des Balboa , wie er zuerst das stille Meer entdeckte , die beiden schönen Kinder unter sich erblickte : zwei glückliche Inseln in dem stillen grünen Meere vor ihm . Eigentlich wurde er ihnen beiden im Augenblick so zugezogen , wie es nur in diesem Alter und in der waglichen Stimmung eines begeisterten Fußreisenden möglich , der , nach einem halben Jahre in engen Zimmern und dumpfen Hörsälen , einmal wieder von Morgen bis Abend unter dem durchsichtigen blauen Himmelsgewölbe wandelt ; doch hielt ihn ein Dornstrauch an seinem Kleide fest , als er eben über die Mauer springen wollte . Ahndung und Liebe erscheinen selten getrennt , und so nahm er es als eine warnende Ermahnung der Liebe , nicht auf unrechten Wegen in diesen geheiligten Kreis zu dringen , und begnügte sich sie möglich lange und möglich nahe zu beschauen . Der Wirt hatte seine Begierde die Mädchen kennen zu lernen , durch seinen Bericht von ihrem Stande , von ihren Schicksalen und ihrer stillen Lebensweise noch vermehrt ; er war kein Adelstor , wie die meisten seines Standes zu jener Zeit , bei denen er für einen Revolutionär galt , aber er kannte das Achtbare der Familiengesinnungen und Familienehre , die sich noch immer in denen Häusern fortpflanzen , welche sich einst den Herrschern gleich geachtet ; das Gleiche mit seinen eigenen Verhältnissen war ihm von guter Vorbedeutung . Es schwebte ein Wunderbild von weiblicher Sanftheit , Zurückgezogenheit und Freundlichkeit in seinem Kopfe , das ihm in den beiden Gräfinnen zum erstenmal gegenwärtig geworden . - Siebentes Kapitel Graf Karls erster Besuch bei den beiden Gräfinnen Erst in der Türe ihres Schlosses fiel es ihm heiß ein , daß es doch ganz unwürdig sei , mit der erlogenen Kauflust die Begierde nach der Bekanntschaft der Mädchen zu bemänteln ; aber es ließ sich nicht ändern , die Türe war schon hinter ihm geschlossen , durch die Säulen der Treppe schimmerte schon das rotgestreifte weiße Kleid der Gräfin Dolores , ihre Tritte schallten im Gewölbe . Sie trat ihm , beschämt , daß er die Mängel ihres Anzuges entdecken möchte , mit einigen unverständlichen Worten entgegen , aber ihr reizender Blick machte seine Worte noch undeutlicher , es war ein Schimmer in den hellbraunen Augen , der sich nicht malen läßt ; und doch kommt viel darauf an , jedes zur rechten Zeit zu sehen , zu tun ; wäre ihm Klelia so begegnet , wahrscheinlich hätte er sich ihr eben so bestimmt ergeben , wie er sich jetzt der schöneren prächtigen Schwester eigen fühlte . Der Bediente half beiden , indem er weitläuftig von allen Bequemlichkeiten redete , die der untere Speisesaal verberge ; von der Wasserleitung , worin sonst das Getränk gekühlt worden , die aber jetzt verstopft sei . - Die innern Wandverzierungen des Schlosses waren meist architektonisch , entweder in Stein , oder in Gips . Da der alte Graf viel gute Gemälde besaß , so scheute er sich , sie irgendwo mit Fabrikmalerei gewöhnlicher Tapeten zusammen zu bringen , denn beide verlieren dadurch ; das Mechanische jener verwöhnt das Auge , auch in dem Lebendigen der andern etwas der Art zu sehen , und jene wiederum büßen die Art von Gefälligkeit ein , die sie in Abwesenheit eigentlicher Kunstwerke bewahren . Diese Gemälde waren verkauft , eben so Sessel und Tische und alles , was zu dem eigentlichen Gebrauche der Menschen gehört , auch hatte wohl die Kriegsfurie hin und wieder ihre Fackel an den Wänden geputzt , aber größer und würdiger sahen