Blick an Blick hängend , wie Stern an Stern , miteinander ein Sonnensystem , das , wie alle Systeme , etwas Ausschließendes hat . Denn Du merkst und weißt gleich , ob dies Gesicht , dem Du begegnest , Dir in Dein Sonnensystem gehört , und gegen viele arme Gesichter bist Du ein strenger Systematiker , und rufst und grüßest sie nicht , wenn sie an Dir vorübergehen , und ihr schwingt euch niemals um eine Sonne . Eine strenge Systematik der Neigung ! Dies böhmische Mädchen mußte mir wahrlich in mein Sonnensystem gehören , denn ich konnte ihr nicht genug nachblicken und nachdenken . Daß sie ein böhmisches Mädchen war , verriethen die Augen und die Nase , zwei untrügliche Kennzeichen an jeder Böhmin , und doch hatte sie wieder in ihrer Weise , sich zu tragen , etwas Fremdartiges oder wenigstens Vornehmeres , als ihre übrigen Wallfahrtsgenossinnen . Sie hatte weder , wie man sonst oft an den Landmädchen sieht , den Kopf ganz in das zu einer Kappe verschlungene Tuch eingehüllt , noch trug sie die eigenthümliche böhmische Kappenhaube , die sich von den ältesten Zeiten her nationell auf die Töchter des Landes vererbt hat , und nicht selten mit kostbaren Stickereien , Spitzenbesätzen und den im Nacken flatternden Bandschleifen einen stattlichen Schmuck der Schönen abgiebt . Meine Systemverwandte hatte sich ein feines , weißes , städtisches Häubchen , das sie einfach zierte , auf die braunen Locken gesetzt , und schaute daraus mit ihren scharfen , dunkeln , süßen , seltsamen Augen bedeutsam hervor . Sie sah blaß aus , sie schien nicht glücklich zu sein . Auch glaubte ich zu bemerken , daß sie nicht mitsang mit den Uebrigen , sondern schweigend in dem geräuschvollen Zuge fortging , dem sie gewissermaßen nur nothgedrungen gefolgt zu sein schien . Hatte sie ihrer Madonna gar nichts zu sagen und zu singen ? Oder hatte sie ihr schon tiefere Geheimnisse des Herzens zu beichten , die sich nicht so vor aller Welt und auf offener Straße heraussingen ließen ? Noch lange sah ich ihr nach , bis in der Ferne der letzte Ton der andächtig kreischenden Stimmen verklang . War es die jungfräuliche Madonna selber gewesen , die in rührender Mädchenschönheit unter die Frommen des Landes herabgestiegen ? - - Der alte silberhaarige Laienbruder , der mich durch das Kloster der Cisterzienser geleitete , hatte nie einen gläubigern Hörer und Schauer in den geheiligten Räumen seiner Abtei umhergeführt . Ich war in einer Stimmung , in der ich ihm geradehin Alles glaubte , was er von Wundern der Heiligen wußte , und selbst die Wandgemälde in den Kreuzgängen sahen mich wie wahre Meisterstücke der Malerkunst an . Einige dieser Bilder , Heiligengeschichten aller Art vorstellend , überraschten mich in der That durch Ausdruck und Lieblichkeit der Composition ; sie schienen erst kürzlich frisch aufgemalt zu sein , und die Namen ihrer ersten Urheber waren vergessen worden . Die Stiftskirche selbst , so wie der Convent , sind außerordentlich schön und prachtvoll , und bieten überall Anblicke der Kunst und Denkmäler einer sinnreichen Frömmigkeit dar . Nachdem früher Rudolph von Habsburg und später die Hussiten diese Abtei gänzlich zerstört hatten , und sie darauf zwei Jahrhunderte lang in Schutt und Trümmern niedergelegen , erhob endlich im siebzehnten der Schutzpatron der Cisterzienser sein heiliges Haupt wieder , das er so lange , wahrscheinlich in bekümmerten Gedanken über die Reformation , hatte hängen lassen . Er baute sich Stift und Convent wieder von Grund aus , herrlicher als jemals , richtete die verlassenen Altäre auf , zündete die Weihkerzen an und die erloschen gewesene ewige Lampe , und streckte die hohe Kuppel gegen die Wolken aus , um sich im Lande wieder umzuschaun . Was sah der heilige Bernhard ? Er mußte wahrhaftig noch den Pulverdampf sehen und riechen können , der von der Schlacht am weißen Berge über den Höhen des Böhmerlandes wirbelte , und diesen noch nicht verzogenen Dampf roch der heilige Bernhard gern im Dunstkreise der Böhmen . So wurde dies Kloster in seiner jetzigen Gestalt das schönste und prächtigste , welches die Zeit nach der Reformation hat wieder erstehen sehen , und ich lasse meinen Kopf darauf , es wäre nicht wieder erbaut worden , wenn man nicht bei Prag am weißen Berge eine Schlacht geschlagen hätte . Ich setzte mich in einen mit geschnitztem Täfelwerk herrlich ausgelegten Chorstuhl auf den Platz eines der guten Mönche , und stützte meinen Kopf auf die gelben Blätter seines großen lateinischen Gebetbuches , das aufgeschlagen auf seinem Pulte lag , und ließ meine Augen und Gedanken in der wunderschönen Kirche umherschweifen . Woran dachte ich ? Gott weiß es . An den heiligen Bernhard , wie er den Pulverdampf von der Schlacht beim weißen Berge als eine den Glauben stärkende Prise in die Nase zog ? An die Madonna , die mir gerade am Tage ihrer Heimsuchung in einer so glänzenden Jungfrauengestalt am Wege begegnet war ? Da fühlte ich , daß mich der alte Laienbruder sacht auf die Schulter klopfte , um mich ins Refectorium zu führen . Ein Refectorium in einem Kloster hat von jeher einen großen Reiz gehabt , und wenn es wahr ist , daß Noth beten lehrt , so muß es doch nicht minder wahr sein , daß Beten einen gesunden Appetit verursacht . Dies läßt sich aus der Geschichte des Mönchthums aller Zeiten beweisen , und der Speisesaal einer frommen Abtei hat daher gewissermaßen ein psychologisches Interesse . Man wird klarer über den vielbesprochenen , dichten Zusammenhang von Leib und Seele , wenn man sieht , wie leibliches und geistliches Bedürfniß sich hier die Schwesterhände reichen , und in unserer abstracten Zeit , wo Einem mitunter zu Muthe ist , als sei man schon aus der Haut gefahren , und schlottere nur noch so mit den Knochen um seine ins Absolute eilende Seele herum , ich sage , in dieser abstracten Zeit muß es wahrhaft wohlthuend und tröstlich sein , einen tüchtigen Embonpoint in seiner vollen Glorie zu erblicken , und dabei denken zu können oder zu müssen , daß sich der Segen des Herrn hier einen sichtbaren Tempel seines leibhaften Wohlgefallens geschaffen . Ich betrat deshalb mit einer gewissen Ehrfurcht diese Halle , auf der noch die von dem heutigen Mittagsmahl zurückgebliebenen Geister frommer Bratengerüche weilten , und wie Ossian seinen obwohl auf der Wolke sitzenden Vater Fingal doch deutlich an Wesen und Gestalt erkannt , so glaubte auch ich noch aus der fliegenden Geruchswolke einen verewigten Kapaun herauszuschmecken . Ich kämpfte die Anwandlungen einer zu stark in mir rege werdenden Andacht gewaltsam zurück , und schritt neidisch an der langen weißgedeckten Speisetafel vorüber , die , wenn ich recht gehört , zu sechsundfunfzig Gedecken eingerichtet war , denn so groß ist die Anzahl der Mönche dieses Klosters . Eine kleine Betkanzel an der Wand fehlte natürlich nicht , was mich aber besonders überraschte , war ein Billard , das im Hintergrunde des Saales stand , und zur Bewegung und Unterhaltung der Cisterzienser-Mönche diente . Offenbar ein moderner Fortschritt der klösterlichen Regel , doch sollte es mich wundern , da es noch keine Heilige giebt , die Caroline heißt , ob nicht eine förmliche Heiligsprechung Carolinens nächstens zu gewärtigen ? Beim Herausgehen schweifte mein Blick noch einmal über die schöne weiße Speisetafel , als ich zu meinem Erstaunen - man denke sich ! - was gewahrte ? Ein Paquet Zeitungen lag hinter einem Brotkorb verborgen . Zeitungen ! Zeitungen ! Zeitungen in einem Cisterzienser-Kloster ! Welche Riesenprogresse der Cultur ! Welch ein rapides Umsichgreifen der Aufklärung ! Unwillkürlich entfuhren mir diese Ausrufungen , als ich mit der Hast eines Jägers , der ein Wildpret geschossen , darauf zustürzte und zuerst an der Gazette de France anprallte . Sie ist nicht meine Freundin , und ich schob sie mit einem behutsamen Compliment zur Seite . Aber auch die Allgemeine Zeitung lag da , und da man auf der Reise oft Wochenlang die Zeitungen versäumt , so setzte ich mich an den Tisch , um ein wenig darin zu blättern . Zugleich gefiel ich mir in der großartigen Idee , in einem Kloster Politik zu treiben , und ich nahm mir vor , im nächsten Wirthshause Phantasieen eines zeitungsliebenden Klosterbruders zu schreiben , in der die Klöster und die Politik einen gemeinschaftlichen Hieb von mir bekommen sollten . Denn wahrhaftig , entweder mit den Klöstern oder mit der Politik muß es weit gekommen sein ! Ist die Politik in unsern Tagen wirklich so bedeutend geworden , daß sich schon die Klöster auf sie verlegen müssen , um ihre Existenz so auf zeitgemäßerem Grunde fortzubauen , so hat auch die Politik bereits gesiegt , und um der Klöster Existenz ist es geschehen . Muß aber im Gegentheil die deutsche Politik , wie es scheint , aus unglücklicher Liebe ins Kloster gehn , um sich von der Welt , deren Licht sie kaum erblickt hat , schon wieder zurückzuziehn , so ist dadurch die Nothwendigkeit einer Aufrechthaltung der Klöster in heutigen Zeiten bewiesen , und man setzt seiner unglücklichen Liebe die Kapuze auf , und heißt sie beten gehn . Die Staatsverfassungen nehmen den Schleier , und die Volksrepräsentation schreibt in einer Stiftsbibliothek alte Handschriften der Klassiker ab . Der Geist der neuen Zeit bekennt sich zum Cölibat und zeugt keine Kinder . Die nationelle Oeffentlichkeit verkriecht sich in eine Nonnenzelle und läßt sich vor keinem Menschen sehen . Schade , schade um die schöne Nonne ! So schön , so jung , eine Nonne ! Dies Alles , und noch weit mehr , will ich , wenn im nächsten Wirthshause keine Gensdarmen sind , in der Doppel-Phantasie eines zeitungsliebenden Klosterbruders und eines klosterliebenden Zeitungsbruders auseinandersetzen . - Aber nein ! wer wird es glauben , wer hätte das gedacht ! Indem ich nur so mit den Augen über die Blätter der Allgemeinen Zeitung hinfahre , stoße ich gerade auf den Artikel , welcher die Aufhebung der Klöster in Portugal durch Dom Pedro meldet ! Seltsames Ohngefähr ! Ungeheueres Schicksal ! Und diese Blätter müssen gerade hier liegen , auf dieser Stelle , in einem Cisterzienser-Refectorium , wo ein Billard steht und Zeitungen gelesen werden ! Und gerade in demselben Augenblick , in dem ich mich selbst in einem der schönsten und angesehensten Klöster befinde ! Dom Pedro ! Dom Pedro ! Hast Du mir diese schneidende Ironie zu Gefallen gethan ? - Ich sprang auf , drückte dem Laienbruder aus Barmherzigkeit noch einen Zwanziger mehr in die Hand , als er sonst bekommen hätte , wenn Dom Pedro die Klöster nicht aufgehoben , und verließ dann in der aufgeregtesten Stimmung das Cisterzienser-Kloster Neu-Ossegg . - Ich ging in das Dorf hinein , um mir in irgend einer der Hütten ein Glas Milch zu meiner Erfrischung geben zu lassen . Die Gluth der Sonnenhitze hatte sich mit dem nähernden Abend noch nicht gekühlt , und die stillen , unbewegten Lüfte trugen ordentlich schwer an dem heißen Athem , mit dem sie gefüllt waren . Es war ein ängstlicher , und doch schöner Tag . Der Vögel Lied irrte gedämpft oben in den Wipfeln der Bäume , und meine Brust hob sich wechselweise und fühlte sich gepreßt . Aber die meisten Hütten der Ossegger , an