Wärme nicht in ihm erlöschen können , und ob ich ihm gleich nur im Allgemeinen von Ihrer Flucht aus dem Kloster sprach , so hat ihn dies allein schon für Sie eingenommen . Dieser Mann , sagte Stephano , als sie auf dem Rückwege begriffen waren , ist eine ganz eigne fast in sich widersprechende Erscheinung . Entschiedner Feind alles geregelten Formellen , ist er dennoch bis zur Uebertreibung streng im Dienste . Hier allein gilt ihm die feststehende Ordnung über alles . Es ist als trenne er den Soldaten durchaus vom Menschen , und in dieser Abgeschlossenheit erscheint er selbst völlig ein Andrer . Es entspringt dies nicht etwa aus einer bestimmten Ansicht des Lebens und seiner Verhältnisse , in deren innere Tiefe einzudringen er als höchst trübselig und jedem ächten Genusse zuwider , verwirft . Es ist ihm wie sein übriges rücksichtsloses Wesen ganz natürlich , und er trägt es so wenig zur Schau , als daß er es verbirgt . Bei aller dieser scheinbaren Unbestimmtheit , sagte der Ritter , ist er der festeste , zuverläßigste Mann , der wohl eher fähig wär , äußere Wohlfahrt , Freiheit und Vaterland für den geliebten Freund hinzugeben , weshalb er auch dem düstern Herzog ewig fremd bleiben wird , der ihn nur auf das dringende Gesuch der Prinzessin Therese in seine Dienste nahm . - Sehr seltsam ist es , daß dieser leichtgesinnte Mann so ernsten tragischen Gemüthern das Daseyn gab . Jener Fernando Alvarez , dessen Namen Sie gestern hörten , war sein Sohn , und die schöne Rosalie , das einzige ihm gebliebene Kind , vertrauert ein blühendes Leben auf einem nahe gelegenen Landgute , wo sie seit dem Tode des Bruders fast Niemand als die Miranda sieht , deren Gespielin sie ehedem im Auslande war . Hat auch der Tod des Sohnes keinen tiefern Eindruck bei dem Grafen zurückgelassen ? fragte Rodrich . Nichts beschäftigt ihn dauernd , was seine äußere Thätigkeit hemmt , erwiederte der Ritter . Der erste Augenblick bewegte ihn gewaltsam , nur war der Schmerz , der sonst die Sinne lähmt , ihm ein neuer Sporn zu den kräftigsten Maßregeln , die erschütterte Familienruhe wiederherzustellen , und sich selbst Genugthuung zu verschaffen . Er bestand mit Nachdruck auf der Verbannung des Unglücklichen , der mit Rosaliens Liebe auch ihres Lebens Freude tödtete , und obgleich Ludovico des Herzogs Günstling war , so mußte sich dieser dennoch dem Willen eines Mannes fügen , der ihm in der mißlichen Lage seiner äußern Angelegenheiten unentbehrlich ist . Jetzt hat er seine ehemalige Heiterkeit unverändert wieder erlangt , und das Glück einer früher geschlossenen zweiten Verbindung mit einer überaus reizenden , ihm ganz gleich gesinnten Gattin , läßt ihn die Thränen der einsamen Tochter weniger empfinden , deren Schmerz er wie den Wahn einer frommen Träumerin schweigend ehrt . Doch hat er mehrmals versucht sie der Welt wiederzugeben , und er sagte mir heute , daß er Hoffnung habe , sie in kurzem hier in der Stadt zu sehen . Dies verdankt er wohl Miranda ' s zärtlichem Bemühen , sagte Stephano , die mit ihrer eignen Klarheit dies zerstörte Gemüth aufzuhellen strebt . Sie waren während dem zu des Grafen Wohnung gekommen . Stephano verließ sie hier , um den Mittag Rodrich mehrere Freunde zuzuführen , mit denen er in der Folge durch ein gleiches Verhältniß in nähere Verbindung treten sollte . Ein breiter Vorhof , den eine Reihe schattiger Platanen und hohe Vasen mit blühenden Sträuchern zu einem lustigen Garten bildeten , führte sie in einen offenen häuslich verzierten Saal . Die Arbeit der Gräfin , mehrere aufgeschlagene