ich zu deutlich alles , was sie mir rathen würde , und die fremden Leute sollen mich nicht darin stören . Finde ich ein Wesen , das ich lieben könnte , so will ich lieben , auch wenn man mich nicht bemerkt , und ich werde glücklich seyn , denn wer liebt , ist glücklich ; alles andre was kommen kann , werde ich gefaßt zu ertragen streben , wie meine Mutter auch that ; darum , liebe Dalling , gräme dich nicht um mich , auch wenn du mich in wenigen Tagen verlassen mußt ; freilich thut mir noch das Herz sehr weh , aber alles soll dennoch gut werden . Von diesem Moment an ward Gabriele augenscheinlich heiterer , Frau Dalling sah mit einiger Freude , wie das junge Kind gegen seine vorige Trostlosigkeit ankämpfte , selbst gegen das Bangen vor dem ersten Eintritt in das gefürchtete Haus der Tante und in neue unbekannte Verhältnisse . Sie ist ganz wie die Mutter , dachte die gute Frau , aber doch auch ein wenig wie der Vater . Am Abend des zweiten Tages der Reise langten unsre Wandrer ziemlich früh in dem ihnen vom Baron bestimmten Nachtquartiere an ; es war das letzte unterwegs , denn sie gedachten , am folgenden Tage noch bei guter Zeit den Ort ihrer Bestimmung zu erreichen . Der Wagen hielt vor der Thüre eines großen ansehnlichen Gasthofes , mitten auf dem gewühlvollen Marktplatz der ersten bedeutenden Stadt , welche Gabriele sah . Viele Fremde füllten die Fenster des Hauses und betrachteten mit und ohne Brille neugierig die Aussteigenden . Diesen kam der auf ihre Ankunft vorbereitete sehr elegante Gastwirth höflich entgegen . Alles war Gabrielen neu und beängstigte sie nicht wenig , sie eilte durch die Schaar der zu ihrem Empfang geschäftig hin und her laufenden Aufwärter , und war herzlich froh , so schnell als möglich in das für sie bereitete Zimmer flüchten zu können . Dort fühlte sie sich vor allen den vielen Augen gerettet und blickte mit Wohlgefallen aus dem Fenster auf das ihr ganz neue Schauspiel der Kutschen und geputzten Leute , die dem nahen Theater zuwogten . Lautes Lachen dicht unter ihrem Fenster machte sie aufmerksam ; sie sah eine Menge Zuschauer um einen sehr schönen Reisewagen vor der Thüre des Gasthofes versammelt , aus welchem eben zu Gabrielens Verwunderung ein altes Mütterchen in der ärmlichsten Bauerntracht , gebückt und mühsam heraus kletterte . Ein junger Mann von vornehmem Ansehen unterstützte sie mit seinem Bedienten und geleitete sie mit großer Sorgfalt in das Haus , ohne sich durch die lauten Anmerkungen der Umstehenden im mindesten dabei stören zu lassen . Da hat uns der Herr Graf einen angenehmen Gast mitgebracht , Herr Lorenz ! hörte Gabriele den Kellner zu dem eben wieder hinaustretenden Kammerdiener des Fremden sagen , die Alte sieht ja aus , als wäre ihr die Ofengabel unterwegs scheu geworden und habe sie abgeworfen . Viel anders wird es auch wohl nicht seyn , erwiederte Herr Lorenz sehr verdrüßlich , wir fanden sie im Chaussee-Graben , und denken sie nur , fuhr er fort , ich mußte wegen des häßlichen Ungethüms aus dem Wagen und auf den Kutschbock neben den Jäger mich setzen . Unerhört ! rief der Kellner , mit allen Zeichen des höchsten Erstaunens . Ach was unerhört ! antwortete Herr Lorenz noch verdrüßlicher , mein Herr macht mir alle Tage ähnliche Streiche , und am Ende fällt der Schimpf immer auf mich , wenn wir so wie heute vor den Leuten zum Spektakel werden , denn ihm ist das einerley . Hören Sie , lieber Herr Lorenz , sprach beschwichtigend der eben hinaustretende Wirth , das verstehen Sie nur nicht recht , der Herr Graf machen den Spleen mit , das ist jetzt unter den jungen