ja ein Knabe und schien mir schon deshalb jedes Vorzugs wert , je höher mir nach und nach die Wirksamkeit und Tatkraft des Mannes erschien . Ich weinte nur zuweilen im stillen darüber , daß ich ein Mädchen war , eins der unbedeutenden Wesen , von welchen die Geschichte so wenig sagt , während die Taten der Männer jedes Blatt füllen . Nur als Opfer werden sie genannt . Iphigenia , Virginia - nur Opfer für große Zwecke . So glaubte ich , leidende Geduld sei die notwendige Eigenschaft des Weibes ; aber mein leidenschaftliches Gemüt stand mit dieser Stimmung im ewigen Widerspruch und störte die Harmonie in meinem Charakter . Mein Vater wurde sehr aufmerksam auf mich und fing an , sich mit Ernst um meine Bildung zu bekümmern . Von ihm lernte ich schon früh Englisch , späterhin auch etwas Deutsch . Ich las unsere vorzüglichsten Dichter und auch die der Ausländer in ihrer Sprache . Mein Gemüt war früh poetisch gestimmt , wozu wohl der provenzalische Himmel vieles beitrug . Doch waren es nicht die leichten Liebeslieder meiner Landsleute , woran ich Geschmack fand , mir stellte sich alles zuerst von der erhabenen Seite dar . Eine Ode über den Krieg war meine erste , sehr geheimgehaltene Arbeit ; soweit ich mich ihrer erinnere , freilich sehr fehlerhaft , doch durchaus ohne Vorbild . Überhaupt war ich meist sehr ernst und in mich gekehrt , worüber mich die kleinen Mädchen , meine Gespielen , oft neckten . Ich schwärmte wohl mit ihnen umher und hatte sie alle von Herzen lieb , aber ich war doch nie so ganz Kind als sie . Es machte mir Freude , Blumen mit ihnen zu pflücken und Kränze zu winden , lieber aber saß ich doch mit meinem Vater abends unter unsern Kastanienbäumen und blickte nach dem zahllosen Sternenheere des dunkelblauen Himmels auf . Da war ich unerschöpflich an Fragen , und mein guter Vater antwortete so gern . Er nannte mir die Sternbilder , machte mich aufmerksam auf die Unzählbarkeit der Sonnensysteme , auf die Unendlichkeit des Raumes und der Zeit und knüpfte daran den Begriff von der überschwenglichen Größe und Erhabenheit des Schöpfers . Oft überraschte uns noch die Mitternacht bei diesen Gesprächen , über welche meine Mutter längst eingeschlafen war . Sie liebte diese Unterhaltungen nicht sehr , sahe auch meine fortschreitende Ausbildung nicht allzu gern . Ihre Kindheit hatte sie , nach der Sitte der Zeit , in einem Kloster verlebt . Weibliche Arbeiten , etwas Lesen und Schreiben und häufige Religionsübungen waren dort alle zu erlangenden Kenntnisse gewesen . Mit diesen hatte sie ausgereicht und nun in meinem Vater das Glück ihres Lebens gefunden ; daher bildete sie sich ein , alles , was darüber , sei überflüssig , wo nicht gar vom Übel . Mein Vater ließ sich nicht gern mit ihr in Erörterungen über diesen Punkt ein . Er liebte sie von ganzem Herzen , und sie verdiente es im hohen Grade . Sie war schön und voll Grazie , hatte das beste Herz von der Welt , liebte ihn über alles , war unermüdet für seine kleinen Bedürfnisse besorgt , eine gute Mutter , eine gute Hausfrau , eine Wohltäterin der Dürftigen . Was hätte das Herz eines Mannes noch mehr fordern können ? Auch fühlte sich das Herz meines Vaters völlig befriedigt . Doch sein philosophischer Geist empfand nach und nach immer mehr das Bedürfnis eines Wesens , das in seine Ideen eingehen , mit dem er sich über die Gegenstände unterhalten könnte , die ihm die wichtigsten waren . Er hatte oft versucht , sie dafür auszubilden , aber mit wenig Erfolg . In mir drang sich ihm ein bildsamer Stoff ganz von selbst auf , und mit schöpferischer Liebe legte er Hand an , ohne auf die Menge der Bedenklichkeiten Rücksicht