lesen . Julie ! wollen Sie nicht wiederkehren ? wollen Sie mich nicht der Verzweiflung entreißen ? - Es ist alles verändert . Gewiß Sie sollen frey bleiben . Aber lassen Sie mich Ihre Stimme wieder hören ! nehmen Sie diese schreckliche Nacht von meiner Seele ! - O Julie ! sagen Sie mir , daß Sie mich nicht hassen . Julie ! meine einzige Julie ! kehren Sie wieder ! Ich nenne , ich schreibe Ihren Namen so oft . Ach es liegt etwas tröstendes in diesem Namen . - Aber Sie können diesen Brief nicht lesen . Meine Hand zitterte so heftig . Ich muß ihn abschreiben . Wird meine Julie mir antworten ? Gewiß ! woher nähme sie die Härte zu schweigen . Ich habe den Brief wieder abgeschrieben , und kann mich noch immer nicht von dem Blatte trennen . So lange es in meinen Händen ist , fühle ich nicht den entsetzlichen Schmerz in meiner Brust . Mich dünkt , Sie hätten es schon berührt , hätten es gelesen . Ihre Antwort stünde darauf . O meine Julie ! werden Sie mir antworten ? - Fünf und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Ein Brief an Dich , darin einer an Julie , ist gestern abgegangen , und nun erst fällt mir ein , daß ich Dir abermals keine Addresse gegeben habe . Ach , seitdem sie mich verlassen hat , verwirren sich meine Gedanken . Das Nothwendigste vergesse ich , Kleinigkeiten betreibe ich mit einer lächerlichen Wichtigkeit , schwatze oft Stundenlang , und weiß am Ende kein Wort davon . Nun , wegen der Addresse . - Du schickst Deinen Brief nach P .... Der König kommt dorthin , und will mich sprechen . Ich zittre , daß vom nächsten Feldzuge , daß von einem Auftrage die Rede seyn wird . - Zwar habe ich meine Ruhe theuer genug erkauft ; aber werde ich nein sagen können ? Werde ich es dürfen ? - Auf keinen Fall reise ich , ohne sie gesehen , ohne ihr Wort zu haben . Alles hat sich wider mich verschworen ! - Treibe mich nun nicht aufs Äußerste . Sechs und dreißigster Brief Reinhold an Wilhelmine In diesem Augenblicke empfange ich einen Brief von Olivier , nebst dem Einschlusse an Ihre Julie . Ich schicke Ihnen beides mit einem reitenden Bothen , der mir versprochen hat , sich und sein Pferd nicht zu schonen . Noch hoffe ich , er werde früher kommen , als der Obriste , und ihnen Zeit verschaffen , Ihre Maaßregeln zu nehmen . Dem Himmel sey Dank ! daß es meines Rathes nicht bedarf . Ich gestehe Ihnen , bey Oliviers Zustande ist mir die Unpartheilichkeit nicht möglich . - Unvorbereitet konnte ich Sie gleichwohl nicht lassen . - Ach unter diesen heftigen Erschütterungen verwirren sich meine Geschäfte . Oliviers Leidenschaft ist unmerklich in mich übergegangen . Oft verwechsele ich mich mit ihm , und mich dünkt , ich sey es , der Julie verliere . Dann reißt meine Phantasie mich wieder zu Ihnen hin , und ich zittre Olivier möchte Julie entdecken . Wie wird das enden ? - Sagen Sie mir , beste Freundin ! haben Sie keine Ahnung davon ? - Sieben und dreißigster Brief Wilhelmine an Reinhold Alle Ahnungen sind überflüssig . Ihr Bothe kam nur zwey Stunden später als er sollte ; aber wir sind entdeckt . Der König war schon seit geraumer Zeit hier und suchte Julie eben so geflissentlich auf , als sie ihn vermied . Welch Wunder ! daß er bey seiner außerordentlichen Reitzbarkeit , sich angezogen fühlt , wo die kältesten Männer gerührt werden . - Julie in ihrer Kinderunschuld meinte , es