her eine so reife Ernte von Liebe und Schönheit ! Warum zögern bis auf Jahre , daß ich sie breche ? Warum nicht das Entzücken , daß wir alle Menschen sind , schwach und stark , sterblich und unsterblich ! Diese unsichtbaren Barrieren , welche die Menschen trennen , welche auch den Jüngling vom Mädchen trennen , müssen fallen ; denn ich kenne dich , dein alles , dein Gehen und Stehen , deine Schwächen und Tugenden : siehe ! hier ist meine offne Brust , hier schlägt mein Herz , ich bin nichts , was noch etwas anderes wäre , als es ist , nichts , was du für etwas anderes halten dürftest . Weib , in deinen Augen , in den Formen deines Körpers bist du überreif zur Liebe ; und wenn ich dich heut zum ersten Male sahe , so pflückt ' ich dich , denn wir sind die Kinder eines und desselben Planeten , ich Mensch wie du , beide alternd , beide den Tod fürchtend , beide elend . Was weichst du mir aus ? « Wally zerfloß in Tränen . So fast hatte Cäsar zu ihr gesprochen , und sie fühlte das Entzücken , statt eines Weibes Mensch zu sein . Sie zitterte bei dieser echt philanthropischen Vorstellung , welche , wenn sie allgemein würde , die Welt durchaus umgestalten und ihre schwierigen Fragen im Nu lösen müßte . Sie ließ die Umarmung Cäsars zu : nicht , weil sie ihn liebte , oder aus Egoismus , aus Stolz , einen Mann überwunden zu haben , sondern weil sie sich als das schwache Glied der großen Wesenkette fühlte , die Gott erschaffen hat , weil sie wußte , daß sie ja vor der Wahrheit und Natur ganz nackt und bloß und mitleidswürdig war , weil sie zuletzt glaubte , daß diese heißen Küsse , welche Cäsar auf ihre Lippen drückte , allen Millionen gälten unterm Sternenzelt . Sehet da eine Szene , wie sie in alten Zeiten nicht vorkam ! Hier ist Raffiniertes , Gemachtes , aus der Zerrissenheit unsrer Zeit Gebornes : und was ist die Wahrheit Romeos und Juliettens gegen diese Lüge ! Was ist die egoistische Geschlechtsliebe gegen diesen Enthusiasmus der Ideen , der zwei Seelen in die unglücklichsten Verwechselungen werfen kann ! Ich zittre vor einem Jahrhundert , das in seinen Irrtümern so tragisch , in seinem Fluche so anbetungswürdig ist . 10 Die Übereinkunft der Liebe zwischen Wally und Cäsar mußte ihren Verhältnissen ein neues Kolorit geben . Wir fürchten , daß die Farben allmählich erbleichen werden . Aber noch sind sie hell und frisch ; noch liegt auf Wallys Antlitz der melancholische Schatten jener entzückenden Verirrung , in Cäsars Mienen die Resignation und Selbstzufriedenheit , welche selbst blasierte Charaktere und verwitternde Natürlichkeiten ergreifen kann , wenn der immer durstige Becher ihrer Wünsche einmal voll ist bis an den Rand der Erfüllung . Das Wiederfinden eines Jugendfreundes unterstützte Cäsars reflektierende Persönlichkeit , sich in einer Welt zu halten , in welcher er sich seit einiger Zeit gefiel . Waldemar hieß der neue Ankömmling , ein Mann , der einst blühend und schön war , in der Residenz zu Wallys Anbetern gehörte , dann heiratete und trotz der glänzendsten Verhältnisse zu keiner Freude kam , da seine Gattin an unheilbaren Übeln siechte . Die Stimmung dieses Mannes teilte sich seinen Umgebungen mit , erst auch Cäsar , verlor sich aber an diesem in dem Augenblick , als sie für ihn durch folgende gemischte Anekdote einen Grund bekam . Seit Waldemars Ankunft im Bade hatte sich nämlich das stille Bärbel von den beiden Indien zurückgezogen . Ihr Betragen gegen ihn ließ keinen Zweifel , daß