ausdrücklichen Nein zu lügen . - Dann ist ' s aber nicht artig , ihr nicht die Hand zu küssen . Ach verzeihn Sie ! sagte die Tochter , und küsste ihr , seitwärts lachend , die Hand . Deinen Bruder wohl noch vielweniger ? - Gesehn ; aber kein Wörtchen mit ihm gesprochen . Er lief mir da mit einem Gesichte vorbei , mit einem Gesichte ! - Huy , dacht ' ich , was kümmern mich deine Gesichter ? Lauf immer ! - Aus meinem guten Humor bringt mich kein Mensch . Denn Sie wissen wohl : ich bin ganz Ihre Tochter . Bist du ? sagte der Alte , und lachte mit innigem Wohlbehagen . Immer munter , immer fröhlich und guter Dinge . Wer ' s nicht mit mir ist , mag seine Launen für sich behalten . Oder wenn ich mich ja mit ihm abgebe , so geschieht es nur , um ihn auszulachen . Da , der Herr - indem sie mit dem Finger auf den Doctor wies - hat die Erfahrung . Närrisches Weib ! sagte dieser . Hab ' ich denn Launen ? O , du hast ! hast ! du bist Mann . - Aber doch wirklich , mein lieber Vater ; nahe geht ' s mir , dass ich den Bruder immer so unlustig sehe . Ich wollte von ganzem Herzen , er wäre glücklich . - Ich meiner Seits , wenn ich dazu helfen könnte - ich thäte Alles . Doch ? Thätest du Alles ? - Jaja ! - Er war aufgestanden , und packte die Beutel zusammen . Wollen Sie denn fort , lieber Vater ? Ich bin fertig . - Aber Sie könnten doch noch immer ein wenig bleiben . Wozu ? - Er gab ihr einen scharfen , bedeutenden Seitenblick , und drohte ihr mit dem Finger . - Weib ! Weib ! du hast mit deinem Mann gesprochen , hast mit deiner Mutter gesprochen , hast mit deinem Bruder gesprochen . Sie meinen : heut ? hier im Hause ? - Nein wahrlich ! Mit Mann und mit Bruder kein Wort . Also doch mit der Mutter ! Nun ? Wäre denn das nicht recht ? Gar sehr . - Aber da kömmst du nun mit eben der Bitte , wie sie ; nur anders eingekleidet , versteht sich . Was sie tragisch gesagt hat , das willst du komisch sagen . - - Geh ! geh ! Mit denen da ward ich fertig ; aber mit dir - - Da getraun Sie Sich nicht ? Aus Ursache . - Denn sieh ! wenn du bittest , da bitten gleich alle deine Kinderchen mit ; und das mögte mir denn zu viel werden . - Geh ! O , nun - nun kommen Sie mir gewiss nicht von dannen . Oder wenn Sie gehn , lauf ich nach . - Gutes , liebes , bestes Väterchen - - Schmeichlerinn ! Schmeichlerinn ? - Das bin ich nur dann , wenn Sie Sich nicht erbitten lassen . Nun , was willst du ? Nimm Alles ! - Er hielt ihr beide Geldbeutel hin . Nicht doch ! Geben sollen Sie nichts . Keinen Heller . Aber eine Thorheit begehn , für die ich hinterdrein , um sie nicht begangen zu haben , das Zwiefache , Dreifache gäbe . Thorheit , sagen Sie ? Lieber Gott ! - Als ob ' s Thorheit wäre , einmal recht gütig , recht liebreich zu seyn ! - Sie sind das gegen mich ; sind ' s so sehr : seyn Sie es um meinetwillen auch gegen den Bruder ! - Um meinetwillen ! Denn Sie helfen mir da von der unangenehmsten Empfindung , die ich nur kenne . - Er beneidet mich - ich habe das mehrmalen bemerkt ; - er hat allerhand kleinen Argwohn , dass ich Ihrer wohlthätigen Zärtlichkeit missbrauche : und fast - wenn man bloss nach dem Scheine geht - hat er Ursache dazu . Denn sagt er nicht eben so gut Vater , als ich , und geniesst doch so viel weniger Liebe ? Er von