zur Abreise bereit ; aber meine Mutter unbeweglich . Schon saß meine Schwester im Wagen ; aber noch einmal streckte sie die Hände nach mir aus . Sprachlos starrte ich sie an , sprang dann plötzlich in den Wagen , winkte dem Kutscher , und schlug die Thüre hinter mir zu . Ungeduldig hatten die Pferde lange gewartet , nun aber rissen sie uns fort im heftigsten Gallop . Meine Mutter , mein väterliches Haus , meine Vaterstadt verschwand , der heimische Boden entfloh , Feuerfunken sprühten umher , hinaus in die fremde Welt rissen uns die schnaubenden Pferde . Meine Schwester umklammerte mich mit Thränen . Ich aber konnte nicht weinen . Ich wußte ja schon , daß es keine Thränen und keine Worte für meine Empfindungen gab , und betrachtete die Menschen , welche die ihrigen dadurch auszudrücken suchten , mit fortwährendem Erstaunen . Ich hielt meine Schwester , und sah schweigend in die Ferne . Als wir die Gränze erreichten , schien sie des Trostes nicht mehr fähig , ihre Thränen flossen unaufhaltsam , und sie bestürmte uns mit Bitten , sie in ihrem Vaterlande zu lassen . Antonio züchtigte sie mit dem beissendsten Spotte . Nun schwieg sie wie ich , und in Kurzem waren wir auf italienischem Boden . Der reine Himmel , die balsamische Luft , der lachende Frühling , zu einer Zeit , wo sie ihr väterliches Haus mit Schnee bedeckt verlassen hatte , das Alles schien meine arme Schwester wohlthätig zu zerstreuen . Um so tiefer verwundete es mich , als ihr Mann fortfuhr , sie mit boshaften Witzeleien an ihren vorigen Schmerz zu erinnern . Als er ihr aber mit hämischem Lächeln vorschlug , wofern sie ihn nicht begleiten wolle , stehe es ihr nun frei , wieder zurückzukehren , war es , als werde mir das künftige Schicksal der Unglücklichen durch einen Blitzstrahl erleuchtet . Zum erstenmale brach ich das Schweigen , und stellte ihn , sobald ich es vor meiner Schwester unbemerkt thun konnte , dieser Aeusserung wegen zur Rede . Er versicherte , sie sey völliger Ernst ; im Fall ich aber nicht Lust habe , meine Schwester zu begleiten , könne ich bei ihm bleiben , und solle es recht gut haben . Ich fühlte meine Wangen plötzlich erkalten , dann all mein Blut gewaltsam hineinströmen ; aber meine Schwester trat zu uns , und ich schwieg . Mit Einbruch der Nacht erreichten wir Florenz ; hörten aber zu unserm Erstaunen , daß Antonio alle nöthigen Vorkehrungen traf , diese schöne Stadt schon am dritten Tage zu verlassen . Sogleich fragte ich meine Schwester , wo sich die beiden Wechsel , welche hier umgesetzt werden sollten , befänden . Sie sagte mir , daß Antonio sie schon zweimal gefordert , aber mit andern wichtigen Papieren , welche ganz unten in ihrem Koffer lägen , noch nicht habe erhalten können . Mit Heftigkeit entriß ich ihr die Schlüssel , ließ augenblicklich den Koffer in mein Zimmer bringen , fand die Wechsel , und verbarg sie mit einem Ringe von grossem Werthe in meinem Bette . Die Juwelen meiner Schwester waren leider in Antonio ' s Koffer . Ich schloß kein Auge , und diese Nacht schien mir die längste meines Lebens . Kaum war es Tag , als ich zu dem Kaufmann eilte , und ihm Alles entdeckte . Er sagte mir , daß er zwar noch keine Nachricht erhalten , mir aber , wenn ich es verlange , die Summe auszahlen wolle . Ich beschwor ihn , es nicht zu thun , und die Sache ihren gewöhnlichen Gang gehen zu lassen . Schon war ich von meiner Schwester vermißt worden , und Antonio fragte mich , wo ich gewesen ? Ich sagte es , und versicherte , ohne auf seine wüthenden Blicke zu achten , daß es nun wohl unmöglich seyn werde , am dritten Tage weiter zu reisen . Ich aber - rief er - werde es möglich machen ! - und stürzte fort , ohne weiter auf uns zu achten . Meine unglückliche