ist meine Geliebte , die mich durch ihr zauberisches Halbdunkel unaufhörlich reizt , und anzieht ; und ich bitte Dich , mein Freund , wenn Du etwas beitragen kannst , mich diesem Ziel näher zu bringen , so thue es , und mache Deinen Eduard sobald als möglich glücklich . Ich komme eben von einem weiten Spaziergang zurück , und weihe Dir noch die letzten Augenblicke dieses Tages . - Neues Leben regt sich durch die Natur ; ein frisches Grün breitet sich über den Grund , die Bäume schwellen von junger Lebenskraft . Mit welcher Lust sah ich , als ich die bekannten Höhen hinaufstieg , den Raum unter mir , immer mehr an Leben und Mannigfaltigkeit gewinnen ! - Wäre es doch möglich , dachte ich , so immer höher zu steigen , und dann , in heiliger Einsamkeit , die ganze Erde , ihren einfachen Gesetzen gemäß , dahin wandeln zu sehen , dann immer weiter den unersättlichen Durst nach Wissen zu folgen , und den Sonnen und Sternen ihre ewigen Geheimnisse abzulauschen ! - Ach ! daß es einen Punkt giebt , wo alles in Nebel verschwindet , wo der Blick des menschlichen Auges , des äussern und innern , traurig an der Gränze haftet , welche eine unbegreifliche Macht seiner durstigen Wißbegier vorschob ! - Hier , wo sonst alles in der Natur den Zweck erreichen kann , zu dem seine innern Kräfte es bestimmen , wo alles in friedlicher Nothwendigkeit die beschriebene Bahn durchläuft , wo für jedes Bedürfniß des sichern Instinkts gesorgt ist ; was soll hier des Menschen freier , unauslöschlicher Durst , nach Wissen , der nie befriedigt wird , und ihn gleichwol zwingt , lieber , ewig unbefriedigt , vor der geheimnißvollen lezten Ursache alles Lebens , aller Wirkung stehen zu bleiben , ehe er , mit den Erscheinungen zufrieden , ruhig den kurzen Traum des Erdenlebens genießt ? - Und doch , mein Barton , wäre der Streit über unser eignes Wesen entschieden , der geheimnißvolle Schleier der Natur zerrissen ; so wäre ein Stillstand aller Thätigkeit , alles Strebens in uns . Ewig müssen wir suchen , indeß ein jeder das Geheimniß seines Wesens und seiner Hoffnungen , unerkannt und ahnungsvoll in seinem eigenen Busen trägt . Lebe wohl . Morgen reise ich nach dem Landgut des Herrn von W * * , wo er eine vorzügliche Sammlung phisikalischer Instrumente aufbewahrt , und wo ich mir für meinen Geist reichlichen Genuß verschaffen darf . Siebenter Brief Amanda an Julien Ein guter Genius hat mir seit einigen Wochen die angenehmste Gefährtin zugeführt - und daß ich Dir so lange nicht schrieb , ist wol der stärkste Beweiß , wie anziehend sie mich beschäftigt . Sie ist ein leichtes zierliches Wesen , das gleich den Schmetterlingen nur auf Blumen verweilt , und ohne sich zu verletzen , den Dornen des Lebens vorüber flattert ; eine immer fröhliche Laune , und das glücklichste Talent , allenthalben das Angenehme leicht und sicher herauszufinden , scheint sie in jede Lage zu begleiten . Ein solcher Umgang ist gewiß ein großer Schatz für Menschen , die , gleich mir , noch unruhig und strebend , oft das Gute verschmähen , weil sie nach dem Vollkommenen schmachten . - Nanette Sensy - dies ist der Name meiner neuen Freundin - lebte nur wenige Tage in der Ehe , die bloß Convenienz geschlossen hatte , und ist jetzt Wittwe . Der Wunsch , einige vormalige Bekannte wieder zu sehen , führte sie hieher ins Bad , wo es ihr nun sehr zu gefallen scheint . Ich sah sie zum erstenmal auf einem Ball . Wir waren beide fremd , hatten