die ich mit dem Klöpfel schlug , wurden leider dem anklopfenden Wandrer nicht aufgethan , und ich erinnerte mich an die Madonna-Wallfahrt , welche den größten Theil der Bevölkerung hinausgelockt haben mochte . Die Madonna selbst war mir noch nicht aus den Gedanken gekommen . Endlich fand ich gerade vor einer der ansehnlichsten Hütten Gehör , und die öffnende Magd belehrte mich , daß ich in des Herrn Schulmeisters Haus getreten . Ich verlangte ohne Weiteres diesen großen Gelehrten zu sprechen , da ich auch die Dorfnotabilitäten dieser Gegend nicht übergehen durfte . Er saß ganz im Winkel seines ziemlich freundlich aufgeschmückten Zimmers in einem hochgepolsterten Lehnstuhl , ein großer , mürrischer , runzliger Alter , mit einem bigotten grollenden Gesicht , wie man sie sonst nur tiefer in Böhmen hinein anzutreffen pflegt . Die Füße waren ihm in Kissen verpackt , und es schien , daß er am Podagra heftige Schmerzen zu leiden hatte . Er hielt ein Amulet zwischen den Händen , wahrscheinlich eine sehr kostbare Reliquie , die er unaufhörlich zum Munde führte und inbrünstig küßte . Meine Begrüßung erwiederte er kaum , obwohl er sich über mein Eintreten zu wundern schien . Dann schlug er einige Male ein Kreuz gegen mich , und blickte wieder starr vor sich hin , ohne im Mindesten auf mich zu achten , und küßte seinen in Gold gefaßten Reliquienknochen . Ich glaubte nie ein steiferes und unempfindlicheres Götzenbild auf böhmischen Heerstraßen gesehen zu haben . Ein Schauer wandelte mich an , und es kam mir vor , als sei ich , ein Kind der Zeit , vor den alten Saturnus getreten , um von ihm verschlungen zu werden . Denn Saturnus verschlingt noch immer seine Kinder , und seine liberalsten wie seine legitimsten Söhne schluckt er doch am Ende alle in den großen Magen hinunter . Nur die Justemilieus sind ihm bislang noch mitten in der Kehle stecken geblieben . Ich sagte endlich zu diesem böhmischen Saturn , ich sei ein friedfertiger Stubengelehrter aus Berlin , und wollte mir die Ehre geben , einen Collegen in ihm kennen zu lernen . Er sah mich groß an , rückte ein wenig an seinem Sammetkäppchen , wies dann auf seine eingewickelten Füße und küßte wieder den Reliquienknochen . Er schien sich mit dieser Geberde entschuldigen zu wollen , daß er seines Podagras wegen nicht aufstehen und mich bewillkommnen könne . Dies war doch schon eine Annäherung . Ich fragte , ob er vielleicht zufällig die Analecta Monasterii Ossecensis von dem unsterblichen Schoettgenius , die in Dresden 1750 in Quarto herausgekommen , besitze ? Ich sei eben in diesem Kloster gewesen , und wünschte jetzt alle Klöster dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren . Er schüttelte abwehrend und etwas murmelnd sein Haupt . So besitzen Sie vielleicht das werthvolle und seltene Buch von Czerwenka : Splendor et gloria domus Waldsteinianae , das ebenfalls in Quarto zu Prag 1673 erschienen ist ? Ich bin eben in Dur gewesen , und wünschte jetzt alle Aristokratieen dieser Zeit aus ihren Quellen zu studiren . Er schüttelte abermals sein graues , von Alter , Sorgen und Amtsverrichtungen gebeugtes Haupt . So besitzen Sie vielleicht ein frisches Glas Milch , mein Herr , in Ihrem Haushalt , um einem dankbaren Reisenden , den die Sonnenhitze ganz außer sich gebracht hat , damit zu bewirthen ? Da schlug er dreimal mit der Faust auf den neben ihm stehenden Tisch , daß Alles krachte und sogar die Fensterscheiben erzitterten . Ich begriff nicht , wodurch ich seinen Zorn so erregt haben konnte . Es war dies aber nur ein , wie es schien , in seinem Staatshaushalt gewöhnliches Signal gewesen , das die Stelle einer Klingel ersetzte . Denn bald auf dieses Zeichen trat die ziemlich hübsche