Achtung für die Gräfin Clementina gefallen lassen . Betty eilte zurück , sobald sie sich ihres Auftrags entledigt hatte . Ein Brief , den Juliane folgenden Tag an ihre Tante schrieb , ist ein Beweis , wie interessant Florentin der ganzen Familie schon geworden war . Juliane an Clementina Jetzt verdient Betty nicht mehr von Ihnen bestraft zu werden , wegen ihrer zu großen Leidenschaft für das Tanzen ; sie ist vielmehr zu unser aller Verwunderung bis zum Kaltsinn mäßig darin geworden . Alles unsers Bittens und Zuredens ungeachtet , wollte sie durchaus nicht länger bei uns verweilen , als sie es Ihnen zugesagt hatte , ob wir gleich noch denselben Abend einen recht brillanten Ball hatten . Der Vater erbot sich , Ihnen einen Boten zu Pferde zu schicken , um Sie nicht in Unruhe ihrentwegen zu lassen ; aber sie war nicht zurückzuhalten . Alle Ihre Aufträge waren ausgerichtet , sie sah mit großer Gemütsruhe die glänzende Gesellschaft sich versammeln , ja , sie wagte es sogar den Anfang des Balls abzuwarten ; und indem sie mit Eduard den Saal einmal auf und nieder walzt , winkt sie uns allen im Vorbeifliegen zu , und sofort aus der Tür in den Wagen , so hastig , daß Eduard mit noch einigen Herrn ihr kaum folgen konnten . Kaum daß wir ihr noch einen Gruß für die Tante nachriefen . So geht es uns allen , teure Clementina ! wenn wir zu Ihnen sollen , was könnte uns zurückhalten ? Keiner fühlt das wohl mehr als Ihre Juliane , ich habe Betty mehr beneidet als bewundert . - Das war nun alles recht hübsch von dem Mädchen ; aber die Arge , was hat sie Ihnen für loses Zeug erzählt ! was meinte sie mit ihren Eroberungen ? und dem sonderbaren Fremden , der den Meister über uns macht , dem wir alle auf eine so lächerliche Weise ergeben sind , weil wir uns einbilden ihm Dankbarkeit schuldig zu sein ! Und ich , die ich diesen Vorwand so gern nehmen soll , um ihm ganz unbefangen mit Auszeichnung begegnen zu dürfen ! - Alles dieses hat sie Ihnen wirklich erzählt ? - Gut , daß Sie ihren boshaften Erzählungen nicht so unbedingt Glauben beimessen , daß Sie sich selbst an Ihr Kind wenden , um die Wahrheit zu erfahren . Liebe Tante , sehen Sie doch einmal dem bösen leichtfertigen Mädchen scharf in die Augen , wenn sie wieder dergleichen vorbringt . Allerdings sind wir dem Fremden Dank schuldig ! Ist meine Clementina nicht auch der Meinung ? Wenn es ihm selbst wohl geziemt , den wichtigen Dienst , den er uns geleistet , dem Zufall zuzuschreiben , so würde es sich von uns nicht ziemen , es ebenso anzusehen , und seinen Mut , mit dem er das Leben unsers Vaters gerettet hat , zu vergessen . Und warum gesteht Ihnen denn Betty nicht , daß der Fremde sich recht geschäftig um sie gezeigt , und daß sie seine Aufmerksamkeiten recht wohlgefällig und artig annahm ? - Ich hielt sogar die Festigkeit , mit der sie sich losriß und forteilte für ein Opfer , das sie ihrem eifersüchtigen brauseköpfigen Walter brächte , und habe ihr im Herzen deswegen wohlgewollt . - Belohnt sie so meine gute Meinung ? böse Betty ! Wenn sie Ihnen nicht abbittet , liebe Tante , und Ihnen gesteht , daß sie ihre Freude daran hat , Unfug zu treiben , so werde ich sie bei Herrn von Walter verklagen ; er traut mir ! - Von dem Fremden , von diesem Florentin sollte ich Ihnen also erzählen ? Es ist