, an diesem Blick erkenne ich dich « , sagte Frondsberg und bot ihm die Hand , » du bist ein Sturmfeder ? « » Georg Sturmfeder « , antwortete der junge Mann , » mein Vater war Burkhardt Sturmfeder , er fiel , wie man mir sagte , in Italien an Eurer Seite . « » Er war ein tapferer Mann « , sprach der Feldhauptmann , dessen Auge immer noch sinnend auf Georgs Zügen ruhte , » an manchem warmen Schlachttag hat er treu zu mir gehalten , wahrlich sie haben ihn allzufrühe eingescharrt ! Und du « , setzte er freundlicher hinzu , » du hast dich eingestellt , um seiner Spur zu folgen ? Was treibt dich schon so frühe aus dem Neste und bist kaum flick ? « » Ich weiß schon « , unterbrach ihn Waldburg mit rauher , unangenehmer Stimme ; » das Vögelein will sich ein paar Flöckchen Wolle suchen , um das alte Nest zu flicken ! « Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine hohe Glut auf die Wangen des Jünglings . Er hatte sich nie seiner Dürftigkeit geschämt , aber dieses Wort klang so höhnend , daß er sich zum ersten Male dem reichen Spötter gegenüber recht arm fühlte . Da fiel sein Blick über Truchseß Waldburg hin durch die Scheiben auf jenes wohlbekannte Erkerfenster ; er glaubte Mariens Gestalt zu erblicken und sein alter Mut kehrte wieder . » Ein jeder Kampf hat seinen Preis , Herr Ritter « , sagte er , » ich habe dem Bund Kopf und Arm angetragen ; was mich dazu treibt , kann Euch gleichgültig sein . « » Nun , nun ! « erwiderte jener , » wie es mit dem Arm aussieht , werden wir sehen , im Kopfe muß es aber nicht so ganz hell sein , da Ihr aus Spaß gleich Ernst macht . « Der gereizte Jüngling wollte wieder etwas darauf erwidern , Frondsberg aber nahm ihn freundlich bei der Hand : » Ganz wie dein Vater , lieber Junge , nun du willst zeitlich zu einer Nessel werden.13 Und wir werden Leute brauchen , denen das Herz am rechten Flecke sitzt . Daß du dann nicht der letzte bist , darfst du gewiß sein . « Diese wenigen Worte aus dem Munde eines durch Tapferkeit und Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberühmten Mannes , übten so besänftigende Gewalt über Georg , daß er die Antwort , die ihm auf der Zunge schwebte , zurückdrängte , und sich schweigend von der Tafel in ein Fenster zurückzog , teils um die Obersten nicht weiter zu stören , teils um sich genauer zu überzeugen , ob die flüchtige Erscheinung , die er vorhin gesehen , wirklich Marie gewesen sei ? Als Georg die Tafel verlassen hatte , wandte sich Frondsberg zu Waldburg : » Das ist nicht die Art , Herr Truchseß , wie man tüchtige Gesellen für unsere Sache gewinnt , ich wette , er ging nicht mit halb soviel Eifer für die Sache von uns , als er zu uns brachte . « » Müßt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden ? « fuhr jener auf , » was braucht es da ? er soll einen Spaß von seinem Oberen ertragen lernen . « » Mit Verlaub « , fiel ihm Breitenstein ins Wort , » das ist kein Spaß , sich über unverschuldete Armut lustig zu machen , ich weiß aber wohl , Ihr seid seinem Vater auch nie grün gewesen . « » Und « , fuhr Frondsberg fort , » sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch nicht . Er hat dem Bunde noch keinen Eid geleistet , also kann er noch immer hinreiten , wohin er will ; und wenn er auch unter Euren eigenen Fahnen diente , so möchte ich Euch doch nicht raten , ihn zu hänseln , er sieht mir nicht darnach aus , als ob er sich viel gefallen ließe ! « Sprachlos vor Zorn über den Widerspruch , den er in seinem Leben nie ertragen konnte , blickte Truchseß den einen und den andern an , mit so wutvollen Blicken , daß sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel warf , um noch ärgeren Streit zu verhüten : » Laßt doch die alten Geschichten ! « rief er . » Oberhaupt wäre es gut , wir heben die Tafel auf . Es dunkelt draußen schon stark und der Wein wird zu mächtig . Dieterich Spät hat schon zweimal des Württembergers Tod ausgebracht , und die Franken dort unten sind nur noch