der Mutter , und du vom Vater . So ist ' s in der Ordnung . Nein , ich bitte ; bitte , so sehr ich kann : Machen Sie , dass er bleibt ! dass er nicht fortgeht ! Kann ich ihn halten ? Mit einem einzigen guten Worte . Hm ! - Das , meinst du , soll der Vater dem Kinde geben ! Gut heisst freundlich , nicht bittend . - Wahrlich , er hat Gefühl , er ist dankbar . Er wartet nur auf die erste Eröffnung des väterlichen Herzens , und Sie haben den besten Sohn von der Welt . - Wenn er nun glauben müsste , dass ich seine Entfernung zu seinem Schaden nutzte ? dass ich Ihnen für mich und meine Kleinen abschmeichelte , worauf wir zwar Alle kein Recht haben , was aber doch ihm eben so gut zukommen würde , als mir ? - Sie wissen , dass das nicht ist , und dass ich dazu ganz unfähig bin ; aber er würd ' es doch glauben : er würd ' es ganz sicher glauben ; und meine Empfindung dabei - - Sie hatte Thränen im Auge . Diese Beweise von Zartgefühl , Schwesterliebe , und Uneigennützigkeit , deren Wahrheit ausser Verdacht war , freuten den Alten innigst , und er sah sie mit grosser Zärtlichkeit an . Er glaubte , nicht bloss sein Fleisch und sein Blut , sondern auch sein Herz und seine Seele in ihr zu finden . Liebes , gutes , bestes Väterchen , fuhr sie fort , und nahm Alles zusammen , was sie im Tone Süsses und in der Miene Liebkosendes hatte - alle meine Kinderchen bitten mit . Könnten Sie ' s abschlagen ? Je nun , sagte der Alte , und fuhr sich mit den Fingern ein paar mal über die grauen , etwas nass gewordenen Augenwimper - dran werd ' ich schon müssen . Ich will mit ihm reden . Gewiss ? gewiss ? Ja doch ! - So freundlich , wie noch jemal in meinem Leben . Und bald ? So bald sich ' s thun lässt . In diesen Tagen . Ein Mann , ein Wort ? Schlagen wir ein ? Da ! - so freundlich , wie noch jemal in meinem Leben . Sie lächeln aber so in Sich . Worüber ? Ach - über mich selbst . - Lass das gut seyn ! - Er hatte schon ungefähr die Art , wie er sich nehmen müsste , im Kopfe , und lächelte fort bis zur Thüre . Armer Mann ! sagte er noch , im Vorbeigehen , zum Doctor : Sie sind gewaltig betrogen . Sie forderten von mir eine Frau , und ich habe Ihnen eine Schlange gegeben . X. Nun ? triumphirte die Doctorinn , als der Vater hinaus war : hatt ' ich nicht Recht , liebe Mutter ? War ' s des Schreckens und des Aufhebens werth ? - So ein kleiner Zwist in einer Familie gemahnt mich , wie ein Feuer in einer Brandmauer . Das brennt schon aus , ohne Lärmschlagen . Und du glaubst dich am Ende ? sagte der Doctor . Völlig . Völlig . Der Vater hält Wort . Er müsste erst mehr versprochen haben . - Aber gesetzt auch , dass du zu deinem Zweck kömmst , und dass der Bruder für diesmal bleibt - - Für diesmal ? Warum denn nicht immer ? Wird er von seinen Schwachheiten lassen ? Wird der Vater von seinem Eigensinn lassen ? Niemal ! niemal ! seufzte die Mutter . Schwerlich ! stimmte die Tochter mit ein . Und also ! Was sind wir weiter gekommen ? - Wir wollten die inneren Ursachen der Uneinigkeit heben , wollten die Quellen des Übels verstopfen ; und da uns nun das nicht gelang - da stellen wir uns hin , und pinseln und pflastern an einem Geschwürchen , das , wenn wir es heute heilen , morgen wieder aufbrechen wird . - Das ist falsche Heilart , fuhr er mit Kopfschütteln fort , wovon ich bei Zeiten zurücktrete , und sie dir allein überlasse . Klug ! klug und gelehrt ! sagte die Frau . - Aber auch Pfuscherarbeit wird manchmal gute Arbeit . Lass mich nur machen ! Wie aber , wenn du ein Meisterstück machen könntest ? Ein Meisterstück ? - Nun ? Er ging mit einem Blick voll Missmuths umher , und rieb sich die Stirne . - Ach , es ist nicht zu machen . Es ist ein frommer Wunsch , weiter nichts . - Heiraten , heiraten müsste der Bruder . Ein kluges , sittsames , zärtliches Weib müsst ' er nehmen . So eins , wie du hast . Nicht wahr ? - Sie sah ihm freundlichlächelnd unter die Augen . Nun ja ! Und wenn auch nur so eins - - Boshafter ! - Er bot ihr liebreich die Hand , und zog sie in seine Arme . - So ein Weib würd ' ihn zu Hause bei seinen Geschäften halten : denn zu Hause wäre ja sie ; es würd ' ihm alle die Vergnügungen , denen er jetzt nachläuft , verleiden : denn bei ihr fänd ' er ja bessre ; es würd ' ihn von den kleinen Thorheiten des Putzes und der Modesucht abziehn : denn man putzt sich ja nicht für die Seinigen , nur für die Welt . - Er fand den grössten Beifall mit dieser Rede . Die Frau liebkoste ihm , und die Schwiegermutter ertheilte ihm Lobsprüche . Alle Quellen des Missvergnügens wären dann auf einmal verstopft . Der Vater und wir alle wären zufrieden . - Ja , wenn es möglich wäre , fuhr er mit einer Art von Begeisterung fort , indem er lebhafter umherging - wenn es möglich wäre , dass er die Witwe - die gute Witwe - - Hier flogen beide Frauenzimmer zu ihm hinan , und brachten ihm ihre Gesichter so nahe , dass er erschrack und zurücktrat . - Was ist denn ? Was hab ' ich gesagt ? fing er an . Die Witwe ! riefen sie beide aus Einem Munde . - Sprachen Sie nicht von einer Witwe , Herr Sohn ? - Erwähntest du nicht einer Witwe , mein Bester ? - - Der Doctor war unzufrieden , dass er sich mit seinem Geheimniss so bloss gegeben , und versuchte sein Möglichstes , um es noch festzuhalten . Er war durchaus nicht zu bewegen , dass er es im Ganzen hätte herausgeben sollen . Indessen riss , durch das ewige Fragen , bald die Frau , und bald die Schwiegermutter , ein Stück davon ab ; und so bekamen sie endlich so viel davon in die Hände , dass er nicht absah , warum er den unbedeutenden Rest nicht noch freiwillig dazu geben sollte . Überdies hatte man ihm das heiligste Stillschweigen gelobt , und Mutter und Tochter hatten einander selbst recht inständig darum gebeten . - Jetzt , da die Frauenzimmer ihr Geheimniss zu besichtigen anfingen , fand sich , dass sie sehr wenig daran erbeutet hatten . - Die Witwe hatte Kinder - war ohne Vermögen - war nicht mehr jung : - ihr vier oder fünf und zwanzigstes Jahr mogte sie immer schon zurückgelegt haben ; - der Liebhaber schien noch gar nicht entschieden ; - der Vater hatte Vorurtheile gegen die Frau ; - ihn von Vorurtheilen zurückzubringen , war immer sehr schwer , fast unmöglich : - alle diese Umstände liessen von der Liebe des Sohns , wie aufrichtig und zärtlich sie übrigens seyn mogte , keine Heirat , und noch weniger von so einer Heirat eine feste Grundlage für die Ruhe und Zufriedenheit der Familie hoffen . Man war also wieder in gleicher Verlegenheit , als zuvor . Indessen tröstete sich