ein Märchen , das eine liebe Mutter ihrem unruhigen Kinde erfindet . « - » Aber wird nicht Mutter Hildegard mit dem Essen auf uns warten ? « unterbrach ihn der Knabe . » Sie wird noch öfter auf mich warten « , antwortete der Alte , » und ich werde nicht kommen , die Treppen des Turms steige ich nicht mehr hinauf und lasse auch das Seil nicht mehr zur Erde laufen nach täglicher Notdurft , sehe mir auch nicht mehr die Augen aus , ob irgend ein Strauchdieb unsern Fuhrleuten auflauert , das ist nun alles aus und ich bin hier eingesetzt , dich Berthold , den Abkömmling der Hohenstaufen zu erziehen , dir den Gebrauch ritterlicher Waffen zu zeigen und dein Schwert zu wetzen , daß es schneidet , wenn du es brauchen sollst . « Der Knabe wußte ihm nicht mehr zu antworten , sondern schmiegte sich an ihn , als er ihn aber über sich singen hörte , da erschrak er , denn so lange er um ihn gewesen , hatte Martin nie gesungen , obgleich ihm ein Wächterlied anbefohlen war , sondern sich immer am Gesange geärgert und oft mit Steinen nach Knaben und Handwerksgesellen geschleudert , die singend aus der Stadt zogen . Als aber der erste Schreck vorüber war , da hörte er dem Martin gern zu , nie hatte er eine so tiefe , ernste Stimme gehört , es war ihm , als ob er eine ganze Kirche aus der Ferne singen höre und jedes Wort blieb seinem Gedächtnisse eingeprägt . MARTIN : Im See auf Felsenspitzen Wird bald dein Schloß , die Pfalz , So eckig weiß dir blitzen , Als wär ' s ein Körnlein Salz , Und rings in dem Kessel von Felsen , Da siedet das Wasser am Grund , Ich rat es euch Wagehälsen , Verbrennet euch nicht den Mund . Es glänzen da sieben Türme , Von sieben Strudeln bewacht , Und wie der Feind sie stürme , Der alte Türmer lacht ; Die alten Salme lauern Auf frische Helden voll Mut , Wenn Heldenbräute trauern , Da füttern sie ihre Brut . Denn sieh , die Schiffe kommen Gerüstet bis zum Schloß , Gar prächtig angeschwommen , Da trifft sie Wirbelstoß , Und wie ein Rad der Mühle , So drehn sie sich geschwind , Als wär es nur zum Spiele , Bis sie verschwunden sind . Doch willst du einen retten , Dem wirft der Türmer dreist Um den Leib den Haken an Ketten Und ihn hinüber reißt ; Und zeigt ihm des Schlosses Türe , Doch wer nicht fliegen kann , Der braucht der Leitern viere , Eh ' er zur Türe hinan . Und ist er eingetreten , Da stehn vier eiserne Mann , Die stechen , eh ' er kann beten , Hält sie der Türmer nicht an ; Sie scheuen keinen Degen Und haben doch kein Herz , Stabileren sie bewegen , Sie sind gegossen aus Erz . Und ist er da vorüber , Im grünen ummauerten Platz , Da wird ihm wohler und trüber , Als wär er bei seinem Schatz , Da stehen die Kirschen in Blüten Und Kaiserkronen in Glanz , Die Nachtigall singet im Brüten , Kein Mädchen führt ihn zum Tanz . Der Türmer nimmer leidet Ein Mädchen in der Pfalz , Und ist sie als Ritter verkleidet , So kostet ' s ihr den Hals . Doch hat er den Bart gefühlet , Dann läßt er ihn zu dir ein , Zum Schloßhof , wo Wasser spielet , Mit buntem Strahlenschein . Da fließt ein Brünnlein helle , Das wie der Himmel rein , Wie auch der See anschwelle Von irdisch gelbem Schein ; Der Blumen stehen da viele Am schwarzen Gemäuer entlang Und eine kleine Mühle Steht mitten in dem Gang . Die Mühle drehet und netzet Den Schleifstein grau und fein , Ein Alter schleifet und wetzet Beständig auf dem Stein : Da schleifet er alle Stunden Ein Heldenschwert