recht bald zu erwiedern , meine Entschuldigung von dem Aufenthalte ihres Bruders in dem Hause ihrer Mutter hernehmen ; allein sie kam meinen Ausflüchten dadurch zuvor , daß sie eingestand : Sie habe sich bei der Beurtheilung des wahren Charakters ihres Bruders nicht wenig geirrt . » Ich kenne ihn gar nicht wieder , « sagte sie . » Ehemals lauter Feuer , ist er jetzt lauter Eis . Wer sollte glauben , daß man sich auf einer Reise durch Italien in die Mathematik verlieben könnte ! Und doch ist dies sein Fall . Tag und Nacht brütet er über seinen Folard , und alle Exaltationen , deren er noch fähig ist , beziehen sich auf das verwünschte Kriegeshandwerk . Ich würde ihn hassen müssen , wenn er nicht mein Bruder wäre . Dir , liebe Freundin , aber kann ich mit vollkommner Wahrheit sagen , daß weder deine Jugend noch dein guter Name die mindeste Gefahr läuft , wenn du zu uns zurückkehrst ; alle Leute kennen ihn nach gerade als einen harmlosen Sonderling , der Keinem etwas zu Liebe noch zu Leide thut ; außerdem ist die Frage : Wie lange er noch bei uns verweilen wird . Denn es ist ihm hier viel zu enge , und ich stehe gar nicht dafür , daß er nicht über kurz oder lang Soldat wird . « Adelaiden so reden zu hören , kam mir freilich unerwartet ; allein da ich mich auf die Wahrheit ihrer Aussage verlassen konnte , so trug ich auch nicht weiter Bedenken , mich in ein Haus zurück zu wagen , das von einem so harmlosen jungen Manne bewohnt wurde . Die erstenmale war ich mit Adelaiden allein , und ich gestehe , daß mich dies ein wenig beleidigte . Das drittemal fand sich indessen der junge Herr von Z ... bei uns ein ; und da wir gerade von Racine ' s Phädra sprachen , so nahm er Gelegenheit , uns über das Eigenthümliche der französischen Poesie zu belehren . Er gab zu , daß dies eines der interessantesten Stücke wäre , die jemals aus der Feder eines korrekten Dichters geflossen ; » allein , « fuhr er fort , » was ist Korrektheit gegen das Wesen der Poesie gehalten ! Wie stolz auch die Franzosen auf ihre Dichter seyn mögen , und wie selbstgenügsam auch einer ihrer Didaktiker die italiänische Poesie Schellengeklingel nennen mag , dennoch bin ich sehr geneigt , die wahre Poesie nur bei den Italiänern zu suchen . Ich will , wenn die Wirklichkeit mir nicht länger behagt , eine von ihr durchaus verschiedene Welt , und diese finde ich durchaus nicht in den Werken französischer Dichter , wohl aber in denen der italiänischen . Welche Schöpfung ist in dem befreieten Jerusalem enthalten ; und wo ist der Franzose , welcher behaupten dürfte , eine ähnliche sey von ihm ausgegangen ? Der rasende Roland - welches Meisterstück für denjenigen , dessen Geist nicht in den Convenienzen des Lebens untergegangen ist ! So hundert andere Dichterwerke der Italiäner , welche hier aufzuzählen am unrechten Orte seyn würde . Was will ich denn , wenn ich einen Dichter in die Hand nehme ? Nicht Wahrheit will ich , sondern Schönheit , Übereinstimmung mit sich selbst , Harmonie in der höchsten Bedeutung des Worts . Wahrheit ist die Sache des Verstandes , und kann gelernt werden ; Schönheit hingegen ist Sache des Gefühls und der Anschauung , und eben deshalb über das Lernen hinaus . Ich gebe zu , daß Wahrheit zuletzt auch schön ist ; aber deswegen ist Schönheit nicht wahr , und so lange es noch einen Dichter auf der Welt giebt , d.h. so lange der letzte Funke der Phantasie noch nicht im menschlichen Geschlecht erloschen ist , verlange ich von dem , der sich mir als Dichter darstellt , daß er mir Vergnügen mache , ohne daß jemals in seinem Werke von Wahrheit die Rede sey . Gerade darin liegt die Schwäche der französischen Poesie verborgen , daß die Franzosen das Wahre vom Schönen nicht zu trennen wissen , und das eine nicht ohne das andere geben wollen . Boileau ' s rien n ' est beau que le vrai ist das Siegel des poetischen Unvermögens der Franzosen , die , wenn sie jemals Dichter werden wollen , von neuem geboren werden müssen . Es ist zuletzt nur die höhere Kraft des Menschen , die ihn zum Dichter macht , und in Hinsicht dieser Kraft stehen die Franzosen bei weitem den Italiänern nach , die , so lange sie eine große Einheit bildeten , die ganze Welt eroberten , und als sich diese Einheit in Trennung auflösete , das Gefühl ihrer vorigen Größe so lange in sich konzentrirten , bis es endlich losbrach und idealische Welten schuf . Ich möchte nicht gern übertreiben ; allein soll ich meiner Überzeugung gemäß reden , so waren die Italiäner zur Zeit ihrer Horaze und Virgile , welche die Welt einzig bewundert , noch Barbaren ; zur Zeit ihrer Ariosto ' s , Tasso ' s und Guarini ' s hingegen ein hoch kultivirtes Volk . « Adelaide war , so wie ich , nicht wenig über diese Erklärung erstaunt . Wir kämpften für unsern Corneille und Racine und Voltaire , so viel wir konnten ; allein über diesen Punkt fand für den Herrn von Z ... kein Capituliren statt . Als wir zuletzt , nicht ohne uns zu schämen , eingestanden , daß wir nicht berechtigt wären , Dinge zu bestreiten , die uns nie berührt hätten , und zugleich zu erkennen gaben , wie sehr wir in die Geheimnisse der italiänischen Poesie eingeweihet zu werden wünschten : so war unser Antagonist sogleich erbötig , unser Mystagog zu seyn . Wirklich nahm der Unterricht im Italiänischen gleich am folgenden Tage den Anfang , und unsere Fortschritte waren , wie unser Lehrer sie nur immer wünschen konnte . Ob Adelaide mich , oder ich Adelaiden fortriß , konnte nicht in Betrachtung kommen , da wir unter den verschiedensten Antrieben standen ; sie , indem sie sich in ihrem Lieblingselement , der Poesie , bewegte ; ich , indem ich die Autorität eines Mannes ehrte , der mir durch die Eigenthümlichkeit seiner Urtheile täglich bedeutender wurde . Übrigens hatten wir uns kaum acht Wochen ausschließend mit dem Italiänischen beschäftigt , als uns die ganze poetische Literatur der Franzosen ein Greuel war . Wie viel von diesem Abscheu auf Rechnung unseres Lehrers kam , war etwas , das wir nicht weiter untersuchten ; aber schwerlich würden wir durch uns selbst , oder unter der Leitung irgend eines anderen Lehrers , zu unserer entschiedenen Vorliebe für die italiänische Poesie gelangt seyn , und Adelaide namentlich ihre ganze französische Bibliothek für eine gute Ausgabe des Aminta von Tasso feilgeboten haben . Solche Keckheit , wenn man sie in Weibern findet , ist immer das Produkt männlichen Einflusses , und beruhet , so weit meine Beobachtung reicht , zuletzt nur auf Autorität , nicht auf Gefühl und Anschauung . Wenn ich in meinen Urtheilen vorsichtiger war , so hatte diese Vorsichtigkeit ihren Grund nicht in einem schwächeren Gefühl , sondern in dem Verhältniß , worin das Göttliche der italiänischen Poesie mit Adelaidens Bruder für mich stand . Auf eine ganz eigenthümliche Weise waren beide für mich eins ; denn indem ich die erstere nur durch den letzteren in mich aufnehmen konnte , mußte es mir vorkommen , als wäre jene nur in diesem vorhanden . Dasselbe würde Adelaiden begegnet seyn , wäre Moritz nicht ihr Bruder gewesen . Sie konnte von der italiänischen Poesie an und für sich sprechen ; ich hingegen mußte immer den Herrn von Z ... ins Spiel ziehen , und weil ich dadurch mein Geheimniß verrathen haben würde , so schwieg ich lieber . Mein Geheimniß aber bestand darin , daß ich den Herrn von Z ... über alle Männer setzte , die mir jemals vorgekommen waren . Außer meinem Pflegevater , dessen moralische Heiligkeit - wenn ich mich so ausdrücken darf - ungefähr eben so auf mich einwirkte , als das Licht , und den ich aus Gewohnheit hochachtete , hatten mich bisher alle Männer so gleichgültig gelassen , daß ich mit Wahrheit von mir sagen konnte : das ganze männliche Geschlecht sey gar nicht für mich vorhanden . Wodurch sich Herr von Z ... von meinem Pflegevater unterschied , war mir nicht auf der Stelle klar ; aber irgend eine Ahnung sagte mir , daß bei ihm außer dem Lichte auch Wärme sey . Es war , mit einem Worte , die Phantasie , wodurch er mich so unwiderstehlich an sich zog . Was ich damals nicht begriff , was mir aber seitdem sehr deutlich geworden ist , war : daß ein Weib an einem Manne zuletzt nie etwas anderes lieben kann , als jene schaffende Kraft , wodurch er , das Geschöpf , wiederum zum Schöpfer wird . Was Platon die irdische Liebe nennt , ist immer nur ein Abglanz der himmlischen , und ohne diese würde jene gar nicht vorhanden seyn , wenigstens nicht in einer weiblichen Brust . Ich habe viele Weiber gekannt , die man ausschweifende nannte und als solche verabscheute . Die Unglücklichen fanden nur nie , was sie suchten . Sie wollten nicht den physischen Genuß ; sie wollten jene Wärme , die das Weib empfindet , wenn es , befreit von den Banden des Egoismus , ganz in Anderen lebt , und dadurch seine Bestimmung vollendet . Wie ganz anders würden sie gerathen seyn , hätte der Zufall sich ihrer erbarmt ! Von diesem verlassen , und ohne jemals einen entwickelten Begriff von dem Gegenstande ihres rastlosen Strebens gehabt zu haben , konnten sie freilich nicht anders endigen , als so , daß sie zuletzt als Abschaum der Gesellschaft dastanden ; aber was sie zuerst in Bewegung setzte , war dieselbe göttliche Flamme , durch welche allein Veredelung zu hoffen ist . Ein Weib , das einmal einen Mann in der wahren Bedeutung des Wortes fand , ist der Untreue eben so unfähig , als ein Weib , das an einen Lotterbuben gerieth , mit den allerbesten Vorsätzen von der Welt sich nicht in den Schranken der Treue erhalten kann , so bald ein Mann ihr unter die Augen tritt . Dies beruht auf einem Naturgesetz , dem alle gesellschaftliche Institutionen weichen müssen ; und wer sich jemals in der Welt umgesehen hat , kann sich hieraus erklären , wie die schönsten Weiber an die ( physisch ) häßlichsten Männer gerathen , und woher das Übergewicht rührt , das alle ächte Künstler über das weibliche Geschlecht ausüben . Ich ging , ich bekenne es , nach und nach in Adelaidens Bruder so vollkommen unter , daß ich nur in ihm lebte und webte . War aber jemals ein Mann unfähig , diese vollendete Hingebung auf eine unedle Weise zu benutzen , so war es Moritz . Wie theuer ich ihm war , leuchtete aus seinem ganzen Betragen gegen mich hervor , das schwerlich liebevoller und zärtlicher seyn konnte ; allein er schien mir dadurch nur beweisen zu wollen , daß , wenn irgend ein weibliches Wesen ihn fesseln könnte , ich dies weibliche Wesen seyn würde . Frei von aller Leidenschaft , hatte seine Hinneigung zu mir mehr den Charakter des Wohlwollens , als den der Liebe ; wenigstens fehlte ihr diejenige Stärke , welche zwei Wesen so verschmilzt , daß sie nur in gegenseitiger Anschauung leben . Ich fühlte dies ; und es schmerzte mich , die Wahrheit zu gestehen , um so tiefer , je unendlicher meine Liebe für Moritz war . Allein was konnte , was mußte geschehen , wenn es anders werden sollte ? Ich grübelte in den Augenblicken , wo ich mir selbst wieder gegeben war , recht emsig darüber nach ; aber ich sagte mir zuletzt immer , daß alle diese Grübeleien vergeblich seyn würden , so lange ich die unbekannte Gewalt , welche Moritzen von mir zurückzog , nicht genauer kennen gelernt hätte . Wie sehr fürchtete ich , daß sie in mir selbst seyn könnte ! Wie gewissenhaft erwog ich alle meine Äußerungen und in ihnen mein ganzes Wesen ! Vergeblich für meinen Endzweck ; ich mochte mich betrachten von welcher Seite ich wollte , alles führte mich zu dem Resultat , daß ich gut und edel sey ; und in dieser Überzeugung wurde ich nicht wenig bestärkt , als Adelaide , der mein innerer Zustand nicht entgangen war , mir gelegentlich sagte , daß ihr Bruder nicht ohne Wärme und Enthusiasmus von mir spreche . War aber jene unbekannte Gewalt außer mir - worin bestand sie ? Ich schloß auf eine frühere Verbindung , auf ein gegebenes Wort und dergleichen zurück . Um hierüber ins Reine zu kommen , erkundigte ich mich bei Adelaiden mit aller nur möglichen Schonung nach den Verhältnissen , worin ihr Bruder stehe ; aber ihre Antwort war so beschaffen , daß mein Zustand dadurch nur verschlimmert wurde . » Glaube mir , « sagte sie , » über diesen sonderbaren Menschen kommen wir nur dadurch ins Reine , daß wir annehmen , er sey mit allen seinen herrlichen Eigenschaften doch nur ein kalter Egoist , den nichts berührt , was nicht ganz unmittelbar in seine Ideen und Entwürfe eingreift . Ich wenigstens werde sonst nicht klug aus ihm . Dafür kann ich dir einstehen , daß er in keinen Verbindungen lebt , welche der Freiheit Abbruch thun . Sollte man nicht glauben , er habe die eine oder die andere Bekanntschaft auf seinen Reisen gemacht , welche einer thätigen Zurückerinnerung werth wäre ? Allein , wie erwiesen es auch ist , daß er mit den allerinteressantesten Personen gelebt hat , so hat er doch seit seiner Zurückkunft , d.h. seit mehr als vier Monaten , bis jetzt an keine lebendige Seele geschrieben . Was in ihm vorgeht , mag Gott wissen . Jeder Augenblick , den er dem Umgange entziehen kann , ist noch immer dem Studium der militairischen Wissenschaften gewidmet . Die sonderbarste Liebhaberei von der Welt , wofern er nicht damit umgeht , sich auf seinen Gütern zu verschanzen ! Ich möchte nur wissen , wie alle diese Zahlen und Linien - denn mit etwas anderem beschäftigt er sich gar nicht - ihn wach erhalten können . So etwas muß ja den Geist abstumpfen und tödten ; aber weit gefehlt , daß er dies zugeben sollte , besteht er , so oft ich hierüber mit ihm anbinde , darauf , daß dies nur eine andere Art der Poesie sey , die ihre Grundlage in der Wirklichkeit habe , und den Vorzug besitze , für das gesellschaftliche Leben , das durch meine Poesie zu Grunde gerichtet werde , neues Interesse einzuflößen . Mehr bring ' ich nicht aus ihm heraus ; und wenn seine Behauptungen nicht Unsinn seyn sollen , so muß er sie vor denjenigen vertheidigen , die etwas mehr davon verstehen , als ich . « Nach diesen Aufschlüssen mußte ich annehmen , daß die Mathematik meine Nebenbuhlerin sey ; allein wie hätte ich dazu kommen sollen , dieser