nicht einig , ob man seine Schlösser niederbrennen oder verteilen soll . « » Laßt sie immer « , lachte Waldburg bitter , » die Herren dürfen ja heute machen was sie wollen , Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden . « » Nein « , antwortete Ludwig Hutten ; » wenn einer von so etwas reden darf , bin ich es , als der Bluträcher meines Sohnes ; aber ehe noch der Krieg erklärt ist , müssen solche Reden unterbleiben . Mein Vetter Ulerich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern , über den Mönch von Wittenberg , und er verschwatzt sich zu sehr , wenn er in Zorn geratet . Laßt uns aufbrechen . « Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei , sie standen auf , und als die nächsten um sie her ihrem Beispiel folgten , war der Aufbruch allgemein . IV Wollt ihr wissen was die Augen sein , Womit ich sie sehe durch alle Land ? Es sind die Gedanken des Herzens mein , Damit schau ich durch Mauer und Wand . Walther von der Vogelweide Georg hatte in dem Fenster , wohin er sich zurückgezogen , nicht so entfernt gestanden , daß er nicht jedes Wort der Streitenden gehört hätte . Er freute sich der warmen Teilnahme , mit welcher Frondsberg sich des unberühmten , verwaisten Jünglings angenommen hatte , zugleich aber konnte er es sich nicht verbergen , daß sein erster Schritt in die kriegerische Laufbahn ihm einen mächtigen , erbitterten Feind zugezogen hatte . Der Truchseß war zu bekannt im Heere wegen seines unversöhnlichen Stolzes , als das Georg hätte glauben dürfen , Huttens vermittelnde und besänftigende Worte haben jede Erinnerung an diesen Streit verlöscht , und daß Männer von Gewicht , wie Waldburg , in solchen Fällen , der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die Schuld nicht erlassen , war ihm aus manchen Fällen wohlbekannt . Ein leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken und er sah , als er sich umwandte , seinen freundlichen Nebensitzer , den Schreiber des Großen Rates vor sich . » Ich wette , Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen « , sprach Dieterich von Kraft , » und es möchte Euch auch jetzt etwas schwer werden , denn es ist bereits dunkel und die Stadt ist überfüllt . « Georg gestand , daß er noch nicht daran gedacht habe , er hoffe aber , in einer der öffentlichen Herbergen noch ein Plätzchen zu bekommen . » Da möchte ich doch nicht so sicher darauf bauen « , entgegnete jener , » und gesetzt , Ihr fändet auch in einer solchen Schenke einen Winkel , so dürft Ihr doch sicherlich darauf rechnen , daß Ihr schlecht genug bedient seid . Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint , so steht sie Euch mit Freuden offen . « Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit , daß Georg nicht Anstand nahm , sein Anerbieten anzunehmen , obgleich er beinahe befürchtete , die gastfreundliche Einladung möchte seinen Wirt gereuen , wenn die gute Laune zugleich mit den Dünsten des Weines verflogen sein werde . Jener aber schien über die Bereitwilligkeit seines Gastes hoch erfreut ; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen Arm und führte ihn aus dem Saal . Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar . Die Tage waren noch kurz und die Abenddämmerung war über der Tafel unbemerkt hereingebrochen ; man hatte daher Fackeln und Windlichter angezündet , ihr dunkelroter Schein erhellte den großen Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern der gegenüberstehenden Häuser und auf den blanken Helmen und Brustharnischen der Ritter . Wildes Ruten nach Pferden und Knechten scholl aus der Halle des Rathauses , das Klirren der nachschleppenden Schwerter , das Hin-und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in das Gebell der Hunde , in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen Rosse , eine Szene , die mehr einem in der Nacht vom Feinde überfallenen Posten , als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahle glich . Überrasche blieb Georg