verhalten . « » Ist der Vater lange tod ? « fragte die Tante wieder , mit sichtbarem Antheil . » Seit drei Jahren ungefähr , « erwiederte Herr Müller . » Der alte Holm soll aber übrigens ein recht grundgelehrter Mann gewesen sein , « sezte er hinzu , » sehr bewandert in der Mathematik und in fremden Sprachen , auch soll er ein Lexicon oder so etwas im Druck herausgegeben haben . Nun , der Sohn artet dem Vater nach , man sagt , er habe auf der Universität seine Zeit sehr gewissenhaft angewendet . Das wird ihm denn nun auch freilich in seinem jetzigen Stande recht gut zu statten kommen , denn in unsern Tagen kann der Kaufmann nie zu viel wissen , und das Gelehrtsein , oder wenigstens Gelehrtthun ist unter unsern jungen Herrn obendrein Mode . « » Der junge Mann war also nicht von jeher zum Kaufmann bestimmt ? « fragte die Tante mit steigendem Interesse . » Ei was wollte er ! « erwiederte der Buchhalter , » nein Ihro Gnaden , der junge Holm ist Doctor Juris , er hat ordentlich studirt . Erst vor kaum anderthalb Jahren hat er umgesattelt , und was das sonderbarste ist , niemand hat früher die mindeste Neigung zum Kaufmannsstande an ihm bemerkt , das ist so ganz mit einemmal von selbst gekommen . Aber da sieht man recht , wie der Mensch alles kann , was er ernstlich will . Vor zwei Jahren wußte der junge Holm noch keinen Kurs zu berechnen , nicht einmal einen Wechsel ordentlich auszustellen , von Waarenkenntnis war bei ihm vollends gar nicht die Rede , und jezt ist er der Herren Fischer et Compagnie rechte Hand . Geben Ihro Gnaden nur Acht , der macht gewis noch sein Glück in der Welt . « Die Tante , in immer tieferes Nachdenken versinkend , schien auf die lezten Worte des freundlichen Greises kaum zu hören , weshalb dieser denn auch mit gewohnter Ehrerbietung stille schwieg , bis sie , wie aus einem Traume erwachend , die Bemerkung hinwarf , daß der junge Holm doch wohl öfters an den Gesellschaften hier im Hause Antheil nehmen müsse , da ihn die Ereignisse in demselben so zu interessiren schienen . » Ins Komtoir kommt er zwar oft in Geschäften , seit er den Kaufmannsstand erwählt hat , « erwiederte Herr Müller , » sonst aber nie ins Haus , daß ich wüßte , ausser ein paarmal bei Konzerten , denn er singt einen herrlichen Tenor . Daß er sich aber so fleissig nach der Gesundheit unsers Fräuleins erkundigt , ist dennoch ganz natürlich , da er sie doch einigermassen kennt , die halbe Stadt thut ja dasselbe . Sehen , Ihro Gnaden , hier liegt der Zettel , mit den Namen derer , die nur diesen Morgen nachgefragt haben . Zwei volle Bogen , man kann die Hälfte kaum lesen , denn die Bedienten schreiben meistens so schlecht , daß es eine Schande ist . Aber hier sind doch einige zierliche Handschriften , denn die jungen Herren haben fast alle eigenhändig ihre Namen angeschrieben , weil sie gewöhnlich selbst kommen , sich nach des Fräuleins Befinden zu erkundigen . Sehen Ihro Gnaden , Sir Robert Beverley , John Simpson Esquire , Comte de Beauchamp , Graf Nordhausen , Baron Engeström , lauter Fremde die an uns addressirt sind . « Angelikas blondes Lockenköpfchen , das diese , über dem langen Ausbleiben der Tante besorgt , zur Thüre herein steckte , machte jezt der Unterhaltung ein Ende . Anna begab sich zu Vicktorinen , sie fand diese auf ihrem Sopha , von einer Schaar junger , sie besuchender Mädchen umlagert , unter denen auch Babet und Agathe nicht fehlten . Alle sprachen zugleich , denn es war von gar interessanten Gegenständen die