- » Verehrter , Wertgeschätzter ! Ich bin im Begriff , mein Roß zu besteigen und aus dieser Höhle des brüllenden Löwen zu entfliehen . Ich sage Ihnen schriftlich Lebewohl , weil Sie aus der todähnlichen Betäubung , die Sie härter als uns alle befallen hat , nicht zu wecken sind . Daß unser fröhliches Zusammenleben so schauerlich endigen mußte ! Nicht wahr , lieber Zweifler , jetzt haben Sie es ja klar , daß dieser Natas nichts anderes als der leibhaftige Satan war ! Er schaut mir vielleicht in diesem Augenblick über die Schulter und liest , was ich sage , aber dennoch schweige ich nicht . Den armen Ökonomierat und sein Töchterlein , die blasse Trübenau , meine schöne Thingen , den Hauptmann und den Oberforstmeister hat er in seinem Netz . Gott gebe , daß er Sie nicht auch geködert hat . Mich hat er halb und halb , denn ich habe allzu tief eingebissen , in seine mit chemischen Ideen bespickte Angel . Ich reiße mich los und mache , daß ich fortkomme . Adieu Bester ! Montag den 7. Oktober , früh 6 Uhr . « Jetzt kehrten meine Erinnerungen in Scharen zurück . Ja , es war der Teufel , der sein Spiel mit uns gespielt hatte ; es war der Teufel dem es gestern Spaß gemacht hatte , uns zu ängstigen ; es mußten des Teufels Memoiren sein , die ich in der Hand hielt . Wer stand mir aber dafür , daß diese Schriftzüge mir nicht durch die Augen ins Hirn hinaufkrochen und mich wahnsinnig machten ; und konnte ich mich nicht gerade dadurch , daß ich den Dechiffreur und Dekopisten des Satans machte , unbewußt in seine Leibeigenschaft hineinschreiben ? Ich packte die Handschrift in meinen Koffer und reiste dem Professor nach , um ihn um Rat zu fragen . Aber in Worms traf ich keine Spur von irgendeinem der lustigen Gesellschaft in den Drei Reichskronen . Entweder hat sie der Satan eingeholt , und in seinem achtsitzigen Wagen in sein ewiges Reich gehaudert , oder hatte er mich in den April geschickt . Das letztere schien mir wahrscheinlicher . In Worms aber traf ich einen frommen Geistlichen , der an der Domkirche angestellt war . Ich trug ihm meinen Fall vor , und erhielt den Bescheid , ich solle so viele Messen darüber lesen lassen , als das Manuskript Bogen enthalte . Der Rat schien mir nicht übel . Ich reiste in meine Heimat und schickte am nächsten Sonntag den ersten Satans-Bogen in die Kirche . Probatum est ; am Montag fing ich an , zu dechiffrieren , und habe noch nicht das geringste Spukhafte weder an dem Papier noch an mir bemerkt . Von meinen Genossen in Mainz habe ich indessen wenig mehr gehört . Der Professor fährt fort , durch seine Entdeckungen in der Chemie zu glänzen , und ich fürchte , er ist auf dem Wege , dem Satan Gehör zu geben , der ihn zu einem Berzelius machen will . Der Hauptmann soll sich erschossen haben , Frau von Thingen aber , die schöne Witwe , hat , nach einer Anzeige im » Hamburger Correspondenten « , vor nicht gar langer Zeit wieder geheiratet . I Die Studien des Satan auf der berühmten Universität .... en Betrogene Betrüger ! Eure Ringe sind alle drei nicht echt ; der echte Ring vermutlich ging verloren . Lessing , Nathan . III. 7 Fünftes Kapitel Einleitende Bemerkungen Alle Welt schreibt oder liest in dieser Zeit Memoiren ; in den Salons der großen und kleinen Residenzen , in den Ressourcen und Kasinos der Mittelstädte , in den Tabagien und Kneipen der kleien spricht man von Memoiren , urteilt nach Memoiren und erzählt nach Memoiren , ja es könnte scheinen , es sei seit zwölf Jahren nichts Merkwürdiges mehr auf