unter der Halle stehen . Der Anblick so vieler , fröhlicher Gesichter , der kräftigen Gestalten , die in jugendlichem Mute ansprengten , kühne Reiterkünste übten und dann singend und jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden , dieser nächtliche , flüchtige Anblick erinnerte ihn , wie ungewiß , wie schnell auch diese Tage vorübergehen werden , wie alle diese fröhlichen Gesellen dem tiefen Ernste des Krieges entgegenziehen , wie mancher , noch ehe der Frühling völlig heraufginge , mit seinem Körper den grünenden Rasen decken werde . Wie sie gefallen sein werden , ohne mit ihrem Blute etwas eingelöst zu haben , als die Träne eines Kameraden und den kurzen Ruhm als brave Männer vor dem Feinde geblieben zu sein . Unwillkürlich streifte sein Auge nach jener Seite hin , wo er seinen Kampfpreis wußte . Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen , aber der schwärzliche Rauch der Fackeln , der wie eine Wolke über den Platz hinzog , verhüllte die Gegenstände wie mit einem Schleier und ließ sie nur wie ungewisse Schatten sehen ; unbefriedigt wandte er sein Auge ab . » So ist auch meine Zukunft « , sagte er zu sich , » das Jetzt ist helle , aber wie dunkel , wie ungewiß das Ziel ! « Sein freundlicher Wirt riß ihn aus diesem düstern Sinnen mit der Frage : wo seine Knechte mit seinen Pferden seien ? Wenn der Platz , worauf sie standen , heller erleuchtet gewesen wäre , so hätte vielleicht der gute Kraft eine flüchtige aber brennende Röte , die bei dieser Frage über Georgs Wangen zog , bemerken können . » Ein junger Kriegsmann « , antwortete er schnell gefaßt , » muß sich so viel möglich selbst zu helfen wissen , daher habe ich keine Diener bei mir . Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten übergeben . « Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen Mannes gegen sich selbst , gestand aber , daß er , wenn er einmal zu Feld ziehe , den Dienst nicht so strenge lernen werde . Ein Blick auf sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekräuselten Bart , überzeugten Georg , daß sein Begleiter aus voller Seele spreche , und die zierliche , bequeme Wohnung , in welcher sie bald darauf anlangten , widersprach diesem Glauben nicht . Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte Junggesellenwirtschaft , denn Herrn Dieterichs Eltern waren längst abgeschieden , als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten beim Großen Rat eintrat . Er hätte sich vielleicht längst um eine Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen , wenn nicht die Anmut des Junggesellenlebens , der nicht zu verachtende Vorteil , von allen jungen Damen der Stadt als eine gute Partie ( nach heutigen Begriffen ) angesehen und honoriert zu werden , vor allem aber , wie man sich ins Ohr flüsterte , die entschiedene Abneigung , die seine alte Amme und Haushälterin vor einer jungen Gebieterin hegte , ihn immer von diesem Schritte abgehalten hätte . Herr Dieterich hatte ein großes Haus nicht weit vom Münster , einen schönen Garten am Michelsberg , sein Hausgeräte war im besten Stande , die großen eichenen Kasten voll des köstlichsten Linnenzeuges , das die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen Winterabenden zusammengesponnen hatten , die eiserne Truhe im Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgülden , Herr Dieterich selbst war ein hübscher , solider Herr , ging immer geschniegelt und gebügelt , mit gesetztem , anständigem Gang in den Rat , hatte einen guten Haus- und Ratverstand , war aus einer alten Familie , war es ein Wunder , wenn die ganze Stadt sein Leben pries und jedes hübsche Ulmer Stadtkind sich glücklich geschätzt hätte , in diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen ? Georg kamen übrigens diese Verhältnisse bei näherer Besichtigung nichts weniger als lockend vor . Die einzigen Hausgenossen des Ratsschreibers waren , ein alter grauer Diener , zwei große Katzen und die unförmlich dicke Amme . Diese