Fremden schauten . Es waren der Kinder in allem fünfundfünzig ; die Knaben saßen auf der einen , die Mägdlein auf der andern Seite . Nachdem sie Alle versammelt waren , sprach Oswald mit lauter Stimme : » Ihr lieben Kindlein , lasset uns vor allen Dingen erst vor dem allgegenwärtigen lieben Gott , unserm Vater , uns demüthigen , und ihm unsere Gedanken und Bitten ehrfurchtsvoll vortragen . « Und wie er dies sprach , falteten alle fünfundfünzig Kinder ihre Händlein und sanken auf die Knie , still vor sich zur Erde schauend . Auch Oswald kniete nieder ; und der Herr Pfarrer und die Rathsherren aus der Stadt , da sie alles sich demüthigen sahen vor dem Ewigen , folgten dem Beispiel Aller und knieten auch . Dann las der Schulmeister ein schönes , rührendes Gebet , welches vor ihm auf dem Stuhle lag . Es war so verständlich abgefaßt , daß es auch dem Verstande des kleinen sechsjährigen Kindes begreiflich war . Das bewegte das Herz eines der Rathsherren so tief , daß ihm die Augen voller Thränen wurden . Dann standen Alle auf , und die Aeltesten der Schule , indem sie auf eine mit Noten und Worten beschriebene schwarze Tafel sahen , sangen mit sanfter Stimme vierstimmig ein schönes Morgenlied . Die Kleinen sumseten den Gesang für sich ganz leise nach . Darauf lasen die bessern Leser aus einem Buche , abwechselnd einen frommen Vers ; jede Zeile aber ward von der ganzen Schule mit halblauter Stimme nachgesprochen , dann das Buch geschlossen , und erst von der Schule , dann wieder von einzelnen Kindern , die Oswald aufrief , der fromme Vers auswendig hergesagt . Nach diesem wandten sich die Kinder in vier Haufen nach vier verschiedenen Seiten vor eben so viele schwarze Tafeln , auf welchen theils lateinische , theils deutsche Buchstaben , theils Sylben , theils ganze Zeilen in großer Vorschrift geschrieben zu sehen waren . Alle schrieben und malten auf Rechentafeln mit Dinte und Feder die Vorschriften nach . Oswald ging von Kind zu Kind , belobte das eine , belehrte das andere , ließ das dritte Feder und Griffel besser halten , und dergleichen mehr . Nach einer Stunde theilten sich die Kinder wieder in vier Haufen , und man sah statt eines Schulmeisters vier Schulmeister . Denn die , welche am besten lesen konnten , stellten auf den schwarzen Tafeln gedruckte lateinische oder deutsche Buchstabe einzeln oder in Sylben oder ganzen Sätzen auf , wie Oswald es angab . Die Buchstaben waren auf Pappe geklebt , beweglich und einzeln . Dann sah Oswald nach , ob Alles recht gemacht sei ; und jeder der kleinen Schulmeister ließ seinen Haufen die Buchstaben , die Sylben , die Wörter und Sätze sprechen mit halblauter Stimme . Keiner störte den Andern . Oswalds Auge und Ohr war bei Allen , und mit leiser Stimme half er bald links , bald rechts nach . Und abermals nach einer Stunde vertheilten sich die Haufen , und statt der Buchstaben kamen Zahlen und Rechenexempel auf die schwarzen Tafeln , und neue Lehrmeister und Lehrmeisterinnen dazu ; und die Einen sprachen Zahlen zusammen , die Andern addirten , die Dritten subtrahirten , die Vierten sagten das Einmaleins , und so weiter . Den besten Rechnern gab Oswald geschriebene Exempel , die rechneten für sich . Am Ende sagte Jeder an , was er herausgebracht . Oswald sah in einem Büchlein nach , worin die gelösten Aufgaben standen , und sagte auf der Stelle , ob recht oder falsch . Gar