die Doctorinn mit dem Gemeinspruche : dass der Mensch nicht zu weit vorausdenken , und wenn nur seine nächste Aussicht nicht trübe und gewitterhaft sei , sich beruhigen müsse . Voller Friede , meinte sie , sei wohl freilich das Beste ; aber auch Waffenstillstand - und diesen wenigstens glaubte sie für die Familie bewirkt zu haben - sei schon nicht zu verachten . XI. Abends bei Tisch erlitt der Muth der Frau Doctorinn , durch einen einzigen Blick des Alten , einen gar unsanften Stoss . Es war Donnerstag , wo , nach der Regel , das ganze Herbstische Haus , bis auf das kleinste Enkelchen herunter , bei dem Alten versammelt , und dieser dann gemeiniglich sehr vergnügt und beredt war . Eins der ersten Gespräche pflegte von denjenigen Kranken des Doctors zu seyn , die der Alte , wenn auch nur von Ansehen , kannte , und an denen er , theils dieser Bekanntschaft wegen , theils weil sie Kunden seines Schwiegersohnes waren , viel Theil nahm . Diesmal fragte er besonders nach einem gewissen Herrn Heil , einem Manne von mittlern Jahren , der eine starke Familie hatte . Ach , der ! sagte der Doctor : der ist schon völlig ausser Gefahr . Doch ? Das ist mir eine sehr liebe Nachricht ! - Der Mann hat viel Unglück gehabt , und es kann nur sehr wenig Vermögen da seyn : was wär ' aus den vielen lieben Kindern geworden ? - Es ist übrigens ein so rechtlicher , ein so stattlicher Mann : er hat mir Tag und Nacht in Gedanken gelegen . - Aber - wenn ich nicht irre , so sagten Sie ja nur noch vorgestern : er sei der Schlimmste von Ihren Kranken ; es sei Ihnen ganz bange um ihn ? Da stand ' s auch mit ihm soso . Er lag da eben in einer Krisis . Was heisst das ? - Krisis ! - Das Wort , deucht mir , hab ' ich schon öfter gehört . Das Wort ist griechisch , mein lieber Vater . Ei meinetwegen arabisch ! Ich mögte den Sinn davon wissen . - Ihr Herrn nennt immer Alles mit fremden Namen ; wozu das ? - Eine deutsche Krankheit wird doch keine griechischen Zufälle haben ? Aber Zufälle , die sich zu deutsch nicht so kurz wollen sagen lassen . - Krisis nennt man bei hitzigen Fiebern die letzte , stärkste Anstrengung der Natur , der Krankheit durch irgend eine hinreichende Ausleerung gekochter Krankheitsmaterie ein Ende zu machen . Gekochter Krankheitsmaterie ! wiederholte der Alte langsam , und wiegte mit dem Kopf vor sich hin . - Das ist nun deutsch : in der That ! Deutsch , wie Griechisch . Nicht wahr ? Beinahe . - Ich will mich näher erklären . Gekocht nennen wir eine Krankheitsmaterie , wenn sie sich von den gesunden Säften , denen sie beigemischt war , schon so abgesondert hat , dass der Körper sich ihrer entschütten , oder wo nicht völlig entschütten , sie doch nach aussen hin absetzen kann . - Hat die Natur zu dieser Wirkung noch Kraft , so genest der Kranke ; hat sie keine , so stirbt er . - So lange nun dieses glückliche oder unglückliche Bestreben der Natur fortdauert , sagt man von einem Kranken : er sei in der Krisis . Ja nun - nun wird ' s helle , Herr Sohn ; nun versteh ' ich . - Und so kann man denn auch in einer Krisis , wo es sich mit der Krankheit bessert , so herzlich krank seyn ? Nicht anders . - Während der ganzen Zeit , da die Materie gekocht , und dadurch die Krisis vorbereitet wird - Sie verstehn mich