der Schnur pflanzen , bei der Milchfrau hab ich mir einen Nelkenflor angelegt , die dunkelroten Nelken sind meine Lieblingsblumen . - Bei solcher Lebensweise , was soll ich da lernen , woher soll ich klug werden ? - Was ich Ihrem Sohn schreib , das gefällt ihm , er verlangt immer mehr , und mich macht das selig , denn ich schwelge in einem Überfluß von Gedanken , die meine Liebe , mein Glück ausdrücken , wie es Ihm erquicklich ist . Was ist nun Geist und Klugheit , da der seligste Mensch , wie ich , ihrer nicht bedarf ? - Es war voriges Jahr im Eingang Mai , da ich ihn sah zum erstenmal , da brach er ein junges Blatt von den Reben , die an seinem Fenster hinaufwachsen , und legt ' s an meine Wange und sagte : » Das Blatt und deine Wange sind beide wollig « ; ich saß auf dem Schemel zu seinen Füßen und lehnte mich an ihn , und die Zeit verging im stillen . - Nun , was hätten wir Kluges einander sagen können , was diesem verborgnen Glück nicht Eintrag getan hätte ; welch Geisterwort hätte diesen stillen Frieden ersetzt , der in uns blühte ? - O wie oft hab ich an dieses Blatt gedacht , und wie er damit mir die Stirne und das Gesicht streichelte , und wie er meine Haare durch die Finger zog und sagte : » Ich bin nicht klug ; man kann mich leicht betrügen , du hast keine Ehre davon , wenn du mir was weismachst mit deiner Liebe . « - Da fiel ich ihm um den Hals . - Das alles war kein Geist , und doch hab ich ' s tausendmal in Gedanken durchlebt und werde mein Leben lang dran trinken wie das Aug das Licht trinkt ; - es war kein Geist , und doch überstrahlt es mir alle Weisheit der Welt ; - was kann mir sein freundliches Spielen ersetzen ? - was den feinen durchdringenden Strahl seines Blicks , der in mein Auge leuchtet ? - Ich achte die Klugheit nichts , ich habe das Glück unter anderer Gestalt kennen lernen , und auch was andern weh tut , das kann mir nicht Leid tun , und meine Schmerzen , das wird keiner verstehen . So hell wie diese Nacht ist ! Glanzverhüllt liegen die Berg da mit ihren Rebstöcken und saugen schlaftrunken das nahrhafte Mondlicht . - Schreib Sie bald ; ich hab keinen Menschen , dem ich so gern vertraue , denn weil ich weiß , daß Sie mit keinem andern mehr anbindet und abgeschlossen für mich da ist , und daß Sie mit niemand über mich spricht . - Wenn Sie wüßt , wie tief es schon in der Nacht ist ! Der Mond geht unter , das betrübt mich . Schreib Sie mir recht bald . Bettine Winckel , am 25. Juni Frau Rat , ich war mit dem Franz auf einer Eisenschmelze , zwei Tag mußt ich in der engen Talschlucht aushalten , es regnete oder vielmehr näßte fortwährend , die Leute sagten : » Ja das sind wir gewohnt , wir leben wie die Fisch , immer naß , und wenn einmal ein paar trockne Tage sind , so juckt einem die Haut , man möchte wieder naß sein . « Ich muß mich besinnen , wie ich Ihr das wunderliche Erdloch beschreibe , wo unter dunklen gewaltigen Eichen die Glut hervorleuchtet , wo an den Bergwänden hinan einzelne Hütten hängen und wo im Dunkel die einzelnen Lichter herüberleuchten und der lange Abend durch eine ferne Schalmei , die immer dasselbe Stückchen hören läßt , recht an den Tag gibt , daß die Einsamkeit hier zu Haus ist , die durch keine Geselligkeit unterbrochen wird . Warum ist denn der Ton einer einsamen Hausflöte , die so vor sich hinbläst , so melancholisch langweilig , daß einem das Herz zerspringen möcht vor Grimm , daß man nicht weiß , wo aus noch ein ; ach wie gern möcht man da das Erdenkleid abstreifen und hochfliegen weit in die Lüfte ; ja , so eine Schwalbe in den Lüften , die mit ihren Flügeln wie mit