dieser Mann die Ursache ihrer Geistesverwirrung gewesen war . Sie verfolgte Waldemar , wo er sich nur blicken ließ , und weinte oft auf dem Wege , wenn er in zahlreicher Gesellschaft vorüberging . Jedermann kannte den Zusammenhang dieser tragischen Komödie , doch wollten nicht alle glauben , was Waldemar versicherte , daß er sich dieses Mädchens durchaus nicht entsinne , nie mit ihr ein Wort gewechselt und auch im vorigen Jahre zum ersten Male Schwalbach besucht habe . Cäsar aber glaubte diesen Versicherungen ; denn Waldemar war eine treue Seele , die niemanden betrüben konnte , noch weniger aber wäre eine Unwahrheit über seine Zunge gekommen . Er nahm den Wahnsinn Bärbels von der lächerlichen Seite und suchte Waldemar zu trösten . Ja , diesem melancholischen Manne fehlte nur noch eine neue Ursache seiner Schwermut ! Wally befand sich in einer Stimmung , die ihr den Verkehr mit beiden Männern , der immer gewisse Grenzen und Nuancen hatte , recht zum Genuß machte . Einst wollte sie in einem Garten zu ihnen unbemerkt herantreten , während beide Freunde unter einem Boskett von verwelkenden Rosen sich unterhielten ; da sie aber hörte , daß ihr Gespräch religiöse Saiten aufgezogen hatte , so fürchtete sie , etwas zu verstimmen , und blieb unwillkürlich in einer Weite stehen , daß ihr von dem Gesprochenen nichts entging und sie dabei doch ungesehen blieb . Sie fühlte das Mißliche dieser Situation in einem Augenblicke nicht , wo alle ihre Seelenfäden Gespinste zu schießen begannen , in die sie sich immer tiefer verstrickte , wo es einer Untersuchung über die Religion galt . » Hätt ' ich einen größeren Wirkungskreis « , sagte Waldemar , » vielleicht gelänge es mir dann , den Unmut meiner Seele zu zerstreuen , wie auf jenen Bergen , auf welchen viel Waldleben herrscht , Tannen rauschen und die Natur in einer steten Bewegung ist , die Nebel sich leichter zerstreuen . Ich bin ein kahler Hügel , jedem Windzuge offen und von jeder Wolke gleich bis tief unter die Augen bedeckt . Nach ideellen Schutzwehren such ' ich ebenso vergebens . Die Politik ist nur imstande , meine Schwermut zu vermehren , und die Religion hat man mir durch meine Erziehung verleidet . « » Wer wird auch « , entgegnete Cäsar , » bei üblen Stimmungen Hülfe von der Religion erwarten ! Religion ist das Produkt der Verzweiflung : wie kann sie die Verzweiflung heilen ? « » Sie sollte es wohl ; jede Religion soll es , welche die Miene der Offenbarung annimmt « , sagte Waldemar . » Echte Religion ist positive Heilkraft ; aber gleicht das Christentum nicht einer Latwerge , die aus hundert Ingredienzien zusammengekocht ist ? Meine Vernunft sagt mir , auch ohne Hahnemanns Organon , daß die Krankheiten immer einfache und nur die Symptome zusammengesetzt sind , daß die Natur für jede ihrer Abnormitäten eine medizinische Rektifikation im simpeln Zustande hat und daß in einer Mixtur von Heilkräften eine Kraft die andere aufhebt . Die unerhörte Überladenheit des Christentums aus traditionellen , historischen und biblischen Ursachen macht aber , daß es für den Schmerz der Seele ganz ohne Wirkung ist . Eines seiner Dogmen stört das andre . « Ein Krampf schnürte Wallys Brust zusammen . Sie wankte ohnmächtig fort , bis jener Referendar , der über das Unzeitgemäße der politischen Garantien geschrieben hatte , ihren Arm ergriff und sie zu Waldemar und Cäsar führte , von denen er den ersten gesucht hatte . » Waldemar ! « rief er : » was Sie glücklich sind ! Ein