Herrn eine ganz neue Mode aus England . Gabriele mochte nichts weiter hören , sie wandte sich vom Fenster , konnte aber das kleine Abentheuer den ganzen übrigen Abend nicht vergessen . Der Wunsch , von der wunderlichen Reisegesellschaft mehr zu erfahren , überwand zuletzt die Furcht , in dem fremden Hause allein im Zimmer zu bleiben , und Frau Dalling mußte sich entschließen , ihrem Bitten nachzugeben und auf Erkundigung hinunter zu gehen . Der Name des Fremden war der Wirthin unbekannt , obgleich er schon einigemal ihr Haus besucht hatte . Uebrigens hörte Frau Dalling erzählen , daß der Fremde wirklich die arme Frau unterwegs halb ohnmächtig im Chausseegraben liegend gefunden und sie zu sich in den Wagen genommen habe , weil sie nicht weiter gehen konnte , und sich auf dem hohen Kutschersitz nicht festzuhalten vermochte . Die gute Alte war vor wenigen Wochen durch den Tod ihrer Tochter ihrer einzigen Stütze beraubt , und wollte jetzt nach Böhmen zu ihrem dort ansäßigen Sohne . Mühselig hatte sie sich viele lange Tage auf dem Wege dahin fortgeschleppt , bis sie vor Ermattung nicht weiter konnte , und ohne den Beistand des Fremden wäre ihr wahrscheinlich in der kalten Herbstnacht der Tod geworden . Jetzt war ihr geholfen , der Fremde hatte nicht nur für ihre augenblickliche Erquickung gesorgt , sondern sie auch so reichlich beschenkt , daß sie den Rest des Weges fahren konnte , ohne deshalb mit ganz leeren Händen bei ihrem Sohne anzulangen . Die halbe Nacht hindurch mußte Gabriele an den Unbekannten und seine menschenfreundliche Handlung denken , sie träumte sogar von nichts Anderem . Nicht die That selbst war es , was sie in Bewunderung versetzte , diese kam ihr gar nicht außerordentlich vor , denn oft hatte sie ihre Mutter Aehnliches üben gesehen , wohl aber , daß ein Mann solchen zarten Mitleids , solcher thätigen Theilnahme an fremden Leiden fähig sey . Dieses feinere Gefühl hatte sie bis jetzt einzig für das Eigenthum der Frauen gehalten ; sie kannte keinen Mann außer ihrem Vater , dessen in Erbitterung erstarrtes Gemüth bei jedem ähnlichen Anlasse nur zu deutlich sich aussprach . Mehr oder weniger ihm ähnlich dachte sie sich fast alle Männer im wirklichen Leben , und Auguste hatte absichtlich diese Meinung unangefochten gelassen . Kein Wunder war es demnach , daß der Unbekannte Gabrielen wie eine seltene Erscheinung aus einer andern Welt vorschwebte . Gern hätte sie wenigstens die Züge seines Gesichts deutlich gesehen ; obgleich sie aber am andern Morgen weit früher als Frau Dalling erwachte und vom Geräusch Abreisender sich an das Fenster locken ließ , so sah sie doch nur seine Gestalt , als er in den Wagen stieg , und hörte seine Stimme , indem er der alten Frau noch einige freundliche Abschiedsworte zurief . Etwas ungeduldiger als gewöhnlich fing Gabriele nun an , ihre eigene Abreise zu betreiben , im Wagen beschäftigte sie nur der Unbekannte , sie bildete sich tausend Möglichkeiten , ihn im Hause der Tante anzutreffen , sie dachte sich allerlei Verhältnisse , in welche sie mit ihm gerathen könnte , und sprach so lange mit ihrer Reisegefährtin von nichts Anderem , bis sie selbst über ihre kindische Einbildung lächelnd ausrief : Was denke ich weiter an ihn , er ist jetzt fern von hier und ich sehe ihn in meinem Leben nicht wieder . Aber in ihrem Herzen behauptete eine dem Wunsch sehr gleichende Ahnung das Gegentheil , und diese traf früher ein , als sie hoffen konnte , denn der Fremde war Ottokar . Ein ungeheures Lärmen im Hause erweckte Gabrielen am ersten Morgen in ihrem neuen Aufenthalt . Thüren wurden