auf den Weg , und eilte der Pforte des Gartens zu . Unterdessen hatte die Prinzessin Abends beym Auskleiden den theuren Stein in ihrem Halsbande vermißt , der ein Andenken ihrer Mutter und noch dazu ein Talisman war , dessen Besitz ihr die Freyheit ihrer Person sicherte , indem sie damit nie in fremde Gewalt ohne ihren Willen gerathen konnte . Dieser Verlust befremdete sie mehr , als daß er sie erschreckt hätte . Sie erinnerte sich , ihn gestern bey dem Spazierritt noch gehabt zu haben , und glaubte fest , daß er entweder im Hause des Alten , oder auf dem Rückwege im Walde verloren gegangen seyn müsse ; der Weg war ihr noch in frischem Andenken , und so beschloß sie gleich früh den Stein aufzusuchen , und ward bey diesem Gedanken so heiter , daß es fast das Ansehn gewann , als sey sie gar nicht unzufrieden mit dem Verluste , weil er Anlaß gäbe jenen Weg sogleich noch einmal zu machen . Mit dem Tage ging sie durch den Garten nach dem Walde , und weil sie eilfertiger ging als gewöhnlich , so fand sie es ganz natürlich , daß ihr das Herz lebhaft schlug , und ihr die Brust beklomm . Die Sonne fing eben an , die Wipfel der alten Bäume zu vergolden , die sich mit sanftem Flüstern bewegten , als wollten sie sich gegenseitig aus nächtlichen Gesichtern erwecken , um die Sonne gemeinschaftlich zu begrüßen , als die Prinzessin durch ein fernes Geräusch veranlaßt , den Weg hinunter und den Jüngling auf sich zueilen sah , der in demselben Augenblick ebenfalls sie bemerkte . Wie angefesselt blieb er eine Weile stehn , und blickte unverwandt sie an , gleichsam um sich zu überzeugen , daß ihre Erscheinung wirklich und keine Täuschung sey . Sie begrüßten sich mit einem zurückgehaltenen Ausdruck von Freude , als hätten sie sich schon lange gekannt und geliebt . Noch ehe die Prinzessin die Ursache ihres frühen Spazierganges ihm entdecken konnte , überreichte er ihr mit Erröthen und Herzklopfen den Stein in dem beschriebenen Zettel . Es war , als ahndete die Prinzessin den Inhalt der Zeilen . Sie nahm ihn stillschweigend mit zitternder Hand und hing ihm zur Belohnung für seinen glücklichen Fund beynah unwillkührlich eine goldne Kette um , die sie um den Hals trug . Beschämt kniete er vor ihr und konnte , da sie sich nach seinem Vater erkundigte , einige Zeit keine Worte finden . Sie sagte ihm halbleise , und mit niedergeschlagenen Augen , daß sie bald wieder zu ihnen kommen , und die Zusage des Vaters sie mit seinen Seltenheiten bekannt zu machen , mit vieler Freude benutzen würde . Sie dankte dem Jünglinge noch einmal mit ungewöhnlicher Innigkeit , und ging hierauf langsam , ohne sich umzusehen , zurück . Der Jüngling konnte kein Wort vorbringen . Er neigte sich ehrfurchtsvoll und sah ihr lange nach , bis sie hinter den Bäumen verschwand . Nach dieser Zeit vergingen wenig Tage bis zu ihrem zweyten Besuche , dem bald mehrere folgten . Der Jüngling ward unvermerkt ihr Begleiter bey diesen Spaziergängen . Er holte sie zu bestimmten Stunden am Garten ab , und brachte sie dahin zurück . Sie beobachtete ein unverbrüchliches Stillschweigen über ihren Stand , so zutraulich sie auch sonst gegen ihren Begleiter wurde , dem bald kein Gedanke in ihrer himmlischen Seele verborgen blieb . Es war , als flößte ihr die Erhabenheit ihrer Herkunft eine geheime Furcht ein . Der Jüngling gab ihr ebenfalls seine ganze Seele . Vater und Sohn hielten sie für ein vornehmes Mädchen vom Hofe . Sie hing an dem Alten mit der Zärtlichkeit einer Tochter . Ihre Liebkosungen gegen ihn waren die entzückenden Vorboten ihrer Zärtlichkeit