sey Wohlgefallen an unserm Geschwätz und fürchtete nur das Aufsehen . Aber seine Augen haben ihn verrathen , und jetzt , nach der Ankunft des Obristen ist kein Zweifel mehr übrig . Schon seit mehreren Tagen hatten wir unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit allen Spaziergängen entsagt . Endlich lockte uns das schöne Wetter aus unserm Zimmer hervor . Wir glaubten überdem , der König sey ausgeritten , und athmeten sorgenlos die reine erquickende Luft , als wir plötzlich seine Stimme dicht neben uns hörten . » Laßt ihn hierher kommen , « - sagte er zu seinen Leuten , und stand vor uns , ehe wir nur versuchen konnten , ihm auszuweichen . Ein paar Minuten , und wir sind , trotz unserer Einsylbigkeit , wieder meisterhaft ins Gespräch verwickelt . Aber mit einem Male ruft der König : » Ah da ist er ! Nicht wahr ? Sie verzeihen mir , wenn ich einen alten Freund in Ihrer Gegenwart bewillkomme ? « - Wir verneigten uns und schwiegen . Was konnten wir auf diese übertriebene Höflichkeit antworten ? - Jetzt erscheint ein großer entsetzlicher Mann in p ... Uniform am Ende der Allee . Der König verdoppelt die Schritte . Wir müssen folgen . Auch der Mann nähert sich schneller . » Julie ! - rufe ich mit einem Male - wer ist das ? « - » Der Obriste Olivier ! « - sagt der König , starrt mich an , und wendet sich dann zu Julie mit der Frage : » kennen Sie ihn ? « - » Es ist mein Vormund « - antwortet sie gefaßt ; aber bleich wie eine Leiche . Der König steht still , und seine Augen ruhen unverwandt auf Julien . So findet uns der Obriste . Es war unmöglich den gewaltsamen Kampf zwischen Anstand und überwältigender Empfindung bey ihm zu verkennen . - » Wahrscheinlich eine ganz unvermuthete Zusammenkunft ? « - sagt der König in einem empfindlich höflichen Tone . - » Meine Braut - antwortet der Obriste , und seine Augen sprühen Flammen - mußte sich ohne Abschied von mir trennen . « - Mit einer tiefen Verbeugung setzt er nach einem allgemeinen Stillschweigen hinzu : » ich habe nicht säumen wollen Ew . Majestät Befehlen zu gehorchen . « » Verbunden ! sehr verbunden ! « - ruft der König im lustig seyn sollenden Tone - » Aber jetzt wäre es grausam Ihnen mit meinen Angelegenheiten beschwerlich zu fallen . Kommen Sie Fräulein ! - indem er sich zu mir wendet - Sie müssen Ihr Versprechen erfüllen , und mir die neue Anlage zeigen . « Ich wußte von keinem Versprechen und von keiner Anlage . Aber in ein dummes Hinbrüten versunken , lasse ich mich halb bewußtlos mit fortreißen . » Mein Fräulein - sagt der König - lösen Sie mir das Räthsel ! Eine Braut , die vor ihrem Geliebten erblaßt ? « - » Ihro Majestät ! Fräulein S ... ist nicht Braut . « » Sie ist es nicht ? « - ruft er , und weckt mich erst jetzt aus meiner Betäubung . Ich will mir helfen - Vergebens ! er läßt nicht nach mit Fragen , treibt mich von einer Unbesonnenheit zur andern , und verwickelt mich endlich so sehr in meine Antworten , daß mir bald nichts mehr zu gestehen übrig bleibt . Mit tödtlichem Schrecken sehe ich ihn jetzt meine Hände in unbändiger Freude ergreifen und sie mit Küssen bedecken . Höre ihn mich beschwören , seine Freundin zu seyn , Julie zu bewegen , seinen Schutz anzunehmen , zu glauben , daß er mein Vertrauen auf keine Weise mißbrauchen werde . - O Gott ! ich weiß nicht mehr , was er mir alles sagte . - Mir