er unter leichtem Erröthen , glauben Sie , daß das anders möglich sei ? Alonzo schwieg . Philipp blieb vor ihm stehen . Mir war , sagte er , als habe sich eine von den hohen Lilien herübergeneigt und lege sich nun an des gefallenen Jünglings Brust . Es kam alles so schnell , so traumartig . Alonzo faßte seine Hand . Ich reise , lieber Philipp , ich muß hier fort , die Luft drückt mich entsetzlich . Ich habe meiner Mutter schon geschrieben . Es geht nicht länger . Sie muß sich bei dem Könige für mich verwenden , er wird mich zurückrufen , er siehts ja , ich tauge hier nichts , wie konnte er mich auch wählen ! Ich wollte , ich könnte Sie begleiten , sagte Philipp , seine Hand immer noch in der seinen haltend , aber mein Weg ist mir schon vorgezeichnet . Bei allem dem , fuhr Alonzo ganz in Gedanken fort , wie gut daß er lebt . Er schien ihr so werth , so unaussprechlich theuer zu sein ! Wenn er - o höchst wunderbarer unbegreiflicher Gott ! - Beide schwiegen unter ernstem Nachdenken als ein Wagen vor dem Hause anhielt , und man Alonzo , Türgis Oheim , den Herzog meldete . Störe ich Sie , sagte Philipp aufbrechend , so leben Sie für jetzt wohl . Im Gegentheil , erwiederte Alonzo , Ihre Nähe thut mir ganz unumgänglich noth . Ich denke es kömmt hier noch wohl mancherlei zur Sprache , und wir halten und bewahren uns nie besser , als wenn wir wissen , daß uns ein Freund beachtet . Nun fiel jener lachend ein , das wird einmal wieder einen komischen Aufzug geben , am Ende sollen Sie sich wohl gar noch mit dem alten Herrn herumschlagen . Ich dächte Sie überließen mir das , wir können leicht die Rollen vertauschen , er kennt keinen von uns beiden , und ich zeige ihm dann sein eignes Gesicht , ich weiß schon all die Minen , Phrasen und Luftsprünge der Gedanken auswendig , er soll glauben sich in einem Spiegel zu sehen , hören Sie nur , da geht ' s los . Die Thüren schlugen auf , der ältlich würdige Mann trat ein und gab durch sein bloßes Erscheinen den beiden Jünglingen Ehrfurcht . Sie neigten sich schweigend gegen ihn . Das stille Leiden vieler Jahre , die Kraft und Ruhe der Ueberwindung lag auf den verfallenden Zügen , er richtete die großen Augen nach Alonzo ; die Nacht hereinbrechenden Alters umdämmerte bereits ihre frühere Gluth , und gab ihnen jenes wehmüthig verschwimmende Licht , das leise zum Herzen redet . Mit altadelich sicherm Anstande sagte er darauf , ich fühle mich gedrungen Sie aufzusuchen , ihnen persönlich zu eröffnen , wovon mein Herz voll ist . Sie sind zum Unglück meines Hauses auf unverzeihliche Weise gereitzt worden , und haben nach würdig anerkannter Sitte ihr Recht genommen , ich kann jenes nur bedauern , wie dieses ehren . Wenn indeß der leichtsinnige Uebermuth eines Unbesonnenen , wenn die empörende Frechheit meines vergifteten Frankreichs sich so verletzend gegen Sie , gegen eine ganze edle Nation äußern durfte , werden Sie dem Bereuenden , dem Todtwunden verzeihen ? werden Sie einer verzweifelnden Mutter den Trost geben wollen , daß kein Fluch ihrem Liebling ins Grab folgt ? Mein Herr , Sie haben keinen Begriff von dem Schmerze , alle Lebenshoffnungen in seinem Kinde , in seinem eignen Blute scheitern zu sehen ! Herr Herzog , entgegnete Alonzo in großer Bewegung , Ihnen ist es zu wohl bekannt , daß der geendete Kampf auch den Streit beendet . Die Ehre ist befriedigt , das Gefühl hat keine Stimme mehr ; auch ist dieses beruhigt , und