Pferdchen und das zierliche Kasket , welches jetzt auf einem Pfeiler der Treppe hing , dem armen Knaben allen Zauber und jede Aehnlichkeit mit Francesca nahmen . Ein frisches , halberstädtisches Gesicht sah ihnen aus dünn verschnittnem Haar entgegen , und verwischte alle Erinnerungen aus der italienischen Welt . Julius lächelte im Vorbeigehn über sich und die Bestechlichkeit der Sinne , als ihnen der Wirth entgegentrat und sie höflichst befragte , ob sie nichts dawider hätten , mit einem anständigen Herrn hier im nächsten Zimmer zu speisen . Sie nahmen es an und traten hinein . In ' s Fenster gelehnt stand ihr blonder Reisegefährte , der sie , aus einem flüchtigen Blick im Vorbeireiten , erkannte und höflichst begrüßte . Das Gespräch ward bald , wie gewöhnlich im Leben , an unbedeutende Gemeinplätze angeknüpft , die es denn endlich ganz natürlich herbeiführten , daß der junge Mann , Jagdjunker eines benachbarten Fürsten , auf dem Wege zu dessen Residenz begriffen sei . Er hatte eine etwas raube Stimme ; sonst viel gutmüthige Herzlichkeit , die leicht Eingang fand ; vorzüglich war er aufmerksam um Luisen bemüht und liebkoste tändelnd Mathildens Hund , der sie nach dem Falkenstein begleitete . Julius sagte ihm : daß ihnen dies kleine Thier als ein liebes Andenken einer kürzlich verstorbnen Mutter sehr werth sei , wobei Luise ihre feuchten Augen senkte und die Rührung des Fremden nicht wahrnahm , der fast kindlich ausrief : ach Gott ! ich habe meine Mutter niemals gesehn und habe auch kein Andenken von ihr ! Sein Gesicht drückte dabei so wahr die Sehnsucht nach dem ungekannten Glücke aus , daß Julius voll Theilnahme seine Hand faßte und alle Drei recht von Herzen zu reden begonnen . Es zeigte sich nun bald , im Laufe der Unterhaltung , daß der junge Mann ein Neffe des Baron Veltheim und Julius , aus seiner Kindheit , unter dem Nahmen Carl bekannt war . Sie hatten nicht sobald diesen gemeinschaftlichen Berührungspunkt gefunden , als die Familie des Barons Luisen aus manchen treffenden Zügen bekannt gemacht , und der Wunsch , sie kennen zu lernen , in ihr erregt wurde , wobei Carl lustig hinzusetzte , er käme sich dort wie ein Ostrogothe vor , da ihn die Tante jeden Augenblick versichre : er habe nicht die geringste Leichtigkeit im Umgang mit Frauen , keine Gewandheit in der Unterhaltung ; eine Reise nach Paris könne ihm beides allein geben , und , statt einen so untergeordneten Posten an einem kleinen Hofe anzunehmen , hätte er suchen sollen , in Verbindung mit einem weltklugen Freunde , die Reise zu unternehmen . Der Onkel hingegen lebe in der alten und neuen Literatur , rufe einen Kreis von Gelehrten um sich her , in welchem er ihn gänzlich übersehe . Selbst in der Gefälligkeit der kleinen Cousine liege eine Art von Spott , denn sie rede von nichts als Hunden , Jagd und Pferden mit ihm , und zeige wohl , daß sie sich gütig bemühe , zu ihm herunter zu steigen . Julius entschuldigte das mit der Unkunde der meisten Menschen , eine allgemeine Unterhaltung herbei führen zu können , wodurch allein die gesellige Mittheilung frei bleibe und jeder in den Stand gesetzt werde , das Seinige dazu beizutragen , ohne ihn auf eine angreifende Weise in den abgeschlossenen Kreis seines täglichen Thuns und Treibens zurückzudrängen . Ja , sagte Carl , und das Zurückdrängen hat denn noch den Fehler , daß man es dem Andren gleich ansieht , er ritte lieber seinen eignen Gaul , da er auf dem fremden mein Leben nicht recht im Sattel