Rede , denen aber die Tante keinen Antheil abzugewinnen wußte . Sie sezte sich daher in ihren Lehnstuhl in der fernsten Ecke des Zimmers . Ihre Gedanken flogen zurück in eine längst dahin geschwundene Vergangenheit , deren Abglanz in diesem Augenblick in ungewohnter Klarheit sie umschwebte . So zaubert ein einziger heller Sonnenblick uns oft mitten im Winter den Frühling mit allen seinen längst in Staub versunknen Blüthen herbei . Anna gab dem schmerzlich-schönen Traume mit ganzer Seele sich hin ; sie forschte nicht weiter , was gerade jezt ihn herbeigerufen haben könne ? sie versank immer tiefer in sich selbst , und achtete wenig auf das , was in dem jugendlichen Kreise , in ihrer Nähe laut genug abgehandelt ward . Die Mädchen zählten indessen die Bälle , welche sie in den nächsten Wochen zu hoffen hatten , und jezt waren die Tänzer an der Reihe . » Mit denen sieht es windig aus , « seufzte Babet , » wenn nicht etwa der Himmel ein Einsehen hat und frische Zufuhr uns einsendet . « » Leider ja , « stimmte Amelie , die Tochter des benachbarten Obristen , in diese Klage ein , Theodor geht morgen fort , und auch Baron Sillborn reist nach Wien . « » Und Lieutenant Horsten hat nur noch vierzehn Tage Urlaub , « rief Lilli dazwischen . So währte das Herüber und Hinübersprechen noch eine feine Weile fort , der Gegenstand des Gesprächs beschäftigte alle , so daß keine dabei auf Vicktorinen Acht gab , bis die eben ins Zimmer tretende Angelika durch einen Schrei des Entsezens sie darauf aufmerksam machte , daß die Arme bleich und starr gleich einer Todten in ihre Kißen zurück gesunken dalag . Der Aufruhr , der jezt entstand , ist nicht zu beschreiben . Die Mädchen liefen vor Angst wie sinnlos durch einander , der Schellenzug riß von dem gewaltigen Sturmläuten ; laut schreiend , » bon Dieu ! qu ' est il donc arrivé à ma pauvre petite , « stürzte die Bonne herein , und dieser folgte , zum Glück bald , der schnell herbeigerufne Arzt . Vicktorinens bewußtloser Zustand , den die vielen , ohne Wahl und Zweck angewandten Mittel nur verschlimmerten , ohne daß die vor Schrecken selbst halb todte Tante dem Unheil hatte steuern können , wich endlich seinen vernünftigern Anordnungen . Jezt aber hob der wackre Mann auch eine tüchtige Strafpredigt an , während welcher sich indessen die fremden Mädchen ganz in der Stille fortschlichen ; er schrieb Vicktorinens Zufall einzig dem lärmenden Besuche zu , und empfahl nochmals die ungestörteste Ruhe und Stille in der Nähe der Kranken . Babet und Agathe wurden gänzlich aus dem Zimmer derselben verbannt , jeder fremde Besuch hoch verpönt , und nur Angelika , für deren stilles Betragen sich die Tante verbürgte , erhielt die Erlaubnis nach wie vor die Sorge für Vicktorinens Pflege mit ihrer geliebten Wohlthäterin zu theilen . Es war schon später Abend , und die Tante saß ganz allein an Vicktorinens Bette , als diese aus ihrem unruhigen Schlummer auffahrend , die Vorhänge zurückschlug , und mit ängstlicher Hast im ganzen Zimmer umher sah . » Tante ! « flüsterte sie leise und beklommen , » Tante , sind wir allein ? werden wir es bleiben ? « Die Tante versicherte sie dessen , und bat sie , nur ruhig sich zu verhalten . » Ruhig ! ruhig ! « erwiederte Vicktorine mit ungewohnter Heftigkeit , » gebieten sie doch auch dem Sturm , der eben heulend das Haus umtobt , daß er ruhig sei , oder dem Meere , oder der Flamme , die verzehrend wüthet . « » Kind , geliebtes Kind , « unterbrach die Tante sie » du richtest dich