- Maria ist jung , sie empfindet lebhaft , und tief ; doch wird sie oft von einer Empfindung zu einer ganz entgegengesetzten fortgerissen . Eben weil sie jung ist . Ja ! Aber soll man ihr da nicht rathen ? Ihr nicht helfen ? Sie nicht schützen ? Auf welche Weise ? Soll sie sich nicht selbst verstehn , soll sie das wahrhaft Wünschenswürdige nie kennen lernen ? Was wäre hier das wahrhaft Wünschenswürdige ? » O mein Gott ! « - rief sie ungeduldig - » will Fürst Alexander mich quälen ? oder quält er sich selbst ? « » Ich weiß die Zeit , « - sagt ' ich nach einigem Stillschweigen - - » wo Allwina das im höchsten Grade fürchtete , was ihr jetzt als das Wünschenswürdigste erscheint . « Die Umstände sind verändert , mithin auch mein Urtheil . Es war , nachdem was ich zu jener Zeit voraussetzen mußte , sehr richtig und wahr , es ist es jetzt - wie mich dünkt - nicht minder . Doch scheint es mir , als komme es gerade jetzt auf eine Wahrheit an , welche unter allen Umständen dieselbe bleibt . Die wäre ? » Daß Liebe , « - sagt ' ich aufstehend und ihre Hand ergreifend - » daß Liebe aus Zwang nicht gedenkbar ist . « Sie sah verdrüßlich vor sich nieder . Ich drückte ihr noch ein Mal die Hand , und ging zu Maria . Noch war sie im Wechselgesange mit Perçy begriffen und bemerkte mich nicht ; er aber sah mich und erröthete . - Endlich schlug Maria das Himmelauge zu mir auf und flog , wie gewöhnlich , mit lautem Frohlocken in meine Arme . Perçy glühte . Maria noch mit meiner Linken umschließend , reichte ich ihm lächelnd die Rechte . Er zögerte mir die seinige zu geben . Ich muß mit dem jungen Manne reden . Heute traf ich Maria allein in tiefen Gedanken . Sie kam mir langsam entgegen . » Ist Ihnen nicht wohl , liebe Maria ? « - fragt ' ich schnell - » O ja ! « - sagte sie - » aber ich denke nur an Graf Perçy . « Und das macht Sie betrübt ? Ach , wie wird es im Frühlinge werden ? - Wie so ? Da wird er nicht zu mir kommen können . Wir wohnen zu weit von der Stadt . Möchten Sie lieber den Sommer hier zubringen ? » Das wäre herrlich ! « - rief sie , meine beyden Hände ergreifend . So gefällt Ihnen die Stadt besser als das Land ? Dieß eben nicht . Es ist nur wegen Graf Perçy . Aber er kann ja zu Ihnen kommen . Wenn das möglich wäre ! Warum sollt ' es nicht möglich seyn ? Ich kam ja alle Tage . Ja Sie ! Was thäten Sie nicht ! Sie ließen Ihr Leben für Maria ; Maria ließ ' es für Sie . » O Maria ! Maria ! « - rief ich , und zog mit Heftigkeit ihre Hand an mein Herz . Da trat plötzlich Allwina herein . Iwanova ist unpäßlich , und die Bestürzung allgemein . Man flistert , der schöne R .... habe das Ende seiner Laufbahn schon erreicht . Er ist mehrmals nicht vorgelassen worden , und soll der Verzweiflung sehr nahe seyn . Schon reichen die Tage zu den Berathschlagungen der Höflinge nicht mehr hin . Sie scheinen , bis die wichtige Stelle besetzt ist auf Schlaf und Bequemlichkeit Verzicht thun zu wollen . Besonders aber fürchten sie in Ansehung meiner , einen Rückfall bey Iwanova . Gott verhüte , ihre Furcht möge gegründet seyn ! - Während dessen häufen sich die Geschäfte . Einige sind ohne Iwanova ' s Entscheidung gar nicht zu beendigen . Bald wird es unmöglich seyn , sie weiter zu verschieben . Ich gestehe , daß ich vor der ersten Zusammenkunft zittre . Ist sie erwacht , so muß dieses Erwachen schrecklich seyn . Ein Lichtstrahl wollte meine umdüsterte Seele erhellen ; aber schon ist es wieder Nacht um mich her . O Maria ! weiß ich dich nur gesichert ! - Vergebens hatt ' ich dem gefürchteten Augenblicke zu entfliehen gesucht , vergebens alles Wichtige , in einem möglichst gedrängten