zu nehmen , welche ihn allenfalls davon hätten abmahnen können . Emil , drei Jahre jünger als ich , wurde bald mein treuer Spielgefährte ; wir waren ein Herz und eine Seele . Mein Vater schien seine Zärtlichkeit ganz gleichmäßig zwischen uns zu teilen , so wie seine belehrende Sorgfalt . Es war aber sehr natürlich , daß ich einen starken Vorsprung behielt , auch war der Knabe immer mehr in der Sinnenwelt als in der Ideenwelt zu Hause . Es gibt Augenblicke , wo ich ihn deshalb glücklich preise . Aber ach , die Richtung unsrer Seele liegt außer unsrer Macht , geschieht schon , ehe wir uns dieser bewußt werden , und ist fast angeboren . Wir trieben uns fleißig in der umliegenden Gegend umher und spielten manches verwegene Spiel ; ich im romantischen Sinne ritterlicher Vorzeit , er nach wilder Knabenart . So schaukelten wir uns oft in einem Fischernachen auf der wilden Durance und arbeiteten uns mit Stangen längs den Uferkrümmungen hin ; Emil , um seine Kräfte zu messen mit der Gewalt des Stromes oder um ein Entennest aufzusuchen , im Schilfe ; ich , weil ich in Gedanken Kolumbus begleitete , eine neue Welt zu entdecken und in einer unbekannten Bucht zu landen . Mein Vater kaufte nach einigen Jahren die Ländereien eines benachbarten Klosters , nachdem dieses längst aufgehoben und feilgeboten war . Der Großvater in Aix war gestorben , und ein Teil des Vermögens meiner Mutter konnte nicht vorteilhafter genutzt werden . Diese fühlte wohl anfangs einige Gewissensskrupel darüber , doch wußte sie der Weltgeistliche unsres Kirchsprengels , ein konstitutioneller Priester , zu heben . Überdies bildete sich bei meiner Mutter der Sinn für Erwerb und Besitz mit den Jahren immer mehr aus . Sie wurde eine äußerst emsige Wirtin und ging in die geringsten Kleinigkeiten ein . Mein Vater ließ sie gewähren ; sein Glück ruhete nur auf das Ganze . Ihm war nicht darum zu tun , was er persönlich gewann , sondern wieviel allgemeiner Wohlstand , durch diese oder jene Anlage , verbreitet werden konnte . Für diese seine höheren Zwecke aber war er rastlos tätig , und sein vergrößerter Wirkungskreis ließ ihm bald nur wenig Zeit zum Unterricht für uns übrig ; daher er sich , wiewohl ungern , entschloß , von seinem lieben Emil sich zu trennen . Er brachte ihn nach Aix zu einem seiner ältesten Schulfreunde , welcher dort Professor am Lyzeum war . Meine Mutter war mit dieser Trennung sehr übel zufrieden ; es beruhigte sie nur wenig , daß ihr Liebling sich in den Händen eines der rechtschaffensten , edelsten Männer seiner Zeit befand und sich in dessen Familie bald so einheimisch als in unserm Hause fühlte . Mir selbst kostete dieser Abschied unzählige Tränen , doch richtete ich mich an dem Gedanken auf , daß es zum Besten meines Bruders sei , ja ich beneidete ihn um sein Los . Er sollte ja Griechisch und Lateinisch lernen und konnte einst die Werke der Alten in der Ursprache lesen , mein höchster Wunsch . Für Emil war diese Aussicht nicht so reizend . Er hatte kein gutes Wortgedächtnis , und das Erlernen fremder Sprachen wurde ihm sehr schwer ; dagegen rechnete er mit Leichtigkeit und machte Fortschritte in der Mathematik . Mit diesem geliebten Bruder schien der Genius der Freude aus unserem Hause gewichen . Meine Mutter vergrub sich , um ihrem Schmerze zu entfliehen , nur tiefer in Geschäfte . Sie fing an , sehr mißfällig zu bemerken , daß mir ein ihr gleicher Sinn für das kleine häusliche Tun und Treiben fehle . Sie wollte mich durch Verweise dazu antreiben , es mangelte ihr aber Geduld , auch ward sie , bei ihrer raschen Tätigkeit , behindert , mich durch allmähliche Gewöhnung dazu tüchtig zu