gern nach . Leontin hatte nach seiner raschen , fröhlichen Art bald eine wahre Freundschaft zu ihm gefaßt , und sie verabredeten miteinander , einen Streifzug durch das nahe Gebirge zu machen , das manches Sehenswerte enthielt . Die Ausführung dieses Planes blieb indes von Tage zu Tage verschoben . Bald war das Wetter zu neblicht , bald waren die Pferde nicht zu entbehren oder sonst etwas Notwendiges zu verrichten , und sie mußten sich am Ende selber eingestehen , daß es ihnen beiden eigentlich schwerfiel , sich , auch nur auf wenige Tage , von ihrer hiesigen Nachbarschaft zu trennen . Leontin hatte hier seine eigenen Geheimnisse . Er ritt oft ganz abgelegene Wege in den Wald hinein , wo er nicht selten halbe Tage lang ausblieb . Niemand wußte , was er dort vorhabe , und er selber sprach nie davon . Friedrich dagegen besuchte Rosa fast täglich . Drüben in ihrem schönen Garten hatte die Liebe ihr tausendfarbiges Zelt aufgeschlagen , ihre wunderreichen Fernen ausgespannt , ihre Regenbogen und goldenen Brücken durch die blaue Luft geschwungen , und rings die Berge und Wälder wie einen Zauberkreis um ihr morgenrotes Reich gezogen . Er war unaussprechlich glücklich . Leontin begleitete ihn sehr selten , weil ihm , wie er immer zu sagen pflegte , seine Schwester wie ein gemalter Frühling vorkäme . Friedrich glaubte von jeher bemerkt zu haben , daß Leontin bei aller seiner Lebhaftigkeit doch eigentlich kalt sei und dachte dabei : was hilft dir der schönste gemalte oder natürliche Frühling ! Aus dir selber muß doch die Sonne das Bild bescheinen , um es zu beleben . Zu Hause , auf Leontins Schlosse , wurde Friedrichs poetischer Rausch durch nichts gestört ; denn was hier Faber Herrliches ersann und fleißig aufschrieb , suchte Leontin auf seine freie , wunderliche Weise ins Leben einzuführen . Seine Leute mochten alle fortleben , wie es ihnen ihr frischer , guter Sinn eingab ; das Waldhorn irrte fast Tag und Nacht in dem Walde hin und her , dazwischen spukte die eben erwachende Sinnlichkeit der kleinen Marie wie ein reizender Kobold , und so machte dieser seltsame , bunte Haushalt diesen ganzen Aufenthalt zu einer wahren Feenburg . Mitten in dem schönen Feste blieb nur ein einziges Wesen einsam und anteillos . Das war Erwin , der schöne Knabe , der mit Friedrich auf das Schloß gekommen war . Er war allen unbegreiflich . Sein einziges Ziel und Augenmerk schien es , seinen Herrn , den Grafen Friedrich , zu bedienen , welches er bis zur geringsten Kleinigkeit aufmerksam , emsig und gewissenhaft tat . Sonst mischte er sich in keine Geschäfte oder Lust der andern , erschien zerstreut , immer fremd , verschlossen und fast hart , so lieblich weich auch seine helle Stimme klang . Nur manchmal , bei Veranlassungen , die oft allen gleichgültig waren , sprach er auf einmal viel und bewegt , und jedem fiel dann sein schönes , seelenvolles Gesicht auf . Unter seine Seltsamkeiten gehörte auch , daß er niemals zu bewegen war , eine Nacht in der Stube zuzubringen . Wenn alles im Schlosse schlief und draußen die Sterne am Himmel prangten , ging er vielmehr mit der Gitarre aus , setzte sich gewöhnlich auf die alte Schloßmauer über dem Waldgrunde und übte sich dort heimlich auf dem Instrumente . Wie oft , wenn Friedrich manchmal in der Nacht erwachte , brachte der Wind einzelne Töne seines Gesanges über den stillen Hof zu ihm herüber , oder er fand ihn frühmorgens auf der Mauer über der Gitarre eingeschlafen . Leontin