Magd ins Zimmer , um die Befehle des alten Schulregenten zu gewärtigen . Ein Glas Milch für den Herrn ! brummte er ihr zu , in einem Ton und mit einer Stimme , die nicht gern gaben . Ich ließ mich aber dadurch nicht irre machen , setzte mich in der ihm gegenüber befindlichen Ecke des Zimmers nieder , und nahm von der lächelnden Magd die dargereichte Erquickung mit Dank und Lob an . Ich schlürfte die vortreffliche Milch und schwieg . Eine tiefe Stille herrschte rings um uns her . Es ist recht schön in Dux ! hörte ich es dann auf Einmal murmeln . Ich sah mich erschrocken um . Wirklich , der Alte hatte es zu mir gesagt . Oho , am Ende schwatzt er doch gern , und hat Lust , sich in ein ehrsames Gespräch mit mir einzulassen . In Dux ist es recht schön ! antwortete ich , und sah freundlich zu ihm hinüber . Er sah wieder freundlicher , als sonst , zu mir herüber . Dann trat von neuem eine Pause ein . Endlich schien er das Schweigen nicht länger mehr aushalten zu können . Es sind viele Merkwürdigkeiten in Dux ! sagte er . Dabei küßte er seinen Reliquienknochen . Es ist sehr merkwürdig in Dux ! entgegnete ich . Haben Sie denn auch auf dem zweiten Schloßhofe das Bassin gesehen , welches der erlauchte und hochberühmte Albrecht von Waldstein , Herzog zu Friedland , aus eroberten schwedischen Kanonen hatte gießen lassen ? fragte er , zu meinem Erstaunen , weiter . Wahrhaftig , der Mann konnte reden . Er spricht jetzt ordentlich in zusammenhängenden Sätzen , fängt überhaupt an , liebenswürdig zu werden , und beschämt mich , daß ich ihn so sehr verkannt hatte . Ach , mein Herr , sagte ich , auf dem Schlosse Dux ist es mir ganz sonderbar gegangen . Statt an den großen Herzog von Friedland zu denken , statt manche andere historische Merkwürdigkeiten mit Andacht zu betrachten , statt in den schönen englischen Park lustwandelnd mit meinen Gefühlen spazieren zu gehen , dachte ich nur immer - stellen Sie sich vor ! - ich konnte meine Gedanken gar nicht davon abbringen - - ich dachte immer nur - Nun , ins Henkers Namen , woran dachten Sie denn ? fuhr der heftige Alte heraus . Ich dachte an - - Casanova ! sagte ich kleinlaut . Casanova ? fragte er verwundert , und war wieder gleichgültig geworden . Ich kenne ihn nicht . Wie ? rief ich lebhaft aus , und sah ernst zu ihm hinüber , Sie kennen den berühmten Jean Jacques Casanova de Seingalt nicht ! War er ein guter Katholik ? fragte er . Ja , mittelbar . Sein Katholicismus war der Weltgenuß ; eine großartige Leidenschaft für das Leben war seine Religion und seine alleinseeligmachende Kirche , und wurde ihm dazu . Religiös in Weltliebe , weise im Leichtsinn , philosophisch in der Frivolität , frivol aus Philosophie , ein Würfelspieler mit den Formen des Lebens , ein Eingeweihter in die Tiefen des Daseins , ein Abenteurer und ein Denker , in der Wollust und in der Wissenschaft gleich gelehrt und gründlich das ist die Devise , welche ich unter das Bild dieses Jean-Jacques setzen möchte , der ohne Zweifel die merkwürdigste Figur des geselligen Lebens seines Jahrhunderts war . Der Alte küßte stillschweigend seinen Reliquienknochen . Man könnte Jean Jacques Casanova den umgekehrten Jean Jacques Rousseau nennen , fuhr ich fort , und zugleich beide Extreme in diesen Naturen sich wieder berühren sehn . Rousseau , ein geistiger Wollüstling , durchschwelgte mit dem feinsten Nervenäther seiner Seele das ganze Reich der Schönheit , das auf den Höhen menschlicher Träume und Ideale blüht , und an der Schwelgerei des Geistes nahmen unvermerkt auch seine Sinne lebendigen Antheil . Er stürzte sich in das hohe Meer einer mächtig wogenden Geistigkeit , und blieb mit sophistischem Lächeln auf einer grünen Insel der Sinnlichkeit