bewundernswürdig war die Stille , die Ordnung , die Lernbegierde Aller . So etwas hatten die Rathsherren und der Pfarrer in ihrem Leben noch nicht gesehen . Als nun so der Morgen vollbracht war , begaben sich die Kinder , den Schulmeister und die Fremden grüßend , still hinweg . Draußen aber war frohes Gelächter und lauter Jubel der Kleinen . Und Nachmittags sah man in der Schule die Kinder wieder vor den schwarzen Tafeln . Da zeichneten sie künstliche Figuren von geraden und krummen Linien auf ihren Rechentafeln und Papieren , einige sogar schon Umrisse von Blumen und wunderbaren Gefäßen . Dies gethan , lasen die besten Leser aus einem Buche lustige und lehrreiche Geschichten und Gespräche vor . Da hätte man die Freude der Kinder sehen sollen über alles das , was sie hörten . Dann befahl Oswald denen , die am besten schreiben konnten , die angehörte Geschichte aufzuschreiben und ihm morgen zu bringen , doch keine Fehler gegen die Rechtschreibung zu begehen . Zuletzt nannte Oswald öffentlich mit Lobspruch die Namen derer , die an diesem Tage ihre Sache am besten gethan . Und weil derselben sechs waren , machte er Allen die Freude , ihnen noch eine Stunde lang etwas Schönes zu erzählen . Und er erzählte ihnen eine ganz erschreckliche Geschichte von einem Manne , der in der strengsten Winterkälte auf der Landstraße schläfrig geworden und erfroren sei , daß man ihn todt in ein Dorf gebracht ; und wie unwissende Bauern ihn haben sogleich in eine warme Stube legen und aufthauen wollen . Aber ein geschickter Arzt sei gekommen , habe den Erfrorenen entkleidet und bis an die Nase in Schnee vergraben , nachher sogar in eiskaltes Wasser gelegt , daß um die Gliedmaßen dünnes Eis geworden ; dann habe er den Leib in kalte Betten in ein ungeheiztes Zimmer gebracht , mit Wollentüchern stark gerieben , bis der Todtgeglaubte wieder zum Leben gekommen wäre . Wie das zugegangen , erklärte Oswald Alles . So war der Schultag zu Ende . 9. Von der Sonntagsschule , und dem Vorfall in der Mühle . So und auf andere Weise unterrichtete Oswald die Schulkinder ; alle Tage hatte er etwas Neues für sie . Die Rathsherren und der Herr Pfarrer gaben ihm große Lobsprüche und nannten ihn den vortrefflichsten Schulmeister im Lande . Das konnten die Bauern in Goldenthal nicht begreifen , und sprachen unter einander : » Wie will ' s doch der Oswald besser verstehen , als die alten Schulmeister , die wir in unserer Jugend gehabt ? Aber er kann allerlei Blendwerk machen , und hat es selbst dem Pfarrer und den Rathsherren angethan . Ganz richtig ist es mit ihm nicht ! « Im Sommer war zu Goldenthal nie Schule gehalten worden ; denn die größern Kinder mußten den Aeltern in Feld- und Hausgeschäften helfen . Aber Oswald nahm auch im Sommer die Kleinern zu sich , und unterrichtete sie einige Stunden , und gab ihnen bei sich zu spielen , oder kleine Geschäfte in seinem Garten und Feld , wohin sie ihn begleiteten und Steinchen aus dem Acker trugen , Unkraut jäteten und dergleichen . Als das die andern Kinder sahen , baten sie Oswald beweglich , sie nicht zu vergessen , und er nahm sie , wenn Feierabend war , auch noch zu sich und setzte den Unterricht mit ihnen fort . An Sonn- und Festtagen ging er mit ihnen sogar spazieren in Feld und Wald ; zeigte ihnen die giftigen Kräuter und erzählte gräuelhafte Geschichten davon ; oder er erzählte ihnen vom Leben und der