auf- und zugeschlagen , Treppen und Vorsäle dröhnten von den Tritten der hin und her laufenden Bedienten und Handwerker , es war ein Hämmern , ein Fluchen , ein Rufen und Schelten , als sey eine feindliche Armee eingerückt und das Haus dem Abendfeste zu Ehren in völligem Aufruhr . Gabriele schmiegte sich vor dem ungewohnten Getöse wie ein schüchternes Vögelchen in eine Ecke , bis die Stunde schlug , in der sie der Tante ihren Morgenbesuch abstatten mußte . Mit Erstaunen begegnete sie auf der Treppe dem wohlbekannten Herrn Lorenz , schwer belastet mit einem Korbe voll der auserlesensten Blumen . Seine Erscheinung freute sie , als ein Beweis , daß sie nicht irrte , indem sie in Ottokarn den Unbekannten aus dem Gasthofe wieder zu finden glaubte . Aber als sie weiterhin ihn selbst durch die halb geöffnete Thüre eines Zimmers erblickte , und dadurch die Gewißheit erhielt , mit ihm in Einem Hause zu leben , ihn alle Tage zu sehen und zu hören , da bemächtigte sich ihrer ein freudig-ängstliches Gefühl . Es war ein Glück für sie , daß die Gräfin , zu beschäftigt mit Anordnungen für den Abend , Gabrielens Eintritt kaum bemerkte und noch weniger ihr höchst befangnes Wesen . Kurz , aber freundlich entließ die Tante sie gleich in der ersten Minute , und gab ihr nur noch die Weisung mit auf den Weg , sich zu Aurelien zu begeben , die sie in ihrem Zimmer finden würde , umringt von Freundinnen , welche heut mit einander in Geschenken zu ihrem zwanzigsten Geburtstage wetteiferten . Den Geburtstag hatte die arme Gabriele ganz vergessen , und ein Geschenk für die gefürchtete Kusine setzte sie in die höchste Verlegenheit . Sie eilte zurück in ihr Zimmer , ergriff ohne große Wahl eine ihrer besten Zeichnungen und betrat damit athemlos die Schwelle des zierlichen Zimmers , in welchem Aurelia in frischer , einfacher Morgentracht , schön wie der junge Tag , vor einem großen Tische stand , auf dem alles ausgebreitet lag was die Mode in unsern Tagen köstliches und elegantes zum Schmuck der Jugend erfand . Eine Schaar junger Mädchen half ihr alle die Geschenke bewundern , mustern und ordnen , mitten unter ihnen stand Ottokar mit sichtbarer Freude an dem jugendlichen Wesen und Treiben . Die seltensten , schönsten Blumen aller Jahreszeiten und Zonen blüheten und dufteten an Wänden und Fenstern . Gabriele erkannte die Blüthen auf den ersten Blick für die nehmlichen , welche Lorenz vorhin an ihr vorüber trug . Da kommt unser kleiner Eigensinn von gestern Abend , rief Aurelie , als sie Gabrielen erblickte , und trat freundlich der Verlegnen entgegen , die es kaum wagen mochte , ihr bescheidnes Geschenk neben allen jenen Herrlichkeiten zu zeigen . Das ist ja leibhaftig die Gespensterburg deines Vaters , fuhr Aurelia fort , indem sie die Zeichnung besah ; so nimmt sie sich vortrefflich aus , aber behüte mich der Himmel davor , sie in der Wirklichkeit wieder zu sehen ! Gemalt sind die alten Schlösser ganz allerliebst ; auch auf dem Theater oder in Romanen mag ich sie wohl leiden , besonders wenn ganz erschrecklich wundersame Begebenheiten sich darin zutragen , aber sitzt man selbst in solch einem alten Neste und lebt so allein fort , ohne etwas zu erleben , dann thäte man besser , vor Graun und Langeweile zu sterben . Ich wundre mich wirklich , daß ich während der zwei Tage im Schloß Aarheim noch mit dem Leben davon kam . Es ist eine betrübte Existenz ; danke Gott , liebes Kind , daß du ihr entronnen und bei uns bist , du wärst dort auch so eine Art von Käuzlein in den krausen alten Thürmen geworden ; Anlagen hast du dazu , sprach sie lächelnd , indem sie Gabrielen umarmte und sie dann allen ihren gegenwärtigen Freundinnen der Reihe nach vorstellte . Die Menge der Namen rauschte an Gabrielens Ohr vorüber , ohne daß sie einen zu fassen vermochte , nur fiel es ihr auf , daß auch die Gräfin Eugenia sich unter den Glück wünschenden Freundinnen befand . Diese hier zu sehen , hätte sie nach der Scene des gestrigen Abends nicht erwartet , noch weniger in so anscheinend vertrautem Verhältniß mit Aurelien . Alle die jungen Damen waren gegen Gabrielen sehr zuvorkommend freundlich ; aber diese blieb verlegen , sie haßte sich selbst in diesem Moment wegen ihrer Unbehülflichkeit , die sie doch nicht abzuwerfen vermochte . Ihre Bänglichkeit stieg mit jeder Minute , denn sie sah , daß Ottokar ihre Zeichnung aufmerksam betrachtete ; und als er nun vollends die geistreich kühne und dennoch vollendete Ausführung derselben lobte , und sich mit der Frage nach dem Namen des Künstlers an sie wendete , da konnte Gabriele vor gewaltigem Herzklopfen kaum ihre eigne Antwort hören , daß sie selbst unter Anleitung ihrer Mutter sie gezeichnet habe . Er sprach noch einige lobende Worte und verließ bald darauf die Gesellschaft . Gabriele langte bei ihrer Dalling mit dem Gefühl an , als sey eine höchst wichtige Begebenheit vorgefallen , etwas ganz Unerhörtes geschehen , das sie der Einzigen kund thun müsse , die noch in der Welt Theil an ihrem Schicksal nahm ; und dennoch wußte sie nichts zu sagen , was sich nicht in der Erzählung höchst gewöhnlich ausgenommen hätte . Eine nie gefühlte Unruhe trieb sie rastlos umher . Wenn sie ihres ungeschickten Benehmens gegen Aureliens Freundinnen gedachte , wenn sie sich errinnerte , wie jene von ihrem Aeußern und ihrem Betragen irre geführt , sie wie ein Kind behandelt hatten , dem man freundlich thut , damit es nur nicht weine ; dann verging sie fast in der fürchterlichen Qual , sich ihrer selbst zu schämen , denn sie konnte es sich nicht verhehlen , daß sie größtentheils durch eigne Schuld in diesem Lichte erschienen war . Ottokars Lob ihrer Zeichnung vermochte nicht , sie zu trösten , sie glaubte eine Spur ungläubigen Lächelns an ihm bemerkt zu haben , da sie sich selbst nannte , als er nach dem Namen des Künstlers gefragt hatte , und dieß kränkte sie noch tiefer als alles übrige . Frau Dalling selbst war in diesem Moment über die auf den folgenden Morgen bestimmte Trennung von dem Liebling ihres Herzens zu betrübt , als daß sie fähig gewesen wäre , Gabrielen Trost und Muth einzusprechen , sie verstand sogar den Kummer und das beklommne , unruhige Wesen derselben nicht , sondern schrieb alles dem Gefühl zu , von dem sie selbst niedergebeugt ward . Und so wußte die gute Frau nichts beßres zu thun , als Gabrielen recht mütterlich in ihre Arme zu schließen und herzlich mit ihr zu weinen , da diese , von innerm Weh überwunden , zuletzt in heiße , bittre Thränen ausbrach . Gabriele errang auch dießmal ihre gewohnte Fassung zuerst wieder . » Ich will nicht mehr weinen , « sprach sie , trocknete ihre Augen und richtete sich hoch auf . » Laß mich jetzt von dir Abschied nehmen , liebe Dalling , « setzte sie hinzu , » jetzt in dieser ruhigen Stunde , nicht heute Abend , wenn ich erschöpft aus der Gesellschaft komme , nicht morgen früh im Geräusch des Einpackens und der Abreise . Du gehst mit Tagesanbruch von mir , geleite dich Gott , du meine einzige Freundin in dieser Welt , grüße meine Berge , meine Bäume , meine Blumen ; ich war unter ihnen sehr glücklich , aber auch hier werde ich nicht unglücklich seyn , der Gedanke an meine Mutter wird mich vor