unendliche Martern , was er in einem schönen Augenblick verbrach . Ja , unendliche Martern liegen unter den reizenden Blumen der Liebe verborgen ! Das fühle ich , das wirst auch du fühlen , und darum möchte ich warnen , rufen , flehen : Ziehe dich zurück , so lange es noch Zeit ist , wenn du nicht die größte , Wahrscheinlichkeit eines glücklichen . Erfolges hast ; siehst du aber den , liebt dich Agathokles , wie du ihn , stellt sich eurer Verbindung kein anderes Hinderniß in den Weg - o dann gehe hin , du Liebling der Götter , genieße deines Glückes , unbeneidet von der trauernden Freundin , der kein so schönes Loos fiel , die aber an deiner Freude sich mit freuen wird ! Genieße es , aber gedenke der Nemesis3 , und laß die heilige Scheue , die Furcht , es zu verlieren , dir seine Dauer versöhnend sichern ! O meine Calpurnia ! Wie will ich mich freuen , wenn ich dich glücklich weiß ! Du bist edel , gut , schön , liebenswürdig : vielleicht haben die Götter dich zu dem höchsten Glück bestimmt , das ihre Huld dem Menschen geben kann . Sein Abglanz soll meine Nacht erhellen . Tiridates ist seit vorgestern von hier fort , um nach Rom zu gehen , und sich auf eine lange Reise zu bereiten . Cäsar Galerius hat ihn nach Nikomedien beschieden . Es sollen neue Versuche gemacht werden , vom Kaiser und Senat seine Einsetzung auf den Thron seiner Väter zu bewirken4 . Es soll ein Heer gerüstet werden , den Persern ist der Krieg angekündigt , in Armenien sind wichtige Dinge vorgefallen , Verschwörungen für und wider das Geschlecht der Arsaciden . Welche Blitze aus den Wolken brechen werden , die sich von allen Seiten an unserm Horizont herauf ziehen , wissen nur die Götter . Wir müssen in geduldiger Ergebung zitternd erwarten , wen und wie der Schlag treffen soll . O welches traurige Loos , wenn die Liebe eines unglücklichen Paares , in das Schicksal der Reiche und Nationen verwebt , von ihm stürmisch fortgerissen wird , und nichts thun kann , als sich blind dem unwiderstehlichen Zuge hingeben ! Calpurnia ! Wie bist du auch in diesem Stücke glücklich ! Eure Liebe wird kein Monarch stören , euer Bündniß wird nicht auf der beweglichen Welle der Volksgunst getragen ! Kein ernster Wille einer Nation entscheidet über euer Loos ! Ihr dürft euch im stillen Schatten des Privatlebens lieben , und mit einander leben , bis der Tod diese Bande sanft löset , und eines nach dem andern in das dunkle Reich der Nacht führet . O wie gern würde ich der schimmernden Aussicht auf den Thron der Arsaciden entsagen , wie gern - wenn nur einmal die welken Bande , die mich an Serranus binden , durch das Machtwort des Augustus gelöset wären - mich mit Tiridates in irgend einem stillen Winkel der Wett verbergen ! Aber darf ich wohl diese Wünsche laut werden lassen ? Darf ich den zum Thron gebornen , den der heiße Wunsch der bessern Mehrheit seines Volkes , den die Stimme der Weisen unter den Römern , den endlich sein hohes Gemüth mehr als Alles das zum Herrschen ruft , von seiner erhabenen Bestimmung ablenken , und ihn um meinetwillen in niedriges Dunkel begraben ? Könnte ich diesen Verrath an der Welt , an seinem Volke verantworten , und endlich , könnte ich hoffen , daß ein Herz , wie Tiridates , in dieser stillen Beschränktheit , dieser ruhmlosen Abgeschiedenheit , glücklich seyn würde ? Und so muß ich schweigen , dulden , tragen , das , was das Aergste für liebende Herzen ist , Trennung , und Ungewißheit der Zukunft . Seit gestern - wie stille , wie unendlich einsam ist es um mich her ! Nirgends