gegen den Jüngling . Sie ward bald einheimisch in dem wunderbaren Hause ; und wenn sie dem Alten und dem Sohne , der zu ihren Füßen saß , auf ihrer Laute reitzende Lieder mit einer überirdischen Stimme vorsang , und letzteren in dieser lieblichen Kunst unterrichtete : so erfuhr sie dagegen von seinen begeisterten Lippen die Enträthselung der überall verbreiteten Naturgeheimnisse . Er lehrte ihr , wie durch wundervolle Sympathie die Welt entstanden sey , und die Gestirne sich zu melodischen Reigen vereinigt hätten . Die Geschichte der Vorwelt ging durch seine heiligen Erzählungen in ihrem Gemüth auf ; und wie entzückt war sie , wenn ihr Schüler , in der Fülle seiner Eingebungen , die Laute ergriff und mit unglaublicher Gelehrigkeit in die wundervollsten Gesänge ausbrach . Eines Tages , wo ein besonders kühner Schwung sich seiner Seele in ihrer Gesellschaft bemächtigt hatte , und die mächtige Liebe auf dem Rückwege ihre jungfräuliche Zurückhaltung mehr als gewöhnlich überwand , so daß sie beyde ohne selbst zu wissen wie einander in die Arme sanken , und der erste glühende Kuß sie auf ewig zusammenschmelzte , fing mit einbrechender Dämmerung ein gewaltiger Sturm in den Gipfeln der Bäume plötzlich zu toben an . Drohende Wetterwolken zogen mit tiefem nächtlichen Dunkel über sie her . Er eilte sie in Sicherheit vor dem fürchterlichen Ungewitter und den brechenden Bäumen zu bringen : aber er verfehlte in der Nacht und voll Angst wegen seiner Geliebten den Weg , und gerieth immer tiefer in den Wald hinein . Seine Angst wuchs , wie er seinen Irrthum bemerkte . Die Prinzessin dachte an das Schrecken des Königs und des Hofes ; eine unnennbare Ängstlichkeit fuhr zuweilen , wie ein zerstörender Strahl , durch ihre Seele , und nur die Stimme ihres Geliebten , der ihr unaufhörlich Trost zusprach , gab ihr Muth und Zutrauen zurück , und erleichterte ihre beklommne Brust . Der Sturm wüthete fort ; alle Bemühungen den Weg zu finden waren vergeblich , und sie priesen sich beyde glücklich , bey der Erleuchtung eines Blitzes eine nahe Höhle an dem steilen Abhang eines waldigen Hügels zu entdecken , wo sie eine sichere Zuflucht gegen die Gefahren des Ungewitters zu finden hoften , und eine Ruhestätte für ihre erschöpften Kräfte . Das Glück begünstigte ihre Wünsche . Die Höhle war trocken und mit reinlichem Moose bewachsen . Der Jüngling zündete schnell ein Feuer von Reisern und Moos an , woran sie sich trocknen konnten , und die beyden Liebenden sahen sich nun auf eine wunderbare Weise von der Welt entfernt , aus einem gefahrvollen Zustande gerettet , und auf einem bequemen , warmen Lager allein nebeneinander . Ein wilder Mandelstrauch hing mit Früchten beladen in die Höhle hinein , und ein nahes Rieseln ließ sie frisches Wasser zur Stillung ihres Durstes finden . Die Laute hatte der Jüngling mitgenommen , und sie gewährte ihnen jetzt eine aufheiternde und beruhigende Unterhaltung bey dem knisternden Feuer . Eine höhere Macht schien den Knoten schneller lösen zu wollen , und brachte sie unter sonderbaren Umständen in diese romantische Lage . Die Unschuld ihrer Herzen , die zauberhafte Stimmung ihrer Gemüther , und die verbundene unwiderstehliche Macht ihrer süßen Leidenschaft und ihrer Jugend ließ sie bald die Welt und ihre Verhältnisse vergessen , und wiegte sie unter dem Brautgesange des Sturms und den Hochzeitfackeln der Blitze in den süßesten Rausch ein , der je ein sterbliches Paar beseligt haben mag . Der Anbruch des lichten blauen Morgens war für sie das Erwachen in einer neuen seligen