vier Geschöpfe starrten den Gast mit großen , bedenklichen Augen an , die ihm bewiesen , wie ungewohnt ihnen ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei . Die Katzen umgingen ihn schnurrend , mit gekrümmtem Rücken , die Amme schob unmutig an der ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte , ob sie für zwei Personen das Abendessen zurichten solle ? Als sie aber nicht nur ihre Frage bestätigen hörte , sondern auch den Auftrag ( man war ungewiß , war es Bitte oder Befehl ) bekam , das Eckzimmer im zweiten Stock für den Gast zuzurüsten , da schien ihre Geduld erschöpft ; sie ließ einen wütenden Blick auf ihren jungen Gebieter schießen und verließ mit ihrem Schlüsselbund rasselnd das Gemach . Georg hörte noch lange die hohltönenden Treppen unter ihren schweren Tritten erbeben , und die öde Stille des großen Hauses gab in vielfältigem Echo das Gepolter der Türen zurück , welche sie im Grimme hinter sich zuwarf . Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei große Armstühle an den ungeheuren Ofen gerückt ; den Tisch besetzte er mit einem schwarzen Kasten , stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und einen silbernen Becher mit Wein und entfernte sich dann , nachdem er einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte . Herr Dieterich lud seinen Gast ein , an seiner gewöhnlichen Abendunterhaltung teilzunehmen . Er öffnete den schwarzen Kasten , es war ein Brettspiel . Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes , als er ihm erzählte , daß er seit seinem zehenten Jahre alle Abende mit der Amme an diesem Spiele sich ergötze . Wie öde , wie unheimlich kam ihm das ganze Haus vor . Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben und Bewegung erinnert , jetzt aber lag Grabesstille über den weiten Gängen und Gemächern , nur zuweilen vom Knistern der Lichter , vom Ticken des Holzwurmes im schwärzlichen Getäfer und dem eintönigen Rollen der Würfel unterbrochen . Das Spiel hatte nie etwas Anziehendes für ihn gehabt , seine Gedanken waren auch ferne davon und die tiefe Melancholie der öden Gemächer und der Gedanke , nur wenige Straßen von ihr entfernt , doch den langersehnten Anblick der Geliebten entbehren zu müssen , breitete düstere Schatten über seine Seele . Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dieterichs , beinahe alle Spiele zu gewinnen , die seinem gutmütigen Gesicht etwas Angenehmes verlieh , entschädigte ihn für den Verlust der langsam hinschleichenden Stunden . Mit dem Schlag der achten Stunde führte Dieterich seinen Gast zum Abendbrot , das die Amme trotz ihres Unmutes , trefflich bereitet hatte , denn sie wollte der Ehre des Kraftischen Hauses nichts vergeben . Hier öffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner Beredsamkeit , indem er seinem Gaste das Mahl durch Gespräch zu würzen suchte . Aber umsonst spähete dieser , ob er nicht von seinem schönen Mühmchen reden werde ; nur eine Ausbeute bekam er , Kraft zählte unter den württembergischen Rittern , die in Ulm anwesend seien , auch den Ritter von Lichtenstein auf . Doch schon dieses Wort erweckte dankbare Gefühle gegen die Wendung seines Schicksales in ihm . Jetzt erst freute er sich , einer Partei beigetreten zu sein , die ihm sonst außer den berühmten Namen , die sie an der Spitze trug , ziemlich gleichgültig war . So aber hatte auch ihr Vater sich in dem Sammelplatze des Heeres eingefunden , und durfte er auch nicht hoffen , daß ihm das Glück vergönnen werde , an der Seite des teuren Mannes zu fechten , so trug er doch die Gewißheit in der Brust , ihm beweisen zu können , daß Georg von Sturmfeder nicht der letzte Kämpfer im Heere sei . Der Hausherr führte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach und schied von ihm mit einem herzlichen Glückwunsch für seine Ruhe . Georg sah sich das Gemach , das man ihm angewiesen hatte , näher an , und fand , daß es ganz zu dem öden Hause passe . Die runden , vom Alter