wahr , liebe Tante , daß er uns allen wert geworden ist . Er macht jetzt das Leben und die Seele der Gesellschaft aus . Mit dem sonderbarsten , oft zurückstoßenden Wesen weiß er es doch jedem recht zu machen , und zieht jedes Herz an sich , ohne sich viel darum zu bekümmern . Es hilft nichts , wenn man auch seinen ganzen Stolz dagegen setzt , man wird auf irgendeine Weise doch sein eigen . Oft ist es recht ärgerlich , daß man nicht widerstehen kann , da er selber nicht festzuhalten ist . Einmal scheint es , als verbände er mit den Worten noch einen andern Sinn , als den sie haben sollen ; ein andermal macht er zu den schmeichelhaftesten Dingen , die ihm gesagt werden , ein gleichgültiges Gesicht , als müßte es eben nicht anders sein ; dann freut ihn ganz wider Vermuten einmal ein absichtsloses Wort , das von ungefähr gesprochen wird ; da weiß er immer einen ganz eignen Sinn , ich weiß nicht , ob hineinzulegen , oder herauszubringen . Uns ist dieses sonderbare Spiel sehr erfreulich , da wir ihn näher kennen , und besser verstehen . Sie können aber denken , wie er oft in Gesellschaft Anstoß damit gibt ; doch versteht er sich recht gut darauf , ein solches Ärgernis nicht zu groß werden zu lassen ; er macht bald alles wieder gut . Wir begreifen eigentlich nicht , wie es ihm möglich ist , diese Fröhlichkeit und gute Laune immer um uns zu erhalten , da er selbst doch nicht froh ist . Ich und Eduard , wir sind oft allein mit ihm , und da haben wir es deutlich genug merken können , daß ihn irgendein Kummer drückt . Der Vater machte ihm neulich den Vorwurf , er wäre zu wenig ernst , und nähme oft die Dinge zu scherzhaft . Florentin ließ es über sich hingehn . Eduard meinte aber , und sagte es mir allein : der Ernst in ihm wäre vielmehr zu ernst und zu tief , als daß er ihn in der Gesellschaft anwenden könnte ; und da er nie sich so gegen den Scherz versündigte , daß er ihn ernsthaft nähme , so käme es ihm zu , auch wohl einmal den Ernst scherzhaft zu finden . Am besten findet sich Eduard in ihn , sie sind Freunde geworden , und man sieht jetzt einen nicht ohne den andern . So interessant er auch ist , so glauben Sie mir nur , liebe Tante , Eduard verliert gar nicht gegen ihn , er kömmt mir vielmehr neben seinem Freunde noch liebenswürdiger vor . Ich weiß gewiß , ich könnte diesen nicht so lieben , wie ich Eduard liebe . Er gefällt auch dem Vater sehr wohl , der ihn soviel als möglich um sich zu haben sucht . Er mag seine Einfälle und seine seltsamen Wendungen gern , so sehr er auch sonst gegen jedes Auffallende , Neue oder Sonderbare spricht . An Florentin liebt er es , und verteidigt ihn gegen jede Anklage . Sogar das Geheimnisvolle , das über seinem Namen und seiner Herkunft schwebt , achtet er , zu unserm Erstaunen . Noch heute war die Rede davon , ihn einem Manne vorzustellen , den er zu sprechen wünschte . » Von Florentin ? « fragte der Vater . Wir erwarteten alle seine Antwort . » Wenn es durchaus mit meinem Namen allein nicht genug ist « , sagte er , » so setzen Sie Baron hinzu , das bezeichnet wenigstens ursprünglich , was ich zu sein wünschte , nämlich ein Mann . « Der Vater ließ es sich wirklich so gefallen . - Sogar Thereschen hat er ganz für sich gewonnen . Sie weiß nichts Bessers , als sich von Florentin etwas vorsingen zu