Unrecht behüten , und alles andre ist zu ertragen . Noch bin ich hier fremd , noch ist mir alles ungewohnt , und der Abstand zwischen jetzt und ehemals ist sehr groß ; aber ich werde mich eingewöhnen und lernen , was mir noch fehlt , um in diesen neuen Verhältnissen mich zurecht zu finden . Mein Vater schickte mich her , um mich für die Welt zu bilden ; sage ihm , daß ich ihm gehorsam seyn und alles thun werde , seinen Wunsch zu erfüllen so viel ich es vermag . Und nun nimm meinen Dank für deine unaussprechliche Liebe und Treue . Sehnen werde ich mich immer nach dir , aber glaube nur , ich weiß es , ich finde auch hier ein Wesen , das ich lieben kann , und bin dann glücklich ; laß dieß nochmals dir zum Troste gesagt seyn , wenn du im Schloß Aarheim sorgend meiner gedenkst . « Bei aller ihrer mühsam errungnen Fassung sah Gabriele dennoch mit Zittern der Stunde entgegen , in welcher sie sich am Abend zur Gesellschaft begeben mußte ; sie fürchtete neue Verlegenheiten , neue Demüthigungen , ohnerachtet sie sich fest vorgenommen hatte , ihre scheue Blödigkeit so viel möglich zu besiegen . Kein Zureden Aureliens und ihrer Kammerjungfern , sogar nicht das Zürnen der Tante hatten sie bewegen können , in ihrer , die tiefste Trauer bezeichnenden Kleidung etwas abzuändern . Selbst dem Bitten ihrer lieben Frau Dalling hatte sie widerstanden , die durch die Wichtigkeit , welche man der Sache gab , in ihrer eignen Ansicht wankend geworden war . » So geh denn , eigensinniges Kind ! « entschied endlich die Tante , des Streitens müde , » geh wie du willst und verdanke dir es selbst , wenn du ausgelacht wirst . « Die vielen Lichter , die emsig hin und her laufenden Diener , die glänzende Versammlung in der langen Reihe prächtig dekorirter Zimmer erregten in Gabrielen jene Art Bangigkeit , welche wohl einen Jeden beim ersten Eintritt in die Welt ergreift , der auch nicht so klösterlich aufwuchs wie sie . Giebt es doch viele in der Gesellschaft , denen dieß Gefühl zeitlebens bleibt , selbst aus den höhern Ständen , die für abstoßend stolz gelten , während sie nur verlegen sind . Wenige von den Gegenwärtigen bemerkten Gabrielens Eintritt in den Saal , aber diese Wenigen staunten beim Anblick des bleichen , der Kindheit kaum entwachsenen Mädchens im langen schwarzwollnen Trauerkleide , dem tief hinunter wallenden Kreppschleier , mit der breiten , die Stirne bedeckenden Schneppe , unter der sich nur einige ihrer wie Gold glänzenden reichen Locken hervordrängten . Der Tante Prophezeihung ward nicht erfüllt , niemanden fiel es ein , zu lachen , aber jedermann wich ihr mit einer Art Aengstlichkeit aus , denn diese dunkle Erscheinung mitten im festlichen Glanze hatte wirklich etwas Geisterartiges . Vergebens blickte Gabriele um sich her und suchte in dem Gewühl , ein bekanntes Gesicht heraus zu finden , sie erblickte keines ; selbst die Gräfin und Aurelia waren nicht gegenwärtig , der Anzug für die Tableaus hielt sie entfernt . Eine schöne Frau mittleren Alters vertrat die Stelle der Frau vom Hause beim Empfang der Gesellschaft . Gabriele fühlte sich mächtig von ihr angezogen , sie glaubte , in ihr eine entfernte Aehnlichkeit mit ihrer Mutter zu finden und konnte kaum den Blick von ihr wenden , aber sie kannte sie nicht und wagte es daher auch nicht , sich ihr zu nähern . So stand Gabriele lange ganz allein , sah , wie überall Gruppen von Bekannten sich bildeten , wie einzelne Paare einander aufsuchten und sich im eifrigen Gespräch von den übrigen absonderten . Niemand suchte sie , niemand hatte ihr etwas freundliches zu sagen , sie war und