werden würde , indem ein melancholischer Narr die possirlichste Person in einem Possenspiele abgäbe . - Die andere Puppe stößt Flüche aus , lästert sogar in Verzweiflung auf den Direktor , wobei den Zuschauern vor Lachen die Thränen aus den Augen stürzen . Zulezt faßt sie aber doch noch Hoffnung die Dame wiederzufinden , und beschließt wenigstens das ganze Theater zu durchsuchen . Der Hanswurst begleitet sie . Im dritten Akte erscheint die Kolombine wieder , und thut sehr schön mit der andern Brudermarionette , sie singen auch ein zärtliches Duett mit einander , und wechseln sodann die Ringe , worauf ein alter geschäftiger Pantalon mit Musikanten ankommt , die viel lustige Musik abspielen , wobei man nur allein die Töne nicht hört , was auf die Zuschauer einen sonderbaren Eindruck macht . Zulezt wird bei der stummen Musik getanzt , und der Pantalon macht recht gute Bemerkungen über sein musikalisches Gehör , vertheidigt auch das Mährchen , daß die Töne am Nordpole gefrören , und nur im warmen Süden wieder aufthaueten und hörbar würden . Das Alles ist so sonderbar , daß man schlechterdings nicht weiß , ob man ' s ernsthaft oder lustig nehmen soll ; einige gescheute Leute unter den Zuschauern halten ' s gar für toll . Als jene beiden ersten endlich zu Bette gegangen sind , kommt der Hanswurst mit dem andern Bruder wieder . Dieser spricht , wie er weite Reisen von einem Pole zum andern gemacht , und doch die Kolombine nicht gefunden , weshalb er verzweifeln und sich ums Leben bringen wollte . Der Hanswurst öffnet eine Klappe an der Brust der Marionette und findet wirklich jezt zu seinem Erstaunen ein Herz darin , worüber er besorgt wird und in der Angst mehrere gescheute Ideen bekommt , z.B. daß Alles in dem Leben , sowohl der Schmerz wie die Freude , nur Erscheinung sei , wobei nur blos das ein böser Punkt , daß die Erscheinung selbst nie zur Erscheinung käme , weshalb die Marionetten es denn auch niemals ahneten , daß man sie zum Besten hätte und blos zum Zeitvertreibe mit ihnen spielte , sondern sich vielmehr sehr ernsthafte und bedeutende Personen dünkten . - Er will ihm darauf das Wesen einer Marionette selbst begreiflich machen , konfundirt sich aber beständig dabei , und steht nach einer langen sehr drolligen Rede wieder am Ende da , wo er anfing . - Nun lachte er in der Stille hämisch ins Fäustchen und geht ab . - Im vierten Akte treffen die beiden Brüder zusammen , und indem der mit dem Herzen redet , werden plötzlich die stummen Töne aus dem vorigen Akte hörbar , und begleiten die Worte , worüber der Bruder ohne Herz ganz konfus wird . Arlequin kommt nun auch dazu und spottet über die Liebe , weil sie keine heroische Empfindung sei , und nicht für das allgemeine Beste benuzt werden könne . Er fordert auch den Direktor auf , sie für die Folge ganz abzuschaffen , und reine moralische Gefühle bei seiner Truppe einzuführen . Zulezt dringt er auf eine Revision des Menschengeschlechts und auf einige höchstnöthige Weltreparaturen ; besteht auch sehr trozig darauf zu wissen , weshalb er den Narren eines ihm unbekannten Publikums abgeben müsse . Nun wird eine tragische Situation sehr schlecht ausgeführt . Die schöne Kolombine erscheint nemlich , und als der Bruder ohne Herz sie dem andern als seine Gemahlin vorstellt , fällt dieser ohne ein Wort zu sagen , höchst ungeschickt , mit dem hölzernen Kopfe auf einen Stein . Jene beiden laufen fort , um Hilfe zu senden ; der Hanswurst aber hebt ihn auf und indem er ihm die blutige Stirn abwischt , bittet er ihn ganz gelassen , daß , weil es keine Dinge an