Schwester , äusserst befremdet und erschüttert , tadelte meinen Vorwitz , wie sie es nannte , und beschwor mich , ihren Mann doch ja nicht wieder auf solche Weise zu reizen . Ich antwortete , wie gewöhnlich durch Schweigen ; kämpfte aber doch mit mir selbst , ob ich ihr nicht Alles entdecken solle . Noch war ich nicht mit mir einig , als Antonio zurückkehrte . Er kommt ! - sagte ich nun schnell - fürchte nichts und verlaß dich auf mich ! Alles , was ich that , war nothwendig . Mit diesen Worten verließ ich das Zimmer , und verschloß mich in das meinige . Zu meinem Erstaunen blieb Alles ganz ruhig . Ich wurde zum Essen gerufen , und hätte mich nicht Antonio ' s giftiges Lächeln gewarnt , ich würde ihn für unbefangen gehalten haben . Aber eben dieses schreckliche Lächeln erregte mir Zweifel , und ich eilte noch spät zu dem Kaufmanne , mich zu überzeugen . Er hatte nichts ausgezahlt , und Antonio mit der Weisung zurückgeschickt : er werde sich an die Person halten , welche den Wechsel vorgezeigt habe . So ging ich dann einigermassen beruhigt zu Haus , und fiel endlich in Schlaf . Ich erwachte sehr spät , und fand meine Schwester in grosser Unruhe . Antonio hatte sich Nachts von ihrer Seite geschlichen und war abgereist , ohne daß Jemand im Hause Auskunft geben konnte , wohin . Was glaubst du davon ? - rief meine unglückliche Schwester - Ich brauche nichts zu glauben - antwortete ich - Ich weiß Alles ! Was zu retten war , ist gerettet ! dein Herz ist leider verloren ! doch hoffentlich nicht auf immer . Fasse dich ! Was ich dir gestern sagte , wiederhol ' ich dir heute : du kannst dich auf mich verlassen . Willst du zurückkehren ins väterliche Haus ? Sie schrie laut auf bei diesen Worten und verbarg ihr Gesicht in den Händen . Willst du nicht - wohlan ! so machen wir uns selbst ein Schicksal . Das Schicksal macht sich nicht ! - rief sie laut schluchzend . - Wir wollen sehen ! - erwiederte ich - Wäre dein Herz nur geheilt ! Nimmer ! - fiel sie ein . Wie bald ! - fuhr ich fort - könnt ' ich dir nur einen Theil meiner tiefen Verachtung gegen den Elenden mittheilen ! Doch , traure aus du Unglückliche , und laß mich sorgen ! Mit diesen Worten bracht ' ich sie wieder auf ihr Lager , und eilte , den Arzt zu benachrichtigen . Aber er versicherte mir , seine Hülfe sey hier überflüssig , und Alles von der Zeit zu erwarten . So war ich denn für den Augenblick beruhigt , und konnte meine ganze Aufmerksamkeit unserer Lage widmen . Ich sah bald , daß die Wechsel samt dem Ringe uns kaum ein Paar Jahre vor Mangel schützen könnten , und daß meine Schwester , nach dem , was sie geäussert , sich nicht entschliessen werde , in das väterliche Haus zurückzukehren . Ich selbst mußte es mir nach ihrer Zurückkunft mit Jammer erfüllt denken ; doch nahm ich mir vor , sie noch einmal auf das Aeusserste zu prüfen , und nur dann , wenn ich ihren Widerwillen unüberwindlich gefunden , einen festen Entschluß zu fassen . Jemals zu heirathen schien mir , bei der Ueberzeugung , ich werde nie geliebt werden , unmöglich . Auch hatte ich sogenannte glücklichen Ehen genug beobachtet , um zu wissen , daß Ein Theil durchaus der Leidende seyn müsse , um dieses scheinbare Glück hervorzubringen und zu erhalten . Leiden erregte mir aber nicht Furcht , sondern Eckel . Es schien mir eine Krankheit , die , besonders wo sie anhaltend wäre , den Tod des Geistes nothwendig zur Folge haben müsse . So war ich dann fest entschlossen , es zu fliehen , wie und wo es mir drohen möge , und seine beiden furchtbarsten Feinde , Freiheit und Thätigkeit , zu erhalten . Aber worauf sollte sich diese Thätigkeit wenden ? Auf die Geschäfte des gemeinen Lebens ? - Das schien mir gleichfalls unmöglich . War es gedenkbar , daß