einem scharfen Bogen den Äther durchschneidet , die hebt sich weit über die Sklavenkette der Gedanken , ins Unendliche , das der Gedanke nicht faßt . - Wir wurden in gewaltig große Betten logiert , ich und der Bruder Franz , ich hab viel mit ihm gescherzt und geplaudert , er ist mein liebster Bruder . Am Morgen sagte er ganz mystisch : » Geb einmal acht , der Herr vom Eisenhammer hat ein Hochgericht im Ohr « ; ich konnt ' s nicht erraten ; wie sich aber Gelegenheit ergab ins Ohr zu sehen , da entdeckt ich ' s gleich , eine Spinne hatte ihr Netz ins Ohr aufgestellt , eine Fliege war drin gefangen und verzehrt , und ihre Reste hingen noch im unverletzten Gewebe ; daraus wollte der Franz das versteinerte langweilige Leben recht deutlich erkennen , ich aber erkannte es auch am Tintefaß , das so pelzig war und so wenig Flüssiges enthielt . Das ist aber nur die eine Hälfte dieses Lochs der Einsamkeit . Man sollt ' s nicht meinen , aber geht man langsam in die Runde , so kommt man an eine Schlucht . Am Morgen , wie eben die Sonne aufgegangen war , entdeckte ich sie , ich ging hindurch , da befand ich mich plötzlich auf dem steilen höchsten Rand eines noch tieferen und weiteren Talkessels , sein samtner Boden schmiegt sich sanft an die ebenmäßigen Bergwände , die es rund umgeben und ganz besäet sind mit Lämmer und Schafen ; in der Mitte steht das Schäferhaus und dabei die Mühle , die vom Bach , der mitten durchbraust , getrieben wird . Die Gebäude sind hinter uralten himmelhohen Linden versteckt , die grade jetzt blühen , und deren Duft zu mir heraufdampfte und zwischen deren dichtem Laub der Rauch des Schornsteins sich durchdrängte . Der reine blaue Himmel , der goldne Sonnenschein hatte das ganze Tal erfüllt . Ach lieber Gott , säß ich hier und hütete die Schafe und wüßte , daß am Abend einer käm , der meiner eingedenk ist , und ich wartete den ganzen Tag , und die sonneglänzenden Stunden gingen vorüber , und die Schattenstunden mit der silbernen Mondsichel und dem Stern brächten den Freund , der fänd mich an Bergesrand ihm entgegenstürzend in die offne Arme , daß er mich plötzlich am Herzen fühlte mit der heißen Liebe , was wär dann nachher noch zu erleben ? Grüß Sie Ihren Sohn und sag Sie ihm , daß zwar mein Leben friedlich und von Sonnenglanz erleuchtet ist , daß ich aber der goldnen Zeit nicht achte , weil ich mich immer nach der Zukunft sehne , wo ich den Freund erwarte . Adieu leb Sie wohl . Bei Ihr ist Mitternacht eine Stunde der Geister , in der Sie es für eine Sünde hält , die Augen offen zu haben , damit Sie keine sieht ; ich aber ging eben noch allein in den Garten durch die langen Traubengänge , wo Traube an Traube hängt vom Mondlicht beschienen , und über die Mauer hab ich mich gelehnt und hab hinausgesehen in den Rhein , da war alles still . Aber weiße Schaumwellen zischten , und es patschte immer ans Ufer , und die Wellen lallten wie Kinder . Wenn man so einsam nachts in der freien Natur steht , da ist ' s , als ob sie ein Geist wär , die den Menschen um Erlösung bäte . Soll vielleicht der Mensch die Natur erlösen ? Ich muß einmal darüber nachdenken ; schon gar zu oft hab ich diese Empfindung gehabt , als ob die Natur mich jammernd wehmütig um etwas bäte , daß es mir das Herz durchschnitt , nicht zu verstehen , was sie verlangte . Ich muß einmal recht lang dran denken , vielleicht entdeck ich etwas , was über das ganze Erdenleben hinaushebt . Adieu , Fr . Rat , und wenn Sie mich nicht versteht , so denk Sie nur , wie Ihr noch immer in Ihren jetzigen Tagen ein Posthorn , das Sie in der Ferne hört , einen wunderlichen