Allwaltenden , dem ich von jedem meiner Tage Rechenschaft zu geben bereit seyn sollte , eilte ich in mein Bett . Von da an war mein Leben ein fortwährender Kreislauf von Gesellschaft und Putz . Gedankenlos eilte ich von Kaufläden zu Morgenbesuchen , dann zu Ausstellungen , Versteigerungen , Assemblees , Schauspielen und Bällen , ohne daß Herrn Maitlands ernste Winke , seine bangen mitleidsvollen Blicke , oder Miß Mortimers bestimmtere Bemühungen mich störten . Anfangs suchte diese weise Freundin mich durch angenehme Zirkel und geistvolle Gesellschaft , die sie bei sich versammelte , von dem lärmenden Gedränge abzuhalten ; allein ich hatte den Becher der Thorheit getrunken , der sanfterer Heiterkeit schien mir schaal . Sie machte mir Vorstellungen , sie redete zu meiner Vernunft , zu meinem Herzen - sie waren beide betäubt . Ich hatte die Keckheit , ihr zu sagen , daß , wenn nach sechs Wochen etwa alle meine Einladungen zu Ende wären , ich einmal an einem regnigen Sonntag ihre Lectionen anzuhören bereit sey . Noch jetzt erstaune ich über ihre Langmuth bei meiner Unverschämtheit - allein sie sah meine Thorheit aus dem Standpunct eines höhern Wesens an - die Aussicht auf die Strafe , die ihr drohte , schmolz allen Zorn in Mitleid dahin . Wie sie einsah , daß sie nichts über mich vermöchte , suchte sie den Beistand meines Vaters zu gewinnen ; allein dieser war selbst über meine glanzvolle Erscheinung in der großen Welt etwas geschmeichelt . Er theilte die Menschen in zwei Classen : die eine , welche Reichthum erwirbt , die andere , die ihn genießt . Ich gehörte zu der letztern , und er glaubte nicht , mich darin hindern zu müssen . Es schmeichelte ihn , wenn der Morning Chronicle den Glanz meiner Diamanten auf dem Ball der Gräfin nur dem meiner Augen nachsetzte ; er lächelte behaglich , wenn ein andrer Paragraph von der Bewerbung des jungen Herzogs von D. um meine Hand sprach . Wirklich begünstigte er mehrere Bewerber aus den vornehmsten Häusern , bis sie ihm ernstliche Anträge machen ließen ; dann schlug er sie , mit der Forderung eines unerschwinglichen Wittwenbedings nieder und wiederholte öfters , daß er gar nicht gesonnen sey , einem Burschen sein Vermögen zuzuwenden , der sich am Ende unterstehen könnte seinen Schwiegervater zu mißachten . Ich blieb bei diesen Verhandlungen ganz ungerührt . Meine Aussichten schienen mir so glänzend , und mein Hang zum Vergnügen war so groß , daß ich an keine Heirath dachte . Fiel es mir hier und da einmal auf , daß mein Vater sehr annehmliche Vorschläge zurückwies , so regte sich wohl der Gedanke in mir , er könne sich Herrn Maitland , den er mit der ausgezeichnetsten Achtung zu behandeln fortfuhr , zu seinem Schwiegersohn ausersehen haben . Leichtsinnig lachte ich dann bei der Vorstellung des Triumphs , diesen unbesiegbaren Starrkopf ausschlagen zu können . Ohne daß einer meiner Freiwerber mich anzog , oder einer meiner noch viel zahlreicheren Bewundrer mir Neigung einflößte , fand Lord Friedrich Mittel , mich am mehrsten mit sich zu beschäftigen . Er war der modigste Mann , ich strebte darnach , die Schönheit des Tages zu seyn ; aber noch mehr freute es mich , Lady Marie durch seine Beflissenheit , allenthalben an meiner Seite zu erscheinen , Galle zu erregen . In erster Rücksicht schmeichelte es meiner Eitelkeit , von manchem eifersüchtigen Gecken , von manchem neidischen Mädchen über meine verabredete Verbindung mit ihm mit heuchlerischer Theilnahme oder bitterm Spott sprechen zu hören , und die früh entkeimte , in jedem