Ehegatte , und noch bringen sich Ihretwegen die Frauen um . « » Was wollen Sie damit ? « fragte Waldemar . » Sie müssen nicht erschrecken « , sagte jener ; » aber Ihr verlassenes Bärbel ist tot . Sie ging gestern den ganzen Tag um Schwalbach herum , sich ein Grab zu suchen , blieb dann noch lange bei den beiden Indien , wankte darauf mechanisch fort bis an das Schloß Nassau , wo sie sich von der eisernen Hängebrücke hinabgestürzt hat . An der linken Seite von hier , da , wo der Brunnen auf der Brücke steht , soll sie noch mehre Stunden gesessen haben , wie die Leute versichern , die sie dort sahen . Die Gerichte von dort schicken diesen Ring mit , der an dem Finger des Mädchens sich befand . Ich hab ' ihn hier . « Waldemar erblaßte . » Mein Gott ! « schrie er . » Dieser Ring- « Cäsar sprühte auf : » Wie ? « rief er ; » Waldemar , du hättest dennoch - « » Ja « , bemerkte der dritte : » ich kenn ' ihn . Sie trugen diesen Ring vor mehren Jahren , Waldemar . « Wally trat hinzu und nahm den Ring . Sie betrachtete ihn und gab mit unpassender Heiterkeit die Erklärung : » Waldemar , Sie gaben mir vor drei Sommern diesen Ring . Ist eine Verheiratung dem Gedächtnisse so schädlich ? « » Aber wie kam die Unglückliche zu dem Ringe , den alle Welt als ein Pfand meiner treulosen Versicherungen auslegen wird ? « fragte Waldemar mit bleichen Lippen , die doch wieder sprechen konnten , nachdem er sich auf die Huldigungen besann , die er einst Wally gebracht hatte . » Ich hatte die Gewohnheit « , sagte Wally , » die Ringe meiner Verehrer jährlich im Bade zurückzulassen , indem ich sie in die Becher , die am Sprudel stehen , warf und diese dann armen Leuten oder Kindern zu trinken gab . So ist die Närrin wohl zu dem Geschenke gekommen . « » Gut erfunden ! « flüsterte der Referendär , dem im Augenblick auch sein Ehrenhandel mit Cäsar einfiel . Wally blickte etwas stolz : man kann durchaus nicht sagen , warum , und reichte dem Menschen ihren Arm . Waldemar saß in tiefes Nachsinnen versunken . Wie wunderbar war der Zusammenhang dieses unglücklichen Ereignisses ! Man konnte versucht werden , an eine magnetische Einwirkung zu glauben . Wer erklärte ihm , wie ein Ring eine Neigung veranlassen konnte zu einem Manne , den man nie gesehen ! Wie kam es , daß die Arme , gleich als sie ihn zum ersten Male sahe , ihn als den Eigentümer des Ringes erkannte , den sie liebte und mit einer wirklichen Person verwechselte ! Er ging tief bekümmert in seine Wohnung und überredete seine kranke Gattin , mit ihm sogleich den Schauplatz so unheimlicher Begebenheiten zu verlassen . Was aber empfand Cäsar bei dem Ereignisse ? Nicht das Ereignis selbst , nicht den Schmerz seines Freundes , sondern nur eines , was ihn schon oft bei Vergleichung des Todes mit dem Leben interessiert hatte . Das arme Bärbel war vor ihrem Ende unruhig in dem Flecken herumgewankt und hatte den Tod gesucht , der ihr notwendig schien . Sie war bis nach der eisernen Brücke gelaufen , um den Tröster ihrer Leiden zu finden . Ist es beim Selbstmorde eine unsichtbare Hand , die die Kehle zuschnürt ? Geht man wahnsinnig , ohne Bewußtsein in den Tod , wie die Mücke in das brennende Licht stürzt ? Oder ist man bei etwa vorhandener Kraft , sich noch als nachdenkend zu fühlen , schon so mit dem Tode verschwistert , daß jener weitere Akt des Selbstmordes nur die Publikation eines Befehles wird , der schon abgemacht und im stillen ausgeführt ist ? Darüber sann Cäsar nach