war , es habe der Donner vor mir eingeschlagen . Stumm , zitternd und taumelnd ließ ich mich von ihm bis zu meinem Zimmer begleiten . Julie fand mich im Fieber . Noch jetzt bin ich nicht davon befreit . Das Reisen hat uns der Arzt verboten . Haben sie die Güte meine Mutter zu benachrichtigen . Fort müssen wir , das ist gewiß . Aber wann ? wohin ? kann ich noch nicht entscheiden . Juliens Gesundheit scheint unverwüstbar . Sie spricht mir Muth ein , und versichert , es werde noch alles gut gehen . Ach woher nehme ich die Kraft , ihr meine Unbesonnenheit zu gestehen ? Ich suche die Gelegenheit und zittre davor . Auf jeden Fall melde ich Ihnen unsre Abreise . Acht und dreißigster Brief Olivier an Reinhold Wäre ich nur in dem Gewühle des Krieges geblieben . Hätte irgend ein feindlicher Säbel , eine wohlthätige Kugel sich meiner erbarmt ; dann wäre ich jetzt im Frieden . - Doch wer weiß - Wahrhaftig ! man könnte versucht werden schon hier an eine Vergeltung zu glauben . Wie oft hat mich die Eifersucht der Weiber amüsirt - und jetzt ! - Der König hat sie gesehen - und in meinem Herzen ist die Hölle mit allen ihren Quaalen . Ob ich für sie fürchte ? O denke es nicht ! Es ist Lästerung . Nein sie ist und wird ewig bleiben was sie war . Aber er sieht sie , er untersteht sich ihre Hand zu berühren . Begreifst Du , was ich leide ? - Ob ich ihrer denn würdiger bin ? Das sage ich nicht ! Keiner ist ihrer würdig . Aber er - er mag es wagen einen seiner Gedanken laut werden zu lassen . Sonderbar müssen wir uns neben einander ausnehmen . Er schmeichelt mir , und ich , natürlicher Weise , bin gezwungen ihn zu schonen . Aber unsre Blicke mögen einen schönen Kommentar abgeben . - Weswegen er mit seinem Auftrage noch nicht hervorrückt ? ist mir unbegreiflich . Ich warte darauf , um das Entscheidende zu wagen . Sieh ! was hat nun all Eure Vorsicht geholfen ? - Das Schicksal führt uns trotz Euch wieder zusammen . Ohnfehlbar habt Ihr statt zu verbessern verschlimmert . Wahrlich ! Ihr mögtet was darum geben , daß alles im vorigen Gleise noch fortschlenderte . Dann wüßte ich noch nicht , was es heißt , ohne sie zu leben . Dann wäre vielleicht eine sanfte allmählige Trennung noch möglich . Jetzt ist es Raserey daran zu denken . Sie oder den Tod . Darauf könnt Ihr Euch verlassen . Neun und dreißigster Brief Reinhold an Wilhelmine Bestes Fräulein ! ich beschwöre Sie , nichts zu übereilen . Oft wirkt das , was wir Zufall nennen , mehr , als wir bey dem besten Willen vermocht hätten . Versuchen Sie einmal , sich eine kurze Zeit leidend zu verhalten . Besonders handeln Sie nicht gegen den Obristen . Es ist gefährlich . - Meine theure Freundin ! Lassen Sie uns auch gegen ihn gerecht seyn . Wahrlich ! er leidet sehr viel ; gewiß mehr , als wir begreifen . » Aber Julie ? « - Julie , bestes Fräulein ! ist sicher . Und wäre sie es nicht - in der That , dann zweifle ich , daß wir ihr Sicherheit verschaffen können . - Nur Zeit gewonnen ! dann ist alles gewonnen . Wenigstens , alles was uns zu gewinnen übrig bleibt . Vierzigster Brief Olivier an Reinhold Ganz richtig ! ich soll wieder Tausende zur Schlachtbank führen ; weil es dem Herrn , weil es seiner allmächtigen Dame so beliebt . Meine braven Kerle lassen sich in Stücken hauen , ich stürze ihnen nach , wie ein Verrückter , und das alles wird , gegen