sitzen . Casanova , ein kräftiger Sohn derber Wirklichkeit , wollte nur die schönen , reichen Formen der Welt genießen , und des Körperlebens vollschwellende Reize sahen ihn schon früh mit trunkenen Augen begehrlich an . Mit Keckheit und Grazie griff er nach Allem , was ihn lockte , in der Nähe und in der Ferne ; er trank sich satt und übersatt an den weißen Brüsten der Sinnlichkeit , und unvermerkt nahm an der Schwungkraft der Sinne auch sein Geist lebendigen Antheil . Er hatte mit den starken Fühlhörnern seiner Sinne ausgegriffen nach allen Blüthenstellen der sichtbaren Welt , und war mit tiefsinnigem Erstaunen in einem Wunderblumenkelch geistiger Reflexion sitzen geblieben . Er hatte sich an das Sichtbare weggeworfen , und im Unsichtbaren wiedergefunden . Er fing an zu denken , zu philosophiren . Die Weltsünden wurden Gedankenstoff . Der Weltmensch war transcendent geworden . Beide Jean-Jacques schlugen nach den entgegengesetzten Polen ihres Wesens um , und doch , welcher Kenner der menschlichen Natur wird zweifeln , daß diese Antipolarität eine Verwandtschaftlichkeit , mithin eine Berührung der Extreme ist ! Der Alte hatte schon wieder seinen Reliquienknochen geküßt . Er sagte , daß er mich durchaus nicht verstehe . Ich sollte ihm einige nähere Umstände über den Mann angeben . Da er mich durchaus nicht verstand , so konnte ich mich wohl , ohne zu erröthen , noch länger mit ihm über Casanova unterhalten . Dieser außerordentliche Mann , fuhr ich fort , ist mein vielfältiges Studium , meine Bewunderung und mein Nachdenken gewesen . Eine verdächtige Prüderie unseres Zeitalters hat mit moralisirender Wegwerfung von seinen Memoiren gesprochen , und die Polizei ist der Prüderie zu Hülfe gekommen , und hat in diesem und jenem deutschen Staat das merkwürdigste aller Bücher verboten . Ein höherer Standpunkt der Betrachtung bleibt dem Unbefangenen noch immer nicht benommen . In seinen Lebensbekenntnissen ist nichts Absichtliches , nichts auf Wirkung , Beifall oder Gunst Berechnetes ; sie sind ihren hauptsächlichsten Bestandtheilen nach aus lauter körniger Wirklichkeit einfach zusammengesetzt . Casanova schien sie kaum selbst für den Druck bestimmt zu haben , und durch einen Zufall geriethen sie , viele Jahre nach seinem Tode , in die Hände eines deutschen Buchhändlers , der das französisch geschriebene Manuscript für einen Spottpreis erkaufte , und nachher Tausende damit gewonnen hat . Sie brechen gegen das Ende fragmentarisch ab , und den Mittheilungen des geistreichen Fürsten von Ligne danken wir den Aufschluß über des Venetianers spätere Lebensverhältnisse . Sind jedoch seine Memoiren nur zur Unterhaltung erfunden , erlogen , so bleibt Casanova als Erfinder und Lügner , und als nach dem Leben treffender Charakterzeichner seiner Zeit und seiner Zeitgenossen , noch immer einer der größten Schriftsteller , die je erfunden und gelogen haben . Sind aber seine Memoiren , was ich glaube , wahr ( das heißt : in dem durch Goethe bekannt gewordenen Sinne selbstbiographischer Wahrheit und Dichtung ) , sind sie wahr , und hat der wunderbare Mensch alles dies wahrhaftig erlebt , was er mit seiner bezaubernden Feder wie aus raschen Erinnerungen glänzend hinwirft , so ist er der größte Weltmann , den das moderne Zeitalter hat geboren werden sehn ! Etwas Außerordentliches bleibt immer an ihm . Der Alte schlug hier wieder dreimal mit der Faust auf den Tisch , so daß ich , obgleich an dieses Zeichen schon gewöhnt , erschrocken innehielt . Er befahl aber nur , mir von neuem ein Glas Milch vorzusetzen , wahrscheinlich damit meiner Apologie die Kehle nicht trocken werden möchte . Mit größerer Aufmerksamkeit zu ihm hingewandt , fuhr ich fort , mich