hat das Uebermenschliche gethan , wenn er die Weihen empfing , und vielleicht am Osterfeste das Hochamt mit anhört , auf seinem Throne sitzend . « » Leider hast Du Recht ; « erwiederte der Begleiter . » Unfug ist eingerissen , aber ihn zu beseitigen , ist ja die Kirchenversammlung angeordnet . Du wirst sehen ... « » Daß eine Krähe der andern die Augen nicht aushackt ; « unterbrach ihn Gerhard . - » Laßt nur die Wälschen hineinplaudern ; so ist von vorn herein Alles verkehrt . « » Vergissest Du , daß des Kaisers Majestät selbst sich alle Mühe gab , das Concil zu Stande zu bringen ? daß der beredtsame Prediger aus Böhmen daselbst seine Lehre vertheidigen , sieghaft vertheidigen wird ? « » Sieghaft ? « lachte Gerhard : » Ihr habt so viel gelernt und tappt im Dunkeln ? Wie machts der Jäger einem störrigen Rüden , der die Zähne weißt ? Er lockt ihn mit Schmeichelworten , und kommt der dumme Hund heran , bethört von trügerischer Freundlichkeit , so liegt ihm der Maulkorb vor der Schnauze ehe er sichs versieht , und der Knüttel auf dem Kreuz . - Wollt Ihr wissen , wie ichs einem Gegner mache , dessen Fechterkünste mir gefährlich scheinen ? Ich lüfte den linken Arm , und während er nach der klaffenden Schiene stößt , und auf dem schnell gekehrten Schild die Lanze bricht , spießt ihn meine Glene zwischen Halsberge und Krebs . Mein Roland schlägt seinem Pferde den Huf in die Seite , und im Sande liegen Roß und Reiter . - Was übrigens den Kaiser angeht , der wie ein Büttel deutscher Nation durch alle Länder fuhr , um Gotteswillen die Fürsten einzuladen ... « » Schweig , Lästerzunge ! « fiel ihm scherzend der Andere in die Rede : » Den Kaiser taste mir nicht an . Dagobert ! sagte mein Vater beim Abschiede : Ich werde Deine Tage segnen , so ich Dich einmal in den Würden unsers Vorfahrers sehe , des berühmten Wicker Frosch , der Hauskaplan des höchstseligen Kaisers Caroli des Vierten und dessen rechte Hand gewesen ! - Da ich nun also , diesen Zweck zu erreichen , mich freundlich mit dem Mehrer des heil . römischen Reichs halten muß , so verbiete ich Dir jeden Ausfall gegen Seine Majestät . « » Nun in Gottesnamen ! « versetzte Gerhard : » So sey denn Friede zwischen uns , und ich empfehle Euch , als zukünftigem Kanzler des wackern Herrn , Euern unterthänigen Knecht von Hülshofen zu beliebiger Versorgung . « Lustig trabten sie von dannen , und vertrugen sich herrlich auf der ziemlich weiten Fahrt , die , eine vorzeitige Kälte abgerechnet , nichts Besonderes aufzuweisen hatte . Ungeduldig sah sich Dagobert nach Abenteuern um . Mit gleicher Ungeduld spähte Gerhard aus nach der Unbekannten im Trauergewande , aber die Sehnsucht Beider ward getäuscht . Näher und näher kamen sie dem Ziele , und waren nur noch etliche Stunden von Costnitz entfernt , als sich endlich der Schauplatz um sie her veränderte . Die Straßen wimmelten von ab- und zugehenden Wanderern , von Reitern und Fahrenden . Eine große Menge von Landleuten schleppte die Vorräthe des Landes nach der Stadt , in der es summte und brauste , wie in einem Bienenstocke . Kaufleute , Handwerksgesellen , Gaugler und Bänkelsänger zogen Hordenweise dem gelobten Lande zu . Alle Herbergen und Schenken waren überfüllt von fremden Gästen , die in jeder Zunge schwatzten , sangen und fluchten . Gerhard freute sich des bunten Lebens , so lang es ihm nicht den Zutritt zum Keller versagte , aber seine Erwartung , diese Freude