giebt es aber noch andre Freunde des Wissens , die dem Hervorbringen durch Denken nicht vorzüglich zugethan , und also ohne Beruf zu dieser Kunst , lieber Schüler der Natur werden , ihre Freude im Lernen , nicht im Lehren , im Erfahren , nicht im Machen , im Empfangen , nicht im Geben finden . Einige sind geschäftig und nehmen im Vertrauen auf die Allgegenwart und die innige Verwandtschaft der Natur , mithin auch im Voraus von der Unvollständigkeit und der Continuität alles Einzelnen überzeugt , irgend eine Erscheinung mit Sorgfalt auf , und halten den in tausend Gestalten sich verwandelnden Geist derselben mit stetem Blicke fest , und gehn dann an diesem Faden durch alle Schlupfwinkel der geheimen Werkstätte , um eine vollständige Verzeichnung dieser labyrinthischen Gänge entwerfen zu können . Sind sie mit dieser mühseligen Arbeit fertig , so ist auch unvermerkt ein höherer Geist über sie gekommen , und es wird ihnen dann leicht , über die vorliegende Karte zu reden und jedem Suchenden seinen Weg vorzuschreiben . Unermeßlicher Nutzen segnet ihre mühsame Arbeit , und der Grundriß ihrer Karte wird auf eine überraschende Weise mit dem Systeme des Denkers übereinstimmen , und sie werden diesem zum Trost gleichsam den lebendigen Beweis seiner abstrakten Sätze unwillkührlich geführt haben . Die Müßigsten unter ihnen erwarten kindlich von liebevoller Mittheilung höherer , von ihnen mit Inbrunst verehrter Wesen die ihnen nützliche Kenntniß der Natur . Sie mögen Zeit und Aufmerksamkeit in diesem kurzen Leben nicht Geschäften widmen , und dem Dienste der Liebe entziehn . Durch frommes Betragen suchen sie nur Liebe zu gewinnen , nur Liebe mitzutheilen , unbekümmert um das große Schauspiel der Kräfte , ruhig ihrem Schicksale in diesem Reiche der Macht ergeben , weil das innige Bewußtseyn ihrer Unzertrennlichkeit von den geliebten Wesen sie erfüllt , und die Natur sie nur als Abbild und Eigenthum derselben rührt . Was brauchen diese glücklichen Seelen zu wissen , die das beste Theil erwählt haben , und als reine Flammen der Liebe in dieser irdischen Welt nur auf den Spitzen der Tempel oder auf umhergetriebenen Schiffen , als Zeichen des überströmenden himmlischen Feuers lodern ? Oft erfahren diese liebenden Kinder in seligen Stunden herrliche Dinge aus den Geheimnissen der Natur , und thun sie in unbewußter Einfalt kund . Ihren Tritten folgt der Forscher , um jedes Kleinod zu sammeln , was sie in ihrer Unschuld und Freude haben fallen lassen , ihrer Liebe huldigt der mitfühlende Dichter und sucht durch seine Gesänge diese Liebe , diesen Keim des goldnen Alters , in andre Zeiten und Länder zu verpflanzen . Wem regt sich nicht , rief der Jüngling mit funkelndem Auge , das Herz in hüpfender Lust , wenn ihm das innerste Leben der Natur in seiner ganzen Fülle in das Gemüth kommt ! wenn dann jenes mächtige Gefühl , wofür die Sprache keine andere Namen als Liebe und Wollust hat , sich in ihm ausdehnt , wie ein gewaltiger , alles auflösender Dunst , und er bebend in süßer Angst in den dunkeln lockenden Schoos der Natur versinkt , die arme Persönlichkeit in den überschlagenden Wogen der Lust sich verzehrt , und nichts als ein Brennpunkt der unermeßlichen Zeugungskraft , ein verschluckender Wirbel im großen Ozean übrig bleibt ! Was ist die überall erscheinende Flamme ? Eine innige Umarmung , deren süße Frucht in wollüstigen Tropfen herunterthaut . Das Wasser , dieses erstgeborne Kind luftiger Verschmelzungen , kann seinen wollüstigen Ursprung nicht verläugnen und zeigt sich , als Element der Liebe und der Mischung mit himmlischer Allgewalt auf Erden . Nicht unwahr haben alte Weisen im Wasser den Ursprung der Dinge gesucht , und wahrlich sie haben von einem höhern Wasser , als dem Meer- und Quellwasser gesprochen . In jenem offenbaret sich nur das Urflüssige , wie es im flüssigen Metall zum Vorschein kommt , und darum mögen die Menschen es immer auch nur göttlich verehren . Wie wenige haben sich noch in die Geheimnisse des Flüssigen vertieft und manchem ist diese Ahndung des höchsten Genusses und Lebens wohl nie in der trunkenen Seele aufgegangen . Im Durste offenbaret sich diese Weltseele , diese gewaltige Sehnsucht nach dem Zerfließen . Die Berauschten fühlen nur zu gut diese überirdische Wonne des Flüssigen , und am Ende sind alle angenehme Empfindungen in uns mannichfache Zerfließungen , Regungen jener Urgewässer in uns . Selbst der Schlaf ist nichts als die Flut jenes unsichtbaren Weltmeers , und das Erwachen das Eintreten der Ebbe . Wie viele Menschen stehn an den berauschenden Flüssen und hören nicht das Wiegenlied dieser mütterlichen Gewässer , und genießen nicht das entzückende Spiel [ ihrer ] unendlichen Wellen ! Wie diese Wellen , lebten wir in der goldnen Zeit ; in buntfarbigen Wolken , diesen schwimmenden Meeren und Urquellen des Lebendigen auf Erden , liebten und erzeugten sich die Geschlechter der Menschen in ewigen Spielen , wurden besucht von den Kindern des Himmels und erst in jener großen Begebenheit , welche heilige Sagen die Sündflut nennen , ging diese blühende Welt unter ; ein feindliches Wesen schlug die Erde nieder , und einige Menschen blieben geschwemmt auf die Klippen der neuen Gebirge in der fremden Welt zurück . Wie seltsam , daß gerade die heiligsten und reitzendsten Erscheinungen der Natur in den Händen so todter Menschen sind , als die Scheidekünstler zu seyn pflegen ! sie , die den schöpferischen Sinn der Natur mit Macht erwecken , nur ein Geheimniß der Liebenden , Mysterien der höhern Menschheit seyn sollten , werden mit Schaamlosigkeit und sinnlos von rohen Geistern hervorgerufen , die nie wissen werden , welche Wunder ihre Gläser umschließen . Nur Dichter sollten mit dem Flüssigen umgehn , und von ihm der glühenden Jugend erzählen dürfen ; die Werkstätten wären Tempel und mit neuer Liebe würden die Menschen ihre Flamme und ihre Flüsse verehren und sich ihrer rühmen . Wie glücklich würden die Städte sich wieder dünken , die das Meer oder ein großer Strom bespült , und jede Quelle würde wieder die Freistätte der Liebe und der Aufenthalt der erfahrnen und geistreichen Menschen . Darum lockt auch die Kinder nichts mehr als Feuer und Wasser , und jeder Strom verspricht ihnen , in die bunte Ferne , in schönere Gegenden sie zu führen . Es ist nicht blos Wiederschein , daß der Himmel im Wasser liegt , es ist eine zarte Befreundung , ein Zeichen der Nachbarschaft , und wenn der unerfüllte Trieb in die unermeßliche Höhe will , so versinkt die glückliche Liebe gern in die endlose Tiefe . Aber es ist umsonst , die Natur lehren und predigen zu wollen . Ein Blindgeborner lernt nicht sehen , und wenn man ihm noch so viel von Farben und Lichtern und fernen Gestalten erzählen wollte . So wird auch keiner die Natur begreifen , der kein Naturorgan , kein innres naturerzeugendes und absonderndes Werkzeug hat , der nicht , wie von selbst , überall die Natur an allem erkennt und unterscheidet und mit angeborner Zeugungslust , in inniger mannichfaltiger Verwandtschaft mit allen Körpern , durch das Medium der Empfindung , sich mit allen Naturwesen vermischt , sich gleichsam in sie hineinfühlt . Wer aber einen richtigen und geübten Natursinn hat , der genießt die Natur , indem er sie studirt , und freut sich ihrer unendlichen Mannichfaltigkeit , ihrer Unerschöpflichkeit im Genusse , und bedarf nicht , daß man ihn mit unnützen Worten in seinen Genüssen störe . Ihm dünkt vielmehr , daß man nicht heimlich genug mit der Natur umgehen , nicht zart genug von ihr reden , nicht ungestört