als jene Betrachtungen . » Es bestehen , fuhr sie dann fort , von den Voreltern des Comthur , testamentliche Verträge , nach welchen jeder Majoratserbe , bei Verlust seines Besitzthums , gezwungen ist , sich mit einer katholischen Glaubensverwandtin zu verbinden . Der junge Mann , welcher diese Bedingung unbeachtet gelassen hatte , sollte nach seines Vaters Tode in dessen Rechte treten . Er hatte nur einen einzigen Bruder , der ihm diese Rechte streitig machen konnte . Beide Brüder liebten sich auf das Innigste . Der Aeltere hegte keinen Zweifel über die rücksichtslose Zustimmung des Andern . Indeß , sei es aus Vorsicht , oder auch aus Unsicherheit , er hielt auch vor ihm die geschlossene Verbindung bei des Vaters Leben geheim . Jetzt stirbt dieser . Der neue Gutsherr tritt mit der jungen Gemahlin , einer armen Waise , das Pflegkind reicher Anverwandten , hervor . Er führt sie zuerst dem Bruder zu , in der Hoffnung der besten Aufnahme . Allein das Herz des Letztern scheint plötzlich gewendet . Unerbittlich widersetzt er sich der Anerkennung der Heirath , und läßt dem erstaunten Grafen die Wahl zwischen dem Opfer der Liebe , oder des Erbrechts . Dieser willigt in Keines von beiden . Ein Prozeß soll entscheiden . Es kam nicht dazu . Das Gesetz entschied von vorn herein für den Verlust des Majorats , sobald die Gültigkeit der geschlossenen Ehe bewiesen und behauptet werde . Sonderbar genug that der jüngere Bruder , ganz gegen sein Interesse , alles Mögliche , um Gründe für die Ungesetzlichkeit einer Trauung anzuführen , die ohne väterliche und oberherrliche Zustimmung vollzogen worden sei . Allein der leidenschaftliche Gatte schlug alle diese Einwürfe dadurch nieder , daß er darthat , sich nicht eher vermählt zu haben , bis der verlangte Abschied aus fürstlichem Dienst ihm zugekommen , und er durch erreichte Volljährigkeit jedweder Rechenschaft der Art entbunden worden sei . Nunmehr blieb kein Zweifel , er mußte dem Majorat entsagen , und da er zu erbittert , und zu stolz war , um selbst , den ihm gebührenden Antheil des väterlichen Vermögens anzunehmen , so lebte und starb er in Armuth . « » Und der unnatürliche Bruder , unterbrach ich sie ungeduldig , that nichts , um ihn zu versöhnen ? ließ ihn in Verzweiflung darben ? « » Ja , sehen Sie , fiel die Gräfin hastig ein , aus diesem Bruder kann niemand klug werden . Denken Sie , daß er eine sehr zärtliche Neigung aufgab , niemals heirathete , in einen geistlichen Orden trat , die großen Güter gewissenhaft verwalten , ihren Betrag unberührt ließ , und jetzt so lange an der Beweisführung gearbeitet hat , daß der Sohn einer protestantischen Mutter , insofern er im Glauben der wahren Kirche erzogen ward , nicht von der Erbfolge ausgeschlossen ist , bis er dem Neffen , dem einzigen Sohn des unglücklichen Grafen , zum Besitz eines Vermögens verholfen hat , dem er , zu seinen Gunsten entsagt . Kurz , meine Liebe , fuhr die Gräfin mit ungewissem Lächeln fort , der Comthur beweis ' t durch Alles , daß er der bizarrste Mensch von der Welt , und niemals zu verstehen ist . Bei seinen letzten wohlthätigen Absichten war ihm besonders der Präsident , Ihr Mann , sehr nützlich . Seine große Kenntniß aller Familienurkunden hat es ermittelt , daß wenigstens im Testament dieses besondern . Falles keine Erwähnung geschieht , und dem richterlichen Ausspruch die Freiheit bleibt , alle gemachte Einwendungen aus