der Erde , als ihre Memoiren . Männer und Frauen ergreifen die Feder , um den Menschen schriftlich darzutun , daß auch sie in einer merkwürdigen Zeit gelebt , daß auch sie sich einst in einer Sonnennähe bewegt haben , die ihrer sonst vielleicht gehaltlosen Person einen Nimbus von Bedeutsamkeit verliehen . Gekrönte Häupter , nicht zufrieden , sich aus ihrer frühern Grandezza , wo sie , wie in der Bilderbibel , mit der Krone auf dem Haupt zu Bette gingen , erhoben zu haben ; nicht zufrieden damit , daß sie auf Kurierreisen Europa von einem Ende bis zum andern durchfliegen , um sich gegenseitig von ihrer Freundschaft versichern , schreiben Memoiren für ihre Völker , erzählen ihnen ihre Schicksale , ihre Reisen . Die Mitwelt ist zur Nachwelt gemacht worden , man hat ihr einen neuen Maßstab , wornach sie die Handlungen richte , in die Hände gegeben es sind die Memoiren . Große Generale , berühmte Marschälle , weit entfernt , das Beispiel jenes Römers nachzuahmen , der in der Muße des Friedens die Taten der Legionen unter seiner Führung der Nachwelt würdig zu überliefern glaubte , wenn er von sich nur immer in der dritten Person spräche , haben den bescheideneren Weg eingeschlagen , sprechen von sich , wie es Männern von solchem Gewichte ziemt als ich , bauen aus ihren Memoiren ein Odeon in verjüngtem Maßstabe , und treten herzhaft vorne auf der Bühne auf . Mit Schlachtstücken im großen Stil dekorieren sie die Kulissen , Staatsmänner und berühmte Damen , die große Armee und ihre lorbeerbekränzten Adler , die ganze Mitwelt stellen sie im Hintergrund als Figuranten auf , sie selbst aber spielen ihre Sulla oder Brutus würdig des unsterblichen Talma . Mundus vult decipi , d.i. die Leute lesen Memoiren ; was hält mich ab , denselben auch ein solches Gericht » Gerngesehen « vorzusetzen ? Man wendet vielleicht ein , » der Schuster bleibe bei seinem Leisten , der Satan hat sich nicht mit Memoirenschreiben abzugeben « . Ei ! wirklich ? Und wenn nun dieser Satan doch einen Beruf hätte , Memoiren in die Welt zu streuen , wenn er doch so viel oder noch mehr gesehen hätte , als jene kriegerischen Diplomaten oder diplomatischen Krieger , welche die Welt mit ihrem literarischen Ruhme anfüllen , nachdem die Bulletins ihrer Siege zu erwähnen aufgehört haben ; wenn nun dieser arme Teufel einen Drang in sich fühlte , auch für einen homo literatus zu gelten ? Ja , ich gestehe es mit Erröten , je länger ich mich in meinem lieben Deutschland umhertreibe , desto unwiderstehlicher reißt es mich hin , zu schriftstellern ; und wenn es den Damen erlaubt ist , die Finger mit Dinte zu beschmutzen , so wird es doch dem Teufel auch noch erlaubt sein ? Und da komme ich auf einen zweiten Punkt ; man sagt vielleicht gegen meine schriftstellerischen Versuche , ich sei kein Literatus , kein Mann vom Gewerbe etc. Aber fürs erste habe ich soeben die Damen , welche , wenn sie noch so gelehrt , doch keine Gelehrte von Profession sind , anzuführen die Ehre gehabt ; sodann berufe ich mich auf jene Söhne des Lagers , die unter Gefahren groß geworden , unter Strapazen ergraut , keine Zeit hatten , Humaniora zu studieren , und dennoch so glänzende Memoiren schreiben ; ich behaupte drittens , daß das Vorurteil , ich sei ein unstudierter Teufel , ganz falsch ist , denn ich bin in optima forma Doktor der Philosophie geworden , wie aus meinen Memoiren zu ersehen , und kann das Diplom schwarz auf weiß aufweisen . Der Erzengel Gabriel , als ich ihn mit dem Plan meine Memoiren