Verhältniß angewachsne Feindseligkeit zwischen Lady Marie und mir vermochte mich , keinen Schritt zu thun , um unser Verhältniß zu stören . Dieses war indessen einzig auf Eitelkeit gegründet ; er äußerte keine ernstere Absicht , und es wäre mir leid gewesen , hätte er es gethan , denn so sehr er Modeheld war , so wenig hatte er einen Eindruck auf mein Herz gemacht . Allein mit einer Heirath ists , wie mit der Sünde : wenn man sich oft daran zu denken erlaubt , stumpft sich der Schrecken davor ab . Am mehrsten trug Miß Juliens Bemühung bei , mich nach und nach an den Gedanken , daß es mit Lord Friedrich einst dahin kommen könnte , zu gewöhnen . Da sie nun einmal den Platz meiner Gesellschafterin eingenommen hatte und meinen Charakter sehr richtig beurtheilen mochte , mußte sie es auch für sich für einen günstigen Umstand halten , wenn ich einen glänzenden Rang in der Gesellschaft erhielt . Sie suchte mir in vielfach wiederholten Gesprächen bald die Ernstlichkeit von Lord Friedrichs Neigung zu beweisen , bald durch Aufregung meiner Eitelkeit oder meiner Feindseligkeit gegen Lady Marie mich zu Fortsetzung meiner Koketterie gegen ihn zu bewegen . Miß Mortimer , welche uns selten in Gesellschaft begleitete , in dieser selbst durch die jetzt so übliche Trennung der Jugend von Personen reifen Alters meinen Leichtsinn nicht beobachten konnte , blieb über mein Verhältniß zu Lord Friedrich in völliger Unwissenheit . Wirklich edle Menschen , selbst wenn die gesellschaftlichen Verhältnisse sie unvermeidlich mit der Gemeinheit zusammenbringen , bleiben von ihr unberührt , denn sie sucht sich selbst , instinctartig , von ihnen zu entfernen . Es gehört ein Grad Dummheit oder eine bestimmte böse Absicht dazu , solche edle Menschen mit bösartigem Geschwätz zu belästigen . Eine solche Dummheit vermochte endlich ein ziemlich untergeordnetes Mitglied meiner glänzenden Cirkel - denn Reichthum , Jugendglanz und die Auszeichnungen meiner vornehmen Anbeter hatten mich in Gesellschaften eingeführt , in die meines Vaters Stand mir in gewöhnlichen Verhältnissen keinen Zutritt gesichert haben würde - eine solche Dummheit vermochte eine ältliche Wittwe , mit aller Heuchelei von Theilnahme und Entschuldigungen , bei einem Besuch , den sie Miß Mortimer machte , diese von Lord Friedrichs geflissentlicher Beschäftigung mit mir und den Vermuthungen , die man darauf gründete , zu unterrichten . Ich überraschte sie am Schluß ihrer Mittheilung und nahm , nach ihrer bald darauf erfolgten Entfernung , die schmerzliche Gemüthsbewegung wahr , in welche ihre Nachricht Miß Mortimer versetzt hatte . Der milde , unendlich theilnehmende Ausdruck ihres Gesichts überraschte mein Gefühl , ich fragte mit Wärme nach der Ursach ihrer Bekümmerniß ; allein da ich an ihrer Antwort wahrnahm , daß es sich um eine Ermahnung handle , fand ich Mittel , ihrem Gespräch , unter einem geringfügigen Vorwand , sogleich zu entschlüpfen . Die nächstfolgenden Tage vermied ich sehr geschickt , ihr Gelegenheit zum Wiederaufnehmen des Gegenstandes zu lassen ; allein eine kleine Unpäßlichkeit , die mir das Zimmer zu hüten gebot , gab mich bald darauf in ihre Hand . Ein zufälliger Blick in den Spiegel zeigte mir zu meinem unaussprechlichen Schrecken , wie auffallend drei Tage leichten Fiebers mich entstellt hatten . Ich äußerte meine Empfindungen in leichtsinnig verdrießlichem Ton , und , ehe ich mirs versah , zog Rede und Antwort eine Unterredung herbei , in welcher Miß Mortimer mich eben so weise wie gefühlvoll auf die Gefahr aufmerksam