Bücher , eine Laute , alles lag hier zerstreut auf einem Ruhebette von indischem Zitz . Ein kleiner Tisch mit mehrern angefangnen Zeichnungen stand zunächst der Thür . Rodrich entdeckte sogleich einen schönen weiblichen Kopf , in welchem der Ritter Rosaliens Bild mit sichtlicher Bewegung erkannte . Die Gräfin , sagte er , seine Verlegenheit verbergend , hat viel Talent , sie zeichnet vortrefflich , spielt und singt auf die anmuthigste Weise , überall ist sie nie unbeschäftigt , nur schweift sie , wie eine Biene , von einer Blüthe zur andern . Sie ist sogleich übersättigt und der geliebte Gegenstand muß nicht selten das augenblickliche Entzücken , das er erregte , durch einen dauernden Widerwillen büßen . Diese Beweglichkeit , die sie im Ganzen äußerst anziehend macht , bezieht sich indeß nicht auf ihren Gemahl , dem sie mit unverletzter Treue zugethan bleibt . Auch Rosalien liebt sie zärtlich . Nur sind sie freilich durch die ganz entgegengesetzte Sinnesart von einander getrennt , und finden wenig Berührungspunkte im Leben . Während dem trat ein phantastisch gekleideter Knabe herein , und fragte mit vieler Zierlichkeit , ob sie bei der Gräfin vorgelassen zu werden wünschten . Rodrich blickte ihn befremdet an , allein der Ritter , nachdem er das Kind zurückgesandt , sagte lachend , es ist einer von Seraphinens launigen Einfällen , nur Kinder in ihrem Dienste zu dulden , die sie dann nach ihrem wechselnden Geschmack bald in dieser , bald in jener fremden Tracht auftreten läßt . Der Graf weidet sich an dieser schuldlosen Spielerei , und es ist in der That ein reizender Anblick , sie von den bunten Figürchen , wie fliegende Blumen , umschwirrt zu sehen , die sie mit wahrhafter Feengewalt belebt und ihnen eine ganz eigne Lieblichkeit mittheilt . Aber was wird aus den Unglücklichen , fragte Rodrich , wenn Ueberdruß und Langeweile sie aus ihrer Nähe verbannen ? Bis dahin läßt sie es nicht kommen , erwiederte der Ritter . Sie ist zu gut , um irgend jemand zu kränken , und da sie die Kleinen unaufhörlich unter der Anführung eines alten erfahrnen Aufsehers beschäftigt , so erwerben sie tausend Geschicklichkeiten , die sie zu ernstern Beschäftigungen fähig machen , wofür sie denn auch mütterlich sorgt , wenn sie heranwachsen und sie , wie sie sagt , mit ihren nüchternen Augen und schläfrigem Wesen zum Unwillen reizen . Rodrich blickte verlangend nach Seraphinens Zimmern . Er wäre lieber dem Knaben als dem Ritter gefolgt , der ihn ernstlich antrieb , zu dem wartenden Grafen zu eilen . Sie fanden ihn vor einer langen mit aufgerollten Karten bedeckten Tafel . Er durchflog die weiten Räume der Erde und entwarf manchen Plan , seinen Namen mit gewichtigem Arme auf die Nachwelt zu bringen , als Rodrich bescheiden vor ihn hintrat . Aller Stolz , alle Anmaßung verschwand beim Anblick des heitern benarbten Angesichts . Sobald ihn der Graf bemerkte , eilte er schnell auf ihn zu . Einen Augenblick betrachtete er ihn mit festem durchdringenden Blick , dann reichte er ihm vertraulich die Hand , indem er sagte : Seyn Sie willkommen , wenn der rechte Ernst und die rechte Lust Sie zu mir führen , und Sie das Soldatenleben von ganzer Seele lieben . Ich kenne wenig vom Leben , sagte Rodrich , allein mein Herz bewegt sich freudig beim Gedanken eines muthigen Streites , und ich kenne nichts herrlicheres , als dem Tode mit lebendigem , frischem Sinne zu trotzen . Ich gäbe allen ruhigen Genuß kommender Tage für einen herzhaften Kampf , der den ganzen Menschen durchglüht , so daß auch der Nüchterne seine göttliche