Welt . Ein Strom heißer Thränen , der jedoch bald aus den Augen der Prinzessin hervorbrach , verrieth ihrem Geliebten die erwachenden tausendfachen Bekümmernisse ihres Herzens . Er war in dieser Nacht um mehrere Jahre älter , aus einem Jünglinge zum Manne geworden . Mit überschwenglicher Begeisterung tröstete er seine Geliebte , erinnerte sie an die Heiligkeit der wahrhaften Liebe , und an den hohen Glauben , den sie einflöße , und bat sie , die heiterste Zukunft von dem Schutzgeist ihres Herzens mit Zuversicht zu erwarten . Die Prinzessin fühlte die Wahrheit seines Trostes , und entdeckte ihm , sie sey die Tochter des Königs , und nur bange wegen des Stolzes und der Bekümmernisse ihres Vaters . Nach langen reiflichen Überlegungen wurden sie über die zu fassende Entschließung einig , und der Jüngling machte sich sofort auf den Weg , um seinen Vater aufzusuchen , und diesen mit ihrem Plane bekannt zu machen . Er versprach in kurzen wieder bey ihr zu seyn , und verließ sie beruhigt und in süßen Vorstellungen der künftigen Entwicklung dieser Begebenheiten . Der Jüngling hatte bald seines Vaters Wohnung erreicht , und der Alte war sehr erfreut , ihn unverletzt ankommen zu sehen . Er erfuhr nun die Geschichte und den Plan der Liebenden , und bezeigte sich nach einigem Nachdenken bereitwillig ihn zu unterstützen . Sein Haus lag ziemlich versteckt , und hatte einige unterirdische Zimmer , die nicht leicht aufzufinden waren . Hier sollte die Wohnung der Prinzessin seyn . Sie ward also in der Dämmerung abgeholt , und mit tiefer Rührung von dem Alten empfangen . Sie weinte nachher oft in der Einsamkeit , wenn sie ihres traurigen Vaters gedachte : doch verbarg sie ihren Kummer vor ihrem Geliebten , und sagte es nur dem Alten , der sie freundlich tröstete , und ihr die nahe Rückkehr zu ihrem Vater vorstellte . Unterdeß war man am Hofe in große Bestürzung gerathen , als Abends die Prinzessin vermißt wurde . Der König war ganz außer sich , und schickte überall Leute aus , sie zu suchen . Kein Mensch wußte sich ihr Verschwinden zu erklären . Keinem kam ein heimliches Liebesverständniß in die Gedanken , und so ahndete man keine Entführung , da ohnedies kein Mensch weiter fehlte . Auch nicht zu der entferntesten Vermuthung war Grund da . Die ausgeschickten Boten kamen unverrichteter Sache zurück , und der König fiel in tiefe Traurigkeit . Nur wenn Abends seine Sänger vor ihn kamen und schöne Lieder mitbrachten , war es , als ließe sich die alte Freude wieder vor ihm blicken ; seine Tochter dünkte ihm nah , und er schöpfte Hofnung , sie bald wieder zu sehen . War er aber wieder allein , so zerriß es ihm von neuem das Herz und er weinte laut . Dann gedachte er bey sich selbst : Was hilft mir nun alle die Herrlichkeit , und meine hohe Geburt . Nun bin ich doch elender als die andern Menschen . Meine Tochter kann mir nichts ersetzen . Ohne sie sind auch die Gesänge nichts , als leere Worte und Blendwerk . Sie war der Zauber , der ihnen Leben und Freude , Macht und Gestalt gab . Wollt ' ich doch lieber , ich wäre der geringste meiner Diener . Dann hätte ich meine Tochter noch ; auch wohl einen Eydam dazu und Enkel , die mir auf den Knieen säßen : dann wäre ich ein anderer König , als jetzt . Es ist nicht die Krone und das Reich , was einen König macht . Es ist jenes volle , überfließende Gefühl der Glückseligkeit , der Sättigung mit irdischen Gütern , jenes Gefühl der überschwänglichen Gnüge . So werd ' ich nun für meinen Übermuth bestraft . Der Verlust meiner Gattin hat mich noch nicht genug erschüttert . Nun hab ' ich auch ein grenzenloses Elend . So klagte der König in den Stunden der heißesten Sehnsucht . Zuweilen brach auch seine alte Strenge und sein Stolz wieder hervor . Er zürnte über seine Klagen ; wie ein König wollte er dulden und schweigen . Er meinte dann , er leide mehr , als alle Anderen , und gehöre ein großer Schmerz zum Königthum ; aber wenn es dann dämmerte , und er in die Zimmer seiner Tochter trat , und sah ihre Kleider hängen , und ihre kleineren Habseligkeiten stehn , als habe sie eben das Zimmer verlassen : so vergaß er seine Vorsätze , gebehrdete sich wie ein trübseliger Mensch , und rief seine geringsten Diener um Mitleid an . Die ganze Stadt und das ganze Land weinten und klagten von ganzem Herzen mit ihm . Sonderlich war es , daß eine Sage umherging , die Prinzessin lebe noch , und werde bald mit einem Gemahl wiederkommen . Kein Mensch wußte , woher die Sage kam : aber alles hing sich mit frohem Glauben daran , und sah mit ungeduldiger Erwartung ihrer baldigen Wiederkunft entgegen . So vergingen mehrere Monden , bis das Frühjahr wieder herankam . Was gilts , sagten einige in wunderlichem Muthe , nun kommt auch die Prinzessin wieder . Selbst der König ward heitrer und hoffnungsvoller . Die Sage dünkte ihm wie die Verheißung einer gütigen Macht . Die ehemaligen Feste fingen wieder an , und es schien zum völligen Aufblühen der alten Herrlichkeit nur noch die Prinzessin zu fehlen . Eines Abends , da es gerade jährig wurde , daß sie verschwand , war der ganze Hof im Garten versammelt . Die Luft war warm und heiter ; ein leiser Wind tönte nur oben in den alten Wipfeln , wie die Ankündigung eines fernen fröhlichen Zuges . Ein mächtiger Springquell stieg zwischen den vielen Fackeln mit zahllosen Lichtern hinauf in die Dunkelheit der tönenden Wipfel , und begleitete mit melodischem Plätschern die mannichfaltigen Gesänge , die unter den Bäumen hervorklangen . Der König saß auf einem köstlichen Teppich , und um ihn her war der Hof in festlichen Kleidern versammelt . Eine zahlreiche Menge erfüllte den Garten , und umgab das prachtvolle Schauspiel . Der König saß eben in tiefen Gedanken . Das Bild seiner verlornen Tochter stand mit ungewöhnlicher Klarheit vor ihm ; er gedachte der glücklichen Tage , die um diese Zeit im vergangenen Jahre ein plötzliches Ende nahmen . Eine heiße Sehnsucht übermannte ihn , und es flossen häufige Thränen von seinen ehrwürdigen Wangen ; doch empfand er eine ungewöhnliche Heiterkeit . Es dünkte ihm das traurige Jahr nur ein schwerer Traum zu seyn , und er hob die Augen auf , gleichsam um ihre hohe , heilige , entzückende Gestalt unter den Menschen und den Bäumen aufzusuchen . Eben hatten die Dichter geendigt , und eine tiefe Stille schien das Zeichen der allgemeinen Rührung zu seyn , denn die Dichter hatten die Freuden des Wiedersehns , den Frühling und die Zukunft besungen , wie sie die Hoffnung zu schmücken pflegt . Plötzlich wurde die Stille durch leise Laute einer unbekannten schönen Stimme unterbrochen , die von einer uralten Eiche herzukommen schienen . Alle Blicke richteten sich dahin , und man sah einen Jüngling in einfacher , aber fremder Tracht stehen , der eine Laute im Arm hielt , und ruhig in seinem Gesange fortfuhr , indem er jedoch , wie der König seinen Blick nach ihm wandte , eine tiefe Verbeugung machte . Die Stimme war außerordentlich schön , und der Gesang trug ein fremdes , wunderbares Gepräge . Er handelte von dem Ursprunge der Welt , von der Entstehung der Gestirne , der Pflanzen , Thiere und Menschen , von der