ist . Die Leichtigkeit , fuhr Julius fort , in die abgeschloßnen Verhältnisse jedes Menschen einzugehen , wird größtentheils als der Gipfel der feinern Bildung angesehen , aber es muß wie von selbst aus dem Vorhergehenden entspringen und sich leicht und gefällig der allgemeinen Unterhaltung anschließen , sonst hat es etwas Demüthigendes für den , der einmal aus dem alten Geleise heraustreten wollte und dem man dadurch freundschaftlichst winkt , stehen zu bleiben . Das ist wahr ! rief Carl ganz entzückt , das ist wahrhaftig wahr . Das werde ich Emilien nächstens sagen , wenn sie mich wieder in meine Wälder schickt , aus denen ich eben komme , um mit ihr ganz andre Dinge zu reden . Der Wagen war indeß vorgefahren . Julius wünschte Luisen bald in ihr neues Reich einzuführen und eilte daher , den Rest der kleinen Reise bald zurückzulegen . Carl trennte sich wie ein alter Freund von ihnen , der sich in ihrer Nähe leicht und wohl fühlend , ehestens zu ihnen zurückzukehren versprach . - Ich erinnere mich , sagte Julius , als sie allein waren , daß mein Vater fast auf ähnliche Weise wie die Baronin über Carl urtheilte , und es hat sich dennoch ein recht frischer , gesunder Sinn und zuverlässig ein treues Herz in ihm entwickelt . Luise hatte in der Einsamkeit eine sehr gebildete Erziehung genossen ; sie besaß viel Kenntnisse und war durch Mathilden an eine unterrichtende , fast gewählte , Unterhaltung gewöhnt . Sie hegte daher eine Art von Verachtung gegen alle Unwissenheit und übersah Menschen ohne hervorstechende Gaben fast gänzlich . Carls Gutmüthigkeit hatte sie bewegt , indeß glaubte sie , mitleidiges Wohlwollen sei nicht das Rechte , was Einer für den Andern empfinden solle . Julius versicherte sie , oft bei dem reichsten Schatz von Kenntnissen , mehr Einseitigkeit und ermüdendes Einerlei , als bei diesem offnen , freien Gemüthe gefunden zu haben . Frei ? - wiederholte Luise , das bestreite ich , er fühlt sich alle Augenblicke einmal beschränkt und hat weder die Mittel , noch sucht er die Wege , sich los zu machen . Liebe Luise , erwiederte Julius , verdamme die Unbeholfnen nicht so gradehin , ein jeder hat seinen Kreis , in welchem er sich frei bewegt ; führe ihn da heraus , so steht er wie Carl da , der wenigstens gescheut einlenkt und seine Freiheit dadurch behauptet , daß er nicht mehr will als er kann . Ich weiß wohl , fuhr er fort , daß der Kreis des Einen größer ist als des Andern ; allein ein jeder zieht ihn sich am Ende selbst und kann nicht über seine Kräfte hinaus . Manche , die weit ausholten , wurden am Ende auf den Ausgangspunkt zurückgedrängt . Luise hätte dagegen noch Manches einzuwenden gehabt und meinte im Innern , dies sei aller Dumpfheit das Wort geredet ; allein sie war wenig zum Streiten aufgelegt , und kämpfte genugsam gegen manche peinliche Vorstellungen , die sie bei der Annäherung an den Falkenstein befielen . Der Weg dahin ward immer verschlungener , das Gebüsch dichter , und ein schwerer , glühender Himmel machte die eingeschloßne Gebirgsluft unerträglich ; dazu kam , daß ein starker Gewitterregen Quellen und Bäche angeschwellt und die Wege überschwemmt hatte ; sie konnten daher nur langsam auf dem schlüpfrigen Boden fahren . Luise war bemüht , die trüben Bilder , die auf sie zu traten , durch eine Menge unzusammenhängender Fragen zu verdrängen ; allein ihre Unruhe wuchs so sehr , daß sie endlich Julius bat , mit ihr den Berg hinan auf einem festen ebnen Fußpfad zu steigen . Er willigte