offenbar diese edlen architektonischen Verzierungen in dieser ungehinderten Übersicht aus . Der Graf hatte nie etwas so Prächtiges gesehen ; ohne alle Kauflust war er eingetreten , jetzt aber dachte er sich ' s als das höchste Glück in den schönen Verhältnissen dieser Zimmer sein Leben zu führen ; unbemerkt , hoffte er , müsse dies alles Widersprechende , Ungleiche in ihm ordnen ; noch gestand er sich nicht , daß ihm zur Seite auch solche frische Lebensgöttin , von so schönem Verhältnisse wie Dolores gehen müsse , ihm war es , als sei ihre Schönheit , die Wölbung ihrer Augenbraunen , das schöne Verhältnis ihrer Zähne , woran die edelste Säulenordnung zu erläutern , nur eine Wirkung von der Herrlichkeit dieses Baues , oder sie selbst sei die Baugöttin , so ganz erbaut war er von ihr , von ihrer Rede , von jeder ihrer Bewegungen . So gingen sie durch die schönen Geschosse und der Graf mit dem Wunsche , die Aussicht ganz zu kennen , stieg noch eine Treppe höher in das oberste Geschoß , das sonst den Bedienten bestimmt gewesen , wo aber jetzt die Gräfinnen wohnten , und das Dolores mit ihren Malereien verziert hatte . Sehr ungern folgte sie ihm dahin , sie wußte sich aber durchaus auf keinen Entschuldigungsgrund zu besinnen . Der Graf bewunderte die ausnehmende Fertigkeit , die schönen sichern Umrisse dieser Bilder , Dolores gestand , daß es ein müßiges Spiel von ihr sei . Er glaubte nicht , daß dies das Beste sei , was sie in der Art machen könnte , und so ehrte er sie plötzlich als das höchste Malergenie , das ihm je begegnet , er bewunderte von einer Vorstellung zur andern und so kam er unbemerkt an das Zimmer der Klelia ; er meinte es auch leer , als er aber jemand darin erblickte , so machte er die Türe mit einer Entschuldigung schnell zu , ohne sie zu unterscheiden . Gleich wendete er sich zur Gräfin Dolores , die verlegen hinter ihm gestanden , weil ihre Schwester sich nicht ordentlich angezogen , nachdem sie ihr das Beste vorweg genommen : » Wer war die Dame ? « - » Meine Kammerjungfer « , sagte die Gräfin und der Bediente brummte heimlich vor sich , daß sie nun sogar ihre Schwester verleugne , nachdem sie selbige um einen Liebhaber betrogen ; er hatte nämlich die Klelia von Jugend auf viel lieber , auch blieb er hier zurück , um Klelien dahin zu bewegen sich anzuziehen , so gut es gehe , und in den Garten zu kommen , wohin jetzt die Gräfin am Arme des Grafen eilte . Diese beiden gingen nun vor dem grünen Platze vorbei , wo der Graf mit einem Seufzer das Leinenzeug vermißte , das ihn morgens in der Sonne geblendet hatte ; all der Glanz war zu seiner schönen Führerin übergegangen . Mit manchem Umschweife , ungewiß , ob er auch nicht beleidige , erzählte er , wie er sie schon am Morgen beobachtet ; sie wurde beschämt , daß sie bei so niedrer Arbeit überrascht worden , sie wollte ihm einen Wink geben , daß er schweigen möchte , aber er drückte die Hände an seinen Mund . So waren sie bis zur Höhe angestiegen , wo eine Laube von Geißblatt , die sich über einem Steine wölbte , der einer Bank ganz ähnlich sah , die schönste Stelle schien , die scheidende Pracht der Sonne und die tausend Liebesblicke zu begrüßen , die sie dem schönen Tale noch schenkte . Der Graf setzte sich auf den Stein . » Nicht doch « , rief die Gräfin , » wissen Sie denn , worauf Sie sitzen ? « Der Graf sprang auf und sah in den Stein Noten und ein Lied eingehauen ; vor der Sonne , die er angeschauet , erschien ihm die