben , daß hauptsächlich die große Erschöpfung den Zustand des jungen Mannes gefährlich mache , und daß man nur durch die sorgfältigste Pflege und die Jugend des Kranken eine ungewisse Hoffnung begründen könne . Die schöne Emilie in der unschuldigen Regung ihres Herzens verbarg ihr Mitleid nicht und sagte mit großer Rührung : Ach Gott , wie traurig muß es für eine Mutter oder Schwester sein , einen Sohn oder Bruder in der Blüthe der Jugend zu verlieren . Und wenn nun dieser vollends hier sterben sollte , wir wissen nicht , wer er ist ; wir können seinen Angehörigen keine Nachricht geben , und sie haben nicht einmal den traurigen Trost zu erfahren , daß die Leiden seiner letzten Stunden in so weit gelindert worden sind , als es in menschlichen Kräften steht . Die Gräfin , obgleich gewohnt , alle ihre Empfindungen zu beherrschen , konnte eine schmerzliche Theilnahme nicht verbergen , und man sah es ihr an , daß sie sich erleichtert fühlte , als die Fremden das Schloß verließen . Sie äußerte , ehe sie sich auf ihr Zimmer zurückzog , den Wunsch , den alten Dübois zu sprechen , um ihm einige Aufträge zu geben , und der Graf versprach , ihn ihr zu schicken und indessen selbst bei dem Kranken zu bleiben . Als der Haushofmeister das Zimmer seiner Gebieterin betrat , fand er sie in heftiger Bewegung mit gefalteten Händen , den thränenschweren Blick zum Himmel gerichtet , und hörte noch einige Worte eines klagenden Gebets , mit dem sie Trost und Ruhe vom Himmel herab rufen zu wollen schien . Der alte Mann stand in seiner gewöhnlichen Stellung in der Nähe der Thüre und richtete einen schüchtern-flehenden Blick auf die Gräfin , die , als sie ihn bemerkte , schnell ihre Augen trocknete , dann das Gesicht einige Minuten mit der Hand bedeckte , als wolle sie die Spuren des Schmerzes im Verborgenen von ihrem Antlitz vertilgen . Der treue Diener wartete , bis sie ihn anreden würde , und endlich näherte sie sich ihm mit erzwungener Ruhe und sagte : Ich will eine Frage an Sie thun , lieber Dubois , die mich Ueberwindung kostet . Man hörte es ihrer Stimme an , mit welcher Anstrengung sie sprach , es schien , daß ein gewaltsam zum Herzen zurückgedrängter Schmerz die Brust beklemmte , und ihr das Athmen und das Sprechen beinahe unmöglich machte . Sie schwieg einen Augenblick und fuhr dann mit noch leiserer , ungewisserer Stimme fort : Haben Sie nicht an dem Verwundeten eine auffallende Aehnlichkeit bemerkt mit - sie zitterte und schwieg ; ein Blick auf den alten Diener zeigte ihr , daß er sie verstand , denn seine alten Augen füllten sich mit Thränen ; er faltete unwillkührlich die Hände und neigte einigemal bejahend sein graues Haupt . Der gewaltsam in die Brust der Gräfin zurückgedrängte Schmerz behauptete nun sein Recht und strömte in Thränenfluthen aus ihren Augen ; die stillen Seufzer lösten sich in Klagen auf , die den Himmel der Ungerechtigkeit beschuldigten , und der erschreckte Alte wußte nicht , was er thun sollte , um diese Stürme zu beruhigen . Erschöpft sank die Gräfin endlich in einen Lehnstuhl nieder . Das Feuer ihrer Augen erlosch , die bleichen Wangen wurden noch bleicher , und die zitternden Hände , schien es , suchten ein befreundetes Wesen . Es schien , als wolle der Lebensfunken der unglücklichen Frau erlöschen , oder wenigstens eine tiefe Ohnmacht sich ihrer bemeistern . Sie fühlte ihren Zustand und suchte ihn durch die Kraft ihrer Seele zu beherrschen , der Schmerz in ihren Zügen wurde milder , sie richtete das matte Auge auf den alten Diener , der in stummen Thränen ihr zur Seite stand . Lassen Sie uns ruhig sein , guter Dübois , sagte