Voraussetzung Wahrheit zuzuschreiben , da Moritz höchstens 25 Jahre zählte ? Der Reiz der Wissenschaft sey noch so groß , so ist er doch nicht früher vorhanden , als der Besitz . Was uns aber zur Erwerbung treibt , ist nie die Wissenschaft , sondern irgend etwas Menschliches , dem sie als Mittel dienen soll . Was trieb nun meinen Moritz ? Ich war der Katastrophe , welche das Geschick meines Lebens entscheiden sollte , bei weitem näher , als ich glaubte ; ehe ich aber der Aufschlüsse erwähne , welche mir Moritz über sein Inneres gab , muß ich von den Zeiten reden , in welchen dies vorfiel . Der siebenjährige Krieg war seit anderthalb Jahren begonnen , und nicht blos Deutschlands , sondern auch des ganzen Europa Augen waren auf den verwegenen Friedrich gerichtet , der lieber einen Kampf mit den größten Mächten des festen Landes eingehen , als nur einen Fingerbreit von dem einmal Erworbenen zurückgeben wollte . Die Urtheile über seinen Charakter waren verschieden , je nachdem sie von der Schwäche oder der Stärke ausgesprochen wurden . Die große Mehrheit , welcher innere Größe ein unauflösliches Räthsel ist , verdammte ihn bis in den tiefsten Abgrund , als einen Räuber und als einen Tyrannen seiner eigenen Völker ; indessen fehlte es nicht an Einzelnen , welche auf die Nothwendigkeit eingingen , worin sich der Monarch befand , und , seinen Muth bewundernd , zugleich seine Einsicht priesen . Wenn jene ihn nicht schnell genug zerschmettert sehen konnte , weil er sich gleich bei Eröffnung des Feldzuges Sachsens bemächtigt hatte ; so wünschten diese seinen Unternehmungen jeden glücklichen Erfolg , überzeugt , daß das Genie nur dann zerstört , wenn es aufbauen will , und fest versichert , es werde doch noch einmal eine schöne Welt durch ihn ins Daseyn gerufen werden . Der Ausgang des wunderbaren Kampfes , in welchem der Verstand gegen die Masse zu Felde zog , beschäftigte alle Köpfe ; und nicht selten geschah es , daß man sich in einer und derselben Familie über eine von Friedrich gewonnene oder verlorne Schlacht freute und härmte , je nachdem die Mitglieder derselben ihm wohl oder übel wollten . So sehr war seine Angelegenheit die des ganzen Deutschlands , daß seine Thaten selbst in die entferntesten Kreise drangen , und wenigstens die muntere Jugend für den Helden ihrer Zeit begeisterten . Der Hof , in dessen Nähe ich lebte , war nicht blos durch die Bande der Verwandtschaft an das preußische Haus gefesselt , sondern auch durch Charakterschwung und Genie dem großen Friedrich besonders zugethan . In unserer Hauptstadt galt also nur das preußische Interesse . Wer sich von demselben losgesagt hätte , würde nicht sowohl für einen schlechten Bürger , als vielmehr für einen Einfältigen gegolten haben , der das Edlere und Bessere nicht zu fassen vermögte . So lebendig war die Theilnahme an Friedrichs Siegen , daß sie von Privatpersonen in Familien-Zirkeln gefeiert wurden . Die Neugierde war unersättlich , wenn einmal von dem preußischen König die Rede war . Alles , was zu seiner Umgebung gehörte , wurde als Bestandtheil seines Wesens betrachtet ; und so erhielten die Namen seiner vorzüglichsten Generale eine Illustration , welche sie schwerlich auf irgend einem anderen Wege erworben haben würden . Kein Jahr war reicher an Glückswechseln , als das Jahr 1757 . Im Anfang desselben Sieger , so daß Maria Theresia sich in Wien selbst nicht sicher glaubte , wurde Friedrich bald darauf aus Böhmen vertrieben . Von seinen Bundesgenossen verlassen , von