geblendeten Scheiben der Fenster , das dunkle Täferwerk an Wand und Decke , der große weit vorspringende Ofen , selbst das ungeheure Bette mit breitem Himmel und steifen , schweren Gardinen , sie gewährten ein düsteres , beinahe trauriges Aussehen . Aber dennoch war alles zu seiner Bequemlichkeit eingerichtet . Frische , schneeweiße Linnen blinkten ihm einladend aus dem Bette entgegen , als er die Vorhänge zurückschlug ; der Ofen verbreitete eine angenehme Wärme , eine Nachtlampe war an der Decke aufgehängt , und selbst der Schlaftrunk , ein Becher wohlgewürzten warmen Weines , war nicht vergessen . Er zog die Gardinen vor , und ließ die Bilder des vergangenen Tages an seiner Seele vorüberziehen . Geordnet und freundlich kamen sie anfangs vorüber , dann aber verwirrten sie sich , in buntem Gedränge führten sie seine Seele in das Reich der Träume , und nur ein teures Bild ging ihm heller auf , es war das Bild der Geliebten . V -Ist ' s kein Wahn ? Will der Holde , Vielgetreue , Dem ich Herz und Leben weihe , Heute noch zu Gruß und Kusse nahn ? F. Haug Georg wurde am anderen Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner Türe erweckt . Er schlug die Vorhänge seines Bettes zurück und sah , daß die Sonne schon ziemlich hoch stehe . Es wurde wieder und stärker gepocht , und sein freundlicher Wirt , schon völlig im Putz , trat ein . Nach den ersten Erkundigungen wie sein Gast geschlafen habe , kam Herr Dieterich gleich auf die Ursache seines frühen Besuches . Der Große Rat hatte gestern abend noch beschlossen , die Ankunft der Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern , der am heutigen Abend auf dem Rathause abgehalten werden sollte . Ihm , als dem Ratsschreiber , kam es zu , alles anzuordnen , was zu dieser Festlichkeit gehörte , er mußte die Stadtpfeifer bestellen , die ersten Familien feierlich und im Namen des Rates dazu einladen , er mußte vor allem zu seinen lieben Mühmchen eilen , um ihnen dieses seltene Glück zu verkündigen . Er erzählte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gaste und versicherte ihn , daß er vor dem Drang der Geschäfte nicht wisse , wo ihm der Kopf stehe . Doch Georg hatte nur für eines Sinn ; er durfte hoffen , Marien zu sehen und zu sprechen , und darum hätte er gerne Herrn Dieterich für seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz gedrückt . » Ich sehe es Euch an « , sagte dieser , » die Nachricht macht Euch Freude und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen . Doch Ihr sollt ein paar Tänzerinnen haben , wie Ihr sie nur wünschen könnt ; mit meinen Bäschen sollt Ihr mir tanzen , denn ich bin ihr Führer bei solchen Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen , daß Ihr und kein anderer zuerst sie aufziehen sollet ; und wie werden sie sich freuen , wenn ich ihnen einen so flinken Tänzer verspreche ! « Damit wünschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn , wenn er ausgehe , sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versäumen . Herr Dieterich hatte als sehr naher Verwandter schon so frühe am Tag Zutritt im Hause des Herrn von Besserer , besonders heute , da ihn seine vielen Geschäfte bei diesem Morgenbesuche entschuldigten . Er fand die Mädchen noch beim Frühstück . Wohl hätte dort manche unserer heutigen Damen ein elegantes Dejeuner von gemaltem Porzellain und den , nach den schönsten , antiken Vasen geformten Schokoladebecher vermißt . Aber , wenn es wahr ist , daß natürliche Anmut und Würde auch im geringsten Kleide sich dem Auge nicht verhüllen , so dürfen wir schon mit mehr Mut gestehen , daß Marie und die fröhliche Berta an jenem Morgen ein Biersüppchen verspeisten . Ob aber dieses Geständnis der ästhetischen Haltung dieser Damen nicht Eintrag tut ? Es mag sein ; wer übrigens Marien und Berta in dem weißen Morgenhäubchen , in dem reinlichen Hauskleide gesehen hätte , würde gewiß auch wie Vetter Kraft , Verlangen getragen haben , dieses Frühstück mit