Schrift grün wie die Schrift des Frühlings , die über der ganzen erstorbnen Erde läuft . Mit einiger Beschämung las er laut ab : Mädchen , führet dich dein Knabe In dem letzten Abendscheine Hier zu meinem stillen Grabe Und er wagt es nicht alleine , Küß ihn einmal mir zu Ehren , Das sind meine Seelenmessen ; Kann ich euch das Küssen lehren , Werd ich nimmermehr vergessen . Neue Melodien kommen Und verdrängen meine Lieder , Doch so viel ich hab vernommen , Kommt das Küssen immer wieder , Und von diesen Liebesnoten , Die ich liebend hab erfunden , Schallen mir noch bei den Toten Alle Wiederholungsstunden . Dolores erzählte nun dem Grafen , daß ihr Vater hier einen lustigen tiefsinnigen Musiker begraben , der lange Zeit sein Freund und Vertrauter gewesen , und den Weg zu diesem schönen Platze zuerst gefunden und geebnet habe . Der Graf sang mit seiner angenehmen Stimme die einfache wohlige Melodie dieses Liedes , der letzte Abendschein schwankte vor seinen trunknen Augen über der Ebene und sah in die Tiefen der Berge ; er sah ihr so sicher in die Augen und sie konnte sie nicht von ihm wenden : es war der gefälligste Mann , der ihr seit langer Zeit erschienen ; sie sah in ihm den Glanz ihrer Geburt wieder hervorgehen , sie hörte wieder die rollenden Kutschen vor ihrer Türe , sah in den Fenstern des Schlosses , die vom Abendhimmel widerschienen , alles wie ehemals von Wachskerzen erleuchtet , in den Büschen schienen ihr Musikchöre versteckt und sie verweigerte ihm nicht den keuschen Kuß , den er auf ihre Lippen drückte . Wir eilen , denn unter einfachen Verhältnissen gleicht sich alles in der Welt und jeglicher hat hinlänglich Gefühl in seiner Brust , und wär er noch so arm , um sich lebendiger in solche Stunde hinein zu denken , als es die Worte ihm vorsagen können . Nach diesem Kusse schien dem Grafen alles , was er noch sagen könnte , so leer und nüchtern , daß er mit einem zweiten Kusse von der Errötenden Abschied nahm , und auf und davon über Hecken und Mauer ins Gebürge eilte , seines frohen Herzens selbst bewußt zu werden , das ihn so mächtig anregte . Aber statt ganz fröhlich zu werden , wurde er immer wehmütiger und es rief in ihm , bis er es auswendig wußte : Sie gab , was mich verarmet , Mir scheidend ihren Mund , Sie hat sich mein erbarmet , Ach Gott , wem tu ich ' s kund ! Ich kann ' s nicht in mir lassen , Es sprenget meine Brust , Es kann ' s die Welt nicht fassen , Was mir allein bewußt . Wie mir der Abend rötet , Noch niemand wissen muß ; Ach hätt ' sie mich getötet Im ersten , ersten Kuß ! Von Schmerzen könnt ich ruhen , Im Jubel vieles tun , In schweren Reiseschuhen Tanz ich so töricht nun ! Wirklich hatte er in sich jubelnd eine glatte Buche umfaßt , und tanzte um sie her , weil er niemand fand , mit dem er tanzen konnte , und lachte dann . Allmählich sammelte sich der Taumel aller einzelnen Gefühle , die in ihm aufgeregt ; endlich wurde er so gewiß in sich , daß Liebe und Gegenliebe , zwei Gottheiten , die so lange getrennt über den Erdboden einander suchend umherirrten , sich in ihnen beiden so vollkommen begegnet und begrüßt hätten , daß sie wohl nie wieder von einander lassen würden in Zeit und Ewigkeit . Als er nach Hause kam , wollte er noch spät sein Tagebuch schreiben , aber er wußte nicht auszudrücken , was ihm begegnet , schlafen konnte er auch nicht , ob er sich gleich endlich niederlegte , und so sang er der Nachtigall zu und dem rauschenden Strome , die