auszusprechen . Den größten Weltmann neuerer Zeiten habe ich ihn genannt , und möchte ihn zugleich einen Ritter nennen . Einen Ritter des Weltlebens , einen Ritter und einen Sieger . In einer unchevaleresken Zeit , in einer trägen bürgerlichen Epoche seines Jahrhunderts , war er der Mann der Avantüre , der auf dem Schauplatz des ganzen civilisirten und uncivilisirten Europa mit der siegenden Macht der Persönlichkeit erschien , überall sogleich der Mittelpunkt der interessantesten Beziehungen wurde , als Held des Tages sich der Meinungen und der Gemüther bemächtigte , und die Rolle , die er übernommen , jedesmal auf eine ritterliche Weise zu Ende brachte . Die Blüthe der Mannhaftigkeit , die mit kräftigen Siegerarmen jedes Genusses ungestraft sich versichert , ging zu einer sonnigen Gestalt in ihm auf . Lebensmuth , Eitelkeit , Leidenschaft und Wißbegierde waren die windschnellen Rosse , die ihn schnaubend und mit verhängten Zügeln durch die ganze Welt von dannen trugen , ohne daß er mitten im Rasen und Stürmen jemals die edle Haltung des Reiters verloren hätte . So ist er mir immer wie eine in der Klarheit des Weltmanns ausgesöhnte Mischung von Don Juan und Faust vorgekommen ! Die Kritiker haben in neuerer Zeit viel von der Verwandtschaftlichkeit beider Mythen gesprochen , während ich dabei immer an Casanova gedacht , der als der Weltmann beider Richtungen dasteht , und mit der Klugheit und Sicherheit eines solchen dieser Polarität , die ihn hin und her zieht , Herr wird , ohne , wie Don Juan und Faust , mit einer tragischen Zerstörung seiner Natur zu endigen . Ich habe schon früher angedeutet , wie der Weltmensch in Casanova transcendent wird ; und wo die transcendente Höhe der Don Juan-Mythe anhebt , auf der sie mit Geisterflügeln in die andere Sphäre des Daseins hinüberschlägt , brauche ich nicht erst auseinanderzusetzen . Wie aber Jean Jacques Rousseau damit endigt , womit Jean Jacques Casanova angefangen hat , so greift auch die Mythe von Faust mit einer schneidenden Zuckung in den Don Juan hinüber , und über den dunkeln Tiefen des Geistes , aus denen der Sehnsuchtsschmerz einer ganzen Menschheit heraufklagt , tummeln sich mit Carnevalsleichtsinn die lachenden Sinne . Casanova aber war eine feste Gestalt der Welt , eine auf dem Grunde seiner Zeit sich ausprägende Figur , ein Mann der Wirklichkeit . Er war zu sehr ein Mann klarer und scharfer Wirklichkeit , als daß er an jene geheimnißvollen mythisch-diabolischen Elemente des Daseins jemals hätte verfallen können . Er lebte den Don Juan von ganzem Herzen aus sich heraus , aber er war zu klug und gewandt , zu kräftig und geistig vornehm , um damit zugleich das Gut seiner Seele an den Teufel zu verschleudern . Er besaß Ironie genug , um sich über den Teufel zu stellen , den er in einem fortwährenden Respect gegen sich erhielt . Die Weltsünden wurden ihm Gedankenstoff , wie ich gesagt habe . Aber dieser Gedankenstoff trieb ihn in die philosophische Speculation , in die Metaphysik und Mystik , die Chemie und Alchemie , und zuletzt sogar in die Kabbala hinein , wovon einige seiner Schriften , die er noch selbst hatte drucken lassen , hinlängliche Proben abgeben . Und so ward auf der andern Seite seines Don Juan in ihm der Faust mächtig . Doch dieser Mythus hatte wieder nicht tief genug in seinem Herzen geblutet , um ihn verzweifeln zu lassen . Auch der Faust konnte ihn nicht an den Teufel überliefern . Der Mann der Wirklichkeit war wieder zu klug und zu stark , um sich die Kabbala über den Kopf wachsen zu lassen , und das Stückchen Voltairescher Atheismus , mit dem sich sein Witz zuweilen Bewegung machte , und mit dem er es im Grunde nie ernstlich gemeint , vermochte ihn vollends