Natur nicht verleugnet . Auf Rodrichs Stirn flammte die heilige Wahrheit dieser Worte . Der Ritter drückte ihn freudig an die Brust , und der Graf reichte ihm statt aller Antwort einen Degen , den Rodrich mit Stolz und Wehmuth empfing , und , die hervorbrechenden Thränen nicht verbergend , im Uebermaaß des Gefühls ausrief : heller Stahl , laß die Welt in deinem Glanze leuchten , oder trinke nie ruflos verspritztes Blut . Das ist der rechte Kriegersinn , sagte der Graf . Ich liebe Gemüther wie das , darum verehre ich Ihnen das erste Zeichen meiner Achtung . Solch ein Führer läßt Niemand sinken , und müßte er sich auch zuletzt gegen die eigne Brust wenden ; und glauben Sie mir , wer nur recht kräftig durch die Welt hingeht , mit Gefahr und Tod spielt , dem kann das Schicksal nicht viel anhaben , es ermüdet endlich vor der unerschütterlichen Heiterkeit , und läßt den Menschen sein stilles Glück genießen ! Rodrich war über den unschuldigen Sinn gerührt , der sicher nur das Rechte gewollt , und so von aller Bitterkeit und feindlichen Gesinnungen rein geblieben war . Sie sprachen bald weitläuftiger über das Nähere seiner künftigen Bestimmung , und der Graf sagte ihm : daß der Herzog , wenig Theil an der innern Oekonomie der Armee nehmend , ihm ziemlich freie Hand lasse , und er daher im Stande sey das Möglichste für ihn zu thun . Indessen müsse er ihn schon noch vorstellen , weil seine Vertraulichkeit mit Stephano und dem Ritter Aufsehen erregt und die leeren Köpfe hin und her bewegt habe , die in seiner Erscheinung etwas Geheimnißvolles und Wichtiges aufzufinden meinten . Vorläufig , fuhr er fort , werde ich Sie als Volontair bei meinem Regimente vorschlagen , wogegen der Herzog wohl nichts einwenden wird , wenn ich mich für Sie verbürge . Bis dies geschehen , und alles eingerichtet ist , müssen Sie sich möglichst zurückziehen . Sie dürfen nicht eher in die Welt treten , bis es mit allem Anstande und dem ihrer neuen Lage gebührenden Glanze geschehen kann . Noch Eins , fuhr er fort , als er in Rodrichs Miene eine ängstigende Verlegenheit wahrnahm : Sie sind wohl fremd mit den Bedürfnissen des Lebens ? wollen Sie sich mir anvertrauen , mich vor der Hand als Ihren Sachwalter annehmen , so tritt wohl einmal ein bequemer Zeitpunkt ein , wo wir mit einander Rechnung halten und Sie sehen werden , daß ich auch meinen Vortheil nicht dabei vergaß . Rodrich war unbeschreiblich gerührt . So väterlich hatte Niemand seit Eusebio ' s Tode mit ihm geredet . Er glaubte die geliebte Stimme wieder zu hören , und beugte sich voll heiliger Ehrfurcht über des Grafen Hand , der ihn umarmte und mit innerem Wohlbehagen in sein nasses Auge blickte . Wenn ich Sie nur erst in der Uniform auf einem raschen gewandten Pferde sehe ! hub er nach einer Weile an ; ja zu Pferde , da geht dem Krieger erst das rechte Leben auf , wenn er so über der Erde hinfliegt und Berge , Häuser und Bäume , alles ihm zu weichen scheint , und das wilde Thier sich unter ihm bäumt , und er es dennoch mit einem Fingerdruck regiert ; dann sieht er in Noth und Tod mit Stolz auf die Menschen nieder , die dem kühnen Reiter scheu ausweichen . Ich hatte einen Sohn , fuhr er mit bebender Stimme fort , nicht wahr Alexis , der verstand zu reiten ? Der Ritter bejahete es , wehmüthig lächelnd . Ja , ja , sagte der Graf , es löst sich manches schöne Band , darum muß man recht fest zusammen halten und die wenigen Tage heiter mit allem , was man liebt , verleben . Indem öffnete sich die Thüre schnell ; Seraphine trat mit einem aufgeschlagenen Brief herein . Nach einem flüchtigen Gruß , rief sie ihrem Manne freudig entgegen : Rosalie kömmt , Morgen ist sie hier und verspricht einige Zeit bei uns zu bleiben . Ich bin so voll von dieser Nachricht , daß ich schon das ganze Haus in Bewegung gesetzt habe ; die Zimmer nach der Wasserseite werden für sie eingerichtet , alles soll ein recht festliches , heiteres Ansehen bekommen ; ich denke , sie wird sich bald mit dem Leben versöhnen . Rodrich betrachtete , während sie sprach , die zierliche Gestalt , das feine blonde Haar , das sich um einen blendend weißen Nacken ringelte und zu der lieblichen Unordnung ihres ganzen Wesens im Einklange stand . Auch sie hatte mehrere male auf ihn hingeblickt , und die schönen Augen wendeten sich immer wieder , den Fremdling zu betrachten , der ihr wie alles Neue eine willkommne Erscheinung war . Der Graf , der Rosaliens Brief noch nicht gelesen hatte , gab ihn dem Ritter , indem er sagte : lies mir doch diese Zeilen , es wird dir ja auch wohl lieb seyn , zu wissen , was sie eigentlich zu uns führt ; und Sie , fuhr er fort , sich zu Rodrich wendend , nehmen auch unbekannt Theil an meinem Kinde . Rodrich neigte sich , und der Ritter las mit großer Bewegung folgendes : » Ich habe lange geglaubt , die Einsamkeit solle die wunde Brust heilen , aber ich fühl ' es wohl , seit mich die Liebe verließ und die Erde das treueste Herz verbirgt , mußte ich hier in Sehnsucht vergehen , wo sich alles so kalt und todt von mir abwendet . Wie manches habe ich versucht , die ewige Leere eines erschöpften Lebens auszufüllen . Ich wollte Blumen ziehen , Vögel abrichten , ach ! ich vergaß , daß keine Blume unter kranken Händen gedeihet , und keine Macht das Widerstrebende fesselt . Dann glaubte ich wieder , die zerstreueten Sinne sammeln und auf ernste Gegenstände lenken zu können . Ich flüchtete zu den Wissenschaften , aber die strengen Göttinnen verschließen sich dem Unheiligen , der sich ihnen nicht ungetheilt hingiebt . Und welche Kleinigkeiten zogen mich ab ! ein Wort , eine Aehnlichkeit des Lautes , ein groß gezeichneter Bubstab . Liebe , gütige Freundin , ich darf Ihnen diese Schwäche gestehen , Sie fanden wohl eher in Ihrem wohlwollenden Herzen Nachsicht für eine Unglückliche , die zu Ihnen zurückkehrt , um in dem rosigen Schein Ihres Himmels das eigne quälende Daseyn zu vergessen . - Ja , Liebe , ich verlasse aufs neue den selbstgewählten Zufluchtsort . Plötzlich treibt mich alles von hier weg . Mir ist nun , als könne ich auch nicht eine Stunde länger hier verweilen . Schon Morgen bin ich bei dem besten Vater , der das einzige Kind gern mit der alten Liebe aufnehmen und in seiner Nähe dulden wird . « Der Graf wandte sich gerührt ab , und Seraphine sagte mit ihrer gewohnten Heiterkeit : Ihr seht , wie sie selbst des lästigen Schmerzes müde , sich nach freudigem Genusse sehnt , und wie wenig es der langweiligen Verstellungen bedarf , um eines Menschen gesunde Natur hervorzurufen . Rosalie ist durch sich selbst geheilt , und es ist jetzt die Aufgabe , sie durch etwas Neues , Ungewohntes an die Gegenwart zu fesseln , um nach und nach alle trübe Erinnerungen in ihr zu verwischen . Es kommt darauf an , erwiederte der Ritter , wie nah ' oder fern ihr diese Gegenwart steht . Was sie jetzt zu uns führt , ist das unendliche Bedürfniß einer liebenden beweglichen Seele , die in Allem das entschwundene Glück aufsucht , und sich dann mit Schauder von dem abwendet , was sie am glühendsten umfaßte , weil sie nirgend das Alte wiederfindet . Wie sehr die scheinbare Veränderlichkeit auf