Haushaltung der Thiere , der zahmen und wilden ; von den Quellen , Strömen und Meeren ; von den Bergen und Höhlen ; von den Ländern und Menschen auf Erden ; von den Sternen , und wie weit sie von uns entfernt wären und wie groß . Das hatte er Alles gesehen und in Büchern gelesen . Als das die großen erwachsenen Bursche im Dorfe sahen , bekamen einige Lust , Sonntags ebenfalls bei Oswald zu sein . Und er erlaubte es ihnen , denn ihre große Unwissenheit jammerte ihn . Und er lehrte sie noch allerlei , und gab ihnen auf , was sie in müßigen Stunden der Woche zu Hause lesen , rechnen und schreiben mußten . Das ging er dann Sonntags mit ihnen durch . So ward es eine wahre Sonntagsschule . Und es kamen immer mehr junge Leute dazu . Wer aber nicht sehr reinlich einherging , wer die Wirthshäuser besuchte , wer Karten spielte , wer jemals schwor und fluchte oder einen Raufhandel hatte , den stieß er von sich . Er war ihr Schiedsrichter , und that doch immer , als wäre er Ihresgleichen . Sie halfen ihm dankbar auch in der Woche gern bei der Feldarbeit , ohne daß er es forderte . Die jungen Leute aber , welche es mit Oswald hielten , wurden von ihren Kameraden im Dorfe ausgelacht und verspottet ; man hängte ihnen Uebelnamen an , hieß sie Schulmeister und Gelehrte , und spielte ihnen allerlei Possen . Und die Gemeindsvorsteher sahen es gern , wenn man den Oswald und seine Freunde verfolgte ; denn sie fürchteten , er wolle sich Anhang machen , um einst an ihre Stelle gewählt zu werden . Darum sagten sie ihm alles ersinnliche Böse nach , und wiegelten bei jeder Gelegenheit die Bauern und deren Weiber gegen ihn auf . - Oswald kam daher auch zu Niemanden ; nur regelmäßig besuchte er die Mühle , wo er allezeit willkommen war . Wie er aber eines Abends in die Mühle kam , fand er die lieben Leute darin alle mit verstörten Gesichtern . Der alte Siegfried war still und nachdenkend , die Müllerin kalt und verdrießlich , im Hause umherfahrend und die Thüren hinter sich zuwerfend ; Elsbeth hatte rothgeweinte Augen . Sobald Oswald mit Elsbeth allein war , sprach er : » Welches Unglück ist hier geschehen , und welcher böse Geist ist in dieses Haus des Friedens eingezogen ? Ihr Alle seid wie verwandelt . Sage mir , Elsbeth , was ist vorgegangen . « Elsbeth antwortete mit zitternder Stimme : » Gott sei ' s geklagt , Oswald , ich muß es dir sagen . Ja es muß heraus . Ich bin recht unglücklich . « So sprach sie , und konnte vor Weinen und Schluchzen nicht weiter sprechen . Nachdem er sie beruhigt hatte , sagte sie : » Nun ist ' s ein Jahr , Oswald , da fandest du mich mit verweinten Augen und fragtest mich , und ich sagte dir ' s nicht . Damals war der Löwenwirth Brenzel zu uns gekommen , und hatte bei meinem Vater und meiner Mutter um mich angehalten für seinen Sohn , der schon eine Mühle im Dorfe Altenstein hat . Und Vater und Mutter hatten nichts dagegen , denn der Löwenwirth ist der reichste Mann im Dorf , und erster Vorsteher der Gemeinde , der uns viel schaden und nützen kann ; und mein Vater will keinen Schwiegersohn , als einen Müller . Ich aber sagte , ich sei noch jung , und wolle noch ein Jahr warten , und blieb dabei , und sie richteten bei mir nichts aus . - Nun ist das Jahr vorbei , und auf den Tag kam der Löwenwirth mit seinem Sohne wieder . Sie haben bei uns gespeiset , und Vater und Mutter hatten mit dem Löwenwirth schon alles in