Auszug ihr überreichen lassen , hoffend , sie werde schriftlich darüber entscheiden . Gestern , da ich eben zu Maria gehen wollte , wurde mir mit vieler Aengstlichkeit hinterbracht : sie habe nach mir gefragt . R .... kam mir am Eingange der Vorzimmer , wo er noch immer Schattenähnlich umherirrt , entgegen , und fiel mir mit einem Thränenstrome um den Hals . Bald hätte der Unwille über dieses so ganz unmännliche Betragen , das Mitleid in meinem Herzen erstickt . Doch faßt ' ich mich , und bat ihn ebenfalls , sich zu fassen . » Ihre Ketten « - sagt ' ich - » sind gelös ' t. Wäre es möglich , daß Sie dieses Glück unbenutzt lassen , daß Sie es verkennen sollten ? « Er starrte mich an , als höre er eine ihm durchaus unverständliche Sprache . » Muth und Freyheit ! « - fuhr ich fort , seine Hand zum Abschiede ergreifend . In dem Augenblicke gingen ein Paar Höflinge vorüber . Daß ich seine Hand dessen ungeachtet immer noch hielt , schien ihm vollends unbegreiflich . Ich verlangte gemeldet zu werden ; aber man antwortete nur mit tiefen Verbeugungen : » Wie ! « - sagt ' ich - » dürfen Sie mich nicht melden ? « - » O mein Gott ! « - rief der Mensch in einem Tone , als habe ich eine Blasphemie ausgesprochen , als stehe die Welt mir zu Gebote . Noch betrachtete ich ihn eine Weile mit fragendem Blicke , eilte dann schnell durch den kriechenden , flisternden Schwarm , der sich mir aus dem hellerleuchteten Vorzimmern entgegendrängte . Ohne Zweifel war es dieß blendende Licht , weswegen mir Iwanovens Gemach gänzlich verfinstert erschien . Ganz außer Stand , irgend etwas zu unterscheiden ; aber mir doch bewußt , ich befinde mich im Audienzsaal , wo mich Iwanova niemals empfing , stand ich einige Secunden unbeweglich , wollte dann weiter forteilen , als mir plötzlich ein herzzerreißendes Aechzen aus dem Hintergrunde des Zimmers entgegen schallte . Mein Auge folgte dem Schalle , und entdeckte eine menschliche Gestalt auf dem Boden des Zimmers - Iwanova ! - Ich glaubte mich in einem schrecklichen Traume ; aber es wurde heller und heller und ich fühlte schaudernd , daß ich wachte . Da lag sie mit zerstreutem Haare , mit hochschlagendem Busen , mit düsterm , von Thränen geschwollenem Auge . » Darf ich , « - sagt ' ich , vor ihr niederknieend - » darf ich nach Hülfe rufen ? « » Wo ist Hülfe ? « - antwortete sie mit dumpfer gebrochener Stimme . Wenn auch nirgends , doch sicher in Iwanovens Herzen , in ihrem Geiste . Das Herz bleibt hoffnungslos , darum wendest du dich schnell zu dem Geiste . Ich schwieg und versuchte sie aufzuheben . » Wohin ? « - fragte sie schnell . - » Dort ! « - sagt ' ich , auf den Sessel des Throns , den einzigen in der Nähe , deutend - » dort ! auf die Stelle , wohin Iwanova gehört . « Plötzlich wandte sie sich nach der entgegengesetzten Seite und lag jetzt mit der Stirn auf dem Boden . Meine Empfindung war unbeschreiblich . » Muß ich an jeder Hülfe verzweifeln , « - sagt ' ich endlich - » verläßt Iwanova ihr Volk ? « Du hast mich verlassen . » O Gott ! « - rief ich , meiner nicht mehr mächtig - » bin ich zum Schmerze verdammt ? - Blüht nun und nimmer eine Freude für mich ? « Nach einem langen , schrecklichen Stillschweigen stützte sie plötzlich das Haupt auf den Arm , sah mich durchdringend an und fragte : » Was macht Maria ? « » Sie lebt « - sagt ' ich , indem das Bild des herrlichen Mädchens , wie ein tröstender Engel , vor mich hin trat - » das Leben der Unschuld . « » Ha , Verräther ! « - rief Iwanova aufspringend - » Was soll dieser Ton ? « Ich verstummte im höchsten Erstaunen ; denn , bey Gott ! meine Worte waren fast tonlos . » Folge mir ! « sagte