uns durch ein Spiel des Zufalls auf gleiche Art gekleidet , fanden , daß wir in der Gestalt viel Aehnliches hatten , und dies alles - Du weist , daß solche kleine Umstände oft ein Band knüpfen können - beredete uns , daß wir einander mehr als den Uebrigen angehörten . Sie kam mir mit der angenehmsten Art von der Welt entgegen , und zeigte in Allem was sie sagte und that , etwas so unbefangenes und dabei so vollendetes , daß ich gleich sehr lebhaft für sie eingenommen ward , und ihren Umgang eifrig zu suchen beschloß . Seitdem sehen wir uns täglich , und sie hat mich dazu vermogt , - was ich bis jetzt nicht habe thun mögen , - unter der , hier immer mehr anströmenden Menge von Fremden mehrere Bekanntschaften zu machen , und an ihrer Seite herum zu schwärmen . Aber die liebsten Stunden , sind mir die , welche ich mit Nanetten allein zubringe . Es giebt so vieles aus unserm vergangnen Leben , was wir uns gern mittheilen mögen , und Nanette hat eine so harmlose , leichte Art , die Dinge zu betrachten , daß ich , seit diese Silphide mich umgaukelt , meine jugendliche Heiterkeit ganz zurückkehren fühle . Wie sehr können zwei weibliche Wesen sich gegenseitig beglücken , bei ihrer zarten Empfindung , dem leisen Errathen , der schnellen , reizbaren Phantasie , die ihnen eigen ist , wenn sie nur standhaft alle Eifersucht von sich entfernt zu halten wissen ! - Da wir häufig das Freie suchen , so haben wir die Gegend umher schon ziemlich genau kennen lernen , und wir sind bei unsern kleinen Ausflügen stets äusserst froh . Ueberlaß ich mich in manchen Augenblicken zu sehr den Lockungen einer schwermüthigen Träumerei , so weiß sie meine Blicke immer sehr glücklich auf die angenehmen Seiten meines Lebens zu lenken , oder sie neckt mich auch wol , und zerstreut mich , indem sie mit Laune und Feinheit , meine Empfindlichkeit rege macht . Eine Scene , die gestern vorfiel , muß ich Dir schildern , denn ich weiß , Du liebst das idyllenhafte - und der ganze Tag ist wol einer Beschreibung werth . Es war ein liebliches Wetter ; die Luft athmete so warm , so wohlthuend , daß Alles ihren Einfluß fühlte . Meine Gärtnermädchen sangen mit frühem Morgen , Frühlingslieder , und selbst ein paar wilde , junge Menschen , die nicht weit von mir wohnen , waren aus ihrer Fühllosigkeit erwacht , und stimmtem ihre rauhen Töne zu sanften Gesängen um . Wir fühlten uns ungewöhnlich heiter , und Nanette schlug vor , die Familie eines Pächters zu besuchen , die sie auf ihrer Reise zufälligerweise hatte kennen lernen , und die in einer vorzüglich schönen , selten besuchten Gegend wohnen sollte . Bald war alles in Ordnung ; wir nahmen Wilhelm mit uns , und es war uns dreien recht herzlich wohl . Wir fuhren seitwärts durch die Gebirge in ein freundliches Thal ; die waldigen Höhen wichen immer mehr zurück , und bekränzten zuletzt nur noch in weiter Entfernung die lieblichste Ebene , die je dem Auge gelacht . Eine Menge zierlicher Dörfer sahen munter und anmuthsvoll aus ihren blühenden Gärten hervor ; weite Saatfelder säuselten in grünen Wogen vorüber , trauliche Gruppen von Bäumen bekränzten kleine spiegelhelle Seen , oder wölbten sich über schnelle , lautmurmelnde Bäche . Wir freuten uns der mahlerischen Krümmungen , an denen uns unser Weg durch viele Dörfer und Büsche führte , und priesen die Reise durchs Leben , welche eben so sanft abweichend und abwechselnd zum Ziele führt . Es war Mittag als wir ankamen ; ich fand , ein schönes , reinliches Landhaus , worinnen alles Ordnung , Betriebsamkeit und Fröhlichkeit athmete , und eine schlanke , weibliche Gestalt , mit Vergißmeinnichtaugen uns zuerst bewillkommte . Sie sagte uns bald , unaufgefodert , daß sie die Braut eines von den Söhnen des Hauses sei , mit dem sie in wenig Tagen getraut werden würde . Sie schien sich schon ganz als ein Mitglied der Familie zu betrachten , auf nichts bedacht zu sein , als alle Geschäfte in dem Sinn derselben zu verrichten , und ihr ganzes Wesen zeigte den Ausdruck einer muntern , ruhigen Aufmerksamkeit . Bald kamen auch die Uebrigen herbei , die durch unsern Besuch überrascht , aber nicht im mindesten verlegen waren . Es war eine sehr zahlreiche Familie von sehr verschiedenem Alter und Ansehen ; alle schienen mit ihrer Lage zufrieden , und die Reden der Alten waren so vollwichtig und gediegen , wie die schweren , silbernen Löffel , die uns an der wohlbesetzten Tafel gereicht wurden . Nach Tische giengen wir in den Garten , der etwas erhöht , die Aussicht über das ganze Dorf gewährte . Eine warme , fühlbare Luft trug uns auf ihren schmeichelnden Flügeln die würzigen Düfte tausend blühender Pflanzen und Bäume entgegen . Mein Herz bebte in wunderbarer Rührung , von Vergnügen und Wünschen getheilt . Hier der trauliche Schatten , hoher , wehender Bäume , der sichtbar Kühlung verbreitete - dort das blühende , fröhliche Weib , das sorgenlos spielend mit ihrem Kind auf dem Arm , in der kleinen Thür stand - die hohe Linde am Kirchhof , die ihre Schatten und Blätter friedlich über die Grabhügel streute - mit ihrem Korbe voll Klee die muntre Dirne , die mit raschem Gang durch die sonnige Wiese schritt - alles dies gab mir ein Bild von Unabhängigkeit und Ruhe , von heiterm , schuldlosen Lebensgenuß , und natürlicher , leichter Erfüllung aller menschlichen Pflichten , das mich innig rührte . Sind nicht , dachte ich , diese ruhigen , phantasielosen Menschen , mit ihrer heitern Luft und ihrem heitern Herzen , ihrem eingeschränkten Wissen , und ihrem eingeschränkten Wünschen , glücklicher und näher der Natur , als wir , die sie verbessern , um uns im Gebiet der Einbildung unendliche Freuden aber auch unendliche Qualen zu holen , wir , die erst nach Schmerzen und Verirrungen zu ihrer heitern Beschränktheit zurückkehren können ? Unser Wirth hatte mehrere erwachsene Söhne , die , obgleich wohl gebildet , doch bloße Landleute waren , und sich mit nichts anderm zu beschäftigen schienen , als die weitläuftige Wirthschaft ihres Vaters bestellen zu helfen . Der eine von ihnen hatte mich immer mit aufmerksamen , vergnügten Blicken angesehen ; doch als beim Mahl , der Genuß des fröhlichen Weins , den alten jovialischen Vater zu etwas rohem Scherz begeistert hatte , und ich eine kleine Verstimmung , nicht verbergen konnte , war er hinweggegangen . Jetzt gieng ich einige Augenblicke allein , in einen von den schattigen Gängen , und hier kam er mir nach . Mit wahrer Feinheit , sagte er mir : » mein Vater hat ihnen nicht gefallen , aber sein sie uns darum nicht böse , ich will ihn bitten , daß er nicht wieder so spricht . « Dann trat er mir ehrerbietig aber zutraulich näher , legte seine Hand auf meinen Arm und sagte : » werden sie zürnen , wenn ich sie um einen Kuß bitte ? « Sein Ton war weich und bescheiden , seine Miene ehrlich und gefühlvoll ; ich zürnte nicht . Julie ich küßte ihn , und ich kann Dir sagen , daß