mit einander wetteiferten : Mir ist zu licht zum Schlafen , Der Tag bricht in die Nacht , Die Seele ruht im Hafen , Ich bin so froh verwacht . Ich hauchte meine Seele Im ersten Kusse aus , Was ist ' s , daß ich mich quäle , Ob sie auch fand ein Haus . Sie hat es wohl gefunden , Auf ihren Lippen schön , O welche sel ' ge Stunden , Wie ist mir so geschehn . Was soll ich nun noch sehen , Ach alles ist in ihr , Was fühlen , was erflehen , Es ward ja alles mir . Ich habe was zu sinnen , Ich hab , was mich beglückt , In allen meinen Sinnen Bin ich von ihr entzückt . Achtes Kapitel Graf Karl verlobt sich mit der Gräfin Dolores Am andern Morgen wurde alles fest unter ihnen besprochen , sie verstanden einander , daß sie verlobt wären , und wußten nicht wie ; er hatte keinen Ring bei sich , sonst wäre auch diese Förmlichkeit beobachtet worden ; von der Universität wollte er einen zierlichen Goldring senden , er nahm das Maß an ihrem schönen Finger mit einem seiner Haare . Klelia trat darauf ein ; der Graf faßte eine ungemeine Achtung gegen sie bei ihrem ersten Anblicke : die Höhe ihrer Gestalt und Stirne , ihr feiner Mund , ihr klares Auge geboten jedem Achtung ; sie nahte sich ihm vertraulich , tadelte zwar die große Eile in der Verbindung mit ihrer Schwester , aber so wohlwollend , daß beide sie dafür küssen mußten . Der Graf , dem noch von Jugend an eine gewisse allegorische Mythologie anhing , glaubte in ihr die Freundschaft zu entdecken , wie er in der Schwester die Liebe gefunden ; gewiß war es , so wenig sie sich vordrängte , so milde schützte ihr reicher ernster Geist die beiden Liebenden gegen den langweiligen Überdruß , der den zurückhaltenden Brautstand bei allen Äußerungen von Glück in manchen Stunden doch ganz fatal macht . Wir wollen uns nun einige Wochen denken , wie wir sie entweder selbst erlebt , oder aus dem Berichte glücklicher Seelen , oder aus Büchern kennen gelernt , von Liebe umwunden , von der wohlwollenden Freundschaft der guten Klelia belebt , die mit Muttersorgfalt sie beide bewachte und sich an ihnen erfreute und den Grafen vor allen Männern ehrte und bewunderte . Dolores glaubte , daß sie den Grafen liebe , alle ihre Hoffnungen waren ja auf ihn gesetzt , auch war es unvermeidlich , daß er nicht bei näherer Bekanntschaft gewonnen hätte ; seine Liebe zu ihr konnte sich nicht mehren und nicht mindern , es war Liebe , und so brachte er unbemerkt die ganzen Ferien in dem geliebten Kreise der guten Stadt zu , die ihm sein eigentliches Vaterland zu sein schien ; die ferne Schweiz mit ihren Wasserfällen , Eismeeren , heiligen Freiheitstempeln und unsterblichen Schlachtfeldern lag ihm außer seiner Welt . Zuweilen warf er es sich vor , daß er die ganzen Tage bei den Mädchen mit Nichtstun zubringe , auch fürchtete er ihnen überflüssig zu werden , aber dann baten sie ihn jeden Abend , daß er am Morgen doch ja recht früh wiederkommen möchte ; bald wollten sie eine Stunde auf der Gitarre , bald im Spanischen bei ihm nehmen . Die sorgfältige Erziehung seiner Mutter hatte alle Fertigkeiten und Kenntnisse der gebildetsten Stände in ihm gesammelt ; durch das Vergnügen dies Erlernte so schönen Wesen mitzuteilen , erhielt es in ihm selbst eine schönere Gestalt und Anordnung , er lernte seinen Vorrat kennen und brauchen , er gewann vielleicht eben so viel durch seine Liebschaft , als andre Studenten durch ihre Liebeleien verlieren . Klelia gab ihm den Mut ohne Scheu religiös zu