sie mit glühendem Blicke , und wir gingen in das innerste Gemach , die Geschäfte zu beendigen . - Sie entschied mit harten , einsylbigen Worten . Ich milderte , wo ich konnte , wollte dann , da sie in ein dumpfes Stillschweigen versank , mich entfernen . » Bleib ! « - rief sie schnell , und nach abermaligem Stillschweigen . » Wie stehst du mit Maria ? Liebt sie dich ? « Als Freund , als Beschützer . Ob sie mehr noch empfindet , bin ich außer Stande zu bestimmen . Und das konntest du so lange , so ruhig abwarten ? Freyheit des Herzens ist das heiligste Gut . Ich wollte keine Sentenz , sondern Antwort ! Ich glaube sie gegeben zu haben . Wie kann ich Freyheit als ein Heiligthum betrachten und es dennoch verletzen ? So empfindet dein Herz nichts , als was die Vernunft ihm befiehlt ? - Mein Herz kann hier nicht in Betracht kommen . Ihr Eismassen ! wer wird Euch begreifen ! Aber es ist der Zwang , unter dem Ihr von Jugend auf seufzt . So glaubt Ihr dann , seufzen , entbehren sey das menschliche Loos . Glauben wir dieß , wehe denen , die uns in diesem Glauben bestärken ! Nichts von der Art ! Ich bin jetzt am wenigsten aufgelegt , es zu hören . - Warum ist Maria nicht am Hofe erschienen ? Iwanova nannte sie vormals die Tochter eines Verwiesenen . Wußte Maria , ob sie als eine solche erscheinen dürfte ? - Ah ! du wolltest sie den öffentlichen Blicken entziehn . - So bist du doch eifersüchtig . Woher das Bedürfniß durchaus etwas Tadelhaftes an mir zu finden ? » Weil ich dich hassen will und muß ! « - rief sie , sich mit flammendem Blicke entfernend . Weil sie mich hassen will und muß ? - Warum wallt mein Blut so heftig bey dieser Erinnerung ? Hab ' ich etwas Anderes erwartet ? Ich hatte Marien die Ursache meines Außenbleibens gemeldet , und ihr die Hoffnung , sie den folgenden Tag zu sehen , mitgetheilt . Doch mußt ' ich vorher zu Iwanova , da sie Morgens nicht sichtbar ist . Ich trat hinein , und fand Maria bey ihr . - Wie gewöhnlich flog diese mir mit einem lauten Ausrufe der Freude in die Arme , und Iwanova erblaßte so schrecklich , daß auch mein Herz plötzlich aufhören wollte zu schlagen . » Was ist meinem geliebten Vater ? « - fragte Maria in himmlischer Unschuld - » Nicht wahr ? solch ein Glück hat er schwerlich erwartet ? « Immer auf Iwanova blickend , drückte ich das geliebte Mädchen sanft von mir weg , bis ihr Auge dem Meinigen folgte . Mit einem eben so lauten Ausrufe des Schreckens flog sie nun zu Iwanova , und die Große , Gefürchtete , Verzweifelnde lag in den Armen der Unschuld . Sie fühlte es , und aus ihrem Flammenauge , das zum ersten Male im gemilderten Schmerz niederblickte , ergoß sich ein Thränenstrom , den die Hand des lindernden Engels vergebens aufzuhalten bemüht war . » Willst du bey mir bleiben ? « - fragte sie mit einem Tone , den ich seit den Tagen der Liebe nicht von ihr hörte . - » Gern ! o gern ! « - rief Maria - » Mein geliebter Vater ist ja auch immer hier . « Sonst bliebest du nicht ? O ja ! denn ich fühle Ihren Schmerz ; ob ich ihn gleich nicht kenne . Ich liebe Sie , und mein geliebter Vater würde ja zu uns kommen . Du liebst mich ? Wär ' es möglich , Sie nicht zu lieben ? Dieser Mund kann nicht schmeicheln . » Nein , gewiß nicht ! « - rief ich begeistert - » Reiner kann die Wahrheit Iwanoven nicht nahn ! « » Mädchen ! « - sagte Iwanova , indem sie Maria forschend betrachtete - » Nein ! dein Gesicht kann nicht lügen ! So bleibe dann bey mir . Wir wollen einen Bund gegen ihn machen . « » Gegen wen ? « - rief Maria im höchsten Erstaunen . Gegen ihn ! Gegen ihn ! Ach , Sie sind noch sehr krank , oder Sie scherzen . » Beydes ! beydes ! « - rief Iwanova , sie mit sich fortziehend - » Heute nichts von Geschäften ! « So reißt sie , mit schonungsloser Hand , den Schleyer weg , der mir heilig war . Perçy setzt auf ihren Befehl den Unterricht fort , und Allwina ist ebenfalls bey Marien geblieben . Diese hat , mit ihrer gewöhnlichen Offenheit darauf gedrungen , mich , wie vormals , jeden Abend , und zwar nur in Allwina ' s Gegenwart , sehen zu dürfen . Das meldete sie mir diesen Morgen . Die ersten Zeilen von der geliebten Hand . Wie oft hab ' ich sie gelesen ! Wo kann ich sie besser verwahren , als an meinem Herzen ? Ich fand Maria mit Allwina im Wortwechsel und fragte nach der Ursache . » Ich sollte « - sagte Maria unwillig - » heute öffentlich am Hofe erscheinen , und behauptete : dieß könne ohne meines Vaters ausdrückliche Erlaubniß nicht geschehen . Allwina meinte : da Iwanova es befehle , so könne eine solche Antwort gar nicht Statt finden , und ich müsse entweder gehorchen , oder eine Unpäßlichkeit vorschützen . Ich habe aber weder das Eine , noch das Andere gethan , und das findet Allwina sehr tadelhaft . « » In der That ? « - fragte ich , mich zu Allwina hinwendend . » Unsre Lage « - sagte sie verwirrt und beschämt - » ist verändert , und so kann das , was vormals lobenswürdig war , jetzt sehr unschicklich seyn . « » Daraus sollte man fast schließen « - antwortete ich lächelnd - » es könne etwas sehr schicklich , und doch nicht lobenswürdig seyn . Maria - fuhr ich ernster fort - ist jetzt , wie Sie richtig bemerken , in eine ganz veränderte Lage gekommen , und wird sich noch oft in dem Falle befinden , zwischen dem Schicklichen und Lobenswürdigen wählen zu müssen . Nach dem , was Sie jetzt äußern , ist es nicht zweifelhaft , welchem von beyden Sie den Vorzug geben werden . « - Das müssen die Umstände bestimmen . » Ah ! die Umstände ! « - rief Maria - » Geliebter Vater ! ich beschwöre Sie ! sagen Sie mir , ist es wahr , daß die Umstände Alles und alles bestimmen ? Ja , daß der Mensch sein Heiligstes den Umständen unterwerfen müsse ? Das wolle der Himmel verhüten ! Sehen Sie , Allwina ! » Sie drücken das , « - sagte Allwina erröthend - » was ich unter ganz andern Bedingungen behauptete , so hart aus , daß es hier als Unsinn erscheint . « » Das würde es unter jeder Bedingung . « - antwortete ich mit Verachtung - » Nicht allein hat Maria Sie , sondern Sie selbst haben sich mißverstanden . Wer aber - fuhr ich mit gehaltenem Unwillen fort - sich selbst nicht versteht , vermag nicht einem Andern zu rathen , noch weniger ihn zu leiten . Somit haben Sie sich selbst an die Stelle gesetzt , wo Sie nun nach meinem ausdrücklichen Willen verbleiben . Sie sind nicht mehr Mariens Rathgeberin , sondern ihre Gesellschafterin , und bleiben dieses nur , so lange Sie sich jedes Rathes enthalten . « Ich bin hier auf Iwanovens Befehl ! Und bleiben hier auf ihren Befehl ; bey Maria aber nur unter der Ihnen mitgetheilten Bedingung . Sie eilte fort , zitternd und glühend vor Zorn . » Ach , mein geliebter Vater ! « - sagte Maria , nachdem sie bestürzt eine Weile geschwiegen hatte - » Wär ' ich doch bey Ihnen ! bey Ihnen allein ! Fern von diesen Menschen ! - O Gott , seitdem ich hier bin , fühl ' ich eine Angst ! eine Beklemmung ! « Auch ich , Maria , fühlte diese Beklemmung . Auch mich wollte düstre Ahnung zu Boden drücken ; doch Muth und Beharrlichkeit hielten mich aufrecht . Maria wird sich auf ihre Unschuld stützen . Was will Iwanova mit mir ? Ihr Scherz hat es verrathen . Wär ' es möglich ! Was ist denen , die kein anderes Gesetz , als ihren Willen kennen , nicht möglich ? - Noch befindet sich Iwanova nicht