sie mit kranker Stimme , ich wollte Ihnen auftragen , wo möglich den Namen des jungen Mannes zu erforschen , vielleicht hat er Papiere bei sich , die Auskunft geben , vielleicht - es ist Wahnsinn , Dübois , was ich hoffe , ich weiß es , und dennoch , ich bitte , thun Sie , wie ich Ihnen sage . Der Alte versprach , was die Gräfin von ihm forderte , und warf , ehe er sich entfernte , einen flüchtigen Blick in den Spiegel , um zu sehen , ob sein Gesicht und seine Haltung keine Spur des Schmerzes zeigte , den er so eben mit seiner Gebieterin getheilt hatte , und den er den Grafen nicht wollte bemerken lassen . Bitten Sie Fräulein Emilie zu mir , rief ihm die Gräfin mit matter Stimme nach . Emilie eilte zur Gräfin . Der Haushofmeister hatte ihr gesagt , sie befände sich nicht wohl , aber Emilie bebte zurück , als sie die Gräfin erblickte , die völlig ermattet noch im Lehnstuhl saß , und deren bleiches Gesicht noch feucht von Thränen war , die ihren Augen unwillkührlich immer wieder von Neuem entströmten . Komm zu mir , liebe Emilie , sagte die Gräfin , Du mußt Geduld mit mir haben , Du sanftes Kind , ich plage Dich mehr , als ich mir selbst verzeihe . Was ist Ihnen begegnet , fragte Emilie mit ängstlicher Stimme , das Sie so erschüttert haben kann ? Soll ich den Onkel rufen ? Soll man den Arzt kommen lassen ? Nein , mein Kind , sagte die Gräfin matt aber bestimmt , ich will den Grafen nicht durch meinen Zustand beunruhigen , und der Arzt kann mir nicht helfen . O ! wüßte ich ein Mittel , sagte Emilie , indem sie die Hand der Gräfin weinend küßte , wodurch Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe hergestellt werden könnten . Befremdet sah die Gräfin ihre junge Freundin an , die erröthend die Augen niedersenkte und durch ihre Verlegenheit verrieth , daß sie aus Liebe und Mitleid sich übereilt , und mehr gesagt hatte , als sie sich erlauben wollte . Weßhalb glaubst Du , daß mir Ruhe des Herzens mangelt ? fragte die Gräfin nach kurzem Stillschweigen . Emilie war zu wahr , als daß sie sich nun durch halbe Antworten hätte aus der Verlegenheit ziehen können ; auch war die Gräfin zu klug , als daß sie sich anders als scheinbar durch solche Antworten würde haben befriedigen lassen , und Emilie wäre in Gefahr gerathen , Achtung und Vertrauen ihrer Tante völlig zu verlieren , und als eine Auskundschafterin der Handlungen und der Gedanken derselben betrachtet zu werden ; sie entschloß sich also offenherzig zu antworten , wenn sie auch die Gräfin dadurch kränken sollte . Warum antwortest Du mir nicht , fragte diese ein wenig ungeduldig ihre junge Freundin , die noch von Röthe überzogen , verlegen , mit niedergeschlagenen Augen vor ihr stand . Weil ich Sie kränken müßte , wollte ich diese Frage beantworten , die meine Unbesonnenheit veranlaßt hat , sagte Emilie , indem sie die schönen blauen Augen freimüthig auf die Gräfin richtete . Sprich aufrichtig mit mir , sagte diese in mildem Tone und doch halb mißtrauisch erwartend , welche Erklärung nun folgen würde . Sie sind so weit erhaben , sagte Emilie , über Eitelkeiten und ähnliche kleinliche Leidenschaften , die manchen Frauen eine ungleiche Laune geben , Ihr Geist ist zu gebildet , als daß Sie aus Eigensinn eine solche haben könnten , und dennoch - Emilie schwieg zögernd , - Und dennoch ? fragte die Gräfin , ich bitte Dich fahre freimüthig fort . Ich muß es , sagte Emilie , nachdem unser Gespräch diese Wendung genommen hat ; Sie haben mir so viele Güte bewiesen , daß Sie mich zu ewiger Dankbarkeit verpflichtet haben , und ich bin in Gefahr , daß sie mich nun als undankbar verabscheuen werden . Nein , nein , sagte die Gräfin , sprich ohne Zögerung und weitere Einleitung . Bei der Güte Ihres edeln Herzens , bei der Großmuth Ihrer Seele , sagte Emilie , können Sie dennoch in der Laune , die Sie eben beherrscht , mich oft so schmerzlich verwunden , mit so kränkend wegwerfender Bitterkeit in manchen Stimmungen meine Fehler rügen . Glaubst Du , fragte die Gräfin mit erzwungenem Lächeln , daß Du niemals Tadel verdienst ? Ich bin so thöricht nicht , erwiederte Emilie sanft , aber thue ich meiner mütterlichen Freundin Unrecht , wenn ich glaube , es würde Güte und Liebe mir die Bahn zeigen , die ich zu wandeln habe , und nicht Bitterkeit und kränkender Spott , wenn Ihr Herz die schöne Ruhe empfände , die Sie so sehr verdienen ? Würden Sie bei der Großmuth Ihrer Seele mit solcher Verachtung von der Armuth sprechen , wie Ihre Laune es Ihnen oft gebietet , gegen das hülflose Geschöpf , das einzig von Ihrer Freigebigkeit lebt , und das Sie dadurch oft zwingen , die Nahrung , die es Ihrer Güte verdankt , mit seinen Thränen zu benetzen ? Kann diese Bitterkeit , diese Heftigkeit , der Stolz und die Verachtung wohl eine andere Ursache haben , als daß Ihr Herz an verborgenen Qualen leidet , Ihrer Seele der Frieden fehlt , den ich für Sie so oft mit Thränen vom Himmel erbeten habe ? Emilie schwieg erschrocken und erstaunt über ihre Dreistigkeit , die sie sich selbst nicht zugetraut hatte . Die Gräfin hatte die Augen ernst auf ihre junge Freundin geheftet , indeß sie sprach , doch löste sich dieser Ernst bald in Liebe und Güte auf . Du hast Recht , Emilie , sagte sie , ich habe Dir Unrecht gethan , schuldlos bist Du oft von mir geplagt und gekränkt worden , und Deine Sanftmuth hat mir immer mit Liebe erwiedert . Du hast Recht , diese Ungerechtigkeit entspringt aus einer gequälten Seele , aus einem von tausend Qualen zerrissenen Herzen ; aus Erinnerungen an Leiden , die ich nicht vertilgen kann und nicht mittheilen will . Vergieb mir , Emilie , daß ich Dir wehe gethan habe , und statt ein Kind , das ich mir zu plagen erlaubt habe , wirst Du mir künftig eine Freundin sein , an deren Brust ich über meinen Kummer weinen kann ; nur frage mich nie um diesen Kummer . Sie breitete , indem sie dieß sprach , ihre Arme aus und drückte Emilie mit Liebe an die Brust , die ihre Umarmung mit leidenschaftlicher Zärtlichkeit erwiederte . Nach diesen Erklärungen bat die Gräfin ihre junge Freundin , sie einige Zeit allein zu lassen , daß sie sich zu sammeln vermöchte , und Emilie war verwundert , als nach einer Stunde die Gräfin im Gesellschaftszimmer zur Theezeit erschien , zwar noch blaß und matt , aber im Aeußern vollkommen ruhig . Sie nahm an allen Gesprächen Antheil , und sprach mit Geist und Feuer über Musik und Poesie , als die Unterhaltung sich dahin lenkte , und bat zuletzt Emilie , viele ihrer Lieblingslieder zu singen , wozu der Graf bereit war zu accompagniren , so daß der Abend viel heiterer zugebracht wurde , als sich nach einem so stürmischen Tage erwarten ließ . V Es waren einige Wochen vergangen seit diesen Begebenheiten , ohne daß auf dem Schlosse etwas Merkwürdiges vorgefallen wäre . Der Verwundete besserte sich langsam , aber noch immer konnte ihm nicht zu sprechen erlaubt werden , um nicht die tiefen Wunden auf seiner Brust zu reizen . Die Nachforschungen des alten Dübois waren fruchtlos gewesen , denn es schien , daß man den jungen Mann nach seinem Falle beraubt habe , weil eben so wenig ein Taschenbuch , als Geld oder Uhr oder irgend eine Sache von Werth in seinen Kleidern gefunden wurde . Der Graf hatte dem Haushofmeister aufgetragen , den jungen Mann mit Wäsche , Kleidern und Allem , was er bedürfen würde , zu versorgen , und man mußte nun abwarten , bis er selbst Aufschluß über sein Schicksal geben könnte . Der Pfarrer war mehreremale auf dem Schlosse gewesen und hatte es jedesmal unbefriedigt verlassen ; der Kranke durfte nicht sprechen , der Arzt wußte nichts anders , als seine Begebenheiten , seine Erfahrungen , seine Empfindungen mitzutheilen , und die Uebrigen wollten sich auf nichts einlassen . Alles , was der Pfarrer in Bezug auf das Ereigniß hatte in Erfahrung bringen können , war , daß feindliche Reiterei in der Entfernung von einigen Meilen passirt sei , was wenigstens möglicher Weise in Beziehung mit dem Verwundeten stehen konnte , aber die Nachrichten die er darüber erhalten , waren dunkel , da sie ihm ein wandernder Krämer mitgetheilt hatte , der sie wieder von Bauern erfahren haben wollte . Es blieb nach vielen vergeblichen Versuchen dem Pfarrer nichts anders übrig , als sich so gut wie alle Andern in Geduld zu fügen . Der Baron Löbau , Erbherr auf Heimburg , wie er sich gern nennen hörte , war ebenfalls auf dem Schlosse gewesen , um der Gräfin , wie er sagte , seine Aufwartung zu machen und sich nach dem Unglücklichen zu erkundigen , dessen Pflege der Graf , wie er nachdrücklich bemerkte , aus Menschenliebe übernommen habe ; man fülte , er wollte , indem er dem Grafen etwas Verbindliches sagte , doch zugleich an den Grenzstreit und sein bewahrtes Recht erinnern . Der Baron Löbau war in seiner Jugend am Hofe gewesen und hatte sich damals die feinsten Sitten zu eigen gemacht , Neigung für das Landleben bestimmte ihn , sich früh zurückzuziehn und diesem sich zu widmen ; obgleich er nun aber ein höchst thätiger Landwirth geworden war , so hatte er dessen ungeachtet nicht seine Ansprüche auf das Lob eines feinen Hofmannes aufgegeben , hatte er auch seit mehr als dreißig Jahren diese glänzende Bühne , auf der er sich in früher Jugend hatte versuchen wollen , nicht mehr betreten . Er dachte nicht daran , daß auch über das Betragen die Mode herrsche , und zweifelte keinen Augenblick daran , daß , was zu seiner Zeit als fein , galant und artig angesehen worden , auch noch jetzt so betrachtet werden müsse . Er hielt sich für einen Philosophen , weil er das Landleben liebte , für einen Hofmann , weil ihm auch Gesellschaft angenehm war , für einen Gelehrten , wenigstens für einen sehr gebildeten Mann , weil er einige Bücher gelesen hatte , für einen Kunstkenner , weil er einige schlechte Bilder und einige höchst mittelmäßige Kupferstiche besaß , für einen Staatsmann , weil er alle Rechte genau inne hatte , die sich auf die Provinz , in der er lebte , und auf seine besondern Verhältnisse anwenden ließen . Er gefiel sich in seiner Würde als ein bedeutender Gutsbesitzer , von dem viele andere Personen abhängig waren . Er war bei diesen unschuldigen Thorheiten gütig , dienstfertig , wohlwollend und dennoch weniger geliebt , als er es verdiente . Wenige Menschen gaben sich die Mühe , seinen Charakter genau kennen zu lernen , und beinah alle seine Nachbaren fühlten sich von ihm beleidigt und beschuldigten ihn des Mangels an Aufrichtigkeit . Diesen Verdacht zog sich der gute Baron unwillkührlich zu , denn bei seiner leicht gereizten Phantasie machte die Gegenwart den lebhaftesten Eindruck auf ihn , und da er so viele Neigungen in sich vereinigte , so schloß er sich allemal unwillkührlich mit seiner Höflichkeit und Verehrung dem Repräsentanten eines Faches seiner verschiedenen Bestrebungen an , der in der Gesellschaft eben am Glänzendsten erschien ; so huldigte er