allen Seiten mit Feinden umringt , dem Verderben blosgestellt , ermannte er sich zu neuen Triumphen . Die Schlachten bei Rosbach und Leuthen setzten ganz Europa in Erstaunen ; vorzüglich die letztere , in welcher eine selbstgeschaffene Taktik dem dreimal stärkeren Feinde den Sieg entriß . Die Wiedereroberung Schlesiens folgte diesem Siege . Gern hätte Friedrich auf seinen Lorbeern ausgeruht ; denn der Krieg war gegen alle seine Wünsche erfolgt , und die Fortsetzung desselben störte ihn in edleren Entwürfen . Allein wie tief auch seine Feinde das Übergewicht seines Genies empfunden haben mochten , so fühlten sie sich noch nicht erschöpft , und ihre Kampflust gebot seinen Neigungen . Ich befand mich bald nach der Schlacht bei Leuthen eines Nachmittags in dem Hause der Frau von Z ... Es war die Rede von dem neuen herrlichen Siege , den die preußische Tapferkeit erfochten hatte , und mit tiefgefühlter Theilnahme sprach man von Friedrichs mißlicher Lage bei seiner Ankunft in Schlesien , und von der Art und Weise , wie er , wenige Tage vor der Schlacht , seinen Generalen in einem Kriegsrath den Zustand seines Gemüthes offenbaret . Plötzlich sprang Moritz , der während dieser Unterhaltung stumm und in sich selbst vertieft da gesessen hatte , von seinem Lehnstuhl auf , und , in die Mitte des Zimmers tretend , sprach er , starren Blickes und festen Tones , uns allen unerwartet , folgenden Monolog : » Könnt ' ich etwas an diesem Friedrich tadeln , so würde es die Vorliebe seyn , die er für französischen Geist und französische Sitte zeigt . Wie wenig kennt er sich selbst , wenn er Formen ehrt , die keine andere Grundlage haben , als die Flachheit selbst ! Doch er gebehrde sich , wie er wolle , nie wird er das Gemüth eines Deutschen ganz verleugnen können . Durch dies kräftige , reiche Gemüth gebietet er selbst den Franzosen , deren Schöngeisterei vor seinem Genie verstummt , und deren Hinterhaltigkeit vor seiner Ehrlichkeit erbebt . Ja , er ist das Größte , was das Schicksal diesen Zeiten verleihen konnte ; der einzige Mann seines Jahrhunderts , bestimmt , ein neues Geschlecht zu gründen , und in der Weltgeschichte mit unverwelklichem Lorbeer zu prangen . Wer seine Rechtlichkeit anklagt , vergisset , daß das Genie die unversiegliche Quelle neuen Rechtes ist , und jeglichen Beruf aus sich selber nimmt . Alle kräftigen Naturen , so viel ihrer in Deutschland übrig geblieben sind , sollten Kreis um ihn schließen und seine Sache zu der ihrigen machen . Was ist das Leben ohne Liebe , und wie kann man das Leben höher ausbringen , als wenn man große Entwürfe befördern hilft ! Ich weiß , daß diese Ziethen und Seidlitz und Keith nur Maschinen sind ; allein war jemals der Mensch etwas anderes , als Werkzeug in den Händen des Schicksals , und was ist das Schicksal selbst , wenn es seinen letzten Grund nicht in der Idee eines vielumfassenden Kopfes hat ? Friedrichs Planen dienen , ist die höchste Bestimmung , die man sich geben kann . Je größer er der Nachwelt erscheint , desto mehr Verdienst hat man sich um die Mitwelt erworben ; denn nur dadurch kann er wahrhaft groß werden , daß man kein Bedenken trägt , sich ihm aufzuopfern . Magnetisch fühl ' ich mich an ihn angezogen , und verdorben ist meine ganze Existenz , wenn ich nicht dahin gelange , mich in seinem Geiste zu spiegeln . Mich seiner würdiger zu machen , hab ' ich es nicht an Anstrengungen fehlen lassen . Jetzt hat die Stunde der Vollbringung geschlagen . Keinen Augenblick will ich verlieren . « Es war uns sonderbar zu Muthe bei diesem Monolog ; denn so rücksichtslos wurde er gesprochen , daß unsere erste Ahnung keine andere seyn konnte , als die , daß Moritz von Sinnen gekommen sey . Adelaide , welche neben mir saß , umschlang mich mit ihrer Linken und starrte auf ihren Bruder hin . Ob auch ich auf ihn hinstarrte , oder die Augen niederschlug , weiß ich nicht ; aber das weiß ich , daß ich nun mit einemmale gefunden hatte , was ich bisher vergebens suchte . Es war also Friedrich der Große , der sich zwischen mich und meinen Moritz in die Mitte stellte und unsere Vereinigung verhinderte . Einen solchen Nebenbuhler hatte ich nicht erwartet . Sollte ich ihm zürnen ? Ich konnte es nicht . Er stand ja nur als Idol da ; und war er wohl das meinige minder , als Moritzens ? Ich begriff den inneren Zustand des jungen Mannes auf der Stelle ; und wie sehr ich ihn anbeten mochte , so fühlte ich doch , nach einem solchen Aufschluß , nicht das kleinste Verlangen , ihn an der Ausführung seines Entwurfes zu verhindern . Wie Liebe ohne Eigennutz bestehen könne , begreifen wenige ; aber noch weit wenigere haben die Kraft , sich eine leidenschaftslose Liebe zu denken . Ich möchte in diesen Bekenntnissen um keinen Preis zu viel oder zu wenig von mir sagen ; aber das wag ' ich zu behaupten , daß , wenn der Eigennutz meiner Liebe für Moritz immer fremd geblieben war , die Leidenschaft von Stund an daraus verschwand . Ich kannte das Schöne , ehe ich seine Bekanntschaft gemacht hatte ; er versinnlichte es mir und wurde mir dadurch unendlich theuer . Jetzt , wo ich ihn in Regionen aufsteigen sah , die ich nie geahnet hatte , jetzt wurde er für mich eben so das Symbol des Herrlichen , wie das Crucifix in den Händen eines gläubigen Catholiken das Symbol jeder Tugend ist . Was ich hier sage , können nicht Alle zur Anschauung bringen ; aber wie soll ich es sagen , um mich deutlich zu machen ? Genug , ich verließ das Haus der Frau von Z ... mit ganz anderen Empfindungen , als diejenigen waren , mit welchen ich gekommen war ; und ich behaupte , daß es unmöglich ist , zugleich ruhiger zu seyn , und einen gegebenen Mann bestimmter anzubeten , als beides bei mir der Fall war . Gelassen zog ich mich aus , nachdem ich zu meinen Pflegeeltern zurückgekommen war ; eben so gelassen ging ich zu Bette ; und als ich am folgenden Morgen nach einem sanften Schlaf erwachte , war mein erster Gedanke : Moritz ist der erste aller Männer . Ich wollte mir die Gefahren vergegenwärtigen , denen er entgegenging ; aber damit wollte es mir durchaus nicht gelingen ; die Stimmung , in welcher ich mich einmal befand , brachte es mit sich , an keine Gefahr in Beziehung auf Moritz zu glauben , und diese Idee , wie sonderbar sie auch erscheinen mag , war gewiß eine sehr richtige . Es wird nach allem , was ich bisher gesagt habe , schwerlich auffallen , wenn ich hinzufüge , daß ich nicht unterließ , meine Freundin , wie bisher , zu besuchen , und mich dadurch dem Herrn von Z ... zu nähern ; ich konnte dies jetzt um so eher thun , da das Verhältniß , worin ich mit ihm stand , durch die Bestimmtheit , welche seine letzte Erklärung ihm gegeben hatte , eine Unschuld gewann , die es zu einem kindlichen machte . Von dem Auftritte des vorhergehenden Tages war nicht weiter die Rede , nachdem Moritz über das Pathos , womit er seinen inneren Zustand verrathen , gelächelt hatte . Über andere Gegenstände wurde gescherzt ; ja irgend eine Freude , die ich nicht beschreiben kann , die aber das