denn auch er war grad ' und bieder ; seine Bescheidenheit war wirkliche Bescheidenheit , nicht Linksheit oder Blödigkeit , die jungen Männern ohne Gewandheit und Talent zum geselligen Leben , so oft den Ruf der Bescheidenheit zu Wege bringen . Albertinens Umgang nicht zu entbehren , hatte er es sich gefallen lassen , ein Mitglied des ridicülen Klubs zu seyn , wobei ihm aber nicht lange gestattet war , eine müßige Rolle zu übernehmen . Ein jeder sollte etwas vorzulesen bringen , und Wassermann bestand mit so stark vorblickendem hämischen Triumph . Albert solle eigne Arbeit produziren , daß dieser sich endlich etwas finster und drohend entschloß , folgendes Mährchen der Gesellschaft zum Besten zu geben : Prinzessin Gräcula . Ein Mährchen . In dem weiten Gebiete der Phantasie lag ein großes , großes Königreich , welches noch kein Reisender entdeckt , kein Geometer ausgemessen und kein Geograph beschrieben hat . Über dieses herrschte ein König , der im Kleinen sehr groß und im Großen sehr klein war ; kurz , ganz so ein moralischer Krüppel , als hätten ihn schon , Jahrtausende hindurch , die Geschichtschreiber unter gehabt . Dieser König hatte eine Gemahlin ; und wie es in allen Mährchen der Welt Sitte ist , hatte dieses königliche Paar denn auch keine Kinder . Doch ging der König darin von der alten Sitte ab , daß er sich ganz und gar nichts daraus machte . Unserm Fricando hätte das Mühe gemacht , und die armseligen 24 Stündchen Ruhe , die er sich täglich von seinen Regierungssorgen abstahl , verbittert . Außer vom Gesottenen und Gebratenen , nahm er von wenig Dingen Notiz . Die Natur hatte für ihn nur in so fern Schönheit , als er sie sich wie eine weite , wohl versehene Speisekammer vorstellte . Seine Handbibliothek , woraus sein Hofzwerg ihm vorlas , bestand aus eitlen Verdauungsbüchern , nemlich Vademecums und Parodien , travestirten Trauerspielen und Münchhausiaden . So war unser erzgute Fricando ! - Ganz ein Anderes war ' s mit seiner Königin , der schönen Sentimentale . Sie nahm von allem , was war und nicht war , Notiz , und lebte und webte in Kunstgenüssen . Mahler , Zeichner und Künstler aller Art wimmelten so chaotisch in ihrem Schlosse , daß sie oft einander den Weg verrannten . Und Musik ! ja , Musik tönte aus allen Gemächern ; sogar am heimlichen eine Aeolsharfe . Die schöne Sentimentale bekümmerte sich um alles , was in ihrem weiten Reiche vorging ; sie ennuyirte sich tödtlich erfuhr sie nicht gleich alles . Dem nun vorzubeugen , war ihr Schloß nach allen Richtungen hin mit Telegraphen umgeben , und ein ganzes Heer Aeronauten stand auf ihren Wink bereit , ihr das Neueste vom Neuen zuzuführen . Einst erwachte nach einer kurzen , sechsstündigen Sieste unser Fricando sehr heiter . Sentimentale , [ die unter andern auch eine Alterthumsforscherin war , und das Alte gern so dicht als möglich an das Neue schob , ] war eben in der wichtigen Untersuchung vertieft , ob der Knauel , den Ariadne dem Theseus aus dem Labyrinth zu kommen gab , Seide , Baumwolle oder Zwirn gewesen sei ? als sie durch ein unmäßiges Gelächter des theuren Gemahls gestört wurde . » Ha , ha , ha , ha ! ! - « » Nun ? « - » Und noch einmal ha , ha , ha , ha ! Das sollten Sie lesen , Madame Königin ; es ist verteufelt amüsant ! « - » Also wohl ein Kochbuch , weil es Euer Majestät so treflich vorkommt . « - » Nicht so