höre ich mehr die Stimme des Geliebten , nirgends begegnet mir mehr die hohe theure Gestalt in der kalten , beziehungslosen Umgebung . Von Allem , was uns bevorsteht , kenne ich nur die Gefahren , die Hindernisse , die Schrecken mit Gewißheit . O meine Liebe ! Das sind Schmerzen , von denen du keinen Begriff hast . Mögen die Götter dich vor ihrer Kenntniß bewahren ! Was ist der Tod im Arm des Geliebten gegen diese Qual ? Mit jedem Augenblicke sterbe ich einmal , denn jeder Augenblick rückt die lange , gefahrvolle Trennung näher , und so habe ich tausendmal den Tod gefühlt , ehe er kommen wird , sich meiner wirklich zu erbarmen . Calpurnia ! Ich bin sehr gebeugt , und zu den Leiden eines zerrissenen Gemüthes gesellt sich seit einigen Tagen ein körperliches Uebelbefinden , ob blos Zuwachs des erstern , ob Folge desselben und der vielen Verdrüßlichkeiten , die ich hier mit unsern Leuten und besonders mit Novius , unserm Verwalter , einem durchaus bösen Menschen hatte , weiß ich nicht . Genug , jetzt , da ich nach mehr als zwei Monaten wieder in deine Arme zurückkehren , und den Geliebten vor der unendlichen Trennung vielleicht noch einmal in Rom sehen könnte , scheint meine zerrüttete Gesundheit mir auch diesen letzten Trost verweigern zu wollen . Ich habe an Serranus geschrieben , und eine wohlgeschlossene Sänfte bestellt . Vielleicht kömmt er selbst , oder sendet einen seiner Vertrauten , mich abzuholen . Das wäre mir sehr angenehm , denn ich fürchte mich , krank und allein zu reisen . Von den hiesigen Leuten mag ich Niemand mitnehmen , ich habe sie auf einer viel zu schlechten Seite kennen gelernt . Wäre jene Hoffnung nicht , ich würde ohne weiteres die Rückkehr meiner Gesundheit und der bessern Jahreszeit hier erwarten . Aber diese Aussicht ist auch auf ein bloßes Vielleicht nicht aufzugeben , und zwei Tage , mit dem Geliebten vor einer langen - ach wer bürgt dafür ? - vielleicht ewigen Trennung zugebracht , sind mit keiner Krankheit , mit keinen Schmerzen , ja selbst mit dem Tode nicht zu theuer erkauft . Fußnoten 1 Aus Seneca ' s Tragödie : Die Trojanerinnen . 2 Deucalion und Pyrrha waren die einzigen Menschen , die nach einer Wasserfluth , in der die übrigen Sterblichen zu Grunde gingen , übrig blieben . Auf Befehl der Götter warfen sie mit verhülltem Angesichte Steine hinter sich , aus welchen Menschen entstanden , und die Erde auf ' s Neue bevölkerten . 3 Nemesis war die Göttin des rechten Maaßes , die Richterin des Uebermuthes . Man sehe hierüber des verklärten Herders unübertrefflich schönen Aufsatz : Nemesis , im zweiten Bande seiner zerstreuten Blätter 4 Armenien war lange Zeit ein unabhängiges Reich , in welchem Könige aus dem Geschlechte der Arfaciden regierten . Endlich wurde es von den Persern überwältigt , ihr letzter König Chosroes getödtet , und sein einziger Sohn Tiridates , als Kind , nur mit Mühe und durch die Treue der Diener seines Vaters an den römischen Hof gerettet . Hier wurde der Prinz in Hoffnungen auf das Reich seiner Ahnen erzogen , und zeichnete sich bei jeder Gelegenheit durch persönliche Tapferkeit und Edelmuth aus Nachdem Armenien sechsundzwanzig Jahre lang das persische Joch getragen hatte , erschien Tiridates , der rechtmäßige Erbe , von den Römern unterstützt , in seinem Vaterlande . Alles eilte zu seinen Fahnen , und er war bereits wieder Herr seines Reichs , als die Zwistigkeiten in Persien , die seine Fortschritte bisher begünstigt hatten , sich zu seinem Schaden in einen Frieden auflösten , und er nun nicht mehr im Stande war , das Erbe seiner Väter gegen die ungerechte Uebermacht der Perser zu vertheidigen . Er floh zum zweitenmale aus seinem Vaterlande aber die Römer , welche wohl einsahen , wie wichtig und nützlich es ihnen seyn würde , Armenien von Persien zu trennen , und ihm einen eigenen , ihnen ergebenen Bundesgenossen zum König zu geben , nahmen sich seiner gerechten Ansprüche auf ' s Neue an , und der Krieg wurde an Narses , König von Persien , erklärt . 