Richtigkeit gebracht , und die Verlobung sollte heute geschehen . Aber ich habe gesagt , ich wollte mich nie verheirathen , und bin dabei geblieben . Denn der junge Brenzel ist ein wüster Gesell , gleichwie sein Vater ein harter und wüster Mann ist . Nun ist im Hause Unglück und Herzeleid . « Als Oswald dies hörte , ward er sehr unruhig . Er ging im Zimmer schweigend auf und ab . Er selber hatte sich im Stillen Hoffnung gemacht , daß Elsbeth einmal seine Frau werden müsse . Dann trat er mit hastigen Schritten zu ihr und sagte : » Elsbeth , liebe Elsbeth , du willst dich niemals verheirathen ? So will auch ich ohne Weib bleiben mein Lebenlang , denn ich hätte kein anderes gewählt , als dich . Und ich habe dich allezeit mehr geliebt als mich selber , und hoffte immer , du würdest mir noch recht gut werden . « Da sank Elsbeth weinend an die Brust Oswald und sprach mit gebrochener Stimme : » Ach Oswald , Gott weiß es , du bist mir allzulieb geworden , mehr denn recht ist . Aber mein Vater ist reich , und will einen reichen Sohn haben , und ändert seinen strengen Sinn nicht . Du aber bist nur ein geringer Schulmeister , und kannst noch lange keine Frau ernähren . « Da schloß Oswald die gute , weinende Elsbeth in seine Arme , und drückte den ersten Kuß auf ihre Lippen und sagte : » Nun bist du meine Braut und Verlobte , und keine Macht auf Erden soll dich wieder von mir nehmen . Fürchte dich nicht , du Holdselige , denn nun gehörst du mir an . « Und er ging hinaus , den alten Siegfried und die Mutter zu suchen . Und Elsbeth hörte sie alle sehr laut und heftig mit einander reden , aber verstand nichts . Und sie zitterte vor großer Angst , und wußte in ihrer Noth keinen Rath . Da fiel sie an der Fensterbank auf ihre Knie , und faltete ihre Hände und betete inbrünstig mit thränenvollen Augen zum Himmel , während die Andern stritten . Und als es ihr leichter ums Herz ward und sie aufstand , sah sie draußen den Oswald , begleitet vom Vater und der Mutter , von der Mühle weg ins Dorf gehen . Das vermehrte die Furcht und Angst über die Maßen . Keiner in der Mühle wußte , wohin die Aeltern mit dem Oswald gegangen . Sie wußte aber wohl , Oswald war hitzig und aufbrausend , und konnte gegen die Aeltern gefehlt haben und mit ihnen vor den Richter gegangen sein , und das war der Löwenwirth ! In übergroßem Kummer betete sie viel für Oswald und sich . Es war zehn Uhr Nachts , da hörte sie draußen Geräusch . Es kamen Vater und Mutter mit Oswald . Und Siegfried nahm seine Tochter und sprach : » Elsbeth , du hast also den Oswald lieb ? « Sie antwortete und sprach : » Kann ich dafür ? Ihr hattet ihn ja auch lieb . « Da legten die Aeltern die Hände Oswalds und Elsbeths in einander und segneten die Beiden als ihre Kinder . Elsbeth war ganz erschrocken , und wußte nicht , ob sie träume . 10. Oswald kommt in schlechten Ruf . Als am folgenden Sonntag in der Kirche der Schulmeister Oswald und Elsbeth als Brautleute von der Kanzel herab verkündet wurden , da rissen die Goldenthaler Bauern die Augen gewaltig auf , und die Weiber zischelten beständig einander etwas in die Ohren , und der Löwenwirth ging aus der Kirche , wie ein grimmiger Löwe , und schwor , er wolle nicht ruhen , bis er den meineidigen Müller sammt seinem ganzen Hause und dem Schulmeister zu Grunde gerichtet , aus dem Dorfe vertrieben und Alle ins Zuchthaus gebracht hätte oder an