dem Felde zu schlagen . Erst , da alles besiegt war , ist der überraschte junge Mann hierher berufen , und von seinem Glücke unterrichtet worden . « » Von seinem Glücke ! entgegnete ich . Wer sagt denn , daß er es so nimmt ? « » Wer ? fragte die Gräfin . Mein Gott ! liebes Kind , er selbst , und recht aus Herzensgrunde , denn er benutzt sogleich die günstige Lage , seine Hand einem sehr hübschen Mädchen zu geben . Er ist schon abgereist , die Tochter der Oberhofmeisterin desselben Hofes , an welchem Fräulein Sophie Hofdame war , heimzuführen . Sehen Sie , lachte sie bedeutsam , so mischen sich die Karten geschickt in einander . « Da ich einigermaßen verwundert schwieg , rief die Gräfin muthwillig : » O ! ich könnte Ihnen noch viel mehr erzählen , was Sie überraschen würde . « » Thun Sie es , « bat ich , sie bei der Hand fassend . » Nein , nein ! « entgegnete Sie bestimmt , » ich habe auch meine kleinen Geheimnisse . « Sie stand hier von ihrem Platze neben mir auf , als fliehe sie meine Ueberredung , und eilte einigen ankommenden Gästen aus der Stadt entgegen . Im Weitergehen wandte sie sich noch einmal mit den Worten zurück : » Mein allerliebster , geschwätziger Justizrath hat mir das Alles im Vertrauen gebeichtet . « Ich sann noch über ihre Mitwirkung in dieser Angelegenheit nach , und beschloß Sophie unverzüglich zu befragen , ob sich wirklich alles so verhalte , wie es die Gräfin dem indiscreten Geschäftsführer abgelauscht hatte , als zu meiner nicht geringen Verwunderung die ganze Sache noch einmal in dem erweiterten Gesellschaftszirkel verhandelt ward . Die Rückkehr der Gräfin , mit ihren ins Licht getretenen , schimmernden Töchtern , zog sogleich die elegante Welt der Residenz zu ihrem angenehmen Landsitz . Es ward immer bunter in dem Garten . Der Theetisch stand auf einem hübschen , frischen Rasenplatz . Agathe schlüpfte behend auf einen bereitstehenden Sessel , den mehrere Herren mit großem Eifer , ihrer Bequemlichkeit wegen , näher heran schoben . Sie zog die Handschuhe , mit einem kleinen Anstrich nicht übel kleidender Verlegenheit aus , entblößte die niedlichen , vielleicht allzureich mit Ringen und Spangen geschmückten Hände und Arme , und bewegte diese sehr reizend in der Bereitung des Thees . Rosalie machte sich mit den gerösteten Brödchen , den Melonen , die sie zertheilte , und anderm Zubehör zu thun , wobei sie kurz und abgebrochen , doch mit einer gewissen nachläßigen Extase , die vorzüglich in vielen Worten besteht , von dem Badeaufenthalt sprach . Die Mutter schien sehr aufmerksam und begierig auf den Eindruck , welchen die hübschen Mädchen auch hier machen würden , und war nur mit halbem Blick und halbem Wort für alle diejenigen da , welche ihr in dieser Beziehung unbedeutend schienen . Doch bald einigermaßen in ihren Erwartungen geschmeichelt , hub sie ungefähr eben so , wie kurz zuvor , gegen mich an : » Nun , und unser neuer Nachbar , hat ihn schon Einer aus der Gesellschaft gesehen ? Er soll ein interessantes Aeußere und viel Verstand haben ! « Es mußte mich , nach allem Vorhergegangenen mit Recht befremden , daß die Meisten sogleich vollkommen zu Haus waren , und Einer , sogar den Vornamen des Unbekannten wissend , vom Grafen Hugo , wie von einem ganz vertrauten Freunde sprach . » Hugo ! « wiederholte ich , gegen meinen Vetter Curd gewendet , » man hört den Namen nicht oft , er klingt so tief . « » Rasend tief , « lachte er auf seine leichtfertige , neckende Weise . » Aber Cousine , was wollen Sie eigentlich damit sagen ? « Ich wußte es ihm nicht auszudrücken . » Denken Sie sich vielleicht einen melancholischen Sonderling dabei ? fragte er . Nun , da kann was dran sein ; denn recht richtig ist es mit Keinem , der sich aus einem ungeheuren Vermögen nichts macht , wie ein Misantrop in den Wäldern herumwandert , und mit vier und zwanzig Jahren ins Ehejoch kriecht . « » Alle diese Details wissen Sie schon , lieber Rittmeister ? lachte die Gräfin . O ! kommen Sie her , setzen Sie sich zu mir , erzählen Sie mir ein Bischen von dem mürrischen Menschen . Er interessirt durch seine Originalität , obgleich eine kleine coquette Absicht dabei im Spiele sein mag . « » Gewiß ! hörte ich sagen , Gewiß ! er fühlt , daß er , als Emporkömmling oder adoptirter Erbe , vielleicht mancher beschämenden Kritik blosgestellt sein muß . Er will im Voraus imponiren . Der Ausweg , den er wählt , zeigt von Gewandtheit und List . Er muß nicht ganz unerfahren in den Nuancen der Weltverhältnisse sein . « » Er ist hübsch und elegant , Mama ! rief Agathe ihrer Mutter zu . Die Herren hier haben ihn im Bade zu Aachen , im vergangenen Sommer , gesehen . Er war dort ausgezeichnet durch seine Figur und große Kühnheit im Reiten , und viele andere Talente . « » So ! « entgegnete die Gräfin gespannt und ungeduldig , da sie nicht wußte , was sie alles gleich hören sollte . » War denn die Braut mit ihrer Mutter auch da ? « fragte sie . Die Herren bejahten es . » Die Emma soll charmant sein ! fuhr sie fort , indem ihre Blicke unsicher und gewissermaßen vergleichend an den Töchtern hinfuhren . Charmant ! wiederholte sie , zerstreut und gedehnt . Ach ! die Mutter war wunderschön , fügte sie von frühern Erinnerungen plötzlich fortgerissen , hinzu . Ich habe sie gekannt , ob sie gleich erstaunt viel älter ist , als ich . Jetzt , höre ich , hat sie entsetzlich verloren . Ihre Züge waren immer scharf wie ihre Zunge , « setzte sie lächelnd hinzu . Sehen Sie , Sophie , so schilderte man mir Ihre Freunde . Bewundern Sie es nicht , wie ich so lange bei einem Gegenstande verweilte ? da das Neue selten meine Aufmerksamkeit sonderlich erregt . Ich glaube , es ist auch nur der Antheil , den Sie an diesen Menschen nehmen , der mir sie bedeutend macht . Von Emma spricht niemand . Ist nichts von ihr zu sagen ? Armer Hugo ! - Leben Sie wohl ! Zeigen Sie mir bald mehr Vertrauen . Sophie ! die Ihrige , wie immer . Die Oberhofmeisterin an den Comthur Endlich ist die Entscheidung ganz nahe . In wenigen Stunden werden sie getraut . Dann sind die lang gehegten Wünsche erfüllt . Die unruhige Sorge findet ihr Ziel . Das Geschick muß seinen Gang gehen . Zum letztenmale habe ich heute über meine Tochter bestimmt , für sie gedacht , gehandelt , ihren Willen gelenkt , wie es ihrem Vortheile , ihrer Zufriedenheit angemessen war . Von jetzt an nimmt ein Anderer , mehr oder weniger ein Fremder , das Band , an dem ich sie , ihr selbst unbewußt , leise führte , aus meiner Hand . Ich lasse es zu . Die Ordnung der Natur will es so . Alle Mütter machen spät oder frühe dieselbe Erfahrung . Aber gestehen Sie , daß man sehr resignirt sein muß , um sich ohne innere Verzweiflung , so gleichsam entfernt zu sehen . Emma scheint glücklich . Ich sage scheint , denn was weiß sie , ob sie es ist . Mir erregt ihre Heiterkeit die