nannte den Knaben eine wunderbare Laute aus alter Zeit , die jetzt niemand mehr zu spielen verstehe . Eines Abends , da Leontin wieder auf einem seiner geheimnisvollen Ausflüge ungewöhnlich lange ausblieb , saßen Friedrich und Faber , der sich nach geschehener Tagesarbeit einen fröhlichen Feierabend nicht nehmen ließ , auf der Wiese um den runden Tisch . Der Mond stand schon über dem dunkeln Turme des Schlosses . Da hörten sie plötzlich ein Geräusch durch das Dickicht brechen und Leontin stürzte auf seinem Pferde , wie ein gejagtes Wild , aus dem Walde hervor . Totenbleich , atemlos , und hin und wieder von den Ästen blutig gerissen , kam er sogleich zu ihnen an den Tisch und trank hastig mehrere Gläser Wein nacheinander aus . Friedrich erschütterte die schöne , wüste Gestalt . Leontin lachte laut auf , da er bemerkte , daß ihn alle so verwundert ansahen . Faber drang neugierig in ihn , ihnen zu erzählen , was ihm begegnet sei . Er erzählte aber nichts , sondern sagte statt aller Antwort : » Ich reise fort ins Gebirge , wollt ihr mit ? « - Faber sagte überrascht und unentschlossen , daß ihm jetzt jede Störung unwillkommen sei , da er soeben an dem angefangenen großen Gedichte arbeite , schlug aber endlich ein . Friedrich schwieg still . Leontin , der ihm wohl ansah , was er meine , entband ihn seines alten Versprechens , ihn zu begleiten ; er mußte ihm aber dagegen geloben , ihn auf seinem Schlosse zu erwarten . Sie blieben nun noch einige Zeit beieinander . Aber Leontin blieb nachdenklich und still . Seine beiden Gäste begaben sich daher bald zur Ruhe , ohne zu wissen , was sie von seiner Veränderung und raschem Entschlusse denken sollten . Noch im Weggehen hörten sie ihn singen : » Hinaus , o Mensch , weit in die Welt , Bangt dir das Herz in krankem Mut ! Nichts ist so trüb in Nacht gestellt , Der Morgen leicht macht ' s wieder gut . « Am Morgen frühzeitig blickte Friedrich aus seinem Fenster . Da sah er Leontin schon unten auf der Waldstraße auf das Schloß seiner Schwester zureiten . Er eilte schnell hinab und ritt ihm nach . Als er auf Rosas Schlosse ankam , fand er Leontin im Garten in einem lauten Wortwechsel mit seiner Schwester . Leontin war nämlich hergekommen , um Abschied von ihr zu nehmen . Rosa hatte aber kaum von seinem Vorhaben gehört , als sie sogleich mit aller Heftigkeit den Gedanken ergriff mitzureisen . » Das laß ich wohl bleiben « , sagte Leontin , » da schnüre ich noch heut mein Bündel und reit euch ganz allein davon . Ich will eben als ein Verzweifelter weit in die Welt hinaus , will mich , wie Don Quijote , im Gebirge auf den Kopf stellen und einmal recht verrückt sein , und da fällt ' s euch gerade ein , hinter mir dreinzuzotteln , als reisten wir nach Karlsbad oder Pyrmont , um mich jedesmal fein natürlich wieder auf die Beine zu bringen und zurechtzurücken . Kommt mir doch jetzt meine ganze Reise vor , wie eine Armee , wo man vorn blitzende Schwerter und wehende Fahnen , hinterdrein aber einen langen Schwanz von Wagen und Weibern sieht , die auf alten Stühlen , Betten und anderm Hausgerät sitzen und plaudern , kochen , handeln und zanken , als wäre da vorn eben alles nichts , daß einem alle Lust zur Courage vergeht . Wahrhaftig , wenn du mitziehst , meine weltliche Rosa , so lasse ich das ganze herrliche , tausendfarbige Rad meiner Reisevorsätze fallen , wie der Pfau , wenn er seine prosaischen Füße besieht . « - Rosa , die kein Wort von allem verstanden hatte , was ihr