machen . Es fehlte mir nicht an gutem Willen , aber ich wußte es durchaus nicht anzustellen , und ein harter Vorwurf bei einer kleinen Unbeholfenheit scheuchte mich auf längere Zeit von den Geschäften . Ich flüchtete mich in einen einsamen Winkel , zu meinen Büchern . Sie schalt dann zwar heftig auf das Lesen ; doch mochte sie es mir nicht ganz verbieten , weil mein Vater es in Schutz nahm und ihren unwilligen Äußerungen immer eine ruhige Freundlichkeit entgegensetzte . » Klärchen , liebes Klärchen « , pflegte er zu sagen , » wolltest du denn , daß alle Bäume deines Gartens nur einerlei Art wären ? Der Apfelbaum ist nützlich , aber auch die Granate in ihrer Blüte die Zierde des Gartens . Laß doch Virginien gewähren ; willst du gewaltsam in ihre Eigentümlichkeit eingreifen , so zerstörst du ihre innere Harmonie . « Er versuchte nun seinerseits , mich in Tätigkeit zu setzen , und mit weit besserem Erfolg . Er hatte große Maulbeerpflanzungen angelegt und richtete einen Teil der Klostergebäude für den Seidenbau ein . Alle Kinder der Landleute auf seinen Besitzungen wurden aufgeboten zur Wartung und Pflege der Seidenraupen . Die Arbeit war leicht , und auch die Kleinsten konnten Blätter sammeln und den Würmern vorlegen . Kraftlose Greise und Mütterchen , welchen der Feldbau zu schwer war , halfen dabei . Der sehr ansehnliche Ertrag wurde gleichmäßig verteilt und erhöhete den Wohlstand der ganzen Gegend . Ich führte , unter Anleitung des Vaters , die Oberaufsicht , und ganz zu seiner Zufriedenheit . Mit der Morgensonne war ich auf , und immer aufmerksam auf den Gang der Geschäfte , behende und geschickt in allen Handgriffen . Beim Abhaspeln der Seide war ich die fertigste und sorgsamste Arbeiterin . Mit gleichem Erfolge stellte er mich bei der Weinlese an , wo ich dafür sorgte , daß die Beeren , behutsam und eigen , von der Traube gekämmt wurden , welches unserem Wein einen großen Vorzug vor allen Weinen der Provinz gab . Bei allen solchen Geschäften , welche nur tage oder wochenlang dauerten und in großer Gemeinschaft betrieben wurden , war ich unermüdet tätig und in hohem Grade vergnügt und fröhlich . Wir sangen Romanzen und Rundgesänge , erzählten Märchen und Novellen , immer brachte ich neue mit , und jung und alt liebte mich herzlich . Aber wenn ich wieder zurücktrat in den alltäglichen Gang des häuslichen Lebens , da fühlte ich meine Tätigkeit plötzlich gelähmt . Die kleinen , immer wiederkommenden Sorgen des Haushalts vermochten nicht , meine Seele zu füllen , und mein Geist kehrte heißhungrig in die Ideenwelt zurück . Nicht die Geschichte der vergangenen Zeiten allein war es jetzt , was mich beschäftigte , ich nahm an den Begebenheiten unserer Tage den lebhaftesten Anteil . Von meiner frühesten Kindheit an hatte ich mich gewöhnt , alles nach den Mustern der Alten zu beurteilen , und so mußten meine Ansichten ganz verschieden sein von den Ansichten derer , welche von einem andern Standpunkt auf die Dinge sahen . Mein Vater schien in demselben Falle gewesen zu sein . Als des gutmütigen Ludwig Haupt unter der Guillotine fiel , sah ich ihn tief betrübt . » Es ist traurig « , sagte er , » daß es bis dahin kommen mußte ! « O hätte der edle König sich doch gleich anfangs losmachen können von den anerzogenen Begriffen , sich mit Aufrichtigkeit der Sache des Volks angeschlossen - es wäre um vieles anders und besser geworden . Aber es war fast in seiner Lage unmöglich , der Einfluß seiner Umgebungen war zu mächtig , die Ränke der Ausgewanderten und ihrer Verbündeten waren zu eingreifend , es konnte fast nicht anders enden . Er fiel als ein großes Opfer der Freiheit , ein reines