unmittelbare Resultat der aufgehobenen Spannung war , herrschte in allen Gesichtern und sprach aus allen Gedanken , als Moritz , ich weiß nicht ob am dritten oder vierten Tage nach der oben beschriebenen Scene , die augenblickliche Abwesenheit seiner Mutter und Schwester benutzend , meine Hand ergriff und folgende Rede an mich richtete : » Ich gestehe Ihnen , meine Theure , daß ich vor ungefähr einer Woche an den König von Preußen geschrieben habe , um ihm meine Dienste anzutragen . Schon lange war dies mein geheimer Entschluß ; allein ehe ich ihn zur Ausführung bringen konnte , bedurfte es mehrerer Vorbereitungen , mit welchen ich erst jetzt zu Stande gekommen bin . Viele werden diesen Schritt tadeln ; allein ich bleibe ruhig , wenn ich weiß , daß Sie , meine Theure , nicht zu meinen Tadlern gehören . Sagen Sie selbst , ob mir etwas anderes übrig blieb ? Fünf und zwanzig Jahre alt , befinde ich mich in dem Wechselfall , entweder Civildienste zu nehmen , oder auf meine Güter zu gehen , wenn ich durchaus nicht Soldat werden soll . Civildienste - wohin können sie fuhren ? Meiner Berechnung nach nur zur Erbärmlichkeit . Jedes einzelne Geschäft , das man als Civilbeamter betreibt , vorausgesetzt , daß man nicht an der Spitze eines Departements steht , ist zuletzt nichts weiter , als eine anständigere Art von Besenbinderei , die , wie gut sie auch remunerirt werden mag , den inneren Menschen tödtet , indem sie den Staatsbürger belebt . Soll ich Prozesse instruiren , oder Landesverordnungen entwerfen , oder Kammerherrendienste thun ? Meine Kraft würde mich von jedem Subalternposten , den man mir geben könnte , verdrängen . Ich habe nicht Athem genug , die lange Dienstcarriere zu ertragen . Mich interessirt das in einander greifende staatsbürgerliche Leben , aber nur im Großen , nicht im Kleinen ; um das Detail lieb zu gewinnen , müßt ' ich vor allen Dingen meinem ganzen Wesen entsagen , d.h. aufhören , ein Edelmann zu seyn . Wahr ist , ich könnte mich auf meine Güter begeben und Herrscher in meinen eignen Staaten seyn . Aber zu welchem Zweck ? Meine Vorfahren haben genug erworben , um mich zufrieden zu stellen . Ich will erhalten , was auf mich vererbt worden ist ; aber ich will es weder vermehren , noch ängstlich darauf bedacht seyn , Schätze zu sammeln . Kommt Zeit , kommt Rath . Fürs Erste will ich mich zum Bewußtseyn meiner Existenz erheben ; und da dies nur im Felde möglich ist , so will ich in den Krieg ziehen . Mich lockt dazu vor allen Dingen die Größe des Helden , der unbezwungen gegen ganz Europa ankämpft . Je kritischer seine ganze Lage ist , desto stärker ist mein Beruf , ihn mit meinen Kräften zu unterstützen . Ich werde keinen materiellen Vortheil davon haben , das weiß ich vorher ; aber es wird mich in Athem setzen , und das ist mir genug . Werd ' ich meinen Wünschen gemäß angestellt , so komme ich in seine Nähe und finde Gelegenheit , den größten Charakter unseres Jahrhunderts zu studiren . Und was will ich mehr ? Der Rückzug auf meine Güter steht mir immer offen . Trete ich ihn nach einigen Jahren an , so habe ich , bis dahin wenigstens , mein Leben hoch ausgebracht und mich mit seltenen Erfahrungen bereichert . Diese Gründe , meine Theure , haben mich bestimmt . Sollten Sie etwas dagegen einzuwenden haben ? « Meine Antwort auf diese Frage war : » Sie haben sich , mein edler Freund , durch diese Analyse vor sich selbst zu rechtfertigen gesucht ; aber ich glaube nicht , daß es einer solchen Rechtfertigung bedarf . Es