Eindruck macht , ungefähr so ist mir ' s auch heute . Bettine An Bettine Frankfurt , am 28. Juli Gestern war Feuer am hellen Tag hier auf der Hauptwach , grad mir gegenüber , es brannte wie ein Blumenstrauß aus dem Gaubloch an der Kathrinenpfort . Da war mein best Pläsier die Gassenbuben mit ihren Reffs auf dem Buckel , die wollten alle retten helfen , der Hausbesitzer wollt nichts retten lassen , denn weil das Feuer gleich aus war , da wollten sie ein Trinkgeld haben , das hat er nicht geben , da tanzten sie und wurden von der Polizei weggejagt . - Es ist viel Gesellschaft zu mir kommen , die wollten alle fragen , wie ich mich befind auf den Schreck , und da mußt ich ihnen immer von vorne erzählen , und das ist jetzt schon drei Täg , daß mich die Leut besuchen und sehen , ob ich nicht schwarz geworden bin vom Rauch . Dein Melinchen war auch da und hat mir ein Brief gebracht von Dir , der ist so klein geschrieben , daß ich ihn hab müssen vorlesen lassen , rat einmal von wem ? - Die Meline ist aber einmal schön , ich hab gesagt , die Stadt sollt sie malen lassen und sollt sie auf dem Ratsaal hängen , da könnten die Kaiser sehen , was ihre gute Stadt für Schönheiten hat . Deine Brüder sind aber auch so schön , ich hab meiner Lebtag keine so schöne Menschen gesehen als den George , der sieht aus wie ein Herzog von Mailand , und alle andern Menschen müssen sich schämen mit ihren Fratzengesichtern neben ihm . - Adieu und grüß auch die Geschwister von Deiner Freundin Goethe An Bettine Da kommt der Fritz Schlosser aus dem Rheingau und bringt nur drei geschnittne Federn von Dir und sagt : er hätt geschworen , daß er mir keine Ruh lassen will , ich müßt schreiben , wer ' s gewesen ist , der Deinen Brief gelesen hat . - Was hat ' s denn für Not , wer sollt ' s denn gewesen sein ? - In Weimar ist alles ruhig und auf dem alten Fleck . Das schreiben die Zeitungen schon allemal voraus , lang eh es wahr ist , wenn mein Sohn zu einer Reis Anstalt macht , der kommt einem nicht mit der Tür ins Haus gefallen . Da sieht man aber doch recht , daß Dein Herz Deinem Kopf was weismacht . Herz , was verlangst du ? - Das ist ein Sprichwort , und wenn es sagt , was es will , so geht ' s wie in einem schlechten Wirtshaus , da haben sie alles , nur keine frische Eier , die man grad haben will . Adieu , das hab ich bei der Nachtlamp geschrieben . Ich bin Dir gut Katharina Goethe Das hätt ich bald vergessen zu schreiben , wer mir Deinen Brief gelesen hat , das war der Pfarrer Hufnagel , der wollt auch sehen , was ich mach nach dem Schreck mit dem Feuer , ich sagt : » Ei , Herr Pfarrer , ist denn der Kathrine-Turm grad so groß , daß er mir auf die Nas fällt , wenn er umstürzt ? « - Da hat er gesessen mit seinem dicken Bauch im schwarzen Talar mit dem runden weißen Kragen in doppelten Falten , mit der runden Stutzperück und den Schnallenschuh auf Deiner Schawell , und hat den Brief gelesen , hätt ' s mein Sohn gesehen , er hätt gelacht . Katharina Goethe Frau Mutter , ich danke Ihr für die zwei Brief hintereinander , das war einmal gepflügt , recht durch schweres Erdreich , man sieht ' s , die Schollen liegen nebenan , wie dick ; gewiß , das sind der Lieschen ihre Finger gewesen , mit denen Sie die Furchen gezogen hat , die sind recht krumm , was mich wundert , das ist , daß ich Ihr so gern schreib , daß ich keine Gelegenheit versäum , und alles , was mir begegnet , prüf ich , ob es nicht schön wär ihr zu schreiben , das ist weil ich doch nicht alles und fortwährend an den Wolfgang schreiben kann , ich hab ihm gesagt in Weimar : wenn ich dort wohnte , so wollt