Bruder gesagt , ließ sich nichts ausreden , sondern beharrte ruhig und fest bei ihrem Entschlusse , denn sie gefiel sich schon im voraus zu sehr als Amazone zu Pferde und freute sich auf neue Spektakel . Friedrich , der eben hier dazukam , schüttelte den Kopf über ihr hartes Köpfchen , das ihm unter allen Untugenden der Mädchen die unleidlichste war . Noch tiefer aber schmerzte ihn ihre Hartnäckigkeit , da sie doch wußte , daß er nicht mitreise , daß er es nur um ihretwillen ausgeschlagen habe , und ihn wandelte heimlich die Lust an , selber allein in alle Welt zu gehen . Leontin , der , wie auf etwas sinnend , unterdes die beiden verliebten Gesichter angesehen hatte , lachte auf einmal auf . » Nein « , rief er , » wahrhaftig , der Spaß ist so größer ! Rosa , du sollst mitreisen , und Faber und Marie und Erwin und Haus und Hof . Wir wollen sanft über die grünen Hügel wallen , wie Schäfer , die Jäger sollen die ungeschlachten Hörner zu Hause lassen und Flöte blasen . Ich will mit bloßem Halse gehn , die Haare blond färben und ringeln , ich will zahm Sein , auf den Zehen gehen und immer mit zugespitztem Munde leise lispeln : O teuerste , schöne Seele , o mein Leben , o mein Schaf ! Ihr sollt sehen , ich will mich bemühen , recht mit Anstand lustig zu sein . Dem Herrn Faber wollen wir einen Strohhut mit Lilabändern auf das dicke Gesicht setzen und einen langen Stab in die Hand geben , er soll den Zug anführen . Wir andern werden uns zuweilen zum Spaß im grünen Haine verirren , und dann über unser hartes Trennungslos aus unsern spaßhaften Schmerzen ernsthafte Sonette machen . « - Rosa , die von allem wieder nur gehört hatte , daß sie mitreisen dürfe , fiel hier ihrem Bruder unterbrechend um den Hals und tat so schön in ihrer Freude , daß Friedrich wieder ganz mit ihr ausgesöhnt war . Es wurde nun verabredet , daß sie sich noch heute abend auf Leontins Schlosse einfinden sollten , damit sie alle morgen frühzeitig aufbrechen könnten , und sie sprang fröhlich fort , um ihre Anstalten zu treffen . Als Friedrich und Leontin wieder nach Hause kamen , begann letzterer , der seinen gestrigen Schreck fast schon ganz wieder vergessen zu haben schien , sogleich mit vieler Lustigkeit zusammenzurufen , Befehle auszuteilen und überall Alarm zu schlagen , um , wie er sagte , das Zigeunerleben bald von allen Seiten aufzurühren . Rosa traf , wie sie es versprochen hatte , gegen Abend ein und fand auf der Wiese bei Mondenschein bereits alles in der buntesten Bewegung . Die Jäger putzten singend ihre Büchsen und Sattelzeug , andere versuchten ihre Hörner , Faber band ganze Ballen Papier zusammen , die kleine Marie sprang zwischen allen leichtfertig herum . Alle begaben sich heute etwas früher als gewöhnlich zur Ruhe . Als Friedrich eben einschlummerte , hörte er draußen einige volle Akkorde auf der Laute anschlagen . Bald darauf vernahm er Erwins Stimme . Das Lied , das er sang , rührte ihn wunderbar , denn es war eine alte , einfache Melodie , die er in seiner Kindheit sehr oft und seitdem niemals wieder gehört hatte . Er sprang erstaunt ans Fenster , aber Erwin hatte soeben wieder aufgehört . Das Licht aus Rosas Schlafzimmer am andern Flügel des Schlosses war erloschen , der Wind drehte knarrend die Wetterfahne auf dem Turme , der Mond schien außerordentlich hell . Friedrich sah Erwin wieder , wie sonst , mit der Gitarre auf der Mauer sitzen . Bald darauf hörte er den Knaben sprechen ; eine durchaus unbekannte , männliche Stimme schien ihm von Zeit zu Zeit Antwort zu geben . Friedrich verdoppelte seine Aufmerksamkeit , aber er konnte nichts verstehen , auch sah er niemand außer Erwin . Nur manchmal kam es ihm vor , als lange ein langer Arm über die Mauer herüber nach dem Knaben . Zuletzt sah er einen Schatten von dem Knaben fort längs der Mauer hinuntergehen . Der Schatten wuchs beim Mondenschein mit jedem Schritte immer höher und länger , bis er sich endlich in Riesengröße in den Wald hinein verlor . Friedrich lehnte sich ganz zum Fenster hinaus , aber er konnte nichts unterscheiden . Erwin sprach nun auch nicht mehr und die ganze Gegend war totenstill . Ein Schauer überlief ihn dabei . Sollte diese Erscheinung , dachte er , Zusammenhang haben mit Leontins Begebenheiten ? Weiß vielleicht dieser Knabe um seine Geheimnisse ? Ihm fiel dabei ein , daß sich sein ganzes Gesicht lebhaft verändert hatte , als Faber heute noch einmal Leontins gestrigen unbekannten Begegnisses erwähnte . Beinahe hätte er alles für einen überwachten Traum gehalten , so seltsam kam es ihm vor , und er schlief endlich mit sonderbaren und abenteuerlichen Gedanken ein . Fünftes Kapitel Als draußen Berg und Tal wieder licht waren , war der ganze bunte Trupp schon eine Stunde weit von Leontins Schlosse entfernt . Der sonderbare Zug gewährte einen lustigen Anblick . Leontin ritt ein unbändiges Pferd allen voraus . Er war leicht und nachlässig angezogen , und seine ganze Gestalt hatte etwas Ausländisches . Friedrich sah durchaus deutsch aus . Faber dagegen machte den allerseltsamsten und abenteuerlichsten Aufzug . Er hatte einen runden Hut mit ungeheuer breiten Krempen , der ihn , wie ein Schirm , gegen die Sonne und Regen zugleich schützen sollte . An seiner Seite hing eine dick angeschwollene Tasche mit Schreibtafeln , Büchern und anderm Reisegerät herab . Er war wie ein fahrender Scholast anzusehen . Rosa ritt mitten unter ihnen ein schönes , frommes Pferd auf einem weiblichen , englischen Sattel . Ein langes grünes Reitkleid , von einem goldenen Gürtel zusammengehalten , schmiegte sich an ihre vollen Glieder , ein blendendweißer Spitzenkragen umschloß das schöne Köpfchen , von dem hohe Federn in die Morgenluft nickten . Zu ihrer Begleitung hatte man die kleine Marie bestimmt , die ihr als Jägerknabe folgte . Auch Erwin ritt mit und hatte die Gitarre an einem himmelblauen Bande umgehängt . Hinterdrein kamen mehrere Jäger mit wohlbepackten Pferden . Sie zogen eben über einen freien Bergrücken weg . Die Morgensonne funkelte ihnen fröhlich entgegen . Rosa blickte Friedrich aus ihren großen Augen so frisch und freudig an , daß es ihm durch die Seele ging . Als sie auf den Gipfel kamen , lag auf einmal ein unübersehbar weites Tal im Morgenschimmer unter ihnen . » Viktoria ! « rief Leontin fröhlich und schwang seinen Hut . » Es geht doch nichts übers Reisen , wenn man nicht dahin oder dorthin reiset , sondern in die weite Welt hinein , wie es Gott gefällt ! Wie uns aus Wäldern , Bergen , aus blühenden Mädchengesichtern , die von lichten Schlössern grüßen , aus Strömen und alten Burgen das noch unbekannte , überschwengliche Leben ernst und fröhlich ansieht ! « - » Das Reisen « , sagte Faber , » ist dem Leben vergleichbar . Das Leben der meisten ist eine immerwährende Geschäftsreise vom Buttermarkt zum Käsemarkt ; das Leben der Poetischen dagegen ein freies , unendliches Reisen nach dem Himmelreich . « - Leontin , dessen Widerspruchsgeist