auszuarbeiten bekannt machte , warnte mich mit bedenklicher Miene vor den sogenannten Rezensenten . Er gab mir zu verstehen , daß ich übel wegkommen könnte , indem solche niemand schonen , ja sogar neuerdings selbst Doktoren der Theologie in Berlin , Halle und Leipzig hart mitgenommen haben . Ich erwiderte ihm nicht ohne Gelehrsamkeit , daß das Sprichwort » clericus clericum non decimat « füglich auch auf mein Verhältnis zu den Rezensenten angewandt werden könne ; werde ich ja doch schon im Alten Testament satán adversarius , das ist Widersacher genannt , was ganz auch auf jene passe ; den schlagendsten Beweis nehme ich aber aus dem Neuen Testament ; dort werde ich diabolos oder Verleumder genannt , da nun diaballein soviel sei als acerbe recensere , so müsse er , wenn er nur ein wenig Logik habe , den Schluß von selbst ziehen können . Der Erzengel bekam , wie natürlich , nicht wenig Respekt vor meiner Gelehrsamkeit in Sprachen , und meinte selbst , daß es mir auf diese Art nicht fehlen könne . Man wird bei Durchlesung dieser Mitteilungen aus meinen Memoiren vielleicht nicht jenes systematische , ruhige Fortschreiten der Rede finden , das den Werken tiefdenkender Geister so eigen zu sein pflegt . Man wird kürzere und längere Bruchstücke aus meinem Walten und Treiben auf der Erde finden , und den innern Zusammenhang vermissen . Man tadle mich nicht deswegen ; es war ja meine Absicht nicht , ein Gemälde dieser Zeit zu entwerfen , man trifft deren genug in allen soliden Buchhandlungen Deutschlands . Der Memoirenschreiber hat seinen Zweck erreicht , wenn er sich und seine Stellung zu der Zeit , welcher er angehört , darstellt und darüber reflektiert , wenn er Begebenheiten entwickelt , die entweder auf ihn oder die Mitwelt nähere oder entferntere Beziehungen haben , wenn er berühmte Zeitgenossen und seine Verhältnisse zu ihnen dem Auge vorführt . Und diese Forderungen glaube ich in meinen Memoiren erfüllt zu haben , sie sind es wenigstens , die mich bei meiner Arbeit leiteten , die meine Kühnheit vor mir rechtfertigen , vor einem gelehrten Publikum als Schriftsteller aufzutreten.1 Über Persönlichkeit , über berühmte Abstammung oder glänzende Verhältnisse hat der Teufel nichts zu sagen . Was etwa darüber zu sagen sein könnte , habe ich in dem Abschnitt » Besuch bei Goethe « ausgesprochen , und verweise daher den Leser dahin . Fleißige Leser , d.i. solche , die Bogen für Bogen in einer Viertelstunde durchfliegen , mögen daher doch diesen Abschnitt nicht überschlagen , da er sehr zu besserem Verständnis der übrigen eingerichtet ist ; sittsamen und ordentlichen Lesern habe ich hierüber nichts zu sagen , als sie sollen das Buch weglegen , wenn sie sich langweilen . Ehe sein Diener mit dem zweiten Bogen aus der Messe zurückkommt , hat der Unterzeichnete noch Zeit , einige Bemerkungen einzuflicken . Es scheint ihm nämlich , der Satan besitze eine ziemliche Dosis Eitelkeit ; man bemerke nur , wie wichtig er von jenem Abschnitt spricht , worin er über sich einige Bemerkungen macht ; es wäre genug gewesen , wenn er nur angedeutet hätte , daß dies oder jenes darin zu finden sei , aber dem Leser zu empfehlen , er möchte doch den Abschnitt , in welchem jene enthalten sind , nicht überschlagen , ist sehr anmaßend . Sodann die Unordnung , in welcher er alles vorbringt ! Ein anderer , wie z.B. der Herausgeber hätte doch , wenn auch nicht mit dem Taufschein , was nun freilich beim Teufel nicht wohl möglich ist , doch wenigstens mit der Begebenheit