ich als nur die Sonn- und Feiertäg zu ihm kommen und nicht alle Tag , das hat ihn gefreut ; so mein ich , daß ich auch nicht alle Tag an ihn schreiben darf , aber er hat mir gesagt : » Schreib alle Tag , und wenn ' s Folianten wären , es ist mir nicht zu viel « , aber ich selbst bin nicht alle Tag in der Stimmung , manchmal denke ich so geschwind , daß ich ' s gar nicht schreiben kann , und die Gedanken sind so süß , daß ich gar nicht abbrechen kann , um zu schreiben , noch dazu mag ich gern grade Linien und schöne Buchstaben machen , und das hält im Denken auf , auch hab ich ihm manches zu sagen , was schwer auszusprechen ist , und manches hab ich ihm mitzuteilen , was nie ausgesprochen werden kann ; da sitz ich oft Stunden und seh in mich hinein und kann ' s nicht sagen , was ich seh , aber weil ich im Geist mich mit ihm zusammen fühl , so bleib ich gern dabei , und ich komme mir vor wie eine Sonnenuhr , die grad nur die Zeit angibt , solang die Sonne sie bescheint . Wenn meine Sonne mich nicht mehr anlächelt , dann wird man auch die Zeit nicht mehr an mir erkennen ; es sollte einer sagen ich leb , wenn er mich nicht mehr lieb hat ; das Leben , was ich jetzt führ , davon hat keiner Verstand , an der Hand führt mich der Geist einsame Straßen , er setzt sich mit mir nieder am Wassersrand , da ruht er mit mir aus , dann führt er mich auf hohe Berge ; da ist es Nacht , da schauen wir in die Nebeltale , da sieht man den Pfad kaum vor den Füßen , aber ich geh mit , ich fühl , daß er da ist , wenn er auch vor meinen leiblichen Augen verschwindet , und wo ich geh und steh , da spür ich sein heimlich Wandeln um mich , und in der Nacht ist er die Decke , in die ich mich einhülle , und am Morgen ist er es , vor dem ich mich verhülle , wenn ich mich ankleide , niemals mehr bin ich allein , in meiner einsamen Stube fühl ich mich verstanden und erkannt von diesem Geist ; ich kann nicht mit lachen , ich kann nicht mit Komödie spielen , die Kunst und die Wissenschaft , die lasse ich fahren ; noch vor einem halben Jahr , da wollt ich Geschichte studieren und Geographie , es war Narrheit . Wenn die Zeit , in der wir leben , erst recht erfüllt wär mit der Geschichte , so daß einer alle Hände voll zu tun hätt , um nur der Geschichte den Willen zu tun , so hätt er keine Zeit , um nach den vermoderten Königen zu fragen , so geht mir ' s , ich hab keine Zeit , ich muß jeden Augenblick mit meiner Liebe verleben . Was aber die Geographie anbelangt , so hab ich einen Strich gemacht mit roter Tinte auf die Landkart . Der geht von wo ich bin bis dahin , wo es mich hinzieht , das ist der rechte Weg , alles andre sind Irr- und Umwege . Das ganze Firmament mit Sonne , Mond und Sterne gehören bloß zur Aussicht meiner Heimat . Dort ist der fruchtbare Boden , in den mein Herz die harte Rinde sprengt und ins Licht hinaufblüht . Die Leute sagen : Was bist du traurig , sollt ich vergnügt sein ? - Oder dies oder jenes ? - Wie paßt das zu meinem innern Leben ? Ein jedes Betragen hat seine Ursache , das Wasser wird nicht lustig dahin tanzen und singen , wenn sein Bett nicht dazu gemacht ist . So werd ich nicht lachen , wenn nicht eine geheime Lust der Grund dazu ist ; ja ich habe Lust im Herzen , aber sie ist so groß , so mächtig , daß sie sich nicht ins Lachen fügen kann , wenn es mich aus dem Bett aufruft vor Tag und ich zwischen den schlafenden Pflanzen bergauf wandle , wenn der Tau meine Füße wäscht und ich denk demütig , daß es der Herr der Welten ist , der meine Füße wäscht , weil er will , ich soll rein sein von Herzen , wie er meine Füße vom Staub