machte , zu der mein Leichtsinn mich hinriß . Ich glaubte sie so wie mich mit der Versicherung , daß ich an gar keine Heirath dächte , zu beruhigen . Sie warnte mich darauf mit dem Beispiel so manchen Mädchens , die durch die Sorglosigkeit , mit der sie eines Mannes Bewerbung gestattete , sich endlich gefesselt gefunden hätte . Mit unwürdiger Gemüthlosigkeit wagte ichs nun , zu behaupten , es sey ja am Ende auch ganz gleichgültig , ob ich Lord Friedrich heirathe oder einen Andern ; und da er Geld , ich aber einen Rang brauchte , wäre ja dieser Plan gar nicht so schlimm . Ohne von dem Uebermuth , mit dem ich ihrer sanften Weisheit mein gehaltloses Geschwätz entgegensetzte , entrüstet zu werden , stellte sie mir mit zunehmender Wärme , mit einer Innigkeit , die eine selbst mir auffallende Jugendblüthe über ihre blassen Wangen verbreitete , die Unhaltbarkeit meiner Lebensansichten für spätere Jahre , ihre Gefahr für die einst nachfolgende Ewigkeit vor . Erschüttert von ihrer Rede und jeder ernsten Rührung abgeneigt , eilte ich der vortrefflichen Freundin unbedingt zu versprechen , nie Lord Friedrich meine Hand zu geben . Sie dankte mir und hätte noch mehr gesagt ; allein Miß Julie stürmte eben ins Zimmer herein und brachte mir ein Päckchen , das im Vorzimmer gelegen , und dessen Inhalt sie mich mit Neugier entwickeln sah . Was ists ? - rief sie dringend . - Ein Billet von Lord Friedrich , und zwar Karten zu Lady St. Edwards Maskenball am fünften Mai . - Miß Arnold sprang voll Freude im Zimmer umher : o das ist herrlich ! das ist göttlich ! und wir sind diesen Tag noch nicht versagt . - Ich blickte verlegen und mißmuthig auf die Karten , das eben statt gehabte Gespräch dämpfte meine Freude . Miß Mortimer drehte ängstlich ihre Näharbeit in den Händen und fragte mich endlich schüchtern , ob ich die Karten anzunehmen gedächte . - Nun , das versteht sich ! rief Miß Julie vorlaut . - Warum sollte ich nicht ? fragte ich . - Miß Mortimer , ohne sich je an Miß Arnold zu richten , so ungeziemend diese sich auch in das Gespräch einmischte , suchte nun mit schüchterner Sanftheit und unerschütterlicher Geduld mir begreiflich zu machen , daß die Gattung dieser Lustbarkeit , so wenig wie die Art des Zutritts , den wir dazu erhalten , von vernünftigen Leuten gut geheißen werden könnte . Nachdem ich meine Antworten - denn Gegengründe konnte ich sie nicht nennen - erschöpft , endete ich , wie alle ungezogene Menschen , mit einer Unverschämtheit , indem ich sie trotzig fragte : wer ihr das Recht gäbe , mich zu meistern und zu drängen ? - Helle Thränen brachen aus ihren Augen . » Ihre Mutter gab es mir , Ellen « , rief sie mit vom Schmerz erstickter Stimme , » Ihre Mutter , die von unsrer langjährigen , erprobten Freundschaft der heiligen Erfüllung meines ihr gegebenen Versprechens entgegensah . So lange Sie vor meinen Augen leben , Ellen , muß ich Sie vor unwürdigen Thorheiten hüten , oder Ihrer Mutter Andenken würde mich wie ein böses Gewissen verfolgen . « Ueberwältigt durch diesen Ernst , drangen auch mir Thränen in die Augen , schnell raffte ich die Einladungskarten zusammen , schloß ein entschuldigendes Wort an Lord Friedrich bei und bat Julien , die mir mit der größten Bestürzung zusah , ohne den Muth meiner bestimmten Bewegungen zu hindern , dem Bedienten zu klingeln . » Geben Sie mir den Brief , sagte sie gleichgültig , ich gehe doch die Treppe hinab und kann ihm den Weg ersparen « , nahm mir ihn ab und verließ das Zimmer . Miß Mortimer , deren Thränen noch flossen , ergriff