in diesem Falle .... O ja ! ja ! Eine schreckliche Leidenschaft wüthet in ihrem Inneren . Schon kann sie die gemeinste Billigkeit nicht mehr erkennen . Ach , geliebter Vater ! darf ich Ihnen etwas gestehen ? Maria ? mir ! Man nennt Iwanova die Große - wohl mag es verwegen seyn - aber ich bekenne , daß sie mir sehr klein erschienen ist . Maria versicherte : sie liebe Iwanova . - Ich kannte sie nicht ! Glaubt Maria sie jetzt schon zu kennen ? Ich ahnete wohl , daß mein Urtheil unbesonnen und verwegen war ! Ihr Urtheil war Ihrer jedesmaligen Empfindung angemessen . » Geliebte , « - sagt ' ich , ihre Hand ergreifend - » Iwanova verdient wirklich den Namen der Großen ; doch in einem andern Sinne , als den das Volk fassen kann , in einem Anderen , als den Maria mit diesem Worte verbindet . « » Den Falschen ! « - rief sie erstaunt . - » Den Wahren ! « - sagt ' ich schnell einfallend - » Maria spricht von der Größe , welche ohne die höchste Weisheit und Güte nicht bestehen kann : von der göttlichen . Iwanova besitzt die menschliche . Sie sucht große , schöne Zwecke , mit kräftigen , zweckmäßigen Mitteln , standhaft zu erreichen . Daß sie aber in der Wahl der Mittel , ja sogar in Ansehung der Zwecke , manchmal irrt , macht eben ihre Größe zu einer menschlichen . Mit mehrerer Kraft und Einsicht würde sie sich zur göttlichen erheben . « » Ach , mein Vater ! « - rief Maria , meine Hand fest in die ihrige schließend - » Wie wird mir so wohl in Ihrer Nähe ! Werden Sie Maria nicht den Irrthümern , diesen Menschen nicht entreißen ? die ihren Verstand verfinstern , in ihrem Herzen widersprechende Empfindungen wecken ! « Wir leben ja in denselben Mauern . Maria sieht mich täglich ; kann schriftlich ihre Empfindungen zu jeder Stunde mit mir theilen . Schriftlich ! Abends mündlich . Abends ! und den ganzen Tag seh ' ich Sie nicht . Das wünscht Maria ? Das fragt mein geliebter Vater ! - O Gott ! der Tag ist mir ja nur erträglich , weil der Abend darauf folgt ! Alles , was ich thue , was ich denke und empfinde , bezieht sich nur auf den Abend . Auf den Abend ! - auf meinen geliebten Vater ! Wie der allgegenwärtige Gott , so umgiebt er mich . Ich lebe und empfinde nur durch ihn , möchte nicht leben , ohne ihn . Ach ! ach ! ich kann nicht sagen , was ich empfinde , und möchte es doch so gern . » Maria ! « - sagte ich , all ' meine noch übrige Kraft zusammenfassend - » suchen Sie kein Wort für das , was der Worte nicht bedarf . Auszusprechen , was Sie empfinden , thut nicht noth ; aber sich Ihrer Empfindung deutlich bewußt werden - darum möcht ' ich Sie bitten . Sie haben sich in Thibaldy , in Iwanova geirrt . Wie , wenn Sie sich auch in mir , oder vielmehr in der Empfindung gegen mich irrten ? - Wie , wenn Ihnen meine Gesellschaft minder angenehm , oder wohl gar lästig .... « O , reden Sie nicht aus , mein geliebter Vater ! Thibaldy ! Iwanova ! und Sie ! - Ach , Maria ist unglücklich ! ist sehr unglücklich ! Alles verwirrt , verfinstert sich um sie her . Wird Niemand sie retten ? Wird Niemand ihr sagen : das ist wahr , das ist Recht , das halte fest , das bist du , das wirst du seyn . Kann ein Mensch dem andern sagen : das wirst du seyn ? O ja ! Maria kann es ! Maria kann sagen : das ist mein geliebter Vater , das wird er seyn : Und ob Alles sich verändert , seine Güte .... Doch , wie kann ich nachschreiben , was sie sagte ! Es war die feurigste , leidenschaftlichste Lobrede , die ein Mensch auf den Andern halten kann . Ihr würdet mich den Unersättlichen nennen , würdet sagen : du quälst dich um Liebe , und hier ist Vergötterung . Ja ! hier ist Vergötterung , darum traur ' ich