blieb einsam mitten in der großen Versammlung und ward darüber recht innerlich betrübt . Der Gedanke , wie sie eigentlich eben so verlassen in der ganzen Welt dastehe als hier in der Gesellschaft , fiel mit lastender Schwere auf ihr nach Liebe sich sehnendes Gemüth . Schon war sie im Begriff , sich von alle den Glücklichern zurückzuziehn und in ihr einsames Zimmer zu schleichen , als sie ihre Hand ergriffen fühlte . Es war der freundliche ältliche Mann , dessen unerwartete Anrede sie am vergangnen Abende so erschreckt hatte , und der ihr jetzt den Arm bot , um sie im Gefolge der übrigen Gesellschaft in das zu den Tableaus bestimmte Zimmer zu führen . Eine von Haydns herrlichsten Symphonieen verkündete dort das nahe Aufrauschen des die Darstellung noch verhüllenden Vorhangs . Nie zuvor hatte Gabriele den Einklang vieler Instrumente zugleich gehört , er ergriff sie mit seinem allgewaltigen Zauber , vor welchem alles Beengende von ihr abzufallen schien . Die Töne trugen sie weit weg auf unsichtbaren Flügeln in ihr magisches Reich , sie sprachen mit ihr von ihrer Vergangenheit , von allem , was ehemals sie beglückt hatte , und hauchten ihr neue Freude am Leben und frischen Jugendmuth ein . Die Dämmrung in dem nur durch die Lichter der Nebenzimmer schwacherleuchteten Saal erlaubte es ihr , ungehindert sich ihrem Gefühl zu überlassen ; ihr Führer war neben ihrem Sitz stehen geblieben ; mit dankbarem Vertrauen blickte sie zu ihm auf und entdeckte im nehmlichen Moment dicht neben ihm Ottokars hohe Gestalt , der sie begrüßend sich gegen sie verbeugte . Ein Gruß im gewöhnlichen Gange des Lebens ist gar wenig , aber unendlich viel für den , der vereinzelt in einer großen Gesellschaft , mit dem Gefühl der Verlassenheit dasteht ; dies Zeichen des Bemerktwerdens , gerade von ihm , gab Gabrielen ein so tröstendes Selbstbewußtseyn , daß sie dadurch beruhigt , in den Stand gesetzt ward , sich des eben beginnenden Schauspiels wirklich theilnehmend zu erfreuen . Tante Kleopatra nahm sich auf ihrem königlichen Thron zum Bewundern gut aus . Mit aller ersinnlichen Grazie hielt sie die reiche Perle über den Becher , und hatte keine Ahnung von den Anmerkungen , die links und rechts unter den Zuschauern hingeflüstert wurden . Dreimal senkte sich der Vorhang , dreimal mußte er auf lautes Bitten der Anwesenden sich wieder heben , die alle behaupteten , des herrlichen Anblicks gar nicht müde werden zu können . Am entzücktesten stellte sich die Gräfin Eugenia , ihr Beifall war der rauschendste und kannte weder Maaß noch Ziel , während sie zu gleicher Zeit tausend witzigboshafte Einfälle über die herbstliche Kleopatra und ihren das Schmuckkästchen tragenden Edelknaben den jungen Herren zuflüsterte , die dicht zusammengedrängt hinter ihrem Stuhle standen , ihr aufs kräftigste applaudiren halfen , und dabei jedes ihrer Worte mit allen Zeichen des Beifalls von ihren Lippen gierig auffingen . Sie saß so nahe bei der von ihr ganz übersehenen Gabriele , daß diese keine Sylbe von dem , was sie sprach , verlieren konnte ; auch manches andre spottende Wort einiger der übrigen Anwesenden traf deren Ohr und kontrastirte so sehr mit der , von allen laut ausgesprochnen Bewunderung , daß Gabriele ein innres Grausen über die Falschheit der Menschen empfand , unter denen sie leben sollte . Ihr war zu Muthe , als sey sie unter gespenstische Larven gefallen , die im nächsten Moment sich umwandeln und in eigenthümlicher , fürchterlicher Gestalt dastehen müßten . Wie nach Rettung sah sie ängstlich um sich her . » Seyn sie ruhig , liebes Fräulein ! « flüsterte eine