lassen , oder ihn zeichnen zu sehen , sie vergißt Spiel und alles , wenn sie nur bei ihm sein darf . Sie kennen ihre heftige Art sich an etwas zu hängen . - Mit den Knaben reitet er viel , und kann sich mit ihnen balgen und lärmen und Festungen erobern , die sie zusammen bauen , bis sie ganz außer sich geraten , und er mit ihnen . - Dem Mütterchen bleibt aber der Kopf ruhig , wenn er uns auch allen verdreht wird ; nicht ein einziges Mal ist es ihm doch gelungen sie irrezumachen , wiewohl er es oft darauf anlegte ; sie lächelt , und ist freundlich und liebreich gegen ihn , aber Gewalt hat er gar nicht über sie , er fühlt es : Mutter ist auch die einzige , vor der er gehörigen Respekt hat . Mit uns andern schaltet er nach Belieben ; wenn ich recht aufgebracht bin , und ihm stolz begegne , so ist er imstande , gar nicht einmal darauf zu merken . - So schön hat ihn Betty gefunden ? So schön als Eduard ist er auf keinen Fall , das meint auch die Mutter , er ist auch nicht so groß und herrlich als Eduard ; aber sein Bau ist fein , schlank , und dennoch kräftig . Er hat eine edle Physiognomie , und überhaupt etwas Interessantes ; sein Anstand ist frei und kunstlos , manchmal sogar trotzig . Was ihn auszeichnet , ist ein gewisses , beinah verachtendes Lächeln , das ihm um den Mund schwebt ; aber der Mund ist doch hübsch , sowie auch sein Auge , das gewöhnlich fast ganz ohne Bedeutung , still und farblos , vor sich hinschaut , das aber helle Funken sprüht bei einem Gespräch , das ihn interessiert , es wird dann sichtbar größer und dunkler . Er hat eine schöne helle Stirn , und es kleidet ihn gut , wenn er , wie er oft tut , sich die dunkelbraunen Locken , die tief darüberher fallen , mit der Hand zurückstreicht , oder wenn sie vom Wind gehoben werden . Die Mutter findet , er hätte etwas Altritterliches , besonders wenn er ernsthaft aussieht , oder unvermutet in ein Zimmer tritt , sie müßte sich ihn immer mit einer blanken Rüstung und einem Helm denken . Therese hat viel mit Auffinden von entfernten Ähnlichkeiten und mit den alten Bildern zu schaffen , und behauptet , er sähe dem Gemälde vom Pilgrim ähnlich , das in der Mutter Zimmer hängt . Sie ruhte nicht eher , bis ich es mir von ihr zeigen ließ , und sie hat wirklich recht : es ist eine entfernte Ähnlichkeit . Ich fürchte , Sie werden , trotz meiner umständlichen Beschreibung , doch kein richtiges Bild von ihm haben . Sie sehen aber , liebe Tante , wie gern ich Ihnen alles lieber mit der größten Umständlichkeit berichte , damit Sie nur nicht verleumderischen Nachrichten Glauben beimessen dürfen , und dann mit vorgefaßten Meinungen , die uns nachteilig sind , herkommen . Sie haben noch keinen Tag festgesetzt , an dem wir Sie sehen sollen . Mit welcher Ungeduld erwarte ich Sie , meine verehrte , liebe Freundin ! Ich hätte Ihnen gern erzählt , welches fröhliche Leben wir leben , und welche Dinge wir unter Florentins Anleitung ausführen . Aber heute , und in den nächsten Tagen kann ich nicht daran denken . Es wird mir wenig Zeit zum Schreiben gelassen . Kommen Sie bald , und nehmen Sie Teil , und erhöhen Sie unsre Fröhlichkeit durch Ihre Gegenwart . Ich hoffe heute noch , oder doch morgen einen Brief von meiner gütigen Freundin zu erhalten , mit der bestimmten Nachricht Ihrer Abreise . Leben Sie wohl , lieben Sie Ihre Juliane . Sechstes Kapitel Eduard und Florentin hatten einigemal kleine Reisen im Gebirg und in der umliegenden Gegend gemacht . In abwechselnden Verkleidungen hatten sie die benachbarten Städtchen und Dörfer durchzogen , auf Kirmsen , Hochzeiten , Jahrmärkten , bald als Krämer oder als Spielleute . Manches lustige Abenteuer kam ihnen entgegen , sie wiesen keines von sich . Wenn sie dann von ihren Wanderungen zurückkamen , hatten sie viel zu erzählen und von den Eroberungen zu sprechen , die sie wollten gemacht haben . Juliane bekam den Einfall sie einmal zu begleiten ; und das nächste Mal , daß sich die beiden jungen Männer wieder zu einer solchen abenteuerlichen Reise anschickten , teilte sie Eduard ihren Wunsch sie zu begleiten mit . Er war voller Freude über diesen Entschluß , der ihm die Hoffnung gab , Julianen auf ein paar Stunden der Förmlichkeit zu entziehen , die jetzt bei der vergrößerten Gesellschaft immer mehr überhand nahm , und ihrer in der Einsamkeit froh zu werden ; auch seinem Freunde war es lieb , er hatte einen solchen Wunsch bei Julianen gar nicht vermutet . Der Graf und seine Gemahlin hatten aber viel dawider , und wollten es anfangs unter keiner Bedingung zugeben . Der Wohlstand ward beleidigt , Julianens Gesundheit ausgesetzt , der übrigen Gefahren und ihrer eignen Ängstlichkeit nicht zu gedenken . Florentin , der seinen Kopf auf diesen Plan gesetzt hatte , und Eduard , der ein Recht zu haben glaubte , eine solche Erlaubnis zu fordern , hörten mit Bitten und Vorstellungen nicht eher auf , bis sie ihnen zugeteilt ward , nur unter der Bedingung , daß sie nicht zu Pferde sondern zu Fuß gingen , und daß sie nicht die Nacht ausbleiben wollten . Und nun wurden noch so viele Anstalten gemacht , so viel Regeln und Warnungen gegeben , daß Juliane , ganz ängstlich gemacht , sich im Herzen vornahm , gewiß nichts zu übertreten , und gewiß zum letztenmal eine solche Erlaubnis zu begehren . Eduard aber ward der ganze Einfall beinah zuwider wegen der großen Umständlichkeit , und er war eben nicht gesonnen , sich gar zu streng an die Vorschriften zu halten . Nachdem sie endlich alles zustande gebracht , und Juliane den Abend mit schwerem Herzen von ihren Eltern Abschied genommen hatte , machten sie sich morgens früh auf den Weg , nur von ein paar Jagdhunden begleitet . Sie waren alle drei als Jäger gekleidet . Eduard und Florentin trugen Büchsen , Juliane hatte nur ein Jagdmesser und Tasche , statt der Büchse trug sie die Gitarre , von der sich Florentin selten trennte . Da Juliane gut zu Pferde saß , und oft in Männertracht ausritt , so war sie ihrer nicht ungewohnt , sie ging so leicht und ungezwungen daher , als hätte sie nie eine andere Kleidung getragen , und auch so als Knabe sah sie wunderschön aus ; auch die beiden Freunde nahmen sich gut aus , als ältere Brüder des lieblichen Kindes . Sie gingen dem Morgen entgegen , der in voller Pracht heraufstieg , der Frühling in seiner ganzen Herrlichkeit umfing sie , die Vögel sangen munter , Blüten dufteten und die Bäume glänzten im Schein der Sonne . Sie gingen durch den Wald nach dem Gebirge zu , fröhlich und unbekümmert wie die Kinder . Sie genossen sich selbst in reiner Unbefangenheit ; Vergangenheit und Zukunft war ihren Gedanken