von seinem jungen Begleiter getheilt zu sehen , betrog ihn gewaltig . Der muntre Dagobert wurde unter dem ergötzlichen Gewühl still , einsylbig , verdüstert , und blickte verdrossen vor sich hin . » Lustig ! Lustig ! « rief ihm Gerhard mit ungestümer Theilnahme zu : » Es geht ja hier zu , wie beim Thurmbau zu Babel ! Fröhlich mitgeschwommen in dem Strome des heitern Lebens , junger leicht beweglicher Fisch ! Jetzt , unter Fremden gilt ' s , die blenden Schuppen zu regen , und obenauf zu rudern in träglicher Fluth ! « » Deine Ermahnungen erregen nur meinen Unmuth ; « erwiederte Dagobert . » Was ist es anders , das meinen Geist bekümmert , als eben wandeln zu müssen unter Fremden . Hier ist nicht mehr Deutschland . Die heimeliche Sitte der Vaterstadt gilt hier nicht mehr , untergehend unter dem Schwall fremder Gewohnheit , die sich breit macht auf unsrer Erde . Und nimmer kehre ich vielleicht zurück zu dem Hause , wo meine Wiege stand ; nimmer sehe ich sie vielleicht wieder , die Fluren auf denen meine Jugend erwuchs . Ein gutgemeintes aber vorschnell Wort schneidet mich aus dem häuslichen Leben ; der Groll einer Verschmähten wirft Berge und Ströme zwischen mich und meine Heimath ! Was wird mir die Fremde bieten , die nicht meine Sprache kennt , nicht mein vaterländisch Herz ? « » Ihr schiebt Alles aufs Vaterland ! « brach Gerhard los : » aber der Donner soll mich erschlagen aus heitrem Winterhimmel , wenn hinter den Gedanken an die Heimath sich nicht noch birgt das Gedächtniß an was Liebes , das Ihr daheimgelassen . « Dagobert erröthete und sprach nach einer Weile : » Fast möchtest Du recht haben . Ich gestehe es selbst . Ich glaubte nicht , daß ein wohlthuend Gefühl , welches ich seit Jahren bewahre , wie man eine bescheidne Blume bewahrt im stillen Schlafgemach , so ernstlich geworden sey . - Aber , « fuhr er , sich ermannend , fort : » Es ist all Thorheit und Schnack . Ich hätte das Blümlein nicht vor die Brust stecken dürfen , wenn ich auch ein Laie bleiben könnte . Der Levit muß sich ohnehin die Gedanken vergehen lassen . « » Ihr sprecht so zierlich , als ob Ihr bei einem alten Minnesinger in die Lehre gegangen wäret ; « meinte Gerhard : » Löblicher ist es aber noch , sich in seine Lage finden . Ihr seyd nicht dazu gemacht , für die Liebe zu sterben in der Sehnsucht Pein . Schwer ists allerdings , ein Mägdlein zu vergessen , an das man sich gebunden mit der Herzenskette , so lang man nur seiner gedenkt , und unnöthig ihm die Treue aufbewahrt . Aber federleicht wird ' s , - glaubt es mir - sobald man sich vornimmt , Alle zu lieben , die ein fein Gesicht und ein lieblich Ansehen erhalten haben von dem lieben Gott . Thut ein solches und ihr werdet mich loben . « Dagobert lachte . - » Das ist es ja eben , was ich am meisten fürchte ; « rief er : » Der Himmel hat mir ein butterweiches Herz geschenkt , wie es mein Vater hat , der noch im sechzigsten Jahre eine Achtzehnjährige umfing . Ein Paar schöne Augen haben mir ' s immer angethan , wo die Minne frei walten durfte , und die Sorge , meinem Schätzlein nicht die Treue bewahren zu können , die ich ihr im Herzen zugeschworen , quält mich halb zu Tode . Doch diese Wolken gehen auch vorüber , wie alle andern , und der Sonnenschein meiner frohen Laune wird nicht ausbleiben . - Sieh diese herrliche Aussicht über die Stadt und den Bodensee ! Sieh , wie alles funkelt im winterlichen Mittagsglanz ! Wen