und mich und uns alle zu Grunde , wenn du so fortfährst ! komm , sei mein gutes Mädchen , lege dich wieder , sei geduldig und ich verspreche dir - - « » Was ? - « rief Vicktorine » was können sie mir versprechen für mein Leben , Tante , für die Ruhe meines Lebens , für all ' mein Glück auf Erden , und vielleicht auch dort ! Nein Sie müssen mich hören , Sie müssen jezt mich hören , in dieser Minute , wenn Sie mich nicht wollen wahnsinnig werden lassen . Sie werden mich hören , Sie werden mich retten , denn Sie sind ja die einzige Schwester meiner lieben , lieben Mutter ! « Schwer und einzeln rollten große Thränen aus Vicktorinens weit offnen starren Augen über die glühenden Wangen , auf die krampfhaft zitternde Brust hinab , die Tante hielt schmeichelnd sie umfaßt und bat sie in den zärtlichsten Worten nur jetzt sich zu schonen . » Ich will dich ja hören , ich will ja alles thun , ich will dich retten , dir helfen , für dich nur leben « sprach sie , » ich bin ja nur deinetwegen hier , aber halte dich jezt nur ruhig , damit du Kräfte gewinnst , späterhin , Morgen vielleicht « - - » Späterhin ist zu spät , « rief Vicktorine mit immer steigender Heftigkeit » späterhin , wenn alles vorüber ist , was für Trost , was für Hülfe können Sie mir dann gewähren , wenn Gott selbst das Geschehene nicht mehr ungeschehen machen kann . Nein jezt , jezt in dieser Stunde . « Vergebens suchte die Tante durch Erinnerung an das Verbot des Arztes sie zum Schweigen , zur Schonung ihrer Kräfte , zu bewegen . » Was weis der Arzt , der überkluge Thor ! was wissen sie Alle , « rief Vicktorine , » Sie sehen es ja Tante , sie müssen es sehen , ich habe Kraft , aber Schweigen in dieser Stunde vernichtet mich ; diese gränzenlose Angst kann ich nicht verschliessen , sie zersprengt mir die Brust ; Sie müssen mich hören , wenn Sie vom Untergange mich retten wollen . « Vicktorinens immer heißeres Bitten , die zunehmende Fieberglut , die aus ihren Augen blizte , bewogen endlich die Tante , sich mit ihr auf Bedingungen einzulassen , um sie nur einigermassen zu beruhigen . » So sprich denn , meine Vicktorine , « bat sie schmeichelnd , » sage mir , was ich in diesem Augenblick thun soll um dich zu beruhigen . Ich will es vollbringen , wenn es zu vollbringen ist , doch was ich nicht jezt gleich wissen muß , das spare für eine bessre Stunde auf , wenn du ruhiger , kräftiger bist , nur unter dieser Bedingung will ich es wagen , des Arztes Gebot zu überschreiten und dich reden zu lassen . « » Wohlan denn , « rief Vicktorine , » lassen Sie den alten Müller herauf kommen , hier herauf , ins Nebenzimmer dort , und die Thüre muß offen stehen , und flüstern Sie nicht etwa mit ihm , ich muß alles hören , jedes Wort , das Sie miteinander sprechen ; ich will nicht getäuscht sein . « » Was denn Vicktorine , was willst du wissen ? « fragte die Tante . » Ob er nach Odessa geht , o Gott ! o Gott ! er ist vielleicht schon fort ! « rief laut jammernd Vicktorine . Die Tante erschrack heftig , denn sie glaubte jezt in der That , zum wenigsten eine in fieberhaften Träumen Verlorne vor sich zu haben . » So besinne dich doch , so fasse dich doch , Liebe , « redete sie Vicktorinen begütigend zu ; » was willst du mit Odessa ? was soll der gute alte Müller dort ? « - » Wer spricht von dem ! « rief zürnend Vicktorine , » Raimund , Tante , Raimund Holm geht nach Odessa , ist vielleicht schon dort ! hörten Sie es denn nicht ? Es klang doch so laut ! so furchtbar ! mir war , als ob die