gern ein , und Beide hatten Ursach , sich über diesen Entschluß Glück zu wünschen ; denn nicht lange darauf schlug der Wagen mit solcher Gewalt gegen einen Stein , den das übergetretne Wasser verbarg , daß das Rad absprang und der Wagen auf die Seite fiel . Luise that einen lauten Schrei , da sie dies von fern sahe , und Julius gerieth in solche Wuth auf seine Leute , als sei Luise wirklich beschädigt . Sie sah ihn zum erstenmal , durch die losbrechende Heftigkeit seines Gemüthes hingerissen , ohne Besonnenheit handeln . Die Verlegenheit , in der sie sich befanden , zwang ihn indeß , in sich selbst zurückzugehn . Sie waren schon zu weit von der Stadt , um dort Hülfe zu suchen , und eben so wenig wollten sie um solche Veranlassung jetzt nach dem Falkenstein schicken , wo man sie in Lust und Freude erwartete . Julius erinnerte sich , daß hier in der Nähe die Wohnung eines Heideläufers sein müsse , zu der jener Fußsteig , in gleicher Richtung der großen Straße , vorbei führe . Er entschloß sich , Luisen hinzuführen , und dort ein Mittel , wie ihnen schnell geholfen werden könne , zu erfahren . Sie waren bald bei dem kleinen Häuschen , das , wenige Schritte davon , im Gebüsch versteckt lag . Lieber Gott , sagte eine Stimme von innen , schlage doch nur noch einmal , nur ein einzigesmal , die Augen auf ! Julius zog die Hand zurück , die schon die Thür gefaßt hatte ; er besann sich einen Augenblick und pochte dann leise an . Sogleich trat eine junge Frau heraus , wischte die hellen Thränen aus den Augen und erwiederte auf die Frage nach ihrem Manne , mit angenehmer Stimme , daß er dort im Hofe arbeite . Dieser trat jetzt zur Hinterthür herein und stellte , die Fremden im Vorbeigehn grüßend , einige glatt gehobelte Bretter in die Luft . Es wird wohl Noth haben , sagte die Frau , auf die Bretter sehend , es ist bald vorbei ! - Ein Sarg ! dachte Luise , und schauderte zusammen . Danke Gott , erwiederte der Mann , das Wurm hat viel gelitten ! Julius hatte nicht das Herz , sein Gesuch vorzutragen ; allein der Mann fragte ihn gleich darauf ganz ruhig , was zu seinem Befehle stände , und meinte nach erhaltner Auskunft , wenn es nichts als ein abgesprungenes und etwas beschädigtes Rad sei , so könne er wohl allein helfen , ohne deshalb noch weiter zu gehn . Er versah sich mit dem Nöthigsten und machte sich sogleich mit Julius auf den Weg . Wollen Sie nicht hinein treten ? sagte die Frau zu Luisen , ansteckend ist die Krankheit nicht . Luise zögerte noch einen Augenblick und fragte , was es für ein Uebel sei . Das weiß der Himmel , antwortete die Frau ; seit dreizehn Wochen leidet das Kind . Wir haben wohl einen Chirurgus befragt , aber das hat bei armen Leuten keine Art. Man kann auch nicht alles so haben , - ( sie waren während dem in ein niedriges , enges Stübchen an das Bett der Kleinen getreten ) und heute , fuhr die Frau fort - sie konnte nichts weiter sagen , bückte sich zu dem Kinde und drückte seine welke Händchen an ihre Lippen . - Luise sah überall Spuren der allerhöchsten Dürftigkeit ; sie glaubte fast , daß Mangel an kräftiger Nahrung das Kind , nach früher überstandner Krankheit , allein tödte , und dachte mit Wehmuth , daß so mancher unbeachtet hinstirbt , den oft eine Kleinigkeit retten könne . Ein kristallnes Büchschen öffnend , ließ sie einen Tropfen starken Balsams unter die Zunge der Kranken fallen , die sogleich stark nieste und die großen Augen verwundert aufschlug . Mariechen , liebes Mariechen ! rief die Mutter , kennst Du mich ? Das Kind schloß aufs neue die Augen und wandte sich auf die Seite . - Luise schickte die Frau nach dem Wagen , indem sie ihr auftrug , sich dort den mitgebrachten Wein und Zwieback geben zu lassen , und fuhr fort , der Kleinen die Schläfe mit dem Balsam zu reiben . In Kurzem kam die Mutter zurück . Luise nahm das Kind in den Arm und flößte etwas Wein in den halbgeöffneten Mund . - Nach einer Viertelstunde ermunterte sich Marie , sah umher , und spielte mit Luisens Fingern , an welchen mehrere Ringe glänzten . Liebe Frau , sagte diese , unter den freudigsten Thränen die sie jemals vergoß , das Kind wird gewiß besser , wenn es alle Stunden , von jetzt an bis morgen Mittag , einen Löffel von dem Weine bekömmt . Dann werde ich wieder herschicken und für weitre Hülfe sorgen . Die Frau faßte Luisens Hände , streichelte ihr die schönen frischen Wangen , bog sich dann wieder zu der Kleinen , küßte und drückte sie , ohne ein Wort hervorbringen zu können . Nachdem ihr Luise noch manches über die Behandlung der Kranken gesagt hatte , fragte sie nach den nähern Umständen der kleinen Haushaltung . Ach Gott , sagte die Frau , ich bin von je her an Kummer und Trübsal gewöhnt , und habe auf Erden nichts , als den festen Glauben an die große Güte des Himmels , die niemand verderben läßt . Mein Vater , der ein armer Nadler in Goslar war , lebte und starb in dieser Ueberzeugung , und ließ mich , voll Vertrauen , im vierzehnten Jahre , ohne Beistand auf der Welt zurück . Unsre Nachbarn nahmen sich meiner an , trugen mir allerhand kleine häusliche Verrichtungen auf und gebrauchten mich zu Aufträgen in der Stadt , wobei ich indeß nur kärglich mein Brod hatte , und , an ein beständiges Herumlaufen gewöhnt , zu aller sitzenden Arbeit verdorben wurde , daher es auch niemand einfiel , mich als Magd in den Dienst zu nehmen . Ich hatte mehrere Jahre so verlebt , als es mir einmal schwer aufs Herz fiel , daß ich doch nirgend zu Hause sei , keinen Anhang habe , von niemand geliebt , höchstens aus Mitleid geduldet werde . Ich weiß es noch , es war an einem Sonntag , die Mädchen aus der Stadt gingen geputzt nach der Kirche , ich hatte nichts in meinem Vermögen , als einen schlechten Rock und eine zerrissene Schürze ; ich sah betrübt auf die Letztre und trocknete mir die nassen Augen damit . Ein hübscher Knabe ging , mit dem Gesangbuch unter dem Arm , recht sittsam vorbei , und sagte sein : Gott grüß , Jungfer ! so gutmüthig , daß ich ihm zurief : beten Sie für mich , liebes Kind , ich darf doch nicht in die Kirche hinein . Warum nicht ? fragte eine etwas rauhe Stimme . Es war Anton , den ich zum erstenmal in meinem Leben sah . Ich schämte mich , vor einem fremden Menschen zu klagen , und schwieg . Er mochte wohl was Arges denken , denn er wandte sich ab , als wolle er gehn , da sagte ich ihm , daß ich zu arm sei , um mir anständige Kleider zu kaufen , und so abgerissen nicht neben Andren sitzen wolle . Er schüttelte den Kopf , drückte mir aber doch ein blankes Stück Geld in die Hand und ging , ohne ein Wort zu sagen . Ich begegnete ihm nach der Zeit oft . Er grüßte jedesmal und sah mir lange nach , wenn ich die Straßen entlang schwere Lasten für geringen Lohn tragen mußte . Einmal bot er mir die Hand , erzählte mir , daß er einen kleinen Posten , ein Häuschen unb eine Strecke Landes zu einem Garten bekommen habe , hier draußen ganz allein wohne , und mich , da er höre , daß ich fromm und ehrlich sei , frage , ob ich mit ihm hinausziehn und als seine Frau bei ihm leben wolle ? Ich fiel wie aus den Wolken , besah mich selbst verwundert , und wußte nicht , was ich denken sollte . Er merkte wohl , daß ich nicht nein sagen würde , und redete nun weitläuftiger über alles . Wir wurden bald einig ; ich hatte von da an keinen Willen als den seinen , und hörte und sah auch überdem nichts , da mir das Häuschen und der Garten immer vor Augen schwebten . Ich dachte wohl an meinen Vater und dankte Gott recht aus zufriednem Herzen . Meine ehemaligen Wohlthäter schenkten uns allerlei zur Einrichtung und wir zogen nach kurzer Zeit hierher . - Der arme Anton sah bald so gut wie ich , daß es mit der Herrlichkeit nicht weit her und das Brod für zwei knapp zugeschnitten sei . Er ist heftigen Gemüths und erbittert sich selbst , wenn es nicht so geht wie er denkt ; darum verzweifelt er gar zu bald und hat keinen rechten Glauben . Es ging denn auch freilich schlecht , ein schweres Wochenbett machte mich zu harter Arbeit untüchtig , und nun kam das lange Leiden mit dem Kinde ; es ging alles zurück , wir machten Schulden und geriethen in große Noth . Bis heute blieb ich indeß voll Zuversicht ; wenn ich so recht aus Herzensgrund geweint hatte , dann fiel mir mein Vater ein , und der liebe Gott , der alles wohl macht , und ich hoffte gleich aufs neue wieder . Aber vor ein paar Stunden , da brach mit Mariechens Augen mein Herz und aller Muth zusammen . Ich wünschte mir recht sündlich den Tod - und nun - ach du Herzenskind , sagte sie , und betrachtete es mit Blicken , die Luisen in den Himmel erhoben . Julius und Anton kamen jetzt zurück . Sieh doch , sieh ! rief die Frau Letzterm entgegen , und zeigte auf die Kleine , welche mit sichtlicher Lust von einem Zwieback aß . Dahin hat es die liebe , schöne Dame in so kurzer Zeit gebracht . Julius betrachtete Luisen , die , mit dem Kinde im Arme , wie ein Engel da saß und ihr verklärtes Auge freudig auf ihn richtete . Anton hingegen lächelte ungläubig und sagte , das wird nicht lange währen , Angst und Noth sind nun einmal bei uns eingekehrt und kommen immer wieder . Schäme Dich , lispelte die Frau leise , vertraust Du nicht mehr auf Gott ? - Luise sah ungern ihr Gefühl gestört , drückte dem zagenden Mann ein paar Goldstücke in die Hand und eilte mit Julius zu dem Wagen , der sie unten erwartete . Ihr war unbeschreiblich leicht und wohl ums Herz . Sie umfaßte noch einmal die langen Leiden der armen Frau , die gleichwohl ihre Gefühle nicht einengen und die Gemeinschaft mit Gott nicht aufheben konnten , und drückte dann voll Dankbarkeit Julius Hand , der sie einer sorgenfreien , heitern , Zukunft entgegenführte . Ihr war , als sähe ihre Mutter auf sie herunter und wiederhole jene Worte : Wie sollte ich an Deinem Glücke zweifeln , wie solltest Du je etwas Wünschenswertheres begehren können ! So mit sich und ihrem Loose zufrieden , setzte Luise ihre Reise fort , während sie mit Julius jede Möglichkeit erwog , wie den armen Leuten dauernd zu helfen sei , und den kleinen Unfall segnete , der so viel Glück herbeigeführt hatte . Julius schämte sich seiner vorigen Heftigkeit , daher ging er um so eher in Luisens Pläne ein , das kleine Unrecht auf diese Weise vor sich selbst wieder gut zu machen . Es war indeß spät geworden . Der Mond stand hoch am Himmel , von den Wiesen stieg ein frischer Dampf herauf , der sich wie ein Flor über die grüne Fläche hinzog . Glühwürmchen leuchteten , herabgefallnen Sternen