und konnte sich vor Schmerz nicht fassen , als er bei dem Verfolgen von Bärbels Benehmen nur darauf zurückkam , daß die Furcht vor dem Tode doch immer das Ursprüngliche und bis zum schwindenden Bewußtsein das Letzte sei . Die Unzulänglichkeiten der Erhabenheit , sagte er , die Furcht vor dem Tode , der Schmerz , nicht wie Brutus , der alte und der junge , töten , nicht wie Cato sterben zu können , die Bitte des Prinzen von Homburg , ihn leben zu lassen : das ist das Tragische unsrer Zeit und ein Gefühl , welches die Anschauungen unsrer Welt von dem Zeitalter der Schicksalsidee so schmerzlich verschieden macht . Sie wollte sterben und lief einen ganzen Tag , einen Weg von sechs Stunden , um den Tod zu finden , den sie herzlich suchte und den sie fürchtete ! So war Cäsar . 11 Jenes feste und präzise Benehmen , das Wally bei der Aufklärung über den Ring gezeigt hatte , war nur durch die Situation hervorgerufen worden . Auch wird sich niemals ein Weib bei der Leidenschaftlichkeit einer andern enthalten können , sich aufzuschnellen und mißachtend auf die fremde Verirrung herabzusehen . Diese Stimmung war aber nur eine vorübergehende . Die Erklärung , welche Waldemar über das Christentum abgab , hatte auf ihre Seele wie die Berührung eines kranken Zahnes gewirkt . Glaubt ihr , Wally habe nach einem Mittelpunkte ihres Lebens gesucht ? Wahrlich nicht . Nirgends lagen etwa zerstreute Bruchstücke von Gedanken , die sie gern verbunden hätte . Unmittelbar und zufällig war ihr ganzes Leben : nur im Religiösen stand sie oft wie ein Wanderer auf der Landstraße , der den Weg verfehlt zu haben glaubt , sich in der Gegend umblickt und mit seinem Ortssinne sich zu orientieren sucht . Es war ein ganz bewußtloses Sinnen , ein träumerisches Fühlen , dem sie sich tastend und anpochend hingab . Von einer Reflexion , einer zusammenhängenden Untersuchung konnte bei Wally nicht die Rede sein . Sie litt an einem religiösen Tick , an einer Krankheit , die sich mehr in hastiger Neugier als in langem Schmerze äußerte . Sie war wie in einem Zimmer , das sich plötzlich mit Rauch füllt und wo man sich nicht anders helfen kann , als an das Fenster zu springen , es aufzureißen und mit einem unmäßigen Gestus nach frischer Luft zu haschen . Wally wußte selbst nicht , was alles zusammentraf , sie nachdenklicher als je zu machen . Sie hatte zum ersten Male einige Beobachtungen über ihren Zustand in eine zusammenhängende Kette aufgereiht . Sie war vor ihren Gedanken nicht scheu zurückgeschreckt , sondern hatte sie diesmal scharf ins Auge gefaßt . In einem Brief an eine Freundin suchte sie ihrer Angst Luft zu machen . Der Brief war vielleicht vollendet . Sie wagte nicht , was sie hatte , wieder durchzulesen . Auch verzweifelte sie während des Schreibens , ihn abzusenden . Sie zerriß ihn . Einige Minuten blickte sie die Reste an ; dann ordnete sie mechanisch , was davon noch vor ihr lag . Die Linien und Buchstaben paßten zusammen . Jetzt erst las sie ihn , wo sie gleichsam wußte , daß er ihr nichts mehr schaden könne . » Meine teure Antonie « , hatte sie geschrieben , » Deine geschmackvollen Muster , das sehr hübsche Diadem , was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird , auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab ' ich bekommen . Ich danke Dir , Antonie ! Verzeih mir nur , daß ich nicht jetzt auch mit all dem Entzücken davon spreche , das ich wirklich über Deine Gefälligkeit und die Gegenstände derselben