der Oberfläche ihres Wesens spielt , sehen wir aus dem steten Zurückkehren zu dem einen herrschenden Gefühle . Was kann denn auch die Leere einer verödeten Brust erfüllen ! Ihr Leben wird unter einseitigen Versuchen und traurigen Behelfen verschwinden ! Nun wahrhaftig , sagte die Gräfin lachend , Ihre eigene Muthlosigkeit schreibt der armen Rosalie das Todesurtheil . Ich hege ganz andre Hoffnungen für sie . Freilich , wenn alle ihre Freunde so lässig und trocken da stehen , und Niemand recht herzhaft angreift , so kann ich sie nicht allein retten . Ihren Beistand , Alexis , darf ich nun schon gar nicht in Anspruch nehmen . Sie würden das Lustigste mit so feierlichen Sonntagsmienen und so trübseligem Ernst begleiten , daß ich wohl selbst davon angesteckt werden könnte . Ihr Spott , sagte der Ritter beleidigt , trifft mich mehr , als Sie es vielleicht wollen . Allein trauen Sie mir zu , daß ich ein verletztes Gemüth nicht zur Schau tragen , am wenigsten Ihre heitre Feste , schöne Gräfin , damit trüben werde . Der Graf faßte hier gutmüthig seine Hand , indem er sagte : Nimm nicht alles so ernst , was dort über die schönen Lippen fliegt , und mische keine Bitterkeit in die allgemeine Freude . Laß ihn nur , sagte Seraphine , er muß alle Tage einigemal so in sich selbst zurückgeschreckt werden , um dann wieder aus voller Seele lachen zu können . Der Zorn ist ihm eine heilsame Erschütterung , er ist nie witziger , als wenn der Ärger und die wiederkehrende Fröhlichkeit noch in ihm streiten . Und am Ende , fuhr sie fort , indem sie die kleinen Hände auf seine Schultern legte , müssen Sie mir es noch danken , daß ich Ihnen zeige , wie Sie sich selbst alles verderben , oft plötzlich den geebneten Weg durch einen muthwillig hingeworfenen Stein versperren , und alle kluge Maßregeln zu Schanden machen . Maßregeln kenne ich so wenig , als ängstliche Rücksichten , wenn es die Wahrheit meines Gefühls gilt , erwiederte der Ritter . Es ist die Frage , sagte die Gräfin , ob diese Wahrheit die rechte ist , und ob Sie durch sie zum Ziele gelangen . Das Erstre wohl ganz gewiß , entgegnete der Ritter , denn ich empfinde wirklich so , und nicht anders ; es möchte Ihnen bei allem Zauber weiblicher Beredsamkeit dennoch schwer fallen , mich vom Gegentheil zu überzeugen , und wenn das Zweite nicht die Folge des Vorhergehenden ist , so könnte es nur beweisen , daß ich überall ein falsches Ziel habe . Ich weiß , erwiederte Seraphine , Sie folgen den unmittelbaren Eingebungen . Für Sie ist das Licht des Verstandes eine überflüssige Zugabe , denn ein Gott hat Ihnen gegeben in die verborgene Tiefe zu schauen . Lassen Sie mich ausreden , fuhr sie schnell fort , als der Ritter im Begriff war zu antworten ; die Überlegung ist uns beiden gleich fremd , nur daß ich einzulenken verstehe , wenn ich den Blüthen des Augenblicks vorüberging , die Sie , nach der Frucht greifend , trotzig verschmähen . Die Frucht , erwiederte der Ritter , muß sich mir in der Blüthe offenbaren , sonst werfe ich den tauben Glanz hin . Und doch , entgegnete die Gräfin , wird Niemand gerade von diesem so sehr angezogen als Sie , der im einzelnen Moment höchst vornehm auf den Wahn befangener Gemüther blickt . Wie lange zählt Sie die kleine Prinzessin Elwira schon unter Ihre Verehrer , und Sie haben recht , wer wird auch den Blüthenstaub weghauchen , um zu sehen , was darunter liegt , nur seyn Sie überall derselbe , und fordern Sie heute nicht mehr von dem flüchtigen Lebensgenuß , als gestern . Ihr Muthwille , sagte der Ritter halb lachend halb erbittert , wird mich noch zur Verzweifelung bringen ! Wären Sie nicht so schön , oder ich keine Dame , fiel Seraphine ein , der blutigste Kampf könnte nur zwischen uns entscheiden . Gewiß lieber Alexis , fuhr sie fort , so herzlich gut ich Ihnen bin , so kann ich doch nie das Lachen lassen , wenn ich Sie so ernst und bedeutend über das Leben hinblicken , und gleichwohl in der nächsten Stunde durch höchst gewöhnliche Regungen gefesselt sehe . Nicht eine vorherrschende Stimmung ist bleibend bei Ihnen , so willig geben Sie sich dem bunten Spiele hin . Daß Sie recht haben , schöne Seraphine , unterbrach sie der Ritter , beweise ich jetzt . Allein wer beugt sich nicht vor solcher Gewalt . Und gewiß , ich muß es Ihnen danken , daß Sie mich eines so heitern Spieles würdigten . Der Graf , der Seraphinens kleinen Neckereien immer wohlgefällig zuhörte , erinnerte sich jetzt , daß es Zeit sey , mit Ernst für Rodrichs Zukunft zu denken , weshalb er auch sogleich zum Fürsten gehen , und ihn von dem Erfolg der Unterredung benachrichtigen wolle . Rodrich schied voll dankbarer Rührung und hingerissen von Seraphinens Lieblichkeit , deren Bild in Gestalt der flüchtigen Horen vor ihm hinschwebte . Sie waren noch nicht weit gegangen , als Stephano mit mehrern Offizieren zu ihnen stieß . Der Ritter schlug vor , den Tag bei ihm zuzubringen , was von Allen gern angenommen ward , da seine lebhafte Unterhaltung die kleine Gesellschaft schon jetzt beschäftigte , und eine freudige Bewirthung verhieß . Des Ritters Wohnung war mit mehrern Kunstwerken verziert , die er auf seinen Reisen sammelte . Rodrich bemerkte unter diesen ein Bild von der Hand seines Meisters , das er mehrere male nachgezeichnet hatte . Es war ein Einsiedler von überaus schönem Ansehen , der in einer dunkeln Höle vor einem Cruzifix kniete , von dessen Mitte ein Lichtstrahl ausging , und des Einsiedlers Gesicht wundervoll beleuchtete . Er hatte das Bild immer sehr lieb gehabt , und begriff nun , warum ihn der Anblick des Laokoon so bewegte ; es waren dieselben Züge , die hier nur weicher und verklärter erschienen . Während er nachdenkend da stand , trat Stephano zu ihm , und ergoß sich im Lobe des Künstlers , der die individuellste Wahrheit höchst poetisch aufgefaßt und lebendig dargestellt habe . Das Ganze , fuhr er fort , hat etwas sehr rührendes , um so mehr , da eine geschichtliche Wahrheit zum Grunde liegt , die uns sehr nahe angeht . Man sagt , es sey des Herzogs Vater , der ein früher gebrochenes Gelübde eines Lieblingssohnes nur durch die Entsagung der Welt zu lösen glaubte , und vor kurzem als Einsiedler starb . Dann freilich , sagte der Ritter lachend , geht er Ihnen nahe genug an . Rodrich fragte nach der Bedeutung dieser Worte , und erfuhr , daß Stephano ein natürlicher Sohn des Herzogs sey , der außer ihm keine Kinder habe . Mehrere der Anwesenden neckten ihn mit der vornehmen Geburt , und verhießen ihm hohe Würden , sogar die mögliche Nachfolge der Regierung . Er blickte indeß finster auf das Bild und beantwortete die Spöttereien mit einem erzwungenen Lächeln , das Rodrich unangenehm auffiel , den überall die ganze Unterhaltung ängstete , ohne daß er sich einen Grund anzugeben wußte . Der Ritter suchte indeß auf alle Weise wieder einzulenken , indem er die Unterhaltung auf die verschiedenartigsten Gegenstände führte , und sich selbst mit unerschöpflicher Fülle in Anekdoten und Geschichtchen ergoß . Stephano blieb dennoch verschlossen , und wenn Rodrich des Ritters Beweglichkeit anstaunte , so suchte er sie vergebens in dem Gleichmuth