fern , der Wille des Augenblicks war ihnen Gesetz . » Ach « , rief Eduard auf einmal aus ; » so leben , wenn auch nur eine kurze Zeit , und sterben , eh wir den Tod zu wünschen haben ! Schlafen gehen und nicht wieder aufstehen ! « - » Ihr denkt an den Tod « , sagte Florentin , » um zu bedenken wie Ihr so gern nicht an ihn denken wollt ! « - » Torheit ! « rief Juliane , » wer will jetzt vom Tode sprechen ? « - Florentin nahm ihr die Gitarre ab , und spielte einen raschen Tanz , sie drehte sich mit Eduard in schnellen Kreisen . Er hatte sich unter einem Baume niedergesetzt . Nachdem sie zu tanzen aufgehört hatten , setzten sich beide neben ihn . - » Es tanzt sich gut auf dem kurzen Grase . « - » Besser und erfreulicher als auf dem getäfelten Fußboden eurer Säle , das ist gewiß . « - » Wenn man nun hier im Walde an eine Assemblee denkt ! « - » Davon kein Wort , Juliane , ich mag ebensowenig von Assembleen hören als Sie vom Tode . « - Hiemit nahm er die Gitarre wieder auf , und sang : » Sie ist mir fern , wie soll ich Freude finden ! Ich kann dem Kummer nur mein Leben weihn . Wie um den Baum sich üppig Ranken winden , Die Nahrung raubend seiner Krone dräun , So , fern von dir , mich Sorg ' und Unmut binden , Daß keine Erdenlust mich kann erfreun . Fragt nicht , warum mein Sinn so rastlos eilt ; Für mich ist nirgends Ruh ' , als wo sie weilt . « Juliane , erhitzt vom raschen Tanz , lehnte sich an Eduard , ein sanfter Wind , der hoch in den Wipfeln der jungen Birken rauschte , kühlte ihr das glühende Gesicht , und wehte die Locken zurück , die in der Bewegung durch ihre eigne Schwere sich von der Nadel losgemacht hatten , und nun bis tief auf die Hüften herabfielen . Eduard verlor sich ganz im Anschaun ihrer Schönheit , und die Töne der Gitarre , die dazu gesungenen Worte drangen in sein Innerstes . Er drückte Julianen mit Heftigkeit an seine Brust ; die Gegenwart des Freundes vergessend hielt er sich nicht länger , seine Lippen waren fest auf die ihrigen gepreßt , seine Umarmung wurde kühner , er war außer sich . - Juliane erschrak , wand sich geschickt aus seinen Armen , und stand auf , ihm einen zürnenden Blick zuwerfend . Eduard war betroffen , sie reichte ihm beruhigend die Hand , die er mit Küssen bedeckte . Nunmehr sang Florentin , mit raschen Griffen sich begleitend , gleichsam als beruhigendes Echo jener ersten sehnsuchtsvollen Anklänge : » Ich bin dir nah , wie soll die Wonn ' ich fassen , Die mir aus deinen lieben Augen winkt ! Als sollt ' ich nimmermehr dich wieder lassen . Wann voll Verlangen Herz an Herz nun sinkt , So soll mein Arm den holden Leib umfassen , Indes mein Mund der Liebe Tränen trinkt . O Glück der Liebe , seliges Entzücken ! Geschenk der Götter , Menschen zu beglücken ! « » Wie schön « , rief Juliane , als das Lied geendigt war , » wie schön weiß er die Seligkeit und die Schmerzen eines liebenden Herzens auszusprechen ! Florentin , Sie lieben ! gewiß Sie lieben ! Sie sollten uns die Geschichte Ihres Glücks mitteilen ! oder , wenn Sie nicht glücklich lieben ... armer Florentin ! « - Sie nahm seine Hand in ihre beiden Hände . Er seufzte und lehnte seine Stirn auf ihre Hand . » So öffnen Sie uns Ihr Herz « , fuhr sie mit bewegter Stimme fort , » wir sind es beide wert . « - Florentin richtete sich auf . - » Wie