nun schon - - Vollkommen . Während dieser ganzen Zeit ist die Krankheit im Wachsen , im Zunehmen ; und kurz vor der Krisis , oder vor dem glücklichen Auswurf der Unreinigkeiten , pflegen heftige , drohende Bewegungen zu entstehen , die das Übel auf seinen höchsten Grad treiben , und die man füglich einen kritischen Tumult nennen kann . Bewahre Gott ! rief der Alte , der einst einen Tumult erlebt hatte , und vor dem Worte erschrack . Nicht doch ! - Helfe Gott ! muss man sprechen . Was ? Helfe Gott ! zu einem Tumulte ? - Doch freilich ; wenn ' s mit dem Bewahren zu spät ist , da hat man schon Recht , dass man um ' s Helfen bittet . - Und die Hülfe kömmt denn wohl durch den Doctor ; nicht wahr ? Der kann dabei wenig , sehr wenig . Das Meiste und das Beste muss die Natur thun . So ! - Aber der Doctor nimmt doch sein Geld ; und da , dächt ich , wär ' s denn auch Pflicht , dass er zur Hand wäre , und mit Allem , was er von Pulvern und Mixturen nur auftreiben könnte , wacker in den Tumult hineinwürfe , um desto eher Frieden zu stiften . Die Anwesenden lachten - bis auf den Sohn , der in Gedanken vertieft sass - und am meisten lachte der Doctor . - Sie wären mir ein trefflicher Arzt , lieber Vater ! Wissen Sie , dass Sie durch Ihre zu grosse Thätigkeit , die Krisis stören und dadurch den Kranken in ' s Grab bringen könnten ? Ei wie so ? Das mögt ' ich doch ungern . Der arme Heil ! Eine gestörte Krisis zieht immer entweder schleunigen Tod , oder doch gefährliche , in der Folge tödtliche Versetzungen nach sich , die wir abermals mit einem griechischen Worte Metastasen nennen . Genug ! genug ! sagte der Alte ; kein Griechisch weiter ! - Ich merke wohl , Ihr Herrn macht ' s Euch bequem , deckt euren Kranken fein warm zu , und gebt mit untergeschlagenen Armen Achtung , wo die Natur hinaus will . Viel besser ist ' s wirklich nicht . Ich gesteh ' es Ihnen . Je nun - Wenn ' s so am sichersten oder am heilsamsten ist , ist ' s am besten . - Er sass hier einen Augenblick nachdenkend , und spielte mit seinem Teller . - Lieb ist mir ' s denn doch , dass ich bei der Gelegenhei dahinter gekommen , wie ein kritischer Tumult muss behandelt werden . Ich hätte da einen erzeinfältigen Streich können machen . Wie so ? fragte der Doctor . Ich hätte mich können verführen lassen , mitten in einer Krisis die Cur zu versuchen . Sie ? fragte der Doctor noch einmal . Der Alte schwieg ; aber ein bedeutender , lächelnder Blick den er nicht sowohl auf den Sohn , als nach der Seite hinwarf wo dieser sass , liess den drei Verbündeten keinen Zweifel , dass er mit seinen Reden auf den Zustand des Sohnes ziele : nur , wie er ihn in diesem Zustande zu behandeln denke , das blieb ein Räthsel . Nach Tische rieth man und rieth ; aber mit allem Rathen ward die Neugier mehr gespannt als befriedigt . Endlich that die Doctorinn , die gewissermassen das Orakel der Familie war , und die seit dem Siege von diesem Morgen noch an Ansehen gewonnen hatte , den wirklich nicht üblen Vorschlag , dass man sich füritzt den Kopf nicht weiter zerbrechen , sondern die eigne Erklärung , die der Vater durch sein Betragen geben würde , ruhig abwarten solle : ein Vorschlag , den Mutter und Mann höchlich billigten ; denn dass diese Erklärung völlig befriedigend