eine Nation die für Eigenthum und Freiheit kämpft , zu nichts dienen , als ein paar Lücken in den Zeitungen auszufüllen . Sollte nicht eine Zeit kommen , wo die armen hungrigen 4 Groschen Helden , ihren an der Verdauung laborirenden Gebiethern die Waffen zu Füßen legen , und in Demuth anhalten würden : Höchstdieselben mögten , wenn irgend etwas zwischen Ihnen und Dero Herren Vettern auszumachen seyn sollte , die Gnade haben , solches mit eignen hohen Händen zu bestreiten . Besagte Helden wären indessen gesonnen das Feld zu bauen und auf diese Weise zu den Thronverzierungen das Ihrige beizutragen ; wofern nur die Hasen und Hirsche der Herren Gebiether nichts dawider einzuwenden hätten . - - Ja ich glaube , sie wird kommen diese Zeit . Die Herren Gebiether werden sie selbst herbeiführen und auf diese Weise für die Unverdaulichkeiten am besten Sorge tragen . Welche Antwort ich aber gegeben habe ? - Daß ich bereit sey den Augenblick zu gehen ; sobald Fräulein S ... mir ihre Hand zur Belohnung reichen wolle . » Sonderbarer Einfall ! « - riefen Ihro Majestät und beliebten dabey mit entsetzlichen Schritten das Zimmer zu messen . - » Ich glaube wahrhaftig , Sie haben mich zum Brautwerber ausersehen . « » Ich gestehe , daß unter allen Belohnungen « » Mit welchen Sie mich bis jetzt immer zurückwiesen . « » Ich wünschte Ew . Majestät von meiner uneigennützigen Anhänglichkeit zu überzeugen « - » Und jetzt ? « - » Hat das Leben durch Julie von S ... einen Werth für mich bekommen . « » So ! so ! nun ich habe nichts dawider . « » Was könnten Ew . Majestät dawider haben ? « » Wahrhaftig , Herr Obrister ! Sie spielen heute eine sehr komische Rolle . « » Ew . Majestät sind heute vielleicht sehr komisch gestimmt ; und daher mag ich Ihnen wohl so erscheinen . Sonst war das Komische eben nicht meine Sache . « » Nun ! so haben Sie Sich erst seit Kurzem darauf gelegt . Denn , gestehen Sie ! es war doch sehr komisch , schon bey unsrer ersten Zusammenkunft Fräulein S ... Ihre Braut zu nennen ; und jetzt noch einer Vorsprache zu bedürfen . « » Dieser Vorsprache würde ich nie bedurft haben , wenn Fräulein S ... ihrem Herzen hätte folgen können . « » Ach mein lieber Obrister ! es ist eine gar eigene Sache um ein Frauenzimmerherz . - In unsern Jahren thut man sehr wohl , keine zu großen Ansprüche daran zu machen . « - Ich hatte etwas sehr Bitteres auf der Zunge ; aber glücklicher oder unglücklicher Weise trat der Günstling herein . » Adieu , lieber Olivier ! - rief der König - In vier Wochen hoffe ich den Herrn General zu empfangen . « Was ich nun thun will ? - Zu Julie will ich gehen , und sie soll entscheiden . Ein und vierzigster Brief Reinhold an Olivier Bester Olivier ! wenn Du noch nicht gegangen bist ; so höre mich . Ach daß es Dir möglich wäre Dich zu fassen ! die Folgen einer Übereilung zu begreifen . - Hast Du alles vergessen ? - Sie sollte frey bleiben , Du wolltest sie nicht zwingen . - Nun soll sie sich aufopfern , soll ihr ganzes Leben hindurch weinen . Was hat die Reine , Unschuldige gethan , so in ein entsetzliches Schicksal verwickelt zu werden ? Warum soll sie den Mann ihres Herzens nicht wählen dürfen ? - Deine Liebe selbst müßte sie schützen . Welch eine Gestalt hat diese Liebe angenommen ! - Könnte ihr ärgster Feind schlimmer gegen sie handeln ? - Olivier reiß Dich einmal los