mich eure Teilnahme rührt , ihr Guten . Es ist das erste Von-Herzen-zu-Herzen-Gehende , dem ich begegnet bin ! Wohl trage ich Liebe in meiner Brust , Juliane , aber ein Weib , dem sie eigen gehörte , die sie mit mir teilte ... die fand ich noch nie ! « - » O das ist unglaublich . Sie entziehen sich uns . « - » Nein , bei Gott , nein ! « » Sie werden es weder glückliche noch unglückliche Liebe nennen wollen , wenn Sie hören , daß ich von meinem sechzehnten Jahre an der Erziehung der berühmtesten schönen Frauen in Venedig überlassen war . Ich lernte jeden Sinnenrausch kennen , früher als ich das geheime Feuer im innersten meines Herzens kannte und verstand , und keine Verderbnis der verderbtesten Welt hat es daraus vertilgen können . Die Schönheit betete ich an , wo sie sich mir darbot , ein glückliches Naturell unterstützte mich ... kurz , ich ward nirgend grausam behandelt . Nachher lebte ich eine Zeitlang von aller schönen feinen Welt entfernt bei armen Hirten in den Gebirgen ; dieser schönen Tage werde ich immer mit Freude gedenken . Ich lebte mit lieben holden Kindern zusammen , wahren Kindern der Natur , und der ersten Unschuld ; bei ihnen heilte meine Phantasie wenigstens wieder ... Einen Gegenstand der Liebe aber , die bis jetzt mir nur unbelohnt , aber tief im Herzen lebt , wo würde ich den wohl finden ? Er existiert irgendwo , das weiß ich , von dieser frohen Ahndung werde ich im Leben festgehalten ; aber wo er existiert ? wo ich ihn finde ? « - » Aber welche Forderungen werden Sie auch machen ? « sagte Juliane . » Was wird der Herr verlangen von einer Frau , die ihm die rechte sei ! « - » Unwiderstehlich reizend sind Sie , Juliane , wenn Sie die kleine Lippe so trotzig aufwerfen , und das Näschen höhnisch rümpfen ! « - » Welche Anmaßung ! « - » O keinen Zorn , wenn ich meinen Kopf behalten soll , er kleidet Sie viel zu schön ! Was hilft es denn , daß ich in einer alles vereinigt fand , was meine Wünsche fassen ? Sie ist ja die liebende Braut des Glücklichen dort ! « - » Sie sind ausgelassen , Florentin ! « - » Nun seht , ihr Lieben , ich fordre wenig , ihr werdet es vielleicht nicht glauben , recht sehr wenig ; doch scheint es eine große Forderung zu sein , denn ich fand sie nie erfüllt . Nichts als ein liebenswürdiges Weib , die mich liebt , liebt wie ich sie , die an mich glaubt , die ohne alle Absicht , bloß um der Liebe willen , die meinige sei , die meinem Glück und meinen Wünschen kein Vorurteil und keine böse Gewohnheit entgegensetzt , die mich trägt wie ich bin , und nicht erliegt unter der Last ; die mutig mit mir durch das Leben , und , wenn es sein müßte , mit mir in den Tod schreiten könnte ... Sehen Sie Juliane , das ist alles ! ... und ich habe es nicht gefunden , obgleich schöne Frauen jedes Standes mir überall und ohne Bedenken , die unzweideutigsten Beweise ihrer Liebe , wie sie es nannten , gaben . « - » Mit welchen Frauen haben Sie gelebt , Florentin ! « - » In der besten , der feinsten Gesellschaft mitunter , sein Sie versichert , gute Juliane . « - » Sie sollten uns doch bald mit Ihren Schicksalen und Abenteuern bekannt machen « , sagte Eduard . - » O tun Sie es « , sagte Juliane , » Ihr Lebenslauf muß sehr interessant sein ! « - » Interessant ! « rief er aus ; » ich bitte euch , was nennt ihr