Decke des Zimmers sich in dem Momente zusammen brechend über mich herabsenkte , und Sie hörten es nicht ? Luzie sprach es aus , als die Mädchen ihre Tänzer aufzählten ; » der beste von allen , « sprach sie , » Holm geht heut oder morgen nach Odessa ab . « Die Tante blickte jezt mit unbeschreiblicher Wehmuth auf das arme Mädchen hin , das in wilder Angst sie anstarrte , dann das Gesicht verhüllend , » er ist fort ! er ist fort ! auf ewig fort ! « in herzzerschneidenden Klagetönen wimmerte . » Holm ist nicht fort , « sprach jezt die Tante , nachdem sie mühsam ihre gewohnte heitre Fassung wieder errungen hatte , » ich habe ihn kurz vor deiner Ohnmacht heut Vormittags gesehen , als er bei Müllern sich nach deinem Befinden erkundigte . Der gute Alte hat mich nachher lange von ihm unterhalten , von seinen lobenswerthen Eigenschaften , von seinen Aussichten in die Zukunft . Odessa ward dabei gar nicht erwähnt und Müller hätte nicht davon geschwiegen , wenn die ganze Reise nicht ein Mährchen wäre . Wer wird auch in dieser Jahreszeit , bei einbrechendem Winter nur daran denken so etwas zu unternehmen ! « Vicktorine richtete sich im Bette auf , sie sah der Tante lange und forschend ins Gesicht , dann ergriff sie ihre Hände und drückte sie fest an ihr hörbar klopfendes Herz , an ihre heissen Augen , sie bewegte die zitternden Lippen , aber , von ihrem Gefühl überwältigt , vermochte sie es nicht , nur einen Laut hervor zu bringen . » Du liebes Ebenbild meiner Schwester , « sprach die Tante sehr bewegt , » du sollst mich immer nicht nur mild und theilnehmend , sondern auch wahr finden . Armes , armes , Kind ! Beruhige dich für jezt , ich will es auch . Wir wollen Kräfte sammeln , denn wir werden beide sie brauchen . « » Ich weis es Tante , « erwiederte ihr die jezt zwar minder heftige , aber doch noch immer sehr aufgeregte Vicktorine , » ich weis es . Auch was Ihnen selbst vielleicht noch unbekannt blieb , ist mir es nicht mehr , denn ich weis , warum man Sie , gerade Sie zu mir gerufen hat . Ich kenne Sie nur wenig , liebe Tante , doch weit ich mehr , als ich es sagen kann , mich hingezogen fühle , Sie gleich einer zweiten Mutter zu ehren und zu lieben , so wage ich es , Sie , bittend , zu warnen . Unternehmen Sie es nicht , zu versuchen , was man von Ihnen fordern wird , denn , ich sage es Ihnen im voraus , Sie und mein Vater können zwar das Herz mir brechen , aber nie mich verleiten , der treuen , alles opfernden Liebe unwürdig zu lohnen . Wollen Sie mir nicht glauben , meine Bitte nicht erfüllen , nun wohlan , dann versuchen Sie Ihre Ueberredungskünste , die ganze wunderbare Macht , die Ihnen gegeben ward über die Gemüther Anderer zu herrschen . Mich sollen Sie standhaft finden , nie sollen Sie mich verleiten , die Stimme zu ersticken , die in mir laut über Recht und Unrecht entscheidet . Die Tante erwiederte der noch immer unnatürlich Aufgeregten nur wenig , und in den mildesten Ausdrücken , und so gelang es ihr endlich , sie nach und nach einigermassen zu besänftigen . Was ihr indessen Vicktorine an diesem Abend und in den nächst folgenden Tagen nur stückweise , oft von Gefühlsergiessungen der Erzählerin , zuweilen von Gegenbemerkungen der Tante unterbrochen , mittheilen konnte , findet der Leser im folgenden Abschnitt in zusammenhängender Form . Raimund Holm war der Sohn eines Mannes dem wohl anzusehen war , daß während eines nicht sehr langen Lebens die Welt ihm oft und vielfach wehe gethan haben mochte . Mehr noch als sein