sie mich vor Geistesleiden , vor Geistestod schützten ? Wurden sie nach einem gewissen Zeitmaasse , wurden sie harmonisch verrichtet ? Drückten sie die grosse Angelegenheit der Menschheit : den Kampf des Unordentlichen mit dem Ordentlichen , des Häßlichen mit dem Schönen , oder , was dasselbe ist : des Guten mit dem Bösen aus ? Tief lag es als Ahnung in meiner Seele , daß dieses der geheime Sinn aller Künste , und der Grund aller Gewalt sey , welche sie an den Menschen üben . Ich hatte beweisen gesehen , daß Töne Gestalten hervorbringen , und diese hohe Bedeutung würde mich zur Musik hingezogen haben , hätte sie mich nicht zu gewaltsam ergriffen ; so daß ich meine Empfindung durch Tanz ausdrücken , oder untergehen mußte . So war mir dann das Räthsel meiner Jugend gelöst , und der Entschluß , als tragische Tänzerin aufzutreten , befestigt . Ich theilte ihn meiner Schwester mit ; aber es währte lange , ehe sie sich von der Wahrhaftigkeit meines Berufes überzeugen , und über die gemeine Ansicht erheben konnte . Gleichwohl begriff sie , daß irgend etwas Ausserordentliches geschehen müsse , und ließ mich , ohne mir gerade beizupflichten , wenigstens gewähren . Ich benutzte diese Stimmung , und eilte , meinen Entschluß auszuführen . Nur kurze Zeit ließ man mich als Nebentänzerin auftreten , und schon an meinem sechszehnten Geburtstage wurde mir eine der Hauptrollen übergeben . Man schien viel von mir zu erwarten , und das Haus konnte die Zuschauer nicht fassen . Mein Auge überflog die Menge , die Geister meiner Kindheit umschwebten mich , und göttliche Kraft belebte meine Glieder . Ich tanzte , tanzte die Geschichte meiner Kindheit , tanzte meine gestorbene Liebe , meine Sehnsucht nach der unvergänglichen Schönheit . Der Beifall wurde rauschend , wie ein seliger Geist schwebte ich über der Menge , die Ungeliebte plötzlich von Tausenden geliebt . Ich fühlte es , fühlte mit unaussprechlicher Wonne , daß ich das Rechte gewählt habe , der kleinlichen Erdennoth entrückt , ein freier Geist durch die Kunst sey . Mein Heimgang wurde ein Triumphzug . Ich war mit Rosen geschmückt , von beiden Seiten flogen Rosen in meinen Wagen , und ich blieb seit diesem Abende , unter dem Namen Rosamunde , ein Liebling der Florentiner . Seitdem gehört der geheimnißvolle Duft der Rosen zu meinem Wohlbefinden , und ich suche ihr schönes Leben mit der äussersten Sorgfalt zu bewahren . Oft haben mich Künstler versichert , wie tief sie auch Anfangs durch den Beifall der Menge erschüttert seyen , habe derselbe doch bald allen Reiz für sie verloren , und sey ihnen am Ende beinahe eckelhaft geworden . Mir nicht also . Ich feierte mein eigentliches Leben nur mit dieser von ihnen verachteten Menge , und fühlte geisterhebend , daß alles andere Leben kaum den Namen Leben verdiene . Ihr Beifall schien mir der Chor zu meinem Tanze , durch den ich die Schwere beinahe überwunden , und mich dem Himmel genähert hatte . Wir alle feierten einen seligen Triumph . Meine unglückliche Schwester allein trauerte bei meinem Glücke . Ihre Liebe wurde Krankheit . Mir ganz unähnlich nährte und pflegte sie ihren Kummer und wieß jede Linderung zurück . Die Bedauernswürdige litt auch noch durch meine Forderungen . Ihren Zustand gänzlich verkennend wähnte ich noch immer , sie werde sich über ihr Schicksal erheben . Vergebens ! Ihre Kraft war dahin , und ich sah endlich mit tiefem Jammer , daß ich mich schrecklich geirrt hatte . Es zeigten sich Spuren eines langsamen Giftes , und ein anderer Arzt , den ich nun schnell berief , verhelte mir nicht , daß ich mich auf ihren Verlust vorbereiten müsse . Nach dringenden Bitten erhielt ich die Erlaubniß , mich ganz ihrer Pflege widmen zu können , bis sie entweder