sich gäbe , er sich den Stein , so wie die ganze Geschichte lieber aus dem Kopfe schlagen möge . Auch lobt er den Direktor , daß er das griechische Fatum abgeschaft und dafür eine moralische Theaterordnung eingeführt habe , nach der Alles zulezt sich gut auflösen müsse . Der lezte Akt ist nun gar zum Todtlachen . Erst werden alberne Walzer gespielt , um die Gemüther zu besänftigen ; dann erscheint die Marionette mit dem Herzen , und beweiset der Kolombine durch Syllogismen und Sophismen , daß der Direktor die Puppen vertauscht , und sie , in einem Irrthume , seinem Bruder zur Gemahlin gegeben , da sie doch dem komischen Ausgange des Stücks gemäß , ihm selbst gehöre . Die Kolombine scheint ihm zu glauben , will aber doch aus Moralität und Achtung gegen den Marionettendirektor es nicht gehabt haben , worauf er in Verzweiflung geräth und kurze Anstalt sie zu entführen macht . Sie stößt ihn verächtlich zurück , da gebehrdet er sich wie ein Rasender , rennt die hölzerne Stirn gegen die Wand , und wendet die Assonanz in U an . Zulezt stürzt er fort , und schleudert nur noch den schönen Pagen aus dem zweiten Akte , der eben schlaftrunken , im Nachtkleide , vorübergehen will , in das Zimmer , das er hinter sich zuschließt . Nach einer kurzen Pause erscheint er wieder mit der Bruder-Marionette , die einen gezogenen Degen in der Hand hält , und nach einer kurzen steifen Tirade , erst den Pagen , dann die Kolombine und endlich sich selbst niederstößt . Der Bruder steht ganz stier und dumm unter den drei hölzernen Puppen , die rings umher auf der Erde liegen ; dann greift er , ohne ein Wort weiter zu sagen , ebenfalls nach dem Degen , um auch sich selbst , zu guter lezt , hinterherzusenden ; doch in diesem Augenblicke reißt der Drath , den der Direktor zu starr anzieht , und der Arm kann den Stoß nicht vollführen und hängt unbeweglich nieder ; zugleich spricht es wie eine fremde Stimme aus dem Munde der Puppe und ruft : Du sollst ewig leben ! - Nun erscheint der Hanswurst wieder um ihn zu besänftigen und zu trösten , führt auch unter andern , als er es gar zu arg macht , ärgerlich an , wie albern es sei , wenn es einer Marionette einfiele über sich selbst zu reflektiren , da sie doch blos der Laune des Direktors gemäß , sich betragen müsse , der sie wieder in den Kasten lege , wenn es ihm gefiele . Dann sagt er auch manches Gute über die Freiheit des Willens und über den Wahnsinn in einem Marionettengehirne , den er ganz realistisch und vernünftig abhandelt ; alles das um der Puppe zu beweisen , wie toll es eigentlich von ihr sei dergleichen Dinge sehr hoch zu nehmen , indem alles zulezt doch auf ein Possenspiel hinausliefe , und der Hanswurst im Grunde die einzige vernünftige Rolle in der ganzen Farce abgäbe , eben weil er die Farce nicht höher nähme als eine Farce . « Hier hielt der Mann einen Augenblick inne , und sagte dann in recht lustig wilder Laune : » Da hast du das ganze Fastnachtsspiel , worin ich selbst den Bruder mit dem Herzen dargestellt habe . Ich finde es übrigens recht wohl gethan , seine Geschichte so in Holz zu schnizzen und abzuspielen , man kann dabei recht boshaft sein , ohne daß die Moralisten etwas dagegen einwenden , und es eine Lästerung heißen dürfen . Auch erscheint alles recht erhaben unmotivirt , wie es doch in den ursprünglichen Verhältnissen wirklich ist , obgleich wir albernen Menschen im Kleinen gern motiviren mögen , dagegen unser Director es gar nicht thut , und keine Rechenschaft giebt , weshalb er so manche verpfuschte Rolle , wie ich z.B. eine bin , in seinem Fastnachtsspiele