ich ihm im Herzen recht innig wohl wollte . Er verließ mich schnell , sein Auge glänzte von reiner Freude , und wer weis , ob mein Kuß irgend jemand einen glücklicheren Moment gewähren könnte , als diesen Jüngling . Als wir zurückfuhren glänzten die Wiesen im Abendthau , ein röthliches Licht wankte um die Gipfel des Waldes , und als dies verschwand , blickte der Mond heller durch die Gebüsche . Ich erzählte Nanetten mein kleines Abendtheuer , und sie lachte , wie ich vermuthen konnte , mich recht herzlich aus . Sie sah in dem Jüngling nichts weiter , als einen hübschen jungen Landmann , der sich in mich verliebt habe , und alles andre , was ich in ihm fand , nannte sie eine meiner gewöhnlichen Schwärmereien . Und doch liebe ich sie darum nicht minder , so wenig auch ihre Art , die Dinge anzusehen , mit der meinigen übereinstimmt . Ihr gelingt es , keinen Eindruck so stark werden zu lassen , daß er das Gleichgewicht ihres Gemüths stört , und dadurch , daß sie von Allem spricht , und Alles aus dem gefährlichen Halbdunkel der Gedanken ans Licht der Sprache hervorzieht , entwindet sie der Phantasie ihrem mächtigsten Zauber , der Deiner Amanda oft so gefährlich zu werden droht . Ja zuweilen fühle ich es recht lebhaft , wie verschieden meine Art , die Dinge anzusehen , von der euren ist . Wie vieles ängstigt und entzückt mich , wobei ihr andern ganz gleichgültig und gelassen bleibt . Dafür aber bewahrt ihr in eurem Gemüth eine gewisse Klarheit , deren ich mich nicht zu erfreuen habe ; denn - was es ist , weis ich nicht - aber vieles liegt noch dunkel und ahnungsvoll in meiner Seele . So harmlos gehen mir jetzt mehrere Tage hin , und auch Nanette versichert , daß sie sich kein bessres Leben wünscht . Freilich muß ich fürchten , daß vielleicht der Reiz der Neuheit die Flüchtige am stärksten anzieht , und daß sie , wenn dieser verloschen ist , mich leicht für eine neue Bekanntschaft hingeben könnte . Denn sagte sie nicht selbst : » mein Herz schmachtet ohne Aufhören nach Neuheit ; durch sie allein wiederholen wir uns den süßen , allzuflüchtigen Traum der Jugend , wo uns alles neu ist ? « - Albret sehe ich jetzt wenig ; er scheint sehr beschäftigt ; aber Wilhelm kömmt fast nie von meiner Seite . Herzlich erfreut mich sein dankbares Lächeln , jede freundliche Aeusserung , womit er mir die angenehmen Empfindungen , die ich ihm verschaffe lohnt , und ich würde seine Dankbarkeit ungern entbehren . Nenne dies nicht eigennützig ; es ist ein so süßes , menschliches Gefühl , sich als den Schöpfer fremder Freuden betrachten zu dürfen , und von einem unschuldigen , liebevollen Herzen dafür anerkannt zu sehen ; so wie es in meinen Augen eine unnatürliche Größe ist , die nahe an Bitterkeit und Härte gränzt , allein und unerkannt Gutes schaffen , und das dankbare Gefühl des Andern als überflüssig entbehren zu wollen ! Achter Brief Amanda an Julien Meine Julie , ich habe neue traurige Stunden verlebt , und fast trage ich Bedenken , Dir davon zu schreiben . Denn soll ich ewig klagen ? Muß ich mich nicht schämen , daß ich zum Leben zu ungeschickt bin , und daß meine Verhältnisse mir eher dunkler und schwerer werden , da sie mir leichter und klärer werden sollten ? - Doch was Du auch von meinem Verstand denken magst , ich kann , ich will mich nicht gegen Dich verstellen , und finde in der Wahrheit meiner Aeusserungen einen Genuß , der das Bewußtsein , von andern für vorzüglich gehalten zu