am Stein , Und hat nicht Zeit gefunden , Daß alle würden rein . Nun Fremdling geh nur vorüber , Dir springen die Funken ins Aug , Bald wäre es dir viel lieber Du lägst bei den andern auch , Denn keiner kömmt zurücke , Der einmal hier oben war , Es sei denn , daß er sich bücke , Und daß ihm gebleicht sein Haar . Die Zimmer des Schlosses sind enge , Gewölbt von Doppel-Kristall , Und blankes Silbergepränge , Das spielt mit den Strahlen Ball ; Da sitzet auf einem Löwen Des letzten Grafen Sohn , An solchen gefährlichen Höfen Ist das der sicherste Thron . Er denkt an Vater und Mutter Und an des Unsterns Nacht , Das ist ein Heldenfutter , Das nährt des Herzens Macht . Da sieht er in die Schrecken Wie in Alltäglichkeit , Und läßt sich nimmer necken Von falscher Sorglichkeit . Er ist so sicher in Kräften , So herrlich von Angesicht , So glücklich in allen Geschäften , Des Unsterns achtet er nicht ; Ihm scheint der Tag der Sage Schon freudig durch die Nacht , Die Nacht vorm Jüngsten Tage Wird schweigend zugebracht . Vierte Geschichte Schatz und Messer » Du kannst nicht schweigen « , rief eine Stimme aus dem Gebüsche ; » zum drittenmal hast du den Schwur gebrochen ! « - » Fluch über euch « , antwortete der Alte ergrimmt , » die ihr mein freies Herz an unbesonnene Schwüre gekettet , ich breche die Kette , ich fürchte euch nicht mehr . « In dem Augenblicke zischte ein Pfeil neben dem Knaben vorüber in Martins Herz , er sah Martins Blut auf spritzen , hörte seine dumpfen Flüche und stürzte besinnungslos über ihn her , als wollte er ihn mit seinem Leibe gegen jedes Wurfgeschütz seiner Feinde sichern : aber kein zweiter Pfeil war nötig . Die lahme Elster erweckte den jungen Berthold gar bald aus seiner Bewußtlosigkeit , um ihn von der ernsten Wahrheit seines ersten , großen Verlusts zu überzeugen . Sein Gram verwandelte sich in Zorn , er forderte den Mörder auf , sich ihm zu stellen , allen Schimpf häufte er laut auf ihn , aber gleichgültig hallte die Mauer von seiner Rede und Martins Richter und Feind schien entweder gleich verschwunden , oder gegen die Reden des Knaben gleichgültig . Die Besinnung erwachte weiter in ihm , wie er Martin , wenn ihm noch zu helfen wäre , über die Mauern , die er allein mühsam überstiegen , nach der bewohnten Stadt schaffen könnte . Er beschloß eben Menschen herbei zu holen , als der alte Berthold über die Mauern suchend gestiegen kam , beim Anblicke Bertholds frohlockte , aber beim Anblicke Martins sich kaum fassen konnte . Er hatte beide vor dem Tore gesucht , wo ein Vetter Martins seinen Weinberg liegen hatte . Ein fremder geharnischter Mann , den er ansprach , hatte ihm den Garten unter der Brandstätte bezeichnet , wo er sie gewiß finden würde , da habe er vom Berge einen Mann im roten Wams mit einem Knaben im grünen Wams stehen sehen . So war er auf den rechten Weg geführt worden , seinem lieben Martin die letzte Pflicht zu erweisen . Seiner Verzweifelung ließ er keine Zeit , sondern mit rascher Eile suchte er einen bequemen Eingang und fand auch schnell das Tor , wo nur wenige Steine weggewälzt zu werden brauchten , um den Leichnam Martins hindurch zu schleppen . Er und der Knabe trugen ihn nach der Badestube . Da ward ein Aufsehen , denn es war ein Sonnabend , und alle Handwerker wollten zum Sonntag reinlich erscheinen , die rot angelaufenen Gestalten drangen neugierig aus der dampfenden Badestube heraus , mancher