sein , den er unter bornierten Bigotten und bei frechen Spöttern verloren , er wagte es ohne Scheu seinen Glauben an Geheimnisse des höheren Lebens und an deren sinnliche Offenbarung zu bekennen ; er wußte , daß sie ihn verstand und würdigte , das merkte er aber auch , daß diese Gesinnungen seiner Dolores abschreckend waren . Seine Betrachtung darüber glich diesen Unterschied bald aus , er meinte es die höchste Unschuld , Gott und die Welt , alles in sich zu fühlen und zu ehren , ohne es von sich zu trennen - so leicht weiß sich ein Liebender von dem zu überreden , was er nicht anders wissen will . Die Beendigung ihres Bildes , das er immer neu anfing und nie zu seiner völligen Befriedigung enden konnte , da sie ihr Gesicht , um noch schöner , noch lebhafter zu erscheinen , ganz unnütz bewegte und veränderte , hielt ihn noch über seine Ferienzeit in der Stadt zurück ; es waren so schöne Stunden , wo er ihr so oft in die Augen sah . Auch sie unternahm es ihn zu zeichnen , aber die Geduld fehlte ihr , es wurde eine Karikatur . Um ihren Fehler zu verstecken , hatte sie nämlich allmählich alles übertrieben ; er wunderte sich über sich selbst , daß er so aussehe in ihren Augen , wir aber müssen bekennen , daß wir jungen Mädchen , die Karikaturen zu zeichnen geneigt sind , einen Hexenprozeß machen würden , es geht nicht mit rechten Dingen zu und ist uns in der innersten Seele verhaßt ; was kann denn ein Mädchen noch menschlich erhalten , wenn ihr die menschliche Schönheit nicht einmal heilig ist , die überall selten , nun noch durch den unauslöschlichen Eindruck echter Zerrbilder , bei jeder Wiederbegegnung des mißhandelten Unglücklichen , aus den letzten Schlupfwinkeln immer mehr verschwindet . Bald trägt er vor unsrer Einbildungskraft wirklich alle die erschrecklichen Ecken und Verdrehungen - bei Gott , nur ein verzweifelnder Politiker , der das Wohl des ganzen Staats in Gefahr sieht , darf so frech das Ebenbild Gottes im einzelnen Menschen verhunzen , als wir solches in England sehen . Klelia sagte der Dolores das oft , wenn sie ihr so allerlei unschuldige Leute , die ihr irgendwo begegnet , vorlegte ; diese aber meinte , man dürfe das nicht so ernsthaft nehmen und es erkenne doch jeder den Scherz . Inzwischen war in der innern Haushaltung des Schlosses einige Veränderung durch die Freigebigkeit des Grafen hervorgebracht . Er hatte sich , nicht ohne weitläuftige Überlegung und Abwägung verschiedener anderer Gelegenheiten die beiden armen schönen Kinder zu unterstützen , endlich eines Abends mit niedergeschlagenen Augen an seinen Wirt gewendet - der ihm die erste Bekanntschaft im Schlosse erworben , ihm auch die drückende Armut dort beschrieben hatte - und ihm bei unverbrüchlicher Verschwiegenheit zwei Dritteile seines Reisegeldes eingehändigt , sie den Gräfinnen als eine heimliche alte Schuld , die ihr Vater in seinen Büchern einzutragen vergessen , ohne Nennung des Schuldners zu übermachen . Der Wirt übernahm den Auftrag sehr gern , aber er schenkte nach seiner Art reinen Wein ein ; auch hätte es allzu unnatürlich ihm gelassen , wenn er , der dringendste aller Schuldner , dieses Geld , das offenbar der Masse anheim fiel , den Kindern überliefert hätte . Klelia entschied durchaus , daß sie dies Geld nicht annehmen könnten ; es sei erniedrigend , von einem jungen Manne , der wahrscheinlich selbst keinen Überfluß großer Reichtümer besitze , eine so bedeutende Summe anzunehmen , es könne