8. Calpurnia an Sulpicien . Rom , im Februar 301 . Ich habe deiner Ueberkunst wegen gestern mit Serranus sprechen wollen . Ich sandte zu ihm , aber er ist krank , und wirklich sehr bekümmert , daß er , wie sein erster Vorsatz beim Empfange deines Briefes war , dich nicht selbst abholen kann . Es waren wirklich schon alle Anstalten zu seiner Reise getroffen , als er krank wurde . Jetzt also komme ich , dich abzuholen , mein Vater hat es mir erlaubt , unser alter treuer Phödo , der Freigelassene meines Vaters , begleitet mich . Leb ' wohl ! in vier Tagen bin ich bei dir . 9. Agathokles an Phocion . Rom , im Februar 301 . Tiridates geht nach Mailand zum Cäsar Maximian , von da nach Nikomedien . Zum persischen Kriege werden eifrige Zurüstungen gemacht , in ihnen sieht Tiridates den Keim seiner künftigen Größe , die Hoffnung unumschränkter Herrschaft über das Reich seiner Väter . Galerius scheint ihn zu lieben , wenn Menschen , wie er , oder Cäsarn überhaupt , lieben können . Auch Diocletian ist ihm nicht abgeneigt . Sein schlauer Geist sieht in des Tiridates gegründeten Ansprüchen einen schönen Vorwand , den Uebermuth der Perser , die ihm sein Reich vorenthalten , zu demüthigen . Narses trotzt auf ungeheure Heere , auf seines Ahnherrn Saphor allzugünstiges Glück , und die Cäsarn , eingedenk Valerians1 schimpflicher Gefangenschaft , und seines entehrenden Todes , brennen , die alte Schmach in Perserblut abzuspühlen . So stehen beide Völker einander gegenüber ; und nach der vorigen Niederlage des Galerius ist das Auge der Welt auf diesen entscheidenden Kampf gleicher Kräfte ängstlich geheftet . Auch meines , Phocion ! und höher schlägt mein Herz bei dem Bilde künftiger Schlachten , großer Ereignisse , verhängnißvoller Thaten , die für das Vaterland so wichtig werden können . Aber nicht allein des Vaterlandes Schicksal , auch das Schicksal des Freundes ist ' s , was mich diesmal lebhafter als je für diesen Krieg bewegt . Tiridates Glück hängt davon ab . Ich liebe ihn , seine Ansprüche sind gerecht , der Ausgang kann mir nicht gleichgültig seyn . Er gründet noch manche andre Hoffnung auf den Fortgang seiner Waffen , die ihm wohl sehr theuer , nach meiner Meinung aber nicht eben so gerecht ist . Sulpicien , die er mit unaussprechlicher Heftigkeit liebt , denkt er durch eine Scheidung , die er durch die Einwirkung des Galerius zu erhalten hofft , ihrem Manne zu entziehen , und dann auf den armenischen Thron zu erheben . Es ist Alles unter ihnen verabredet und sicher bestimmt , nur Zeit und Gelegenheit wird erwartet . Mir ist diese Sache widerlich , und ich würde einen vorzüglicheren Ruhm darin finden , gar nicht im Geheimnisse zu seyn , wo abrathen vergebens , und zustimmen wider meine Denkart ist . Nicht viel besser , als der Plan zu einem Raube , scheint mir diese Verabredung , durch überdachte Maaßregeln einem Manne daß zu nehmen , was rechtmäßig sein ist . Mag immer Serranus Sulpiciens schätzbaren Eigenschaften kein gleiches Verdienst entgegen zu setzen haben , und mit eben so viel Leichtsinn als Schwäche über