angefangen , die der Chronologie nach die erste ist . Ich habe das Manuskript flüchtig durchblättert ( zu lesen , ehe jeder Bogen hinlänglich geweiht , nehme ich mich wohl in acht ) , und fand , daß er mit Ereignissen anfängt , die der ganz neuen Zeit angehören , und nachher in buntem Gemische Menschen und ihre Taten von zehn , zwanzig Jahren her auftreten läßt ; man sieht wohl , daß er keine gute Schule gehabt haben muß . Zu größerer Deutlichkeit , und daß der geneigte Leser trotz dem Teufel wählen kann was er will , habe ich den Inhalt jedem einzelnen Kapitel vorangesetzt . Der Herausgeber Sechstes Kapitel Wie der Satan die Universität bezieht , und welche Bekanntschaften er dort machte Deutschland hat mir von jeher besonders wohl gefallen , und ich gestehe es , es liegt diesem Geständnis ein kleiner Egoismus zugrunde ; man glaubt nämlich dort an mich wie an das Evangelium ; jenen kühnen philosophischen Waghälsen , die auf die Gefahr hin , daß ich sie zu mir nehme , meine Existenz geleugnet und mich zu einem lächerlichen Phantom gemacht haben , ist es noch nicht gelungen , den glücklichen Kindersinn dieses Volkes zu zerstören , in dessen ungetrübter Phantasie ich noch immer schwarz wie ein Mohr , mit Hörnern und Klauen , mit Bocksfüßen und Schweif fortlebe , wie ihre Ahnen mich gekannt haben . Wenn andere Nationen durch die sogenannte Aufklärung so weit hinaufgeschraubt sind , daß sie , ich schweige von einem Gott , sogar an keinen Teufel mehr glauben , so sorgen hier unter diesem Volke sogar meine Erbfeinde , die Theologen , dafür , daß ich im Ansehen bleibe . Hand in Hand mit dem Glauben an die Gottheit schreitet bei ihnen der Glaube an mich , und wie oft habe ich das mir so süße Wort aus ihrem Munde gehört : » Anathema sit , er glaubt an keinen Teufel . « Ich kann mich daher recht ärgern ; daß ich nicht schon früher auf den vernünftigen Gedanken gekommen bin , meine freie Zeit auf einer Universität zu verleben , um dort zu sehen , wie man mich von Semester zu Semester systematisch traktiert . Ich konnte nebenbei noch manches profitieren . Alle Welt ist jetzt zivilisiert , fein , gesittet , belesen , gelehrt . Schon oft , wenn ich einen guten Schnitt zu machen gedachte , fand es sich , daß mir ein guter Schulsack , etwas Philosophie , alte Literatur , ja sogar etwas Medizin fehle ; zwar , als das Magnetisieren aufkam , habe ich auch einen Kursus bei Meßmer genommen , und nachher manche glückliche Kur gemacht . Aber damit ist es heutzutage nicht getan ; daher die elenden Sprichwörter , die in Deutschland kursieren : ein dummer Teufel , ein armer Teufel , ein unwissender Teufel , was offenbar auf meine vernachlässigte wissenschaftliche Bildung hindeuten soll . Es ist noch kein Gelehrter vom Himmel gefallen , und ich bin vom Himmel gefallen , aber nicht als gelehrt ; darum entschloß ich mich , zu studieren , und womöglich es in der Philosophie so weit zu bringen , daß ich ein ganz neues System erfände , wovon ich mir keinen geringen Erfolg versprach . Ich wählte .... en , und zog im Herbst des Jahres 1819 daselbst auf . Ich hatte , wie man sich denken kann , nicht versäumt , mich meinem neuen Stande gemäß zu kostumieren . Mein Name war von Barbe , meine Verhältnisse glänzend , das heißt , ich brachte einen großen Wechsel mit , hatte viel bar Geld , gute Garderobe , und hütete mich wohl , als Neuling , oder wie man sagt , als Fuchs aufzutreten ; sondern ich hatte schon allenthalben studiert , mich in der Welt umgesehen . Kein Wunder , daß ich schon den ersten Abend höfliche Gesellschafter , den nächsten Morgen vertraute Freunde , und am zweiten Abend Brüder auf Leben und Tod am Arm hatte . Man denkt vielleicht , ich übertreibe ? wäre ich Kavalier , so würde ich auf Ehre versichern und Holmichderteufel als Verstärkungspartikel dazusetzen ( denn auf Ehre und Holmichderteufel verhalten sich zueinander wie der Spiritus lenis zum Spiritus asper ) , in meiner Lage kann ich bloß meine Parole als Satan geben . Es waren gute Jungen , die ich da fand . Es begab sich dies aber folgendermaßen : man kann sich denken , daß ich nicht unvorbereitet kam ; wer die deutschen Universitäten nur entfernt kennt , weiß , daß ein an Sprache , Sitte , Kleidung und Denkungsart von der übrigen Welt ganz verschiedenes Volk dort wohnt . Ich las des unsterblichen Herrn von Schmalz Werke über die Universitäten , Sands Aktenstücke , Haupt über Burschenschaften und Landsmannschaften etc. , ward aber noch nicht recht klug daraus , und merkte , daß mir noch manches abging . Der Zufall half mir aus der Not . Ich nahm in F. einen Platz in einer Retourchaise ; mein Gesellschafter war ein alter Student , der seit acht Jahren sich auf die Medizin legte . Er hatte das savoir vivre eines alten Burschen , und ich befliß mich in den sechs Stunden , die ich mit ihm der Musenstadt zufuhr , an ihm meine Rolle zu studieren . Er war ein großer wohlgewachsener Mann von 24 - 25 Jahren , sein Haar war dunkel und mochte früher nach heutiger Mode zugeschnitten sein , hing aber , weil der Studiosus die Kosten scheute , es scheren zu lassen , unordentlich um den Kopf , doch bemühte er sich , solches oft mit fünf Fingern aus der Stirne zu frisieren . Sein Gesicht war schön , besonders Nase und Mund edel und fein geformt , das Auge hatte viel Ausdruck , aber welch sonderbaren Eindruck machte es ; das Gesicht war von der Sonne rotbraun angelaufen ; ein großer Bart wucherte von den Schläfen bis zum Kinn herab , und um die feinen Lippen hing ein vom Bier geröteter Henri quatre . Sein Mienenspiel war schrecklich und lächerlich zugleich , die Augbrauen waren zusammengezogen und bildeten düstere Falten ; das Auge blickte streng und stolz um sich her , und maß jeden Gegenstand mit einer Hoheit , einer Würde , die eines Königsohnes würdig gewesen wäre . Über die unteren Partien des Gesichtes , namentlich über das Kinn konnte ich nicht recht klug werden , denn sie staken tief in der Krawatte . Diesem Kleidungsstück schien der junge Mann bei weitem mehr Sorgfalt gewidmet zu haben , als dem übrigen Anzug ; diese beiläufig einen halben Schuh Höhe messende Binde von schwarzer Seide zog sich , ohne ein Fältchen zu werfen , von dem Kinn inklusive bis auf das Brustbein exklusive , und bildete auf diese Art ein feines Mauerwerk , auf welchem der Kopf ruhte ; seine Kleidung bestand in einem weißgelben Rock , den er » Flaus « , in zärtlichen Augenblicken wohl auch » Gottfried « nannte , und welchem er von Speisen und Getränken mitteilte ; dieser Gottfried Flaus reichte bis eine Spanne über das Knie und schloß sich eng um den ganzen Leib ; auf der Brust war er offen und zeigte , soviel die Krawatte sehen ließ , daß der Herr Studiosus mit Wäsche nicht gut versehen sein müsse . Weite , wellenschlagende Beinkleider von schwarzem Samt schlossen sich an das Oberkleid an ; die Stiefel waren zierlich geformt und dienten ungeheuern Sporen von poliertem Eisen zur Folie . Auf dem Kopfe hatte der Studiosus ein Stückchen rotes