und der ruhigen Klarheit wieder , die er gestern bewunderte . Auch in seinen Freunden erkannte er ihn nicht , die allesammt willige Hörer aber schlechte Redner zu seyn schienen , und deren Verdienst wohl allein darauf beruhete , daß sie sich an ihn anzuschließen verstanden . Ein rüstiger Jüngling schien zwar mehr absichtlich als aus Beschränktheit zu schweigen , denn zuweilen drang ein ganz lustiger Einfall über den Ritter hervor , dessen lächerliche Seite er , wie die eines jeden Menschen , immer bereit war aufzufassen , ohne sich weiter um den Zusammenhang des Ganzen oder die innere Bedeutung zu bekümmern . Für ihn war die Sache , wie sie erschien , und so fand er überall Stoff zu unendlicher Belustigung . Er selbst war , wie Stephano sagte , ganz ohne Bildung , allein voll natürlicher Anlagen , die er sehr geschickt anwandte , die Schwächen Andrer herauszuheben , ohne daß sie es merkten . So wußte er dem Ritter eine Lieblingsgeschichte nach der andern abzulocken , während er die listigen Augen voll Begier auf seine Lippen heftete , und jedes Wort mit steigender Ungeduld zu erwarten schien , was diesen nur noch mehr anfeuerte und fast immer unaufhaltsam fortriß . Selbst Stephano , der ihn ganz genau kannte , ging nicht selten in die Falle , indem er durch ihn , der nicht ein Wort davon verstand , verleitet , alle seine spekulative Betrachtungen und scharfsinnige Definitionen zu Tage fördern mußte , wobei er mit großer Ruhe ganz fremde Dinge trieb und wenig auf ihn achtete . Die schuldlose , ja kindische Freude , mit welcher er dies versteckte Spiel immer auf ' s neue begann , reizten jeden zur Theilnahme , und ließ selbst den Angeführten ohne Bitterkeit . Rodrich gewann ihn bald lieb , und als der Wein die Gemüther freudiger stimmte , trat auch Stephano aus seiner trüben Laune hervor , und riß alles durch die Kraft und den Reichthum seiner ausströmenden Fröhlichkeit hin . Ja es war , als hätte er den Schmerz mit Gewalt niedergetreten und wollte jetzt allen Mächten des Schicksals zum Trotz den Himmel erstürmen . In dem allgemeinen Taumel zeigte er kühn die Gewandheit und Sicherheit seines Körpers . Mit einer Art von Wuth trug er ungeheure Lasten , maß im Sprunge einen Raum , vor dem jeder sich entsetzte , balanzirte Leichtes und Schweres gleich geschickt , kurz , er zwang seinen bewundernden Freunden neues Erstaunen und neue Achtung ab . Bald führte man auch muthige , schön verzierte Pferde auf den geräumigen Hof , und mancher , der nun erst an seinem Platze war , zeigte , wie selbst die flache Unbedeutenheit in der edlen Uebung freier Kräfte liebenswerth erscheine . Rodrichs Brust schwoll beim Anblick der herrlichen Thiere . Er konnte der Lust nicht widerstehen , und schwang sich auf einen nahstehenden Rappen , der hoch mit ihm in die Lust stieg und in weiten Sätzen fortsprengte . Rodrichs Muth wuchs mit jedem Augenblick , er faßte kühn die Zügel und flog im Kreise an seinen Freunden vorüber , deren lautes Bravo ihm wie Sphärenmusik erscholl . Schäumend stand das wilde Thier endlich auf seinen Wink , und Rodrich sah erstaunt den Grafen , dessen Ankunft er nicht bemerkt hatte , mit den freudigsten Mienen vor ihn hintreten und ihm ein versiegeltes Papier überreichen , indem er sagte : so gebe ich Ihnen mit doppelter Lust meines Fürsten Befehl und die Erfüllung meines herzlichsten Wunsches . Rodrich erbrach schnell das Siegel und das Offizierpatent sah ihm recht feierlich mit des Fürsten Unterschrift entgegen . Ganz außer sich vor Freude fiel er dem Grafen in die Arme , eilte dann