meine Hand , drückte sie mit ihren beiden und sah mich mit einem Blick an , der die Wildheit selbst menschlich gemacht hätte . Ich fühlte mich erleichtert durch die Entsagung , die ich geübt ; aber mein elender Stolz erstarrte mich vor dem Gefühl der Liebe , ich hatte die Härte , meine Hand zurückzuziehen und kalt und hochmüthig das Zimmer zu verlassen . Doch , was thue ich ? Wird mich denn nicht die Welt verachten , der ich diese Geständnisse mache ? Werden meine Leser nicht diese Blätter mit Abscheu von sich werfen ? Mögen sie ! Ich kann dennoch einem von ihnen ein Beispiel zur Besserung seyn - und dann vergesse doch keiner , daß Abscheu vor dem Bösen noch nicht Tugend ist , und gedenke auch , daß ich nur dann ganz verloren gewesen wäre , wenn ich schon eine klare Erkenntniß des Bessern gehabt hätte - mein Verstand war wirklich noch in der Dunkelheit des Irrthums befangen . Die Selbstüberwindung eines so lieblosen Herzens war nicht geeignet , den Geist zu bekräftigen . Sobald ich mich mit Miß Arnold allein befand , ward es ihr unschwer , meine Einbildungskraft mit den lebhaftesten Bildern des Vergnügens , dem ich entsagt hatte , anzufüllen . Sie stachelte meinen Stolz , indem sie meine Nachgiebigkeit gegen Miß Mortimer als die schüchterne Unterwerfung eines Schulkindes schilderte , und brachte mich bald dahin , die Zurücksendung der Einladungskarten aufs bitterste zu bereuen . Wenn wir sie nun aber wieder haben könnten ? fragte Julie mit schalkhaftem Lächeln . Unmöglich ! rief ich , nie würde ich Lord Friedrich darum bitten . - Wenn ich sie aber gar nicht fortgeschickt hätte , theure Ellen , sondern in der Ueberzeugung , daß so ein abgeschmacktes Beginnen Sie gereuen müsse , Ihnen das Päckchen abnahm , um es - sie nahm es aus ihrem Arbeitskästchen - hier zu verwahren ? - Ich war wie vernichtet . Ein achtjähriger Umgang mit Miß Arnold hatte mich noch nicht verleitet , meine gewohnte Wahrhaftigkeit , - die eigentlich nur furchtloser Trotz war , meine Handlungen nicht zu verbergen - abgelegt zu haben . Der Schritt , den Miß Julie gethan hatte , schien meine innre Freiheit unleidlich zu verletzen , ich erstarrte vor der Demüthigung , die mir fremde Schuld zuziehen könnte . Julie bemerkte die Unruhe meiner Gedanken , obschon deren Gegenstand ihr fremd seyn mochte ; mit der einnehmendsten Schmeichelei stellte sie mir vor , wie sie nur um meinetwillen gehandelt habe , wie sie gern allen Tadel auf sich nehmen wolle , um mir ein meinen Ansprüchen so angemessenes , so unschuldiges Vergnügen zu verschaffen - allein jetzt ward der zutrauenvolle , dankbar glänzende Blick , mit dem Miß Mortimer für das Hinwegsenden der Einladungskarten meine Hand drückte , mein Schutzgeist , ich konnte ihr Lob meiner Wahrhaftigkeit , das sie mir noch vor so kurzem gegeben , nicht zu Schanden machen und gewann noch einmal den Sieg über mich , die Karten mit eigner Hand dem Bedienten zum Forttragen zu übergeben . Nun war mein Herz wirklich leicht , wirklich stolz . Ich vergab Miß Mortimer meine Fehlschlagung , dem Maskenball beizuwohnen ; mein Abend , obschon einsamer , wie gewöhnlich , weil ich mich noch als Kranke behandeln mußte , verfloß in der heitersten Laune , und mein Schlaf ward von freundlichen Träumen umgaukelt . Mich wandelte wohl im Verlauf des Tags die Lust an , Miß Mortimer meinen zweiten , da er nicht durch Trotz herbeigeführt ward , viel reinern Triumph über eine Maskeradesehnsucht mitzutheilen ; allein ich konnte es nicht thun , ohne meine Freundin , die nur um meinetwillen sich