anzüglich , wenn ich bitten darf , schöne Frau Königin ! Es heißt - lies doch noch einmal den Titel , Zwerg ! « - Der kleine Unhold las : » Der Grobian « eine Zeitschrift . » Sie haben keine Idee , Madame ! was die Kerls sich göttlich herunterreißen . Eine Maliçe , ein Ingrimm , ein Hämischseyn - kein Lazaroni hunzt den andern so aus , wie dieses Geschlecht einander thut . Wessen Grobheit mich am meisten amüsirt , der hat für mich den Sieg errungen . « - Sentimentale warf das Näschen auf . Den König verdroß , daß sie so wenig in seinen Geschmack einging , und er setzte hinzu : » in Ihrer philosophischen Hexensprache steht ' s freilich nicht . Aber so sind Sie immer . Was mir schmeckt , davorekelt Ihnen ; es muß erst alles vergriecht werden , soll ' s Ihnen mundrecht seyn . Ihr guten Götter und Feen , was soll ich denn noch anfangen , Sie zufrieden zu stellen ? Haben wir nicht die besten Köche ? Ist unsre Konditorei nicht im besten Stande ? Tönt nicht , bis zum übel werden , Musik um uns her ? Haben Sie nicht in jeder Minute Gelegenheit , sich zu Tode zu tanzen ? « - Fricando sank nach dieser langen Rede erschöpft in ' s weiche Polster zurück ; so lange er lebte , hatte er noch nicht so lange haranguirt . - Mit großer Würde antwortete die Königin : » Was das alles für einfältige Reden sind ! Schicken Sie erst den garstigen Zwerg fort ; dann will ich hören , ob sie capabel sind , Raison anzunehmen . « Fricando expedirte seinen armen kleinen Lector mit einem Fußtritt , wie so mancher treue Diener expedirt wird , der das Unglück hat , häßlich zu seyn und der Gebieterin seines Herrn zu mißfallen . Jetzt stand Sentimentale auf und schritt mit königlichem Anstande das Zimmer umher , wobei sie schmerzvoll und höchst pathetisch in die merkwürdigen Worte ausbrach : » Ich ennuyire mich ! Ich ennuyire mich ! Ich ennuyire mich ! « » Potz Wetter , wie können Sie so dumm reden ! « erwiederte nun seiner Seits Fricando , mit nicht minder hohem Anstande . » Haben Sie nicht Hoffräulein , so jung , wie sie von der Mutter kommen ! Faseln Ihre Kämmerlinge nicht so schnakisch , wie nur irgend welche unterm Monde ? Was soll ich thun , das vertrakte Wort nicht mehr zu hören ? « » Machen Sie , daß es anders ist ! Doch ein Wort , wie tausend . Ich thue einen Vorschlag , den Sie gewähren müssen . An der Grenze unsers Königreichs , wo der schöne Strom der Freude die Zuckerbergwerke bespült ; in der Gegend , wo Euer Majestät eingemachte Pomeranzen und gebrannte Mandeln wachsen , wohnt in einer Grotte der Marzipangebirge der Genius Frivolo . Er ist Priester eines Orakels ; das soll er befragen , warum mir , eben mir die Schmach der Kinderlosigkeit wurde ? Denn das ist ' s , das sollen Sie wissen : Kinder will und muß ich haben ; und sollte ich , gleich der königlichen Ananas , nur eine Frucht bringen und dann welken , so will ich die Seufzer meines Volks um einen Erben mir nicht länger durch meine Telegraphen zurufen lassen . Jede Zofe , jedes Hoffräulein bekommt richtig seine Erben , und ich allein soll meinen Dienerinnen zurückstehen ? Noch kam , so höre ich , kein einsames Weib vom Frivolo einsam zurück . Dahin , dahin , o mein Geliebter , laß uns ziehn ! « fügte sie schmeichelnd hinzu . Fricando schmunzelte und sagte ganz gutmüthig : » Wie heißt der Kerl ? Hat er einen guten Mundkoch ? « Sentimentale hatte nun gewonnen . Dreimal durchküßte sie Etagenweise des Königs dreifaches Kinn und erzählte recht redselig alle die schönen Waaren her , die in jenen Gegenden zu haben wären . - » Nun , so reisen wir ! « sagte Fricando gähnend . » Wenn ' s mir weiter keine Mühe macht und der Weg durch kein Hungerland führt , bin ich von der Parthie . « Schon wollte die Königin ihre Befehle zur Abreise ertheilen , als dem König noch ein Bedenken aufstieß . » Hören Sie doch , Frau Sentimentale ! was soll ' s denn seyn , wenn der Kerl , der Hexenmeister , wie Sie da sagen , Rath schafft ? Ein Prinzchen , oder Prinzeßchen ? « » Einen Erben ! « antwortete die Königin , halb verdrießlich . » Nun , nun , machen Sie mir darum nicht gleich so ein Kirieleisons-Gesicht ! Obschon ich an meinem Theile gleich gern bliebe , wie ich bin ; denn die Vaterschaft , habe ich all mein Tage gehört , macht nur Plage ; so dächte ich doch , die Prinzeßchen wären auch ganz schnurrige Dingerchen , besonders wenn so ein Mäuschen gut kochen lernt . « » Kochen ! - Regieren , wollen Sie sagen ! « - » Meinetwegen auch regieren . Ich habe in einer Druckschrift gelesen , daß die Damen gewiß und wahrhaftig oft recht erschrecklich-prächtig regieren können . Da kam auch drin vor von einer Kaiserin von England und einer Kurfürstin von Rußland « - Sentimentale wendete sich von ihm und machte ihre Reise-Anstalten . Hundert Wagen wurden mit Bayonner Schinken , Böhmischen Fasanen-Pasteten aus Frankreich und Leckereien aller Art beladen , damit der gute Herr auf der weiten Reise keinen Abgang der Kräfte verspüren sollte . Dann wurden wieder andere hundert Wagen mit Ober- und Unter-Zofen , nebst Toilettbedürfnissen aller Art für die Königin befrachtet ; denn Frivolo war ein Elegant , und wußte immer um ein Haar um die neusten Moden . Auf der Reise war unserm Fricando so wohl , wenn er sein Gefolge übersah , daß ihm oft das Wasser in dem Mund zusammenrann . In solchen Augenblicken umarmte er seine Gemahlin , und versicherte , sie sei ihm so schön , wie der niedlichste Ortolan und so köstlich , wie die beste Hollsteinsche Auster . Frivolo hatte durch seinen Boten über und unter der Erde Nachricht von der Reise des königlichen Paars erhalten . Der schöne Genius war galant ; Frivolo fand in Spalten und Klüften Kollationen , von Geistern bereitet , und Sentimentale überall Spiegel , die ihr ihre graziöse Gestalt , schön verklärt , wieder gaben . Frivolo hätte sich erschöpfen müssen ( wenn bei einem Genius so etwas möglich wäre ) ob der überschwenglich guten Aufnahme . Sentimentale sonnte sich Tage hindurch unermüdet an dem Glanz seiner schönen Augen , indeß der gute Fricando Tage lang auf den Knien um das Orakel herumrutschte , etwas zu erhalten , das ihm der Gott der Hahnreischaft schon gewährt hatte . Da die poetische Periode in der Liebe gewöhnlich die ist , welche der des höchsten Überdrusses vorangeht , und Frivolo jetzt begann , Sentimentalen mit Sonnetten , worin sogar ihre Hüneraugen gefeiert wurden , zu überschwemmen , verspürte sie , daß es nun wohl Zeit sei , abzureisen . Frivolo wünschte von Herzen glückliche Reise , und der ehrliche Fricando versicherte treuherzig , es habe ihm lange nicht so gut geschmeckt , er werde dem wackern Mundkoch seinen Fasanen-Orden ertheilen . Und damit hopp , hopp ! knarr , knarr ! auf und davon . Jetzt ging ' s wieder über