Tuch in Form eines umgekehrten Blumenscherben gehängt , das er mit vieler Kunst gegen den Wind zu balancieren wußte ; es sah komisch aus , fast wie wenn man mit einem kleinen Trinkglas ein großes Kohlhaupt bedecken wollte . Ich hatte Zachariäs unsterblichen Renommisten zu gut studiert , um nicht zu wissen , daß , sobald ich mir eine Blöße gegen den Herrn Bruder gebe , sein Respekt vor mir auf ewig verloren sei ; ich merkte ihm daher seine Augenbrauenfalten , sein ernstes , abmessendes Auge , soviel es ging , ab , und hatte die Freude , daß er mich gleich nach der ersten Stunde auffallend vor dem » Philister und dem Florbesen « , auf deutsch einem alten Professor und seiner Tochter , welche unsere übrige Reisegesellschaft ausmachten , auszeichnete . In der zweiten Stunde hatte ich ihm schon gestanden , daß ich in Kiel studiert und mich schon einigemal mit Glück geschlagen habe , und ehe wir nach ..... gen einfuhren , hatte er mir versprochen , eine » fixe Kneipe « das heißt eine anständige Wohnung auszumitteln , wie auch mich unter die Leute zu bringen . Der Herr Studiosus Würger , so hieß mein Gesellschafter , ließ an einem Wirtshaus vor der Stadt anhalten , und lud mich ein , seinem Beispiele zu folgen , und hier auf die Beschwerden der Reise ein Glas zu trinken . Die ganze Fensterreihe des Wirtshauses war mit roten und schwarzen Mützen bedeckt , es war nämlich eine gute Anzahl der Herren Studiosi hier versammelt , um die neuen Ankömmlinge , die gewöhnlich am Anfang des Semesters einzutreffen pflegen , nach gewohnter Weise zu empfangen . Würger , der alte » längst bemooste « Bursche , hatte sich schon unterwegs mit dem Gedanken gekitzelt , daß seine Kameraden uns für » Füchse « halten werden , und wirklich traf seine Vermutung ein . Ein Chorus von wenigstens 30 Bässen scholl von den Fenstern herab , sie sangen ein berühmtes Lied , das anfängt : » Was kommt dort von der Höh ! « Während des Gesanges entstieg mein Gefährte majestätisch der Chaise , und kaum hatte er den Boden berührt , so erhob er sein furchtbares Haupt , und schrie zu den Fenstern empor : » Was schlagt ihr für einen Randal auf , Kamele ! Seht ihr nicht , daß zwei alte Häuser aus diesem Philisterkarren gestiegen kommen ? « ( auf deutsch : lärmt doch nicht so sehr , meine Herren , Sie sehen ja , daß zwei alte Studenten aus dem Wagen steigen . ) Der allgemeine Jubel unterbrach den erhitzten Redner : » Würger ! du altes fideles Haus ! « schrien die Musensöhne , und stürzten die Treppen herab in seine Arme ; die Raucher vergaßen , ihre langen Pfeifen wegzulegen , die Billardspieler hielten noch ihre Queues in der Hand . Sie bildeten eine Leibwache von sonderbarer Bewaffnung um den Angekommenen . Doch der Edelmütige vergaß in seiner Glorie auch meiner nicht , der ich bescheiden auf der Seite stand , er stellte mich den ältesten und angesehensten Männern der Gesellschaft vor , und ich wurde mit herzlichem Handschlag von ihnen begrüßt . Man führte uns in wildem Tumult die Treppe hinan , man setzte mich zwischen zwei bemooste Häuser an den Ehrenplatz , gab mir ein großes Paßglas voll Bier und ein Fuchs mußte dem neuen Ankömmling seine Pfeife abtreten . So war ich denn in ..... en als Student eingeführt , und ich gestehe , es gefiel mir so übel nicht unter diesem Völkchen . Es herrschte ein offener , zutraulicher Ton , man brauchte sich nicht in den Fesseln der Konvenienz , die gewiß dem Teufel am lästigsten sind , umherzuschleppen , man sprach und dachte , wie es einem