empfunden habe . Du glaubst nicht , in welcher wunderlichen Stimmung ich heute bin . Und heute mußte ich doch schreiben - morgen würd ' es schon besser sein . Nur eins sage mir , Antonie , hast Du wohl in Deinem Leben einen frohen , recht frohen Augenblick gehabt ? Ich besinne mich vergebens auf einen ; denn es ist doch immer eine peinliche Unruhe und Hast , von der wir getrieben werden , eine Ängstlichkeit , von welcher die Männer keine Vorstellung haben . Zuweilen erschreck ' ich vor dieser pflanzenartigen Bewußtlosigkeit , in welcher die Frauen vegetieren , vor dieser Zufälligkeit in allen ihren Begriffen , in ihrem Meinen und Fürwahrhalten . Der Augenblick ist der Urheber unsrer Handlungen und die Vergeßlichkeit die Richterin derselben . Ach , Antonie , ich beschwöre Dich ! Nimm diese Klagen nicht als die Frucht eines regnerischen Tages ; oh - ich leide an einem Schmerze , der unheilbar ist , da ich ihn gar nicht zu nennen weiß . Das rennt , läuft , springt , lacht , singt , weint , zankt - nun sage mir um des Himmels willen , was steckt dahinter ? Was ist der Kern dieser spiralförmig fortkreiselnden Unruhe ? Die Männer sind glücklich , weil man an sie Anforderungen macht . Das Maß ihrer Handlungen ist der Beifall oder der Nutzen , den sie damit gewinnen . Auch dies sage , warum wir den Faust nicht lesen sollen ? Die Schilderung jener Zweifel , die eines Menschen Brust durchwühlen können , macht uns vertraut mit ihnen und die Wirkung derselben für uns weniger gefährlich . Aber ich fühl ' es , daß sich in jedes Menschen Herzen innere Gedichte entwickeln , eine ganze Historie von Wundern , die wir zu erklären verzweifeln , Gedichte , in denen wir selbst der von den Göttern verfolgte , geneckte , scheiternde , irrende Ulysses sind . Das ist alles halb , siehst Du . Es ist noch immer nicht das , was ich sagen möchte und nicht sagen kann . Liebe Antonie , das ist der Fluch : man verlangt nichts von uns , man will gar nichts , es kömmt gar nichts drauf an . Auch dies noch : wir haben einen Ideenkreis , in welchen uns die Erziehung hineinschleuderte . Daraus dürfen wir nun nicht heraus und sollen uns nur mit Grazie wie ein gefangenes Tier an dem Eisengitter dieses Rondells herumwinden . Diese Gefangenschaft unserer Meinungen - ach , war Spreu für den Wind ! Rechte will ich in Anspruch nehmen , für wen ? für was ? O Antonie , ich habe nichts , was wert wäre , gedacht : ich will gar nicht sagen , gemeint oder gesprochen zu werden . Ich drücke an den Begriffen , die mir zu Gebote stehen ; aber sie sind elastisch und geben immer nach und gehen immer wieder zurück . So glaub ' ich , kommen auch die Revolutionen , wenn die Menschen so viel Mühe haben , an ihrer Stirn hin- und herfahren und ihre welke Begriffstyrannei gern stürzen möchten mit etwas , was sie suchen , aber nicht finden können . Dann schaffen sie sogar Gott ab , nämlich , weil sie ihn wahrhaftig nicht verstehen . Es ist auch schwer , Antonie ! Die Schöpfung - schon gut ; aber woher ? womit ? warum ? Der Mensch , der Affe , der Polyp , die Sinnpflanze , das Moos , der Stein , der Kristall , das Wasser , die Luft , der Wind , nichts : wo ist Gott ? Oder wollt ihr nicht den Weg des Wassers gehen : so geht den des Feuers ! Der Vulkan , das Licht , die Wärme , die Elektrizität , der Magnetismus : wie kann Gott in der Voltaschen Säule stecken ? « Hier mußte Wally laut auflachen bei all ihrem Schmerz und Unglück . Der komische Konflikt der Schulweisheit mit ihrer Melancholie , die Vergleichung Gottes und jenes kleinen Professors der Physik , der sie mit Papinianischen Töpfen , Herobrunnen und Luftpumpen so tief in die Natur hatte sehen lassen wollen , ob er gleich selbst nur ein Auge hatte , das waren zu drollige Erinnerungen . Sie zuckte mitleidig mit sich selbst über sich selbst die Achsel und ging Cäsar entgegen , der viel ungereimtes Zeug mit ihr zu sprechen hatte . 