den holden Mädchen zu teilen . » Ich sehe dir es an , Vetter « , begann Berta , » du möchtest gar zu gerne von unserer Suppe kosten , weil dir deine Amme heute einen Kinderbrei vorgesetzt hat ; aber schlage dir diese Gedanken nur gleich aus dem Sinne ; du hast Strafe verdient und mußt fasten - « » Ach , wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben « , unterbrach sie Marie . » Ja wohl « , fiel ihr Berta in die Rede , » aber bilde dir nur nicht ein , daß wir eigentlich dich erwarteten ; nein , ganz allein deine Neuigkeiten . « Der Ratsschreiber war schon gewohnt von Berta so empfangen zu werden ; er wollte daher , um sie zu versöhnen , daß er nicht gestern abend noch ihre Neugierde befriedigt habe , seine Nachrichten in desto längerem Strome geben ; aber Berta unterbrach ihn : » Wir kennen « , sagte sie , » deine breiten Erzählungen , und haben auch das meiste vom Erker aus selbst mit angesehen ; von eurem Trinkgelage , wo es arg genug hergegangen sein soll , will ich auch nichts wissen , darum antworte mir auf meine Frage . « Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn hin und fuhr fort : » Dieterich von Kraft , Schreiber eines wohledlen Rates , habt Ihr unter den Bündischen keinen jungen , überaus höflichen Herrn gesehen , mit langem hellbraunem Haar , einem Gesicht , nicht so milchweiß wie das Eure , aber doch nicht minder hübsch , kleinem Bart , nicht so zierlich wie der Eure , aber dennoch schöner , hellblauer Schärpe mit Silber ... « » Ach , das ist kein anderer als mein Gast « , rief Herr Dieterich , » er ritt einen großen Braunen , trug ein blaues Wams , an den Schultern geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt ? « » Ja , ja , nur weiter « , rief Berta , » wir haben unsere eigenen Ursachen , uns nach ihm zu erkundigen . « Marie stand auf und suchte ihr Nähzeug in dem Kasten , indem sie den beiden den Rücken zukehrte ; aber die Röte , die alle Augenblicke auf ihren Wangen wechselte , ließ ahnen , daß sie kein Wort von Herrn Dieterichs Erzählung verlor . » Nun das ist Georg von Sturmfeder « , fuhr der Ratschreiber fort ; » ein schöner , lieber Junge . Sonderbar ; auch ihr seid ihm gleich beim Einzug aufgefallen « - und nun erzählte er , was am Gastmahl vorgegangen sei , wie ihm der hohe Wuchs , das Gebietende und Anziehende in des Jünglings Mienen gleich anfangs aufgefallen , wie ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht , wie er ihn immer lieber gewonnen und endlich in sein Haus geführt habe . » Nun , das ist schön von dir , Vetter « , sagte Berta als er geendet hatte , und reichte ihm freundlich die Hand , » ich glaube , es ist das erstemal , daß du es wagst , Gäste zu haben . Aber das Gesicht der alten Sabine hätte ich sehen mögen , als Junker Dieter so spät noch einen Gast brachte . « » Oh , sie war wie der Lindwurm gegen Sankt Georg ; aber als ich ihr ganz verblümt zu verstehen gab , es könne wohl geschehen , daß ich bald eine meiner schönen Basen heimführen werde ... « » Ach , geh doch ! « entgegnete Berta , indem sie ihm hoch errötend ihre Hand entreißen wollte ; aber Herr Dieterich , dem sein Mühmchen noch nie so hübsch als in diesem Augenblicke geschienen hatte , drückte die weiche Hand fester , und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu Sekunde an Gehalt , und die Waagschale der fröhlichen Berta , die jetzt in holder Verschämtheit vor ihm saß , stieg hoch in den Augen des glücklichen Ratschreibers . Marie hatte indes schweigend das Gemach verlassen , und Berta ergriff mit Freuden diese Gelegenheit ein anderes Gespräch einzuleiten . » Da geht sie nun wieder « , sagte sie und sah Marien nach , » und ich wollte darauf wetten , sie geht in ihre Kammer und weint . Ach , sie hat gestern wieder so heftig geweint , daß ich auch ganz traurig geworden bin . « » Was hat sie nur ? « fragte Dieterich teilnehmend . » Ich habe so wenig wie früher die Ursache ihrer Tränen erfahren « , fuhr Berta fort , » ich