mit Schröpfköpfen besetzt , ein andrer mit halb beschnittenen Haaren und allen tat der alte Martin leid , weil er ein stattliches Ansehen im Tode bewahrte . Aber der Bader untersuchte die Wunde und sagte traurig , da vermöge seine Kunst nicht mehr , der Schütze , der ihn getroffen , müsse das menschliche Herz wohl gekannt haben . Nun jammerte erst Berthold und sein Sohn , kaum konnten sie dem eintretenden Bürgermeister Antwort geben , der sie über den Vorfall befragte , denn schon hatte das Gerücht sich verbreitet , Berthold habe Martin aus Liebe zu dessen Frau umgebracht . Es drohte der Bürgermeister mit der Folter , als ein Bote von den Freigerichten einging , welche durch ein Schreiben an den Bürgermeister erklärten , Martin sei schon lange wegen einer Mordtat verurteilt gewesen , aber erst jetzt von ihnen erreicht worden . So kam nun Berthold mit seinem Sohne und seinem Jammer frei und eilte zur Frau Hildegard , die sie gefaßt und von allem durch die beredte Hökerfrau am Tore unterrichtet fanden ; sie suchte Berthold damit zu trösten , daß sie versicherte , Martin hätte bei seinem Husten doch wohl nicht lange mehr leben können . Martin wurde mit Ehren begraben und der am innigsten und längsten ihn betrauerte , war der junge Berthold . Der junge Berthold hatte sich so treu fleißig in dem Jahre seinem Geschäfte ergeben , daß der Bürgermeister ihn jetzt schon brauchbarer , als den Alten fand , der sich nur mit Mühe in eine neue Einrichtung versetzen konnte . Er gestattete daher gern , daß der Alte vorläufig die Geschäfte des Martin als Türmer besorgte und daß die Schreibegeschäfte sämtlich dem jungen Berthold übertragen wurden . So hatte nun der junge Berthold viel mehr Freiheit in der Anwendung seines Tages , denn der Alte saß ihm nicht mehr zur Seite und diese Freiheit benutzte er reichlich , den entdeckten Garten sich einzurichten . Der Eingang war beim Heraustragen Martins eröffnet , so daß er jetzt vom Rathause zu der wüsten Marktseite in seine Trümmerburg schnell hinüber gehen konnte , wenn er mit angestrengter Eile seine Schreibereien beendet hatte . Er zimmerte sich eine Gittertüre , die den Eingang schloß , damit nicht mutwillige Knaben ihm seine Arbeit verderben könnten , doch besser als diese Tür schützte ihn die Furcht vor geheimen Mächten , die jeder nach seiner Art sich dachte , die aber seit dem gewaltsamen Tode Martins sich mit den alten Gerüchten und Sagen gepfropft hatte . Es tat ihm leid , daß der Alte ihn nicht wieder besuchte und daß er die Kapelle der heiligen drei Könige nicht wieder finden konnte , allmählich schien es ihm sogar , als sei er etwas eingeschlafen gewesen und ein Traum habe ihn getäuscht , denn die schmerzliche Wirklichkeit von Martins Tode hatte jene Anschauungen in Schatten gestellt . Als er den alten Berthold darüber befragte , antwortete ihm dieser » Wir glauben , was etwas ist , und wissen , was etwas nicht ist ; wir wissen nichts , wir müssen alles glauben , aber der Glaube ist ohne Wissen nichts . « Er verstand das nicht , aber er merkte sich es doch auf spätere Tage , weil er wohl ahndete , daß etwas darin liegen müsse . Übrigens waren des jungen Bertholds Gartenanlagen verständig . Wie er gern auch das Halbverstandene sich lernend bewahrte , so verfuhr er mit dem verwilderten Gartenplane ; ehe er gewaltsam Bäume umhieb , suchte er sich deutlich zu machen , was gepflanzt sei und was wild