genesen , oder ihr Leiden für immer geendigt seyn werde . Ach nicht lange verwaltete ich mein trauriges Amt ! In wenigen Tagen lag sie ohne Hoffnung darnieder , und entschlummerte noch früher , als der Arzt und wir alle geglaubt hatten . Florenz sah mich trauern und trauerte mit mir . Zart schonend enthielt man sich lange , mich an mein Versprechen zu erinnern , und schon blühten Rosen auf meiner Schwester Grabe , als man mich endlich darum mahnte . Zum erstenmale erschien ich nun wieder öffentlich , und die Begeisterung dieses Abends war eine der höchsten meines Lebens . Viele Männer warben jetzt um mein Herz . Ein russischer Graf unter allen am eifrigsten . Er sah mich Reichthum und Wohlleben zurückweisen , und glaubte mit seiner Hand Alles zu überbieten . Um so grösser war sein Erstaunen , als ich auch diese , wiewohl dankbar , aber gleichfalls mit Lächeln zurückwieß . Mußt ich nicht lächeln , daß Menschen , die ich ihrer Armuth wegen bedauerte , mich bereichern wollten ? daß der gute Graf , der mich so frei sah , wie ein menschlicher Geist es werden konnte , mich durch vornehme Sclaverei zu beglücken dachte ? Begeistert und selig über Tausende schwebend , sollte ich mich da unten , wo es mir vielleicht schon nach Jahresfrist nicht mehr gelang , die Falten seiner flachen Stirne zu verwischen , erhoben glauben ! - Diese unbegreifliche Eitelkeit , welcher ich mehrere seines Standes und Geschlechtes ergeben sah , war eben so wenig , als das Schicksal der unglücklichen Weiber , welche ihrer sogenannten Liebe vertraueten , geschickt , mir eine höhere Meinung von den Männern beizubringen . Beantwortete ich ihre Anträge immer noch mit Lächeln ! so war dies vielleicht ein gutmüthigerer Ausdruck meiner Empfindung , als sie rechtmässigerweise erwarten konnten . Gleichwohl war es eben dieses Lächeln , was mir eine Menge der bittersten Feinde erweckte . Jeder , dessen Wünsche nicht erfüllt wurden , schloß auf einen glücklichern Nebenbuhler , und schrieb es nur der Tiefe meiner Heuchelei zu , wenn er ihn nicht entdeckte . Oft wurde die Erbitterung allgemein , und mein Untergang beschlossen . Ich wußte es ; aber vertraute der Kunst . Mit Recht ; denn sie verwandelte mehrmals an Einem Abende das ganze Heer meiner Feinde in eben so viele Lobpreiser und Beschützer . Immer durch die Kunst überwunden , gaben sie es endlich auf , mich zu verfolgen , und nur dann , als sie dich tiefer als sie Alle erregt sahen , beschlossen sie , dich und Alles , was sie längst verziehen hatten , noch einmal auf das empfindlichste zu rächen . Ob es ihnen gelungen ist , hast du gesehen . Willst du mich nun in Frieden scheiden lassen ; sie werden meine Ruhe nicht mehr stören . Gretchen an ihre Mutter . Herzliebste Mutter ! Was sie mir geschrieben , habe ich nicht recht verstanden . Der Herr Vetter und die Frau Präsidentin sagen aber , das thue nichts , sie habe es nur so in der Angst hingeschrieben , und werde jetzt wohl begreifen , daß ich es nicht verstehen könne . Auch bedeute es Alles nichts anderes , als daß ihr bange sey , ich werde nicht so fromm und gottesfürchtig bleiben , als sie mich hergeschickt habe . Da sey sie aber nur ganz ausser Sorge , herzliebste Mutter ! Es ist ja nicht mit mir , wie mit einigen andern unglücklichen Leuten , die nur fromm und gottesfürchtig aus Zwang sind . Ich bin es ja , weil ich meine Freude daran habe , und ist mir ja Alles zuwider , was mich daran hindern kann . Es betrübt mich aber recht inniglich , daß sie nur daran zweifeln und sogar glauben kann , ich würde ganz anders werden . Ach bilde sie sich so was nicht ein , herzliebste Mutter ! Ich hab ' s ihr ja schon gesagt , sie soll gewiß Freude an mir erleben , und ich wäre auch nicht zum