werden , mir zehnfach aufwiegt . Du kennst die weiche Stimmung worin ich jetzt bin - alle meine Briefe sprechen sie nur all zu deutlich aus . Mein Herz , das in Liebe zerschmilzt , gleicht einer reifen Frucht , die über einen Strom hängt . Bricht sie nicht irgend ein Kühner , wenn auch mit Lebensgefahr , so sinkt sie und begräbt sich in die Fluth ; denn brechen muß sie . Höre - und sag selbst , wie ist es möglich , meine Wünsche mit meinen Verhältnissen in Uebereinstimmung zu bringen ? Ich stand heute hinter meinen Jalousien , und bemerkte Albret in einer nahe stehenden Laube , neben ihm den kleinen Wilhelm . Er glaubte sich ungesehn , und ich sah , wie er mit einem ungewöhnlichen Ausdruck seines Gesichts , den Knaben in seinen Armen empor hielt , und ihm bewegt ins Gesicht sah . Daß dieser Kleine in irgend einer Verbindung mit ihm stehen müsse , war mir längst gewiß , und ich beschloß schnell , diesen köstlichen Moment , wo ich sein Herz bewegt , wo ich ihn menschlich , fühlend und leidend zu sehen glaubte , nicht unergriffen vorüber gehen zu lassen . - Ich eilte zu ihm hinab und lehnte mich schmeichelnd an seine Brust . » Liebster , « sagte ich , » was soll diese unselige Verschlossenheit ? laß mich von diesem theuren Herzen die grausame Rinde ablösen , worunter es beinah erliegt . - Vergönne mir Theil zu nehmen an Deiner Freude und an Deinem Schmerz , und verheele nicht länger die Empfindungen , die ein treues Weib mit Dir theilen will . « - » Eben weil es ein Weib ist , verheele ich sie , « sagte er , und sah mich mit einem Blick an , als befremde es ihn , daß ich glauben könne , er leide . » Vertändle du dein Leben , Amanda , und kümmere dich nicht um ernste Dinge . Wenn ihr nur spielt , seid ihr wenigstens nicht schädlich , wenn ihr ernsthaft sein wollt , seid ihr es immer . Handle du nach Laune und überlaß es dem Mann nach Vernunft zu handeln . « - Mein Gefühl entbrannte bei diesen Worten . » Warum , « rief ich schmerzhaft aus , » wähltest du ein fühlendes Weib zur Gefährtin deines Lebens , wenn du sie nicht zu würdigen vermagst ? warum bereitest du einem schuldlosen Herzen , das dich achtet , und dir Alles sein möchte , die kränkende Ueberzeugung , daß es für dich nichts sein kann ? - War es recht , ein dir gleiches Wesen bloß Mittel sein zu lassen , zu Zwecken , welche du ihm nie bekannt zu machen gedachtest ? « - » Wer nicht selbst Zwecke haben soll und kann , wird immer nur Mittel sein , « sagte er nun schon ganz gefaßt . » Ich hoffe nicht , daß du dich über mich zu beklagen hast . Verschließt dein Herz Wünsche , so sage sie , und wenn sie nicht unmöglich sind , sollen sie sicher befriedigt werden . Nur wenn du an meiner Denkungsart zu ändern hofst , so - « Er brach hier ab , und gab mir eine beträchtliche Summe Geld , wobei er mich mit vieler Artigkeit bat , bei Gelegenheit einiger bevorstehenden Lustbarkeiten meinen Anzug so glänzend einzurichten , als ich es mit vollem Recht thun könnte . Sein Gesicht hatte sich nun ganz wieder in die feinen , verschloßnen Falten gezogen , die es gewöhnlich hat , und er verlies mich . Ich fühlte , es war vorbei ; er sah meine schwimmenden Augen und konnte mich verlassen . Ich fühlte mich in diesem Augenblick ganz einsam ; alle Gegenstände schienen weit von mir zurückzuweichen , und ein unermeßlicher Abgrund von Leere sich neben mir zu öfnen . - Ich lies mein Mädchen ausgehen , und meine Thür blieb vor der ganzen Welt , selbst vor dem Knaben , verschlossen . Ein bittrer , unmässiger Gram durchdrang das Innerste der Seele . Ach ! auf der ganzen Welt kannte ich kein liebendes Herz , das mich in den trüben Strom gereizter Empfindlichkeit erhalten , und durch freundliche Theilnahme wieder zum Licht der Hoffnung empor gehoben hätte ! - Selbst Du , meine Julie , entferntest Dich von mir ! ich fühlte nur allzuwohl , was ich Dir sei , obgleich ich Dir Alles bin , was ich Dir sein kann . Du hast Deinen Gatten , Deine Kinder , und Dein Herz zerschmilzt in Liebe für die Gegenwärtigen , während es für die Entfernte nur ein freundliches Andenken hat . - Anders war es , als wir zusammen lebten , und unsre Freuden und Leiden , wie verschlungne Ranken zusammen aufwuchsen . Damals , umgab mich die wahre , herzliche Liebe meines Vaters , gleich einem wohlthätigen Schutzgeist , damals schien es mir , hingen so viele an mir , schlug mir so manches Herz entgegen , und jetzt - Ich ging ans Fenster und kühlte meine brennenden Augen in der milden Abendluft . Es war ein lieblicher Abend , und alles suchte das Freie . Mit welcher Sehnsucht sah ich auf die Vorübergehenden ; ach ! Alle schienen mir glücklicher als ich . - Die Gärtnertöchter gingen in den schattigen Gängen mit einem jungen Mann . Sie waren dürftig gekleidet , ohne Grazie , ohne Liebenswürdigkeit , aber sie gingen so traulich ; ihre Herzen waren leicht wie die Lüfte und übereinstimmend wie die Farben des Abendhimmels - mit welcher quälenden Wehmuth sah ich ihnen nach ! Sieh ! so strebe ich , während die hier immer mehr anwachsende Menschenmenge sich munter um mich her treibt , und alles dem Vergnügen sich ergiebt , mit grausamer Erfindsamkeit mich selbst zu quälen und wie ein eigensinniges Kind alles Glück , das sich mir anbietet , zu verschmähen , weil mir das Einzige , nach dem ich mich sehne : geliebt zu werden , so wie ich mir es träume , versagt ist . Doch fühle ich , daß mir während dem Schreiben unvermerkt wieder leichter geworden ist , und daß der Quell der Hoffnung und Lebenslust , wie in jeder Menschenseele , unversiegbar auch in mir lebt . - Aber was soll ich thun ? ich fühle was ich einem andern sein könnte , und darum ist es mir so schmerzlich , Nichts für den zu sein , dem ich viel sein möchte . Warum kann ich den Weg zu seinem Vertrauen nicht finden , und stehe ewig fremd und unverstanden vor ihm ? - Als ich Albret kennen lernte , glaubte ich an ihm einen furchtbaren Gleichmuth , eine kalte Erhabenheit über Leidenschaften und Wünsche wahrzunehmen , die ihn in meiner Phantasie zu einem höhern Wesen erhoben und meine Ehrfurcht erregten . Aber in der Folge bemerkte ich , daß diese Stille von aussen , nur destomehr innre Stürme verbarg , Stürme , deren Natur mir nur Wiederwillen erregte - und da sah ich es gern , daß unsre Lebensart uns von einander entfernt hielt . Doch jetzt , da ich überzeugt zu sein glaubte , daß er menschlich empfindet , daß er leidet , daß er vielleicht mehr unglücklich als hart ist , jetzt , meine Julie , fing ich an , ihn zu lieben ! - Noch einmal den Versuch zu machen , mich in seine Geheimnisse einzudringen , halte ich für unwürdig , aber der Knabe ist mir nun noch lieber geworden . Es ist unverkennbar , daß hier ein , ihm nahe liegendes Geheimniß verborgen ist , und , wie es auch sei , dies Kind soll mir als das Pfand einer vergangenen , wahrscheinlich für ihn glücklichen Zeit vorzüglich werth sein . - Gute Nacht , meine Julie , mein Herz schlägt ruhiger nach diesem Brief . Neunter Brief Eduard an Barton Ich schreibe Dir nur , um Dir Dein langes Schweigen vorzuwerfen , Du Saumseliger ! - Als wenn Du nicht wüßtest , daß ich ohne Dich , ohne Zusammenhang mit Dir , noch nicht im Leben auskommen kann , nicht wüßtest , daß ich nur durch Dich , von dem mir alles Gute kömmt , auch Nachrichten von dem theuern Vater erhalte , nach denen ich mich immer sehne ! - Ich verlasse morgen diesen ländlichen Aufenthalt wieder , von dem ich viel Nützliche und angenehme Erinnerungen mit hinweg nehme . Einige Ideen über Dinge , die ich hier erlernt und überdacht , lege ich Dir noch besonders bei , und da ich weiß , wie sehr Du Eigenthümlichkeit zu schätzen weißt , in welcher Gestalt sie sich auch zeigen mag , so will ich Dir , da ich selbst heute nicht zum Schreiben tauge , einen Brief von Nanetten abschreiben , den ich vor ein paar Tagen erhielt . » Eduard , « schreibt sie , » wenn Du nicht im Augenblick Dein Altes verwünschtes Schloß , und Deine Kenntnisse und sogenannten Zwecke , mit denen Du Dir selbst und andern , doch nie eine einzige frohe Minute machen wirst , verläßt , und hieher eilst , wo alles frohes , warmes , erquickliches Leben athmet , so sterbe ich vor Ungeduld . Du mußt sie sehen , und hast keinen Augenblick zu verlieren . Eine schöne , junge , reiche Frau , deren Mann älter , in seinen eignen verwickelten Händeln ganz vergraben , und ohne alles Gefühl zu sein scheint ; kannst Du Dir für junge Männer etwas anziehenderes denken ? - Ohne Gefahr können sie hier ihre zärtlichen Lügen bis aufs äusserste treiben , was sich , wenn sie bloß jung und schön wäre , doch nicht so unbedingt thun ließ . - Freilich hoffe ich , und sie wird von ihrer Seite , diese unschätzbare Situation nicht unbenutzt lassen ; ihrer Eitelkeit mit ein paar Dutzend Männerherzen ein angenehmes Opfer bringen , und so Betrug mit Betrug vergelten . - Ich wenigstens thue alles , um sie dafür zu stimmen , denn ich liebe sie recht von Grund des Herzens , ob ich gleich eigentlich gar nicht begreifen kann , was mir so an ihr gefällt , da ich fast alles was sie denkt und thut , abgezogen , daß sie es thut , höchst lächerlich finde . Denn wie man bei einem lermenden , allerliebsten Ball voll eleganter Tänzer und Tänzerinnen , an die , im Menschen liegende , geheimnißvolle Neigung zur Harmonie , denken , und von einem Manne eine unerklärliche , süße Uebereinstimmung , kurz etwas anders verlangen kann , als - Mittel gegen die lange Weile und das angenehme Gefühl unsrer Verstandsüberlegenheit - das ist mir ganz unbegreiflich ! Ich hasse alles , was nur von fern einer Träumerei ähnlich sieht , und die listige Miene einer artigen Modehändlerin , die sich beständig mit Geschmack zu kleiden versteht , und dadurch die Käuferinnen anlockt , ist mir viel interessanter als die tiefsinnigste Reflexion , die in nichts eingreift und nichts bewirkt . Frisch , munter hingelebt , sein Dasein nach allen Seiten hin , sorgenlos ausgebreitet , so viel Freude genossen , als möglich ; gegen andre , nicht gut , sondern klug sich betragen ; sich nur an die Aussenseite gehalten , um das Innere nicht bekümmert , denn dies ergründet doch keiner ; uns als die Seele des Ganzen - die Männer , als die gröbern Werkzeuge betrachtet , die wir nach Gefallen regieren können - mit dieser Weisheit , oder Thorheit hoffe ich auszukommen ; ja ich