ihn zum Schuldenmachen verleiten ; überhaupt verstimme es das gute Verhältnis , in welchem sie bisher mit ihm gestanden . Dolores warf ihr einen falschen Hochmut vor , sie möchte denken , wie sie noch am Morgen in ihrem Bette um eine Unterstützung gebetet , daß sie ohne Schande vor der Welt und vor den Augen ihres Freundes bestehen könnten ; das Fasten müsse auch endlich ihrer Gesundheit schaden , das beweise schon die krampfhafte Ohnmacht , in die sie neulich verfallen ; genug , sie nehme das Geld zu ihrem Besten an , sie wolle als Schwester für sie sorgen , - und somit nahm sie den Geldbeutel und der Wirt , der sich eine Freude gedacht hatte , um an die Decke zu springen , schüttelte den Kopf und ging und dachte in sich : mit armer Leute Hochmut wischt sich der Teufel den Mund . Klelia ehrte die gute Absicht in ihrer Schwester , ob ihr gleich die ganze Sache nicht recht schien ; wie sehr verwunderte sie sich aber , als sie bald den größten Teil der Summe von ihrer Schwester für allerlei Putz ausgegeben sah . Sie erinnerte , aber Dolores wurde böse , sie möchte bedenken , daß des Grafen Liebe zu ihr diese Summe ins Haus geführt , darum wolle sie auch ihm zur Liebe sie verwenden ; Klelia erinnerte umsonst , so wäre es doch besser ihn zu bewirten , ihm selbst den Aufenthalt in der Stadt weniger kostspielig zu machen , wenn sie es für ihn verwenden wolle . Aber Dolores meinte , sie könnten es doch nicht standesgemäß einrichten , dazu fehle ihnen Gerät und Dienerschaft , und sie ließ sich überhaupt nicht viel einreden , wo sie etwas beschlossen hatte . Sie schmückte sich und die Zimmer , dann auch die Schwester , schaffte auch mancherlei Leckereien , denen sie lange hatte entsagen müssen ; ihr gewöhnliches Leben aber ging in voriger Kärglichkeit fort . Der Graf glaubte seine List glücklich ausgeführt , Dolores begrüßte ihn wie sonst ganz unbefangen , nur Klelie war etwas verlegen ; er dachte in sich : sollte das wohl Stolz sein , nun sie für einige Zeit in bessere Umstände gekommen ; wohl hat mich die Mutter oft vor dem Stolze frommer Menschen gewarnt , ich muß sie selbst bei Gelegenheit davor warnen . Es sei uns hier vergönnt die Jugend ernstlich gegen Menschen voll böser Erfahrung zu verwarnen , damit sie selbst Erfahrungen macht , statt sich jede Lebensaussicht durch gefärbte Gläser zu entstellen ; fürchte jeden , der sich so zum Mittelpunkte der ganzen Welt macht , daß er zu sagen wagt : » so sind die Weiber , so sind die Männer in Tugenden , in Lastern « , weil der kleine Kreis seines Lebens sie ihm öfter so dargestellt hat ; die Beobachtung , die in ihm erloschen und ausgestorben , sieht durch die Fügung seiner Kristallinse , die das Unglück verknöchert hat , die ewig fortstrebende , durch alle Geschlechter sich fortbildende Welt in Winkel und Abschnitte geteilt ; ehre und höre ihn , es wird dich weiser machen und aufmerksamer , aber beobachte überall erst selbst ; denn dasselbe kommt nie wieder in der Welt , nicht in Tugenden , nicht in Lastern ; jener steht im Traume über der Welt und ist tief unter ihr und baut sich sein Grab ; du aber , liebe Jugend , sollst wachen und schaffen und dir ein Haus bauen aus Rosen und es mit Lilien decken , solange dir Rosen und Lilien blühen . Neuntes Kapitel Graf Karl in Armut . Rückreise nach der Universität Als der Graf bemerkte , daß der Putz seiner geliebten Dolores Freude mache , so fand er diese Liebhaberei am Unbedeutenden so artig