leise Stimme ihr zu , « auch ich sehe und höre , was Sie empört , aber es ist nicht so böse , als Sie in ihrer Unschuld es glauben . « Verwundert blickte Gabriele auf und sah ihren Führer , der noch immer neben ihr stand . Seine Gegenwart erschien ihr in diesem Moment wie ein Trost vom Himmel . » Die Welt , « fuhr der freundliche Mann mit mildem Lächeln fort , indem er zu ihr sich hinabbeugte , » die Welt ist leider lange nicht so gut , als Sie in ihrer Unerfahrenheit es vielleicht noch vor acht Tagen glaubten , aber auch wahrlich lange nicht so arg , als sie jetzt Ihnen vorkommen muß . Diese kleinen Bosheiten , vor denen Sie sich in diesem Augenblick mit Recht entsetzen , werden Ihnen in kurzem ziemlich harmlos scheinen , wenn Sie diese Menschen und ihr wahres Meinen erst näher kennen , denn in der That diese Einfälle haben keinen Zweck und erreichen auch keinen , wie den , für den Moment als witzig bewundert zu werden . Sie werden sich daran gewöhnen und sie endlich ganz gleichgültig betrachten . « » Nie ! nie ! « rief Gabriele so laut , daß sie selbst darüber erschrak , besonders da sie gewahr ward , daß der noch immer in ihrer Nähe sich befindende Ottokar dadurch aufmerksam auf ihr Gespräch gemacht ward . » Gewiß ! « erwiederte ihr Führer leise und beschwichtigend , indem er zugleich auf den sich wieder hebenden Vorhang hinwies . Mehrere Tableaus folgten dem der Kleopatra , alle wurden laut gepriesen und leise bekrittelt , bis ganz zuletzt Aurelia in wahrhaft himmlischer Glorie als Raphaels Jardiniere erschien . Die Kinder standen so anmuthig da , sie selbst war in dieser Stellung mit gesenktem Auge so hinreißend schön , daß sogar der Neid verstummen mußte . Ein einziger Athemzug der Bewunderung säuselte durch die Stille des glänzenden Kreises und löste sich erst spät in lauten Beifall auf . Gabrielens für Freude glänzendes Auge traf auf Ottokarn , Dieser starrte vorgebeugt , wie in Bewunderung verloren , noch immer den Vorhang an , welcher schon lange die holde Erscheinung verhüllt hatte . Als sich Ottokar endlich wandte , traf sein Blick auf Gabrielen , er lächelte ihr in theilnehmendem Entzücken wie einer Bekannten zu , und dieser kleine Zufall durchströmte sie mit Empfindungen , die sie zu verstehen weit entfernt war . Die Gesellschaft vertheilte sich wieder in den Nebenzimmern , um dort die Damen des Hauses nebst den übrigen bei den Tableaus beschäftigt gewesenen Personen zu erwarten und nochmals mit Bewunderung und Dank zu überschütten . Gabriele blieb mit ihrem Begleiter beinah allein in dem dämmernden Saal , und er benutzte diese Pause , um sich ihr als einen Maler zu erkennen zu geben , dessen bedeutender Name im neuern Gebiet der Kunst ihr schon rühmlichst bekannt war . Signor Ernesto hatte man ihn der Landessitte gemäß in Italien genannt , wo jeder Zuname dem Taufnamen weichen muß , und diese Benennung blieb ihm auch in der Gesellschaft , seitdem er vor kurzem nach einem , viele Jahre langen Aufenthalt in Rom , wieder in sein deutsches Vaterland zurückkehrte . » Ich war gestern bei Ihrer Ankunft zugegen , mein theures Fräulein , « sprach Ernesto weiter zu Gabrielen , » ich erkannte in Ihnen beim ersten Blick das Ebenbild Ihrer Mutter ; so wie Sie jetzt vor mir stehen , so sah ich sie einst in Rom , jugendlich blühend , mit glänzendem Auge vor den hohen Wundern der unsterblichen Kunst . Mir ward das seltene Glück , ihr Begleiter auf ihren Wanderungen durch die Königin der Städte , ihr erster Lehrer in der bildenden Kunst zu seyn ; ich werde auch Ihr Lehrer , Gabriele , ich habe mich schon gestern