nicht ausstreichen will . O schon seit vielen Menschenaltern habe ich mich bestrebt aus dem Stücke herauszuspringen , und dem Direktor zu entwischen , aber er läßt mich nicht fort , so pfiffig ich es auch anfangen mag . Das Überdrüßigste dabei ist die Langeweile , die ich immer mehr empfinde ; denn du sollst wissen , daß ich hier unten schon viele Jahrhunderte als Akteur gedient habe , und eine von den stehenden italienischen Masken bin , die gar nicht vom Theater herunterkommen . « » Ich hab ' s auf alle Weise versucht . Anfangs gab ich mich bei den Gerichten an , als großen Bösewicht und dreifachen Mörder ; sie untersuchten ' s und thaten endlich den Ausspruch : ich müsse leben bleiben , indem sich aus meiner Defension ergäbe , wie ich nicht in bestimmten und ausdrücklichen Worten den Mord beauftragt , und er mir nur höchstens als eine geistige Handlung zuzurechnen sei , die nicht vor ein forum externum gehöre . Ich verwünschte meinen Defensor , und die Folge war ein leichter Injurienprozeß , womit man mich laufen ließ . « » Darauf nahm ich Kriegsdienste , und versäumte keine Schlacht ; doch zeichnete das Schicksal meinen Namen auf keine einzige Kugel , und der Tod umarmte mich auf der großen Wahlstätte unter tausend Sterbenden , und zerriß seinen Lorbeerkranz , um ihm mit mir zu theilen . Ja ich mußte nun gar in dem verhaßten Drama eine glänzende Heldenrolle übernehmen , und verwünschte knirschend meine Unsterblichkeit , die mir auf allen Seiten in den Weg trat . « » Tausendmal sezte ich den Giftbecher an die Lippen , und tausendmal entstürzte er der Hand , ehe ich ihn leeren konnte . Zu jeder Mitternachtsstunde trete ich , wie die mechanische Figur an dem Zifferblatte einer Uhr , aus meiner Verborgenheit hervor , um den Todesstoß zu vollführen , gehe aber jedesmal , wenn der lezte Schlag verhallt ist , wie sie , zurück , um so fort ins Unendliche wieder zu kehren und abzugehen . O wüßte ich nur dieses immerfort sausende Räderwerk der Zeit selbst aufzufinden , um mich hinein zu stürzen und es auseinander zu reißen , oder mich zerschmettern zu lassen . Die Sehnsucht diesen Vorsaz auszuführen bringt mich oft zur Verzweiflung ; ja ich mache selbst wie im Wahnsinne tausend Plane es möglich zu machen - dann schaue ich aber plözlich tief in mich selbst hinein , wie in einen unermeßlichen Abgrund , in dem die Zeit , wie ein unterirdischer nie versiegender Strom dumpf dahin rauscht , und aus der finsteren Tiefe schallt das Wort ewig einsam herauf , und ich stürze schaudernd vor mir selbst zurük , und kann mir doch nimmer entfliehen . « - Hier endete der Mann , und in mir stieg die heiße Sehnsucht auf , dem armen Schlaflosen das wohlthätige Opium mit eigener Hand zu reichen , und ihm den langen süßen Schlaf , nach dem sein heißes überwachtes Auge vergeblich schmachtete , zuzuführen . Doch fürchtete ich , daß in dem entscheidenden Augenblicke sein Wahnsinn von ihm weichen könnte , und er , sterbend , das Leben , eben um der Vergänglichkeit willen , wieder liebgewinnen mögte . O , aus diesem Widerspruche ist ja der Mensch geschaffen ; er liebt das Leben um des Todes willen , und er würde es hassen , wenn das , was er fürchtet , vor ihm verschwunden wäre . So konnte ich nichts für ihn thun , und überließ ihn seinem Wahnsinn und seinem Schicksale . Fünfte Nachtwache Die vorige Nachtwache währte lange , die Folge war , wie bey Jenem , Schlaflosigkeit , und ich mußte den hellen prosaischen Tag , den ich sonst meiner Gewohnheit gemäß , wie die Spanier , zur Nacht mache , durchwachen , und mich in dem