zu Stephano , dem Ritter , den übrigen Offizieren ; alle umfaßte er in dem Augenblick mit gleicher Liebe , alle sollten gleich sehr empfinden , wie glücklich er war . Der Graf nahm ihn darauf sehr ernst bei der Hand und stellte ihn den Uebrigen in seiner neuen Würde vor ; allein er war viel zu bewegt , um ruhig unter Menschen auszuhalten . Er fühlte das , und erbat sich die Freiheit , diesen Abend allein zubringen zu dürfen . Der Graf gestattete ihm dies gern , nur , setzte er hinzu , müssen Sie mich morgen früh um 10 Uhr zum Herzoge begleiten , der Sie durchaus sehen will . Die wechselnden Bilder seines wunderbaren Lebens , Ahnungen einer hohen Geburt , einer glänzenden Zukunft , der er wie mit Zaubergewalt entgegen eilte , wachsender Stolz und sehnsüchtige Regungen , alles drängte Rodrich auf sein stilles Zimmer . Kaum war er indeß hier angelangt , so fand er es ganz seltsam , daß ihn die Freude von den Urhebern seines Glückes entfernt , hieher in die Einsamkeit trieb . Er begriff sich selbst nicht , da er bei allem dem den innigsten Drang nach Mittheilung und Liebe fühlte . Da gedachte er des zärtlichen Florio , und zog sein Bild aus den zusammengerollten Papieren hervor Ach , und wie ihn die weichen kindlichen Züge so unschuldig anblickten , hätte er in Thränen zerfließen mögen ; so , das fühlte er , hatte nie eines Menschen Auge sein Herz berührt . Was war des verständigen Stephano und des phantastischen Ritters augenblickliche Theilnahme gegen einen solchen Blick voll Liebe und unaussprechlicher Hingebung ! Er drückte das Bild an seine Brust und entschlief bald in der stillen Erinnerung seliger Kindheit . Als er am folgenden Morgen erwachte , glaubte er zu träumen oder in die Feenwelt versetzt zu seyn , als ein stattlicher Diener mit einem Kästchen voll reicher Kleider an seinem Lager stand , und ihn ehrerbietig fragte : ob er sich anzukleiden , und dann in die neue Wohnung einzuziehen befehle ? Rodrich fühlte nach einigem Besinnen die zarte Schonung des Grafen , und faßte sehr bald den Ton , der solchen Verhältnissen geziemt . Nach einigen Augenblicken stand er geschmückt , sich selbst unkenntlich , unaussprechlich schön da . Er wollte nun zum Wirthe gehen , um alles zu berichtigen , als dieser hereintrat , und ihm ein Packet mit Geld überreichte , das schon am vorigen Tage für ihn eingelaufen sey . Rodrich war nie so reich gewesen . Die Welt war in dem Augenblicke sein , und er verließ den Gasthof mit ganz andern Erwartungen , als er ihn vor einigen Tagen betrat . Zwar fiel es ihm wohl ein : ob das Glück nicht ermüden werde , ihn so ausgezeichnet zu begünstigen ? und ob er diese ungeahnete Lust nicht einst werde theuer büßen müssen ? Der Traum flog wieder an ihm vorüber und die bedeutsamen Bilder ängsteten ihn mehrere Augenblicke hindurch , doch siegte die frisch erblühete Hoffnung , und et eilte leicht und froh zu dem herzoglichen Schlosse , wohin ihn der Graf beschieden hatte . Wie er die breite Treppe hinauf stieg und ihn die weiten Säle mit ihrer alten gediegnen Pracht empfingen , überfiel ihn eine Angst , die er vergebens niederzukämpfen und den Stolz edler Naturen hervorzurufen bemühet war . Er ging unsicher durch die hohen Bogengänge , und blickte halb scheu , halb verlangend , nach der Erscheinung des gewaltigen Geistes , der hier thronte . Ein seiner Mann trat auf ihn zu , und bezeichnete ihm , durch eine offen stehende Gallerie , das Zimmer , wo ihn der Graf bereits erwarte . Er folgte der Weisung , und kam an einer Reihe ernster Gemälde vorüber , die allesammt in