Faber jederzeit unwiderstehlich anregte , sagte darauf : » Diese reisenden Poetischen sind wieder den Paradiesvögeln zu vergleichen , von denen man fälschlich glaubt , daß sie keine Füße haben . Sie müssen doch auch herunter und in Wirtshäusern einkehren und Vettern und Basen besuchen , und , was sie sich auch für Zeug einbilden , das Fräulein auf dem lichten Schlosse ist doch nur ein dummes , höchstens verliebtes Ding , das die Liebe mit ihrem bißchen brennbaren Stoffe eine Weile in die Lüfte treibt , um dann desto jämmerlicher , wie ein ausgeblasener Dudelsack , wieder zur Erde zu fallen ; auf der alten , schönen , trotzigen Burg findet sich auch am Ende nur noch ein kahler Landkavalier usw. Alles ist Einbildung . « - » Du solltest nicht so reden « , entgegnete Friedrich . » Wenn wir von einer innern Freudigkeit erfüllt sind , welche , wie die Morgensonne , die Welt überscheint und alle Begebenheiten , Verhältnisse und Kreaturen zur eigentümlichen Bedeutung erhebt , so ist dieses freudige Licht vielmehr die wahre göttliche Gnade , in der allein alle Tugenden und großen Gedanken gedeihen , und die Welt ist wirklich so bedeutsam , jung und schön , wie sie unser Gemüt in sich selber anschaut . Der Mißmut aber , die träge Niedergeschlagenheit und alle diese Entzauberungen , das ist die wahre Einbildung , die wir durch Gebet und Mut zu überwinden trachten sollen , denn diese verdirbt die ursprüngliche Schönheit der Welt . « - » Ist mir auch recht « , erwiderte Leontin lustig . - » Graf Friedrich « , sagte Faber , » hat eine Unschuld in seinen Betrachtungen , eine Unschuld . « - » Ihr Dichter « , fiel ihm Leontin hastig ins Wort , » seid alle eurer Unschuld über den Kopf gewachsen , und , wie ihr eure Gedichte ausspendet , sagt ihr immer : Da ist ein prächtiges Kunststück von meiner Kindlichkeit , da ist ein besonders wohleingerichtetes Stück von meinem Patriotismus oder von meiner Ehre ! « - Friedrich erstaunte , da Leontin so keck und hart aussprach , was er , als eine Lästerung aller Poesie , sich selber zu denken niemals erlauben mochte . Rosa hatte unterdes über dem Gespräche mehrere Male gegähnt . Faber bemerkte es , und da er sich jederzeit als ein galanter Verehrer des schönen Geschlechts auszeichnete , so trug er sich an , zu allgemeiner Unterhaltung eine Erzählung zum besten zu geben . » Nur nicht in Versen « , rief Rosa , » denn da versteht man doch alles nur halb . « Man rückte daher näher zusammen , Faber in die Mitte nehmend , und er erzählte folgende Geschichte , während sie zwischen den waldigen Bergen langsam fortzogen : » Es war einmal ein Ritter . « - » Das fängt ja an wie ein Märchen « , unterbrach ihn Rosa . - Faber setzte von neuem an : » Es war einmal ein Ritter , der lebte tief im Walde auf seiner alten Burg in geistlichen Betrachtungen und strengen Bußübungen . Kein Fremder besuchte den frommen Ritter , alle Wege zu seiner Burg waren lange mit hohem Grase überwachsen und nur das Glöcklein , das er bei seinen Gebeten von Zeit zu Zeit zog , unterbrach die Stille und klang in hellen Nächten weit über die Wälder weg . Der Ritter hatte ein junges Töchterlein , die machte ihm viel Kummer , denn sie war ganz anderer Sinnesart , als ihr Vater und all ihr Trachten ging nur auf weltliche Dinge . Wenn sie abends am Spinnrocken saß , und er ihr aus seinen alten Büchern die wunderbaren Geschichten von den heiligen Märtyrern vorlas , dachte sie immer heimlich bei sich : Das waren wohl