bürgerlichen Leben und unter den vielen wachen Schläfern langweilen . Da konnte ich nun nichts bessers thun , als mir meine poetisch tolle Nacht in klare langweilige Prosa übersetzen , und ich brachte das Leben des Wahnsinnigen recht motivirt und vernünftig zu Papiere , und ließ es zur Lust und Ergözlichkeit der gescheuten Tagwandler abdrucken . Eigenlich war es aber nur ein Mittel mich zu ermüden , und ich wollte es in dieser Nachtwache mir vorlesen , um nicht zum zweitenmale mit der Prosa und dem Tage mich einlassen zu müssen . Das geschieht denn auch nun jezt ganz plan , wie folget : » Don Juans Vaterland war das heiße glühende Spanien , in dem Bäume und Menschen sich weit üppiger entfalten und das ganze Leben ein feurigeres Kolorit annimmt . Nur er allein schien wie ein nordischer Felsen in diesen ewigen Frühling versezt zu sein , er stand kalt und unbeweglich da und nur dann und wann lief ein Erdbeben unter ihm hin , daß sie erschraken , und es ihnen unheimlich in seiner Nähe wurde . Sein Bruder Don Ponce dagegen war jungfräulich mild , und wenn er sprach , blüheten seine Worte in Blumen auf und schlangen sich um das Leben , durch das er wie durch einen grün verhüllten Zaubergarten hinwandelte . Alle liebten ihn ; Juan haßte ihn nicht , aber sein Ausdruck war ihm zuwider , weil er nichts ruhig und groß zu nehmen wußte , sondern alles durch überladene Verzierungen verkleinerte , und überall seine bunten Schnörkel zuvor anpinseln mußte , um sich die Dinge gefällig zu machen , wie schlechte Poeten , die die üppig reiche Natur noch zum zweitenmale auszuschmücken versuchen , statt eine neue selbstständige , durch eigene Kraft zu erschaffen . Ohne Theilnahme lebten sie bei einander , und wenn sie sich umarmten , so schienen sie wie zwei erstarrte Todte auf dem Bernhard Brust gegen Brust gelehnt , so kalt war es in den Herzen , in denen weder Haß noch Liebe herrschte ; nur Ponce hielt ihre unbeweglich lächelnde Maske vor das Gesicht und verschwendete viel freundliche Worte bei einem reinen angenehmen Vortrage ohne genialische Härten und herzliche Rohheit . Juan wurde dann nur spröder und zurückstoßender und dieser strenge Norden wehete feindlich in den milden Süden daß die erkünstelten Blumen schnell entblätterten . Das Schicksal schien sich zu erzürnen über die Gleichgültigkeit zweier verwandten Herzen , und es warf tückisch Haß und Aufruhr zwischen sie , damit sie , die die Liebe verschmäht hatten , als zornige Feinde sich einander nähern möchten . - Es war zu Sevilla als Juan untheilnehmend einem Stiergefechte beiwohnte . Sein Blick schweifte von dem Amphitheater ab , über die über einander emporsteigenden Reihen der Zuschauer , und haftete weniger bei der lebenden Menge als den bunten phantastischen Verzierungen und den gestickten Teppichen die die Balustraden bedeckten . Endlich wurde er auf eine einzige noch leere Loge aufmerksam , und er starrte mechanisch dahin , wie wenn hier erst der Vorhang des wahren Schauspiels für ihn sich heben würde . Nach einer langen Pause erschien eine einzelne ganz in schwarze Schleier gehüllte hohe weibliche Gestalt , und hinter ihr ein bildschöner Page , der durch den ausgespannten Sonnenschirm sie vor der Hitze schüzte . Sie blieb unbeweglich auf der Tribune stehen , und eben so unbeweglich stand ihr Juan gegenüber ; es war ihm als wenn das Räthsel seines Lebens hinter diesen Schleiern verborgen wäre , und doch fürchtete er den Augenblick wenn sie fallen würden , wie wenn ein blutiger Bankos Geist sich daraus erheben sollte . Endlich war der Moment gekommen , und