aus Samen und Wurzel aufgewachsen . Zwar schien manches von dem Gepflanzten untergegangen und abgestorben , aber auch mit diesen Stämmen bezeichnete sich die Anlage des Gartens . - Allmählich trat alles an seine rechte Stelle , indem das Überflüssige hinweg genommen war . Brunnen und Gänge waren gereinigt , die ausgeschnittenen , alten Obstbäume trugen wieder und edler Wein bezog die sonnigen Mauern . Ein wohl erhaltenes gewölbtes Zimmer bewahrte während des Winters Blumenpflanzen und Sämereien und so war dem jungen Berthold das erste Jahr mit sichtbaren Zeichen seines Daseins und Wirkens vergangen . Da kam er eines Tages zum Abendessen und fand Frau Hildegard in stiller Betrübnis , aber sie wischte ihm dennoch nach ihrer Gewohnheit den Schweiß von der Stirn , zog ihm die Schuhe aus und die Pantoffeln an und sagte ihm dann erst , daß sie sehr betrübt sei , weil sie schon wieder heiraten müsse , der Bürgermeister wolle dem Berthold nicht anders das Türmeramt und ihm den Ratsschreiberdienst geben . » Tut es doch mir zu liebe « , sagte Berthold , » heiratet den Vater , da brechen wir hier die Wand weg und haben mehr Raum . « - » Ja wie du ' s verstehst « , sagte Hildegard , » der Martin hat ' s mir wohl prophezeit an unserm Hochzeittage aus dem Zinnguß , aber wenn mein Schwindel nicht wäre , daß ich die Treppe hinunter gehen könnte , ich ginge lieber ins Kloster , als daß ich wieder ins Ehebette stiege . « - » Mutter du mußt heiraten « , sagte der Sohn , » denn ins Kloster dürfte ich nicht mitgehen und ich kann dich nimmermehr verlassen . « Hildegard drückte den Knaben an ihr Herz , der alte Berthold trat vom Wächtergange herein , sie verlobten sich unter vielen Tränen . Wirklich setzte es der Bürgermeister aus Wohlgefallen gegen den alten Berthold bei der Bürgerschaft durch , daß diesmal der Mann von der Feder , statt eines Kriegsmanns , die Türmerstelle erhielt , als Grund führte er an , daß der alte Berthold in früheren Zeiten doch auch der Stadt mit dem Schwerte bei mehreren Fehden gedient habe . Der junge Berthold wurde nur vorläufig in Eid und Pflicht genommen , weil er noch zu jung war , und der Alte behielt immer noch Gehalt und Würde eines Ratschreibers . Die dritte Hochzeit , welche Frau Hildegard feierte , war die stillste von allen , der alte Berthold gestand mit inniger Rührung , daß die Wege des Himmels unerforschlich wären , der ihm nach ruhigem Ausharren im Alter ein Glück aufdränge , wonach er in früheren Jahren vergeblich sich bemüht ; wenn er es auch nicht lange mehr genieße , so müsse er doch die Fügung des Himmels preisen . - » So ist es doch wahr « , seufzte der junge Berthold , » daß du älter wirst und gebeugter gehst , seltener froh bist und öfter stille in dich versinkst , stirb nur nicht so bald wie Martin , dann wären wir ganz verlassen . « - » Jetzt haben wir uns noch ! « sagte der Alte , und ging das Wächterlied vom Turm zu blasen . Die mühsame Arbeit des jungen Berthold hatte die Neugierde des herrschaftlichen Stadtvogts , des Herrn Brix , auf die Reste des alten Palasts gewendet , und er hielt es jetzt für seine Pflicht , da er in demselben ein Besitztum seines Herrn , des Grafen von Wirtemberg erkannte , bei demselben anzufragen , was damit anzufangen sei . Da nun niemand für diese alten , ehrenwerten Trümmer sprach , so wurden sie zum öffentlichen Verkauf bestimmt . Der junge Berthold war untröstlich , als