allmächtigen Sympathie der Natur , von der uralten goldenen Zeit und ihren Beherrscherinnen , der Liebe und Poesie , von der Erscheinung des Hasses und der Barbarey und ihren Kämpfen mit jenen wohlthätigen Göttinnen , und endlich von dem zukünftigen Triumph der letztern , dem Ende der Trübsale , der Verjüngung der Natur und der Wiederkehr eines ewigen goldenen Zeitalters . Die alten Dichter traten selbst von Begeisterung hingerissen , während des Gesanges näher um den seltsamen Fremdling her . Ein niegefühltes Entzücken ergriff die Zuschauer , und der König selbst fühlte sich wie auf einem Strom des Himmels weggetragen . Ein solcher Gesang war nie vernommen worden , und Alle glaubten , ein himmlisches Wesen sey unter ihnen erschienen , besonders da der Jüngling unterm Singen immer schöner , immer herrlicher , und seine Stimme immer gewaltiger zu werden schien . Die Luft spielte mit seinen goldenen Locken . Die Laute schien sich unter seinen Händen zu beseelen , und sein Blick schien trunken in eine geheimere Welt hinüber zu schauen . Auch die Kinderunschuld und Einfalt seines Gesichts schien allen übernatürlich . Nun war der herrliche Gesang geendigt . Die bejahrten Dichter drückten den Jüngling mit Freudenthränen an ihre Brust . Ein stilles inniges Jauchzen ging durch die Versammlung . Der König kam gerührt auf ihn zu . Der Jüngling warf sich ihm bescheiden zu Füßen . Der König hob ihn auf , umarmte ihn herzlich , und hieß ihn sich eine Gabe ausbitten . Da bat er mit glühenden Wangen den König , noch ein Lied gnädig anzuhören , und dann über seine Bitte zu entscheiden . Der König trat einige Schritte zurück und der Fremdling fing an : Der Sänger geht auf rauhen Pfaden , Zerreißt in Dornen sein Gewand ; Er muß durch Fluß und Sümpfe baden , Und keins reicht hülfreich ihm die Hand . Einsam und pfadlos fließt in Klagen Jetzt über sein ermattet Herz ; Er kann die Laute kaum noch tragen , Ihn übermannt ein tiefer Schmerz . * Ein traurig Loos ward mir beschieden , Ich irre ganz verlassen hier , Ich brachte Allen Lust und Frieden , Doch keiner theilte sie mit mir . Es wird ein jeder seiner Habe Und seines Lebens froh durch mich ; Doch weisen sie mit karger Gabe Des Herzens Forderung von sich . * Man läßt mich ruhig Abschied nehmen , Wie man den Frühling wandern sieht ; Es wird sich keiner um ihn grämen , Wenn er betrübt von dannen zieht . Verlangend sehn sie nach den Früchten , Und wissen nicht , daß er sie sät ; Ich kann den Himmel für sie dichten , Doch meiner denkt nicht Ein Gebet . * Ich fühle dankbar Zaubermächte An diese Lippen festgebannt . O ! knüpfte nur an meine Rechte Sich auch der Liebe Zauberband . Es kümmert keine sich des Armen , Der dürftig aus der Ferne kam ; Welch Herz wird Sein sich noch erbarmen Und lösen seinen tiefen Gram ? * Er sinkt im hohen Grase nieder , Und schläft mit nassen Wangen ein ; Da schwebt der hohe Geist der Lieder In die beklemmte Brust hinein : Vergiß anjetzt , was du gelitten , In Kurzem schwindet deine Last , Was du umsonst gesucht in Hütten , Das wirst du finden im Palast . * Du nahst dem höchsten Erdenlohne , Bald endigt der verschlungne Lauf ; Der Myrthenkranz wird eine Krone , Dir setzt die treuste Hand sie auf . Ein Herz voll Einklang ist berufen Zur Glorie um einen Thron ; Der Dichter steigt auf rauhen Stufen Hinan , und wird des Königs Sohn . * So weit war er in seinem Gesange gekommen , und ein sonderbares Erstaunen hatte sich der Versammlung bemächtigt , als während dieser Strophen ein alter Mann mit einer verschleyerten weiblichen Gestalt