reinigt ; wenn ich dann auf des Berges Spitze komme und übersehe alle Lande im ersten Strahl der Sonne , dann fühl ich diese mächtige Lust in meiner Brust sich ausdehnen , dann seufz ich auf und hauch die Sonne an zum Dank , daß sie mir in einem Bild erleuchte , was der Reichtum , der Schmuck meines Lebens ist , denn was ich sehe , was ich verstehe , es ist alles nur Widerhall meines Glückes . Adieu , läßt Sie sich den Brief auch vom Pfarrer vorstudieren ? - Ich hab ihn doch mit ziemlich großen Buchstaben geschrieben . Hat dann in meinem letzten Brief etwas gestanden , daß ich so einen heißen Durst hab , und daß ich mondsüchtig bin , oder so was ? - Wie kann Sie ihm denn das lesen lassen ? Sie wirft ihm ja seinen gepolsterten Betschemel um , in seinem Kopf . Die Bettine hat Kopfweh schon seit drei Tage , und heut liegt sie im Bett und küßt ihrer Frau Rat die Hand . An Bettine Werd mir nicht krank , Mädchen , steh auf aus Deinem Bett und nimm ' s , und wandle . So hat der Herr Christus gesagt zum Kranken , das sag ich Dir auch , Dein Bett ist Deine Liebe , in der Du krank liegst , nimm sie zusammen und erst am Abend breite sie aus , und ruhe in ihr , wenn Du des Tages Last und Hitze ausgestanden hast . - Da hat mein Sohn ein paar Zeilen geschrieben , die schenk ich Dir , sie gehören dem Inhalt nach Dein . Der Prediger hat mir Deinen Brief vorgerumpelt wie ein schlechter Postwagen auf holperigem Weg , da schmeißt alles Passagiergut durcheinander ; Du hast auch Deine Gedanken so schlecht gepackt , ohne Komma , ohne Punkt , daß , wenn es Passagiergut wär , keiner könnt das seinige herausfinden ; ich hab den Schnupfen und bin nicht aufgelegt , hätt ich Dich nicht so lieb , so hätt ich nicht geschrieben , wahr Deine Gesundheit . Ich sag allemal , wenn die Leut fragen , was Du machst : sie fängt Grillen , und das wird Dir auch gar nicht sauer , bald ist ' s ein Nachtvogel , der Dir an der Nas vorbeifliegt , dann hast Du um Mitternacht , wo alle ehrliche Leute schlafen , etwas zu bedenken , und marschierst durch den Garten an den Rhein in der kalten feuchten Nachtluft , Du hast eine Natur von Eisen und eine Einbildung wie eine Rakett , wie die ein Funken berührt , so platzt sie los . Mach , daß Du bald wieder nach Haus kommst . Mir ist nicht heuer wie ' s vorige Jahr , manchmal krieg ich Angst um Dich , und an den Wolfgang muß ich stundenlang denken , immer wie er ein klein Kind war und mir unter den Füßen spielte , und dann wie er mit seinem Bruder Jacob so schön gespielt hat , und hat ihm Geschichten gemacht ; ich muß einen haben , dem ich ' s erzähl , die andern hören mir alle nicht so zu wie Du ; ich wollt wirklich wünschen , die Zeit wär vorbei und Du wärst wieder da . Adieu , mach , daß Du kommst , ich hab alles so hell im Gedächtnis , als ob ' s gestern passiert wär , jetzt kann ich Dir die schönsten Geschichten vom Wolfgang erzählen , und ich glaub , Du hast mich angesteckt , ich mein immer , das wär kein rechter Tag , an dem ich nichts von ihm gesprochen hab . Deine Freundin Goethe Liebe Frau Rat ! Ich war in Köln , da hab ich den schönen Krug gekauft , schenk Sie ihn Ihrem Sohn von sich , das wird ihr besser Freud machen , als wenn ich Ihr ihn schenkte . Ich selbst mag ihm nichts schenken , ich will nur von ihm nehmen . Köln ist recht wunderlich , alle Augenblick hört man eine andre Glocke läuten , das klingt hoch und tief , dumpf und hell von allen Seiten untereinander . Da spazieren Franziskaner , Minoriten , Kapuziner , Dominikaner , Benediktiner aneinander vorbei , die einen singen , die andern brummen eine Litanei , und