Gebühr an armseligen Vergnügungen hängen - sie ist nach den Rechten der Väter , nach ihres Vaters Willen , mit ihrer eigenen Zustimmung sein Weib geworden , und soll es bleiben , bis gegenseitige Uebereinkunft beider Gatten ein Band , zu lösen für gut findet , das nicht länger mit ihrem Wohl bestehen kann . Tritt einst dieser Fall ein , dann mag sie aus seinem Hause in das eines Andern übergehn . Was noch mehr als diese heimliche Falschheit mich innerlich verdrießt , ist der Leichtsinn , mit welchem Calpurnia in diesen Plan eingeht , und ihn , so viel sie kann , unterstützt . Was könnte dieses Mädchen seyn , wenn nicht allzugroße Leichtigkeit der Denkart , und ihr Hauptgrundsatz , daß Behaglichkeit und Vergnügen der einzige und letzte Zweck unsers Daseyns sind , sie über manches Erhabne und Ernste so spielend wegführte . Sie hat viele achtungswerthe Vorzüge , sie ist eines hohen Grades vom Menschenliebe , von Freundschaft fähig , manches Opfer sogar bringt sie mit festem Willen und heiterm Sinn , und mitten in dieser würdigen Stimmung geht sie mit unbegreiflichem Leichtsinn zu Thorheiten und Aeußerungen über , die mein Gefühl tief verwunden . Aber sie ist schön , Phocion ! Sie ist das schönste Weib , das ich je gesehen habe . Das fühle ich , und zürne mir selbst , daß ich es so tief fühle . - Wenn sie , hingegossen auf ihr Ruhebett , die goldne Leier im Arm , durch Ton und Gesang meiner Sinne bezaubert , oder in begeisterter Stellung , noch unendlich reizender durch den seltenen Ernst , der ihre Züge erhebt , schöne Stellen aus unsern Dichtern declamirt , oder endlich , was ich zwar nur ein einziges Mal sah , im pantomimischen Tanz , wie eine Luftgestalt , daherschwebt , und in jeder Bewegung tausend namenlose Grazien entfaltet ; o Phocion ! wie schön ist sie dann ! Nur einmal , wie ich dir sagte , sah ich sie so ; denn trotz ihrer epikuräischen Grundsätze hat sie ein sehr seines Gefühl für Schicklichkeit und weibliche Würde . Es war ein stiller traulicher Abend , kein fremder Zeuge außer mir gegenwärtig , als sie auf vieles Bitten ihres ältern Bruders Lucius , der ihr Liebling zu seyn scheint , ihrem Vater , den Brüdern und mir bei verschlossenen Thüren dies unendlich reizende Schauspiel gab . Sie tanzt vortrefflich , noch anziehender aber sind die Bewegungen ihrer Arme , ihr Mienenspiel , ihre Geberden , womit sie sprechend und unverkennbar dem Zuseher die Fabel des Stückes vergegenwärtigt . Ja , Phocion ! dieser Eindruck , wird nie aus meiner Seele schwinden . Ist das aber recht ? Soll ein Spiel unsrer Sinne , eine angenehme Einwirkung auf äußere Organe , denen kein deutlicher Begriff zum Grunde liegt , vermögend seyn nicht allein mächtig auf den edlern Theil unseres Selbst zu wirken , sondern sogar diesen Theil wider seine Ueberzeugung mit sich fortzureißen , und zu Handlungen zu bestimmen , die vor der prüfenden Vernunft nicht bestehen können ? Was ist der Mensch für ein armes , schwaches Geschöpf ! Ein Spiel , nicht allein des Schicksals , der allgewaltigen Natur , der Leidenschaften - auch ein weit verächtlicheres seiner Sinne , die selbst bei besseren Menschen sich gegen die Vernunft empören . Unbegreiflicher Zauber der Schönheit ! Was bist du ! Ein Phantom , ein conventioneller Begriff , abgeändert nach Clima und Zeit , weder aus der Natur der Menschen bestimmbar , noch überhaupt unter Regeln zu bringen ! An den schönsten Gestalten Griechenlands geht der Bewohner der beißen Zone ungerührt vorüber , und was uns widrig erscheinet , entzündet seine