ich darf Ihnen mein Ritterwort geben , daß ich um so freier von allem Groll bin , als durchaus keine weitern Beziehungen zwischen mir und meinem Gegner statt finden , und nur die allgemeinen , tief liegenden Elemente verschiedener Nationalität sich durch uns einen Weg bahnten , um aneinander zu gerathen . Die Gesetze wie die Weihe der Waffen haben hier geschlichtet und entschieden . Den Frieden der Gemüther behindert fortan nichts weiter . Wenn Sie , nahm der Herzog auf innige Weise das Wort , wenn Sie meiner Schwester das selbst sagen , wenn Sie uns die Beruhigung Ihrer Nähe nur auf kurze Augenblicke gönnen wollten . Alonzo sah ihn betreten an . Sie erschrecken , fuhr jener fort , schon vor der bloßen Möglichkeit persönlicher Befreundung , Sie hegen die lebhafteste Scheu gegen jede Art von Gemeinschaft mit allem was Franzose heißt ? Ich kann Sie nicht tadeln , aber eben daß ich es nicht kann , lastet härter als der Fluch der Verbannung auf mir . Ich will Sie , fügte er einlenkend hinzu , weiter nicht in Verlegenheit setzen . Sie werden es ja nicht übersehen wollen , daß es auch hier tapfere und freie Herzen giebt , die Pflicht und Ehre , Gott und Gewissen über alles hoch halten , und diesen Ihre Theilnahme schenken , je mehr Sie sie zu bedauern Ursach finden . Er hatte die letzten Worte mit frommen Eifer gesprochen , in seinen Augen glänzte eine Thräne . Alonzo sahe beschämt vor sich nieder . Ich gehe , sagte der Herzog nach kurzem Schweigen um vieles getrösteter von ihnen als ich kam , ich sehe Ihr menschliches Gefühl überwiegt den Nationalhaß bei weitem , wenn dieser gleich nicht duldet , daß Sie sich aussprechen dürfen . Ich verstehe Sie , junger Mann , und noch einmal , ich ehre Sie deshalb . Wo das Recht und die Wahrheit , rief Alonzo sehr bewegt , so gebietend sprechen , ist es nicht länger erlaubt zu wanken . Sie haben mich bezwungen , Herr Herzog , ich bitte Sie zu glauben , daß Sie , daß Ihre Familie meine Theilnahme in einem weit höhern Maaße besitzen als ich es sagen kann , daß ich stolz sein werde , Ihnen das zu bezeigen . Sie waren unter diesen Worten bis an die Thür gekommen . Der Herzog wandte sich noch einmal und mit prüfendem Blick auf beide Fremdlinge , rief er , möchten Sie doch Frankreich wahrhaft befreien können ! Philipp sah ihm gedankenvoll nach . Wie eitel die Jugend ist , sagte er nach einer Pause zu Alonzo gewandt , wie klug und sicher waren wir vorher , und wie stehen wir nun da ! Mich ärgern meine voreiligen Worte ! Leben Sie wohl , ich bin verdrüßlich , weiß nicht recht wie ich mit mir selbst dran bin . Der Haß ist von dieser Welt , aber die Gerechtigkeit ist Gottes , das fühle ich wohl ! Der Krieg macht doch wüst und einseitig , es muß wieder anders werden ! Leben Sie für heute wohl . Hören Sie doch , rief Alonzo ihn zurückhaltend , Sie schlugen noch so eben vor , wir sollten unsere Rollen in dieser Sache vertauschen , so ganz denke ich Sie nicht beim Worte zu nehmen , doch einigermaßen müssen Sie in meiner Seele handeln . Gott weiß es , setzte er tiefsinnig hinzu , ich bin mir selbst fremd geworden , wer mag sagen , wie weit das gehn kann , ich muß mich bei Zeiten zügeln , ich darf mich keiner allzu großen Weichheit hingeben , und doch bin ich der Familie , dem braven alten Manne etwas schuldig , es muß etwas gescheh ' n , ich darf nicht in dieser gemessenen Zurückhaltung verharren . Wollen Sie in meinem Namen zu dem Kranken , zu der Mutter gehn ? Ihnen wird es leichter sein , ein allgemein begütigendes Wort zu sprechen , ohne doch zu viel zu sagen . Sie werden das schon zu machen wissen , und verschaffen mir dadurch Zeit , mich zu sammeln . Es hat mich dies alles sehr überrascht , ich muß mich wirklich erst wiederfinden . Vielleicht begnügen sich auch die Menschen mit dieser einen Höflichkeit , sie wollen die Formen beobachtet wissen , sie vergessen nachher das Uebrige . Thun Sie es immer , lieber Philipp . Ich merke wohl , sagte dieser , es ist eine erschreckliche Sache mit den Worten , sie fallen einem so unversehens aus dem Munde und verstricken nachher in Dinge , die besser fern blieben . Ohne meinen unzeitigen Spaß vorhin wären Sie gar nicht auf den Gedanken gekommen . Nun ich gehe , fuhr er fort , aber was daraus entsteht , setzte er mit halb verstecktem Ernst hinzu , kommt dennoch auf Sie . Neuntes Kapitel Alonzo vermied es auf alle Weise , mit sich zur Sprache zu kommen . Er ließ die innern Wogen über Herz und Brust zusammenschlagen , ohne viel zu rühren und zu rücken . Die beklemmende Schwüle hielt jeden freiern Lebensstrom gefangen . Das eben war ihm recht , er scheuete die eigne Kühnheit . Gleichwohl erwartete er Philipps Rükkehr mit weit mehr Unruhe als ihm lieb war . Er wollte etwas hören , etwas erfahren , er wußte selbst nicht was ? Mit jeder Minute schwoll das Verlangen , die Sehnsucht immer stürmischer an . Er ging heftig auf und ab , Thüre und Fenster standen offen , er wollte durch kein falsches Geräusch länger getäuscht werden . Bei dem ersten Tritt , dem ersten Laut seiner Stimme , wollte er Philipp entgegentreten , er mußte doch endlich kommen , es konnte gar nicht fehlen . Ob der Kranke wohl noch lebt ? fragte er zuweilen , mit dem allerinnigsten , tiefsten Mitleid , dazwischen drang eine andre Frage herauf , der er niemals Herr werden konnte , sie sah ihn so lange und so fest an , bis er ganz verwirrt die Hand auf die Augen drückte und nichts mehr hören und nichts mehr sehen mochte . So quälte er sich stundenlang . Endlich sagte er ganz trotzig : mag er kommen oder nicht , was ist ' s weiter ? - Er ging aus , und verträumte den Abend über in Theater und Caffees . Aber mitten unter den tausend Lampen , unter den fremden Menschengesichtern schlich es wie ein Gespenst heran ? was ist das schlanke , weinende Mädgen dem wunden Jüngling ? liebt sie den Bruder , liebt sie den Freund in ihm ? Und kann sie anders als den Mörder hassen ? - Als er spät nach Hause kam , erfuhr er , daß ihm Philipp aufgesucht , ihn zu sprechen gewünscht , gleichwohl etwas eilig und zerstreut , nichts an ihn zurückgelassen habe . Gleichviel ! sagte Alonzo , es ist auch so gut . Doch legte er sich ins Fenster und hoffte , jener solle noch einmal heransprechen . Es blieb indeß alles wie es war . Seltsam ist es bei allem dem , sagte er mißmüthig , daß Philipp nicht wenigstens ein paar Zeilen schreibt ! wer weiß , was er mir zu sagen hatte ! Es war schon tief in der Nacht . Er warf sich aufs Bett . Ihm ward unerträglich heiß . An Schlaf war nicht zu denken . Er sprang wieder auf , ging im Zimmer hin und her und griff dann in Gedanken nach der Guitarre , und da sie verstimmt war , spannte er an den Saiten , und rührte in die Töne , ohne etwas mehr als einzelne Akkorde anzuschlagen . Er saß dem Nachtlicht gegen über , die Klänge hallten leise an ihm hin , ein kühler Lufthauch strich durch das offene Fenster , auf den Straßen war es still geworden , Alonzo sann und spielte sich so in eine tiefe Wehmuth hinein , als ein kleiner weißer Schmetterling , den man Nacht- oder Todtenvogel zu nennen pflegt , in blendenden Kreisen aus dem Dunkel an das Licht flog und vorüberschwirrend bald wieder verschwand . Alonzo wehete ein Schauer an , er wußte nicht woher noch worüber . Lange nachher kam es ihm vor , als höre er noch das Schillern der bleichen Flügel , er griff deshalb stärker in die Saiten und stimmte zuletzt unter lautem Begleiten der Stimme einen Choral an , vor dem seine Seele sich hob und dehnte . Er hatte die ganze Nacht über aufgesessen und die heiße Brust dem frischen , beruhigendem Morgenstrahl geöffnet . Der Thau lag perlend auf einem kleinen Blumengärtchen unter seinen Fenstern . Levkoyen und Reseda dufteten balsamisch , durch die Blätter säuselte der Morgenwind und schüttelte die hellen Tropfen erquicklich auf den Rasen . Es ward recht still und hell in Alonzo , und er konnte sogar dem erwachenden Leben umher , vom einförmigen Treiben der Hökerer und Verkäufer an bis zum emsigen Fleiß in der geöffneten Werkstatt freudig zu sehen . Nach und nach ward alles lauter , auch in seiner nächsten Nähe . Es war noch frühe , als er folgenden Zettel von Philipp erhielt : » Sie waren gestern Abend nicht zu finden , ich habe Sie vergeblich gesucht . Heute bin ich gedrängt und eilig . Nur so viel , Ihr Auftrag ist ausgerichtet und aufgenommen wie Sie wünschen können . Man sagt es nicht , aber man erwartet Sie . Sie hätten unrecht , dies Vertrauen zu täuschen . Leben Sie für ein paar Tage wohl . Ich mache einen kleinen Streifzug nach Versailles und dort umher . Gott mit Ihnen ! « Weich und offen und unbewaffnet gegen unerwartete Eindrücke , wie Alonzo es in der frühen Morgenstunde war , trafen ihn die flüchtigen unbefriedigenden Zeilen höchst unangenehm . Er warf den Zettel heftig vor sich hin . Es ist doch wahr , rief er , Künstler sind schroffe Egoisten , sich selbst in der Kunst heraufschmeichelnd und verwöhnend , lassen sie alles andre im Leben , all ' die tausend rührenden Beziehungen des Daseins unbeachtet , und kränken unaufhörlich durch Nachläßigkeit und Leichtsinn ! In Versailles ! was will er da ! nach alten Bildern jagen , je verbleichter und bestäubter , je lieber sind sie ihm freilich , die heiße , lebendige Nähe des wartenden Freundes , was ist sie dagegen ! sie fällt nur unbequem in seine Träume . Die Gegenwart ist so wahr , sie sieht so scharf und nahe ins Auge , die Phantasie hat nicht Raum , nicht Zeit zu spielen , sie will die That , die rund herausgesprochene , feste That , man hat es leichter drüben hin zu sehen und jeden flüchtig auf sich selbst zurückzuwerfen ! Er war in großer Bewegung auf- und abgegangen . Da blitzte es dunkel in ihm auf , er hat mir wohl gar etwas zu verbergen ! er will mit der Sprache nicht heraus , ich soll selber sehen . Das ist so recht ! dem unangenehmen Eindruck geht man aus dem Wege . Immer unwilliger , immer zerrissener im Innern beschloß er jetzt all ' der Quälerei ein Ende zu machen . Der schwere Gang zu Frau von Saint Alban ward unternommen . Der Weg war lang , Alonzo hätte ihn noch um Stunden ausdehnen mögen . Endlich fuhr der Wagen jener wohlbekannten Mauer entlängst . Der Tag schien hell und deutlich auf die verhängnißvolle Stelle nieder , das Pförtchen stand offen , Kinder liefen hinein und heraus und sammelten in Körbchen die abgefallenen Rosenblätter , um sie weiter zum Verkauf zu tragen . Ein alter Mann stand daneben und hütete die blühenden Zweige vor Beschädigung . Es ward alles so wirklich , so beängstigend um Alonzo . Vor einem dunkeln Eisengatter , am Eingange einer dichten hochgewölbten Kastanienallee hielt jetzt der Wagen . Der Schlag flog auf , Alonzo blieb länger keine Wahl , er war gemeldet , angenommen , so trat er denn in Gottes Namen in den schattigen Gang . Die Brust war ihm so beklemmt , daß er ein paarmal hustete und stille stand , um nur des stockenden Athems wieder Herr zu werden . Eine breite Rasentreppe herauf zwischen künstlichen Blumenbeeten erstieg er mühsam die Terassen , und trat nun unter das Portal des vornehmen altväterlichen Gebäudes . Gewölbte Gänge , in Stuck gearbeitete Verzierungen , breite Fliesen , ein paar steinerne Ritterbilder , an die sich die freche Hand der Zeit vergeblich wagte , alles hier sprach von gediegener , fester Sinnesweise . Armand öffnete feierlich , mit gesenktem Blick einzig auf sein Geschäft bedacht , eine Thür , und Alonzo stand vor Frau von Saint Alban . Wie er hieher gekommen ? was er hier sollte ? es war ihm selbst ein Räthsel . Er verbeugte sich tief , als die lebhafte Frau mit schnellem Blick an ihm hinfliegend ausrief : das erwartete ich . Sie mußten es sein ! Ich erkannte sie sogleich und das ist bei dem Tumulte dieser Zeit recht sehr viel , Sie sehen , wie tief Sie in unserm Herzen leben . Alonzo hatte bei dem ersten Laut ihrer Stimme die Mutter seiner Unbekannten wiedergefunden . Ein Strahl unaussprechlicher Freude blitzte durch seine Seele . Es scheint , fuhr Frau von Saint Alban fort , Ihr Eintritt in dies Haus bringt Segen . Mein Sohn ist heut um vieles wohler , er dankt das unfehlbar Ihrer gestrigen Botschaft , die ihm sichtlich wohl that . Die linde verbindliche Weise , mit der das zerrissene Mutterherz dem Trost zu geben bemühet war , der ihr so unaussprechlich wehe that , verwirrte Alonzo vollends . Gnädige Frau , stammelte er unter flammendem Erröthen , wie ich Ihnen gegenüberstehe , Sie trauen mir zu , daß ich es fühle . Ihre Güte macht mich vor mir selbst schuldiger als ich es wirklich bin . Ich kann Ihnen nichts , gar nichts sagen , daß nicht zu viel oder zu wenig wäre . Ihr scharfer Geist aber macht es Ihnen klar , daß es unglückliche Werkzeuge in der Hand des Himmels giebt , die ohne ihre Schuld bestimmt sind , den Frieden Anderer zu trüben . Gewiß es giebt im Leben verhängnißvolle Augenblicke , die dunkel und gewaltsam über uns gebieten . Daß mein Gewissen rein ist , sagt Ihnen mein Anblick , wie könnte ich anders vor Ihnen erscheinen . Ach mein Herr , entgegnete Frau von Saint Alban , indem sie ihn gütig bei der Hand fassend , neben sich niedersetzen ließ , Sie finden in mir eine herb geprüfte , viel erfahrene Bürgerin dieser Welt . Das Glück kenne ich nur trügerisch und doch bin ich nicht unglücklich . Ich müßte nach so vielen Täuschungen verzweifeln und doch hoffe ich gern , es ist mir nöthig , und so oder so , am Ende geht mir doch mancher Wunsch aus , und es schickt und fügt sich mir zum Heil . Ich beweinte und betrauerte lange den einzigen Sohn . Ich gab ihn auf . Da fand ich ihn wieder . Aber anders , ganz anders , höchst fremd , und doch mein Kind . Sein Leben ward mir ein Schmerz . Ich war nicht ohne Schuld , ich hätte es denken können . Wer darf den Pesthauch dieser Luft ungestraft einathmen ! Unter allen Gräueln der Revolution aufgewachsen , hatte ich ihn gehegt , bewahrt und so tief ist der Grund , den ein frommer Sinn in eines Kindes Herzen legt , daß der falsche Schein nur augenblicklich weichen darf , so tritt das rechte Wesen lebendig hervor . Mein Türgis war so weich , so hold , so leicht beweglich , der Höllendämon der Armee , faßte und bearbeitete das arme , junge Herz . Mein Herr , Thorheit und Leichtsinn sind Gespielen der Jugend , wer darf einen Stein auf ihn werfen ? Glücklich alle die , welche ein reines Vaterland haben , und bescheidene Vorliebe und feste Treue hegen dürfen ! Sie schwieg einige Sekunden , den Blick tiefsinnig am Boden geheftet . Drauf leicht und vertraulich zu Alonzo gewandt , sagte sie lächelnd , es scheint , der Himmel habe es sich vorgesetzt , unsre Bekanntschaft nicht fallen zu lassen . Zu stolz , meinen Dank anzunehmen , zwingt Sie die Vorsehung nun zum Mitleid . Sie erinnern sich , daß es ein menschliches Auge ist , dem Sie Thränen auspreßten , und eilen menschlich fühlend es zu trocknen . Sie sahen , es mußte so kommen , widerstreben Sie denn nicht länger , lassen Sie uns Freunde sein . Sie hatte ihre Hand mütterlich auf die seinige gelegt , Alonzo drückte sie gerührt an die Lippen . Ich bin stolz darauf , entgegnete er lebhaft , von Ihnen gnädige Frau erkannt zu sein , Sie tadeln nicht , was mich früherhin bestimmte , Sie fühlen , was mich jetzt zu Ihnen führt , und zweifeln keinen Augenblick an dem , was Sie zu unverhohlen in meiner Seele lesen . Nun denn , sagte Frau von Saint Alban aufstehend , so ist Friede zwischen uns , und so Gott will , ein festerer als alle Politik der Welt zu schließen vermag . Lassen Sie mich Sie nun meiner Familie vorstellen , der arme Kranke sehnt sich unaussprechlich Ihre Hand brüderlich zu fassen . Sie nahm Alonzos Arm und ging mit ihm durch mehrere Zimmer in einen kleinen Gartensaal . Türgis lag unter leichter Decke auf einem Ruhebett , den Kopf matt an Blansches Brust gelehnt . Diese hielt seine Hände in der ihrigen , das Gesicht wandte sich gedankenvoll nach dem offenen Fenster . Hohe Blumen wiegten draußen die Kelche hin und wieder , Bienen und glänzende Käfer summten begehrlich an ihnen hin , der Kranke schlummerte in leichten Fieberträumen . Zuweilen hob Blansche die längliche Hand , und wehete leicht die Fliegen von des armen Türgis Stirn . Alonzo und die Mutter waren herzugetreten . Blansche wagte nicht sich zu regen , aus Furcht den Bruder zu erwecken , eine leichte Neigung des Kopfes , der gesenkte Blick und das feinste Erröthen begrüßten indeß den Eintretenden . Alonzo betrachtete sie in stummer Ueberraschung . Die reichen blonden Haare waren in dichten Flechten aufgesteckt , Brust und Arme umschloß ein knappes weißes Kleid , das Gesichtchen sahe aus hohem Spitzenkragen , so schuldlos rein und friedlich wie der Engelskopf auf Philipps Bilde . Er hätte stundenlang so gegen ihr über stehen können , ohne das tiefe Schweigen in ihm und um ihn durch einen Laut zu unterbrechen . Frau von Saint Alban war nicht so geduldig . Sie machte eine rasche Bewegung , Türgis schlug die Augen auf , ein leichter Schatten flog über seine Stirn , die bleichen Wangen färbten sich leise . Alonzo hatte seine Hand gefaßt und sah hell und versöhnlich in die schönen , sich mehr und mehr belebenden Augen . Es ist mein Loos , sagte jener mit rührender Stimme , Sie überall als Sieger zu sehen , Sie werden es indeß begreifen , daß auch der Ueberwundene ein stolzes Herz hegen darf , und nur im wiedergefundenen Selbstgefühl sich und dem Schicksal verzeihet , ihm so gedemüthiget zu haben . So gefallen und so gehoben darf ich Ihren brüderlichen Händedruck erwiedern . Alonzo ging ein tiefer Schauder durch die Seele , als er den matt gebrochenen Klang der jugendlichen Stimme hörte , er sah mit bangem Herzklopfen die feinen , kaum geöffneten Lippen unter dem Sprechen beben , und als Türgis erschöpft auf die Kissen zurücksank , beugte er sich unwillkührlich ihn zu unterstützen . Frau von Saint Alban weinte in großer Rührung , ihres Sohnes Stirn küssend , Blansche allein sah ruhig und klar auf den ritterlichen Versöhnungsbund . Es kostete ihr auch weder Anstrengung , noch spürte man einen Wechsel in ihrem Wesen , als sich nach und nach das Gespräch gewöhnlich gestaltete und alles mehr und mehr das Ansehn eines ruhig befreundeten Krankenbesuches gewann . Sie blieb unbefangen und innig , alle ihre Achtsamkeit auf den Bruder gerichtet ; und theilte so den Andern eine Stille und Wärme mit , die Alle beglückte . Alonzo vergaß , wo er war . Er fühlte sich ganz einheimisch , im Innern mit einer Familie verwachsen , von der er sich nur spät und mühsam losriß . Zehntes Kapitel Von da kostete es Alonzo weder Kampf noch Ueberredung zu seinen neuen , wunderbar gewonnenen Freunden zurückzukehren . Unwillkührlich führte ihn der Weg jeden Tag zu ihnen . Er übte die angenehme Pflicht des Trostes und der Theilnahme mit einer Freudigkeit , in der er sich bald genug selbst vergaß . Sein Blut floß leichter , sein Blick ward heller , der strenge Frost seines Wesens linder , er empfand sich mit unaussprechlicher Rührung , ohne sich zu kennen , ohne zu forschen und zu fragen . Der Schmerz wie die Freude , jedes heilige und wahre Gefühl ziehet schnell das Band unter den Menschen zusammen . Wie durch ein Wunder war Alonzo plötzlich zu Hause unter den Fremden . Kam er , so hatte man ihn immer schon erwartet , seine Gegenwart schien allen mit einem male unentbehrlich , und nur unter herzlichen Versicherungen baldiger Wiederkehr schied man von einander . Blansche empfing ihn jedesmal mit verschämter und doch höchst edler Verbindlichkeit . Dem süßen Gemisch ihrer reizenden Natur widerstand leicht niemand , das Stimmchen so hell und rein , so einfache Worte und kindlich herzliches Lachen , die allerliebste Freudigkeit über Kleines und Großes , und doch wieder so fest und ruhig , so heilig still . Von solcher unbefangenen Hingebung , von diesem ernsten Selbsterfassen hatte Alonzo früher nie eine Vorstellung gehabt . Alles war leise an dem zierlichen Mädgen , ihr Gehen und Kommen , ihr Neigen und Grüßen , jede Handreichung , die sie dem Bruder leistete , selbst die Worte flogen nur säuselnd über die feinen Lippen , man glaubte eine Blume wehen und rauschen zu hören und athmete ihr Wesen wie den Duft der Maienglöckchen , ihr linder Zauber hielt alle Gemüther gefangen . Litt Türgis , weinte die Mutter , sahen der Oheim und Alonzo zweifelhaft drin , so beschwichtigte ihr frommer Blick den Aufruhr der Sinne , die Herzen wandten sich unwillkührlich zu dem , den ihr Auge suchte , und still und ergeben erwartete man des Himmels ewigen Willen . In solcher Nähe hatte Alonzo weder an Gefahr noch Trennung gedacht . Ihm war wohl , und er hielt das Störende abwärts . Auch blieb er sich selbst und seiner neuen Verbindung . Riemand hemmte den verborgenen Andrang und Wachsthum seiner Gefühle . Philipp war immer noch nicht wieder da . Alonzo dachte nicht an ihn , er vermißte ihn nicht , er vermißte nichts in der Welt , er schien alles zu besitzen , was ihn beglücken durfte . Sehr überrascht war er daher , als er eines Morgens den abwesend geglaubten an Türgis Bett zwischen Blansche und ihrer Mutter im ruhigen Gespräch begriffen fand . Alle drei traten ihm entgegen . Die alte Freude begrüßte ihn heut wie immer . Er erwiederte sie zerstreuet und als ihm Philipp lächelnd zuflüsterte : ich war gewiß , Sie hier zu finden , deßhalb suchte ich Sie auch nur hier , konnte er sich nicht entschließen , in seine harmlose Neckerei einzugehen , sondern blieb ernst und einsylbig . Ihm war als sehe er in Philipps Augen wie in einen Spiegel , alles was er früher gedacht , empfunden und gesagt hatte , ward ihm mit einem male gegenwärtig . Er fühlte sich unsicher , durch die Nähe des Freundes auf unbequeme Weise gedruckt . Die Uniform , welche Philipp trug , erinnerte ihn an Krieg und Streit , und seine Stellung zu Frankreich , eine Beschämung , deren er nicht Herr werden konnte , hielt Herz und Zunge gefangen . Dazu lagen Philipps Blicke in stiller Beschaulichkeit immer fester und innerlicher auf Blansches Zügen , er konnte es sich nicht ableugnen , daß der Glanz und die Seele des hellen Künstlerauges eine Welt ausströme , die unter tief empfundenen Schauren das verborgene Dasein wecke . Philipp kannte nur ein Leben , er hatte sich ihm hingegeben , sein ganzes Wesen in ihm aufgelöst , er achtete nach Jünglings- und Künstlerweise wenig auf das , was um ihn vorging , ruhig horchte er der Offenbarung , welche ihm durch des Menschenbildes ewige Verkündigung aufging . Alonzo befiel eine Angst , daß er nicht zu bleiben wußte . Er stand auf und setzte sich nieder , redete kurz und hastig , ohne mit sich zurecht zu kommen . Frau von Saint Alban spottete über seine Unruhe . Aber er konnte sich nun einmal nicht finden , schützte Geschäfte vor , und eilte nach Hause . So zerrissen und geklemmt , traf ihn folgender Brief seiner Mutter auf das peinlichste . » Alonzo , ich sehe Dich ungern in einer Stimmung , die Deiner Würde wie Deinem Frieden drohet . Was ängstet dem Adler das wüste Geflatter der Raben . Der Spanier lebt stets in Mitten seiner Welt , voll Ehre und Ruhm . An diese Glorie reicht kein Gleißen , noch Flimmern . Richte Du dein Auge nach der Sonne , und laß der Nacht ihr dunkles Wesen . Was geht ' s Dich an ! Dein unruhiger Haß gefällt mir nicht . Er zeigt von Ungleichheit und Streit , man haßt niemals , was man unbeachtet ließ . Dein Verhältniß , dein Geschäft , sagst du , drücken dich ? Die Pflicht darf niemand eine Last sein . Uebe sie ruhig , sie wird Dein Gemüth klar machen . Des Königs Vertrauen ehrt Dich . Ich darf nichts dazu noch davon thun . Er hat Dich gesandt , fordre nicht , daß ich Dich zurückrufe . Alonzo , die Welt hat ihre Ketten abgeschüttelt , bist du noch unterjocht , daß du seufzst ? Wehre den kränklichen Aerger von dir , er mattet das Herz ab und lockt die Schmach auf unser Haupt . Denke an den Heiland und seinen Stellvertreter auf Erden , er duldete und klagte nicht , und überwand ! Was kann Alonzo de Mendez mit einem Volk zu theilen haben ,