sein liebes Eigentum , wofür er es so lange gehalten , zum öffentlichen Verkauf an den Meistbietenden ausgerufen wurde , er hätte dem Ausrufer den Mund zuhalten mögen , er hoffte , die Leute würden nicht darauf achten . Aber bald kamen Bürger der Stadt , besahen sich die Gelegenheit , maßen das Gärtchen rund brummten nur immer , daß so viel aufzuräumen , sonst gäbe es schon einen artigen Bleichplatz . Also nichts , was da gewesen , nichts was er gepflanzt , sollte bleiben , alles sollte für den gemeinsten Gebrauch vernichtet werden . Da fielen ihm die fünf Goldgülden ein , die ihm Martin als sein Erbe ( mit der Kiste , worin der Schädel ) oftmals gezeigt und ihm wohl eingeprägt hatte , das Geld nur dann zu brauchen , wenn er sein ganzes Glück und Geschick damit lenken könne . Aber dies schien ihm zu wenig für die Herrlichkeit seines Lieblingsortes , er kannte niemand im Städtlein so vertraulich , daß er ihn hätte um Rat fragen mögen . Von Berthold und von Frau Hildegard fürchtete er Widerspruch , er mußte ihnen seinen häufigen Besuch der wüsten Stelle verschweigen , denn der Ort gefiel ihnen nicht . Ganz heimlich nahm er an dem Freitage , der zur öffentlichen Versteigerung bestimmt , sein Erbteil mit , betete in drei Kapellen und war der erste auf dem Rathaussaale , wo die Versteigerungen abgehalten wurden . Es versammelten sich viele , er glaubte in ihnen Seine ärgsten Feinde zu sehen . Es geschah der erste Ruf und alles schwieg . Es geschah der zweite Ruf , und er bot mit trockener , fast erdrückter Stimme seine fünf Goldgülden , und keiner überbot ihn . Es wurde wieder zum ersten- und zweitenmal ausgeboten , und keiner überbot ihn . Da geschah das dritte Ausgebot und er glaubte schon , den Hammer für sich niedergeschlagen zu sehen , als eine ihm wohlbekannte Stimme einen Gulden mehr bot . Er sah sich erschrocken um , erstaunte aber noch mehr , als er das Antlitz des Alten , der ihn damals in die Kapelle geführt , hinter sich erblickte . Und hätte er auch einen unerschöpflichen Geldbeutel gehabt , gegen den hätte er nicht gewagt zu bieten , der Alte zog alle seine Gedanken auf sich und er war verwundert , ihn hier in gewöhnlicher ritterlicher Kleidung wieder zu sehen , den er damals in so seltsamer , prächtig alter Tracht erblickt . Der Alte trat zu ihm und fragte ihn leise , ob er denn nicht überbieten wolle ? Der kleine Schreiber antwortete ihm traurig , er habe nicht mehr Geld , auch wage er sich nicht , gegen ihn zu bieten . - Der alte Herr erwiderte aber , daß er sich irre , wenn er glaube , daß er geboten , der Schneider dort wolle sich eine Werkstatt in dem alten Gemäuer anlegen , er möge nur zubieten , und auf Gott vertrauen , mit dem Bezahlen werde es sich schon finden . - Kaum hatte der junge Berthold das Wort gehört , so kam ihm ein Vertrauen ins Herz , er bot noch einen Gulden . Der Schneider Fingerling , denn der war sein Mitbieter , rieb sich die Hände und drückte noch einen halben Gulden heraus , doch Berthold sprach wieder sein Voll aus . Aber gleich faßte ihn hier der Schrecken , der andere möchte nicht wieder bieten , das Vertrauen war fort , es überzog ihn kalt und die Sinne gingen ihm fast unter , als ihm die Trümmer des Palasts von Barbarossa für sieben Gulden zugeschlagen wurden . Er wollte sich an dem Alten halten und trösten , aber der war schon fortgegangen , er fragte nach ihm , aber keiner der Nachbarn hatte