gleich , aus den Büschen , und kreisend durchzogen einzelne Vögel die Luft , um dann von den letzten Geschäften des Tages auszuruhen . Luise fuhr unwillkührlich zusammen , als Julius freudig rief : das ist der Falkenstein ! Sie blickte auf . Graue Thürme sahen im bleichen Mondenlicht zwischen Felsenwänden und dunklen Tannen hervor . Das ist der Falkenstein , wiederholte sie langsam . Sie fuhren jetzt einem Wasserfall vorüber , der sich in einen breiten Graben ergoß . Eine wohlerhaltne Zugbrücke führte über letztern in den Schloßhof hinein . Luise trat mit wankenden Knien aus dem Wagen , in das weite Portal , wo die Dienerschaft des Hauses sie unter tausend Glückwünschen erwarteten . Willkommen , meine Luise ! rief Julius aus bewegter Brust ; willkommen ! tönte es von mehrern Stimmen durch die gewölbten Hallen . Luise neigte sich freundlich gegen Alle und folgte Julius die Steintreppe hinauf zu Violas Zimmer , die er , als die heitersten und schönsten , für sie bestimmt hatte . Sie ward angenehm überrascht , als sie in einen kleinen wohlerleuchteten Saal trat , dessen Wände , grün , mit Basreliefs von der auserlesensten Arbeit verziert waren . Ringsumher standen , auf kleinen Fußgestellen , hohe Vasen mit Blumen , dazwischen Statuen , Abgüsse der besten Meister . Einem großen Spiegel gegenüber sah man durch eine geöffnete Glasthür in einen blühenden anmuthigen Garten , der am Abhange des Felsen angelegt war . Mariane , eilig bemüht alle Herrlichkeiten in Augenschein zu nehmen , trat voll Freude aus demselben hervor , und begrüßte Luisen wie eine liebe Bekannte . Alles gewann hier ein lustiges , vertrauliches Ansehn . Der düstre Eindruck des alten Gebäudes verschwand , jede Spur , jede Erinnerung daran war durch Violas Andenken verwischt . Mit liebevoller Ehrfurcht nahm Luise von den übrigen Gemächern Besitz , die noch aller Zauber ihrer ehemaligen Bewohnerin erfüllte . Ahndungen und Sorgen waren vergessen . Mathilde und die Gräfin schienen ihr überall zur Seite zu gehn und sie zu jedem reinen Genuß zu ermuntern . Die schöne Zeit , wo der Mensch mit erwachender Lebenslust eine neue Laufbahn betritt , wo die Seele sich in den weitren Kreisen dehnt und jede Kraft muthiger übt , hob auch Luisen über innre Störungen hinaus und öffnete ihr ein frisches thätiges Leben , das der reinste Wille und die andächtige Feier entschwundner Geliebten mehr und mehr veredelte . Die arme Familie im Walde wurde in dieser Stimmung am wenigsten vergessen . Ihre Segnungen tönten in Luisens Herzen wie der Ruf des Himmels zu neuen guten Werken . Julius ging indeß seinen einsamen Weg . Zu Anfang war es wohl , als wenn Luisens erheitertes Dasein auch erfrischend durch ihn hinzöge ; allein er fiel bald wieder in sich selbst zurück . Die Sorge für die Dauer ihres Glückes beschäftigte ihn ängstlich , und machte ihn über die Mittel , es zu erhalten , unschlüssig . Gleichwohl vermochte er nicht , mit ihr darüber zu reden , weil er überall dem innern Reichthum seiner Gefühle keine Worte leihen konnte , weshalb er in ihrer Gegenwart einsilbig , oft verlegen blieb . Dieser innre Druck ward noch dadurch vermehrt , daß ihn Luise , so oft sie bei einander waren , drängte , ihr etwas vorzulesen , Klavier zu spielen , oder auf einem Spaziergange den Mönch aufzusuchen , den sie oftmals antrafen , und für den sie eine große Anhänglichkeit gewann . Julius fühlte wohl , daß die Armuth seiner Unterhaltung nach und nach alle gegenseitige Mittheilung hemmen