Berg und Thal , über Thal und Berg , bis sie in einen dunkeln , dunkeln , schaurigen Wald kamen . Da begab sich ' s , daß der arme König durchaus zu Bette verlangte ; er litt an Indigestion . In dem wilden Walde war nun , wie jedermann sich leicht vorstellt , weder an Bette , noch an Sopha ( außer denen von Moos , welche die Dichter sehen ) gar nicht zu gedenken . Also war alles in großer Bestürzung , denn Seine Majestät gnarrten unablässig : » ich will zu Bette , ich will zu Bette ! « Wie groß war aber auch die Freude , als sie ein Licht durch das Dickicht schimmern sahen . Sogleich wurde darauf los gesteuert . Das Lichtlein schien sich bald zu entfernen , bald ganz verschwunden zu seyn . Endlich und endlich , durch Dornen und Hecken , hatten sie ' s erreicht , als es eben ganz erlosch . Sie befanden sich vor einer kleinen Hütte , worin dem Anscheine nach kaum der königliche Bauch Raum haben würde . Als nun der königliche Ober-Hof-Anpocher die Thüre der Hütte männiglich mit Faust und Fuß bearbeitet hatte , rief eine heisere weibliche Stimme : » Gleich , gleich ! Man kann doch so nicht vor den Leuten erscheinen ! « - - Drauf ging ' s von Neuem : klopp , klopp ! daß der Wald wiederhallte ; und inwendig auf Pantoffeln : klapp , klapp ! daß allen Zeit und Weile lang wurde . Nach langem klopp , klopp , und klapp , klapp , erschien endlich an der geöffneten Thüre eine Alte , wie sie noch keines Menschen Auge je gesehen hatte . Aus hundertjährigen Furchen blitzten Augen , wie Brillanten . Strenge und Milde schienen sich ewig um den Alleinbesitz dieser stark ausgesprochenen Züge gestritten zu haben . Und so ridicül ihr imponirender Ton gegen ihren bettelhaften Aufzug abstach , hatte keiner , sogar die Pagen nicht , den Muth , darüber zu lachen . Sie zog bei dem dürftigen Schimmer einer erlöschenden Lampe König und Königin ziemlich unmanierlich herein ; den übrigen warf sie trotzig die Thüre vor der Nase zu . Vergeblich suchte Fricando ' s Blick in dem engen Raum einen Sopha ; nur ein ledernes hartes Ruhebett , das sein Seculum zurückgelegt hatte , war vorhanden . Er strekte seinen gemarterten Leichnam darauf hin , daß die Stützen der alten Hütte krachten . Jetzt ging ' s mit der Alten wieder von Neuem los : klipp , klipp , klapp , klapp ; darauf Thür ' heraus , Thür ' herein . Das Feuer war bald zusammengeschürt , unverständliche Worte über den Kessel gemurmelt und ein herzstärkendes Süppchen für den König , ein niedlich Ragout von Kolibris für die Königin stand auf dem wackelnden runden Tischgen vor ihnen . » Hm ! Hm ! vom großen Gecken-König , vom eitlen Frivolo , kommt ihr also zu mir , schöne Dame ? Wer mich zuerst gesehen hat , sieht ihn nicht ; wer mich zuletzt sieht , sieht mich zu spät . Nun , das Orakel war euch günstig , wie ich vernahm . Möge die Reise euch nicht gereuen ! « » Was wißt ihr von mir ? « sagte Sentimentale , die sich eines geheimen Schauers vor dem grausenhaften Weibe nicht erwehrte . » Wer bist du , Weib , das mich kennt , das mein Inneres durchblickt ? Hexe oder Kobold ? Sag ' , wer bist du ? « » Ich bin die erstgebohrne Tochter der Zeit : die Erfahrung , « antwortete die Alte ganz ruhig . » Sinnlos taumelt die junge Welt an mir vorüber , ihren Sümpfen zu . Die neue Weisheit , die auf den Dächern predigt , verstößt mich ; der Stolz will ohne mich daher schreiten . So