wenn sie aneinander vorbeikommen , da begrüßen sie sich mit ihren Fahnen und Heiligtümern und verschwinden in ihren Klöstern . Im Dom war ich grade bei Sonnenuntergang , da malten sich die bunten Fensterscheiben durch die Sonn auf dem Boden ab , ich kletterte überall in dem Bauwerk herum und wiegte mich in den gesprengten Bögen . Fr . Rat , das wär Ihr recht gefährlich vorgekommen , wenn Sie mich vom Rhein aus in einer solchen gotischen Rose hätte sitzen sehen ; es war auch gar kein Spaß ; ein paarmal wollte mich Schwindel antreten , aber ich dachte : sollte der stärker sein wollen wie ich ? - Und expreß wagt ich mich noch weiter . Wie die Dämmerung eintrat , da sah ich in Deutz eine Kirche mit bunten Scheiben von innen illuminiert , da tönte das Geläut herüber , der Mond trat hervor und einzelne Sterne . Da war ich so allein , rund um mich zwitscherte es in den Schwalbennestern , deren wohl Tausende in den Gesimsen sind , auf dem Wasser sah ich einzelne Segel sich blähen . Die andern hatten unterdessen den ganzen Kirchbau examiniert , alle Monumente und Merkwürdigkeiten sich zeigen lassen . Ich hatte dafür einen stillen Augenblick , in dem meine Seele gesammelt war , und die Natur , auch alles , was Menschenhände gemacht haben und mich mit , in die feierliche Stimmung des im Abendrot glühenden Himmels einschmolz . - Versteh Sie das oder versteh Sie es nicht , es ist mir einerlei . Ich muß Sie freilich mit meinen übersichtigen Grillen behelligen , wem sollt ich sie sonst mitteilen ! Das ist auch noch eine Merkwürdigkeit von Köln ; die Betten , die so hoch sind , daß man einen Anlauf nehmen muß , um hineinzukommen ; man kann immer zwei , drei Versuche machen , ehe einer glückt ; ist man erst drin , wie soll man da wieder herauskommen ? Ich dachte , hier ist gut sein , denn ich war müde , und hatte mich schon den ganzen Tag auf meine Träume gefreut , was mir die bescheren würden ; da kam mir auch auf ihrem goldnen Strom ein Kahn beladen und geschmückt mit Blumen aus dem Paradies entgegen , und ein Apfel , den mir der Geliebte schickte , den hab ich auch gleich verzehrt . Wir haben am Sonntag so viel Rumpelkammern durchsucht , Altertümer , Kunstschätze betrachtet , ich hab alles mit großem Interesse gesehen . Ein Humpen , aus dem die Kurfürsten gezecht , ist schön , mit vier Henkel , auf denen sitzen Nymphen , die ihre Füße im Wein baden , mit goldnen Kronen auf dem Kopf , die mit Edelsteinen geziert sind ; um den Fuß windet sich ein Drache mit vier Köpfen , die die vier Füße bilden , worauf das Ganze steht ; die Köpfe haben aufgesperrte Rachen , die inwendig vergoldet sind , auf dem Deckel ist Bacchus von zwei Satyrn getragen , er ist von Gold und die Satyrn von Silber . So haben auch die Nymphen emaillierte Gewande an . Der Trinkbecher ist von Rubinglas , und das Laubwerk , was zwischen den Figuren sich durchwindet , ist sehr schön von Silber und Gold durcheinander geflochten . - Dergleichen Dinge sind viel , ich wollt Ihr bloß den einen beschreiben , weil er so prächtig ist , und weil Ihr die Pracht wohlgefällt . Adieu , Frau Rat ! - Zu Schiff kamen wir herab , und zu Wagen fuhren wir wieder zurück nach Bonn . Bettine Frau Rat ! Winckel Ich will nicht lügen : wenn Sie die Mutter nicht wär , die Sie ist , so würd ich auch nicht bei Ihr schreiben lernen . Er hat gesagt , ich soll ihn vertreten bei Ihr und soll Ihr alles Liebe tun , was er nicht kann , und soll sein gegen Sie , als ob mir all die Liebe von Ihr angetan war , die er nimmer vergißt . - Wie ich bei ihm war , da war ich so dumm und fragte , ob er Sie liebhabe , da