rechte Toren , und hielt sich für weit klüger , als ihr alter Vater , der alle die Wunder glaubte . Oft , wenn ihr Vater weg war , blätterte sie in den Büchern und malte den Heiligen , die darin abgebildet waren , große Schnurrbärte « - Rosa lachte hierbei laut auf . - » Was lachst du ? « fragte Leontin Spitzig , und Faber fuhr in Seiner Erzählung fort : » Sie war sehr schön und klüger , als alle die andern Kinder in ihrem Alter , weswegen sie sich auch immer mit ihnen zu spielen schämte , und wer mit ihr sprach , glaubte eine erwachsene Person reden zu hören , so gescheit und künstlich waren alle ihre Worte gesetzt . Dabei ging sie bei Tag und Nacht ganz allein im Walde umher , ohne sich zu fürchten , und lachte immer den alten Burgvogt aus , der ihr schauerliche Geschichten vom Wassermann erzählte . Gar oft stand sie dann an dem blauen Flusse im Walde und rief mit lachendem Munde : Wassermann soll mein Bräutigam sein ! Wassermann soll mein Bräutigam sein ! Als nun der Vater zum Sterben kam , rief er die Tochter zu seinem Bette und übergab ihr einen großen Ring , der war sehr schwer von reinem Golde gearbeitet . Er sagte dabei zu ihr : Dieser Ring ist vor uralten Zeiten von einer kunstreichen Hand verfertigt . Einer deiner Vorfahren hat ihn in Palästina , mitten im Getümmel der Schlacht , erfochten . Dort lag er unter Blut und Staub auf dem Boden , aber er blieb unbefleckt und glänzte so hell und durchdringlich , daß sich alle Rosse davor bäumten und keines ihn mit seinem Hufe zertreten wollte . Alle deine Mütter haben den Ring getragen und Gott hat ihren frommen Ehestand gesegnet . Nimm du ihn auch hin und betrachte ihn alle Morgen mit rechten Sinnen , so wird sein Glanz dein Herz erquicken und stärken . Wenden sich aber deine Gedanken und Neigungen zum Bösen , so verlöscht sein Glanz mit der Klarheit deiner Seele und wird dir gar trübe erscheinen . Bewahre ihn treu an deinem Finger , bis du einen tugendhaften Mann gefunden . Denn welcher Mann ihn einmal an seiner Hand trägt , der kann nicht mehr von dir lassen und wird dein Bräutigam . - Bei diesen Worten verschied der alte Ritter . Ida blieb nun allein zurück . Ihr war längst angst und bange auf dem alten Schlosse gewesen , und da sie jetzt ungeheure Schätze in den Kellern ihres Vaters vorfand , so veränderte sie sogleich ihre Lebensweise . « - » Gott sei Dank « , sagte Rosa , » denn bis jetzt war sie ziemlich langweilig . « - Faber fuhr wieder fort : » Die dunkeln Bogen , Tore und Höfe der alten Burg wurden niedergerissen und ein neues , lichtes Schloß mit blendendweißen Mauern und kleinern , luftigen Türmchen erhob sich bald über den alten Steinen . Ein großer , schöner Garten wurde daneben angelegt , durch den der blaue Fluß vorüberfloß . Da standen tausenderlei hohe , bunte Blumen , Wasserkünste sprangen dazwischen , und zahme Rehe gingen darin spazieren . Der Schloßhof wimmelte von Rossen und reichgeschmückten Edelknaben , die lustige Lieder auf ihr schönes Fräulein sangen . Sie selber war nun schon groß und außerordentlich schön geworden . Von Ost und West kamen daher nun reiche und junge Freier angezogen , und die Straßen , die zu dem Schlosse führten , blitzten von blanken Reitern , Helmen und Federbüschen . Das gefiel dem Fräulein gar wohl , aber so gern sie auch alle Männer hatte , so mochte sie doch mit keinem einzigen ihren Ring auswechseln ; denn jeder Gedanke an die Ehe war ihr lächerlich und verhaßt . Was soll ich , sagte sie