den Galgen . Nichtsdestoweniger feierten Oswald und seine Elsbeth nach drei Wochen in der Mühle sehr vergnügt ihre Hochzeit , dem grimmigen Löwen zum Trotz . Und als die Neuvermählten Abends aus der Mühle heim kamen in Oswalds Hans , fiel Elsbeth ihrem Manne um den Hals und sagte : » Ach Gott , wie bin ich so glücklich ! Ich kann noch nicht daran glauben , daß Alles wahr sei . Und man sagt wohl , es gibt betrübte , übelgerathene Ehen ; könnten wir auch wohl Beide jemals aufhören , uns lieb zu haben , und könnten wir jemals wünschen , lieber getrennt , als ewig verbunden zu sein ? « Oswald antwortete und sprach : » Wir werden Beide mit einander glücklich sein , so lange wir leben auf Erden ; aber wir müssen ein dreifaches Gelübde thun . Und so lange wir es redlich halten , wird Eintracht und Segen Gottes in unserer Ehe sein . Von heute an lebst du für mich , und ich lebe für dich ; und wir wollen nie vor einander das geringste Geheimniß haben , und selbst wenn wir gefehlt haben , es uns einander sogleich offenbaren . Dadurch werden wir manchen Fehltritt und manches Mißverständniß verhüten , das oft schmerzliche Folgen haben kann . Dann aber wollen wir von unsern häuslichen Sachen Niemandem , auch Vater und Mutter nichts offenbaren , daß Niemand in unsern Dingen reden könne , oder sich zwischen uns dränge . Nur so gehören wir Beide uns ganz an , als wären wir allein in der Welt . Endlich wollen wir niemals gegen einander böse werden , und nicht einmal zum Scherz mit einander böse thun ; denn aus Neckerei wird oft Ernst , und was man zuweilen thut , daran gewöhnt man sich leicht . « So sprach Oswald . Und Beide thaten sich einander gegenseitig das Gelübde vor Gott . Und wie sie den Bund mit einem Kuß besiegelten , stieg vor dem Hause in nächtlicher Stille ein sanfter schöner Gesang von vielen Stimmen empor . Das waren Oswalds Schüler und Schülerinnen im Gesang , die doch auch ihrem Lehrer eine Freude machen wollten . - Und wie die Neuvermählten folgenden Morgens aufgestanden waren , sahen sie viele Männer , Weiber und Kinder in der Ferne zusammengelaufen stehen , und auf das Haus schauen und darauf zeigen . Oswald öffnete neugierig das Fenster , und sah sein ganzes Haus wunderbar mit Blumenkränzen und Blumenschnüren umhängt und umsponnen . Das hatten in der Nacht still und heimlich seine Schüler und Schülerinnen gethan . Auch die kleinsten Kinder hatten dazu Feld- und Gartenblumen gesammelt . So lange das Dorf Goldenthal auf Erden war , hatte man dergleichen nicht erlebt , und als Oswald wieder zur Schule ging , kamen am ersten Tage nach seiner Hochzeit alle Kinder , groß und klein , reich und arm , und hatten sich mit Blumensträußen geschmückt , als wäre es ein großer Festtag . Das freute den Oswald und seine junge Frau recht innig ; denn das verrieth doch gute Herzen voll Liebe und Erkenntlichkeit . Und sie küßten die Kinder , ließen ihnen Kuchen backen und theilten Allen aus . Im Dorfe aber war viel eitles Geschwätz über die Hochzeit , und Jeder hatte seine Meinung darüber . Denn Niemand konnte begreifen , daß es dabei mit rechten Dingen zugegangen sein solle , sintemal unerhört war , daß der reichste Müller im Lande seine schöne Tochter und einzige Erbin einem armen Schulmeister zur Frau gegeben . Um die Elsbeth würden auch wohl vornehme Herren aus der Stadt gefreit haben , so schön und reich war sie . Man wollte