denn interessant ? Ich weiß wahrhaftig nicht , ob er das sein wird . Ich wollte , mein Lebenslauf gehörte irgendeinem andern zu , vielleicht würde ich ihn dann auch ergötzlich finden : als mein eigner Lebenslauf aber gefällt er mir eben nicht . Euch will ich auch einmal die Lust verschaffen , nur jetzt nicht , denn mich dünkt , es ist Zeit , daß wir uns nach einer Mahlzeit umsehen . « - » Wenn Sie es zufrieden sind « , sagte Juliane , » so gehen wir , während die Mittagssonne brennt , nicht von diesem Platz ; er ist schattig und kühl . Geben Sie her , was von kalter Küche da ist , unser grünes Lager mag zugleich unsre Tafel sein . « - » Sehen Sie , auch für ein sauberes Tuch hat man gesorgt , um es aufzudecken . « - » Sogar Wein findet sich hier « , sagte Florentin , indem er die Flasche hervorzog . - » Stellen Sie ihn dort an den Bach hin , damit er abkühle . « - » So reichlich fanden wir uns noch nie auf unsern Zügen versorgt . « - » So hat die Umständlichkeit , die meine Begleitung verursachte , doch wieder etwas Angenehmes erzeugt . « - » Wie oft mußte ich nicht schon die Annehmlichkeiten eines bequemen Lebens entbehren ! konnte ich mir aber nur eine größere Unabhängigkeit damit erkaufen , so geschah es mit tausend Freuden . « - » Doch wohl auch oft dem Liebchen zu gefallen ? « - sagte Eduard . - » Auch das genug « , sagte Florentin , » ich hatte dann auch süßen Lohn . « Sie lagerten sich um das Tuch und verzehrten ihren Vorrat unter fröhlichen Scherzen , Gesängen und Lachen . Florentin pflegte durch den Wein lebhafter und noch heiterer zu werden als gewöhnlich , Eduard aber fühlte seine Lebensgeister leicht durch ihn erhitzt , reizbarer und zugleich schwerer ; Juliane ward von ihnen mit Bitten bestürmt , diesesmal doch ihren Wein ohne die gewöhnliche Mischung von Wasser zu trinken , sie war aber nicht dazu zu bewegen . Die Ausgelassenheit und der steigende Mutwille der beiden fing an sie zu ängstigen , sie fand jetzt ihr Unternehmen unbesonnen und riesenhaft kühn ; die beiden Männer kamen ihr in ihrer Angst ganz fremd vor , sie erschrak davor , so ganz ihnen überlassen zu sein ; sie konnte sich einen Augenblick lang gar nicht des Verhältnisses erinnern , in dem sie mit ihnen stand , sie bebte , ward blaß . - Eduard bemerkte ihre Angst . » Was fürchtest du holder Engel ! Du bist bei mir , bist mein « , er umarmte sie mit einigem Ungestüm . - » Lassen Sie mich , Eduard ! « rief sie , sich aus seinen Armen windend ; » nicht diese Sprache ... Sprechen Sie jetzt gar nicht zu mir , Ihre Worte vergrößern meine Furcht ... ich bin so erschreckt ... ich weiß nicht warum ? « - Sie verbarg ihr Gesicht in ihre beiden Hände . - » Beruhigen Sie sich Juliane ! « - » Stille , ich beschwöre Sie , nicht ein Wort weiter , wenn Sie mich lieben ! « - Florentin hatte sich , als er ihre Unruhe bemerkte , zurückgezogen , die Gitarre genommen , und allerlei Melodien phantasiert ; die beiden Hunde hatten sich zu ihm gelagert , und drückten aufwärts ihre Köpfe an seine Knie . Gesammelt fing Juliane endlich an : » Die Sonne steht noch zu hoch , wir können in der drückenden Hitze diese Schatten nicht verlassen . Sie , Florentin , könnten jetzt Ihr Versprechen erfüllen , und uns einiges aus Ihrem Leben erzählen ! « Er schwieg ein Weilchen , dann sang