von Dir selbst ! Du kannst es , wenn Du es willst . Schreite muthig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft . Jetzt bist Du ein Dritter , bist nicht mehr der von schrecklicher Eigenliebe bis zum Wahnsinn verblendete Olivier . Olivier ! was fühlt nun Dein menschliches Herz ? - Ach sieh ! es kehret nie wieder das Blütenalter der Liebe . - Soll sie es niemals durchleben ? Wenn sie nun einst , wie Du es glaubst , mit uns zerstört wird , wenn kein Bewußtseyn ihres vorigen Zustandes möglich ist , wenn vielleicht kein besserer ihrer wartet ; dann willst Du es seyn , der ihr die einzigen Augenblicke raubt , die den Menschen für sein Daseyn trösten können ! Nicht wahr ? Dein innigstes Mitleiden erwacht . Nein , Du willst nicht zum strafbarsten Mörder an ihr werden ! Zwey und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Du hast sie nicht gesehen ; das macht Dein Philosophiren begreiflich . Auch bewahre Dich Gott dafür ! Du wärest noch unglücklicher als ich , Du würdest leiden , wo ich handle . Wer zweifelt , daß ich mein Verfahren an einem Dritten mißbilligen würde ? Aber ich , ich kann nicht anders . » Schreite muhig aus dem Zauberkreis der Leidenschaft . « Aber in diesen Kreis hat das Schicksal meine ganze Glückseligkeit gebannt . Außer ihm ist eine scheußliche , grausenvolle Öde . Ich kenne sie schon diese Hölle . Nein , nein ! daß ich mich vor den Quaalen der Verdammten schütze , das will ich verantworten . Ach wenn das Treiben und Drängen der unglücklichen Erdenwürmer mich anekelte , wenn Wollust und Ruhmsucht mir schienen was sie sind , wenn ich mich nach allen Seiten wendete und trostlos fragte ; warum ? warum wozu ? - Dann erschien sie mir wie ein höheres Wesen , die grübelnde Vernunft war gefangen , und ich glaubte . Nein , Du irrst ! nein sie kann nie aufhören zu seyn , und sollten wir alle verschwinden . Sie ist mit sich einig , ist ein unzerstörbares Ganze . In ihr lebt wahrhaft ein unsterblicher Geist . Darum will ich mich an sie schließen , will fest an ihr halten , daß sie mich hinüber ziehe in das unbegreifliche Leben . Noch habe ich sie nicht gefragt . Ein sonderbares , linkisches , muthloses Wesen befällt mich in ihrer Gegenwart . Aber sie sieht was ich leide , sie begreift , wie unmöglich es ist , daß ich sie einem andern Manne überlasse . Auch vermeidet sie jede männliche Gesellschaft . Es ist gut , ich weiß ihr Dank dafür ; aber es kann , es darf auch nicht anders seyn - ich würde rasen . Freilich ! manchmal erschrecke ich wohl vor dem Gedanken , sie könne ganz die Meinige werden . - Aber dann habe ich sie ja , dann wird die Gewohnheit , sie zu sehen und zu besitzen , diese quaalvolle Empfindung mildern . Dann werde ich nicht mehr die Gewänder , die sie umschließen , die Lüfte , die sie umwehen , beneiden . Letzt kamen wir von einem Spaziergange . Sie klagte über Durst , und foderte ein Glas Wasser . Wie sie es so mit Begierde ergriff , es an den Mund brachte , und nun in hastigen Zügen es leerte - ja , da hatte ich mit mir zu kämpfen . Zweimal streckte ich die Hand aus nach dem Glase , und ließ sie dann beschämt wieder sinken . - Wer hätte mich begriffen ? wer hätte geahnet was ich litt , sie etwas so mit Begierde verlangen , es körperlich mit sich vereinigen zu sehen . - Endlich bekam ich das Glas und - freilich stieg mir das Blut dabey