12 Ein Begegnis , das Wally kurze Zeit darauf erlebte , machte den ersten Abschnitt in ihrem Leben . Es schien , als könnte sie in ihrem jetzigen Aufenthalte die Heiterkeit nicht wiedergewinnen , welche ihrem Charakter entsprach . Ein Umstand aber veranlaßte bald die Abreise von Schwalbach . Wally war eines Abends spät und unmutig zu Bett gegangen . Die Lampe brannte noch auf ihrem Tische ; aber sie konnte nicht schlafen . Ihr Blut war in fieberhafter Aufregung . Sie warf sich unruhig hin und her , aber ihre Sinne wollten sich nicht lösen . Da sprang sie auf , setzte sich an den Tisch und fing all die Mittel zu prüfen an , welche die Leute anraten , um in gleichmäßige Bewegung des Bluts zu kommen . Sie zählte die zwölf Glockenschläge an der Kirchturmuhr , sie zählte das Einmaleins her , von vorn und hinten , deklamierte das einzige Gedicht , welches sie bei ihrem schlechten Gedächtnis auswendig wußte : » Eine kleine Biene flog emsig hin und her und sog. « Nichts half . Da erblickte sie auf dem Tisch die Anordnungen , welche sie neulich gemacht hatte , um an ihre Freundin zu schreiben . Sie ergriff die Feder und schrieb : » Meine teure Antonie , Deine geschmackvollen Muster , das sehr hübsche Diadem , was aber wohl zu meinem Haare nicht stehen wird , auch die englischen Nadeln und die neuen Touren zum Cotillon hab ' ich erhalten . Ich danke Dir , liebe Antonie ! Verzeih mir nur - « » Abscheulich ! « rief sie aus und trat an das Fenster . Der Mond beleuchtete hier und dort einen Teil des engen Tales und seiner Umgebungen . Er war mit Wolken bedeckt , die aber nicht eilten , sondern schwer auf ihm hafteten . Es wehte kein Wind . In sanfter , nächtlicher Stille ruhte die malerische Natur . Ein tannenschwarzer Bergrücken begrenzte auf der einen Seite die ovale Rundung des schlummernden Tales . Nirgends die Ahnung eines menschlichen Wesens . Wally hüllte sich in einen leichten Nachtüberwurf . Ihr Zimmer lag zur ebnen Erde . Mit einem Tritte war sie draußen im Freien . Ohne mehr zu wollen , als die Hitze ihres Blutes abkühlen , stieg sie zur linken Hand die Straße hinauf , dann wieder hinunter zum Alleesaal hin . Sie wird nur einige Schritte unter den Bäumen auf und ab gehen . Als sie ein weniges weitergekommen war , vernahm sie ein sonderbares Geräusch , welches man für das Seufzen einer schwankenden Pappel hätte halten können , wäre ein starker Wind gegangen . Sie erschrak , wie diese Laute sich immer deutlicher als Gestöhn und schmerzliche Klage zu erkennen gaben . Es war wie das Jammern eines Verwundeten , der sich fürchtet , durch übergroßen Schmerzausdruck des Mundes vielleicht die brennenden Leiden seines Schadens desto stärker zu machen . Wally blieb betroffen stehen . Ihr siedendes Blut gerann , und die Fieberhitze wich einer kalten Erstarrung , in die der Schreck ihre Glieder versetzte . Sie sahe , daß sich im Hintergrunde der Allee etwas bewegte , das auf sie heranzukommen schien . Die Angst hatte sich ihrer Seele so sehr bemächtigt , daß sie nicht einmal wagte