er folgende Worte : » Draußen so heller Sonnenschein , Alter Mann , laß mich hinaus ! Ich kann jetzt nicht geduldig sein , Lernen und bleiben zu Haus . Mit lustigem Trompetenklang Ziehet die Reuterschar dort , Mir ist im Zimmer hier so bang , Alter Mann , laß mich doch fort ! Er bleibt ungerührt , Er hört mich nicht : Erlaubt wird , was dir gebührt , Tust du erst deine Pflicht ! Pflicht ist des Alten streng Gebot ; Ach , armes Kind ! du kennst sie nicht , Du fühlst nur ungerechte Not , Und Tränen netzen dein Gesicht . Wenn es dann längst vorüber ist , Wonach du trugst Verlangen , Dann gönnt man dir zu spät die Frist , Wenn Klang und Schein vergangen ! Was du gewähnt , Wonach dich gesehnt , Das findest du nicht : Doch bleibt betränt Noch lang dein Gesicht . « » Was soll uns jetzt das Lied , Florentin ? « fiel Juliane ungeduldig ein ; » ich dringe auf die Erfüllung Ihres Versprechens ! « - » Sie könnten auch mein Lied als Einleitung nehmen zu dem , was ich Ihnen zu erzählen habe . Aus meiner Kindheit weiß ich mir nichts so bestimmt zu erinnern , als den Zwang und das Unrecht , das mir geschehen ist , und das ich schon damals sehr klar fühlte . Gewiß ist jedem Kinde so zumute , dem man nach einer vorher bestimmten eigenmächtigen Absicht eine streng eingerichtete Erziehung gibt . « Siebentes Kapitel Die Gesellschaft lagerte sich bequem , und Florentin erzählte : » Wie ein Traum schwebt mir die frühe Erinnerung vor , daß ich in meiner ersten Kindheit in einem einsamen Hause auf einer kleinen Insel lebte . In dem Hause wohnte niemand , als eine gute freundliche Frau , die Sorge für mich trug und mich keinen Augenblick verließ , und ein etwas ältlicher Mann , der die schweren Haus- und Gartenarbeiten verrichtete , und jeden Tag mit einer kleinen Barke fortruderte , und die nötigen Vorräte einholte . Es befanden sich gewiß noch mehrere Häuser auf der Insel ; von diesen erinnere ich mich aber nichts , so wenig als von ihren Bewohnern . Ein paarmal kam eine schöne sehr prächtig gekleidete Dame , von zwei Herren begleitet , mit der zurückkehrenden Barke . Diese Dame liebkoste mich zärtlich , gab mir Spielzeug und Konfekt , und ich mußte sie Mutter nennen . Einer von den Herren , der auch schön und glänzend gekleidet war , bezeigte meiner Mutter viel Aufmerksamkeit , und war sehr freundlich gegen sie , so wie sie auch gegen ihn . Dem andern Herrn , der , wie ich nachmals erfahren habe , ein Geistlicher war , begegneten beide mit Ehrfurcht . Gegen mich waren beide unfreundlich ; sie schalten mich , wenn ich mich zu nah an meine Mutter drängte oder nicht von ihrem Schoß fort wollte . Sie waren mir beide verhaßt , besonders der geistliche Herr , dessen Recht mich zu schelten ich immer im Herzen bezweifelte . Der Stolz und die Unfreundlichkeit der beiden Männer hatte einen so verhaßten Eindruck auf mein kindliches Gemüt gemacht , daß ich sie fürchtete , und sie niemals begrüßen und anreden mochte , so sehr meine Mutter darauf bestand . Empfindlichen Kindern ist Härte und Unfreundlichkeit unerträglicher als jede Entbehrung , die man ihnen mit Güte und Sanftmut auferlegt . Eines Tages kam unser alter Mann mit der Barke zurück . Er war ganz bestürzt und sprach heftig mit der Frau ; diese weinte , küßte mich und stieg mit mir in die Barke . Der