ins Gesicht - ja ich konnte es nicht lassen , heimlich zerschmetterte ich es gegen einen Stein . Ach bedaure mich ! Ich weiß wohl , es ist weit mit mir gekommen . Drey und vierzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Ich soll mich leidend verhalten ? - Nun Sie werden sehen , wohin das führt . Sicher wäre sie ? - Mein guter Freund ! was nennen Sie sicher ? - Daß für ihre Unschuld nichts zu fürchten ist ; wer kann davon mehr überzeugt seyn als ich ? Aber ihre Ruhe ! - Sie sollten nur hier seyn ! - Wahrlich ! Herr Olivier scheint all Ihr Mitleiden verbraucht , und Ihre Gerechtigkeit nur für sich in Beschlag genommen zu haben . Er kommt mir vor wie jener Wolf , der sich beklagte , daß er ein schönes Lamm in der Nachbarschaft , wozu er doch so großen Appetit habe , nicht zerreißen könne . Darnach mögen Sie ohngefähr schließen , welchen Eindruck seine Leiden auf mich machen , und wie sehr ich gesonnen bin , mich duldend dabey zu verhalten . Die unglückliche verblendete Julie sieht freilich mit andern Augen . Jeden Tag peinigt sie sich , irgend eine neue gute Eigenschaft an dem Herrn Obristen zu entdecken . » Es ist doch ein schöner , großer Charakter ! voll Kraft und ausdauernden Muth . So weich kann er nun freilich nicht seyn , wie ein Weiberherz ihn verlangt . Aber gewiß ! er ist empfänglich für alles Gute und Schöne . - Daß er unser Geschlecht vormals nicht schätzte ? ach das mogte vielleicht seine Schuld nicht seyn . - Daß er ein wenig viel gelebt hat ? Es ist eine Schimäre , Reinigkeit der Sitten von einem Manne zu verlangen . - Seine Hände triefen zwar von Blut ; aber er stritt ja für sein Vaterland « - Wenn ich das Wort höre , beiß ich mir in die Lippen - » und die Welt nennt ihn einen Helden . « Für den Herrn Obristen ist demnach in aller Herzen gesorgt ; nur in dem meinigen wollen seine Vollkommenheiten nicht haften . - Trotz des Schafpelzes , steht mir leider der Wolf immer vor Augen , und ich kann die Zeit nicht vergessen , wo er glaubte die jetzige Verkleidung entbehren zu können . Früh oder spät wird er den alten bequemen Glauben wieder annehmen , und wehe dann einem Jeden , der nicht auf seiner Hut ist ! Immerhin wollte ich alles gelten lassen ; wenn sie ihn nur liebte . - Es wäre doch eine befriedigte Leidenschaft , die in dem genußleeren Menschenleben wohl einige Rücksicht verdient . - Aber , sie fühlt nichts als Mitleiden . Davon bin ich jetzt lebhafter als jemals überzeugt . Daß der König , bey aller sogenannten Liebenswürdigkeit sie nicht gerührt hat , bedarf wohl keiner Versicherung . - Aber seit einiger Zeit ist hier ein junger Sicilianer , der , wenn der Obriste für einen Herkules gelten kann , sich dreist für einen Apoll ausgeben darf . Er spricht das Deutsche nur gebrochen ; aber es klingt wie Musik in seinem Munde . Er kann nur halb dadurch andeuten , was er wünscht ; aber seine Bewegungen voll südlichen Feuers und südlicher Anmuth sagen mehr als die vollkommenste Sprache . Der Obriste ist sein Held und Julie sein Abgott . Wohl bemerkt ! daß dieser Abgott sehr menschlich für ihn empfindet . Aber glauben Sie , man überließe sich dieser sehr natürlichen Empfindung ? behüte ! So wie der junge Mann erscheint , läuft man davon und mögte lieber die Fenster zumauern , um nicht den vierten Theil eines sichtbaren Ermels auf seinem Gewissen zu