entwich ich in meine Einöde , bis ein durch meine geheime Anhänger erleuchtetes Geschlecht mich wieder in meine Rechte einsetzen wird . « » Nun denn , du Eltermutter aller klugen Weiber , du Erstgeborne der Zeit , sage mir , wenn ich nun einen Erben erhalte « - - - » Frivolo , « entgegnete die Alte , » Frivolo hat « - - » Bitte , bitte unterthänig ! « schmeichelte Sentimentale , ängstlich auf Fricando blickend . Der schnarchte aber schon , daß es im tiefen Walde wiederhallte . » Bitte um meines Kindes Zukunft ! « » Deine Tochter wird wunderschön , wunderklug seyn . Machst du sie aber nicht auch wundergut , so wirst du das Orakel , das zu deinen Wünschen Ja ! sprach , in die Tiefen des Orkus wünschen . « » Wie fang ' ich ' s an , « fragte die Königin verlegen , » daß sie wundergut wird ? « » Sei es selbst ! « » Gut ! Aber schreib mir mein Verhalten vor ! « » Laß sie nicht sich in den Irrgarten der Sophisten verirren ! Bewahre ihren Fuß vor den Rosengebüschen der Wollust . Hüte , daß die Perle des schäumenden Bechers ihre Lippen nicht berühre Ich komme zu Gevatter ; so wie du mich siehst , kann ich mich gar schmuck herausputzen . « Indeß schrieb die Königin den Spruch der Alten in ihr Souvenir ; nur wenn sie diese um nähere Erklärung bat , war sie stumm , wie das Grab . - Als nun das Königspaar wieder daheim war , erhob sich im Lande ein Thun und Treiben , als sollte eine Welt geschaffen werden . Dabei gab ' s gar wunderliche Reden , wie es unter eleganten und uneleganten Damen nun so der Brauch ist ; einige der Erstern wußten sogar für gewiß , das Orakel habe der Königin einen leibhaften Affen zum Thronerben gewährt . Fricando freute sich wie ein Kind auf den schönen Gevatterschmauß . Recht Landesväterlich versprach er dem Jean Hagel eine Cocagna , wie noch kein Feenkönig sie gegeben hatte . Über die Crater der Vulcane , welche Sentimentale um des geisterhebenden Anblicks willen mit in ihre Parks gezogen hatte , wurden , Holz zu ersparen , große Suppen-Kessel und Punsch-Bowlen gemacht , daß das Volk sich vollauf labe , indeß Sentimentale die feinern und geistigern Genüsse für den beau monde besorgte , wobei unter andern ein See von Saffran-Essenz war , woraus große Prahm-Spritzen dem Publikum unaufhörlich diesen beliebten Wohlgeruch altrömischer Nasen zuführte ; welches freilich die artigen Transparente der ätherischen Chemise-Trägerinnen nicht gnädig vermerkten , und den Antiquar in die Hölle wünschten , welcher den Nasen diesen Schmauß zubereitete . Unter solchen Zurüstungen kam Zeit und Stunde herbei ; die kleine Infantin stellte sich richtig ein . Der erste Schrei , welchen das Wunderkind in die Welt hinein schrie , setzte das Bonnen- und Ammenheer in Exstase . » Haben Sie ' s gehört ! All ' ihr Götter ! hörten Sie ' s ? Musik kam aus der kleinen Kehle . So wahr ich lebe , eine Kantilene von Mozart ! « rief die Hebamme . Alles kam überein , sie habe in Musik geschrieen . Die Nachricht ging von Mund zu Mund ; jeder nannte den Komponisten , den er kannte , bis denn in den Vorstädten eine Arie aus der Donau-Nymphe daraus wurde . Die Königin glaubte das Wunder ; denn die Schmeichelei hatte es gehört . Doch gab ' s in der Stadt auch alte Damen , die darnach späheten , ob der neugeborne Affe auch sehr grimmig sey ? Und jetzt ging ' s an ein Gevatterbitten ! Alle Papierfabrikanten im ganzen weiten