ihn gekannt . Meister Fingerling ging spöttisch auf den armen Berthold los und sagte ihm : » Ihr müsset viel geerbt haben , daß Ihr das große Werk unternehmt , den Platz aufzuräumen und Euch da anzubauen , wünsche Euch Glück . « Mit den Worten entfernte er sich und der Stadtdiener , welcher den Zuschlag gemacht hatte , kündigte Berthold an , daß er sogleich die Hälfte der Kaufsumme und den Rest am andern Morgen zahlen müsse , widrigenfalls die Hälfte verloren sei . Berthold reichte seine fünf Gulden hin , mit einem Gefühle , als wären sie verloren . » Das ist mehr als die Hälfte « , sagte der Mann . » Das schadet doch nichts ? « fragte Berthold . » Es schadet nichts , wenn Ihr morgen den Rest bezahlt , sonst sind fünfe verloren . « Sie sind verloren , dachte er , und mein lieber Garten dazu , und mit diesen betrübten Gedanken beladen , sollte er bei der Mutter Heiterkeit erzwingen sie merkte ihm bald etwas Trübes an und er schob es auf ein Kopfweh und ließ sich alle ihre Hausmittel gefallen . Zum Glück hatte der alte Berthold die Versteigerung ganz vergessen , sonst hätte er sich doch wohl verraten . Endlich kam die ersehnte Zeit des Schlafes , er schlief nicht , aber er konnte doch unbemerkt seinem Unglücke nachdenken . Früh stand er auf , sprach von notwendigen Schreibereien und eilte statt dessen in seinen Garten . Er glaubte ihn zum letztenmal von dem frischen Morgenlichte durchstrahlt zu sehen , seine Wehmut betaute alle geliebten Pflanzen , bis endlich die Müdigkeit , als er sich noch einmal in seiner Bohnenlaube ausgestreckt , ihn überwältigte . Ganz unbemerkt versank er in eine andre Welt , die sich nur ungern mit jener befassen mag , in der wir zu wachen meinen . Es träumte ihm manches Vorüberflatternde , bis ihm das rechte Bewußtsein des Traumes aufging . Da trat zu ihm dieselbe ehrwürdige Gestalt , die ihn beim Ausgebote zum Mehrbieten aufforderte , aber er trug wieder das alte Kleid mit dem roten Steine zugeheftet . Und Berthold klagte ihm seine Not mit den beiden Gulden , die ihm fehlten . » Wenn es weiter nichts ist , was dich betrübt « , antwortete der Alte lächelnd , nahm ihn bei der Hand und führte ihn in den Gang der alten Linden , welche das Gärtchen begrenzten . Dort bei einer Linde scharrte er mit dem Fuße die Erde auf und ein eiserner Kasten voll goldner und silberner Münzen stand geöffnet vor den freudigen Augen . » Nimm so viel du brauchen kannst von meinem kleinen Hausschatze « , sagte der Alte , » aber vergiß nicht , daß es nur geliehenes Gut ist und daß alles mein ist , was du damit kaufst und verdienst , und daß ich alles zurück fordern kann , wenn es mir gut dünkt und ich es einem andern verleihen will . Der Zins ist nicht hart « , fuhr er fort , als ihn Berthold bedenklich ansah , » ist doch dem Menschen unter gleicher Bedingnis die Erde geschenkt , er nimmt nichts von ihr in jene Welt , als die Einsicht und den Glauben , den er auf ihr gewonnen . « Bei diesen Worten schien es Berthold , als ob er sich in diese Worte verwandelt habe , er wollte ihm antworten , aber es war , als ob eine Gewalt seine Stimme zurückdrückte , endlich brachte er einen Ton heraus , erweckte sich selbst dadurch und fand sich wie ein erwachender Nachtwandler verwirrt , erschöpft und gleichsam außer sich im Lindengange stehend wieder . Er brach halb bewußtlos einen Zweig vom Baume , zählte in Gedanken die Blätter und fand vierundzwanzig