von edlem Wuchse , die ein wunderschönes Kind auf dem Arme trug , das freundlich in der fremden Versammlung umhersah , und lächelnd nach dem blitzenden Diadem des Königs die kleinen Händchen streckte , zum Vorschein kamen , und sich hinter den Sänger stellten ; aber das Staunen wuchs , als plötzlich aus den Gipfeln der alten Bäume , der Lieblingsadler des Königs , den er immer um sich hatte , mit einer goldenen Stirnbinde , die er aus seinen Zimmern entwandt haben mußte , herabflog , und sich auf das Haupt des Jünglings niederließ , so daß die Binde sich um seine Locken schlug . Der Fremdling erschrak einen Augenblick ; der Adler flog an die Seite des Königs , und ließ die Binde zurück . Der Jüngling reichte sie dem Kinde , das darnach verlangte , ließ sich auf ein Knie gegen den König nieder , und fuhr in seinem Gesange mit bewegter Stimme fort : * Der Sänger fährt aus schönen Träumen Mit froher Ungeduld empor ; Er wandelt unter hohen Bäumen Zu des Pallastes ehrnem Thor . Die Mauern sind wie Stahl geschliffen , Doch sie erklimmt sein Lied geschwind , Es steigt von Lieb ' und Weh ergriffen Zu ihm hinab des Königs Kind . * Die Liebe drückt sie fest zusammen Der Klang der Panzer treibt sie fort ; Sie lodern auf in süßen Flammen , Im nächtlich stillen Zufluchtsort . Sie halten furchtsam sich verborgen , Weil sie der Zorn des Königs schreckt ; Und werden nun von jedem Morgen Zu Schmerz und Lust zugleich erweckt . * Der Sänger spricht mit sanften Klängen Der neuen Mutter Hoffnung ein ; Da tritt , gelockt von den Gesängen Der König in die Kluft hinein . Die Tochter reicht in goldnen Locken Den Enkel von der Brust ihm hin ; Sie sinken reuig und erschrocken , Und mild zergeht sein strenger Sinn . * Der Liebe weicht und dem Gesange Auch auf dem Thron ein Vaterherz , Und wandelt bald in süßem Drange Zu ewger Lust den tiefen Schmerz . Die Liebe giebt , was sie entrissen , Mit reichem Wucher bald zurück , Und unter den Versöhnungsküssen Entfaltet sich ein himmlisch Glück . * Geist des Gesangs , komm du hernieder , Und steh auch jetzt der Liebe bey ; Bring die verlorne Tochter wieder , Daß ihr der König Vater sey ! - Daß er mit Freuden sie umschließet , Und seines Enkels sich erbarmt , Und wenn das Herz ihm überfließet , Den Sänger auch als Sohn umarmt . Der Jüngling hob mit bebender Hand bey diesen Worten , die sanft in den dunklen Gängen verhallten , den Schleyer . Die Prinzessin fiel mit einem Strom von Thränen zu den Füßen des Königs , und hielt ihm das schöne Kind hin . Der Sänger kniete mit gebeugtem Haupte an ihrer Seite . Eine ängstliche Stille schien jeden Athem festzuhalten . Der König war einige Augenblicke sprachlos und ernst ; dann zog er die Prinzessin an seine Brust , drückte sie lange fest an sich und weinte laut . Er hob nun auch den Jüngling zu sich auf , und umschloß ihn mit herzlicher Zärtlichkeit . Ein helles Jauchzen flog durch die Versammlung , die sich dicht zudrängte . Der König nahm das Kind und reichte es mit rührender Andacht gen Himmel ; dann begrüßte er freundlich den Alten . Unendliche Freudenthränen flossen . In Gesänge brachen die Dichter aus , und der Abend ward ein heiliger Vorabend dem ganzen Lande , dessen Leben fortan nur Ein schönes Fest war . Kein Mensch weiß , wo das Land hingekommen ist . Nur in Sagen heißt es , daß Atlantis von mächtigen Fluten den Augen entzogen worden sey . Viertes Kapitel Einige Tagereisen waren ohne die mindeste Unterbrechung geendigt . Der Weg war fest und trocken , die Witterung erquickend und heiter , und die Gegenden , durch die sie kamen , fruchtbar , bewohnt und mannichfaltig . Der furchtbare Thüringer Wald lag im Rücken ; die Kaufleute hatten den Weg öfter gemacht , waren überall mit den Leuten bekannt , und erfuhren die gastfreyste Aufnahme . Sie vermieden die abgelegenen und durch Räubereien bekannten Gegenden , und nahmen , wenn sie ja gezwungen waren , solche zu durchreisen , ein hinlängliches Geleite mit . Einige Besitzer benachbarter Bergschlösser standen mit den Kaufleuten in gutem Vernehmen . Sie wurden besucht und bey ihnen nachgefragt , ob sie Bestellungen nach Augsburg zu machen hätten . Eine freundliche Bewirthung ward ihnen zu Theil , und die Frauen und Töchter drängten sich mit herzlicher Neugier um die Fremdlinge . Heinrichs Mutter gewann sie bald durch ihre guthmüthige Bereitwilligkeit und Theilnahme . Man war erfreut eine Frau aus der Residenzstadt zu sehn , die eben so willig die Neuigkeiten der Mode , als die Zubereitung einiger schmackhafter Schüsseln mittheilte . Der junge Ofterdingen ward von Rittern und Frauen wegen seiner Bescheidenheit und seines ungezwungenen milden Betragens gepriesen , und die letztern verweilten gern auf seiner einnehmenden Gestalt , die wie das einfache Wort eines Unbekannten war , das man fast überhört , bis längst nach seinem Abschiede es seine tiefe unscheinbare Knospe immer mehr aufthut , und endlich eine herrliche Blume in allem Farbenglanze dichtverschlungener Blätter zeigt , so daß man es nie vergißt , nicht müde wird es zu wiederholen , und einen unversieglichen immer gegenwärtigen Schatz daran hat . Man besinnt sich nun genauer auf den Unbekannten , und ahndet und ahndet , bis es auf einmal klar wird , daß es ein Bewohner der höhern Welt gewesen sey . - Die Kaufleute erhielten eine große Menge Bestellungen , und man trennte sich gegenseitig mit herzlichen Wünschen , einander bald wieder zu sehn . Auf einem dieser Schlösser , wo sie gegen Abend hinkamen , ging es frölich zu . Der Herr des Schlosses war ein alter Kriegsmann , der die Muße des Friedens , und die Einsamkeit seines Aufenthalt mit öftern Gelagen feyerte und unterbrach , und außer dem Kriegsgetümmel und der Jagd keinen andern Zeitvertreib kannte , als den gefüllten Becher . Er empfing die Ankommenden mit brüderlicher Herzlichkeit , mitten unter lärmenden Genossen . Die Mutter ward zur Hausfrau geführt . Die Kaufleute und Heinrich mußten sich an die lustige Tafel setzen , wo der Becher tapfer umherging . Heinrichen ward auf vieles Bitten in Rücksicht seiner Jugend das jedesmalige Bescheidthun erlassen , dagegen die Kaufleute sich nicht faul finden , sondern sich den alten Frankenwein tapfer schmecken ließen . Das Gespräch lief über ehmalige Kriegsabentheuer hin . Heinrich hörte mit großer Aufmerksamkeit den neuen Erzählungen zu . Die Ritter sprachen vom heiligen Lande , von den Wundern des heiligen Grabes , von den Abentheuern ihres Zuges , und ihrer Seefahrt , von den Sarazenen , in deren Gewalt einige gerathen gewesen waren , und dem frölichen und wunderbaren Leben im Felde und im Lager . Sie äußerten mit großer Lebhaftigkeit ihren Unwillen jene himmlische Geburtsstätte der Christenheit noch im frevelhaften Besitz der Ungläubigkeit zu wissen . Sie erhoben die großen Helden , die sich eine ewige Krone durch ihr tapfres , unermüdliches Bezeigen gegen dieses ruchlose Volk erworben hätten . Der Schloßherr zeigte das kostbare Schwerdt , was er einem Anführer derselben mit eigner Hand abgenommen , nachdem er sein Castell erobert , ihn getödtet , und seine Frau und Kinder zu Gefangenen