Reiche brachten kaum so viel Papier zusammen , als der geplagte Papa zu Gevatterbriefen verbrauchte . Aber was wahr ist , nie hatte noch zuvor die Sonne einen so festlichen Tag , wie diesen , beschienen . Aus hoher Luft , aus tiefen Klüften kam ' s auf Tauben , Sperbern , Adlern und Kranichen , mit Mäusen , Ratten und Maulwürfen angeritten und angefahren . Silphen , Genien , Gnomen und Feen prunkten in bunten Schaaren und glänzenden Reihen um unsre Königstochter her , der zierliche Frivolo mitten unter ihnen . Keiner fehlte noch , als die Waldmutter , die denn auch in groteskem Aufzuge erschien . Als nun die Firmelung vor sich gehen sollte , sah der Bonze sich verlegen nach dem Namengeber um . » Poularde soll sie heißen ! « rief Fricando , daß es durch die große Versammlung dreimal wiederhallte ; darob eine junge Fee so hell aufquickte , daß schier die ganze Ceremonie in ' s Komische herüber gespielt worden wäre . » O nein , nein , nicht Poularde ! « zwitscherte Sentimentale aus ihren ätherischen Bettumhängen heraus . » Gräcula soll sie heißen ; so will ich ! « Die junge Fee lachte wieder , aber nicht so laut , und Fricando gab sich , wie er gewöhnlich nach einem solchen Spruch zu thun pflegte . » Nun , so weihe denn dein Kind schon durch den Namen zur Thorheit des Zeitalters ein ; meinetwegen ! « sprach die alte Waldmutter . » Jetzt opfert eure Gaben , ihr Andern da ; du luftiges Gesindel und ihr wampigten Unholde unter der Erde , ihr Gnomen-Pöbel nahet euch , ich muß von dannen ! « » Einmal her und Einmal hin , Fort , zur schönen Königin ! « Sie naheten Alle und Gräcula wurde mit allem beschenkt , was die Schönheit glänzend machen und den Verstand erweitern kann ; doch keine dachte an der Gaben schönste : an ein schönes , weibliches Herz , an ein Gemüth , das die Schönheit einzig schön macht , das den Verstand einzig zur schönen Gabe erhöht . Gräcula wird tanzen , ehe sie gehen kann . Sentimentale wird die süße Schmeichelei zur Wärterin ihres Kindes machen , wird mich verachten , Gräcula wird in bunten mäandrischen Kreisen den Tanz des Lebens frühe beginnen und über ihre eigene Füße fallen . Und jetzt adieu ! « Dreimal her und dreimal hin , Fort von dir , du Königin ! Eil ' ich meinem Walde zu , Fürder stört nicht meine Ruh ! So die Waldfrau und polternd und scheltend fuhr sie von dannen . » Die alte Närrin ! « sagte Frivolo , süß lächelnd . - » Die alte Närrin ! « wiederholte das gefällige Echo der Hofleute ; » die alte Närrin ! « bis es sich leise verhallend bei der äußersten Schildwacht verlor , die ihr noch , den Gewehrkolben trotzig aufstoßend , den Refrain nachschickte . Im Herzen hielt Sentimentale die Waldmutter gar nicht für so eine Närrin , als sie sich jetzt den Schein davon gab ; sie beruhigte sich aber leicht , wie das alle Sentimentalen so in der Art haben , und dachte : ich will den Rousseau studiren und den Campe ; zum Noth- und Hülfsbüchlein wird mir auch noch die Frau le Prince de Beaumont zur Hand gehen , da soll ' s ja wohl werden . Überdem wird uns Großen ja alles so leicht in die Hände gespielt ; wir werden ja doch mit so geringem Kraftaufwande vortrefliche Wesen , daß es sich keines so großen Aufhebens darüber verlohnt . Erzogen werden , hieß bei Sentimentalen , erschrecklich viel fremde Begriffe auffassen lassen . Gräcula ' s Wiege wurde gleich in den ersten