und Luisens lebendigen Sinn mit Gewalt nach Außen treiben werde . Er versuchte es daher mit der gutmüthigsten Anstrengung , sich freier und lebendiger zu zeigen ; allein die Natur widersteht jeder Absichtlichkeit , und nur in einzelnen Augenblicken , wenn irgend eine Saite seines Innren ungewohnt berührt ward , rauschte der Klang erschütternd durch ihn hin , und sprengte die Bande , die den edelsten Geist gefesselt hielten . Der Mönch verstand es fast allein , solche Momente herbeizuführen . Durch ihn lernten Beide die Bibel kennen , die sie bis dahin nur , als ein nothwendiges Glied in der Stufenfolge menschlicher Entwicklung , geschichtlich , betrachtet hatten . Er sagte ihnen oft : wenn es nur zu wahr ist , daß der schwankende Mensch äußrer Anregungen bedarf , wo kann er sie würdiger finden , als grade hier ? Das Leben , fuhr er fort , ist reich in Vergangenheit und Gegenwart , die Entwicklung des einen , ewigen , Geistes in Natur und Menschen sichtbar ; allein dies in jeder Zeit wahrzunehmen , erfordert einen wachen , geübten Blick . Das halbgeöffnete Auge schweift an den großen Offenbarungen vorüber , die , wie einzelne Chiffern , nur dem eine lesbare Schrift sind , der ihren Sinn erkannt in sich trägt . Die leisere Fühlbarkeit , das schnelle Erfassen und Vereinen vorüberfliegender Töne , ist nur einem sehr reichen , in sich beweglichen Gemüth gegeben , einem solchen , dem alles durchsichtig erscheint , und das ohne fremde Kraft die ätherischen Regionen durchzieht , die sein eigentliches Lebenselement sind . Die Meisten wollen einen lauten , ans Herz dringenden Ruf , der sie fast unwillkührlich erweckt . Sie sind verloren , wenn sie sich hingebend und erwartend eignen Einwirkungen überlassen . Ich fühle das oft beschämt , und flüchte zur Bibel , als dem vollsten und reichsten Schatz ans Licht getretner Herrlichkeit . Was die Geschichte im Aeußren und Allgemeinen darstellt , den Menschen in der Folgereihe fortlaufender Begebenheiten , das Zusammenfallen großer Naturerscheinungen und innrer Umwälzungen , das tritt hier wie ein Blitz der Offenbarung unmittelbar , und in der beredtsten , dem Herzen verwandtesten , Sprache aus dem Innren hervor . Luise fühlte besonders die Wahrheit des Letztren , denn sie konnte nie ohne tiefe Rührung die Worte der Schrift lesen , und blieb noch lange nachher in einer weichen , jedem beßren Eindruck offnen , Stimmung . Um diese Zeit traf Carl , seinem Versprechen gemäß , bei ihnen ein , und beredete sie freundlich , ihn auf eine kleine Lustreise zu dem Landsitz seines Onkels zu begleiten . Es sei dort , setzte er hinzu , jetzt bunter als jemals ; Gelehrte und Ungelehrte , Pharisäer und Leviten , Jude und Teufel , alles ginge Hand in Hand . Luise fürchtete ein wenig die Baronin ; allein Julius sah es als eine Art von Schuldigkeit an , sie dieser vorzustellen , und willigte um so lieber ein , da er sich von Carls Gesellschaft und seinen naiven Anmerkungen manche Freude versprach . Schon des andern Tages machten sie sich bei heiterm Wetter und der besten Laune auf den Weg . Carl ward nicht müde , von dem glänzenden Kreis zu reden , in den sie eintreten wollten , und dabei die Gelehrten und Dichter zu verspotten , welche Letztre er nun einmal in den Tod haßte und gradehin für Lückenbüßer in der menschlichen Gesellschaft erklärte . Ich habe nicht viel gelernt , setzte er mit komischer Zuversicht hinzu ; allein ich gehe meinen Weg rüstig fort , und stoße ich auf irgend ein