bei der Gräfin dazu erboten , sobald ich den Zweck Ihres hiesigen Aufenthaltes vernahm . Schlagen Sie es mir nicht ab , Sie brauchen einen väterlichen Freund zu Schutz und Rath , der will ich Ihnen werden , und ich kann es nur , wenn der Unterricht im Zeichnen mir Gelegenheit verschafft , Sie täglich ohne äußre Störung zu sehen . Mir ist bei Ihrem Anblick , « fuhr er fort , weil Gabriele schweigend ihm zuhörte , » mir ist , als hätte ich in Ihnen eine geliebte Tochter gefunden , als wäre der schöne Frühling meines Lebens zurückgekehrt , als stünde Auguste und mit ihr Roms alte Herrlichkeit wieder vor meinem frischen jugendlichen Sinn . Und darum will ich auch väterlich um Sie sorgen , Sie leiten auf dem unbekannten , gefährlichen Pfade in der Ihnen so fremden Welt , wenn Sie mich nicht zurückweisen . « Ernesto hätte noch lange fortsprechen können , ohne daß er von ihr unterbrochen worden wäre , sie vermochte sogar kaum , ihm zu antworten , aber ihr beredtes Auge sagte ihm alles , was in ihrem tiefbewegten Gemüthe vorging . Nicht mehr allein und verlassen , hatte sie jetzt einen Freund ihrer Mutter zur Seite , der auch ihr wie ein Bekannter aus früheren Tagen erschien . Mit Entzücken fühlte sie dieß , und alles , was sie umgab , zeigte sich ihr in einem neuen , schönern Licht , die Tante , Aurelia , die ganze Gesellschaft , zu der sie jetzt , von Ernesto begleitet , wie ein fröhliches Kind an der Hand seines Vaters zurückkehrte . Die Gräfin und Aurelia standen mitten in einem dichten Kreise von Bewunderern , die sie mit den ausschweifendsten Lobsprüchen überströmten . Nur mühsam gelang es Gabrielen , bis zu ihnen sich durchzuwinden , und ihr Staunen beim Anblick der rosig blühenden , Freude strahlenden Tante war fast noch größer als gestern . Die Gräfin benutzte die Gelegenheit , ihre Nichte vielen der eben anwesenden Damen vorzustellen , eine Ceremonie , welche noch vor einer Stunde Gabrielen sehr verlegen gemacht hätte , über die sie aber jetzt , durch Ernestos Gegenwart ermuthigt , mit großer Fassung und leidlichem Anstande hinauskam . Die Reihe traf endlich auch die Dame , welche vorhin , während der Abwesenheit der Gräfin , die Stelle derselben beim Empfange der Gesellschaft vertreten hatte , und deren Aehnlichkeit mit ihrer Mutter Gabrielen jetzt , da sie sie in der Nähe sah , mit einer unendlichen Wehmuth erfüllte . Die Gräfin Rosenberg nannte sie Frau von Willnangen , eine nahe Verwandte ihres verstorbenen Gemahls . Gabriele erstarrte beinah , als sie diesen Namen hier hörte , den ihre Mutter ihr nur in Stunden des engsten Vertrauens als den Namen ihres verlornen Jugendfreundes genannt hatte . Aengstlich suchte sie wieder , in Ernestos Nähe zu gelangen , um von ihm zu erfragen , in welchem Verhältniß diese Frau mit Ferdinand von Willnangen gestanden haben mochte , den er gewiß auch gekannt hatte , aber ein Chor von Damen hielt ihn umlagert und machte es ihr unmöglich . Ein Konzert begann jetzt , die letzte Stunde vor der Abendtafel auszufüllen , nach welcher ein Ball die Freuden des Tages beschließen sollte . Die rauschende Symphonie hatte vorhin Gabrielen auf mächtigen Wogen in eine andere Welt versetzt ; jetzt versenkte ein Quartett , von Meistern meisterhaft durchgeführt , sie ganz in sich selbst , die Töne verstummten endlich , aber sie hallten noch in ihrem Innern wieder , und sie saß da , ihnen lauschend , als sie plötzlich von neuem sich erhoben und eine einzige Stimme , voller , reiner als alle , sie übertönte . Gabriele blickte auf und sah Ottokar neben Aurelien am Pianoforte stehen . Beide sangen