wie eine weiße Lilie blühete eine zauberische weibliche Gestalt aus den Gewändern auf , ihre Wangen schienen ohne Leben und die kaum gefärbten Lippen waren still geschlossen ; so glich sie mehr dem bedeutungsvollen Bilde eines wunderbaren übermenschlichen Wesens , als einem irdischen Weibe . Juan fühlte zugleich Entsetzen und heiße wilde Liebe , es verwirrte sich tief in ihm , und ein lauter Schrei war die einzige Äusserung die seinem Munde entfuhr . Die Unbekannte blickte rasch und scharf nach ihm hin , warf in demselben Augenblicke die Schleier über , und war verschwunden . Juan eilte ihr nach , und fand sie nicht . Er durchstrich Sevilla - vergeblich ; Angst und Liebe trieben ihn fort und wieder zurück , doch aber erschien ihm oft in einzelnen schnell vorüberfliegenden Sekunden der Augenblick in dem er sie finden würde eben so entsezlich als erwünscht ; er bemühete sich diese Ahnung nur ein einzigesmal festzuhalten um sie zu begreifen , aber sie rauschte jedesmal wie ein nächtlicher Traum schnell an ihm vorüber , und wenn er sich besann war es wieder dunkel und Alles in seinem Gedächtnisse ausgelöscht . - Dreimal hatte er ganz Spanien durchkreiset , ohne das blasse Antlitz wieder zu treffen , das tödtlich und liebend zugleich in sein Leben zu schauen schien ; endlich trieb ihn ein unwiderstehliches Heimweh nach Sevilla zurück ; und der erste der ihm dort begegnete , war Ponce . Beide Brüder schienen vor einander zu erschrecken , denn beide waren einander fremd bis zum Räthsel geworden . Juans Härte war verschwunden und er stand ganz in Flammen wie ein Vulkan , durch dessen tausendjährige Schichten das innere Feuer sich mit einemmale Luft machte ; aber in seiner Nähe schien es jezt nur um so gefährlicher . Ponces ehmalige Milde dagegen war zu Sprödigkeit geworden , und er stand kalt neben dem glühenden Bruder da , aller falscher Flitter war von seinem Leben abgefallen , und er glich einem Baume der seines vergänglichen Frühlingsschmuckes beraubt , die nackten Äste starr und verworren in die Lüfte ausstreckt . - So entzündet derselbe Blizstrahl einen Wald daß er tausend Nächte hindurch den Horizont beleuchtet , indeß er flüchtig über die Heide hinfährt und nur die spärlichen Blumen versengt daß sie verdorren und keine Spur zurücklassen . Kalt höflich bat Ponce Don Juan ihn zu seiner Wohnung zu begleiten , damit er ihm seine Gemahlin vorstellen könne . Juan folgte mechanisch . Es war eben die Zeit der Siesta ; die Brüder traten in einen von dichtem Weinlaube umhüllten Pavillon - da ruhete an einem marmornen Denksteine eben die blasse Gestalt schlummernd und unbeweglich , neben dem steinernen Genius des Todes , dessen umgestürzte Fackel ihre Brust berührte . Juan stand starr und eingewurzelt , die finstere Ahnung stieg rasch vor seinem Geiste auf und verschwand nicht wieder , und wurde furchtbar deutlich , wie das sich plözlich auflösende Räthsel des Oedipus . Dann verließen ihn die Sinne , und er sank bewußtlos auf den Stein nieder . Als er wieder erwachte , fand er sich allein , und nur der stumme ernste Jüngling war bei ihm zurük geblieben . Sturm und Aufruhr im Innern , stürzte er hinaus ins Freie . - Und alles war um ihn her verwandelt und anders worden ; die alte Zeit schien sich wiederzugebähren , und das graue Schicksal erwachte aus seinem tiefen Schlafe , und herrschte wieder über Erde und Himmel . Eine Furie verfolgte ihn , wie den Orestes , auf jedem Schritte , und hob oft tückisch das Schlangenhaar , und zeigte ihm ihr schönes Antliz . - Ponce mußte auf längere Zeit Sevilla verlassen , da