gerade gefiel . Wenn man bedenkt , daß ich gerade im Herbst 1819 dorthin kam , so wird man sich nicht wundern , daß ich mich von Anfang gar nicht recht in die Konversation zu finden wußte . Denn einmal machten mir jene Kunstwörter ( termini technici ) von welchen ich oben schon eine kleine Probe gegeben habe , viel zu schaffen ; ich verwechselte oft » Sau , « das Glück , mit » Pech « , was Unglück bedeutet , wie auch » holzen « , mit einem Stock schlagen , mit » pauken « , mit andern Waffen sich schlagen . Aber auch etwas anderes fiel mir schwer ; wenn nämlich nicht von Hunden , Paukereien , Besen oder dergleichen gesprochen wurde , so fiel man hinter dem Bierglas in ungemein transzendentale Untersuchungen , von welchen ich anfangs wenig oder gar nichts verstand , ich merkte mir aber die Hauptworte , welche vorkamen , und wenn ich auch in die Konversation gezogen wurde , so antwortete ich mit ernster Miene » Freiheit , Vaterland , Deutschtum , Volkstümlichkeit . « Da ich nun überdies ein großer Turner war , und eigentlich » teufelmäßige « Sprünge machen konnte , da ich mir überdies nach und nach ein langes Haar wachsen ließ , solches fein scheitelte und kämmte , einen zierlich ausgeschnittenen Kragen über den deutschen Rock herauslegte , mich auch auf die Klinge nicht übel verstand , so war es kein Wunder , daß ich bald in großes Ansehen unter diesem Volke kam . Ich benutzte diesen Einfluß soviel als möglich , um die Leute nach meinen Ansichten zu leiten und zu erziehen , und sie » für die Welt zu gewinnen « . Es hatte sich nämlich unter einem großen Teil meiner Kommilitonen ein gewisser frömmelnder Ton eingeschlichen , der mir nun gar nicht behagte und nach meiner Meinung sich auch nicht für junge Leute schickte . Wenn ich an die jungen Herrn in London und Paris , in Berlin , Wien , Frankfurt etc. dachte , an die vergnügten Stunden , die ich in ihrem Kreise zubrachte , wenn ich diese Leute dagegenhielt , die ich ihren schönen hohen Wuchs , ihre kräftigen Arme , ihren gesunden Verstand , ihre nicht geringen Kenntnisse nur auf dem Turnplatz , nicht im Tanzsaal , nur zu überschwenglichen Ideen und Idealen , nicht zu lebhaftem Witz , zu feinem Spott , der das Leben würzt und aufregt , anwenden sah , wenn ich sie , statt schönen Mädchen nachzufliegen , in die Kirche schleichen sah , um einen ihrer orthodoxen Professoren anzuhören , so konnte ich ein widriges Gefühl in mir nicht unterdrücken . Sobald ich daher festen Fuß gefaßt hatte , zog ich einige lustige Brüder an mich , lehrte sie neue Kartenspiele , sang ihnen ergötzliche Lieder vor , wußte sie durch Witz und dergleichen so zu unterhalten , daß sich bald mehrere anschlossen . Jetzt machte ich kühnere Angriffe . Ich stellte mich sonntags mit meinen Gesellen vor die Kirchtüre , musterte mit geübtem Auge die vorübergehenden Damen , zog dann , wenn die Schäflein innen waren , und der Küster den Stall zumachte , mit den Meinigen in ein Wirtshaus der Kirche gegenüber , und bot alles auf , die Gäste besser zu unterhalten , als der Dr. N. oder der Professor N. in der Kirche seine Zuhörer . Ehe drei Wochen vergingen , hatte ich die größere Partie auf meiner Seite . Die Frömmeren schrieen von Anfang über den rohen Geist , der einreiße ; gaben zu bemerken , daß wir christliche Bursche seien ; aber es half nichts , meine Persiflagen hatten so gute Wirkung getan , daß sie sich am Ende selbst schämten , in der Kirche gesehen zu werden , und es gehörte zum guten Ton , jeden Sonntag vor