um Liebe . » Du bist angeklagt ! « - rief mir Iwanova , da ich heute zu ihr eintrat , entgegen - » Von Allwina , « - sagt ' ich lächelnd - » das hab ' ich erwartet . « Weil du dich schuldig fühlst . Weil sie sich schuldig fühlt . Sie hat Mutterstelle bey Maria vertreten , und du hast ihr mit Undank gelohnt . Ich habe den Mutternamen an ihr geehrt . Aber sie erniedrigte sich zu einer schändlichen Verführerin , und so ist sie schonender behandelt worden , als ich es vor der strengen Gerechtigkeit verantworten kann . In Mariens Gegenwart ! Maria darf nicht schwanken zwischen Tugend und Laster , muß beydes in seiner wahren Gestalt kennen lernen . Allwina mußte unschädlich werden . Doch hast du ihr nur mit Entfernung gedroht . Darin hab ' ich gefehlt . Der Fehler kann gut gemacht werden . Ich nehme sie unter meine Damen . Ihr Geschlecht ist eines der ältesten im Lande . So wünsche ich , daß sie sich dieser Stelle würdig machen , und ihr Geschlecht ehren möge . Meine Wahl macht diesen Wunsch überflüßig . Daß sie eine mönchische Tugend für unser Zeitalter nicht passend findet , benimmt ihr in keines Vernünftigen Augen etwas von ihrem Werthe . Im Gegentheil muß dieses ihren Werth in jedes Vernünftigen Augen erhöhen . So zählst du dich nicht zu den Vernünftigen ? - Was ich von mir halte , kann nicht in Betracht kommen . Was Iwanova von mir hält , beweis ' t sie durch ihr Vertrauen . Sie legt das Wohl ihrer Völker in meine Hände . Von etwas Anderem ! - Maria ist nun allein . Ich bedaure es - doch ist sie unter meinem Schutze und wird es bleiben . Den Meinigen scheinst du gar nicht zu rechnen . - Er ist ein unerwartetes Glück . Stolz und vermessen würde es seyn , wenn Maria darauf rechnete . Nicht wahr , du wünschest ihr weder jenen Stolz , noch diese Vermessenheit ? - Ich müßte ihr Feind seyn . » Nun , was giebt es dort ? « - sagte sie , sich verdrießlich zu den Papieren wendend - » du kamst ja heute entsetzlich gesegnet ! « Gesegnet , und mit Segen ! Das Volk jauchzt über die Befreyung von der drückenden Abgabe . Ach ja ! es will genießen , und wir sollen denken und arbeiten . Seine Gedanken auf das Wohl von Tausenden richten , welch ein göttliches Loos ! Eine Thräne stieg in ihr Auge , und sie wurde wild und freundlich . Maria an Alexander . Guten Morgen , mein theurer , geliebter Vater ! Wie prächtig ist die Sonne aufgegangen ! Immer , wenn ich die Sonne sehe , denk ' ich an Sie . Mein theurer , geliebter Vater ! ich habe diese Nacht einen sehr herrlichen Traum gehabt . Ich träumte , wir wären in einem wunderschönen Garten , wo Sie immer mir zur Seite waren . Darum , glaub ' ich , war mir auch so wohl , als mir wachend niemals ist . Wir schwebten mehr , als wir gingen , und Sie waren nicht mein Vater ; was Sie aber waren , weiß ich nicht mehr . Der allgütige Gott möge es mir verzeihen ! aber es war mir lieb , daß Sie nicht mein Vater waren ; denn ich fühlte mich unbeschreiblich glücklich und selig . Sie hatten ein weißes , fliegendes Gewand an , und einen Lorbeerkranz in den Haaren , und ich hatte auch ein weißes , fliegendes Gewand und einen Rosenkranz in den Haaren . Sie schienen nicht viel älter , als ich - ohngefähr so alt , wie Graf Perçy - und waren nicht freundlicher und gütiger ; aber viel freudiger . Ihr Gesicht war , wie lauter Morgenroth , und Ihre Augen glänzten , wie ein paar Sonnen . Doch konnt ' ich recht gut hinein sehen , und das machte mich eben so glücklich ; denn ich sah , daß Sie gar keine fremde Gedanken und keine Sorgen mehr hatten , sondern immer an mich dachten . Dabey fällt mir ein , mein geliebter Vater , ob es denn wohl möglich seyn