Hinderniß , so räume ich es weg , oder kehre still um , ohne die ganze Welt zum Zeugen aufzurufen ; solch Himmelskind hingegen weiß niemals ob es fest auftreten darf , und faßt bei aller Gelegenheit nach einem tüchtigen Arm an den es sich halten kann . Julius lächelte , ohne Carls Meinung anzugreifen , da sie ihm vielleicht nothwendig war , um ruhig in den Schranken auszuhalten , die seine individuelle Natur ihm gesteckt hatte . Allein Luise sagte , Sie nannten die Dichter vielleicht mit Recht Himmelskinder ; gönnen Sie ihnen also ihre eigne Welt , und wundern Sie sich nicht , wenn sie der unsrigen fremd bleiben . So sind die Frauen , rief Carl ungeduldig aus , solch unzusammenhängendes Wesen gefällt ihnen . Liebe , schöne Gräfin , wer in den Himmel will , muß auch auf der Erde zu Hause sein , sonst hätte ihn unser Herr Gott weggelassen . Und übrigens sind die Herren auch nicht so himmlisch wie es in den Büchern aussieht ; sie greifen mit allen Sinnen umher wie jeder andre Erdensohn , und genießen wo es etwas Gutes giebt . Wenn so einer von Nektar schlürfen redet , denn weiß ich schon was die Glocke geschlagen hat . Die Seligkeit kenne ich auch , wo alles blau ist wie der Himmel über uns ! Diese Gleichstellung des phantastischen Dichterrausches mit den gemeinen Wirkungen des Weines brachte alle zum Lachen , und niemand stritt weiter mit Carl , der im Zuge des Erzählens blieb . Sie werden , fuhr er fort , bei dem Onkel wunderliche Heilige erblicken , zu deren Sekte ich mich nun einmal nicht bekennen mag . Einer ist indeß unter ihnen , den ich ausnehme . Ein braver , excellenter Junge , ehemaliger hannöverscher Offizier , der bei der Auflösung der Armee auch um seinen Degen kam , und nun vor Angst und Kummer Dichter geworden ist . Seitdem klagt er ein bischen zu viel über sein eigen Leid ; allein das gehört nun einmal zu seinem Gewerbe , sonst ist er noch eben so gut und anspruchlos wie ehemals . Auch hat die Tante eine gewisse Vorliebe für ihn , weil er von guter Familie ist , denn bei aller Verachtung andrer Vorurtheile hält man doch in dem Hause gewaltig auf den alten Erbadel , als ein Ueberbleibsel des Ritterthums , das jetzt wieder bei den Gelehrten in Ansehn kommt . Sie hatten indeß mehrere Meilen zurückgelegt , und sahen nun von fern das Ziel ihrer Reise , ein schönes , im modernen Styl erbautes Landhaus , von hohen italienischen Pappeln und Schwarztannen beschattet . Unmittelbar daran schloß sich ein englischer Garten , an welchem sie jetzt vorüberfuhren , und die Gesellschaft auf einem frischen Rasenplatz , zwischen verschiednen Gruppen ausländischer Bäume , beim Thee versammelt fanden . Luise bemerkte zuerst eine junge Blondine , die mit gefälligem Wesen zu mehrern jungen Männern redete und sie fast allein zu beschäftigen schien , während sie nachlässig mit ihnen unter den Bäumen hin und her ging . Ihr Haar war vorzüglich schön geordnet und schmiegte sich lockig an die weichen Umrisse des Gesichtes . Das ist Emilie , rief Carl , der werden die Poeten auch noch den Kopf verrücken ! Der hübsche , junge Mann an ihrer Seite ist jener Offizier , von welchem ich ihnen zuvor sprach , ein Herr von Stein , in der Gelehrtenwelt Reinhold genannt ; ihm zunächst geht ein Engländer mit einem Juden , der ihm die deutsche Dichtkunst um ein Billiges abläßt . - Hier trat ihnen die Baronin , von ihrer Ankunft benachrichtigt , entgegen . Luise ward durch die Schönheit und Würde ihrer Gestalt überrascht . Ohnerachtet sie von