Wochen mit Künstlern und Gelehrten aller Art umgeben ; denn sie dachte : je früher , je besser ! Dem jungen , thierisch stieren Auge wurden Antiken und Gemmen in Menge vorgehalten , daß der Kunstsinn sich frühe bilden solle . Andere declamirten Gedichte über des Püppchen Wiege hin , so daß , wenn die Elegie schwieg , die Pindarische Ode herrasselte . Wieder Andere disputirten über spitzfindige philosophische Sätze , wobei sich die Kleine immer besonders unruhig gebärdete und mit den Füßchen strampelte , woraus die Herren schlossen , daß sie mit dem Zeitalter fortschreiten wolle . Sentimentale starb vor Ungeduld nach den ersten Sprachlauten des Wunderkindes . An einem schönen Morgen stürzten einige Dutzend Bonnen und deren Gehülfinnen mit der freudigen Nachricht athemlos herein : die Prinzessin habe Worte gesprochen ! » Worte ? Ihr Närrinnen , was für Worte ? « - » Das ist ' s eben ! Ach , ach , gnä - dig - ste - Kö - ni - gin - frei - lich - ist ' s - das - eben « - - stotterte die Älteste der Bonnen noch außer Athem hervor . Da kam ' s heraus ; es wären fremde Worte , wie Zauberformeln gewesen . » Ich hab ' s immer gesagt , es wäre nicht gut , sich mit Hexen und Hexenmeistern abzugeben ! « meinte die alte Gouvernante . - » Ich will ' s selbst hören ! « sagte die Königin , und erhob sich würdevoll nach der Kinderstube . Gräcula gestikulirte mit den Händchen , wie ein Professor , und rief Mütterchen lustig entgegen : » Mama - ich - nicht ich « - und nun folgte ein ganzes schwerfälliges Heer der Wörter , worüber zuletzt an ihrer Wiege gestritten war . Überwältigt vom Entzücken , sank Sentimentale in eine leichte zwölfstündige Ohnmacht . Als sie die Augen wieder aufschlug , war ihr Erstes , daß sie den Sekretär rief : » O Musje Sekretär , sei er so gut , und mache er einen Aufsatz ; aber so recht was man einen Aufsatz nennt , und melde er ' s aller Welt , in aller Welt Avisen , daß meine Prinzessin schon ein Inbegriff der tiefsten Gelehrsamkeit ist . Aber wie gesagt , so recht was man einen Aufsatz nennen möchte . Aber hört er , Musje Sekretär ? Keine Schmeichelei , die verbitte ich mir ; die Wahrheit ist Wunders genug ! « Und der gescheute Sekretär stieß so kräftig in die Trompete , daß es bald im Lande , wie im Auslande , zu einem allgemeinen Schreiben und Dichten kam . Die Postpferde erlagen unter der Last der Ballen , die sie nach der Residenz schleppten , und die Kinderstube der kleinen Gräcula mußte erweitert werden , alle die Oden und Dedicationen zu fassen , welche von höchst aufrichtigen Bewunderern der einjährigen Beschützerin der Wissenschaften und Freundin der Wahrheit in unterthänigster Devotion vor höchstdero Wiege gelegt wurden . - Zu der Zeit aber gab es einen erschrecklich gelehrten Professor , der den Leuten das Cranium betastete und dann auf ein Haar wußte , wozu sie sich in der Welt geschickt haben würden , so daß mancher , der bei funfzig Jahren , zu dem Volke gesprochen hatte , bei Gelegenheit der Betastung erfuhr , daß er , seinen Anlagen nach , ein Schneider hätte werden müssen . Anderen , die beim Herrschen ergraut waren , tastete er ein Kutschertalent heraus , und so mehr . Diesen Wundermann berief Sentimentale an ihren Hof , und befahl , daß er das kleine Köpfchen ihrer Tochter befühlen und beschauen müsse ; doch wurde ihm leise bedeutet , es werde hoffentlich alles