dem Tadel ausgesetzt hatte , bloszustellen , und gebot mir Schweigen . Schon während meines Streites mit Miß Arnold hatte mir der Gedanke an Herrn Maitlands Meinung über diesen Maskenball vorgeschwebt und vielleicht , mir unbewußt , meinen Entschluß befördert . Jetzt wünschte ich , daß er kommen möchte , und befahl dem Bedienten , von allen Besuchen ihm allein Zutritt zu gestatten , - ich machte mir selbst glauben , nur weil mein Krankenanzug und meine Blässe seinem stoischen Muth ohnehin gleichgültig seyn müßten , ingeheim wünschte ich aber seinen Beifall für meine Selbstverleugnung zu ärnten . Doch erwartete ich ihn diesen Abend vergeblich ; erst den folgenden stellte er sich ein , und kaum hatte er Platz genommen , so rühmte ihm Miß Mortimer mit der zartesten Vorliebe der Freundschaft meine Entsagung . Ich blickte verstohlen ihn an . - Sobald er , wovon die Rede sey , vernommen , verbreitete sich ein Freudeschimmer über sein Gesicht : » Mir däucht , sagte er , dafür sind wir Miß Percy keinen Dank schuldig , sie hat gewiß mehr Freude empfunden , Ihrer Bitte zu willfahren , als zwanzig Maskenbälle ihr gegeben hätten . « - Nicht eben das ! rief ich , mir würde eine Maskerade die größte Freude von der Welt machen . - Sie wollen also durchaus einiges Verdienst bei diesem Opfer haben ? fragte Herr Maitland mit leichtem Scherz , setzte sich mit anmuthiger Vertraulichkeit neben mich auf den Sopha und erörterte mit einem Witz , der stets an die Empfindung anstreifte , den Werth meiner Entsagung . Im Verlauf des Gesprächs gebrauchte ich auch den Ausdruck von » geziemendem Stolz . « Er fragte mich darauf , was ich unter dieser schönen Redensart verstehe . Nachdem ich vergeblich versucht hatte sie zu erklären , sagte ich muthwillig : geziemender Stolz sey das Gefühl , welches mich abgeneigt mache , je als eine geduldige Magd mich vor der Herrschsucht des Mannes zu beugen ; ein Gefühl , welches mir stets den Muth eines unabhängigen Geistes erhalten solle , ohne welchen das Daseyn mir nichts werth sey . - » Fern sey es von mir , Ihnen diesen zu rauben « , sprach Herr Maitland , anfangs mit Lächeln , das aber , noch während er redete , einer ernsten Theilnahme Platz machte . » Allein , welchen Werth könnte nicht dann dieses Daseyn gewinnen , wenn Miß Percy die reichen Gaben , mit denen die Natur sie überschüttete , und die doch nur ein Darlehn sind , aufs beste anzuwenden bedacht wäre ? Was würde sie dann erst seyn ? - Alles , was Ihre wärmsten Freunde von Ihnen wünschen könnten . Sie würden vielleicht dann nicht mehr die Bewunderung aller Gecken begehren , sie vielleicht erlangen ; allein die innigste Hingabe derer , die weiter blicken , als auf ein schönes Gesicht , - die wär ' Ihren gewiß . « Die Wärme , mit der Herr Maitland sprach , war seiner Gewohnheit so entgegen , sein Blick , ohnehin so durchdringend , strahlte mit so außerordentlichem Glanz , daß sich mein Auge vor ihm senkte , und glühende Röthe meine Wange umzog . Gewiß nur diesem Manne konnte es gelingen , meinen Uebermuth zu beugen ; allein ich war so befremdet über meine Unterwürfigkeit , daß die Widerrede mir versagte , und der unerwartete Eintritt meines Vaters mir als eine wahre Erleichterung erschien . Sein Gesicht kündigte mir an , daß ein besondrer Gegenstand ihn mehr lebhaft als wohlthätig beschäftige . Er schritt rasch ein paarmal im Zimmer hin und her , stellte sich dann vor das Camin und rief mir zu : » Endlich werde ich des Ueberlaufs um Ihretwillen müde , Miß Percy . « - Um meinetwillen , lieber