daher gern wissen , warum der Müller einen so einfältigen Streich gemacht habe ? Aber der alte Siegfried lachte nur , und die Leute brachten von ihm nichts heraus . Auch die alte Müllerin ward von ihren Gevatterinnen sehr geplagt und geneckt mit dem armen , schlechten Schulmeister , und daß man einem hergelaufenen Kerl eine solche Tochter anhänge . Die Müllerin war bei aller Gottesfurcht doch eine stolze Frau . Daher thaten ihr die verächtlichen Reden weh , und als sie darüber einst vor Zorn fast weinte , sagte sie zur Adlerwirthin heftig : » Schweigt mit euerm dummen Geschwätz ; ihr wisset so viel als nichts . Der Oswald könnte wohl den Adlerwirth und Kreuzwirth auskaufen . Er hat mehr , als man glaubt . Das hab ' ich mit meinen leiblichen Augen gesehen . Wenn ich nur reden dürfte , ich könnte euch Dinge sagen , ihr solltet Maul und Nase aufsperren . « So sprach sie und schwieg plötzlich , und war verdrießlich , daß sie im Zorn mit etwas herausgeplatzt war , das sie verschweigen wollte . Auch erfuhr die Adlerwirthin weiter nichts , und mußte noch dazu versprechen , es Keinem wieder zu sagen . Die Adlerwirthin sagte es auch Niemandem , als ihrer Schwester und ihrem Manne , die vorher geloben mußten , das Geheimniß bei sich zu behalten . Aber sie erklärten die Reden der Müllerin so , als habe diese mit leiblichen Augen ganze Haufen Goldes und Silbers bei Oswald gesehen ; und Oswald könne , wenn er wolle , das ganze Dorf kaufen ; und es gingen im Hause Oswalds manchmal Dinge vor , daß , wenn man sie sagen dürfte , den Leuten die Haare zu Berge stehen würden . Dem Adlerwirth und seiner Schwägerin , als sie dies hörten , standen vor Entsetzen wirklich schon die Haare gen Berge , und sie konnten nicht anders , und vertrauten das Geheimniß nur einigen ihrer besten Freunde . Nach wenigen Tagen wußten die Leute in Goldenthal weit mehr , als die Müllerin gesagt hatte . Da hieß es , der Oswald stünde mit dem Fürsten der Hölle im Bündniß ; dem habe er mit eigenem Blute seine arme Seele verschrieben . Doch dreißig Jahre lang solle der Böse den Willen des Schulmeisters thun ; am Ende des letzten Jahres werde der Teufel Oswalds Seele in der heiligen Christnacht zwischen Eilf und Zwölf holen , und dem Unglücklichen den Kopf umdrehen , daß das Antlitz im Nacken stehen bleibe . Der Schulmeister habe Gold , so viel er begehre , und der schönen Elsbeth habe er einen Liebestrank beigebracht , daran sie hätte entweder rasend werden oder jämmerlich sterben , oder ihn heirathen müssen . Ferner , der Oswald könne Geister bannen , Schätze heben , das Fieber besprechen , den Kühen es anthun , daß sie blaue Milch oder wohl gar Blut geben müßten ; er könne das Feuer bannen , sich stich- und kugelfest machen , auf einem Besen durch die Luft reiten und viele andere Dinge mehr . Das habe er alles aus gefährlichen Büchern erlernt ; er habe Doktor Fausts Höllenzwang , Kaiser Caroli Halsgerichtsordnung und das Buch von Salomonis Siegelring . Von diesem Augenblicke an fürchteten sich die Leute in Goldenthal vor dem Schulmeister entsetzlich . Keiner that ihm etwas zu leid , aus Angst vor Oswalds Rache und höllischem Bundesgenossen . Sogar der grimmige Löwenwirth unterstand sich nicht , ihm oder dem Müller etwas in den Weg zu legen . Manche Leute schlugen heimlich ein Kreuz , wenn sie dem Oswald von ungefähr begegneten . 