unbezwinglichste Eifersucht . Ist es denn etwas anders als Wankelmuth , daß sie ihr Heil von einem ungekannten Verhältnisse erwartet , von dem sie sich weit eher abwenden , als darauf hinsehen sollte ; da es sie von allem , was ihr werth und theuer sein muß , losreist . Vielleicht kann man es ein Glück nennen , daß die Unerfahrne wie mit Blindheit geschlagen , nur von goldenen Ketten träumt , und so lange damit spielt , bis der Druck der Fessel ihr zur andern Natur geworden ist . Wenn ich indeß einer Seits diese Täuschung segne , so drängt mich auch von der andern unendlich vieles , sie aufzuheben . Um aufrichtig zu sein , Ihr Neffe selbst fordert mich dazu auf . Ihre Gunst hat ihn nicht liebenswürdiger gemacht . Jener Anstrich von Wehmuth , der sich früher so gut zu seiner Verlassenheit , und den anscheinenden Unbilden des Geschicks paßte , ist ein stehender Zug seines Temperaments geworden , und zu einer Art schmerzlicher Resignation ausgeartet , die ans Beleidigende gränzt . Alles läßt er geschehen . Er selbst bestimmt nichts , als daß er Emma sogleich nach der Trauung auf eine Ausflucht in die Schweiz entführt . Denn nur darin , wovon er gewiß sein kann , daß es mir wehe thut , in dem allein ist er fest , und mit so viel abweisender Kälte unerschütterlich , daß ich aus Erbitterung schweige . Er übersieht meine Unzufriedenheit , wie er denn überhaupt auch Weniges zu sehen scheint , und in schwärmerische Träume versunken , vor dem wirklichen Leben zurücktritt . Die glänzenden Brautgeschenke , so blendend in ihrer Art , als geschmackvoll in der Wahl , läßt er in Emma ' s Zimmer tragen , ohne auch nur durch ein Wort seinen Antheil daran zu verrathen . Als das überraschte Kind ihm danken wollte , lächelte er , auf seine schwermüthige Weise , indem er halb spöttisch , halb mitleidig mit sich selber , sagte : » Ich habe kein anderes Verdienst bei der Sache , als daß ich des Oheims Befehle erfülle , indem ich Ihnen seine Gaben bringe . Von mir , fügte er hinzu , die Hand der Braut inniger als sonst wohl drückend , besitzen Sie nichts , als diesen schmalen kleinen Ring , zu dessen Anschaffung meines Vaters Erbe mir die dürftigen Mittel bot . - Wollen Sie mir indeß , lächelte er angenehm , einen Antheil an den Gaben des Reichthums gönnen , so sei es dieser : Ihre Freude darüber mitzuempfinden . « Emma sieht nur das Liebenswürdige an ihm , was sie verletzen sollte , ist für sie nicht da . Soll ich nun noch zweifeln , daß sie blind sei ? Sie wissen , ich habe diese Heirath nur gelitten , nicht gewünscht , noch weniger gesucht , und ohne die Dazwischenkunft der vermittelnden Sophie , wäre die damalige Stockung bei Ihres Neffen Werbung , wohl ein ewiges Hinderniß jeder denkbaren Annäherung zwischen ihm und mir geblieben . Sie haben dies Hinderniß vielleicht mit mehr großmüthiger Eile , als prüfender Besonnenheit gehoben . Ob Sie gut daran thaten ? - Es ist nicht mehr Zeit , diese Frage aufzuwerfen . Indeß regt sie sich unwillkührlich in mir , je unaufhaltsamer der Zeiger meiner Uhr die Stunde näher rückt , welche durch unwiderrufliche Gelübde zwei Menschen an einander knüpfen wird , die nicht für einander geschaffen zu sein scheinen . Wenn Sie mich über dies Geständniß tadeln , so denken Sie zugleich , wie groß meine Unruhe sein muß , da ich sie Ihnen nicht verbergen kann . Sie hätten an diesem Tage nicht unter uns fehlen sollen . Ich begreife , warum