mädchenhaft , daß er sich allerhand gute Gelegenheiten ersann , ihr Geschenke der Art zu übermachen ; bald kam eine arme Krämerin , die so etwas zum Verkauf bringen mußte zu geringem Preise , bald hatte er , um sie zu erschrecken , eine Puppe schön ausgeputzt , dann war es Jahrmarkt . Klelien schenkte er einige Dichterwerke , auch manches Gedicht von ihm selber , die freilich wie ein allzu heftig schäumendes Getränk den Becher mehr mit feinem glänzenden Schaume als mit erquickender Flüssigkeit füllten , aber von ihr doch sinniger aufgefaßt wurden , als von der Schwester , der er sie viel zu schlecht glaubte . Mit solchen Ausgaben ging das zurückbehaltene Dritteil seines Reisegeldes unbemerkt ganz auf , so fand er sich eines Tages , als er einen kleinen Ring für Dolores erkaufen wollte , ohne Geld ; das fiel ihm so schwer aufs Herz mitten in seinem leichten Taumel , er war so fremd in solchen Angelegenheiten , daß er sich oft in der ersten Verwirrung wünschte , von irgend einem fallenden Dachziegel erschlagen zu werden . Ohne diese Geldnot wäre er schwerlich aus dem Zauberschlosse gewichen , aber einige reiche Landsleute , die durchreisend zu seiner Universität von seinem Umgange mit ein paar armen Mädchen hörten , verpflichteten ihn , indem sie ihm Geld vorstreckten , einen Sitz in ihrem Wagen anzunehmen . Wir wollen uns nicht mit der Erzählung seines Abschiedes den eignen Schmerz aufrühren , der immer noch unter der Asche von tausend genommenen Abschieden glimmt ; ich schweige von der sinnreichen Art , wie er sein Angedenken und das Angedenken jeder Stunde mit kleinen Denkmalen im Hause und im Garten zu befestigen suchte ; seiner Dolores war er so gewiß , aber der Boden , auf dem er mit ihr so froh gewandelt , hatte sich belebt , war sein Vertrauter geworden , da nur wollte er leben , der sollte einst auch seine Asche empfangen . Sonderbar , sonderbar , wie der Gedanken von Tod sich in ihm , dem frischen blühenden Jüngling so oft den Liebesgedanken beimischte ; aber der Gedanke liegt sehr nahe bei dem höchsten Glücke , das wir zu erschwingen vermögen . Klelia hatte noch so manche freundschaftliche Aufmerksamkeit und Dolores war liebreicher als je , oft glaubte er , der Abschied sei unmöglich , und da war er schon geschehen und es regnete vor seinen Augen , er konnte das Haus kaum sehen , vor dem er stand , und nun ist ' s vorbei ; seh dich noch einmal um , fasse alles recht ins Auge und nun fort . Was soll ich von seiner Sehnsucht , von der Öde sagen , die ihn in der rauschenden jungen Gesellschaft umgab , jeder wollte etwas von der Universität wissen und er hatte sie ganz bei den Gräfinnen vergessen . Überall sah er Beziehungen auf sie , an jedem Mauerwerk war eine Ähnlichkeit mit etwas im Schlosse , aber laut mußte er weinen bei einem kleinen Mädchen , das verkleinert ihm ihre Ähnlichkeit darstellte , ohne daß er eigentlich im ersten Augenblicke erraten konnte , was ihm bei dem Kinde einfiele ; er beschenkte es reichlich nach seines Alters Wünschen . Überall schlugen die Uhren erinnernd , was jetzt in dem gleichförmigen Gange des kleinen Haushalts der beiden Mädchen geschehe ; überall hingen Haushaltungskalender , die ihm vorrechneten , daß wieder ein Tag ihm verloren ; überall sah er Menschen , die sie nicht kannten , Gegenden , die sie nicht gesehen . - Zu seiner Zerstreuung ließ er sich überall mit den Menschen in Gespräch ein , einmal mit dem Gärtnerburschen eines großen fürstlichen