zu sich selbst , meine schöne Jugend verkümmern , um in abgeschiedener , langweiliger Einsamkeit eine armselige Hausmutter abzugeben , anstatt daß ich jetzt so frei bin , wie der Vogel in der Luft . Dabei kamen ihr alle Männer gar dummlich vor , weil sie entweder zu unbehülflich waren , ihrem müßigen Witze nachzukommen , oder auf andere , hohe Dinge stolz taten , an die sie nicht glaubte . Und so betrachtete sie sich in ihrer Verblendung als eine reizende Fee unter verzauberten Bären und Affen , die nach ihrem Winke tanzen und aufwarten mußten . Der Ring wurde indes von Tage zu Tage trüber . Eines Tages gab sie ein glänzendes Bankett . Unter einem prächtigen Zelte , das im Garten aufgeschlagen war , saßen die jungen Ritter und Frauen um die Tafel , in ihrer Mitte das stolze Fräulein , gleich einer Königin , und ihre witzigen Redensarten überstrahlten den Glanz der Perlen und Edelgesteine , womit ihr Hals und Busen geschmückt war . Recht wie ein wurmstichiger Apfel , so schön rot und betrüglich war sie anzusehen . Der goldene Wein kreiste fröhlich herum , die Ritter schauten kühner , üppig lockende Lieder zogen hin und wieder im Garten durch die sommerlaue Luft . Da fielen Idas Blicke zufällig auf ihren Ring . Der war auf einmal finster geworden , und sein verlöschender Glanz tat nur eben noch einen seltsamen , dunkelglühenden Blick auf sie . Sie stand schnell auf und ging an den Abhang des Gartens . Du einfältiger Stein sollst mich nicht länger mehr stören ! sagte sie , in ihrem Übermute lachend , zog den Ring vom Finger und warf ihn in den Strom hinunter . Er beschrieb im Fluge einen hellschimmernden Bogen und tauchte sogleich in den tiefsten Abgrund hinab . Darauf kehrte sie wieder in den Garten zurück , aus dem die Töne wollüstig nach ihr zu langen schienen . Am andern Tage saß Ida allein im Garten und sah in den Fluß hinunter . Es war gerade um die Mittagszeit . Alle Gäste waren fortgezogen , die ganze Gegend lag still und schwül . Einzelne seltsam gestaltete Wolken zogen langsam über den dunkelblauen Himmel ; manchmal flog ein plötzlicher Wind über die Gegend , und dann war es , als ob die alten Felsen und die alten Bäume sich über den Fluß unten neigten und miteinander über sie besprächen . Ein Schauder überlief Ida . Da sah sie auf einmal einen schönen , hohen Ritter , der auf einem schneeweißen Rosse die Straße hergeritten kam . Seine Rüstung und sein Helm waren wasserblau , eine wasserblaue Binde flatterte in der Luft , seine Sporen waren von Kristall . Er grüßte sie freundlich , stieg ab und kam zu ihr . Ida schrie laut auf vor Schreck , denn sie erblickte den alten wundertätigen Ring , den sie gestern in den Fluß geworfen hatte , an seinem Finger , und dachte sogleich daran , was ihr ihr Vater auf dem Totenbette prophezeit hatte . Der schöne Ritter zog sogleich eine dreifache Schnur von Perlen hervor und hing sie dem Fräulein um den Hals , dabei küßte er sie auf den Mund , nannte sie seine Braut und versprach , sie heute abend heimzuholen . Ida konnte nichts antworten , denn es kam ihr vor , als läge sie in einem tiefen Schlafe , und doch vernahm sie den Ritter , der in gar lieblichen Worten zu ihr sprach , ganz deutlich , und hörte dazwischen auch den Strom , wie über ihr , immerfort verworren dreinrauschen . Darauf sah sie den Ritter sich wieder auf seinen Schimmel schwingen und so schnell in den Wald zurücksprengen , daß der Wind hinter ihm dreinpfiff . Als es gegen Abend kam , stand sie in ihrem Schlosse am Fenster und schaute in das Gebirge hinaus , das schon die graue Dämmerung zu überziehen anfing . Sie sann hin und her , wer der schöne Ritter sein möge , aber sie konnte nichts herausbringen . Eine nie gefühlte Unruhe und Ängstlichkeit überfiel dabei ihre Seele , die immer mehr zunahm , je dunkler draußen die Gegend wurde . Sie nahm die Zither , um sich zu zerstreuen . Es fiel ihr ein altes Lied ein , das sie als Kind oft ihren Vater in der Nacht , wenn sie manchmal erwachte , hatte singen hören . Sie fing an zu singen : Obschon ist hin der Sonnenschein Und wir im Finstern müssen sein , So können wir doch singen Von Gottes Güt und seiner Macht , Weil uns kann hindern keine Nacht , Sein Lobe zu vollbringen . Die Tränen brachen ihr hierbei aus den Augen , und sie mußte die Zither weglegen , so weh war ihr zumute . Endlich , da es draußen schon ganz finster geworden , hörte sie auf einmal ein großes Getös von Rosseshufen und fremden Stimmen . Der Schloßhof füllte sich mit Windlichtern , bei deren Schein sie ein wildes Gewimmel von Wagen , Pferden , Rittern und Frauen erblickte . Die Hochzeitsgäste verbreiteten sich bald in der ganzen Burg , und sie erkannte alle ihre alten Bekannten , die auch letzthinauf dem Bankett bei ihr gewesen waren . Der schöne Bräutigam , wieder ganz in wasserblaue Seide gekleidet , trat zu ihr und erheiterte gar bald ihr Herz durch seine anmutigen und süßen Reden , Musikanten spielten lustig , Edelknaben schenkten Wein herum , und alles tanzte und schmauste in freudenreichem Schalle . Während des Festes trat Ida mit ihrem Bräutigam ans offene Fenster . Die Gegend war unten weit und breit still , wie ein Grab , nur der Fluß rauschte aus dem finstern Grunde herauf . Was sind das für schwarze Vögel , fragte Ida , die da in langen Scharen so langsam über den Himmel ziehn ? - Sie ziehen die ganze Nacht fort , sagte der Bräutigam , sie bedeuten deine Hochzeit . - Was sind das für fremde Leute , fragte Ida wieder , die dort unten am Flusse auf den Steinen sitzen und sich nicht rühren ? - Das sind meine Diener , sagte der Bräutigam , die auf uns warten . - Unterdes fingen schon lichte Streifen an , sich am Himmel aufzurichten , und aus den Tälern hörte man von ferne Hähne krähen . Es wird so kühl , sagte Ida und schloß das Fenster . In meinem Hause ist es noch viel kühler , erwiderte der Bräutigam , und Ida schauderte unwillkürlich zusammen . Darauf faßte er sie beim Arme und führte sie mitten unter den lustigen Schwarm zum Tanze . Der Morgen rückte indes immer näher , die Kerzen im Saale flackerten nur noch matt und löschten zum Teil gar aus . Während Ida mit ihrem Bräutigam herumwalzte , bemerkte sie mit Grausen , daß er immer blässer ward , je lichter es wurde . Draußen vor den Fenstern sah sie lange Männer mit seltsamen Gesichtern ankommen , die in den Saal hereinschauten . Auch die Gesichter der übrigen Gäste und Bekannten veränderten sich nach und nach , und sie sahen alle aus wie Leichen . Mein Gott , mit wem habe ich so lange Zeit gelebt ? rief sie aus . Sie konnte vor Ermattung nicht mehr fort und wollte sich loswinden , aber der Bräutigam hielt sie fest um den Leib und tanzte immerfort , bis sie atemlos auf die Erde hinstürzte . Frühmorgens , als die Sonne fröhlich über das Gebirge schien , sah man den Schloßgarten auf dem Berge verwüstet , im Schlosse war kein Mensch zu finden , und alle Fenster standen weit offen . Die Reisenden , die bei