Fürsten gegangen , wenn sie es mir verboten hätte . Aber der Herr Vetter und die Frau Präsidentin sagen : sie habe es mir nicht verboten , und die verstehen ja doch ihren Brief besser als ich , wenn ich ihn auch noch so oft lese . Der Fürst ist zwar wohl manchmal ein wenig hastig und sonderbar ; aber doch sonst ein sehr braver Herr . Ich fürchte mich darum auch gar nicht mehr , und sage Alles , wie ich es denke . Es freuet ihn gar herzlich , das kann ich sehen , und wenn er manchmal noch so verdrießlich ist - er mag auch wohl seine Noth haben - wird er doch immer heiter , wenn ich komme . Sehr gut ist ' s , daß der Herr Vetter einen Garten hat ; sonst wüßte ich nicht , was ich dem Fürsten bringen sollte . So aber giebts immer Blumen und Früchte , und der Fürst versichert , es seyen die schönsten und wohlschmeckendsten , die er in seinem Leben gesehen und gegessen habe , und die auf seiner Tafel werden ihm ganz zum Eckel . Wie das nun zugeht , kann ich nicht begreifen . Wenn andere Leute Gastereien geben , suchen sie doch immer Blumen und Früchte vom Hofgärtner zu bekommen , und müssen also wohl wissen , daß es die schönsten sind . Doch was soll man mit solchen grossen Herren anfangen ? Man muß nur schweigen , und es so hingehen lassen . Liebstes Gretchen ! - sagte er letzt , als ich eben den Korb vor ihn hinstellte - du bringst mir nun alle Tage so viel Schönes , ja das Schönste , was ich sehe ; denkst du dann aber niemals daran , daß ich dir auch etwas dafür geben muß ? Ach , gnädigster Herr ! - antwortete ich - ich bin nur froh , daß ich immer etwas zu bringen habe , und der Tag geht so schnell hin , und ich habe an so viel andere Sachen zu denken , daß mir das noch gar nicht eingefallen ist . So ! - antwortete er sehr ernsthaft , stand schnell auf , und ging mit grossen Schritten vor mir hin und her . Mit einemmale blieb er aber stehen , faßte meine beiden Hände , und sagte sehr freundlich : Höre liebstes Gretchen ! ich weiß , du hältst mich für deinen Freund und sagst mir Alles ganz aufrichtig . - Ja , das weiß Gott ! - fiel ich ein - und ich würde mich auch versündigen , wenn ich es nicht thäte . Nun so sage mir doch einmal - fuhr er fort - woran denkst du nun wohl den ganzen Tag am meisten ? Das kann ich Ihnen wohl sagen , gnädigster Herr ! - antwortete ich - Sie kennen ja den jungen Herrn in des Herrn Präsidenten Hause ? der , der letzthin krank war , der die schönen Bilder malt ? Ja , ja , ich weiß ! ich weiß ! - rief er ungeduldig , ließ plötzlich meine Hände los , und ging von mir weg . Mir war , als wär ' er böse , und doch konnte ich nicht begreifen worüber . Indem ich noch darüber nachdachte , und nicht gleich wußte , was ich anfangen sollte , kam er wieder auf mich zu . Warum schweigst du Gretchen ? - fragt ' er , und nun kam es mir vor , als wär ' er betrübt - Gereuet es dich , was du gesagt hast ? Lieber Gott ! - sagt ' ich - wie könnte mich das gereuen ? Es kam mir nur vor , als wären Sie erzürnt ; ich wußte freilich nicht worüber . Kehre dich nicht daran ! - antwortete er - Uns geht mancherlei durch den Kopf . Fahre fort , Gretchen ! fahre fort ! - und indem er dieses sagte , preßte er meine Hände so stark , daß sie mich schmerzten . Gnädigster Herr ! - sagt ' ich - ich merke nun wohl , daß Sie über den armen jungen Herrn , und besonders darüber erzürnt sind , daß er nicht von der Person , die ihn so unglücklich macht , lassen kann . Aber bedenken Sie nur , es hängt ja nicht von einem Menschen ab , wen und wie sehr er lieben will . Weißt du das ? - rief er hastig - Das weißt du ! Wie sollt ' ichs denn nicht wissen ! - sagt ' ich lächelnd - man hört ja davon so mancherlei Geschichten , die noch viel wunderbarer sind , als die mit