schlich Don Juan aus seiner tiefen Verborgenheit hervor , wie ein lichtscheuer Verbrecher . In seiner Seele war alles fest und entschieden , doch floh er seinen eigenen Umgang , um dem dunkeln Gefühle keine Worte zu geben , und sich nicht gegen sich selbst erklären zu müssen . So suchte er , gegen sich geheimnißvoll , Ponces Landgut auf , und trat in Donna Ines Zimmer ; sie erkannte ihn rasch , und die weiße Rose blühete zum erstenmale roth und glühend auf , und die Liebe belebte Pygmalions kaltes Wunderbild . Die Abensonne brannte durch Laub und Blüthen , und Ines schob kindlich schuldlos den Wangenpurpur dem Himmelsfeuer zu , das sie anstrahlte : dann ergriff sie bebend die Harfe , und wie Juan ihr Spiel mit der Flöte begleitete , hub das verbotene Gespräch ohne Worte an , und die Töne bekannten und erwiederten Liebe . So bliebs bis Juan kühner wurde , die mystische Hieroglyphe verschmähete , und die schöne geheimnißvolle Sünde in heller Rede offenbarte . Da schwand die Dämmerung vor der Unschuldigen , sie schien erst jezt wie durch einen feindlichen Fackelglanz alles um sich her zu erkennen , und nannte zum erstenmale schaudernd und erschrocken den Namen » Bruder ! « Die Sonne ging in demselben Augenblicke unter , und das eben noch gefärbte Antliz war schnell wieder blaß wie zuvor . Juan verstummte ; Ines zog die Klocke , und eben jener Page , schön wie der Liebesgott , trat in das Zimmer . - Juan entfernte sich ohne ein Wort zu reden . Es war schon ganz finster draußen im Walde , er schritt gedankenlos vor sich hin , plözlich stand Don Ponce dicht vor ihm , rasch zog er den Dolch und führte wild den Stoß , - jezt kam er zur Besinnung ; der Dolch stekte tief in dem Stamme eines Baumes , und nur seine Phantasie hatte den Brudermord begangen . Ponce kehrte endlich zurück , aber Ines gedachte der Stunde nicht gegen ihn , und verhüllte Liebe und Vergehen tief in ihre Brust . Juan haßte den Tag , und lebte von jezt an nur in der Nacht , denn was in ihm vorging war lichtscheu und gefährlich . Sobald es finster wurde wandelte er jedesmal von dem Orte seines Aufenthalts hin nach Ponces Landgute , und blikte nach Ines Fenstern , doch wenn der Morgen wieder grauete , entfernte er sich wild und grollend . Einmal sah er Ines und den Pagen beim Lichtscheine , und seine Phantasie schuf ein Mährchen , wie Ines ihn , des Jünglings wegen , zurückgesezt habe , und nur diesem die süßen Stunden der Nacht heimlich weihe ; da schwur er in wilder Eifersucht dem schönen Knaben den Tod , und beschloß die erste Gelegenheit zur Ausführung zu ergreifen . - Das Licht auf ihrem Zimmer erlosch nicht , er wähnte den Pagen noch immer an ihrer Seite , harrte bebend vor Wuth und Liebe bis zur Mitternachtsstunde , dann schlich er , seiner nicht mehr mächtig , ein halb Wahnsinniger , hervor bis zur Thür des Hauses und fand sie nur angelehnt . Mit ungewissen wankenden Schritten ging er vor sich hin , und kam vor Ines Zimmer - ein rascher Druck , und es war geöffnet . Da lag die Blasse wieder wie an dem Sarkophage , das Nachtgewand war nur leicht um sie her gewunden , und in das Saitenspiel , das sie , noch schlummernd , an die Brust lehnte , schlangen sich braune Lockenkränze . Juans Lippen entfuhr unwillkührlich der Name seines Bruders , da glaubte er plözlich in der Schlafenden die Furie zu erblicken , die zwischen ihnen beiden aufgestiegen , und die Locken die das schöne Antliz umwallten , schienen sich in Schlangen zu verwandeln . Dann war sie aber wieder das Weib seiner Liebe , und er sank , außer sich , zu ihren Füßen nieder , und drükte seine heißen Lippen in ihre Brust . Sie taumelte erschrocken empor , erkannte ihn beim Scheine des Nachtlichts , stieß ihn mit heftiger Kraft von sich , und ihr Blik drückte Schauder und Entsezen aus . Der einzige Blick zerschmetterte ihn , doch erhob sich schnell sein böser Dämon , und er stürzte fort , bewußtlos was er thun wollte - ein blutiger Vorsatz lag dunkel vor seiner Seele . Von dem Geräusche erweckt taumelte der Page schlaftrunken aus einem Zimmer im Vorsaale , er ergriff ihn und sagte rasch : » Deine Gebietherin verlangt nach dir , sie will in die Frühmesse ! « Der Page rieb sich die Augen , er blikte ihm nach , und sah noch wie er in Ines Zimmer verschwand . Das Schicksal hatte die Katastrophe tückisch vorbereitet ; Don Juan fand des Bruders Schlafgemach , riß ihn aus dem ersten Schlummer , und rief ihm die Untreue seines Weibes zu . Ponce fuhr rasch auf und wollte Erklärung , aber er zog ihn heftig mit sich fort , und drükte ihm nur auf dem Wege seinen Dolch in die Hand ; dann schob er ihn in das Zimmer . Es war todtenstill um Don Juan , er stand furchtbar einsam in der Nacht , und suchte zähneklappernd in dumpfer Angst die eben weggegebene Waffe . Jezt entstand ein Geräusch und die Thür flog wie von selbst aus den Angeln . Da wurde das schrekliche Nachtstück beleuchtet . Der schöne Knabe lag schon im festen Todesschlummer auf dem Boden , und aus Ines Brust floß der purpurrothe Strom , und haftete auf dem schneeweißen Schleier wie vorgestekte Rosen . Juan stand starr wie eine Bildsäule ; Ines blikte ihn fest an , aber die blasse Lippe blieb geschlossen und enthüllte nichts , dann senkte sich der tiefe Schlaf sanft über ihre Augen . Als sie starb erwachte erst Ponce , und er schien jezt zum erstenmale zu lieben , weil er die Liebe verlohr , und ein liebendes Herz zu fühlen , um es zu durchbohren . Er vermählte sich still wieder mit Ines . Don Juan stand stumm und wahnsinnig unter den Todten . Sechste Nachtwache Was gäbe ich doch darum , so recht zusammenhängend und schlechtweg erzählen zu können , wie andre ehrliche protestantische Dichter und Zeitschriftsteller die groß und herrlich dabei werden , und für ihre goldenen Ideen goldene Realitäten eintauschen . Mir ists nun einmal nicht gegeben , und die kurze simple Mordgeschichte hat mich Schweiß und Mühe genug gekostet , und sieht doch immer noch kraus und bunt genug aus . Ich bin leider in den Jugendjahren und gleichsam im Keime schon verdorben , denn wie andere gelehrte Knaben und vielversprechende Jünglinge es sich angelegen sein lassen immer gescheuter und vernünftiger zu werden , habe ich im Gegentheile stets eine besondere Vorliebe für die Tollheit gehabt , und es zu einer absoluten Verworrenheit in mir zu bringen gesucht , eben um , wie unser Herrgott , erst ein gutes und vollständiges Chaos zu vollenden , aus welchem sich nachher gelegentlich , wenn es mir einfiele , eine leidliche Welt zusammen ordnen ließe . - Ja es kommt mir zu Zeiten in überspannten Augenblicken wohl gar vor , als ob das Menschengeschlecht das Chaos selbst verpfuscht habe , und mit dem Ordnen zu voreilig gewesen sei , weshalb denn auch nichts an seinen gehörigen Platz zu stehen kommen könne , und der Schöpfer bald möglichst dazu thun müsse die Welt , wie ein verunglücktes System auszustreichen und zu vernichten . - Ach , diese fixe Idee ist mir übel genug bekommen , und hätte mich selbst beinahe einmal um mein Nachtwächteramt gebracht , indem es mir in der letzen Stunde des Säkulums einfiel mit dem jüngsten Tage vorzuspuken und statt der Zeit