Vater ? was will man von mir ? - » Von Ihnen ziemlich wenig , aber von mir bei dergleichen Gelegenheit mein Geld . - Verzeihen Sie , Herr Maitland , sagte er , sich gegen ihn wendend , daß ich Sie mit Familiensachen unterhalte . « - Wer will gelegentlich meiner mein Geld ? fragte ich sorglos . - » Lord Friedrich de Burgh , der zweite Sohn des Herzogs von C. Seine Gnaden waren heute früh bei mir und haben mir die bestimmtesten Vorschläge gemacht . « - Herr Maitland hatte im Ernst seiner letzten Worte meine Hand ergriffen und sie , meinem Vater zuhörend , in einer Art Zerstreuung noch immer gehalten ; bei dem Namen Lord Friedrichs ließ er sie mit einem unsanften Druck los , ich blickte auf , um den Ausdruck seines Gesichts zu sehen , allein er hatte sich abgewendet und schien sorglos in einem Buch , das auf dem Nähtisch lag , zu blättern . Mein Vater erzählte nun weitläufig , wie der Herzog bei seiner Bewerbung die Ehre einer Verbindung mit seinem Hause , die Aussicht auf die Herzogskrone , welche die hinfällige Gesundheit seines ältesten Sohns Lord Friedrich verspräche , nicht habe anzudeuten vergessen , wie es aber so ziemlich am Tage läge , daß mein Heirathsgut ein großer Bewegungsgrund bei seiner Einwilligung in seines Sohnes Wünsche gewesen sey . Hier hielt mein Vater inne und blickte mich fragend an , als erwarte er , daß ich doch einige Neugier nach der Entscheidung , die er in der Sache gegeben , bezeigen sollte . Ich spielte aber sorglos mit meinem Armband und ließ mich auf nichts ein . Herr Percy nahm also wieder das Wort und erzählte mit Triumph , wie unbedenklich er den Herzog abgewiesen habe . Zweitausend Pfund Witthum habe er geboten - » eine schöne Herrlichkeit für ein Mädchen , das Hunderttausende Mitgift hat und noch doppelt so viel zu erwarten ! Und dafür , schloß er , soll ich einen Schnapphahn in mein Haus aufnehmen , den ich herausfüttern , dem ich alles , bis auf den Rock , mit dem er den Gecken spielt , anschaffen müßte , damit er und seine bankerotte Familie mich und mein Mädchen über die Schulter ansehe ? Nein wahrlich , dafür hat kein wackrer Mann in England sein Vermögen gesammelt . Wie , Maitland ? « - Wahrlich nein , nicht nach Ihrer noch nach meiner Ansicht , antwortete Herr Maitland gezwungen . - » Aber der große Mann ist auch in einen Zorn gerathen , er schämt sich seiner Vorschläge und wünscht sie geheimgehalten . Gewißlich , ich werde sie nicht verkünden ! Alle Welt weiß , daß ich viel vortheilhaftere Vorschläge für meine Tochter verwarf . « Also er will , die Sache soll verschwiegen bleiben ? fragte ich hastig ; da könnten sie ja seine Töchter vielleicht nicht einmal erfahren . - » Sie sehen sie demnach als gänzlich beendigt an ? « sagte mein Vater zu mir , ohne auf meine Worte zu achten . - Gewiß ! rief ich ; wüßte ich nur , wie ich machte , daß sie Lady Maria erführe . - Vertrauen Sie sie einer recht innigen Freundin , sagte Herr Maitland sehr trocken ; sagen Sie mir aber nur , warum es Ihnen so am Herzen liegt , daß Lady Maria sie erfährt ? - » Weil sie sich ganz grenzenlos darüber ärgern wird ; die Tochter eines bloßen Kaufmanns , welche dem Enkel des hundert und funfzigsten de Burgh einen Korb gibt ! das wird ihr alle Kanten und Schönheitsmittel verleiden ! « - Ich war von diesem Gedanken so entzückt , daß ich erst nach einer Weile bemerkte , wie Herr Maitland bis ans Ende des Sophas von mir gewichen war und ganz erblaßt in finsterm Nachdenken den Kopf auf die Hand stützte . Gleich darauf nahm er von Miß Mortimer Abschied , doch