daran , warf den Zweig zur Bezeichnung der Stelle auf den Boden und wankte dann schlaftrunken zurück in sein Frühlingshaus , wo ihn der tiefste Schlaf mehrere Stunden fesselte . Als er aufwachte , stand die Sonne schon hoch , er sprang auf und sah zu seinem Ärger , daß die Gartentüre offen stand . Es kränkte ihn jede mögliche Verletzung seines Gartens , sei es durch eingedrungene Tiere oder Menschen , obgleich er des Traumes längst vergessen und seiner Armut eingedenk , den Besitz desselben bald aufzugeben dachte . Er übersah seine Blumenbeete und fand seine Maiblumen ausgeplündert , die saftigen Stengel der Hyazinthen weinten noch , als ob der Frevel erst begangen . Er eilte umher , den Missetäter zu entdecken , und sah im Lindengange den Rücken eines Mädchens , das beschäftigt war , einen Kranz auf ihrem Schoß zu winden . Ohne sich darum zu kümmern , wer es sein könnte , rief er mit innigem Verdrusse : » Besser tausend Augen , als eine Hand ! « Da blickte das schöne Kind sich scheu um und er sah in ein Paar Augen , die der Hand wohl einen tausendfach höheren Wert gegeben hätten , als alle denkbare Blumen , die sie abpflücken konnte , Augen , die ihm schon seit dem Tage , wo sie ihm den grünen Wams schenkte , wie ein unerreichlich seliger Sternhimmel erschienen waren . Es war Apollonia Steller , die er so zornig angeredet hatte , sie stand auf , warf ihm den halb vollendeten Kranz auf den Kopf und erwiderte mit einer innern Kränkung : » Behalte Er seine dumme Blumen , wenn Er sie mir nicht gönnt . « Der Kranz gleitete aber von seinem Kopf in seine Hände , bleich von Schrecken , in unbeschreiblicher Verlegenheit , wie er seine Übereilung gut machen sollte , erfror ihm jedes entschuldigende Wort . Er drehte den Kranz , als ob er einen Rosenkranz abbetete , oder seinen Schaden zählen wollte , während Apollonia den Garten eilig verließ . Und immer noch arbeitete er und zählte in bittern Gedanken an dem Kranze , während dieser auseinander fiel und ihm nur der Zweig blieb , über welchen er gebunden war . Und wieder zählte er die Blätter dieses Zweigs und fand vierundzwanzig daran und bei dieser Zahl ging ihm ein Blitz durch den Kopf , als wär ' s die Entdeckung einer neuen Welt . Sein Traum , der Schatz , das Haus , der Garten , alles war wieder sein , auch Apollonia glaubte er durch diesen Reichtum noch erlangen zu können , da fiel ihm erst sorgenvoll ein , daß es doch wohl nur ein zufälliges Zusammentreffen mit dem Traum sein könne . Seine Tätigkeit überwog Gram und Sorge , die Schaufel war in seiner Hand , er grub in die Erde , daß der Schweiß ihm über Wangen und Rücken lief . Jeder Einschnitt in den schwarzen Boden war ihm ein lohnendes Gefühl , daß er näher seiner Hoffnung , - endlich klang der Spaten gegen Metall , - noch ein Abheben der Erde und er sah die rostige Fläche eines eisernen Deckels . Nun ruhte er sich einen Augenblick , sein Schweiß tropfte auf die Fläche des Deckels und er sah schon das Gold eingelegter Blumen auf demselben . Nun hob er den Kasten mit Gebet , daß er ihm nicht entschwinden möge . Da stand er , aber das Schloß wollte nicht weichen , bis er mit einem derben Steine so kräftige Schläge gegen den vorstehenden Deckel führte , daß das Schloß zersprang und der Deckel aufsprang . Das Geld lag nicht unmittelbar im Kasten , sondern erst mußte er einen alten ausgenähten , ledernen Beutel aufziehen , da stand die