früh ergrautes Haar und seine augenscheinlich , durch langen und herben Gram verdüsterten Züge , bezeigte dies die tiefe Abgeschiedenheit , welche er mit einer Art Aengstlichkeit aufsuchte , und die Scheu , mit der er alles floh , was nur von ferne dahin abzwecken konnte , ihn aus seiner Verborgenheit ans Licht zu ziehen . Der Vielerfahrne kannte das Leben zu gut , um nicht zu wissen , daß man in einer grossen volkreichen Stadt weit unbemerkter und einsamer nach eigenem Plane sein Dasein hinbringen kann , als in einem kleinen Orte , oder selbst auf dem Lande . Denn in Städtchen und Dörfern zieht jeder neue Ankömmling die Aufmerksamkeit der Nachbarn auf sich , und jeder gilt für einen bemerkenswerthen Sonderling , der nicht genau so leben mag , wie alle Uebrige um ihn her . Raimunds Vater wählte deshalb lieber eine grosse berühmte Handelsstadt zu seinem Wohnorte , wo er einige zwanzig Jahre hindurch bis an seinen Tod , ein von aller Gesellschaft , fast von aller Bekanntschaft abgesondertes Leben führte , gleich weit entfernt von Dürftigkeit und Ueberfluß . Seine feinern Sitten und Lebensgewohnheiten , eine gewisse Eleganz in seinem Aeussern , - die niemand , auch in der tiefsten Einsamkeit ablegen kann , der sie von Jugend auf sich aneignete , - verriethen indessen , daß er die Welt kannte die er floh , und daß er sogar in ihrem Umgange seine erste Bildung erhalten haben mußte . Durch frühe Gewöhnung theilte er auch seinem Sohn diese Eigenschaften mit , und gab ihm dadurch gewissermassen einen Freibrief für den künftigen Eintritt in die Gesellschaft , den viele entbehren , die in der Einsamkeit aufwuchsen , und dessen Mangel dennoch , selbst bei sonst ausgezeichneten und hochbegabten Menschen , die in dieser Hinsicht meistens unerbittliche Welt selten zu übersehen pflegt . Des Knaben Erziehung , den er als ganz unmündiges Kind mit sich gebracht hatte , war das einzige Geschäft des Vaters ; Kunst und Litteratur die Freude und der Schmuck seines Lebens . Raimund wuchs heran , unter fröhlichen muthigen Spielgesellen der fröhlichste und muthigste von allen , denn sein Vater , der kein Glück der Jugend ihn entbehren lassen mochte , versäumte es nicht , neben dem häuslichen Unterrichte , den er ihm selbst ertheilte , ihn auch die öffentliche Schule besuchen zu lassen . Ueberhaupt war er weit entfernt von dem Gedanken , seinen Sohn nur für ein kontemplatives Leben , in steter Entfernung von der Welt , erziehen zu wollen , obgleich er ein solches am früh einbrechenden Abend seines Lebens für sich selbst erwählt hatte . Er wünschte vielmehr ein nützliches und thätiges Mitglied der Gesellschaft aus ihm zu bilden . Denn wie man erst nach vollbrachter Arbeit den vollen Genuß der Ruhe lernen kann , so lernt man auch nur nach langem Treiben im Gewirre der Welt den hohen Werth der Einsamkeit erst recht empfinden . Dies wußte Raimunds Vater aus eigner Erfahrung . Des Knaben beglückte Kindheit zog , gleich einem Frühlingstraum , an ihm vorüber und unvermerkt kam so die Zeit herbei , in welcher er zum erstenmale seinen Vater verlassen sollte , um die Universität zu beziehen . Nichts stellt den Jüngling am Anfang seines ersten Ausflugs in die Welt so fest , so sicher , so kräftig in diese hin , als die frühere Erziehung an der Seite eines edlen , durch Geist und Gemüth ausgezeichneten Vaters , der , ohne berühmt zu sein , dennoch durch Lehre und Beispiel ihm stets gegenwärtig bleibt , und zu dessen Bilde er sich flüchtet , wenn er im