in dem Augenblick , wo er zur Thür schritt , kam die Kammerfrau dieser und meldete ihr , Frau Wells wünsche sie einen Augenblick zu sehen . Miß Mortimer bat ihn , seine Schutzbefohlne noch zu begrüßen ; er willigte ein , aber mein Vater begab sich mit der Bemerkung hinweg : Wenn die Frau Geld will , Miß Mortimer , so lassen Sie ' s mir sagen , ich habe den Leuten immer das Ihrige geschickt und bin ihnen nichts schuldig . Anfangs war die gute Frau bestürzt , ihre Wohlthäterin nicht allein zu finden , sie schien sich nicht zum Reden ermuthigen zu können . Doch Herr Maitland , dem es nun einmal gegeben war , sich alle Herzen zu erschließen , that ihr einige Fragen , die ihre Zuversicht zurückriefen . Geld wollte diese wackre Frau nun eben nicht , aber Etwas , das der Arme eben so oft braucht , aber seltner fordert : guten Rath wünschte sie von Miß Mortimer zu hören wegen einer Liebschaft ihrer Tochter Sally . Sie ward von einem jungen Handwerksmann zur Ehe begehrt ; sein Gewerb und Sally ' s Nadel konnten des jungen Ehepaars täglichen Unterhalt sichern ; allein zur Hauseinrichtung war nichts da , sie mußte mit Schulden angefangen werden , und das , meinte Frau Wells , setzte sie auf immer zurück . Nun habe sie den Liebenden gerathen , ein paar Jährchen zu warten , recht fleißig zu seyn und recht zu sparen , bis sie das Nöthige zusammengebracht hätten . » Die jungen Leute denken aber , wenn man sich liebe , brauche man wenig , sagte sie , zu mir gewendet - ach , sie haben das Armseyn vergessen , seit Ihre verehrte Mutter mir zu sicherm Erwerbe verhalf ! Das weiß Niemand , was Armseyn ist , als der es erfahren hat , wie ich . Manches Leiden kann man sich auf Augenblicke aus dem Sinne schlagen , aber harte Schuldner , frierende , hungrige Kinder - ach , die lassen uns die Armuth keinen Augenblick vergessen ! - Meine Bitte ist nun , daß Miß Mortimer meiner Sally zureden möchte , meinem Rathe zu folgen und nach ein paar Jahren , in denen sie gewiß vierzig oder funfzig Pfund zusammensparen könnten , mit meinem Segen ihre Ehe anzutreten . « - Wie ? rief ich , den Schluß ihrer Rede gar nicht anhörend , mit vierzig oder funfzig Pfund ist die Sache abgethan ? Die kann ich ihr ja sogleich von meinem Monatsgelde geben , denn gewiß habe ich so viel übrig . - Ellen , was fällt Ihnen ein ? rief Miß Arnold , die seit einer Weile ins Zimmer getreten war , Sie wollen doch nicht funfzig Pfund auf einmal hingeben ? - Warum nicht ? Ich brauche das Geld nicht , und sollte ich , so gibt mir Papa einen Vorschuß . - Anfangs bot ich mein Geld in gutmüthiger Ueberraschung an , erst Miß Arnolds Widerspruch ließ mich ein Verdienst in meiner Handlung entdecken , und dafür den Lohn in Herrn Maitlands Blicken zu finden , suchte ich ihn nun auf . - Aber sein Auge schenkte meiner Freigebigkeit keinen Beifall , die nicht aus Grundsätzen entsprang , die kein Opfer auflegte , keine Entsagung gebot . Mit ruhigem Mitleid blickte er mich an , als wolle er sagen : Du armes Geschöpf , selbst dein Gutes hat keinen moralischen Halt ! - Frau Wells grübelte nicht über die Quelle meiner Großmuth , sie dankte mit inniger Rührung , nahm sie aber nicht an , weil Sally und Robert ihres Eheglücks sichrer wären , wenn sie ein paar Jahr gearbeitet und gespart hätten , um es zu erlangen , und weil die Gewohnheit von Geduld und Fleiß ihnen mehr frommen würde , wie mein Gold . - Der belohnende Blick , den ich in Maitlands Auge gesucht hatte , bestrahlte jetzt Frau Wells ; er verhieß ihr Segen für diese Denkart , allein