so seyn , daß Ihro Majestät Frau Sentimentale nur Freude und Wonne nebst lieblichem Wesen die Fülle davon haben werde . Der Professor aber war ein Mann ohne alle Hofsitte , ging gerade mit der Sprache heraus , und sagte seine Resultate so keck dahin , als wäre weder Pension noch Titel zu verlieren gewesen . - » Gräcula , « so sprach er , » hat viel leere Fächer , worin sie allerlei fremde Waare lassen kann . Mit dem Selbstdenken sieht ' s so , so aus ; aber eine richtige Nachbeterin kann sie werden ; denn die Gedächtnißkammer ist so räumig und groß , als zu dem Judicio nur eine kleine Lumpen-Spelunke angewiesen ist . Aber nun noch etwas ! sie wird sich den Lichtern der Welt darin gleich stellen , daß sie mit dem Kopfe fühlt und alles durch den Verstand abthut . Wegen Herzensangelegenheiten kann man ganz sicher seyn ; denn wo andern Mädchen das Herzchen pickert , liegt ein felsenharter Kieselstein . « Hier rief die ganze Akademie , die bei dem Experimente hatte zugegen seyn müssen : Hoch und gelehrt , Sie ist es werth , Daß sie als eine Säule steh In nostro docto corpore . Nach diesem wuchs Gräcula ganz gewaltig an Schönheit und Geist , zur Freude der Mutter , mehr als des Vaters , der es sehr übel nahm , wenn das Töchterchen sich den Kopf zerbrach , zu welcher Kathegorie der Wesen Papa wohl gehöre ? und ihm endlich wohl gar im Pflanzenreich seinen Platz anwieß . Im Vertrauen gesagt , riß auch der Mama ins Geheim oft die Geduld über die widerliche Selbstständigkeit des Mädchens aus , und sie verwieß ihr oft die empörenden Raisonnements , womit sie sich schon über alle kindliche Verhältnisse hinaus zu schwatzen verstand . Und wenn sie die Weisheitsmänner , die den Unterricht der Prinzessin über sich hatten , deshalb zur Rede stellte , bekam sie zur Antwort : » es sei zwar wahr , Gräcula habe eine sehr kecke Ansicht der Dinge ; es würde doch aber übel gethan seyn , einer solchen Genialität den Spielraum zu beschränken , u. d. m. « » Was hat die alte Waldnärrin wohl mit ihrem Sibillinischen Wortkram gewollt ? « fragte sich Sentimentale zuweilen . Die Rosen mögen blühen , der Becher mag perlenden Schaum aufsprudeln ; ein Wesen , das so wie Gräcula allen Erscheinungen der Sinnenwelt Hohn spricht , ist bewahrt genug . Ein Kiesel , wo das Herz seyn soll « - » Aber sie hat Sinne und sehr rasches Blut ! « antwortete eine Stimme , die Sentimentale sogleich für die der Waldmutter erkannte , die in dem Augenblicke vor ihr stand . - » Sentimentale , « sprach sie , » deine Tochter ist jetzt funfzehn Jahre . Sie steht am Scheidewege . Laß dich erbitten , mach ' mich zu ihrer Gouvernante ! An der Hand der Erfahrung kann sie nicht straucheln ! « - » Was soll mir die alte Krücke ? « sagte Gräcula , die eben in ' s Zimmer trat . » Ich hoffe , Madame ! Sie trauen es Ihrer Tochter zu , daß sie durch sich selbst etwas seyn könne . « - Die Alte hob ihr elfenbeinernes Stäbchen , und sagte bedeutend : » Gräcula , die Rosen blühen , der Becher lockt , das Blut ist heiß . Du tanzest am Scheidewege ; hüte dich , allein zu stehen ! « - » Ich falle gewiß nicht , gute Madame ! « sagte die Prinzessin hofmäßig . Und die Alte sagte nun zürnend : » Wehe dir und abermal Wehe , wenn du nach diesem mein Antlitz sehen wirst ! Schrecklich wird dir ' s seyn . - Lebt wohl ! Gewarnt seyd ihr ! « - Sentimentalens weiches Gemüth konnte