Einbildungskraft , und bezwingt sein Herz . Und was ist endlich Schönheit oder Reiz ? Diese oder jene unwillkührliche Gestaltung des Körpers , die Lage irgend einiger Muskeln , das zartere oder gröbere Gewebe der Haut , eben so eine bloße Wirkung physischer Kräfte , jedem Einfluß der Vernunft entzogen , als die Bildung eines Grases , einer Blume , und eben so ohne Folge für den inneren Werth , der doch allein den Menschen zum Menschen macht ! Tausendmal , Phocion , habe ich mir dies gesagt , tausendmal , wenn Calpurnia in ihren Reizen vor mir schwebte , mich bemüht , die Natur und Quelle des mächtigen Eindrucks zu zergliedern , und so die Wirkung des Ganzen aufzuheben . Es gelang auf einen Augenblick , im nächsten verschwand alle Speculation vor der allgewaltigen Macht der Schönheit . Phocion ! ich fange an , mit mir selbst sehr unzufrieden zu werden . Ich weiß bestimmt , daß Calpurnia ihres Charakters wegen mich nie wahrhaft glücklich machen kann , und trotz dieser festen Ueberzeugung - - Wie kann ich Tiridates tadeln , der auch nichts anders thut , als dem Eindrucke nachgeben , dem zu widerstehn , ihm Kraft und Wille fehlt ? Wille ? Fehlt mir dieser ? Nein , Phocion ! diese Gerechtigkeit darf ich mir widerfahren lassen . Ich will widerstehn , und ich hoffe , ich werde es . Ist kein Schild wider diese Reize in Vernunft und Grundsätzen zu finden : so übrigt die Flucht , die keinem , der ernstlich will , entstehen kann . Calpurnia hat in diesen Tagen einen Beweis gegeben , daß sie nicht allein liebenswürdig sey , daß sie auch mit Kraft einen edlen Vorsatz auszuführen vermöge . Sulpicia lag krank in Bajä . Häusliche Verdrüßlichkeiten , Einfluß der Witterung , mehr als dies , verzehrende unglückliche Leidenschaften hatten ihre Gesundheit erschüttert . Sie fürchtete , allein in bloßer Begleitung ihrer Sclaven nach Rom zurückzukehren . Serranus war selbst krank und konnte sie nicht abholen . Da entschloß sich Calpurnia , die Freundin nicht zu verlassen . Des Vaters abgeneigter Wille ward durch Bitten und Flehen bestürmt , und unter dem Schutze eines treuen Freigelassenen reisete sie im ungünstigsten Wetter , Tag und Nacht , nach Bajä , und brachte der kranken Freundin Hülfe und Trost . Am folgenden Morgen kehrte sie in kleinen Tagereisen mit ihr nach Rom zurück . Ich war zugegen , als sie anlangten . Tiridates , der kurz vorher wenig Hoffnung gehabt hatte , seine Geliebte noch vor seiner Abreise zu sehen , harrte ihrer mit Sehnsucht und Angst . Sie traten ein . Phocion ! Welche Gewalt auf der Erde kann sich mit der Allmacht der Liebe messen ? Fordre nicht , daß ich dir das Wiedersehen dieser seligen Unglücklichen beschreibe , dieses Entzücken , diesen Schmerz diese Götterwonne , diese Verzweiflung ! Sie müssen sich trennen , und ihre Zukunft liegt in tiefem Dunkel . Entzündet und tief erregt von dem Auftritte , dessen Zeuge ich war , gerührt von Calpurniens Edelmuth , wiederholte ich es doch noch einmal : ich will ihrem Zauber widerstehen , und ich hoffe , ich werde es . Ein hohes Bild schwebt in ätherischer Klarheit vor meiner Seele . Larissa erscheint mir oft , hier in Rom , seit ich um Calpurnien lebe , öfter als sonst , im Wachen , in Träumen - und nicht vergebens ! An dieser reinen Flamme verzehrt sich jede unlautere Begierde , läutert sich der Wille , stählt sich die Kraft . Ich habe alle Hoffnung verloren , sie wieder zu sehen ; dennoch kann ich in manchen Augenblicken einem heißen Wunsch , einer Ahnung künftiger Vereinigung nicht widerstehen . Auch das