schuldloses Opfer ! Möge es die unterirdischen Götter versöhnen ! Die Nachwelt nennt ihn mit Recht einen Heiligen . Die Schreckenszeit erfüllte meinen Vater mit Grausen . Sie war aber durch die hohe Erbitterung der verbündeten Mächte fast unvermeidlich herbeigeführt worden . Die Integrität der jungen Republik schien fast nicht anders zu retten als , wenn es sein müßte , mit Aufopferung eines großen Teils der gegenwärtigen Generation . Die Umstände trafen schrecklich zusammen , und die Menschlichkeit mußte der Vaterlandsliebe weichen . Daneben kam so oft die Erhaltung der einzelnen mit der Erhaltung der Nation in Streit , und dieser wird fast niemals ohne Blut geschlichtet . Meines Vaters sanftes , menschliches Herz litt schmerzlich während dieser Zeit , und er dankte dem Himmel für den Entschluß , sich schon früh in die ländliche Stille geflüchtet zu haben ; doch tadelte er auch die härteren Naturen nicht , welche es versuchten , das mast- und steuerlose Schiff des Vaterlandes durch die schäumende Brandung zu führen . Er gedachte oft der beiden Brutus , von welchen der eine seine Söhne hinrichten ließ , weil sie einer Verbindung mit dem verbannten Tarquinius sich schuldig gemacht , der andre den Dolch in den Busen seines Freundes , vielleicht seines Vaters , stieß , als dieser die Republik vernichten zu wollen strebte . Das Schicksal der Girondisten erregte seine Teilnahme im höchsten Grade . Meist waren alle seine Freunde , edle Männer , voll redlichen Eifers für das Beste des Vaterlandes und voll Einsicht , es fehlte ihnen aber die Festigkeit ihrer Gegner , und sie mußten unterliegen , in einem Zeitpunkte , wo Frankreich der Kraftfülle vorzüglich bedurfte . Hätten sie sich dem Vaterlande , durch kluges Zurückziehen bis zum Friedensschluß , erhalten , sie würden es beglückt haben . Mich ergriff besonders das Schicksal der Bürgerin Roland . Oft habe ich in spätern Jahren geweint , wenn ich den ewig unvergeßlichen , einer Römerin würdigen Brief las , welchen sie aus dem Gefängnisse geschrieben . Selbst Charlotte Corday , meine gefeierte Heldin , übertraf dieses große Weib an Charakterstärke nicht . Als Robespierre gestürzt wurde , atmete Frankreich freier . » Die Menschheit muß sich seines Todes freuen « , sagte mein Vater , » sie wird ihm fluchen , er war ein Tyrann ; und doch glaubte er es zu ihrem Besten zu sein . Er war kein Heuchler , nur ein tugendhafter Schwärmer , doch seine Tugend war hart und rauh . « Waren gleich , nach der Katastrophe vom 9. Thermidor , die Elemente bei weitem noch nicht beruhigt , so hatten doch die fürchterlichsten Ausbrüche des Vulkans nachgelassen , und vertrauter mit ihnen geworden , achtete man der nachfolgenden , immer schwächeren Erschütterungen wenig . Jedes Auge fast wendete sich dem Kriegsschauplatze zu , wo der Ruhm über den französischen Fahnen schwebte . Der alte kriegerische Geist meines Volkes erwachte in neuer Stärke , Galliens Ritterzeiten kehrten wieder . Auch in unsrem friedlichen Tale wurde meistenteils nur vom Kriege geredet . Unsere Knaben warfen Ball und Kreisel beiseite und spielten Kriegsspiele , unsre Mädchen sangen den Marseiller Hymnus . Mein Vater las öfter als sonst die Zeitungen in Gesellschaft seines Freundes , unsers trefflichen Pfarrers , und ihre begeisterten Gespräche dauerten bis spät in die Nacht hinein ; ich wurde nicht müde , ihnen zuzuhören . Selbst eine fleißige Zeitungsleserin geworden , stand ich oft schon mit der Sonne auf , um dem Postboten des nächsten Fleckens entgegenzugehn , die Blätter schnell zu durchlaufen und dem Vater schon beim Erwachen eine frohe Siegesnachricht zurufen zu können . Von allen diesen früheren Begebenheiten machte der Übergang über die Bocchetta den stärksten Eindruck auf mich . Hannibal hatte , zur Verwunderung der Römer , diese unwegsame Straße betreten , kein Heerführer nach ihm es gewagt . Nun war Buonaparte der zweite kühne Sterbliche , welcher sich hier Bahn brach . Dieses einzige , damals so angestaunte Unternehmen stellte mit einem Schlag den jugendlichen Helden in Riesengröße vor meine Phantasie . Alle Heroen der Vorwelt , bei deren Taten mein junges Herz gepocht , traten jetzt , in ein einziges Bild verschmolzen , ins Leben , in die Wirklichkeit heraus . Meine Einbildungskraft schmückte dieses herrliche Bild mit allen Reizen männlicher Schönheit und stellte es als Idol auf den Altar meines Herzens . Du wirst lachen , Adele , aber bedenke , daß ich in der Provence geboren bin , wo man früher und heißer empfindet als in Deinem kalten England , bedenke , daß Gesänge der Troubadours meine Wiegenlieder waren und daß ich in der Ideenwelt , unter Heroenbildern aufwuchs . Die Vergötterung meines Helden schallte mir aus jedem Munde entgegen ; mein Vater und der Pfarrer waren von Bewunderung für ihn durchdrungen , und dies steigerte meine Neigung bis zur Schwärmerei . Ich weiß , Adele , nach Deiner leichten Sinnesart spottest Du über diese abenteuerliche Liebe , aber ich erröte nicht . Ich ergötze mich noch in diesem Augenblick an den verblichenen Farben jener Gefühle und würde die ganze Wirklichkeit meines jetzigen Lebens um die Träume meiner Kindheit geben . Ich schäme mich selbst nicht , Dir mein kindisches Opfer zu erzählen , dessen Grund ich damals , sowie überhaupt meine Neigung , tief verhehlte . Als mein Held nach Ägypten ging , erbebte ich ; noch mehr , als unsre Flotte geschlagen und ihm der Rückweg abgeschnitten schien . Da schlich ich mich eines Abends in die entlegene Waldkapelle und kniete vor dem Altar der Heiligen Jungfrau nieder . Es dämmerte schaurig um mich her , die efeuumrankten , buntgemalten Fensterscheiben ließen nur spärlich das Licht der untergehenden Sonne ein . Mitten im Gebet schnitt ich meine langen , schönen Locken ab , legte sie auf den Altar und sprach laut das Gelübde aus , mein Haar nicht eher wieder wachsen zu lassen , es nicht eher wieder mit Blumen zu schmücken , bis er zurückgekehrt sei , den ich dem Schutz der Gebenedeiten und allen Heiligen empfahl . Indem ich mich aufrichtete , brach ein Strahl der scheidenden Sonne durch ein Fenster hinter mir und rötete das Angesicht der Jungfrau , welche mir zu lächeln schien . Voll freudiger Hoffnung ging ich nach Hause , wo mich alle mit Erstaunen empfingen . Hocherrötend gestand ich , mein Haar auf dem Altar der Jungfrau geopfert zu haben , und gab stockend als Grund an , einmal gelesen zu haben , daß die griechischen Mädchen , beim Austritt aus der Kindheit , eine Locke den Grazien zu opfern pflegten . Meine Mutter schalt sehr heftig und konnte sich gar nicht zufriedengeben . Mein Vater schien den Sinn meines Opfers zum Teil zu ahnden . Er legte lächelnd die Hand auf meinen Scheitel . » Kleine Schwärmerin « , sagte er , » vielleicht dachtest du auch an jene Weiber , welche ihr Haar zu Bogensehnen hergaben , als Opfer für das Vaterland ! « Erglühend küßte ich seine Hand . » Beruhige dich « , fuhr er fort , » die Gelübde der Unschuld sind gewiß der Gottheit angenehm . « Um gleich in der Reihefolge dieser Neigung zu bleiben , will ich hier erzählen , was sich erst zwei Jahre später begab . Ich hatte mein zwölftes Jahr angetreten , unser Emil war seit einigen Wochen von uns geschieden , um , wie ich schon früher gesagt , in Aix erzogen zu werden . Buonaparte war aus Ägypten zurückgekehrt , er hatte das von Faktionen zerrissene Vaterland gerettet , die Flamme des greulichen Bürgerkrieges gelöscht und mit kräftiger Hand das Steuerruder des Staates gefaßt . Auf ihn gründeten alle Parteien ihre Hoffnungen . Die Gemäßigten hofften feste Ordnung und Gesetzlichkeit - und täuschten sich nicht ; die Republikaner Freiheit - man ließ ihnen soviel davon in Form und Wesen , als sich nur mit der Größe des Reichs und dem Grade seiner moralischen Bildung vertrug ; die Ausgewanderten Wiederherstellung der alten Zeit und der Bourbons - sie mußten sich betriegen ; die Aristokraten , die Ehrgeizigen Glanz und Würde - sie haben davon mehr durchgesetzt , als gut war . Der Erste Konsul wurde von ganz Frankreich vergöttert . Der kühne Held ging wieder über den Simplon , auf unwegsamen Pfaden , sein treues , begeistertes Heer trug das Geschütz auf den Schultern hinüber . Der Sieg bei Marengo wurde erfochten , und die Völker Italiens wurden frei . Jedes Gemüt , welches sich von dem klassischen Boden angezogen fühlte , war leidenschaftlich bewegt ; man hoffte , die Nachkommen der Griechen und Römer würden aus ihrem langen Schlaf erwachen . Wir hatten die frühe Weinlese begonnen , als der Sieger bei Marengo von seinem Zuge zurückkehrte . Er hatte aus Laune , vielleicht auch , um diesen Landstrich näher kennenzulernen , die gerade Straße verlassen , gedachte bei Avignon über die Rhône und durch Languedoc erst nach Paris zu gehn . Ein Zufall führte ihn nach Chaumerive . Mein Vater beeilte sich , dem Ersten Konsul seinen Glückwunsch zu bringen . Er hatte diesen , als Jüngling , in den ersten Monden der Revolution kennengelernt und Gelegenheit gehabt , ihm einen Dienst zu erweisen . Buonaparte erinnerte sich dessen sogleich , als er meinen Vater erblickte , und zeigte sich demselben äußerst verbindlich und liebenswürdig . Er unterrichtete sich über seine ganze Lage und näheren Verhältnisse und pries ihn glücklich in seinem unbekannten , ruhigen Leben . » Mir wird es so gut nie werden ! « setzte er mit einem tieferen Atemzuge hinzu , » ich bin an Ixions Rad gebunden . « Indem kam ich von den Weinbergen daher . Ich hatte die schönsten Trauben und Pfirsichen , welche meine Mutter so sehr liebte , in ein Körbchen gesammelt und für diese mitgebracht . Im Vorbeigehn an einem Lorbeergebüsch hatte ich einige der schönsten Zweige gepflückt , sie spielend zu einem vollen Kranze gewunden und über die Früchte gelegt . » Virginia ! « rief mein Vater mir entgegen , » dein Lieblingswunsch ist erhört . Du siehst hier den größten Helden des Jahrhunderts vor dir . « Wie vom Blitze gerührt , blieb ich stehen . Er war es , Er ! der Gedanke meiner einsamen Stunden , der Traum meiner Nächte . Wie ähnlich meinem Bilde und wie unähnlich zugleich ? Du hast sein Gemälde von David gesehen , es gleicht ; nur freundlicher war sein Mund , sein Lächeln bezaubernd . Ebenso liebenswürdig hatte meine Phantasie ihn gemalt , nur größer die Verhältnisse . Aber was sie ihm nicht zu geben vermocht , war die Hoheit seines Auges , dieser Herrscherblick , welcher mich im Nu so tief und klein vor ihn stellte , daß ich die Augen nicht zu erheben wagte . Ich , die geborene Republikanerin und stolz auf Freiheit , Gleichheit und Menschenwert , kniete vor ihm nieder , ohne zu wissen , was ich tat , und legte das Körbchen mit dem Kranze zu seinen Füßen . Er hob mich mit einiger Verlegenheit auf , küßte mich auf die Stirn , nahm den Korb und dankte in abgerissenen Worten für die feine Überraschung . » Virginia stellte in dem Augenblicke das dankbare Vaterland dar « , sagte mein Vater . » Ich bin dem Vaterlande viel größere Dankbarkeit schuldig « , erwiderte der Held , indem eine freundliche Neigung gegen mich den Worten Doppelsinn gab . » Wollte der Himmel « , setzte er hinzu und nahm eine Traube , » daß meine Lorbeern für dasselbe immer von so süßen Früchten begleitet sein möchten ! « Bald darauf reiste er ab , indem er meine Gabe eigenhändig zum Wagen trug , aus welchem er mich noch mehrere Male , mit Hand und Blick , grüßte . Ich blieb in einer sehr veränderten Stimmung zurück . Meine Phantasie schwieg , aber ich fühlte mich von einer Ergebenheit durchdrungen , welche ich , bei meiner freien Erziehung , selbst nicht für meinen Vater empfunden . Dieser war mit der Szene nicht so ganz zufrieden . » Die Überreichung des Lorbeers und der Früchte war ganz hübsch « , sagte er , » ich hätte sie aber stehend dargebracht . « - » Ich konnte nicht anders « , erwiderte ich , » eine höhere Macht warf mich nieder , wie vor dem Beherrscher des Erdkreises . « Der Nachklang jenes Gefühls hat immerfort in meiner Seele leise getönt , als dieser kleine Vorfall in meinem Kreise längst vergessen war und ich selbst seiner kaum mehr gedachte . Überhaupt ist vorherrschende Eigenschaft meines Gemüts , daß es einmal empfangene Eindrücke mit fast starrer Treue bewahrt . Ich kann durchaus nicht wechseln mit Neigung und Abneigung , vielleicht mit daher , weil meine Neigung so ganz frei von aller Selbstsucht entsteht . Die Welt liebt und haßt nur nach eigenem Vorteil ; sie vergöttert , was ihr zu frommen scheint , verdammt , was ihr schädlich zu werden droht ; und scheint sie auch einmal für eine Idee zu handeln , gewiß liegen hinter dieser Idee Wohlleben , Glanz und Putz als Grundursachen derselben tief versteckt . Ruhe , Wohlstand und Ordnung wurden immer mehr in Frankreich hergestellt und gesichert . Das Volk fühlte sich geehrt und glücklich ; es wünschte sich den Schutzgott seines Glücks auf immer zu erhalten und kam den Wünschen Napoleons entgegen , welcher endlich den Kaisertitel annahm und sich mit allem Glanze des Thrones umgab , wodurch er sich vielleicht einen sicherern , Ehrfurcht gebietenden Standpunkt gegen das Ausland und seine Ränke zu geben glaubte . Gewiß hatte desselben rastlose Einwirkung den größten Anteil an dieser Katastrophe . Die Ausgewanderten und ihre Verbündeten sahen sich in ihren Erwartungen getäuscht und schnaubten Rache . England fürchtete für seine Alleinherrschaft über die Meere , wenn Frankreich , unter der Regierung eines kräftigen Geistes , die Hülfsquellen benutzen lernte , welche die Natur ihm verliehen ; und folglich wendete es seinen ganzen Einfluß auf dem festen Lande dazu an , den gefährlichen Nebenbuhler niederzudrücken . Der Kontinent ist nur zu willig gewesen , in seine Absichten einzugehen , und wahrscheinlich wird erst nach einem halben Jahrhundert einleuchten , welche Fehlgriffe man getan . Mein Vater war über diese neuen Ereignisse betroffen und verstimmt . Er hatte sich für die Idee eines Ersten Konsuls den großen Washington zum Muster genommen . Der Pfarrer redete ihm auf vielfache Weise zu ; er machte ihn aufmerksam auf die große Verschiedenheit in der Lage der beiden Reiche . » Dort bildete sich erst ein Staat « , sprach er , » hier war einer zerstört . Amerika war menschenarm , die Geisteskultur dort noch nicht sehr ausgebreitet , und die Sitten waren einfach . Welch ein Unterschied in Frankreich , wo Übervölkerung , Überbildung und Luxus die höchste Reibung hervorbringen mußten . Amerika war durch Meere gesichert , Frankreich rings von scheelsüchtigen , schlagfertigen Nachbarn umgeben , es bedurfte eines Heldenarmes zu