Gedränge der ihm neuen Verhältnisse des Lebens Rath und Hülfe bedarf . Ein durch den Vater berühmt gewordner Name ist hingegen beim ersten Eintritte in die Welt wohl eher ein Hindernis zu nennen , denn diese hängt stets am Klange des Worts . Und so wie der schuldlose Sohn eines als unwürdig bekannten Mannes , unerachtet seines eignen Werths und seiner Unschuld , dennoch stets mit tausend Vorurtheilen und Widerwärtigkeiten zu kämpfen hat , die einzig um seines Namens willen sich überall ihm entgegen stellen , so tritt auch dem , der sein Leben einem grossen berühmten Vater verdankt , ein Vorurtheil andrer Art in den Weg . Man verlangt von einem solchen , daß er besser und geistreicher sei , als alle andere seines Gleichen , und zwingt dadurch oft eine gewisse Unsicherheit in sein Wesen hinein , die ihm , mit einem andern Namen geboren , stets ferne geblieben wäre . Raimund hatte das Glück , auch in dieser Hinsicht ganz frei und ungehindert da zu stehen . Mit der von seinem Vater ihm mitgetheilten Ruhe alter Erfahrung zog er in blühender rüstiger Jugend aus , ein reiner Jüngling an Seele und Leib , und kehrte zur bestimmten Zeit eben so ins Vaterhaus wieder zurück . Im klaren Bewußtsein seines Zwecks hatte er die Universitätsjahre wohl angewendet , doch der Rath seines Vaters bewog ihn , sich einstweilen noch ernstlicher auf das thätige Leben vorzubereiten , theils durch stille Fortsetzung seines Strebens in wissenschaftlicher Hinsicht , theils indem er mit der geselligen Welt sich näher bekannt zu machen suchte , ehe er es wagte , in ihr als Geschäftsmann öffentlich aufzutreten . Er knüpfte auf den Rath seines Vaters manche erfreuliche Bekanntschaft in der Stadt an , besuchte Gesellschaften , Bälle , das Theater , kehrte aber jeden Abend mit gewohnter Liebe und Treue zu seinem Vater zurück . So strebte er , dessen kränkelndes Alter durch Erzählungen aus jenem bunten Treiben zu erheitern , das der Greis seit mehr als fünf und zwanzig Jahren nicht mehr sah , und das er dennoch in den Beschreibungen des Jünglings als wenig verändert wieder erkannte . Anfangs schien es , als ob Raimunds Vater in diesem genußreichen Beisammenleben mit seinem Sohne gewissermassen begönne , neue Jugendkraft wieder zu gewinnen ; doch leider war dieser freudenverkündende Schein nur das lezte Aufflackern der Lampe vor dem völligen Erlöschen . Die längst in den Stürmen des Lebens erschöpften Kräfte brachen in dieser heitern Stille bald gänzlich zusammen , und Raimund blieb verwaiset und verlassen am Grabe seines Vaters zurück , ehe noch das zu seiner völligen Ausbildung bestimmte Jahr vorüber war . Dieser Verlust hatte in Raimunds äussrer Lage nichts verändert , denn bei gewohnter Mässigkeit sicherte ihm das hinterlassne väterliche Vermögen zwar keine glänzende , aber dennoch eine völlig unabhängige Existenz . Dagegen fühlte er in seinem Innern nun die schmerzlichste Oede . Er hatte für niemanden mehr zu sorgen , niemanden mehr zu erfreuen , keinen einzigen Vertrauten seiner Gedanken und Empfindungen . Und gerade in jener weichen sehnsüchtigen Stimmung , in die uns ein Verlust , wie der seine , so leicht versezt , und der wir so gern nachgeben , trat Vicktorinens glänzend schöne Erscheinung zuerst ihm entgegen . Der berühmteste Musicklehrer der Stadt hatte nach Zelters preiswürdigem Beispiel einen Singverein errichtet , der sich wöchentlich ein paarmal versammlete , und in dem fast alle , die sich dazu eigneten , eifrig Theil nahmen . Raimund , dessen