ist einer der Widersprüche in meinem Innern , die mich beschämen und quälen . Soll ich denn zu keiner Ruhe des Gemüths gelangen ? Soll meine Brust ewig streitenden Neigungen zum Kampfplatze dienen ? Oft vertröstet mich die Hoffnung , die doch keinen Menschen , wie elend er sey , verläßt , auf meine spätern Jahre ; Manneskraft und kälteres Blut wurden bewirken , was jetzt . Vernunft und Ueberlegung fruchtlos versuchen . Vielleicht hat diese Stimme recht ! Manchmal ist mir aber auch , als wäre , dies Alter zu erreichen , mir nicht bestimmt , als sollte ein frühzeitiger Tod gewaltsam den Kampf endigen . Ich würde nicht darüber trauern . Auch hierin kann ich ohne Anmaßung und Stolz mit dem Weisen sagen : Ich gehorche den Göttern nicht , ich stimme ihnen bei2 . Denn , was ist das Leben , Phocion ? Die Bedingung unserer Bestimmung auf Erden . Wir sind hier , weil wir etwas zu thun , zu schaffen , zu hindern haben , das in den Plan des großen Ganzen gehört . Haben wir das verrichtet , so können wir abtreten . Hierzu ist kein Maaß der Jahre bestimmt . Die Vorsicht setzt das Werkzeug ihrer Absicht in der gehörigen Zeit und den erforderlichen Umständen in Bewegung . Ist die Wirkung vollbracht , dann zerbricht sie das unnütze Geräthe , und wo wir dann hinkommen ? Phocion , das ist das schauerliche Räthsel , das kein Sterblicher lösen kann . Tartarus , Elysium sind artige Mährchen . Doch hangen Viele daran , die nichts Höheres zu denken wagen . Darum sollen sie uns öffentlich heilig seyn ! Und auch ! - es wäre ein schöner Gedanke , die vorangegangenen Geliebten in stillen Auen des Friedens wieder zu findend ! Dort würde ich auch meine Larissa sehen ! Ach wer daran glauben könnte ! Wie unglücklich ist es , diesen seligen Wahn aufgegeben zu haben , und in allen Schulen der Philosophen , in allen ihren Büchern nichts zu finden , das diesen Verlust ersetzt ! Ach wer an Elysium glauben könnte ! sage ich noch einmal . Es ist gar zu traurig , welche düstre entnervende Vorstellungen von unserm Fortwähren im Hades3 sich die meisten , selbst vernünftigen Menschen machen . Wenn Hadrian sein Seel ' chen bleich und nackt in unbekannte Orte hinwankend denkt , wo kein Scherz , keine Freude , mehr ist : wenn Achill im Homer lieber Tagelöhner auf der Oberwelt , als König im Reiche , der Schatten seyn möchte ; wenn Mäcenas es wünschenswerth findet , unter allen erdenklichen Schmerzen , selbst am Kreuze zu leben , nur um zu leben - wie müssen die Begriffe der Menschen von ihrem Zustande nach dem Tode gewesen seyn ! Wer aber gibt uns bessere , die einen Grad von Wahrscheinlichkeit hätten ? Schlafen ? Nichts von sich wissen ? Was sind das anders , als schonende Namen für die grauenvolle Idee der Vernichtung , vor der das denkende Wesen zurückschaudert ? - Plato hat schöne Ideen , aber sie befriedigen nicht , sein Phädon vermag keinen Zweifler zu beruhigen . Die Stoiker und alle übrigen Philosophen geben Vermuthungen . Wer gibt dem dürstenden Geiste Gewißheit ? Und vor Allem , wer gibt dem rohen sinnlichen Volke , das durch losen Spott und unberufene Lehrer auf die Nichtigkeit seiner Götter aufmerksam geworden ist , und Ehrfurcht und Scheu als lästige Bande abzuwerfen strebt , einen neuen Zaum ? Es ist schrecklich , sage ich dir , wie weit die Verachtung alles Heiligen und Ehrwürdigen in Rom nicht blos in den höhern Ständen , sondern auch unter dem niedrigsten Pöbel geht . Diese alte Religion sinnlicher , leidenschaftvoller , diebischer , ehebrecherischer Götter kann nicht mehr den Zauber