dem jungen Herrn . Aber Gretchen - sagte er - sollte denn die Vernunft gar nichts über einen Menschen vermögen ? - Da konnt ' ich aber das Lachen nicht lassen , und antwortete : nehmen Sie es mir nicht übel , gnädiger Herr ! aber das kommt mir gar zu possirlich vor , wenn man die Liebe durch die Vernunft austreiben will . Grosser Gott ! die Liebe ist ja das Allervernünftigste auf der Erde . Vor dem lieben Gott wird der , der da liebt , immer und ewig Recht behalten , und nur der da hasset , wird verdammt werden , und zwar durch seinen eigenen Haß . Man sieht ' s ja auch alle Tage , die Liebe erhält , und der Haß zerstört . Nun wäre es ja aber unvernünftig , wenn ich mir einbildete : der liebe Gott wolle seine eigenen Werke zerstört haben . O nein ! er hat den Menschen die Liebe gegeben , damit sie erhalten werden , und hat den Heiland gesandt , damit er die Menschen durch sein heiliges Leben an die Liebe - an das Eine , was Noth thut , - erinnere . Liebstes Gretchen - sagte der Fürst - du sprichst da von einer ganz andern Liebe . Nun konnt ' ich wieder das Lachen nicht lassen , denn es war mir einmal so lächerlich zu Muthe . Gnädigster Herr ! - sagt ' ich - nehmen Sie es mir nicht übel , daß ich heute so viel lache ; aber das ist nun wieder ganz was Sonderbares , daß die Leute einen Unterschied unter der Liebe machen . Liebe ist Liebe , sie mag vermischt seyn , womit sie will . So wie Gold Gold bleibt , mag auch noch so viel anderes Metall dazu kommen . Wie unvollkommen die Leute auch anfangen zu lieben , das thut Alles nichts , wenn sie nur immer fortfahren , werden sie es schon einmal lernen . Wenn sie aber hassen , sich im Hassen üben , kann in Ewigkeit nichts Gutes herauskommen . Du wirst aber doch nicht läugnen - sagte der Fürst nun wieder - daß die Liebe viel Unheil anrichten kann . Ach lassen Sie sich so was nicht weiß machen , gnädiger Herr ! - fiel ich schnell ein - die Liebe hat , so lange sie da ist , noch kein Unheil angerichtet . Alles , was die Leute von dieser sogenannten Liebe erzählten , war nichts , als ein herausgeputzter Haß , und der mag freilich viel Unheil angerichtet haben . Aber es kann doch Verhältnisse geben , - fuhr er fort - in welchen die Liebe unerlaubt ist . Das mögen mir schöne Verhältnisse seyn ! - rief ich nun wieder lachend - wo die Liebe unerlaubt ist ! Solch ein Verhältniß möcht ' ich wohl einmal sehen , in welchem mir das Lieben verboten werden könnte ! Gretchen - sagt ' er nun sehr ernsthaft - du lachst ; aber denke nur einmal darüber nach : ob es nicht solche Verhältnisse giebt . - O ja ! - rief ich noch lauter lachend , indem ich meinen Korb nahm - ich will darüber nachdenken ! unterdessen , gnädiger Herr ! denken Sie auch einmal darüber nach : ob es nicht Verhältnisse giebt , in welchen einem das Athemholen verboten werden könne . O Mädchen ! - rief er nun , indem er mich fest um den Leib faßte - gieb mir einen einzigen - Apfel wollt ' er gewiß sagen . Aber ich zeigte auf seinen Tisch , wo schon zwölf der allerschönsten lagen . Da schämte er sich , und ließ mich plötzlich wieder los . Den andern Tag kam ich wieder und brachte ihm Erdbeeren und Blumen . Er nahm sie , setzte sie schweigend vor sich hin , und reichte mir die Hand . Wer pflückt die Erdbeeren ? - fragt ' er dann . Ich , gnädigster Herr ! Aber du hast ja so viel zu thun . Dazu muß immer Zeit werden . Aber die Erdbeeren sind jetzt selten . Du mußt wohl lange suchen ? Das schadt nichts ! Ich thue es ja gern . Aber gestern sagtest du mir , du dächtest an den jungen Maler in des Präsidenten Hause am meisten . Das Suchen stöhrt dich aber . O ganz und gar nicht ! indem ich suche , kann ich ja denken , was ich will . Du hast Recht ! Du kannst denken , was du willst - sagte er , ließ meine Hand los , stand plötzlich auf , und ging wieder , was er immer thut , wenn ihm etwas nicht Recht ist , mit grossen Schritten auf und ab . Gnädiger Herr ! - sagt ' ich darum gleich - es wird noch wohl so herauskommen , daß Sie nicht allein böse auf den armen jungen Herrn , sondern auch auf mich sind . Wer sagt dir , daß ich böse auf euch bin ? Ach gnädigster Herr ! ich bin nur ein einfältiges Mädchen ; aber wenn Jemand bös auf mich ist , das kann ich gleich merken , und wenn Sie so mit grossen Schritten auf und ab gehen , da weiß ich immer schon , wie viel es an der Zeit ist . Gretchen ! - sagt ' er nun mit einemmale wieder lächelnd - ich gebe dir mein Ehrenwort , daß du nicht weißt , wie viel es an der Zeit ist . Sey ruhig ! Ich bin weder bös auf ihn , noch auf dich ; würde es nur dann seyn , wenn du anders sprächest , als du dächtest . Das wär ' schön ! - rief ich . Nein ! nein ! - fuhr er fort - ich weiß , daß du das nicht kannst und nicht willst . So sag ' mir aber denn einmal , was denkst du nun so immer über den Maler und sein Verhältniß mit der Tänzerin ? Ach , gnädigster Herr ! wie soll ich Ihnen das beschreiben ! Sagte mir Einer : hundert Meilen von hier wächst ein Kraut , was ihm helfen kann , ich ginge und holte es herbei . Oder sagte Einer : ich will ihm helfen ; aber du sollst mir dein ganzes Leben dafür dienen ; ich riefe geschwind : hilf ihm , und ich will dir mein ganzes Leben dafür dienen und arbeiten , daß mir das Blut aus den Händen spritzt . Aber Gretchen , wenn du nun das Alles thätest , und es würde ihm wirklich dadurch geholfen , weißt du dann aber auch , daß er es erkennen würde ? Gnädigster Herr ! - antwortete ich - dergleichen thut man nicht , daß es erkannt werde . Wollte Gott , ich könnt ' ihm nur helfen ! möcht ' er es meinetwegen nimmermehr erfahren . Jetzt ging er wieder eine ganze Weile mit grossen Schritten tiefsinnig auf und ab . Hat er dich niemals gesehen ? - fragt ' er endlich . Niemals ! ausser da er krank war ; aber da wußt ' er ja nichts von sich selbst . Hast du auch niemals gewünscht , er möge dich sehen ? Ach Gott , nein ! ich habe es immer gefürchtet . Gefürchtet ? - Ja ! denn ich weiß schon vorher , daß ich in grosse Verlegenheit kommen und mich sehr einfältig benehmen werde . Im Stillen ihm dienen , seine Schmerzen lindern , ist meine innigste Freude . Daß schon einiges davon bekannt wurde , hat mich eine Weile ganz betrübt gemacht . Mir war , als würde mir was genommen . Jetzt hab ' ichs verschmerzt , und ist mir wieder so still und heilig in seinem Zimmer , wie in einer Kirche . Was malt er jetzt ? Ich habe nicht gesehen , daß er etwas Neues angefangen ; aber man hat genug an dem , was fertig ist , zu sehen . Weißt du auch , warum er nicht malt ? Sie ist krank . Ja ! und ihr Zustand bedenklich . Die Aerzte sprechen sehr zweifelhaft davon . Wenn sie stürbe - Dann wäre der gute Herr für uns Alle verloren . Vielleicht auch für immer gerettet . Das glaub ' ich nicht ! Was sie ihm war , wird keine ihm werden . Sie liebt ihn nicht . Das ists eben . Warum ists das eben ? Ich kann es auch nicht begreifen ; aber die Frau Präsidentin sagt es . Die Präsidentin . Aber du , was sagst du ? Ach , gnädiger Herr ! ich hab ' es ja schon gesagt , daß ich es nicht begreife . Aber wie vieles giebt es nicht , was man nicht begreift . So erzählte letzt eine Dame bei der Frau Präsidentin , ein junges Mädchen habe sich in einen ganz wilden , ausschweifenden jungen Menschen verliebt , so daß die Eltern gar nicht mehr gewußt hätten , was sie mit ihr anfangen sollten . Da habe ihnen eine Freundin gerathen , sie sollen einen jungen Mann , der aber über 18 Jahre alt seyn müsse - ein Mädchen