und aufmerksam genug sie beschauen kann . Er fühlt sich in ihr , wie am Busen seiner züchtigen Braut und vertraut auch nur dieser seine erlangten Einsichten in süßen vertraulichen Stunden . Glücklich preis ' ich diesen Sohn , diesen Liebling der Natur , dem sie verstattet sie in ihrer Zweyheit , als erzeugende und gebärende Macht , und in ihrer Einheit , als eine unendliche , ewigdauernde Ehe , zu betrachten . Sein Leben wird eine Fülle aller Genüsse , eine Kette der Wollust und seine Religion der eigentliche , ächte Naturalismus seyn . Unter dieser Rede hatte sich der Lehrer mit seinen Lehrlingen der Gesellschaft genähert . Die Reisenden standen auf und begrüßten ihn ehrfurchtsvoll . Eine erfrischende Kühlung verbreitete sich aus den dunkeln Laubgängen über den Platz und die Stufen . Der Lehrer ließ einen jener seltnen leuchtenden Steine bringen , die man Karfunkel nennt , und ein hellrothes , kräftiges Licht goß sich über die verschiednen Gestalten und Kleidungen aus . Es entspann sich bald eine freundliche Mittheilung unter ihnen . Während eine Musik aus der Ferne sich hören ließ und eine kühlende Flamme aus Krystallschaalen in die Lippen der Sprechenden hineinloderte , erzählten die Fremden merkwürdige Erinnerungen ihrer weiten Reisen . Voll Sehnsucht und Wißbegierde hatten sie sich aufgemacht , um die Spuren jenes verloren gegangenen Urvolks zu suchen , dessen entartete und verwilderte Reste die heutige Menschheit zu seyn schiene , dessen hoher Bildung sie noch die wichtigsten und unentbehrlichsten Kenntnisse und Werkzeuge zu danken hat . Vorzüglich hatte sie jene heilige Sprache gelockt , die das glänzende Band jener königlichen Menschen mit überirdischen Gegenden und Bewohnern gewesen war , und von der einige Worte , nach dem Verlaut mannichfaltiger Sagen , noch im Besitz einiger glücklichen Weisen unter unsern Vorfahren gewesen seyn mögen . Ihre Aussprache war ein wunderbarer Gesang , dessen unwiderstehliche Töne tief in das Innere jeder Natur eindrangen und sie zerlegten . Jeder ihrer Namen schien das Loosungswort für die Seele jedes Naturkörpers . Mit schöpferischer Gewalt erregten diese Schwingungen alle Bilder der Welterscheinungen , und von ihnen konnte man mit Recht sagen , daß das Leben des Universums ein ewiges tausendstimmiges Gespräch sey ; denn in ihrem Sprechen schienen alle Kräfte , alle Arten der Thätigkeit auf das Unbegreiflichste vereinigt zu seyn . Die Trümmer dieser Sprache , wenigstens alle Nachrichten von ihr , aufzusuchen , war ein Hauptzweck ihrer Reise gewesen , und der Ruf des Alterthums hatte sie auch nach Sais gezogen . Sie hofften hier von den erfahrnen Vorstehern des Tempelarchivs wichtige Nachrichten zu erhalten , und vielleicht in den großen Sammlungen aller Art selbst Aufschlüsse zu finden . Sie baten den Lehrer um die Erlaubniß , eine Nacht im Tempel schlafen , und seinen Lehrstunden einige Tage beiwohnen zu dürfen . Sie erhielten was sie wünschten , und freuten sich innig , wie der Lehrer aus dem Schatze seiner Erfahrungen ihre Erzählungen mit mannichfaltigen Bemerkungen begleitete , und eine Reihe lehrreicher und anmuthiger Geschichten und Beschreibungen vor ihnen entwickelte . Endlich kam er auch auf das Geschäft seines Alters , den unterschiednen Natursinn in jungen Gemüthern zu erwecken , zu üben , zu schärfen , und ihn mit den andern Anlagen zu höheren Blüthen und Früchten zu verknüpfen . Ein Verkündiger der Natur zu seyn , ist ein schönes und heiliges Amt , sagte der Lehrer . Nicht der bloße Umfang und Zusammenhang der Kenntnisse , nicht die Gabe , diese Kenntnisse leicht und rein an bekannte Begriffe und Erfahrungen anzuknüpfen , und die eigenthümlichen fremd klingenden Worte mit gewöhnlichen Ausdrücken zu vertauschen , selbst nicht die