Gartens . Der Bursche lachte über seinen Obergärtner , der fluchend vorbei lief , und sagte : » Der macht sich jetzt in der heißen Sonne ein Geschäft , um nicht zu Hause einzutreffen , da würde ihm die Frau ein Gesicht machen . « - » Warum denn , ist sie so böse ? « fragte der Graf . - » Wie es kommt « , meinte der Bursche , » jetzt ist der Fürst bei ihr ; nicht wahr , Sie merken wohl , was die Glocke geschlagen , unser einer vom Hofe darf davon nicht viel reden . « - Der Graf schimpfte über die Nichtswürdigkeit des Obergärtners . » Es ist sonst ein braver Mann « , sagte der Bursche , » aber die Frau taugt nichts und er liebt sie allzu sehr ; schon zweimal ist er in alle Welt gelaufen , um den Jammer nicht mit anzusehen , er findet überall Brot ; aber dann kommt er immer wieder , und bittet es ihr ab , und kann nicht von ihr lassen ; es ist , als wenn sie ihm was angetan hätte . « - Die Geschichte durchschauerte den Grafen so eigen , als liefe der Tod über sein künftiges Grab : In der nächsten Station blieb er zurück von seiner jugendlichen Gesellschaft , schrieb an seine Dolores alles Zärtliche , alles Besorgliche , was er unterwegs gedacht , nur diese Geschichte verschwieg er , dagegen setzte er einen ernsten Brief mit seines Namens Unterschrift an den Fürsten auf , worin er ihm sein Unrecht grell vormalte und mit den Worten schloß : » Ich habe es gesagt und meine Seele gerettet . « - Eine Stunde , nachdem er beide Briefe auf die Post gegeben und kühler nachdachte , schämte er sich des letzteren an den Fürsten gar sehr ; er drückte die Augen zu , wurde rot , mußte vor sich lächeln , so oft er an die Verwunderung , an das Spotten dachte , was vielleicht aus diesem Briefe folge ; lange Zeit konnte ihn sogar der Name des Fürsten rot machen , insbesondre wenn er dachte , wie sonderbar sich ein andrer Mensch dieses Rotwerden deuten könnte . Diese Beschämung , etwas dem Weltlaufe so Ungefüges und wahrscheinlich ganz Unnützes vollbracht zu haben , zerstreute ihn etwas auf der Fortsetzung seiner Reise ; seine Schritte beschleunigten sich , um der Beschämung zu entgehen , während ihn die Liebe bei jedem zurück hielt . Spät Abends , sehr ermüdet kam er nach der Universität auf sein kaltes Zimmer zurück ; die Aufwärterin war nicht zu Hause , er bekam von einem neu angekommenen Studenten Licht und fand alles bei sich , wie er es verlassen , sogar sein Kaffeegerät stand noch , wie er davon zur Reisegesellschaft abgerufen worden ; aber in seinem Herzen war es jetzt so warm und draußen so kalt . Hastig schritt er im Zimmer auf und ab , nahm alles in die Hände , legte alles wieder hin ; bald wollte er ausgehen , um alte Freunde zu besuchen , um sich den Lectionscatalogus zu holen , bald wollte er noch einen Brief schreiben ; aber es wurde aus allem nichts , denn aus der Ferne , aus dem nächsten Gasthause , schallte ihm die reizende Einförmigkeit einer Tanzmusik ; bald glaubte er darin verständige Worte zu hören und mußte gegen seinen Willen immerfort mit singen : » Ich hab sie , ich halt sie , ich lasse sie nicht . « Endlich kam die Magd , freute sich weitläuftig seiner Ankunft , sprach von angekommenen Briefen und brachte aus ihrem Busen einen hervor , der eben abgegeben worden ; der Graf fuhr darauf los , es war der erste Brief seiner Dolores , auch einer von Klelien ; er konnte ihn nicht gleich lesen . Er fing mit dem letzteren an , dann folgte unter Herzpochen der erste , der liebste ; er