ausüben , den sie , unbegreiflich genug , so manches Jahrhundert ausgeübt hat . Die Welt in ihrer jetzigen Verfeinerung , Ueberverfeinerung und Verderbtheit , braucht einen stärkeren Zaum und würdigere Begriffe von ihrer Bestimmung und von der Gottheit selbst . Es ist unmöglich , bei den Folgen dieses Mißverhältnisses der Religion zum Zeitalter , gleichgültig zu bleiben . Die Zukunft scheint mir schrecklich , ich fürchte traurige Ereignisse für die Mit- und Nachwelt . Ich kann mich dieser Gedanken nicht entschlagen , wenn sie mich oft recht peinlich fassen . So leide ich doppelt . Das ist das unselige Loos von Gemüthern , wie das meine , daß das künftige Uebel sie schon quält , ehe noch das gegenwärtige seine Macht über sie verloren hat . Beklage mich , Phocion , nur entzieh dem düstern Träumer , den du schon oft vergebens ermahnt hast , deine Nachsicht und Liebe nicht . Leb ' wohl ! Fußnoten 1 Der Kaiser Valerianus wurde bei Edessa von den Persern geschlagen , und zum Gefangenen gemacht . Saphor , ihr mächtiger König , hielt ihn bis an seinen Tod in schimpflicher Gefangenschaft , und setzte , wenn er sein Pferd bestieg , immer den Fuß auf den Nacken des unglücklichen Monarchen . 2 Seneca de Tranquillitate . 3 Hades , Tartarus , Namen für die Unterwelt . Die Stellen auf welche weiterhin angespielt wird , sind folgende : Animula vagula , blandula , Hospes , comesque corporis Quae nunc abibis in loca Pallidula , rigida , nudula , Nec ut soles dahis jocos . -- -- -- Debilem facito manu Debilem pede , coxa : -- -- -- -- -- -- Vita dum superest , bene est , Hanc mihi , vel acuta Si sedeam cruce , sustine . 10. Sulpicia an Calpurnien . Rom , im März 301 . Daß du , statt meines Besuchs , einen Brief von mir erhältst , daß es mir , drei Straßen weit von dir , nicht möglich ist , dich zu besuchen ; ist das Werk niedriger harter Menschen , an deren Spitze Serranus , und - ich schaudre es zu sagen - mein Vater steht . Novius , der Nichtswürdige , der unsre Villa so unverantwortlich vernachlässigt hat , rächt die Entdeckung seiner Schandthaten durch niederträchtige Verläumdung an mir , indem er Serranus und meinen Vater von meinem Verhältnisse zu Tiridates unter dem Gesichtspunkte unterrichtet , aus welchem ein feiles Gemüth , wie das seinige , eine solche Verbindung zu betrachten im Stande ist ! Um die Gunst seiner alten Gebieter zu gewinnen , hat er nichts unterlassen , was den Prinzen und mich in ein verhaßtes Licht setzen kann , und aus dem eignen schändlichen Gemüth noch recht viel Abscheuliches und Entehrendes hinzugesetzt . Was mir aber unbegreiflich bleibt , ist , daß er , die Götter wissen woher ? von Allem weiß , was für die Zukunft zwischen Tiridates , mir und dir verabredet ist . Mein Vater wüthet . Der Gedanke einer Scheidung , einer Verbindung mit einem barbarischen Tyrannen1 , wie er Tiridates nach alter Römersitte nennt , macht ihn aller Schonung , aller väterlichen Liebe vergessen . Calpurnia ! Ich würde trotz des Kummers und der Kränkungen , die ich ausstehen muß , dennoch diese Ausbrüche seines Zorns mit kindlicher Ergebung tragen , wenn ich sie als Folgen wirklicher Schwachheiten und eingewurzelter Vorurtheile , die nicht mehr in die Zeiten passen , ansehen könnte ; aber ich fürchte , es liegt dieser unverhältnißmäßigen Wuth etwas anders zum Grunde , das vielleicht nicht so edel , so verzeihlich , - - o laß mich darüber hingleiten ! Das Geschlecht der Anicier ist mächtig , ihr Einfluß am Hofe bedeutend . Mein Vater ist ehrgeizig , er hat drei Söhne