hoffe noch so viel angenehme Kleinigkeiten zu thun , so viel Neid und Liebe zu erregen , so viel fremde Thorheiten zu belachen , daß ich gar keine Zeit habe , an meine eigenen zu denken . « » Ja ! ich weis es doch , was mich eigentlich so an Amanden fesselt . - Sie afektirt nicht ; so wie sie ist , so ist es ihre Natur - und dies ist unschätzbar ! denn wenn irgend etwas der verständigen Plumpheit der Männer beikömmt , so ist es die unverständige Ziererei der Weiber . « » So komm denn , ich erwarte Dich . Deine Nanette . « Zehnter Brief Amanda an Julien Ich komme eben aus dem Garten . Ein heitres , schimmerndes Morgenlicht ergoß sich über die Gegend ; die Stauden und Blumen hauchten ihren Geist in den süssesten Gerüchen aus . Alle Lauben dufteten , alle Vögel sangen - Himmel und Erde umfaßten mich mit freundlicher Liebe . Ich fühlte mich an Körper und Geist unaussprechlich wohl , und empfänglich für jeden Eindruck . Nur Eins noch , ihr Götter , rief ich in fröhlicher Begeisterung , und ich bin selig wie ihr ! Was mein Gemüth in diese freie , empfängliche Stimmung versetzt hat , daß mir alles neu verklärt , in einem schönern Licht erscheint , ist , ich fühle es , wol etwas besseres als die flüchtige Anwandlung einer heitern Laune . Es ist der Nachklang einer höhern Harmonie , die gestern , mit göttlicher Hand alle Saiten meines Herzens berührte . Nanette ließ in ihrem Gartensaal eine Musik aufführen . Die geschmackvolle Einrichtung des Gartens , der freundliche Himmel , die muntre , liebenswürdige Wirthin , alles dies öfnete bald die Herzen für jeden gefälligen Eindruck . Ein paar fremde Virtuosen , Bekannte von Nanetten , die ganz in ihrer Kunst lebten , führten , von den übrigen gut unterstützt , verschiedene der besten Compositionen , meisterhaft aus . Bei einer der schönsten Stellen fiel mein Blick auf einen jungen Mann , der ganz in den Tönen zu leben schien . Denke Dir einen wahren Geniuskopf , und um diesen Kopf die Glorie inniger Entzückung . Die Töne verklärten sich in dem schönen Auge und schwebten wie Geister auf den feinen Lippen . Er hatte für nichts anders Sinn ; seine ganze Seele war der Harmonie hingegeben ; und daß ihn nichts stören konnte , war es eben , was mich ganz störte . - Diese schöne Rührung , der höchste Triumph der Kunst , die ich selbst in unharmonischen Zügen nie unbewegt wahrnehmen kann , wie mußten sie sich auf einem solchen Gesicht verherrlichen ! - Ich konnte und wollte meine Augen nicht von der holden Gestalt wegwenden , und fand ein unbeschreibliches Vergnügen darinnen , mir die reine entzückte Stimmung dieser harmonischen Seele auf das lebhafteste zu denken . - Welch eine Wonne ist es , Julie , das Beschränkte unserer Natur zu vergessen , und mit der Einbildungsgewalt in fremde Seelen einzudringen ! - So hatte ich , ganz in diese Betrachtungen vertieft , nicht eher wahrgenommen , daß das Spiel zu Ende war , bis ich den Jüngling fortgehen und unter die Spielenden treten sah . Er nahm mit freimüthigem , gebildetem Wesen ein Notenblatt ; die Musik begann von neuem ; er sang . Nie habe ich eine reinere , lieblichere Stimme gehört ; er sang mit einer Wahrheit , Biegsamkeit , mit einer Seele , die unwiderstehlich in alle Herzen drang ; auch die Gleichgültigsten wurden bewegt . Sein Gesang bezauberte mich so sehr , daß ich ihn selbst darüber vergaß ; mein Herz zerschmolz in schmerzlich süßer Wehmuth , und überließ sich ganz einem Gefühl ,