zu entfliehen . Wie angewurzelt blieb sie stehen und wankte nur , als eine menschliche Figur immer näher trat , mechanisch hinter einen Baum , von dem sie glaubte , daß er ihr Schutz gewähren könne . Ein Weib kam mit händeringenden Gebärden . Sie wandte sich oft gespenstisch um und suchte etwas , was man nicht sehen konnte , von sich abzuwehren . Dann fuhr sie mit einer grauenerregenden Vehemenz und sie begleitendem Geheul in die Gegend ihres Kopfes , als wolle sie etwas bedecken oder irgendeinen übergroßen Schmerz stillen . Wally zitterte . Jetzt stand die Unglückliche , welche nicht im Fieber zu sein , sondern das volle Bewußtsein zu haben schien , dicht vor ihr . Wally sahe , wie sie schwankte und zu Boden stürzte . Mit einem fürchterlichen Geschrei wühlte das entsetzliche Weib ihren Kopf in den losen Sand und rang , ihre Hände gleichsam zu vervielfältigen , um den Kopf von allen Seiten bedecken zu können . Dabei stöhnte sie wieder und sahe sich , wie tief sie auch den Kopf in den Sand hineingewühlt hatte , um und fuhr mit einem gräßlichen Schrei auf , als hätte sie einen Geist erblickt , bis sie ohnmächtig und besinnungslos in dieser gräßlichen Lage verstummte . Wally wagte nicht , einen Laut von sich zu geben . Als das Wesen sich beruhigte , versuchte sie aufzutreten , ob man sie auch nicht hören könne , wagte dreistre Schritte und floh , als sie eine Strecke weit von der Szene entfernt war , der sie hatte beiwohnen müssen . Sie fror an allen Gliedern , als sie auf ihrem Lager sich gebettet hatte , und schlief ein aus Furcht . Am folgenden Morgen betrieb sie die Abreise . Die Tante zögerte . » Unter keiner Bedingung ! « rief Wally ; » ich bin eines Ortes müde , der mich umbringen muß . « Das war ein fürchterlicher Ausdruck ; die Tante war diese Wendungen nicht gewohnt . Sie entsetzte sich und reiste ab . Als Cäsar sie beide an den Wagen begleitete , erzählte er ihnen noch , daß die Frau des Trompeters an der gespenstischen Trommelmusik ihres Ohres diese Nacht gestorben sei . Sie sei vor Unruhe aus dem Hause gerannt , habe nachts die ganze Stadt durchirrt , um den grauenhaften Tönen zu entfliehen , und sei in der Allee gefunden worden , wie sie mit dem Kopf in den Sand gewühlt dagelegen . Wally winkte mit der Hand , daß er schweigen solle . Cäsar aber glaubte , daß sie ihn zum Abschied grüße ; die Pferde zogen an , und , den Spruch des großen Römers parodierend , sagte er zu dem Fahrzeuge : » Du trägst Cäsar und sein Glück ! « Zweites Buch 1 Der Sommer reifte zur Ernte . Aus seinen letzten Fäden spann sich ein Herbst voll Kelterlust . Die Astern sammelten noch einmal alle Farben der schönen Vergangenheit , dann starb die Natur , und was zurückblieb , legte den Frostreif und Nebelflor der Trauer an . Die Ströme gerannen , die Wolken zerrieben sich zu Schneeflocken . Der Winter kam in seinen Pelzschuhen angeschlichen und klopfte mit Weihnachtsfreuden an die Reifblumen der Fenster an . Wally wirbelte sich in einer Lust , die sie so zauberhaft zu regeln verstand . Was Religion ! Was Weltschöpfung ! Was Unsterblichkeit ! Rot oder blau zum Kleide , das ist die Frage . Ob ' s besser ist , die Haare zu tragen à la Madeleine oder sie zusammenzukämmen zu chinesischem Schopfe ? Tanzen - vielleicht auch Sprüchwörter aufführen - oh , nur gering ist die Zahl der Vergnügungen , welche im Verhältnis zur zunehmenden Civilisation nicht mehr lächerlich sind : so sehr gering ! falls man sich selbst so viel