drei Jahre , meinte er , sey eine zu lange Prüfung ; sie solle die Liebenden ein Jahr lang nach ihrem Ziele hinarbeiten lassen , und was an dessen Schluß noch an der nöthigen Summe fehle , lege er dann hinzu . Frau Wells dankte innig , aber ohne Erniedrigung ; ich könnte , sagte sie darauf sich zu mir wendend , Sally am wirksamsten bei ihrer Absicht unterstützen : das junge Mädchen arbeite gut , es fehle ihr nur an neuen Mustern und Kunden unter vornehmen Leuten ; wenn ich mich aber herablassen wollte , sie für mich arbeiten zu lassen , so würden bald die elegantesten Damen ihr zu thun geben . - So wie ich der wackern Frau Meinung verstand , gerieth ich in die peinlichste Verlegenheit . Wie konnte ich mich entschließen , ein Kleid anzulegen , das nicht die erste Modeschneiderin der Hauptstadt gemacht hatte ? - Aber Frau Wells bat so schüchtern , so ernst ! Wie sollt ich ' s ihr abschlagen ? Miß Arnold ließ mir Zeit , mich zu sammeln , denn noch ehe die wackre Frau ganz ausgesprochen , rief sie : » Behüte uns Gott , ehrliche Frau , Miß Percy soll doch kein Ding anziehen , wie Ihre Tochter sie zusammenflickt ? Ehe die ein Muster fände , zöge es ja alles Lumpengesindel durch die Hände ! « - Ich wollte nicht zudringlich seyn , nahm Frau Wells hocherröthend das Wort ; ich meinte , wenn Miß Percy die Güte hätte , Sally anzuweisen . - O liebe Frau Wells , sagte ich besänftigend , dessen wäre ich nicht fähig , ich verstehe nichts davon ; aber ich will Sally empfehlen , überall wo ich Arbeit für sie hoffen kann . Liebe Miß Mortimer , Sie geben ihr zuerst welche ! - Das kann sie , sagte Herr Maitland trocken , sie kann den Zauber eines modigen Rockschnittes entbehren . Mistriß Mortimer erfuhr späterhin , daß Herr Maitland in den nächsten Tagen die Summe , welche Sally bei ihrer Hochzeit ausgezahlt werden sollte , gerichtlich niedergelegt hatte . Das junge Mädchen ließ sich von meiner ehrwürdigen Freundin zur freudigen Nachgiebigkeit in der Mutter Rath bewegen , und das Glück dieser Menschen war gesichert . - Ich vergaß schnell meine werthlose Großmuth ; sie glich dem unstäten Schimmer des wogenden Meeres , indeß Miß Mortimers und Maitlands Menschenliebe belebend , thätig , allverbreitet , wie der Sonnenstrahl , wirkte . Sobald meine Unpäßlichkeit vorüber war , begann ich meinen Kreislauf von Lustbarkeiten von neuem . Mein erster Ausgang war ein Konzert und Souper , das Lady G. einem kleinen Freundeskreis von vier und funfzig Personen gab . Gleich bei meinem Eintritt erblickte ich Lord Friedrich , der neben seiner Schwester , Lady Auguste und Lord Glendowr stand . Lady Marie machte ihn mit spöttischem Gelächter meine Anwesenheit bemerken ; er wendete den Kopf nicht einmal zu mir ; ich durchblickte Lady Mariens Absicht und setzte alle kleine Mittel der Gefallkunst in Thätigkeit , um ihr Lord Friedrich zu entreißen - doch alles umsonst , bis die Frau vom Hause mich zu einer Bravour-Arie aufforderte , zu der ich mich meiner Fähigkeit bewußt war ; nach ihren ersten Tönen , welche die Gesellschaft in die tiefste Stille gezaubert hatten , nahte sich Lord Friedrich der Lady G. , die bewundernd neben mir stand . - Mein Herz schlug hörbar über meinen Triumph , meine Stimme schien von der Begeisterung getragen - da hörte ich , wie er sich bei der Wirthin , nöthiger Geschäfte wegen , entschuldigte , und sah , wie er aus der Gesellschaft verschwand . Meine Fassung reichte kaum aus , die Arie zu beenden ; unter dem Geräusche des Beifalls gewann ich Zeit , meine Lage zu übersehen , und da