haben . Nichts desto weniger gerathen der Herr Obriste sehr häufig in große Verlegenheit . - Jetzt muß ich abbrechen ; aber nächstens sage ich Ihnen vielleicht ein Wörtchen darüber . Unsere Abreise ? - Nun , sie gehört in das Kapitel der guten Vorsätze , und ist demnach vor jeder Übereilung gesichert . Vier und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Heute stehe ich mit dem überlegten Vorsatze auf , sie um eine entscheidende Antwort zu bitten . Ich trete in die Allee , und halte noch einmal jedes Wider und Für in meinem Kopfe zusammen ; als ein wunderschöner junger Mann mich anredet . Ich sehe ihn an , und schreye laut auf : » Antonelli ! « - » Sein Sohn , « - antwortet er , und liegt in meinen Armen . Als ich ihn so an meine Brust drücke , und mich nicht satt an ihm sehen und küssen kann ; zieht er ein Schreiben hervor . Es war von der Mutter . Wie weich ich jetzt bin ! - ich konnt ' es nicht auslesen . - Du weißt , der Vater fiel an meiner Seite . - Das Mutterherz hatte gesprochen , und - wie gesagt - ich konnt ' es nicht auslesen . Ich gab ihm die Hand , und nannte ihn meinen Sohn . Das Wort war heraus . Einige Minuten darauf hätte ich es nicht sagen können . Julie trat in die Allee und ein Gewühl von schmerzhaften Ahnungen umpfieng meine Seele . - Der junge Mensch blieb staunend und sprachlos vor ihr stehen . Ich mußte ihn an seinen Hut erinnern . - Ach es wird mir zu viel , ich unterliege . Fünf und vierzigster Brief Reinhold an Olivier Heldenseele erwache ! Auf mein Olivier ! es gilt ! Zum Kampfe gegen das tückische , grausame Schicksal ! Sieh ! es will Dich unterjochen ! - Meinen Olivier unterjochen ! - O der Schande ! Nein , nein ! Noch kann er die entehrende Leidenschaft überwinden . Triumphiret nicht ! plötzlich wird er erwachen , und sich bewußt werden was er ist , Trieb nach einer unendlichen Thätigkeit hat ihn in dieses Labyrinth geführt ; aber eine höhere Liebe als die , welche er darin suchte , wird ihn aus der Finsterniß leiten . Nein , er soll nicht Verzicht thun auf Glückseligkeit . Im höhern Maaße , als er es jemals geahnet hat , wird sie ihm zu Theil werden . Nur Muth ! nur einige Schritte ! wie viel Anstrengung sie auch kosten ! Sie führen zum Lichte , zum höheren , genußvolleren Leben . Mein Olivier , ich umarme Dich , und bitte Deinen Schutzgeist Dich nicht zu verlassen . Sechs und vierzigster Brief Olivier an Reinhold Guter Mensch ! was rufst Du mir zu ? Es ist vergebens . Olivier ist an keine Aufopferung gewöhnt . Mag es das Schicksal verantworten . - Ich bedurfte Ruhm ; mein Kopf und mein Arm mußten ihn erwerben . Mein Körper foderte sinnlichen Genuß ; für und ohne Geld hatte ich mehr als ich brauchte . Mein Geist dürstete nach Wahrheit ; und ich war glücklich genug , das was ich gefunden hatte , dafür zu halten . Jetzt war mein Lebensplan fertig . Ich wollte genießen ; und es fehlte mir nicht an den Mitteln . Wer hätte mich nicht glücklich gepriesen ? - Aber mein Herz war vergessen , und rächte sich schrecklich an mir . Was bleibt nun übrig ? - Aufgeben ? Verzicht thun ? - Da steht die Unmöglichkeit ! überwinde sie wenn Du kannst . - Ja , wäre die Rede nur von sinnlichem Wohlgefallen ; ich würde den Gegenstand wechseln , mich betäuben , und vergessen . Aber Sie ! - O Gott ! - Wie konnte ich diese Vortreflichkeit ahnen , in der gräßlichen