liebt , nicht Karten zu spielen , jene melancholischen Spiele Albions und der nordamerikanischen Yankees , wenn man noch wie Mendelssohn philosophisch und kantisch genug ist , für den Scherz keinen Ernst und für den Ernst keinen Scherz aufzuwenden ! Aber eine Unterhaltung ist unerschöpflich ; ein Spiel unermüdlich . Das ist die Koketterie . Wally hatte damit alle Hände und alle Mienen voll zu tun . Künstliche und natürliche Launen waren die Zahlen , mit welchen sie ihre Umgangsexempel zusammensetzte . Wally ließ die ganze Welt wie elastische Figuren auf dem Resonanzboden ihrer Einfälle springen . Sie spielte die kapriziösen Melodien zu allen diesen Bewegungen , welche sie lachen machten . Was wollte sie auch mehr ? Sie wollte nicht einmal den Ruf davon , die Neigungen ihrer Umgebungen so unübertrefflich eskamotieren zu können . Sie tat alles ohne Stolz , ohne Absicht , ohne Bewußtsein . Sie war bezaubernd ! Cäsar war die Balancierstange dieser Equilibres . Er rektifizierte wie irgendein chemisches Natron alle die barocken Konfusionen , welche Wally anrichtete . Cäsar fiel dabei bald hier- , bald dorthin , in jenem ersten Bilde . In diesem letzten nahm Wally bald größere , bald kleinere Portionen von ihm . Er fehlte aber nie , und diese perspektivische Verschiebung bald zu einer Gunst von einer Linie , bald zu einer von zwei Zollen oder drei , hielt ihn in der Spannung , welche Männer allein zu fesseln imstande ist . Es ist möglich , daß Cäsar Wally liebte , wenigstens war sie ihm eine Vertraute geworden . Er hätte sie vielleicht einem andern abtreten können ; aber von ihr sich trennen , das konnte er nicht . Und doch ! Vielleicht ! Wir sind Scharlatane , wir können alles ! Es war auf einem glänzenden Balle , der am Hofe gegeben wurde . Cäsar , der nicht tanzte , weil die Prinzessinnen zugegen waren und es ihn beleidigt haben würde , wenn sie ihm durch ihre Kammerherrn die herkömmlichen Aufforderungen geschickt hätten , zog sich zurück . Wally beachtete ihn nicht . Er nahm das leicht . Er wußte , daß Wally weit entfernt war von der gewöhnlichen Ansicht deutscher Mädchen , dem Tanze eine sinnliche Bedeutung oder die Bedeutung irgendeiner Gunst unterzulegen ; er wußte , daß sie diejenigen liebte , mit denen sie nicht tanzte . Und doch war sie heute aufgeregter als jemals . Das nahm ihn wunder und verstimmte ihn . Als Wally zu ihm trat , sprach sie : » Ich habe Sie suchen müssen . Wo stecken Sie ? Ich muß Ihnen etwas sagen . « Sie standen in einem der entlegeneren Zimmer . » Und was ? « » Ich werde den sardinischen Gesandten heiraten ; aber wir sprechen uns noch ! « Damit war sie verschwunden . Cäsar eilte nach Hause . Er hatte durchaus nichts , was ihn drückte , und doch entschloß er sich , eine kleine Reise zu machen . Er war sehr unruhig den ganzen Tag , mehre Tage . Er machte die Reise . Er notierte , zeichnete , schrieb viel Briefe . Er würde sich vortrefflich zerstreut haben , wenn ihm nicht aus jedem Baum , aus jedem Echo zugeklungen wäre : Aber wir sprechen uns noch ! Dies Aber ! machte ihn verwirrt ; denn es klang wie eine so schwärmerische , träumende Liebe , daß er geglaubt hatte , den letzten lechzenden Seufzer , das kaum gelispelte felicissima notte einer Italienerin zu hören . » Sind das schon die Wirkungen der sardinischen Gesandtschaft ? « sagte er lächelnd und kehrte hübsch beruhigt in die Residenz zurück . Er hatte bald darauf von Wally die Einladung zu einem vertrauten Gespräch