nahm er mich in seinen Arm und drückte mich ans Herz und sagte : » Berühr eine Saite und sie klingt , und wenn sie auch in langer Zeit keinen Ton gegeben hätte . « Da waren wir still und sprachen nichts mehr hiervon , aber jetzt hab ich sieben Briefe von ihm , und in allen mahnt er mich an Sie ; in einem sagt er : » Du bist immer bei der Mutter , das freut mich ; es ist , als ob der Zugwind von daher geblasen habe , und jetzt fühl ich mich gesichert und warm , wenn ich Deiner und der Mutter gedenke ; « ich hab ihm dagegen erzählt , daß ich Ihr mit der Schere das Wachstuch auf dem Tisch zerschnitten hab , und daß Sie mir auf die Hand geschlagen hat und hat gesagt : » Grad wie mein Sohn - auch alle Unarten hast du von ihm ! « - Von Bonn kann ich nichts erzählen , da war ' s wieder einmal so , daß man alles empfindet , aber nichts dabei denkt ; wenn ich mich recht besinne , so waren wir im botanischen Garten , grad wie die Sonn unterging ; alle Pflanzen waren schon schlaftrunken , die Siebenberg waren vom Abendrot angehaucht , es war kühl , ich wickelte mich in den Mantel und setzt mich auf die Mauer , mein Gesicht war vom letzten Sonnenstrahl vergoldet , besinnen mocht ich mich nicht , das hätt mich traurig gemacht in der gewaltigen verstummten Natur . Da schlief ich ein , und da ich erwachte ( ein großer Käfer hat mich geweckt ) , da war ' s Nacht und recht kalt . Am andern Tag sind wir wieder hier eingetroffen . Adieu , Fr . Rat , es ist schon so spät in der Nacht , und ich kann gar nicht schlafen . Bettine An Bettine 21. September Das kann ich nicht von Dir leiden , daß Du die Nachte verschreibst und nicht verschläfst , das macht Dich melancholisch und empfindsam , wollt ich drauf antworten , bis mein Brief ankäm da ist schon wieder ander Wetter . Mein Sohn hat gesagt : was einem drückt , das muß man verarbeiten , und wenn er ein Leid gehabt hat , da hat er ein Gedicht draus gemacht . - Ich hab Dir gesagt , Du sollst die Geschichte von der Günderode aufschreiben , und schick sie nach Weimar , mein Sohn will es gern haben , der hebt sie auf , dann drückt sie Dich nicht mehr . Der Mensch wird begraben in geweihter Erde , so soll man auch große und seltne Begebenheiten begraben in einem schönen Sarg der Erinnerung , an den ein jeder hintreten kann und dessen Andenken feiern . Das hat der Wolfgang gesagt , wie er den Werther geschrieben hat ; tu es ihm zulieb und schreib ' s auf . Ich will Dir gern schreiben , was meine arme Feder vermag , weil ich Dir Dank schuldig bin ; eine Frau in meinem Alter , und ein junges feuriges Mädchen , das lieber bei mir bleibt und nach nichts anderm frägt , ja das ist dankenswert ; ich hab ' s nach Weimar geschrieben . Wann ich ihm von Dir schreib , da antwortet er immer auf der Stell ; er sagt , daß Du bei mir aushältst , das sei ihm ein Trost . - Adieu , bleib nicht zu lang im Rheingau ; die schwarzen Felswände , an denen die Sonne abprallt , und die alten Mauern , die machen Dich melancholisch . Deine Freundin Elisabeth Der Moritz Bethmann hat mir gesagt , daß die Staël mich besuchen will ; sie war in Weimar , da wollt ich , Du wärst hier , da werd ich mein Französisch recht zusammennehmen müssen . An Goethes Mutter Diesmal hat Sie mir ' s nicht recht gemacht , Frau Rat ; warum schickt Sie mir Goethes Brief nicht ? - Ich hab seit dem 13. August nichts von ihm , und jetzt haben wir schon Ausgang September . Die Staël mag ihm die Zeit verkürzt haben , da hat er nicht an mich gedacht . Eine berühmte Frau ist was Kurioses , keine andre kann sich mit ihr messen , sie ist wie Branntwein , mit dem kann