die Ewigkeit auszurufen , worüber viele geistliche und weltliche Herren erschrocken aus ihren Federn fuhren und ganz in Verlegenheit kamen , weil sie so unerwartet nicht darauf vorbereitet waren . Drollig genug machte sich die Szene bei diesem falschen jüngsten Tages Lerm , wobei ich den einzigen ruhigen Zuschauer abgab , indeß alle Anderen mir als leidenschaftliche Akteurs dienen mußten . - O man hätte sehen sollen was das für ein Getreibe und Gedränge wurde unter den armen Menschenkindern und wie der Adel ängstlich durch einanderlief , und sich doch noch zu rangiren suchte vor seinem Herrgott ; eine Menge Justiz - und andere Wölfe wollten aus ihrer Haut fahren und bemüheten sich in voller Verzweiflung sich in Schaafe zu verwandeln , indem sie hier den in feuriger Angst umherlaufenden Wittwen und Waisen große Pensionen aussezten , dort ungerechte Urtheile öffentlich kassirten und die geraubten Summen wodurch sie die armen Teufel zu Bettlern gemacht hatten , sogleich nach Ausgang des jüngsten Tages zurück zu zahlen gelobten . So manche Blutsauger und Vampyre denunciirten sich selbst als Hängens und Köpfens würdig und drangen darauf , daß noch in der Eile hier unten ihr Urtheil an ihnen vollzogen würde , um die Strafe von höherer Hand von sich abzuwenden . Der stolzeste Mann im Staate stand zum erstenmale demüthig und fast kriechend mit der Krone in der Hand und komplimentirte mit einem zerlumpten Kerl um den Vorrang , weil ihm eine hereinbrechende allgemeine Gleichheit möglich schien . Ämter wurden niedergelegt , Ordensbänder und Ehrenzeichen eigenhändig von ihren unwürdigen Besitzern abgelöset ; Seelenhirten versprachen feierlich künftighin ihren Heerden neben den guten Worten noch obendrein ein gutes Beispiel in den Kauf zu geben , wenn der Herrgott nur diesesmal es noch beim Einsehen bewenden ließe . O was kann ichs beschreiben wie das Volk vor mir auf der Bühne in und durcheinander lief und in der Angst betete und fluchte und jammerte und heulte ; und wie jeglicher Maske auf diesem zusammengeblasenen großen Balle , die Larve von dem Antlitze fiel und man in Bettlerkleidern Könige und umgekehrt , in Ritterrüstungen Schwächlinge und so fast immer das Gegentheil zwischen Kleid und Mann entdeckte . Es freute mich daß sie lange vor übergroßer Angst das Zögern der himmlischen Kriminaljustiz gar nicht bemerkten , und die ganze Stadt Zeit hatte , alle ihre Tugenden und Laster aufzudecken und sich gleichsam vor mir , ihrem lezten Mitbürger , völlig zu entblößen . Das einzige geniale Stückchen verübte ein satirischer Bube , der schon vorher aus Langerweile entschlossen war in das neuen Säkulum nicht mit hinüberzuwandern , und jezt in der letzten Stunde des alten sich erschoß , um den Versuch zu machen ob in diesem Indifferenzmomente zwischen Tod und Auferstehen , das Sterben noch auf einen Augenblick möglich sei , damit er nicht mit der ganzen übergroßen Lebenslangeweile in die Ewigkeit ohne weiteres hinübermüsse . Außer mir gab es übrigens nur noch eine ruhige Person , und zwar den Stadtpoeten , der aus seinem Dachfenster trotzig in das Michel Angelos Gemälde hinabschauete , und auf seiner poetischen Höhe auch das Weltende poetisch nehmen zu wollen schien . Ein Astronom nahe bei mir merkte endlich an , daß dieser große actus solennis sich doch etwas zu lange verzögere und daß das feurige Schwerdt im Norden , statt des Gerichtsschwertes auch wohl nur als ein bloßer Nordschein zu nehmen sei . In diesem entscheidenden Momente , da schon einige von den Schächern die Köpfe wieder empor recken wollten , hielt