ewig verschlingenden Natur ? In ihr , die ihre Kinder nur zum Tode gebiert , und was sie schaffen , mörderisch im ewigen Kreislaufe zerstört . Konnte ich glauben , sie wollte etwas anderes ; als vorüberfliegenden sinnlichen Genuß für ihre Geschöpfe ? - Sah ich nicht die Unglücklichen nur darum sich zerfleischen ? Fand ich nicht Dummheit oder Heucheley , wenn sie vorgaben für etwas Edleres zu kämpfen ? Hatte ich selbst jemals für etwas Erhabeners gestritten ? Oft wollten die Andern mich es glauben machen und würden mich vielleicht zu diesem Glauben bekehrt haben , wäre er zu meiner Ruhe nothwendig gewesen . Aber bey meinem System konnte ich gar wohl seiner entbehren . Uns aufgerichteten Thieren schien mir ganz recht zu geschehen , wenn wir beym Fluge nach den Sternen durch die mütterliche Erde , etwas unsanft an unsere Abkunft erinnert würden . Diese Luftschifferey , nach so vielen mißlungenen Versuchen , ferner noch zu treiben , schien mir ganz eigentlicher Wahnsinn , und der damit Behafteten glaubte ich keinen bessern Weg als zum Arzte vorschlagen zu können . Jedesmal , wenn mir nun das Leben nicht genügte , mir ekelhaft vorkam , suchte ich den Grund in einem krankhaften Zustande meines Körpers , und war glücklich oder unglücklich genug , mir durch eine Reise , durch irgend eine andere Zerstreuung wieder aufzuhelfen . Aber da sich dieses Engelherz mir öfnete , war es um mein System , und mit ihm um meine Ruhe geschehen . Dieser himmlische Sinn , kein Werk des Beispiels , der Erziehung , war rein und vollendet aus den Händen der Natur hervorgegangen ; hatte alles was ihn entheiligen konnte , mit eigner Kraft zurückgestoßen . So war es denn gewiß ! die Unergründliche wollte mehr als das thierische Wohlseyn - bildete Wesen zu höheren als irdischen Freuden . - Denke , wie diese nicht nachgebetete , oder einsam ergrübelte , sondern durch lebendige Erfahrung abgedrungene Bemerkung auf mich wirken mußte ! - Mir war , als träte ich aus einer dumpfigen Gruft an das erquickende Tageslicht , als öfne sich mir eine Unendlichkeit voll Wünsche und Hofnungen . - Begreifst Du nun , daß ich nicht bloß sie , daß ich mich , mein beßres Selbst in ihr liebe ? - » Sie kann trotz allem - wirst Du sagen - meine Freundin bleiben . « Nein , nein ! das ist ein leerer Schall ! Muß ich sie , die mein eigentliches Leben in sich schließt , Stunden , Tage lang , ohne die Hofnung , daß sie mir einst ganz angehören wird , entbehren , kann ich diesen himmlischen Körper nicht innig mit mir vereinen , ein Wesen mit ihm ausmachen ; so ist es um mich geschehen . Ein Anderer sollte das alles besitzen ? - O dann halte nur die Kette für mich bereit ! - » Muth ? « - Nun man sagt , ich habe ihn gezeigt . - Von einem andern Muthe sprichst Du ? Wohlan ! auch gegen das Böse habe ich jetzt Muth . Aber sich von dem ewig Guten zu trennen , das thut nur ein Wahnwitziger . Sieben und vierzigster Brief Wilhelmine an Reinhold Die Verlegenheiten des Herrn Obristen wollte ich Ihnen zum Besten geben und war freilich damals gestimmt in einen ziemlich komischen Ton zu verfallen ; aber leider hat es jetzt mit diesen Verlegenheiten eine sehr ernsthafte Bewandniß , und das Komische giebt sich von selbst . Geschlagene Leute sind wir ! - Ein schreckliches , unerhörtes Verbrechen lastet auf unserer Seele . - Mit einem Worte ! -