gemacht , welches ihm der Kayser in seinem Wappen zu führen vergönnet hatte . Alle besahen das prächtige Schwerdt , auch Heinrich nahm es in seine Hand , und fühlte sich von einer kriegerischen Begeisterung ergriffen . Er küßte es mit inbrünstiger Andacht . Die Ritter freuten sich über seinen Antheil . Der Alte umarmte ihn , und munterte ihn auf , auch seine Hand auf ewig der Befreyung des heiligen Grabes zu widmen , und das wunderthätige Kreuz auf seine Schultern befestigen zu lassen . Er war überrascht , und seine Hand schien sich nicht von dem Schwerdte losmachen zu können . Besinne dich , mein Sohn , rief der alte Ritter . Ein neuer Kreuzzug ist vor der Thür . Der Kayser selbst wird unsere Schaaren in das Morgenland führen . Durch ganz Europa schallt von neuem der Ruf des Kreuzes , und heldenmüthige Andacht regt sich aller Orten . Wer weiß , ob wir nicht übers Jahr in der großen weltherrlichen Stadt Jerusalem als frohe Sieger bey einander sitzen , und uns bey vaterländischem Wein an unsere Heymath erinnern . Du kannst auch bey mir ein morgenländisches Mädgen sehn . Sie dünken uns Abendländern gar anmuthig , und wenn du das Schwerdt gut zu führen verstehst , so kann es dir an schönen Gefangenen nicht fehlen . Die Ritter sangen mit lauter Stimme den Kreuzgesang , der damals in ganz Europa gesungen wurde : Das Grab steht unter wilden Heyden ; Das Grab , worinn der Heyland lag , Muß Frevel und Verspottung leiden Und wird entheiligt jeden Tag . Es klagt heraus mit dumpfer Stimme : Wer rettet mich von diesem Grimme ! * Wo bleiben seine Heldenjünger ? Verschwunden ist die Christenheit ! Wer ist des Glaubens Wiederbringer ? Wer nimmt das Kreuz in dieser Zeit ? Wer bricht die schimpflichsten der Ketten , Und wird das heil ' ge Grab erretten ? * Gewaltig geht auf Land und Meeren In tiefer Nacht ein heil ' ger Sturm ; Die trägen Schläfen aufzustören , Umbraust er Lager , Stadt und Thurm , Ein Klaggeschrey um alle Zinnen : Auf , träge Christen , zieht von hinnen . * Es lassen Engel aller Orten Mit ernstem Antlitz stumm sich sehn , Und Pilger sieht man vor den Pforten Mit kummervollen Wangen stehn ; Sie klagen mit den bängsten Tönen Die Grausamkeit der Sarazenen . * Es bricht ein Morgen , roth und trübe , Im weiten Land der Christen an . Der Schmerz der Wehmuth und der Liebe Verkündet sich bey Jedermann . Ein jedes greift nach Kreuz und Schwerdte Und zieht entflammt von seinem Heerde . * Ein Feuereifer tobt im Heere , Das Grab des Heylands zu befreyn . Sie eilen frölich nach dem Meere , Um bald auf heil ' gem Grund zu seyn . Auch Kinder kommen noch gelaufen Und mehren den geweihten Haufen . * Hoch weht das Kreuz im Siegspaniere , Und alte Helden stehn voran . Des Paradieses sel ' ge Thüre Wird frommen Kriegern aufgethan ; Ein jeder will das Glück genießen Sein Blut für Christus zu vergießen . * Zum Kampf ihr Christen ! Gottes Schaaren Ziehn mit in das gelobte Land . Bald wird der Heyden Grimm erfahren Des Christengottes Schreckenshand . Wir waschen bald in frohem Muthe Das heilige Grab mit Heydenblute . * Die heil ' ge Jungfrau schwebt , getragen Von Engeln , ob der wilden Schlacht , Wo jeder , den das Schwerdt geschlagen , In ihrem Mutterarm erwacht . Sie neigt sich mit verklärter Wange Herunter zu dem Waffenklange . * Hinüber zu der heilgen Stätte ! Des Grabes dumpfe Stimme tönt ! Bald wird mit Sieg und mit Gebete Die Schuld der Christenheit versöhnt ! Das Reich der Heyden wird sich enden , Ist erst das Grab in unsern Händen . * Heinrichs ganze Seele war in Aufruhr , das Grab kam ihm