Geschicklichkeit einer reichen Einbildungskraft , die Naturerscheinungen in leicht faßliche und treffend beleuchtete Gemählde zu ordnen , die entweder durch den Reitz der Zusammenstellung und den Reichthum des Inhalts die Sinne spannen und befriedigen , oder den Geist durch eine tiefe Bedeutung entzücken , alles dies macht noch nicht das ächte Erforderniß eines Naturkündigers aus . Wem es um etwas anders zu thun ist , als um die Natur , dem ist es vielleicht genug , aber wer eine innige Sehnsucht nach der Natur spürt , wer in ihr alles sucht , und gleichsam ein empfindliches Werkzeug ihres geheimen Thuns ist , der wird nur den für seinen Lehrer und für den Vertrauten der Natur erkennen , der mit Andacht und Glauben von ihr spricht , dessen Reden die wunderbare , unnachahmliche Eindringlichkeit und Unzertrennlichkeit haben , durch die sich wahre Evangelia , wahre Eingebungen ankündigen . Die ursprünglich günstige Anlage eines solchen natürlichen Gemüths muß durch unablässigen Fleiß von Jugend auf , durch Einsamkeit und Stillschweigen , weil vieles Reden sich nicht mit der steten Aufmerksamkeit verträgt , die ein solcher anwenden muß , durch kindliches , bescheidnes Wesen und unermüdliche Geduld unterstützt und ausgebildet seyn . Die Zeit läßt sich nicht bestimmen , wie bald einer ihrer Geheimnisse theilhaftig wird . Manche Beglückte gelangten früher , manche erst im hohen Alter dazu . Ein wahrer Forscher wird nie alt , jeder ewige Trieb ist außer dem Gebiete der Lebenszeit , und je mehr die äußere Hülle verwittert , desto heller und glänzender und mächtiger wird der Kern . Auch haftet diese Gabe nicht an äußerer Schönheit , oder Kraft , oder Einsicht , oder irgend einem menschlichen Vorzug . In allen Ständen , unter jedem Alter und Geschlecht , in allen Zeitaltern und unter jedem Himmelsstriche hat es Menschen gegeben , die von der Natur zu ihren Lieblingen ausersehn und durch inneres Empfängniß beglückt waren . Oft schienen diese Menschen einfältiger und ungeschickter zu seyn , als Andere , und blieben ihr ganzes Leben hindurch in der Dunkelheit des großen Haufens . Es ist sogar als eine rechte Seltenheit zu achten , wenn man das wahre Naturverständniß bey großer Beredsamkeit , Klugheit , und einem prächtigen Betragen findet , da es gemeiniglich die einfachen Worte , den geraden Sinn , und ein schlichtes Wesen hervorbringt oder begleitet . In den Werkstätten der Handwerker und Künstler , und da , wo die Menschen in vielfältigem Umgang und Streit mit der Natur sind , als da ist beim Ackerbau , bey der Schifffahrt , bey der Viehzucht , bey den Erzgruben , und so bey vielen andern Gewerben , scheint die Entwickelung dieses Sinns am leichtesten und öftersten statt zu finden . Wenn jede Kunst in der Erkenntniß der Mittel , einen gesuchten Zweck zu erreichen , eine bestimmte Wirkung und Erscheinung hervorzubringen , und in der Fertigkeit , diese Mittel zu wählen und anzuwenden , besteht , so muß derjenige , der den innern Beruf fühlt , das Naturverständniß mehreren Menschen gemein zu machen , diese Anlage in den Menschen vorzüglich zu entwickeln , und zu pflegen , zuerst auf die natürlichen Anlässe dieser Entwicklung sorgfältig zu achten und die Grundzüge dieser Kunst der Natur abzulernen suchen . Mit Hülfe dieser erlangten Einsichten wird er sich ein System der Anwendung dieser Mittel bey jedem gegebenen Individuum , auf Versuche , Zergliederung und Vergleichung gegründet , bilden , sich dieses System bis zur andern Natur aneignen , und dann mit Enthusiasmus sein belohnendes Geschäft anfangen . Nur diesen wird man mit Recht einen Lehrer der Natur nennen können , da jeder andre bloße Naturalist nur zufällig und sympathetisch , wie ein Naturerzeugniß selbst , den Sinn für die Natur erwecken wird .