zu versorgen , die zum Theil schon in Hofämtern ( wie wenig stimmt das mit ächtem Republikanismus überein ! ) dienen , die er gern weiter bringen möchte ! Das empört mich , das macht mir meine hülflose Lage unter diesen Händen unerträglich ! Serranus würde sich nicht unterstehen , mich mit bittern Vorwürfen , mit niederm Verdacht , so wie er thut , zu verfolgen , wenn nicht die Aufreizungen meines Vaters und sein Ansehn dies schwache unselbstständige Gemüth zu einer ihm selbst unerreichbaren Härte und Kraft aufregten . So aber stützt sich seine Armseligkeit auf jenen festen Grund , und er peinigt mich um so mehr , je weher es thut , sich von Jemand mißhandelt zu sehen , den man nicht achten kann , der alle Augenblicke die gelernte Rolle vergißt , und die Inconsequenz seines Innern durch unzusammenhängendes Betragen äußert , jetzt schilt , jetzt trauert , in dieser Stunde mich durch niedrigen Verdacht herabsetzt , in der nächsten die alte Liebe wieder hervorbrechen läßt , und mich mit Klagen , Bitten und Vorwürfen ärger als mit Scheltworten martert . Seit acht Tagen währt diese Qual , die im Anfange noch erträglich , jetzt jeden Tag peinlicher wird , seitdem Serranus , gewiß auf Anstiften oder Befehl meines Vaters , so weit geht , mich durch meine Sclavinnen beobachten zu lassen , seitdem ich - o ich erröthe , indem ich es schreibe - wie ein Kind behandelt , nicht einmal allein ausgehen darf , wenigstens nicht zu dir . Dich hält man für meine Mitverschworne . Man weiß , daß du des Tiridates und meine Vertraute bist , und man traut dir und mir und dem Prinzen Dinge zu , die zu wiederholen , mir Stolz und Achtung verbieten . Genug , ich soll dich nicht sehen , wenigstens nicht allein . Lucia2 , die Amme meines Gemahls , oder er selbst begleiten mich bei jedem Ausgang . Seit ich das fühle , verlasse ich den Umkreis meiner Wohnung nicht mehr . Ich erkenne meines Vaters unbeugsamen Sinn in diesen Anstalten , der vor der Verbindung mit dem Prinzen zu erröthen vorgibt , aber nicht erröthet , seine Tochter vor ihren Sclaven zu erniedrigen ! Calpurnia ! Fühlst du ganz , wie tief ich gesunken , wie elend ich bin ? und Tiridates ist fern , und dein Umgang mir versagt ! Ich bin einsam und hülflos , den Händen meiner Peiniger überlassen ! O welcher Gott gibt mir Kraft , dies zu ertragen , oder Muth und List , meine Ketten zu zerbrechen . Fußnoten 1 Die Römer nannten voll Nationalstolz alle fremden Völker Barbaren , und Tyrann war im Alterthume der Name eines jeden Monarchen , ohne daß man eben den gehässigen Begriff damit verband , den wir bei diesem Worte denken . 2 Die Ammen der Vornehmen jener Zeit blieben meistens bis an ihren Tod in den Häusern ihrer Pfleglinge , und spielten manchmal die Rollen der Vertrauten und Gehülfinnen bei heimlichen Verhältnissen , wie man in den Theaterstücken der Alten findet . 11. Agathokles an Phocion . Rom , im März 301 . Dieser Brief ist der letzte , den du aus Rom erhältst . Ich verlasse es in wenig Tagen , um Kriegsdienste zu nehmen , und jetzt , wo das Auge der Welt auf die große Entscheidung geheftet ist , mit und für Tiridates zu streiten . Zeihe mich keiner Unbeständigkeit , wenn du mich , nach dem , was ich dir unlängst geschrieben habe , doch diesen Stand , der so viel von seiner ursprünglichen Würde und Zweckmäßigkeit verloren hat , ergreifen siehst ! Ich brauche Beschäftigung , bestimmte , unnachlässige Thätigkeit ; denn ich fühle , daß in meiner jetzigen Lage jene Muße , in der sich sonst meine Seele so wohl befand , Gift