11. Elsbeth steht in gutem Ruf . Wenn aber die jungen Leute des Dorfes der Elsbeth begegneten , die da blühte wie eine Rose , schlug Niemand vor ihr ein Kreuz , sondern Jeder nickte ihr den freundlichsten guten Tag ; und wenn sie vorbei war , blieb wohl Mancher gar still stehen und sah ihr nach . Denn Elsbeth war eine schöne Frau , und sie schien mit jedem Tage schöner zu werden , daß sich selbst die Mädchen in Goldenthal darüber wunderten . Dennoch war sie nicht kostbarer gekleidet oder geputzter , als andere Frauen waren . Aber man mochte sie sehen Sonntags oder Werkeltags , Morgens oder Abends , sie war immer , als wollte sie zum Tanz gehen . Sie arbeitete in der Sonnenhitze auf dem Felde und im Garten ; sie ging in den Stall und besorgte Kuh und Schwein ; trug Gemüs und Eier zum Verkauf in die Stadt - und dabei war sie allezeit sauber und zierlich , und kein Fleck an ihren Kleidern . » Ich glaube beinahe , die kann auch schon hexen ! « sagte die Löwenwirthin , indem sie eine Prise Schnupftabak nahm , und sich die Nase mit dem Aermel wischte . » Ja wohl ! « sagten die jungen Männer alle : » Die kann es . Wenn Elsbeth nicht schon verheirathet wäre , sie würde uns allen die Herzen aus dem Leibe hexen , so schön ist sie ! « Und die verheiratheten Männer im Dorfe verfuhren gar oft grob mit ihren Weibern , und gaben ihnen Schmähworte und Ohrfeigen , daß sie nicht auch so schön geblieben waren , wie die Schulmeisterin . Dann heulten die Weiber und fluchten und schworen und zerkratzten ihren Männern das Gesicht mit ihren langgewachsenen Nägelkrallen . Zwei Mädchen , welche Elsbeths Freundinnen waren und bald Hochzeit machen wollten , kamen zu Elsbeth und sprachen : » Du bist nun seit Jahr und Tag eine Frau , und bist so hübsch wie eine Jungfrau . Und alle Männer bewundern dich , und alle Weiber müßen dich beneiden . O Elsbeth , sage uns an , wie du das machest ? Denn siehe , du weißt es , sobald bei uns eine Tochter einen Mann hat , wird sie häßlich und wüst , und die Liebe hört auf . So ist es nicht bei dir . « Die junge Schulmeisterin antwortete und sprach : » Ich will es euch sagen . Die Weiber haben allein die Schuld . So lange sie Jungfrauen sind , und den jungen Burschen gefallen wollen , schmücken sie sich , und alles Geld , was sie haben und verdienen , stecken sie in neuen Putz . Da sind sie sauber und glatt , daß ihre Stirn glänzt an der Sonne , und ihr Haar ist wie gemalt . Haben sie endlich einen Mann , da denken sie nicht mehr daran , gefallen zu wollen . Da gehen sie des Morgens lange umher mit Stroh und Bettfedern im ungekämmten Haar ; vergessen , sich jedesmal zu waschen , wenn sie unrein werden , und denken , wenn sie recht wüst kommen , das stehe einer Frau gut , und man sehe ihr an , daß sie viel handthiere . Dann muß gespart werden ; der Mann braucht Geld , und man kann es nicht mehr , wie als Tochter , in allerlei Putzkram stecken . Das Gewand wird alt und beschmiert und schadhaft ; das Ausbessern kostet viel Geld , und Selbermachen hat keine gelernt . So gewöhnt man sich an Lumperei und Sudelei , und die Frau wird vom Unflath entstellt und wüst , weil sie nichts mehr auf sich hält . Und sie wird endlich dem Manne selbst gleichgültig oder zum Ekel , und dann kommt der Unfriede ins Haus , sobald die Frau mit Löchern in den Strümpfen geht . « Die Mädchen sprachen : » Elsbeth , du hast wohl Recht . « Die junge Schulmeisterin sagte : » Als ich den Oswald nahm , dachte ich sogleich darauf , wie ich ihm beständig gefallen könne , denn ich hatte ihn gar lieb . Und ich nahm mir vor , noch mehr auf mich selber zu halten , als zuvor , und nie vor seinen Augen zu erscheinen , als gewaschen und zierlich , allzeit mit unbeflecktem Gewand . Darum nahm ich sorgfältig meine Kleider in Acht ; darum mußt ' es in meinem Stall und in Küche und Keller so sauber sein , als in einer Stube . Der geringste Fleck in meinem Anzuge mußte sogleich ausgemacht werden . So blieben meine Kleider wie neu , und ich selber blieb darin meinem Manne alle Tage neu . « Die Mädchen sprachen : » Aber Elsbeth , die Zeit zerreißt endlich das sauberste Gewand ; woher ein neues Kleid anschaffen , wenn der Mann kein Geld gibt ? « Elsbeth antwortete : » Ich gebrauche weniger Geld zu Kleidern , als Andere . Denn ich bessere mit wenigen Nadelstichen das kleinste Loch aus , damit es nicht größer werde . So kostet es nichts als Faden und Zwirn . Andere aber tragen ihr Zeug , bis es alt ist , und lassen daran , was schadhaft ist ; dann wird aus einem kleinen Loch ein großes , und in kurzer Zeit wird alles zu Fetzen , und man muß neues Gewand kaufen , während ich immerfort mein altes trage und damit viel Geld erspare . Hausfrauen , die nicht flicken und nähen können , verschwenden großes Geld und gehen doch wie aus dem Koth gezogen . « Als Elsbeth solche Worte redete , wurden die Beiden Mädchen roth , und fingen an zu weinen und sprachen : » Wir haben nicht so sauber nähen und flicken gelernt , wie du . Das wird uns viel Schaden im Hause bringen , und wir sehen viel Leiden voraus , und wir können es nicht ändern . « Und die Mädchen gingen traurig weg . Darauf erzählte Elsbeth ihrem Manne das Gespräch mit den Freundinnen und sagte , sie wolle beide nähen und flicken lehren , denn es erbarme sie , wenn die beiden Mädchen sollten unglücklich werden . Oswald drückte seine gute Frau an sein Herz und sprach : » Damit wirst du dir einen Segen Gottes verdienen und selber ein Segen dieses Hauses werden . Nicht nur die beiden Mädchen lehre , sondern Alle , die von dir lernen wollen . Viele Haushaltungen im Dorfe werden arm und elend bei aller Arbeit und Mühe , weil die Weiber nicht die rechte Haushaltungskunst verstehen . Sie verstehen nicht , ihre Gärten mit allerlei gesundem Gemüse zu bepflanzen , damit sie Abwechslung bei den Speisen haben . Wollen sie einmal gut kochen , thun sie viel Speck und Fett und Schmalz und Oel an , und kostet viel , und wird doch nichts Rechtes , sondern ein ungesundes Essen . Die schlechte Nahrung setzt schlechtes Blut ab und böse Säfte . Davon kommen Krankheiten , die kosten viel Geld , und mit dem Arbeiten geht es bei kränklichen Leuten schlecht . - Eben so ist ' s mit den Kleidern . In den Dörfern sind wohl Näherinnen , aber weil sie mit dem Nähen ihr Geld verdienen , hüten sie sich wohl , Andere anzuweisen . Die nun nicht flicken und nähen können , gehen mit Löchern in Aermeln und Strümpfen , oder so grob geflickt , daß das Geflickte ärger dasteht , als das Zerrissene . Immer muß bald wieder Neues angeschafft werden , das kostet viel Geld und macht arm . Es ist wohl himmelschreiend , daß nicht in jedem Dorfe wenigstens eine brave , verständige Frau ist , eine Pfarrerin oder Haushälterin des Pfarrers , eine Amtmannsfrau oder eine Müllerin , oder Eine , die das