sollte , daß ein Paar Menschen nur immer an einander dächten ? und sich nur immer über einander freuten ? Das müßte ein unbeschreiblich seliger Zustand seyn ! Aber , o Gott ! wenn nun Einer von beyden stürbe ? - Dieser Gedanke hat mich ganz verwirrt und betäubt , und ich muß das Uebrige ein ander Mal schreiben . Ich lese das wieder über , was ich geschrieben habe , und sehe wohl , daß es sehr schlecht geschrieben ist . Sie sagten mir zwar immer , wenn ich Sie um Unterricht bat : schreiben Sie so , wie Sie sprechen , und Sie werden immer gut schreiben . Aber , geliebter Vater ! ich kann wirklich nicht so schreiben , wie ich spreche ; denn das Sprechen wird mir sehr leicht , und das Schreiben wird mir sehr schwer . Das Ende meines Traumes wollt ' ich Ihnen nun erzählen . Als wir so durch den herrlichen , unabsehlichen Garten flogen , begegnete uns mit einem Male Iwanova in einem brennenden Gewande . Ich erschrak und wollte entfliehen ; Sie aber blieben unbeweglich . So konnt ' ich dann auch nicht weiter , und verbarg mich hinter Ihrem Gewande . Plötzlich ergriff uns Iwanova , und schleuderte uns in einen brennenden Abgrund . ( Die Empfindung während des Sturzes werde ich in meinem Leben nicht vergessen . ) Aber die Flammen theilten sich , und ganz unten in der fürchterlichen Tiefe saß ein großer , herrlicher Engel , der uns mit seinen Flügeln auffing . Mit einem Male waren die Flammen verschwunden , eine himmlische Musik ertönte , und ein rosiges Licht erfüllte den Abgrund . Wir schwebten immer höher und höher ; viel Tausend Sterne um uns her . Es war , als komme die Musik von den Sternen . Es war , als wären Sie ich , und als wäre ich Sie , und ich wußte - was ich mir so tausend Mal gewünscht habe - Alles , was Sie dachten . In dieser seligen Empfindung erwachte ich . Ach , sie ist verschwunden ! aber die Furcht vor Iwanova , und der Widerwille gegen sie , ist geblieben . Glauben Sie mir , geliebter Vater ! Iwanova meint es weder gut mit Ihnen , noch mit mir . So unbegreiflich es auch scheint - ich darf es nicht verschweigen - Iwanova haßt Sie . Lange hab ' ich darüber nachgedacht : wie das möglich wäre ? endlich glaub ' ich die Ursache gefunden zu haben . Iwanova fühlt , daß sie nicht so gut ist , wie Sie , und niemals so gut werden will , daß sie die Große heißt , und daß Sie der Große sind . Geliebter Vater ! ich bin wohl ein unerfahrnes Mädchen , und habe wohl oft unrichtig und voreilig geurtheilt ; aber was ich hier schreibe , ist gewiß wahr , es ist so wahr , daß ich darauf sterben könnte . Für Sie - pflegt mein geliebter Vater dann wohl zu sagen . Nein ! nicht allein für mich ! Für alle Menschen , die Sie so lieben , und Iwanova so beobachten können , wie ich . Hat die menschliche Seele ein Ahnungs-Vermögen ? Mein geliebter Vater sagt : ja . Nun so ahne ich denn : so gewiß ich lebe , so gewiß die Liebe zu meinem theuern Vater das Beste ist , was ich empfinde und empfinden kann , so gewiß beschließt Iwanova unser Verderben . Ist keine Rettung ? mein geliebter Vater ! Diesen Brief empfing ich gestern von Marien . Ihr könnt denken , wie mich die letzten Worte ergriffen . Wilhelm , den ich alle Morgen mit Blumen und Früchten zu ihr schicke , sagte mir , im Tone des Vorwurfs : sie habe gezittert und geweint . » O Herr ! « - setzte er leiser und finsterer hinzu - » Fräulein Maria ist nicht gut aufgehoben . Der arme Engel ! « » Wilhelm , « - erwiderte ich mit schmerzhaftem Lächeln - » die Engel sind nie arm , und allenthalben gut aufgehoben . « Er schüttelte den Kopf , und deutete schweigend auf den Brief . Ich las , und sah , daß er Recht hatte . Nur lange