seiner Aufrechthaltung . Aber dieser Führer durfte nicht dem Wechsel unterworfen bleiben , wenn die innere Ruhe nicht gefährdet werden sollte ; er mußte mit Glanz umgeben werden , weil leider Eitelkeit die Schoßsünde meines Volkes ist . « Soweit der Pfarrer . Er ehrte vorzüglich Napoleon , weil dieser die Religion schützte und aufrechthielt ; auch meine Mutter nahm deshalb lebhaft seine Partei . Mein Vater ehrte die Religion und das höchste Wesen mit der größten Innigkeit ; er behauptete aber , jene bedürfe keines besonderen Schutzes , der herrschende Kultus sei nur das Kleid , nicht das Wesen der Religion . Ich schwieg zu allen diesen Verhandlungen , aber meine Überzeugung war auf seiten des Pfarrers . Damals hatte ich die Geschichte Caesars und seines Zeitalters fleißiger als je studiert . Ich konnte zwar dem Brutus meine Achtung nicht versagen , es leuchtete mir aber ein , daß er von dem neidischen Cassius und seinen Mitverschworenen irregeleitet worden und daß er über seine grübelnde Philosophie das Studium seines Volkes und seiner Zeit versäumt habe . Eines Caesars bedurfte Rom ; es mordete ihn und fiel in die Hände eines listigen Octavius . Soviel man aber auch stritt , ob Napoleon hätte die Krone annehmen sollen , so hörte ich doch nie einen Zweifel gegen die Rechtmäßigkeit des Besitzes . Der Thron war durch den Gesamtwillen des Volkes schon seit fast zehn Jahren erledigt , und der jetzige Inhaber hatte ihn , nachdem er das Reich vom Untergange gerettet , mit Zustimmung der Mehrzahl bestiegen . Wenige Dynastien werden ihren Ursprung aus einer besseren Quelle herleiten können . Daß der Thron noch Prätendenten hatte , konnte dem Volke kein Hindernis scheinen , da es die Ansprüche dieser nicht anerkannte ; ja selbst das Ausland konnte nicht ohne Heuchelei diesen Grund als Ursache seiner Abneigung angeben ; denn die Geschichte erhält noch in sehr frischem Andenken , daß die Moralität von Europa sich gar nicht beleidigt fand durch die harte Zurückweisung und Zurücksetzung der englischen Prätendenten . Daß Napoleon aus keiner fürstlichen Familie herstammte , konnte der Mehrzahl des Volkes kein Ärgernis sein . Der Freiheitsgeist unterwirft sich lieber dem Genie als der Geburt ; nur Neid und Ehrgeiz fragten ganz insgeheim : » Warum nicht ich ? « Die Fürstenhöfe freilich hatten , von ihrem Standpunkte aus , eine andre Ansicht . Ihren Dienern und Anhängern ist Moses ' Schöpfungsgeschichte bloß deshalb eine Fabel , weil , nach seiner Erzählung , nur ein Menschenpaar geschaffen wurde . Gern möchten sie den Mythos der Schöpfung dahin ausbilden , daß Gott Fürsten , Adel , Priester , Bürger und Bauern , jedes als ein eigenes Geschlecht , geschaffen , wie Wölfe , Füchse , Hasen und Schafe . Mir hat immer so geschienen , als habe diese Ansicht das Unglück der Welt gemacht . Wirkungen und Rückwirkungen sind einander so unaufhaltsam gefolgt und begegnet , daß die Mitwelt schwerlich ohne Parteilichkeit darüber ein Endurteil sprechen kann . Meinem Vater schienen sich nach und nach dieselben Bemerkungen aufzudrängen . Er hatte den Frieden von Amiens benutzt , um persönlich beim Ersten Konsul Eure Rückkehr auszuwirken , ein Beweis , wie sehr er den mächtigen Mann ehrte , keinen andern hätte er darum gebeten . Ihr wurdet von der Liste der Ausgewanderten gestrichen . Deine gute Mutter benutzte die erteilte Erlaubnis , um ihrer geschwächten Gesundheit willen und um ihren geliebten Bruder wiederzusehn , mit vieler Freude ; Dein Vater gab seine Einwilligung , wahrscheinlich aus ökonomischen und politischen Rücksichten , und so kamst Du , meine geliebte Adele , mit Deiner Mutter zu uns .