Sie zurückbleiben . Gleichwohl werden Sie dem Kampfe auch in der Ferne nicht entgehen , dem Sie auszuweichen gedenken . - Sie gewinnen wenig , und schaden viel . Es hat etwas Unschickliches , daß der Mann , welcher bei Hugo Vaterstelle vertritt , sich in dem wichtigsten Lebensmomente von diesem wegwendet . Ueberdem hätte Ihre Gegenwart vielleicht dazu gedient , den Jüngling aus seiner Traumwelt herauszureißen . Wir verstehen einander zu wenig , als daß ich gleichen Einfluß auf ihn ausüben könnte . Sophie ist auch unsicher geworden , sie weiß nicht , wie sie diesem besondern Charakter beikommen soll . Und die zärtliche Emma würde wo möglich , noch unscheinbarer und anspruchloser zurücktreten , um nur keines der tiefsinnigen Gedankenspiele ihres erhabenen Freundes zu stören . Wäre ihre Liebe weniger abgöttisch , hätte sie mehr Gefühl für ihre eigene Würde , ich könnte ruhiger über die kommenden Tage sein . Aber so ! Es schlägt zwei . Wir fahren nach dem Lustschlosse der Fürstin hinaus . Dort in der Kapelle werden sie getraut ; dann besteigen beide den Reisewagen ! - Es ist alles so abgerissen , so ohne fortgehende innere Begleitung ! Einer treibt den Andern . Die Fürstin schickte schon zweimal . Ihre Gegenwart legt vielen Zwang auf . Vielleicht ist das gut so ! Ich weiß es nicht ! Ich weiß nichts ! - Ich lasse Sie jetzt . Mir schwirrt es vor den Augen . Man läuft hin und her durch meine Zimmer . Leben Sie wohl . Ich schließe . Nichts mehr für heute ! - Mir ist das Herz so voll . - Ein Wort noch , und es fließt über ! - Gott befohlen ! - N. S. Noch einmal öffne ich den Umschlag . Sophie hatte Emma geschmückt . Sie sank zusammen unter der Last der Juwelen , welche die Fürstin ihr anzulegen befahl . Der Kopf schmerzte sie , sie sah blaß aus . Ihre Augen waren trübe . Ich betrachtete sie voll unruhiger Theilnahme . Sie zitterte im vergeblichen Bemühen , ihre Thränen zurückzuhalten . Da öffneten sich die Thüren . Hugo trat mit einigem Geräusch herein . Aus der Hast , mit der er sich nahete , sprach die Besorgniß , zu spät zu kommen . Er äußerte dies auch . Seine schönen Züge waren ungewöhnlich belebt , den Schleier , der sich so oft über die dunklen Augen senkte , durchblitzten rasche und feurige Lichter Er sah sehr ungewöhnlich und imposant aus , in der reichen Uniform des Regiments , in welchem er ehemals diente . Der große Orden , den ihm der Fürst diesen Morgen sandte , glänzte stattlich auf seiner Brust . Emma war wie geblendet . Es durchzuckte sie feurige Ueberraschung . Sie hatte nun kein Kopfweh mehr . Leuchtend vor Bewunderung , reichte sie ihm die Hand . Alle Unbequemlichkeit des lästigen Putzes ist vergessen . Sie sieht nichts als ihn in der Welt . Undankbare ! - mußte dich Leidenschaft so zur Sclavin machen ! Warum auch Leidenschaft , wo ruhige Neigung genügt , und dir die eigene Selbstständigkeit bewahrt hätte ! - Sie sehen , ich zögere in den Wagen zu steigen , die letzten Schritte zu thun , die der kurze Raum zwischen jetzt und künftig durchmessen soll . Alle warten , selbst die Fürstin ! Ich halte Alle auf ! O ! könnte ich die Zeit aufhalten ! Elise an Sophie Sie antworten mir nicht . Sie schweigen wie eine plötzlich Stummgewordene . Warum das ? Ich sehe keinen Grund , warum Sie über die älteren Freunde , jüngere vergessen ! Mir ist diese Ungleichheit fremd an Ihnen ! Beschäftigt Sie die Hochzeit der Gräfin Emma so sehr ? Lassen Sie das gute Kind ihr Loos erfüllen , sie wird früh genug Maiblumen und Veilchen gegen das Heu getrockneter Herbstblüthen vertauschen müssen . Ihr seid dort alle sehr eilig , die Sache abzumachen , und die jungen Leute aus dem Paradiese des Frühlings hinauszustoßen . Ist es die unruhige Mutter , die so das Kind von ihrem Herzen wegschleudert ? weiß sie auch , wohin es fällt ? Ich ward in diesen Tagen , auch ohne Sie , durch eine angenehme Bekanntschaft , in den Abendzirkeln der Gräfin , von der vollzogenen Heirath jenes besprochenen Paares unterrichtet . Ich weiß nicht , ob der Mund , der es sagte , oder das Ereigniß an sich , meine Theilnahme erregte ? genug , ich denke unwillkührlich öfter daran , als es die allergewöhnlichste Begebenheit im Leben verdient . Die halbe Stadt war wieder draußen in Ulmenstein . Es ward geschwatzt , wie man immer schwatzt . Vernünftiges und Unsinn . Auch über Musik ! Der ewige Streit , neue und alte Componisten betreffend , kam wieder auf ' s Tapet . Sie wissen , ich habe keinen Ton , und auch das Gehör öffnet sich mir nur in dem Echo der Seele . Urtheil , wie man es nennt , darf ich mir nicht anmaßen wollen . Ich hüte mich auch davor . Doch ließ man nicht ab , in mich hinein zu reden . Beide Partheien zeigten sich einseitig . Ich bekannte zuletzt , daß ich von Natur , den künstlerisch könne ich es nicht motiviren , mehr zu den vollen , erhabenen Meisterwerken der frühern Schule neige , und lieber in Entzücken erbebe , als mich durch Anmuth und Tändeleien verstrickt zu sehen . Doch anerkennen müsse ich das Liebliche , wo es sich zeige . » Vortrefflich ! « rief die Gräfin , indem sie beifällig in die Hände klatschte , » das nenne ich , sich auf die charmanteste Weise von der Welt aus der Affaire ziehen . So stimmen Sie niemanden bei , beleidigen keine Meinung , wollen hier ein Bischen ab , dort ein Bischen zugethan haben , und bringen ungefähr den ganzen Streit auf Nichts heraus . Allerliebst ! das sieht Ihnen ganz ähnlich ! « Ich fühlte , daß man mich so mißverstehen konnte . Ich hatte es anders gemeint . Erklären mochte ich mich darüber weiter nicht . Es wäre auch überflüssig gewesen . Wer mich nicht erräth , dem kann ich einmal nicht helfen . Entwickeln mag ich nichts . Das kommt confus heraus . Ich war sehr einfältig in meiner Ueberklugheit gewesen . Das machte mich verdrüßlich und einsam in dem Gewirr . Die Fräuleins sollten jetzt ein Duett aus einer unserer neuen Opern singen . Man zog sie zu dem Fortepiano . Die Flügelthüren des Saales standen nach der Terrasse hin offen . Ich blieb mit Mehreren , welche die Zimmerhitze scheuten , im Freien . Im Hin- und Hergehen sahen wir eine sehr glänzende Equipage die Anhöhe heraufkommen . Die Pracht der Livree , wie des Geschirrs der Pferde , erhielt noch dadurch etwas Auffallendes , daß Schnitt und Formen veraltet waren , wie frisch und neu auch der Stoff selbst war . Der Wagen , dessen helle Spiegelfenster schon von fern in der Abendsonne leuchteten , ebenfalls mit aufwärts stehenden Zierrathen in reicher Vergoldung eingefaßt , erinnerte an fürstliche Staatskutschen aus früherer Zeit . » Wer in aller Welt , « lachte Curd , » sitzt in dem verruchten alten Kasten ! Schade um die prächtigen Pferde , die solche Last ziehen müssen ! « Jetzt nahete und hielt das seltsame Prachtwerk . Ein Piqueur sprengte in den Hof . » Cousine ! « flüsterte Curd mir ins Ohr , » das ist gewiß ein Abgesandter irgend eines großen Potentaten , der von der Schönheit der beiden Töchter des Hauses gehört hat , und um Eine wenigstens werben soll ! Gott ! « rief er , sich vor Vergnügen die Hände reibend , » wenn wir doch das der Gräfin einbilden könnten ! « Ehe ich noch Zeit behielt , ein Wort hierauf zu erwiedern , hörte ich unsere leichtbewegliche Wirthin schon innerhalb ausrufen : » Wo denn ? Wo denn ? « Im Augenblick darauf stand sie neben mir auf der Terrasse . Sie sah neugierig nach der Straße hinunter . Die Hand schirmend gegen die Augen haltend , welche die scharfen Strahlen der Abendsonne blendeten , sagte sie überrascht und enttäuscht zugleich : » Mein Gott ! der Comthur , und in großer Galla ! Er kommt wohl , mir den neuen Majoratsherrn zu präsentiren . « Die Reihe des neugierigen Herzueilens kam nun an mehrere Andere aus der Gesellschaft . Auch an mich , ich leugne es nicht , obgleich ich wissen konnte , daß Hugo nicht in der Nähe war . Agathe und Rosalie ließen Gesang und Musik im Stich , und sahen mit den niedlichen Köpfchen lauschend aus der Thüre . Jetzt ward der erwartete Gast gemeldet . » O viel , viel Ehre ! « rief die Gräfin dem eintretenden Bedienten entgegen . Gleich darauf hielt der Wagen an der andern Seite des Hauses vor der Hauptthüre . Unwillkührlich blickten alle Augen auf den Eingang des Salons . » Sie kennen unsern Nachbar ? « sagte die Gräfin zu mir gewendet . » Ich werde ihn heute zum erstenmale sehen , « erwiederte ich . » Unmöglich ! « versetzte sie , » war er denn nie bei dem Präsidenten ? « Ich wußte gewiß , daß das nicht der Fall gewesen . » Ach ! « versicherte sie , mit einer Art Respekt in Ton und Miene , » da werden Sie eine interessante Bekanntschaft machen . « Der , von welchem die Rede war , stand indeß schon mitten im Zimmer . Die Gräfin flog mit allen Zeichen achtungsvoller Berücksichtigung auf ihn zu . Beide begrüßten sich unter mancherlei Hin- und Herreden . Ich behielt Zeit , die Anmuth und Würde einer Ehrfurcht gebietenden und rührenden Erscheinung , die ich jemals sah , ungestört zu bewundern . Die zwanglose , vornehme Art , mit welcher der Comthur eingetreten war , hatte nichts von der veralteten Förmlichkeit , die seine Umgebungen ankündigten . Er bewies mir , daß der feine Ton guter Sitte jedem Zeitmomente angehört . Agathe hing sich mir , während ihre Mutter beschäftigt war , an den Arm , indem sie voll Extase flüsterte : » Er sieht superbe aus ! Mein Gott ! welch elegante Tournure , und die prächtigen Augen ! Wie schade , daß die Haare schon weißlich schimmern ! Die Augenbraunen zeichnen sich ganz köstlich gegen die Stirne aus . Sehen Sie , ich bitte Sie , wenn er sich so gegen Mama herunter beugt , mit welcher einzigen Grazie er dann den Kopf bewegt . « » Ein Glück , « lachte Rosalie , welche herzu getreten war , » daß der himmlische Mann nicht zwanzig Jahre jünger ist , wir stritten uns beide bis aufs Blut um ihn . « » Dann müßte ich mich ja mit ihm schlagen , « fiel Curd schnell ein . » Ich könnte ihm doch den Sieg über die beiden schönen Schwestern nicht einräumen . Aber auf Ehre . « fügte er hinzu , » zu seiner Zeit ein gewandter und gefährlicher Gegner ! Was das noch für eine Gestalt ist , selbst in dem verwünscht altmodischen schwarzen Rock ! Die Taille ist um eine halbe Elle zu breit und zu lang , und doch trägt er sich so hoch , und sieht so schlank