Erscheinung des Traumes , die Fülle silberner und goldner Münzen vor ihm . Und als er sie in beschaulicher Eile in den Kasten stürzte , so fand er noch im Beutel ein wenig verrostetes Gürtelmesser , dessen Griff in türkischer Art einen Drachenkopf bildete . Eilig nahm er zwei Gulden aus der Menge und steckte sie zu sich , wollte eilig zum Rathause , den Rest der Kaufsumme zu zahlen , aber nun plagte ihn schon der Reichtum : wo sollte er seihen Schatz verbergen ? Endlich glaubte er ihn unter Steinen in seinem aufgeräumten Zimmer ziemlich gesichert zu haben , nahm aber doch eine Tasche voll Geld mit , um im Falle unseliger Beraubung nicht alles zu verlieren . Sein Kaufbrief war bald ausgefertigt , der Vogt sah ihn an wie einen seltsamen Toren , der sein Geld verschwendet und obenein als verdächtig , woher er das Geld bekommen . Beim Bürgermeister erhielt er einige Verweise , daß er so spät gekommen , weil dieser zur Feier des Namenstags seiner Tochter noch ein Gedicht , das er anfertigen lassen , abgeschrieben wollte haben . Da strengte er sich an , jeder Schnörkel mehr an den Buchstaben sollte ihr dartun , wie er ihr mit allen Kräften zu dienen strebte . Als er diese Arbeit zur Zufriedenheit des Herrn Bürgermeisters beendet , eilte er , von seinem Garten mit einem Kuß , den er der Erde gab , Besitz zu nehmen und dann mit furchtbarer Reue alles Blühende zu Ehren Apolloniens abzumähen . Es war ein hoher Tragekorb voll Blumen , womit er in das Haus des Bürgermeisters einrückte , die er an Apollonien abzugeben bat . Der Bürgermeister , der gerade noch im Zimmer , nahm das Geschenk als ein Zeichen schuldiger Anhänglichkeit an sein hohes Haus , im Namen der Tochter , wohl auf , er befahl , ihn zum Vesperbrot herein zu rufen . Da ward ihm gar fröhlich , als Apollonia mit ganz versöhntem , freundlichem Blicke ihm ein Glas Wein darbot , auf welchem ein breiter Schnitt Mandelkuchen mit krispelkrauser Oberfläche lag . Wie aber zu dem Dargebotenen zu gelangen , da er in der einen Hand sein Barett , in der andern einige Schriften hielt , unter welche der Bürgermeister seinen Namen setzen sollte . Nach kurzer Überlegung ließ er beides fallen , denn das dargebotene Glück war zu groß . Nun hörte er hinter sich ein feines Lachen , während Apollonia , in seiner Seele verlegen , die Augen niederschlug . Das war doch schön von ihr , wie sie so mit ihm fühlte , auch war es gutmütig vom Bürgermeister , daß er einen ernsten Blick gegen die Lachenden aussandte und dem Berthold vormachte , wie er erst die Pergamente hätte in die Tasche stecken , das Barett unter dem Arm einklammern sollen , um ruhig zu dem Glase Wein zu gelangen . Berthold tat , wie ihm geheißen , klemmte aber so heftig an seinem Barett , daß das kleine Eichhörnchen , welches er gewöhnlich mit sich herumtrug , ihn biß und mit dem ihm eignen Knurren in der Bosheit hinaus und wie ein Teufelchen im Zimmer herumsprang , während Berthold sein Weinglas zum Teil überschwabbern ließ und nachher ängstlich mit seinem Fuße den Weinfleck am Boden zu decken suchte . Nun war das Gelächter allgemein und der Bürgermeister verließ das Zimmer , um sich nichts von seinem Ansehen gegen den Schreiber zu vergeben . Apollonia suchte ihn jetzt dreister zu machen , schenkte ihm das Glas voll , er mußte trinken und der seltene Genuß des edlen Weins und Apolloniens freundliche , braune Augen erheiterten ihn ungemein , er kam zu