schöne Tenor-Stimme dem Stifter der Gesellschaft längst bekannt war , durfte nicht dabei fehlen , und auch Vicktorine behauptete mit Necht den Rang der ersten Sängerin unter den Damen . Daß der erste Tenor und der erste Sopran durch ihr Talent einander näher gebracht wurden , war wohl ganz natürlich ; es fehlte Beiden nicht an Anlässen , sich gegenseitig , auch über andere als blos musikalische Gegenstände auszusprechen , und dabei den inneren Reichthum ihres Geistes vor einander zu entfalten . Raimund hatte schon früher Vicktorinen zuweilen gesehen und ihre seltene Schönheit bewundert , doch der im Kleebornschen Hause herrschende grosse Ton hielt bis dahin den stolzbescheidenen Jüngling davon ab , Zutritt in demselben zu suchen . Und auch jezt , bei näherer Bekanntschaft mit Vicktorinen , vermied er es noch immer , den Schein von Zudringlichkeit dadurch auf sich fallen zu lassen , obgleich Vicktorinens jugendlich schöne Gestalt , der dunkle Feuerstrahl ihrer Augen ihm öfter als sonst in wachen Träumen vorschwebte , und der seelenvolle Ton ihrer hellen , glockenreinen Stimme hallte immer noch lange in seiner tiefsten Brust wieder , wenn er schon längst den Singverein verlassen hatte . Ein glänzender Ball , zu dem auch Raimund geladen war , bot diesem indessen einige Zeit nach Errichtung des Singvereins Gelegenheit , Vicktorinen zum erstenmal im vollen Glanze zu erblicken . Schon bei ihrem Eintritte in den Saal hörte er jenes leise Flüstern der Bewunderung , den höchsten Triumph der Schönheit , ihr entgegen rauschen , so wie die Wipfel des Waldes sich flüsternd regen wenn die Sonne aufgehen will . Dieser schmeichelhafte Ton begleitete sie durch die lange Reihe der größtentheils schon versammelten Gesellschaft , so wie sie durch den Saal hingieng und verkündete in ihr schon im Voraus die Königin des Festes . Raimunds Blick hieng unabwendbar an ihr und belauschte jede ihrer Bewegungen . Noch nie war ihm ein weibliches Wesen von so blendendem Reitze erschienen ; ja er glaubte Vicktorinen selbst so zauberisch schön noch nie gesehen zu haben . Ihr sehr reicher Anzug trug , bei aller darin herrschender Pracht , dennoch das Gepräge edler kunstloser Einfachheit . Jugendliche Freude leuchtete aus ihren Augen , aus dem süssen Lächeln des lieblichen Mundes und verschönte sie unbeschreiblich . So stand sie in höchster Unbefangenheit da , mitten im dichten Kreise ihrer Bewunderer , lachte mit Diesem , scherzte mit Jenem , und betrug sich völlig wie Jemand welcher der Huldigungen zu gewohnt ist , um darauf noch grossen Werth legen zu können . Alle , die sich durch nähere Bekanntschaft nur einigermassen dazu berechtiget glaubten , drängten sich in ihre Nähe ; die elegantesten jungen Herren nahten sich ihr ehrerbietig , als wäre sie eine Fürstin , um einen Tanz von ihr zu erbitten , und jeder beneidete den Glücklichen , dem sie einen zusagte . Sogar die andern Mädchen suchten eine Ehre darin , mit Vicktorinen vertraut zu erscheinen , denn es fiel keiner ein , mit ihr wetteifern zu wollen , und alle liebten sie wegen ihrer anspruchslosen , immer gleichen Freundlichkeit . Raimund sah aus einiger Entfernung dem Gedränge um Vicktorinen zu , und das Herz that ihm dabei weh , er wußte nicht warum ? Er versuchte es , dieses bange Gefühl sich als Mitleid mit dem holden Wesen auszudeuten , das , so umgauckelt , am Ende doch wohl zu Grunde gehen müsse ; doch fühlte er bei alle dem auch die Unmöglichkeit , ihr den ihr gebührenden Tribut der