habe gefragt und immer wieder gefragt , aber sie schüttelt dann nur den Kopf , als wenn ihr nicht zu helfen wäre ; der unselige Krieg ! war alles , was sie mir zur Antwort gab . « » So ist der Alte noch immer entschlossen , mit ihr nach Lichtenstein zurückzugehen ? « » Ja wohl « , war Bertas Antwort , » du hättest nur hören sollen , wie der alte Mann gestern beim Einzug auf die Bündischen schimpfte . Nun - er ist einmal seinem Herzog mit Leib und Seele ergeben , darum mag es ihm hingehen ; aber sobald der Krieg erklärt ist , will er mit ihr abreisen . « Herr Dieterich schien sehr nachdenklich zu werden ; er stützte den Kopf auf die Hand und hörte seiner Muhme schweigend zu . » Und denke « , fuhr diese fort , » da hat sie nun gestern nach dem Einritte der Bündischen so heftig geweint . Du weißt , sie war zwar vorher schon immer ernst und düster , und ich habe sie an manchem Morgen in Tränen gefunden ; aber als habe schon dieser Einzug über das ganze Schicksal des Krieges entschieden , so untröstlich gebärdete sie sich . Ich glaube Ulm liegt ihr nicht so am Herzen , aber ich vermute « , setzte sie geheimnisvoll hinzu , » sie hat eine heimliche Liebe im Herzen . « » Ach freilich , ich habe es ja schon lange gemerkt « , seufzte Herr Dieterich , » aber was kann ich denn davor ? « » Du ? was du davor kannst ? « lachte Berta , auf deren Gesicht bei diesen Worten alle Trauer verschwunden war ; » nein ! du bist nicht schuld an ihrem Schmerz . Sie war schon so , ehe du sie nur mit einem Auge gesehen hast ! « Der ehrliche Ratschreiber war sehr beschämt durch diese Versicherung . Er glaubte in seinem Herzen nicht anders , als der Abschied von ihm , gehe der armen Marie so nahe , und fast schien ihr wehmütiges Bild in seinem wankelmütigen Herzen wieder das Übergewicht zu bekommen . Berta aber ließ nicht ab , ihn mit seiner törichten Vermutung zu höhnen , bis ihm auf einmal der Zweck seines Besuches wieder einfiel , den er während des Gespräches ganz aus den Augen verloren hatte . Sie sprang mit einem Schrei der Freude auf , als ihr der Vetter die Nachricht von dem Abendtanz mitteilte . » Marie , Marie ! « rief sie in hellen Tönen , daß die Gerufene bestürzt und irgendein Unglück ahnend , herbeisprang . » Marie , ein Abendtanz auf dem Rathaus ! « rief ihr die beglückte Berta schon unter der Türe entgegen . Auch diese schien freudig überrascht von dieser Nachricht . » Wann ? kommen die Fremden dazu ? « waren ihre schnellen Fragen , indem ein hohes Rot ihre Wangen färbte , und aus dem ernsten Auge , das die kaum geweinten Tränen nicht verbergen konnte , ein Strahl der Freude drang . Berta und der Vetter waren erstaunt über den schnellen Wechsel von Schmerz und Freude , und der letztere konnte die Bemerkung nicht unterdrücken , daß Marie eine leidenschaftliche Tänzerin sein müsse . Doch wir glauben , er habe sich hierin nicht weniger geirrt als wenn er Georg für einen Weinkenner hielt . Als der Ratschreiber sah , daß er jetzt , wo die Mädchen sich in eine wichtige Beratung über ihren Anzug verwickelten , eine überflüssige Rolle spiele , empfahl er sich , um seinen wichtigeren Geschäften nachzugehen . Er beeilte sich , seine Anordnungen zu treffen , und die hohen Gäste und die angesehensten Häuser zu laden . Überall erschien er als ein Bote des Heils , denn wie die Sage erzählt , ist die Freude am Tanzen nicht erst in unseren Tagen über die Mädchen gekommen . Auch seine Anordnungen waren bald getroffen . Es war noch nicht zum Grundsatz geworden , daß man nur in einer langen Reihe von Zimmern , bei flimmernden Lustres , umgeben von jenen unzähligen , unwesentlichen Dingen , welche die Mode als notwendig preist , fröhlich sein könne . Der Rathaussaal gab hinlänglichen Raum , und die kunstlosen Lampen , die an den Wänden aufgehängt waren , hatten bisher Helle genug verbreitet , die schönen Jungfrauen von Ulm in ihrer Pracht zu sehen . Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen ,