Wagen , auf unangenehme Weise gerückt , hin und wieder schwankend , das Uebelbefinden der Reisenden vermehrte ; besonders litt Marie , welche das bleiche Gesichtchen ganz erschöpft an der Schwester Schulter lehnte , und nur bat : man möge weiter fahren , da sich ihr unter dem Anhalten alles schwindelnd drehe und sie es kaum noch ertragen könne . Dem Marquis kochte schon längst das Blut : gewohnt , sich durch eine lange Reihe von Jahren gehorcht zu sehn , ohne seinen Willen irgend einer obern Gewalt zu unterwerfen , befahl er , man solle die Thür einschlagen , wenn die Hunde keine Vernunft annehmen wollten ! Er machte dabei Miene , aus dem Wagen zu springen und selbst Hand an das Werk zu legen , als der Köhler seine Stimme noch einmal erhob , und dringend und mit mehr Höflichkeit bat , einer jungen , kranken Dame nur einen Augenblick Ruhe und etwas Brod und Wein zu gestatten . Drauf fielen drinnen einige Worte , und ob gleich der Köhler diese nicht verstand , so hörte er doch Schritte auf sich zukommen und sah endlich die Thür aufgehn . Es war indeß ziemlich hell geworden , man konnte die Gegenstände umher genau ins Auge fassen . Der Anblick des Mannes , der jetzt aus dem Hause , und auf den Wagen zutrat , benahm den Frauen daher fast den Muth , auszusteigen und seinem Anerbieten zu folgen . Er war wilden , Soldatischen Ansehns , von roher Gesichtsbildung und plumper Galanterie . Sehr ungeschickt entschuldigte er seine frühere Grobheit , und setzte lachend hinzu : daß wenn er gewußt , welche Schönheiten zu ihm hineingewollt , er ihnen wahrhaftig die Thür nicht würde verschlossen haben . Marie und Antonie wandten sich betroffdn ab . Der Marquis aber , immer noch ungeduldig , seinen Vorsatz durchgesetzt zu sehn , riß den Schlag auf , und trat mit seinen Töchtern unter die offene Thür . Der fremde Mann sagte ihnen , indem sie sich auf dem Hausflur befanden , dies Gebäude gehöre zwar nicht ihm , es sei auch überall keine eigentliche Wirthschaft und kein fortgesetzter Verkehr darin , allein für etwas Glühwein und geröstetes Brod wolle er dennoch sorgen , die zarten Püppchen möchten indeß nur ihre Bequemlichkeit brauchen , und somit öffnete er ihnen eine lange , dunkle Stube , deren räucherige , angeschmutzte Wände auf den ersten Blick widrig in die Sinne fielen . Doch wie mit Eiseshand zog es den Eintretenden das Herz zusammen , als sie auf dem Boden umher wohl an zwanzig schlafende Männer auf Strohlagern hingestreckt sahen . Ihre Reisebündel , Gewehre und Mützen , lagen zerstreut , zwischen Gläsern , leeren und halbangefüllten Flaschen , auf einem langen Tische ; ekelhafte Spuren verschütteten Getränks näßten noch den schmalen Gang zwischen den Lagerstätten der Schlafenden , so daß man nicht wohl trockenen Fußes einen Schritt gehen konnte . Der Köhler zupfte den Marquis leise beim Ermel , dieser machte eine unschlüssige Bewegung , ungewiß , ob er vor , oder zurückgehn solle ? Doch als einige der Kerle sich regten , und halb aufgerichtet mit blinzelnden , kaum geöffneten , Augen schlaftrunken auf ihn hinsahen , stand er fest , jeden Gedanken an Entfernen jetzt für feig und niederträchtig verwerfend . Er hieß seinen Kindern , sich neben ihn auf eine an der Wand fortlaufende Bank niederzusetzen , und erwartete sehr gespannt , was ihm der nächste Augenblick bringen werde . Auch blieben sie nicht lange unangefochten . Es wälzte sich auf dem knisternden Stroh bald eine bekannte Gestalt aus dem Winkel hervor ! aufgerichtet , das breite Gesicht zwischen beiden Händen aufwärtsgeschoben , starrte der Essenkehrer dem Marquis in die Augen . Bist Du es , rief er lachend , oder bist Du es nicht ? denn Dich Teufelskerl kennt nur der Teufel ! Hat Dich der endlich einmal losgelaßen ? Aber eine verflucht feine Nase hast Du doch , unser Fuchsloch gleich auszuwittern ! Sieh ! nun bist Du mitten unter uns ! Hier ist unser Feldlager , unser Proviant- und Rathhaus , unser Kriegs- und Bluttribunal , von hier geht es nach allen Richtungen , wo es was zu thun giebt ! Sag ' hast Du das ausgespürt ? Nein , entgegnete der Marquis . Nein , wiederholte jener ; wie hast Du uns denn aufgefunden ? Ich weiß nicht , war die Antwort . Ueber Deine dummen Räthsel ? rief der Essenlehrer aufgebracht ? Sag ' wie kommst Du hieher ? Durch Nacht und Dunkel und die Gewalt der Sterne , sagte der Marquis mehr vor sich hin , als in Antwort jener Frage . Hast Du uns die da mitgebracht , rief ein junger Bursche , dicht vor Antonien hintretend , so komm ' meinethalben aus der Hölle ! Ihr sprecht das Wort so leicht aus , sagte diese , wißt Ihr denn , ob Ihr nicht da hinab müßt ? Sieh mal ! die Hexe ! schrieen lachend mehrere Stimmen ! hast Du auch Teufeleien im Kopf ? Antonie sah mit ihren brennend durchbohrenden Blicken starr auf sie hin , anfangs lachten sie , dann aber drückten sie die Augen zu , und wandten sich , über das vermaledeiete Hexenvolk etwas in den Bart murmelnd , von ihr ab ! Laßt nur , rief der Essenkehrer , wir werden sie schon zahm machen , los kommt sie einmal nicht , sie mag ihre Künste an uns probiren . Dem Köhler schwoll das Herz , er sah hier mehr als ein Unglück auf sie zukommen , und wußte keinen Ausweg zu finden , da das früher benutzte , halb wahre Mährchen vom Wahnsinn des Marquis , nichts fruchten , ja diesen aufs Aeußerste treibend , alles zum Ausbruch bringen konnte , was vielleicht noch zu umgehen war . Volk ist Volk , dachte dagegen der Marquis , ob frei , ob in Banden , wer es versteht , beherrscht es . Er maaß das Häuflein mit schnellem Blick . Dummer Trotz und feige Schwelgerei lagen lang und breit auf den nüchternen Gesichtern ausgespannt . Die possenhafte Tapferkeit , die ihr Müthchen am Abknallen eines Gewehrs und dem Tragen der Freiheitsmütze kühlt , verwirrte ihn nicht . Abwärts von ehrlichem Streit , sagte er sich , treiben sie ihr loses Wesen , sie sind der schmutzige Schaum , den der gährende Gedanke auswirft . Man muß sie mit dem Teufel kirren , der in sie gefahren ist . Und somit that er einige rasche Schritte , und stand in Mitten des eklen Knäuels mit Lumpen ausstaffirter Neuerer . - Bürger , rief er , den finstern Blick in sich zurückgezogen , ich bin in dieser Nacht unter Euch getreten , wie ? das laßt Euch gleich sein . Ihr seid freie Bürger auf Erden , aber über und unter dieser waltet das Gestirn . Forscht nicht , laßt Euch an dem gnügen , was Ihr seht . Ich bringe Euch Gold , ich weiß , die Freiheit will durch Gold und Eisen gewonnen sein , das Letztere wußtet Ihr mit furchtbarer Hand zu fassen . Das Erstere müssen Euch des Schicksals Mächte zuführen . Ich bin ihr geweiheter Diener ! Nehmt , was ich Euch bringe ! Er streuete bei diesen Worten einige Hände voll Gold , welches er für den Nothfall zu sich gesteckt hatte , unter sie . Aber , fuhr er fort , laßt Euch nicht einfallen , thörige Gedanken auf mich und die Meinen zu richten , ich gehöre Euch nicht , nicht der Welt , nicht mir an . Die unerforschlich Tiefen , setzte er mit steigender , sich und alles was ihn umgab , vergessender Stimme , hinzu , sie allein wissen von mir , sie gebieten über mich , sie reißen mich fort in die Wirbel des neugebährenden Lebens , und so schöpf ' ich , und schöpfe mit wuchernder Hand , das Gold aus den heiligen Behältern der Unvergänglichen ! Seine Stimme zitterte zuletzt wie ein Donner durch das Zimmer ! und , das Maaß seines Wollens überspringend , hatte er sich selbst in die Täuschung hineingesponnen , die er Andern bereitete . Als ihn der rohe Zuruf der Menge zu sich selbst brachte , schlug er sich mit beiden Händen vor die Stirn und sank dem Köhler halb ohnmächtig in die Arme . Dieser ward ganz irre an ihm , ungewiß , was dem Selbstbetruge oder ersonnener List angehöre ? Die Kerle aber rafften ihr Geld zusammen , und , es sich einander zuzählend , ließen sie sich das Uebrige nicht sonderlich anfechtend . Jetzt trat auch der vermeintliche Hauswirth mit einem Napf dampfenden Weines herein . Das Gold in den Händen seiner Kameraden und mehrere durcheinander hingestoßene Worte sagten ihm genug . Er sann nicht lange nach , riß schnell den Stöpsel aus einer leeren Flasche , klemmte ihn zwischen den Henkel eines Glases , zog drauf eine Gabel aus seiner Mütze , steckte diese in den Kork , und schöpfte so den Wein in die Gläser . Eines dann in die Höhe hebend , rief er ! Heil und Brüdergruß den geheimen Münzern ! Nimm mich zu Deinem Gesellen Alter , und trink ' mir gute Kameradschaft zu . Der Marquis stieß das Glas zurück . Du thätest gut daran , sagte jener , denn ich gehe Dir nicht von der Falte , Du ließest uns denn die Weiber hier ! Ja , laß uns die Weiber hier , brüllten Alle , und halb liegend , den Kopf auf die aufgestemmten Arme gestützt , gossen sie sich das glühende Getränk in die aufgerissenen Mäuler . Laß uns die Weiber hier ! scholl es noch einmal , fast gebietend . Da kannte sich der Marquis nicht länger . Auch nicht die Spitze eines Haares soll Euch bleiben , schrie er ! Und während Antonie die Hand des Uebermüthigen wegschleuderte , der ihr zur Besiegelung seines Höllenbundes Wein einzwingen wollte , rief der Marquis , auf diesen ein Pistol abdrückend : ihren Durst löscht nur Blut ! faßte sie dann mit Blitzesschnelle in die Arme , schlang den Andern um Marien , und ehe sich das Gesindel aufraffen und nach den Gewehren greifen konnte , stürtzte er mit beiden und dem Köhler zur Thür und dem Hause hinaus , dem Wagen zu , faßte selbst die Zügel der Pferde , und trieb diese , mehr fliegend als gehend , den Weg entlängs , der fürchterlichen Rotte aus den Augen . Die Sonne stand hell und ruhig über ihnen , als sie , zu sich selbst kommend , in einem frischen blühenden Wiesenthal gleichsam zuerst Athem schöpften , und die erschütterten Gedanken in ein klares Gefühl zusammenfaßten . Hier war alles friedlich . Einige schön gefleckte Rinder weideten ruhig zwischen den Gräsern , neben ihnen schlenderte ein Knabe , sein Liedchen auf Binsenröhren pfeifend . Als dieser die Reisenden sahe , pflückte er eine Hand voll Blumen , und warf sie ihnen zum Morgengruß in den Wagen , eine zierliche Art , die Blicke des Vorübereilenden auf sich zu ziehen , ihn erinnernd , das Unscheinbare nicht zu übersehn , woran sich der Marquis oft schon in ähnlichen Fällen erfreuete , weshalb er auch jetzt mit rechter Lust ein Geldstück in das hingehaltene Strohhütchen des Kindes warf . Marie hatte Gefahr und Todesangst vergessen . Sie lehnte sich weit zum Schlage hinaus , und freuete sich an der sonnigen Beleuchtung des Thales , dem frischen Klee , und den vielen rothen und gelben Blumen , die in großen Büschen umherstanden . Auch dem Marquis war leicht und wohl . Er hatte sich in der Gefahr zusammengefaßt , und hielt sich nun eine Zeitlang so gesammelt , den nächsten Kämpfen tüchtig zu begegnen . Es ist nöthig geworden , sagte er , daß wir an die Zukunft deutlich und mit bestimmtem Entschluß denken . So ins Blaue hinein dem Zufall länger vertrauen , ist tollkühnes Spiel . Auch werden die Bluthunde wohl bald genug Ernst mit uns machen . Was sie jetzt versäumten , werden sie nächstens nachholen . Deshalb ist mein Plan nach Deutschland zu flüchten ; spätestens Morgen oder Uebermorgen müssen wir die Wanderung antreten . Ich brauche nur soviel Zeit , das Nothwendigste einzurichten , dann bin ich bereit . Euch meinen Töchtern wird das Opfer leicht . Eure Welt ist noch überall dieselbe ! Mir auch ! mir auch ! - was ich suche , ist nirgend oder überall ! Sie blieben von da nachdenkend . Die Vorstellung eines fremden Volkes , fremder Sprache , vielleicht auch Sitten , verwickelte ihre Phantasie in unerfreulich unbequemes Denken . Sie fanden keinen Maasstab für das Künftige , und waren nirgend mehr zu Hause . Ziemlich spät langten sie auf dem Schloße an . Der Marquis verschloß sich sogleich in seinem Cabinet . Doch Bertrand trug fast die jungen Fräulein auf ihre Zimmer , wo das Schönste und Beste für sie bereitet war . Allein sie genossen von allem nur flüchtig , hatten nirgend Ruhe , und baten den Alten , ihnen alle Gemächer zu öffnen , damit sie noch Heut alles in Augenschein nähmen . Die Augenblicke sind in dieser Zeit gemessen , sagte Antonie , wir werden die Herrlichkeiten kaum einmal überschauen dürfen . So durchflogen sie denn Kammern und Säle . Auch zu dem Bildersale kamen sie . Marie hatte sich an Antoniens Arm gehängt . Diese trug die Kerze , welche sie in die Höhe hob , als sie zwischen zwei hervorspringenden Säulen in das Zimmer traten . Die veralteten , durch die Zeit angebräunten , Gesichter der Ritter , Marschälle und Geistlichen , neben den wunderlich aufgeputzten Damen an ihrer Seite , welche alle so grade und starr durcheinander hinsahen , gaben den beiden Mädchen das beklemmende Gefühl zweier Fremdlinge , die in große unbekannte Versammlung treten . Schüchtern schlossen sie sich aneinander , sie , die beiden einzigen , lebenden Wesen unter so vielen verehrten Todten ! Mit unaussprechlichem Entzücken entdeckte Antonie zuerst das Bild ihrer Mutter . Sie war mit aller Pracht höfischer Sitte , sehr reich , etwas steif , aber doch höchst edel , abgebildet . Beiden war , als sähen sie sich selbst , und auch jede die Andere , im Spiegel . Antonie hielt das Licht in größter Ueberraschung gegen die wunderbar verschmolzenen Züge , beide betrachteten es lange , dann sahen sie einander an , wie sich der Blick wohl vom Conterfei vergleichend auf das Original zurück wendet , und in überwältigender Rührung sanken sie sich in die Arme , und weinten das erstemal Herz an Herzen . Antonie besonders war ganz Liebe und Milde , sie streichelte Mariens Wangen , und drückte das zarte dankbar an sie angeschmiegte Wesen liebkosend an die Brust . Wie rührst Du mich , da Du weinst , sagte sie , nun siehst Du erst der Mutter ganz ähnlich , die den reizend jungen Leib so vorahndend mit aller Pracht der Welt verziert , als werde sie nun bald vom Schmuck des Lebens scheiden ! Das sagt der feuchte Blick , der sich recht wie eine Decke über das glühende Herz hinzieht ! Denn da glüht es , das fühl ' ich , in den lieben bewegten Mienen , in der ernsten , strengen Haltung , die verbirgt , was die Welt nicht sehen soll . Die Haltung , sagte Marie , ist die Deine , darin eben , liebe Antonie , und in den hohen Brauen und den etwas gehobenen Schwanenhals bist Du ihr so sprechend ähnlich , mir hat sie wohl nur das blonde Haar gelassen , und die armen Augen , die so leicht über Geringes weinen müssen ! Sei nicht böse darüber , unterbrach sie Antonie , es liegt ein ganzer Himmel in diesen Augen ! Und , die Schwester wieder an sich ziehend , gingen beide in ungewohnter Vertraulichkeit den Saal auf und nieder . Während dem öffneten sie eine Glasthüre , welche nach dem Balkon hinausführte , sie traten in dieselbe , den Blick an der nächtigen Stille der Landschaft zu stärken . Das Gebäude selbst verbarg ihnen zwar den Mond , allein dessen lichter , schneeiger Glanz spielte dennoch um Büsche und Wiesen , und leuchtete zurück aus dem versilberten Flußbett . Unaussprechlich gewaltig , und doch mild wie die gehaltene Kraft , rauschte der Strom in gleichmäßigem Wellenschlag durch die tiefe Ruhe der Natur . Riesenhaft , in großen Massen , traten die Gegenstände hervor , undeutlich in ihren Umrissen und doch so ahndungsreich ! die Schwestern blieben lange Zeit stumm , sie fürchteten , den leisen Schlaf des rasch bewegten Lebens zu unterbrechen . Ganz still setzten sie sich auf die schmale Steinbank , welche dem Eisengitter des Balkon entlängs lief , und flüsterten kaum hörbare Worte . Antoniens Herz war wunderbar erweicht . Offen ließ sie sich über manches aus , was in ihr vorging . Es ist traurig , sagte sie , daß oft etwas Unwillkührliches mein ganzes Wesen zusammenzieht , und Schrecken ungekannter Art mein Blut versteinen . So , ich darf es Dir wohl sagen , überlief ' s mich todeskalt , als die Aebtissin scheidend ihren Arm um meinen Nacken legte ; ein leiblich Weh stieß einen Schrei aus meiner Brust . Ihr Gesicht schien mir verzerrt , und ekler Leichenduft umgab sie . Mein Herz war mir zum Zerspringen voll , ich hätte sie um alles in die Arme schließen mögen , und doch vermocht ich ' s nichts . So geht mirs oft mit dem was ich liebe , es flößt mir plötzlich Schauder und Entsetzen ein , so ging mirs ganz frühe mit jener schönen Nonne , und fast muß ich glauben , die Natur habe ein unglücklich weissagend Gefühl in meine Brust gelegt , und diese solle sich strenge dem verschließen , was die Welt schön und freundlich nennt . Denn wie leicht , daß ich nur zerstörend lieben könnte ! Ich spüre so etwas in mir ! Drum liebes Kind bewach ' ich mich , und zügele stets den Drang nach Mittheilung und jenes innige Erwiedern des Empfundenen , die jedes Herz bewegen . Denn mir und Andern , das glaube nur , würde ich großen Schmerz bereiten , wollte ich dem brennenden Verlangen meiner Seele Gnüge leisten . Nur mir , sagte Marie , ganz hingerissen von der leutseligen Hingebung der Schwester , nur mir gönne den Reichthum Deines schönen Herzens . Ueberschütte , erdrücke mich damit , aber nimm mir nicht wieder , was Du mich ahnden ließest . Sieh ' meine Antonie , wir werden vielleicht nun bald ganz allein , von allem losgerissen , in fernen , fernen Landen leben ; wenn wir nun nicht aneinander hangen , uns nicht treu in Liebe bewahren , was soll aus mir , ja auch aus Dir Antonie werden ? Liebe Schwester , laß uns an die Mutter , an die arme liebe Mutter denken ! Das wollen wir ! erwiederte Antonie bewegt , und ihre Hand in die der Schwester legend , saßen beide Gedankenvoll und schweigend , als ein Getöse sie aufschreckte , das erst dumpf , dann immer anschwellender und lauter , zu ihnen herandrängte . Herr Jesus ! schrie Antonie , da sind sie schon ! Indem stürzte Bertrand die Stiegen herauf , und bleich und verstört rief er ihnen zu : daß ein Schwarm Republikaner das Schloß umzingele , und obgleich die Zugbrücken aufgezogen , sei es doch zu befürchten , daß sie durch die flachen Gräben dringen , den Wall erklettern , und Pforten und Riegel sprengen werden . Der Marquis sei außer Fassung , denn , da er sich nicht vertheidigen könne , woran er zuerst gedacht , wisse er auch kein Rettungsmittel zu finden . So wird er und wir Alle doch zu sterben wissen , sagte Antonie , welche voraneilend dem Vater zurief : Ist noch etwas zu thun , so lassen Sie uns nicht säumen , wo nicht , den Tod suchen . Noch ist es möglich , von der Wasserseite zu entfliehn , sagte Bertrand , es kommt allein darauf an , daß der Kahn auf dieser Seite des Ufers ist , und wir unbemerkt aus dem Schlosse entkommen können . Ich gehe , setzte er nach einigem Besinnen hinzu , das Nöthige zu erkunden . Marie drückte ihm sprachlos weinend die Hand , Antonie aber beschwor ihn , zu eilen , ungeduldig die Entscheidung ihres Schicksals zu erfahren . Alle blieben in gleichem Maaße unruhig zurück . Der Marquis lief heftig auf und nieder , fuhr sich oft mit beiden Händen in die Haare , und machte so gräßliche Geberden , als sähe er schon all die Greuel , die ihn bedroheten . Plötzlich fiel ein Büchsenschuß dicht vor dem Fenster , dann noch einer , und des Essenkehrers Stimme rief laut : nur mir nach , ich kenne hier Wege und Stege ! Herr des Lebens ! schrie die Köhlerfrau , Alexis , ihr fünfjähriges Söhnchen , in den Arm nehmend , nun sind sie herüber , nun ists vorbei mit uns ! Antonie aber zog alle mit sich fort in die hinteren Gemächer , sie hatte selbst keinen klaren Gedanken , sie wollte nur entfernt sein von den nahen Eingängen . Dasselbe Gefühl drängte alle immer weiter zurück , und so flüchteten sie von Zimmer zu Zimmer , und kamen endlich in jene Polterkammer , welche dem Marquis vor vielen Jahren das räthselhafte Buch und den Schlüssel zuführte . Antonie schob einen alten Schrank vor die einzige Thür , die zu diesem äußersten Schlupfwinkel führte . Und so blieben sie einander gegenüber , entsetzt , nichts mehr zu ihrer Rettung thun zu können . Indeß knisterten neben und über ihnen Flammen , welche durch hereingeworfene Feuerbrände im Schlosse angeschürt waren . Die fürchterlichste Angst , auf solche Weise dem Tode nicht mehr entgehen zu können , riß Alle aus sich heraus , und überwältigte jeden stilleren Ruf mahnender Gottesfurcht und Ergebung . Der Marquis schäumte vor Wuth , Antonie ging wie betäubt umher ; die Andern lagen kniend am Boden . Der Qualm und Rauch drang schon durch die verrammelte Thür , als Antonie jenen Schlüssel , welchen der Vater immer bei sich trug , aus dessen Tasche zog , ihn in eine schmale Thür , welche hinter einem Wust alten Bilder und zerbrochener Stühle verborgen war , hineinsteckte , mit großer Anstrengung in dem verrosteten Schlosse umdrehete , die Thür eröffnete , einzelne in der breiten Mauer eingehauene Stufen hinabstieg , und den Andern , ihr zu folgen , winkte . Worauf sie alle einen schmalen , dunklen Steg fortgingen , ohne zu wissen , was sie thaten , noch wohin sie gelangen würden . Doch ehe sie sich recht besannen , waren sie auf der andern Seite des Walles , dicht an der leuchtenden Rhone , die ihnen den silbernen Rücken großmüthig bot , sie aus den Flammen zu tragen . Dicht am Ufer stand Bertrand mit dem Nachen , und sah verzweifelnd auf das brennende Schloß . Doch kaum ward er ihrer ansichtig , als er auf sie zusteuerte , und die plötzlich Erretteten , zitternd vor Wonne und Angst , in das kleine Fahrzeug stiegen , sich einander in die Arme fielen , beteten und weinten , und halb ohnmächtig an den Mauern hingleiteten , aus welchen die Flammen wild hervorleckten , und die Fenster gräßlich erhellten , die klirrend über ihnen zersprangen , und die innere Verwüstung kund gaben . Bald nachher sahen sie einige ihrer Verfolger sich auf die Bäume der Wallbekränzung schwingen , und ihre Gewehre nach dem Wasser zu abfeuern . Ruhig glitt der Kahn indeß , von dem mächtigen Strome geschützt , weiter hinab , die Nacht verdeckte sie , wie die heimathliche Gegend , nur die Feuer warfen noch , hell aufleuchtend , scheidende Blicke vom Schlosse auf sie herüber . Zweites Buch Siebentes Kapitel Der feuchte , lösende Hauch des Wassers , wie das linde Wiegen des Kahnes , hatte nach grade alle Gemüther beruhigt . Die Gefahr trat mit Frankreichs Küsten zurück . Ein fremder Boden sollte ihnen eine neue Welt , neue Verhältnisse , neue Glückseligkeit , zuführen . Die Erinnerung jener verstörenden Schreckbilder ward von den vorüberrauschenden Wellen verdrängt . Wo diese herkamen , war es anders ; dahin ging ihr Weg . Zudem boten ihnen Savoyens nahe Ufer Augenblickliche Rettung . Und als der Köhler dem Marquis vorschlug , mit ihm nach Chambery zu gehn , und so lange dort zu bleiben , bis er einen festen Plan für die Zukunft gefaßt habe , willigte dieser ein , worauf sie sofort ans Land stiegen , und ihre Wanderung durch das anmuthige Thal bis zur Hauptstadt voll belebender Hoffnung fortsetzten . Als sie dort ankamen , und durch die schmale Gassen , zwischen hohen , schönen Häusern hingingen , ihre Blicke bald hier bald dorthin auf den belebten Gang ungefährdeten Verkehrs richtend , der lang entbehrten bürgerlichen Sicherheit froh , ward in mehreren Kirchen die Messe eingeläutet . Der Glocken metallene Schwingungen bebten durch die eng aneinander gereiheten Gebäude , und brachen sich , wie Himmelsruf , in den Herzen der glücklich Erretteten . Unwillkührlich lenkten diese ihre Schritte zu den Stufen einer Kathedrale , und dort niedersinkend , beteten alle aus tiefstem Innern , ja in beschämender Freude , so vieler Huld gewürdigt zu sein . Unter der Menge hier aus und ein strömender Menschen , streifte auch eine ärmlich in Trauer gekleidete Frau an ihnen vorbei . Sie blieb einen Augenblick stehn , und sah leutselig froh auf die verschiedenartige Gruppe schöner , bedeutender Köpfe , als sie , plötzlich den Marquis in die Augen fassend , näher hinzu trat ; doch eben so plötzlich durch das Gedränge neu Herzukommender fortgerissen , sich in die große Masse verlor . Der Marquis hatte weder sie , noch überall einen der Vorübergehenden bemerkt . Durch das eigene Innere überrascht und bezwungen , hatte er gebetet , und folgte nun fast träumend dem Köhler , der ihn freundlich einlud , bei seinem Schwager einzukehren , welcher Goldarbeiter , wohlhabend und gastlich sei , die ausgewanderten Nachbarn daher gern aufnehmen werde . Die Frau , setzte er hinzu , treibe daneben einen Spitzenhandel , der wie bekannt überall stark in der Stadt getrieben werde , habe deshalb viel Verkehr , selbst im Auslande , bis nördlich über die Berge hin , und , gewandt und freundlich wie sie sei , könne sie ihnen wohl über manches Auskunft geben . Dem Marquis war das ganz willkommen . Er trug außer mehrern wichtigen Papieren noch das Schmuckkästchen der Marquise bei sich , und hoffte , mit Hülfe des Goldarbeiters , einige Kleinigkeiten desselben vortheilhaft benutzen zu können , indem es ihm wichtig war , die Papiere , alle auf bedeutende Summen ausgestellt , nicht eher umzusetzen , als bis sein äußeres Verhältniß sich fest gestaltet habe . Sie kamen jetzt an ein sauberes Häuschen oberhalb der Leisse gelegen , als der Köhler sagte , nun sind wir an Ort und Stelle ! Der Goldarbeiter hatte seine Werkstatt in der Vorhalle aufgeschlagen , und arbeitete dort emsig . Die Thür nach Innen zu war offen . Man sah um einen grünbehangenen Tisch Kinder und Jungfrauen im Vorsale sitzen , alle die schweren Kissen vor sich , und die feinen Knöppel , wie zum Spiel , zwischen den Fingern hin und her werfend . Als der Köhler zuerst mit Frau und Kind herantrat , stand der Mann höflich grüßend von seinem Sitze auf , doch plötzlich ward sein Gesicht hell wie die Freude , und ein Zug weichen Mitleids um den Mund , sagte was in seinem Herzen vorging . Er nahm den Knaben auf den Arm , hertzte und küßte ihn , streichelte der Köhlerin blasse Wange , und eilte , nach einer flüchtigen Unterredung , dem Marquis , voll Bereitwilligkeit , ihn und die Seinen aufzunehmen , entgegen . Es bedurfte wenig Worte , um daß alle befreundet in das Haus traten . Auch Felicitas , die Hausfrau , zeigte sich wohlmeinend ; und gewohnt , die geschäftigen Hände flink zu rühren , hatte sie alles bald angeordnet , Zimmer geräumt , jeden seinen Platz angewiesen , Erfrischungen herbeigeschafft ; und wohl fühlend , daß Ruhe das Nothwendigste sei , was die armen Erschöpften bedürften , diese im Hause geboten , und sich mit den Ihren zurückgezogen . Es gab auch wirklich Niemand unter ihnen , welcher den Schlaf nicht gesucht und gefunden hätte . Er legte sich besonders den beiden Schwestern so bleiern auf Auge und Bewußtsein , daß andern Tages beider Erwachen recht beklemmend war . Das ungewohnte Zimmer , das fremde Bett , die eigens dem Bedarf angepaßten bürgerlichen Umgebungen , ja ehe sie alles das noch deutlich wahrnehmen konnten , das lose Schwanken des innern und äußern Blickes , bis er die wirkliche , nun aufgegangene Gegenwart gefaßt , alles drückte sie schüchtern in ihre Decken zurück . Was gestern noch wünschenswerth erschienen , was der Noth des Augenblicks plötzlich abhalf , war heute doch beengend . Wie aus dem Schlaf , so erwachten sie jetzt erst aus der Verwirrung ihrer Sinne . Frankreich , dem schönen Vaterlande , hatten sie in ängstlicher Eile den Rücken gewandt , und sich blindlings fremdem Boden anvertrauet ! Anders , sagte Antonie , ist es hier , ganz anders , das ist gewiß ! ob besser oder schlechter ? wir wissens nicht ! Niemand von uns weiß es ! Mir fällt , vielleicht zur Unzeit , die Geschichte eines Offiziers bei , welcher während eines Krieges in den Transcheen kommandirend , endlich abgelöst , zu seinem Regimente geht , und aller Gefahr entgangen , auf dem Wege dahin vom Gewitter erschlagen wird . Liebe Marie ! wer weiß was sich da hinter den blauen Gebirgen für Gewitter gegen uns aufthürmen ! Marie sah ängstlich in dem engen Zimmerchen