Bewunderung zu versagen . Der Tanz begann , und gleich einer Göttin , von ihren Nymfen gefolgt , schwebte Vicktorine am Arm eines fremden Prinzen , der sich unter den anwesenden Gästen befand , dem glänzenden Reigen voran . Alle tanzten , nur ein einziges Mädchen blieb unaufgefordert an ihrem Platze ; ein junges blödes Kind , das niemand kannte , und dessen beinahe zu einfacher , etwas altmodischer Putz schon von Manchen bespöttelt worden war , weil er gegen die Eleganz der übrigen Tänzerinnen gar zu auffallend abstach . In der peinlichsten Stellung , mit hochglühenden Wangen , saß die Verlassene da , mit der noch niemand eine Silbe gesprochen hatte ; aus den unschuldigen Augen strahlte das glühendste Verlangen , an der allgemeinen Jugendlust ebenfalls Antheil nehmen zu können , und zugleich zuckte ängstliche Verlegenheit um den kindlichen Mund , als ob die Arme sich bemühe Thränen zurück zu drängen , die das Gefühl des Zurückgesetztwerdens ihr eben auszupressen im Begriff war . Raimund nahm an diesen und einigen folgenden Tänzen nicht Theil . In eine Ecke des Zimmers hingelehnt , verfolgte er jede Bewegung Vicktorinens mit seinen Blicken , und sah zu seinem Erstaunen , wie diese gleich in der ersten Pause dem unbekannten Mädchen sich nahte , ein Gespräch mit der augenscheinlich Verlegnen anknüpfte , sich eine kleine Weile zu ihr hinsezte , dann , wieder aufstehend , ihren Arm ergriff , und einigemal mit ihr im Saal ' auf und abgieng . Im Gewühle der Gesellschaft verlor er indessen beide bald aus dem Gesicht , und schon begann der böse Argwohn sich in seinem Gemüthe zu regen : als ob Vicktorine , im Übermuthe des Bewustseins ihrer alles besiegenden Schönheit , mit dem unscheinbaren Mädchen vielleicht ein unwürdiges Spiel treibe und es als Folie mit sich herumführe , um dadurch den Glanz ihrer eignen Erscheinung zu erhöhen . Da rief plötzlich eine sanfte Stimme seinen Namen und weckte ihn aus seinen Träumereien . Er fuhr auf , blickte um sich und dicht neben ihm stand Vicktorine und sah ihn freundlich bittend an . » Ich möchte Sie wohl um einen Ritterdienst ansprechen , denn Sie sehen mir ganz darnach aus , als ob Sie mir ihn nicht abschlagen würden , « sagte sie mit unbeschreiblicher Anmuth , aber doch ein wenig erröthend . » Ich möchte Sie bitten , « fuhr sie fort , » den nächsten Tanz mit jener jungen Dame zu tanzen , die eben mit mir durch den Saal gieng . Sie ist der Gesellschaft unbekannt , und unsere jungen Herren sind sämmtlich unartig genug , sie dies empfinden zu lassen . « Raimunds frohes Erstaunen bei dieser unerwarteten Anrede erlaubte ihm nicht viel Worte zu machen . Er eilte , vor allen Vicktorinens Wunsch zu erfüllen , und nahte sich ihr dann wieder , um von ihr zu erfahren , wer das junge Mädchen sei , dessen sie so eifrig sich annahm . » Ich kenne sie eben so wenig als Sie sie kennen , « gab Vicktorine ihm ruhig und einfach zur Antwort . » Indessen sie ist hier fremd , und da ich sie so ganz verlassen da sitzen sah , kam mir der Gedanke : wie mir zu Muthe sein würde , wenn mir einmal etwas ähnliches wiederführe . Da war es denn doch natürlich , daß ich nicht eher ruhen konnte , bis ich sie tanzen sah . « » Aber wie war es möglich , daß Sie , gerade Sie mein Fräulein , sich eine solche Möglichkeit nur denken konnten ? « fragte Raimund . » Und warum sollte ich dies nicht können ? « erwiederte ihm Vicktorine . » Jene alte menschliche Sitte , dem Fremdling freundlich entgegen zu treten , weil Fremdsein doch