der Kirchtür zu sein , aber bis hieher und nicht weiter . Die Wirtshäuser waren gefüllter als je , es wurde viel getrunken , ja es riß die Sitte ein , Wettkämpfe im Trinken zu halten und , man wird es kaum glauben , es gab sogar eigentliche Kunsttrinker ! Es predigte zwar mancher gegen das einreißende Verderben , aber die Altdeutschen trösteten sich damit , daß ihre » Altvordern « auch durch Trinken exzelliert haben ; die Frömmsten ließen sich große Humpen verfertigen und zwangen und mühten sich so lange , bis sie wie Götz von Berlichingen , oder gar wie Hermann der Cherusker schlucken konnten . Den Feineren , Gebildeteren war es natürlich vom Anfang auch ein Greuel , ich verwies sie aber auf eine Stelle bei Jean Paul . Er sagt nämlich in seinem unübertrefflichen » Quintus Fixlein « : » Jerusalem bemerkt schön , daß die Barbarei , die oft hart hinter dem schönsten , buntesten Flor der Wissenschaften aufsteigt , eine Art von stärkendem Schlammbad sei , um die Überfeinerung abzuwenden , mit der jener Flor bedrohe ; ich glaube , daß einer , der erwägt , wie weit die Wissenschaften bei einem Studierenden steigen , dem Musensohne ein gewisses barbarisches Mittelalter - das sogenannte Burschenleben - gönnen werde , das ihn wieder so stählt , daß die Verfeinerung nicht über die Grenze geht . « Wenn ein Meister , wie Jean Paul , dem ich hiemit für diese Stelle meinen herzlichen Dank öffentlich sage , also sich ausspricht , was konnten die Kleinmeister und Jünger dagegen ? Sie setzten sich auch in die schwarzgerauchte Kneipe , » verschlammten « sich recht tüchtig in dem » barbarischen Mittelalter « , und hatten kraft ihres inwohnenden Genies meine älteren Zöglinge bald überholt . Siebentes Kapitel Satan besucht die Kollegien , was er darin lernte Indessen ich auf die beschriebene Weise praktisch lebte und leben machte , vergaß ich auch das » dic cur hic « nicht , und legte mich mit Ernst aufs Theoretische . Ich hörte die Philosophen und Theologen , und hospitierte nicht unfleißig bei den Juristen und Medizinern . Ich hatte , um zuerst über die Philosophen zu reden , von einem der hellsten Lichter jener Universität , wenn in der Ferne von ihm die Rede war , oft sagen hören , der Kerl hat den Teufel im Leib . Eine solche geheimnisvolle Tiefe , wollte man behaupten , solche überschwengliche Gedanken , solche Gedrungenheit des Stils , eine so hinreißende Beredsamkeit sei noch nicht gefunden worden in Israel . Ich habe ihn gehört und verwahre mich feierlich vor jenem Urteil , als ob ich in ihm gesessen wäre . Ich habe schon viel ausgestanden in der Welt , ich bin sogar Ev . Matthäi am VIII. 31 u. 32 in die Säue gefahren , aber in einen solchen Philosophen ? - Nein , da wollte ich mich doch bedankt haben . Was der gute Mann in seinem schläfrigen unangenehmen Ton vorbrachte , war für seine Zuhörer so gut als Französisch für einen Eskimo . Man mußte alles gehörig ins Deutsche übersetzen , ehe man darüber ins klare kam , daß er ebensowenig fliegen könne , wie ein anderer Mensch auch . Er aber machte sich groß , weil er aus seinen Schlüssen sich eine himmelhohe Jakobsleiter gezimmert und solche mit mystischem Firnis angepinselt hatte ; auf dieser kletterte er nun zum blauen Äther hinan , versprach aus seiner Sonnenhöhe herabzurufen , was er geschaut habe , er stieg und stieg , bis er den Kopf durch die Wolken stieß , blickte hinein in das reine Blau des Himmels , das sich auf dem grünen Grasboden noch viel hübscher ausnimmt , als oben , und