sollte dieser Anblick nicht froh machen im tiefsten Leid ? Horch ! die Glocken läuten uns entgegen . Sie könnten nicht feierlicher schallen , wenn Du der Kaiser wärst , und ich an Deiner Seite heranritte , als Hauskaplan ! « Durch solche Scherze suchte Dagobert das unangenehme Gefühl zu ersticken , das sich in seinem Innern bemerkbar gemacht hatte , obgleich ihm nicht recht um ' s Scherzen war . Gerhard hörte ihm wohlgefällig zu , ließ den Blick über Stadt , See und Strom gleiten , und übersah es , daß der Weg an einem geringen , aber von Reif und Novembereis geglättetem Abhang hinunter lief . Plötzlich strauchelte sein Pferd , und nur ein kecker Griff Dagoberts in die Zügel des stolpernden Rolands , konnte Gaul und Reiter vom gefährlichen Sturz erlösen . - » Kreuz und Dorn ! « fluchte der erschrockne Gerhard , stille haltend : » Das kommt davon , wenn man Euch zuhört , und sich selbst darüber vergißt ! Die verdammte Halde mit ihrem Abhang ! Es wird besser seyn , wenn wir , - da doch die Mittagsglocken läuten - wie andere ehrliche Christen , von den Pferden steigen , das Käpplein unter den Arm nehmen , und unsere Thiere betend weiter führen . « » So sey ' s , Du wackrer Christ ! « entgegnete Dagobert : » Es wird nebenbei nicht schaden , daß wir bei der Hand sind , wenn jener Reitersmann , der da vor uns hinkleppert , sich aus dem Sattel begeben sollte . Sein Gaul tanzt wie Deiner auf der Eisbahn , ... wie Du scheint der Mann in Gedanken versuncken , denn der Zaum hängt schlaff , und wer weiß , wie bald ... « » Alle Teufel ! da haben wir ' s ! « unterbrach Gerhard sein schon begonnenes Gebet , und er und Dagobert setzten sich in Lauf , auf die Gefahr ein Bein oder den Hals zu brechen ; denn der besagte Reiter schlug so eben zum Boden nieder , und das Roß wälzte sich auf ihm . Die Helfer in der Noth schnirten in der Eile ihre Gäule an einer Buche fest mit dem Zügel , und eilten zur Rettung des Gestürzten herbei . Mit vieler Mühe wurde dieser von der Last seines Pferdes befreit , das sich mit der größten Anstrengung aufrichten ließ , und endlich , schauernd von Schreck und Schmerz , aber unverletzt neben seinem Herrn stand . Dieser saß , nach und nach Besinnung und Sprache wieder erlanget , auf der Erde , und starrte die beiden Schutzengel lange an . » Gelobt sey Jesus Christus ! « begann er endlich mit sehr tief und vollklingender Stimme , während er sich das linke Bein rieb , auf dem sein Rappe gelegen war : » Das war ein Sturz , wie er mir doch Zeit meines Lebens nicht vorgekommen ist . « » Ihr seyd doch ganz und heil , lieber Herr ? « fragte Dagobert theilnehmend . - Der Fremde zuckte die Achseln , aber ein zufriedenes Lächeln breitete sich über sein braunes männliches Angesicht , als er nach wiederholter Ausdehnung seiner Gliedmaßen verspürte , daß sie unverletzt geblieben . - » S ' ist noch gut genug abgelaufen ! « meinte er , und wischte sich den kalten Schweiß von der Stirne . » Hebt mich auf , ihr guten Leute ; ich werde wohl mit Gottes Hülfe allein stehen können . « Der Versuch ging ohne Gefährde glücklich vorüber . Der Fremde stand da , seine beiden Nothhelfer um ein Erkleckliches überragend , und wandte nun die herrischen Augen gegen den Rappen , der noch ängstlicher zitterte , als ob er des Herrn Blick schon kenne und dessen Folgen . » Seht da , ihr Herren ! « sprach der abgeworfene Reiter : » seht da einen Gaul , der mir schon zehen Jahre dient , und mich auf manchem Ritt zu Ernst und Schimpf getragen , um den man mich gar oftmals beneidet , und den ich Gutfreund getauft , um seines sichern Schrittes und seiner Aufmerksamkeit willen . Ist ' s nicht eine Schande , daß er mich heute abgeschleudert in seiner faulen Nachläßigkeit ? Du böses Pferd - mit unsrer Freundschaft ist ' s aus : von heute an reite ich dich nicht mehr . « » Wenn Ihr der Wechselpferde mehrere besitzt , ist ' s gut für Euch ; « versetzte Gerhard , der den schlichten Lederkoller des Reiters mit Geringschätzung betrachtete : » Indessen hat der Gaul nur ein Versehen verschuldet . Es ist ja kein Mensch . « » Wackre Freunde und treue Thiere halten sichern Schritt bis an ' s Ende ! « erwiederte der Fremde , die Sache ernster nehmend : » Sie sollen seyn ein treuer Stecken und Stab , der nimmer bricht , als im letzten Stündlein . Wort und Gehorsam sollen ewig seyn . Der Freund , in dessen Schooß ich nicht sicher ruhen kann - der Gaul , der durch Trägheit oder Scheu mein Leben in Gefahr bringt - sie gelten mir Nichts mehr . Darum fresse dieser abgedankte Träger das Gnadenbrod , so lange er will . Er verkümmre aber unter dem Troß . « » Ihr seyd ein seltsamer Mensch ! « lachte Gerhard : » Um des Bischens Abwerfens willen ! Du lieber Himmel ! Mein Roland ist mir um das Reich nicht feil , aber abgesetzt hat er mich dennoch oft , nur nie , wo ' s Ernst galt . Kugelt man auch ein wenig in den Staub , was thuts , so lange die Rippen halten ? Ist Euch doch nichts mehr nichts weniger begegnet , als dem heiligen Vater erst vor Kurzem , da er über den Oelberg gen Costnitz zog , und sein Fuhrwerk umschlug . « Der Fremde brummte ein etwas unwilliges » Hm ! « ergriff den Zügel seines Rappen und zog ihn , langsam vorschreitend , nach sich . Dagobert hatte die beiden andern Pferde herbeigebracht , und alle Drei gingen , der Fremde in der Mitte , auf die Stadt los , die Thiere führend . Gerhard der ungern seinem Witz Fesseln anlegte , war er einmal im Zuge , schwazte weiter im Texte : » Wie Ihr so straff und aufrecht daher schreitet , lieber Herr ! Euch kümmerts nicht , ob dieser Fall ein böses Omen gewesen oder nicht . Doch Se . Heiligkeit ist furchtsamer gewesen , und es dürfte leicht geschehen , daß sie Recht hatte , als sie auf dem Oelberg ausrief : Was hat es zu bedeuten , daß uns der Unfall widerfuhr ? Gott lenke es zum Guten ! « » Und lehre Dich schweigen , aberwitziges Schneppermaul ! « platzte der Fremde los , der , als dis Rede wieder vom Pabste anhob , die Stirne gehässig gerunzelt hatte : » Verspotte nicht das Haupt der Christenheit , oder ... ! « Er schwang den Handschuh der linken Faust drohend gegen den bestürtzten Gerhard , schien aber weniger Lust zu haben , ihm denselben vor die Füße zu werfen , als um ' s Gesicht zu schlagen . Hülshofen griff nach dem Schwertknauf ; Dagobert jedoch , der schnell auf seine Seite gesprungen war , flüsterte ihm zu : » Gib Ruhe , Raufbold ! willst Du Dich ins Verderben bringen . Wir sind innerhalb dem Weichbilde der Stadt . Du bist dem Blutbann verfallen , so Du ziehst . « » Dem schlagfertigen Gerhard fiel das strenge Conciliumsgesetz ein , und murrend ließ er die Klinge ruhen , einigen Schimpfworten Luft machend , und den Fremden mit drohenden Blicken messend . Dagobert drängte sich zwischen Beide . Ihr mögt seyn , wer Ihr wollt , begann er zu dem Fremden , so bitte ich Euch , Friede zu halten . Ein Schwank soll nicht mit Blut gesühnt werden , und wenn drei unbedeutende Menschen wie wir zum Schwert greifen , einen tollen Handel auszufechten , wird es dem heiligen Vater von wenig Nutzen seyn . Ueberdieß sind wir Fremde ; daß Ihr es seyd , verbürgt mir Eure Mundart . Warum wollen wir den Hals dem Gesetze dahingeben , während wir vielleicht zu einem rühmlichern Streite aufbewahrt sind . « » Ihr sprecht wie ein Buch ; « versetzte der Fremde lächelnd : » Ihr irrt jedoch , wenn Ihr glaubt , daß ich dem Menschen dort zu Leibe wollte . Beim heiligen Georg ! das kam mir nicht zu Sinne . Mir stünde es wenig an , mich mit ihm gemein zu machen . Euch hingegen kennen zu lernen , junger Mann , freut mich ganz absonderlich . Auf stillehrbare Leute kann man sich verlassen , denke ich . Wollt Ihr mein Freund werden , so sagt mir Euern Namen . « Dagobert wollte so eben , sich verwundernd , dieselbe Frage an den Fremden richten , da kam unweit des Stadtthors ein Knecht daher in weiß und rothem Rock , entblößte , da er des Unbekannten ansichtig wurde , das Haupt , und blieb am Rande des Weges stehen . - » Nimm dieses Pferd , « sprach der Reiter zu ihm , » und bring es in den Stall . In Zukunft reite ich den Schimmel nur . « Der Knecht empfing , still sich neigend , das Thier , und einen Schritt von Thor entfernt , fragte der Herr den jungen Frankfurter lächelnd : » Werde ich noch nicht erfahren , wer mir aus der Noth half ? « Dagobert nannte bescheiden seinen Namen , und machte auch Gerhards Stand und Geschlecht kund . » Mit dem Edelknecht hab ' ich nichts zu schaffen ; « versetzte der Fremde barsch : » Er hat den Dienst , den er mir leistete , zu Nichte gemacht , durch seinen ungebetenen Vorwitz in einem Ding , ob dem ich keinen Scherz verstehe . Ihr aber , biedrer Altbürger , Ihr seyd mir lieb und werth . Ohne Zweifel werdet Ihr im Engel Eure Wohnung nehmen , da die Schöffen , Euerer Stadt Abgesandte , daselbst die Einkehr nehmen ? Recht lieb wird mir ' s seyn , von Euch zu hören . « Nach einem flüchtigen Kopfnicken verließ der Mann , ohne weiter das Geringste hinzuzufügen , die Ankömmlinge , und ging in die Stadt . Die Letztern sahen wohl , daß die Soldwächter ehrerbietig Platz machten , die Bürger demüthig Hüte und Mützen rückten , und sothane Ehrfucht auf sie Beide sogar überging , da sie mit dem geehrten Mann herangekommen waren . Stolz trabten sie und staunend durch das Thor . » Ich fürchte , ich habe einen thörichten Streich gemacht , « flüsterte Gerhard dem Begleiter zu : » Der Mann ist wohl mehr , als wir Beide . « - » Möglich ; « versetzte Dagobert lächelnd , und verwies den Neugierigen an den Knecht , der mit dem gestürtzten Gutfreund hintendrein kam . » Wie nennt sich Dein Herr , guter Gesell ! « fragte auch Gerhard den Knecht , und verstummte kleinlaut , als dieser erwiederte : » Seine fürstl . Gnaden ist ' s , der gnädigste Herzog Friedrich von Oestreich-Tyrol . « Drittes Kapitel . Ein dreitausendjähriges Gesetz ! Seine Wurzel , in den Pyramiden , seine Wipfel allenthalben Schatten werfend : ein vom Blitz gespaltner Stamm , grünend dennoch durch die Thränenströme ausgestoßner Sclaven ! ... Die zwischen dem Mainstrom und der Domkirche gelegene Judengasse zu Frankfurt war mit ihren alterthümlichen Häusern in das Dunkel eines späten Freitags Abends versunken . Still und einsam war die enge und krumme Straße , und es wimmelte nicht mehr das geschwätzige Volk darin umher , das wohl zu den Zeiten Ludwigs des Baiern sich darin bewegte . Das Geschick dieses Volks hatte sich seit dem Tode jenes Fürsten nach und nach gewaltig umgestaltet , und in Folge des harten Drucks , der sogar dann und wann in offene Schlachten ausbrach , war der israelitische Stamm zu Frankfurt ausgegangen bis auf wenige Geschlechter . Diese hausten nun abgezogen von der übrigen bürgerlichen Welt in ihren halbverfallnen Gebäuden , deren Nachbarhäuser in Ermanglung der ehemaligen jüdischen Besitzer die blutärmsten Einwohner der Reichsstadt inne hatten . Diese Letzteren , dem bittern Mangel unterthan , belauerten mit eifersüchtigen Blicken das Thun und Treiben der Juden , die Bedürfniß und Gewinnsucht auf den Handel anwies , und die alle List anzuwenden hatten , ihren wachsenden Wohlstand vor den neidischen Augen ihrer Nachbarn zu verbergen . Darum ließen sie ihre Wohnungen von Aussen verfallen , darum schlichen sie umher in der zerlumpten Tracht mit Zwerchsack und Wanderstab , darum ließen sie den seltenen Gästen , die sich in ihre Häuser wagten , nur die in Elend und Schmutz versunkene Unterstube sehen ; darum schloßen sie sorgfältig am Sabbath ihre Fensterladen und Hausthüren , daß nicht durch die Ersteren der Lichter Schein , durch die Letzteren der Geruch der Festspeisen dringen und einen Schimmer von Wohlhabenheit verrathen möge , der ihnen hätte gefährlich werden können . - So waren auch heute ihre Fenster und Pforten verliegelt und der Feierabend eingekerkert zwischen vier Mauern . Das Haus des Ältesten unter ihnen , der in der ganzen Umgegend wegen seines Alters , seiner Leiden und Erfahrungen hochgeachteten David Ben Jochai , machte keine Ausnahme . Schwarz und düster sah es gleich den Übrigen in die Straße , aber , hatte man den endlosen finstern Hausgang durchmessen , die dunkle Wendelsteige überschritten , und sich durch die Nacht nach dem Hintergebäude fortgegriffen , so trat man plötzlich in einen heiter geschmückten Ort , wo der Sabbath walten durfte in prächtiger Heimlichkeit . Eine im länglichen Viereck gebaute Stube , getäfelt an den Wänden , und geschmückt mit Vorhängen und buntem Schnitzwerk war der Haustempel . Ein großblumiger Teppich bedeckte den größten Theil des Fußbodens . Von der Decke schwebte der siebenarmige Leuchter , unter welchem der runde Tisch stand , überhangen mit einer rothwollenen Decke , über die erst wieder eine andere kleinere gebreitet war , von weißem feinem Linnenzeuge . Um den Tisch , - den drei silberne und reich gearbeitete Becher schmückten , auf einer silbernen Kredenzplatte aufgestellt , - standen drei Stühle mit hohen goldverzierten Lehnen und Polstern von geschornem Sammet . Unfern von der Tafel glänzte aus einer Nische der Mauer das silberne Waschbecken , in welches , sobald man den oben angebrachten vergoldeten Hahn umdrehte , das klare Wasser sprudelte . Feine Linnentücher lagen zum Abtrocknen bereit . In der Ecke war der Tisch zu schauen , der die Festspeisen trug und den blinkenden Weinkrug . Der Hintergrund der Stube nahm aber ein auf morgenländische Weise geordnetes Lager von bequemen Seidenpolstern ein , überlegt mit einem köstlichen gewirkten Stück . Auf diesem Lager ruhte nun die Enkelin des Hausherrn , Esther , die an Schönheit ihres Gleichen nicht hatte am ganzen Rhein- und Mainstrom ; angethan mit prächtigen Gewändern nach der Sitte des Vaterlands geschnitten , glänzende Gehänge in den Ohren , und viele kostbare Ringe an den Fingern . Sie hielt eine Schnur von farbigen Glaskugeln in den Händen , und ließ sie gedankenlos auf- und niedergleiten , - ein erlaubtes Spielwerk . Aber aufmerksam lieh sie ihr Ohr dem Großvater , der zu ihren Füßen saß , in eine schön gefütterte Pelzschaube gehüllt , das silberweiße Haar mit einem Sammetkäpplein bedeckt . Wer ihn betrachtet hätte , den alten Mann , wie er so da saß , gebückt von den Jahren , die Ellenbogen auf die Kniee gestützt , und die Hände lebhaft bewegend wie die redende Lippe , und den schneeigen , bis über den Gürtel fallenden Bart , hätte ihn für die Zeit selbst halten sollen , die der Frau Venus Mährlein erzählt von vergangenen Tagen . Und in der That war es auch die Zeit , die auf den Lippen des Alten saß , und die Vergangenheit gab er wieder in eifrigen Worten . Das Geschick hatte ihn bereits durch einen Kreis von hundert Lebensjahren geführt , und hundert bittre Jahre waren es , von denen er Kunde geben konnte . Nun ist die Zeit des Leidens die unerschöpflichste ; denn während ein frohes Jahr vorüberschäumt wie der brausende Geist feurigen Weins , schleichen die trüben Tage gleich Jahrhunderten dahin , schauckelnd auf langsamer fauler Woge , und lassen dem Mitschwimmer Muse genug , in die Tiefen zu schauen - in die Klüfte die sich aufreißen während seiner Bahn . Damit er sich all ihre Schrecknisse einpräge im sichern Gedächtniß . Diese ernsten Anschauungen mitzutheilen , ist ein Bedürfniß des Alters , das ohnehin nur allzuoft den kecken Gang kraftbewußter Jugend in den prüfenden Schritt der alternden Bedächtigkeit verkehren möchte . Der greise Jochäi öffnete also auch , sobald der Ruheabend eingebrochen , den Schatz seiner Rede und Erfahrung , und unterhielt den Sohn und die Enkelin von den Schicksalen und Begebenheiten ihres Volks . Heute hörte ihm jedoch nur die reizende Esther zu , da ihr Vater unbegreiflicher Weise von seiner Handelswanderung noch nicht zurückgekommen war . Es schien überhaupt an diesem Abend ein besonderer Unstern die Ordnung des Hauses zu verrücken , denn auch der Diener und Mitgenosse desselben war ausgeblieben , und sein Platz hinter dem Ofen von der Sabbathmagd , der stummen Grete , eingenommen , die darin gähnend mit dem Schlafe kämpfte , und nur dann und wann aus dem Winkel hervorschlich , um die verdüsterten Lampen zu putzen . » Die Möglichkeit , zu vergessen solche Greuel , wie ich sie erlebt , « sprach Jochai , mit gepreßter Stimme seine Erzählung endend , - » liegt außer der Gewalt des Menschen . Der fromme Rabbi Simeon , mein weiser Lehrer , dem das Paradies sey , sprach zu mir auf seinem Sterbelager , wo er noch in Frieden dahin fuhr : Junger Bube ; wir leben noch anjetzo in goldener Gefangenschaft . Wir haben einen Herrn , einen harten Herrn , aber er ist gerecht , und gönnt uns den Schatten seiner Gesetzpalmen . Aber , es wird kommen eine Zeit - wohl mir , daß ich sie nicht mehr sehe , - eine Zeit der höchsten Trübsal und Prüfung . Wehe wird gerufen werden über Israel ! Machet aber nicht , daß die Gerechten im Paradiese über euch Wehe schreien . Haltet fest an den Büchern eurer Väter , an dem Gesetz , das unmittelbar gekommen ist , von dem , den ich nicht ausspreche , und habt ihr gekostet die bittre Frucht der Zeit , so mischet den Wehrmuth ihres Gedächtnisses dann und wann in die Speise eurer Kinder und Enkel , daß sie nicht ablassen zu flehen zu dem Allmächtigen , dessen Herrlichkeit unmittelbar unsre Scheitel berührt , damit er endlich seine Verheißung erfülle , und uns den Messias sende , den Ersehnten ! - Ach , sie ist erfüllt worden , des frommen Rabbi ' s Prophezeiung , ... wir haben sie gekostet , die bittre Frucht der Zeiten , die da sind , aber noch immer zögern die Jahre , die da kommen sollen im Gefolge des Messiah ! « » O , sage doch , lieber Großvater , « fragte Esther neugierig : » werden sie denn wirklich so schön seyn , die Tage , über die der Verheißne als König gebietet ? « » Herrlich , meine Tochter ! « erwiederte der Greis mit leuchtenden Augen : » herrlich , über alle Beschreibung . Wir werden wieder seyn wie Sand am Meere , herrschend über alle Völker der Erde . Das Leben wird verfließen in unvergänglichen Laub- und Friedenshütten ! Das neuerbaute Jerusalem wird seyn die Stadt der Welt , und in seinem Tempel werden alle die vom Weibe geboren sind , dienen und opfern . An Üppigkeit werden die Saaten ins Unendliche gedeihen , das Korn zu riesenhohen Garben erwachsen , die Weinstöcke ungeheure Trauben erzeugen , die Flüsse Milch und Honig fluthen . Selbst die Gestirne werden sich des herrlichen Zeitalters freuen , der Sonne dreihundertfältiger Strahl den Himmel in Paradiesesglut tauchen , des Mondes Schein die Nacht zum schönsten Maientag verklären ! « » Welch ' reizende Zukunft ! « rief Ester hingerissen : » Warum ist sie nicht schon zur Gegenwart geworden ! « » Noch zürnt der Gebenedeite ! « versetzte Jochai mit zerknirschter Beugung des Hauptes : » noch hört er nicht die Stimmen seiner Kinder , die zu ihm schreien aus der Tiefe . Noch hält der Vater des Bösen , der Fürst der Wildniß , der grausame Sammael das Ohr des Herrn verstopft , weil er nicht will , daß unsere Gebeine ruhen im Schoße des gelobten Landes . Aber endlich wird der Schrei unsrer Noth dennoch zu dem lieblichen Gabriel dringen , dem Boten der Barmherzigkeit , und jede neue Morgenröthe kann uns den Verheißnen senden , - mit ihm unsre Rettung . « » Käme sie doch morgen schon ! « seufzte Esther : » Ich verliere alle Lust zum Leben , und mir ist gar oft der sündhafte Gedanke gekommen , als wäre doch am Ende besser eine Christin zu seyn auf Erden , als ... « » Rede nicht aus ! « fuhr Jochai auf : » Der Herr nehme den Greuel von Dir , den Du gedacht ! Warum hegst Du so thöricht Verlangen , das Dich in das Feuer der Gehinnam bringen könnte ? « » Verzeihe mir , Großvater ! « sprach die liebliche Esther , und kreuzte die Hände bereuend auf der Brust : » aber gestehe , daß wir dahin leben , wie die trauernde Weide am sumpfigen Teiche . Ihr Männer geht aus in die Welt , seht Länder und Menschen , und gewinnt mühsam dem geizigen Gojims Euer Leben ab . Diese Art zu seyn hat manche Freiheit , manche Lust . Wir aber , wir vertrauern unsre Tage daheim . Versorgt auch Eure Güte uns mit den Leckerbissen , die uns behagen , mit der Bequemlichkeit die unsre Lust ist , mit dem köstlichen Putz , der uns so sehr gefällt , ... was hilft uns dieses Alles ? Von der harten Fessel eingeklemmt , müssen wir all die Herrlichkeit genießen , verstohlen , wie ein Dieb seinen Raub . Vor der gaffenden Welt erscheinen wir nicht , oder im unscheinbaren Gewande , in erlogner Dürftigkeit . Die gesellige Freude ist ausgeschlossen aus unserm Hause . Hinter Schloß und Riegel gefällt