nicht um seine Seeligkeit zu bringen , weil Casanova am Ende doch noch witziger war , als Voltaire . Aber wie Faust in die Tiefen des Weltgeistes hineingestrebt hatte , wie er liebesbrünstig nach Vereinigung und Einheit mit demselben gerungen , so kann man von Casanova sagen , daß er , gleich einem indischen Gott , der sich in tausendfache Formen der Weltmaterie verwandelt , so alle nur möglichen Gestaltungen und Wandlungen der äußeren Weltformen an sich erlebt und mit denselben eins gewesen ist . Kaum ein Stand , ein Weltverhältniß , eine Beziehung der menschlichen Gesellschaft , worin man nicht Casanova eine Zeitlang heimisch und angesessen erblickt . In seiner Jugend war er Rechtsgelehrter gewesen , hatte über Testamente geschrieben , und , obwohl der Sohn einer umherabenteuernden Schauspielerin , in den vornehmsten Gesellschaften und bei den schönsten Damen Venedigs Glück gemacht . Dann fing er auf Einmal an zu predigen , bahnte sich Aussichten zu den höheren geistlichen Würden , machte dumme Streiche , und wurde Soldat . Hierauf abwechselnd Militair , Glücksritter , Spieler , Gelehrter , Musiker , Wunderdoctor , diplomatischer Agent , Freund und Gesellschafter der ausgezeichnetsten und berühmtesten Personen seiner Zeit , lebte und handelte er in diesen Eigenschaften bald in Deutschland , bald in Frankreich , bald in Konstantinopel , bald in Paris , bald in Rom , bald in Petersburg , in Riga und in der Schweiz , in Warschau und in Neapel , in Madrid und London , und sollte in Berlin sogar zum Director der Kadetten-Anstalt gemacht werden , was er nicht einmal annahm . Wo er wollte , sehen wir ihn in der glänzendsten Gesellschaft sich bewegen , mit den merkwürdigsten Männern auf vertrautem Fuße umgehn , die sachkundigsten Gespräche führen ; und wo er nicht wollte , ist er nicht minder interessant , wenn er der spanischen Schuhmachertochter in die Messe nachschleicht , oder wenn es ihm auf Einmal einfällt , in Venedig als armer Violinspieler zu leben und in nachdenklicher Einsamkeit seine Geige zu streichen . Dann gefiel er sich wieder in philologischen Beschäftigungen , übersetzte die Iliade des Homer in italienische Stanzen , trieb Politik und Geschichte , war Alterthumsforscher , und vertauschte die Reize junger Frauen mit den Reizen alter Bücher . Seine Belesenheit war unglaublich , und er hatte mindestens eben so viel Bücher aller Sprachen gelesen , als Mädchen aller Nationen geliebt , und wie er sich für die Schönheiten des weiblichen Geschlechts eine eigene mühsame Geschmackslehre , gebildet , so hatte er auch in der Aesthetik selbst manche neue Entdeckung gemacht , und z.B. in seiner Uebersetzung des Erebillon ' schen Radamist zuerst den französischen Alexandriner in die italienische Sprache eingeführt . Er besaß ein ungeheueres Gedächtniß , und wußte die meisten Dichter seiner Nation auswendig ; er war ein großer Mathematiker und stellte tiefsinnige Calcüls der höhern Analyse an . Mit den Waffen in der Hand geschickt , auf dem Kampfplatz und in Ehrensachen muthig und unerschrocken , dort Mars und hier Adonis an den Toilettentischen der Damen , im Ballsaal graziöser Tänzer , im Laboratorium erfahrener Chemiker , auf der Landstraße Ehrenretter bedrängter Frauenzimmer , im Walde Schatzgräber , am Schmelztiegel Goldmacher , in den magischen Kreisen der Kabbala Eingeweihter , an der Pharaobank ein unüberwindlicher Feldherr , wer zweifelt noch , daß in ihm das perpetuum mobile der menschlichen Physik gefunden worden sei ? Am meisten aber ist an ihm dies zu bewundern , daß er sich selbst nie zum Ekel geworden . Doch die Stärke seines Geistes , die Frische seiner Organe , die Dauer seines Charakters im Wechsel der Formen ,