aus , daß man ihn beneiden könnte . Aber welch eine Toilette , mir wird angst und bange . Der Ordensstern sitzt unter der Brust , statt oben an der Schulter . Das Halstuch - « » O schweigen Sie ! ich bitte Sie , « rief ich ärgerlich . » Der Mann ist ja nicht von heute und gestern , das dächte ich , sähen Sie . « » Das ging wohl auf mich ? Cousine , « bemerkte Curd harmlos . » Nun , bin ich gleich keine respectable Antique , so bin ich doch kein Brudermörder . - « Ich sah ihn entsetzt an . » Ja ! auf Ehre , « betheuerte er , » an dem ist kein gutes Haar . Hat er nicht auf die schändlichste Weise von der Welt den rechtmäßigen Erben um Alles gebracht ? « » Auf die schändlichste Weise ? « wiederholte ich , als die Gräfin mit dem Comthur an der Hand zu mir heran trat , und dadurch unwillkührlich die kleine Gruppe theilte . » Ich stelle Sie einander nicht erst vor , « sagte die gewandte Frau . » Zwei so liebenswürdige Nachbarn , « lächelte sie verbindlich , » sind durch den beiderseitigen Ruf zu wohl unterrichtet , um nicht auf den ersten Blick über jeden Zweifel hinaus zu sein . « » Wenn auch Ihre Voraussetzung bei mir zutrifft , gnädige Frau , « entgegnete der Comthur , indem ein höchst angenehmes Lächeln sein ernstes Gesicht erhellte , » so darf ich mir nicht schmeicheln , die Aufmerksamkeit der Jugend und Schönheit zu verdienen . Nennen Sie daher der Dame gütigst meinen unbedeutenden Namen . « » Er ist mir nicht fremd , « versicherte ich , in einem unbegreiflichen Gemisch von Theilnahme und Beklemmung . Ich erröthete , als ich das sagte . Mir kam es vor , als habe ich dadurch verrathen , auf welche nachtheilige Weise ich zu seiner Bekanntschaft gekommen war . Der Comthur heftete nun forschende Blicke auf mich ! Sein Gesicht hatte den Ausdruck schmerzlicher Unruhe . Mund und Augen verriethen den Kampf peinlicher Erinnerung . Es that mir leid ; denn ob er sich gleich zu lächeln zwang , so glaubte ich doch in allen seinen Mienen etwas zu lesen , das dem Bekenntniß früherer Schuld und dem Tünch eines erkünstelten Gleichmuths ziemlich nahe kam . Wir blieben mehrere Secunden stumm einander gegenüber , bemüht , wie ich glaube , dasjenige zu errathen , was wir gegenseitig verschwiegen . » Ich muß mich doppelt glücklich nennen , « hub er zuerst wieder an , » heute auch Ihre Nachsicht , gnädige Frau , für eine junge Anverwandtin erbitten zu dürfen , deren Ankunft in dieser Gegend ich in Kurzem erwarte . Mein Neffe , Graf Hugo , verheirathet sich , wie ich glaube , heute . Die jungen Eheleute werden bis zur Vollendung des neuen Schlosses zu mir in die Burg ziehen . Wollen Sie der Fremden , hier völlig Unbekannten , eine gütige Beschützerin sein ? « fragte er mit einem Tone , der zugleich der Eitelkeit schmeichelte , und die Theilnahme unwiderstehlich in Anspruch nahm . Während ich ziemlich verlegen , und in dem Gefühle hiervon , wie ich glaube , weniger natürlich als sonst , etwas Unbedeutendes sagte , rief die Gräfin : » Wie ! heute ist die Hochzeit des Grafen , und Sie sind hier ? Mein Gott ! wer soll die Braut anders zum Altar geleiten , als das Haupt der Familie ! Ich würde an der kleinen Emma Stelle untröstlich sein , gerade Sie unter den Hochzeitsgästen zu vermissen . « » Es ist besser , ein Fest zu meiden , als es zu verderben , « entgegnete der Comthur , kurz und entschieden , so , als werfe er rasch eine lästige Empfindung bei Seite . Ich