und völlig zuverlässig seyn müsste , sprang in die Augen . XII. Herr Stark , der Sohn , war mit seinen Anstalten zur Abreise bis auf ' s Einpacken fertig ; er war nur noch unschlüssig , wie er Abschied nehmen solle . Heimlich sich aus dem väterlichen Hause wegzuschleichen , in welchem er kein anderes Andenken , als an geleistete gute Dienste , zurückzulassen sich bewusst war , fiel ihm nicht ein ; auch legte ihm sein Herz die Verbindlichkeit auf , eh ' er ginge , seinem Vater für die erhaltenen vielen Liebesbeweise so ehrerbietig als zärtlich zu danken . Er hatte sich eine Art von Anrede ausgedacht , die dem Alten gleich sehr die Festigkeit und Unabänderlichkeit seines Entschlusses , als die rechtschaffnen , kindlichen Gesinnungen eines Sohnes beweisen sollte , den er so hartherzig aus seinem Hause stiesse . Die Ausdrücke , womit er besonders den letzten Zweck zu erreichen hoffte , waren die gewähltesten , die er hatte finden können ; und beim Zusammensetzen derselben war ihm eine Menge Thränen entflossen , die insoferne wahre Freudenthränen waren , als sie ihm für unverkennbare Beweise des vortrefflichsten Herzens galten . Indessen ward , schon bei dieser Vorbereitung , dem jungen Manne immer bänger und ängstlicher , je lebhafter in seiner Einbildung die Züge des ehrwürdigen väterlichen Gesichts hervortraten ; und als er sich endlich zusammennahm , um wirklich sein Wort an den Mann zu bringen , so gerieth dies so äusserst übel , dass der Alte keinen geringen Schreck davon hatte . Die ersten Worte der Anrede : » Mein lieber « - kamen so ziemlich heraus , und ein Mann von etwas schärferm Gehör , als Herr Stark , mögte sie haben verstehen können ; dann aber gerieth der Redner plötzlich in so ein Stottern , Zittern und Erblassen , dass der Alte , der von den Ursachen dieser Erscheinung keinen Verdacht hatte , mit grosser Beängstigung auffuhr , dem Sohne kräftigst unter die Arme griff , und durch sein Rufen um Hülfe das ganze Haus auf die Beine brachte . Das eigne Zittern , das bei dieser Gelegenheit den Alten befiel , die Eile und Sorgfalt , womit er selbst einige dienliche Arzeneien , mit Allem was zum Einnehmen nöthig war , herbeischaffte , und die unablässigen liebreichen Fragen : wie dem Sohne jetzt sei ? und wie der Zufall ihn angewandelt ? machten es diesem , der nicht wenig dadurch gerührt ward , unmöglich , von dem eigentlichen Grunde der Sache nur Ein Wort zu erwähnen . Lieber bestätigte er den Alten in der Voraussetzung , dass eine Lieblingsspeise , wovon des Mittags zu reichlich genossen worden , an dem ganzen , übrigens unbedeutenden , Zufalle Schuld sei , und liess sich eine lange , nachdrückliche Ermahnungsrede gefallen , deren Inhalt das Lob der Mässigkeit war . Da er wohl sah , dass es mit dem mündlichen Vortrage durchaus nicht gehen würde , so entschloss er sich nun zu schreiben , und eh ' er in den Wagen stiege , den Brief an Monsieur Schlicht , einen alten invaliden Handlungsdiener , zu geben ; der , nach geschwächtem Gesicht und Gedächtniss , in dem Hause des Herrn Stark eine Art von Haushofmeister vorstellte , sich zu allerhand kleinen Geschäften willigst gebrauchen liess , und , trotz seines wunderlichen Wesens , das Vertrauen der Eltern , aber noch mehr der Kinder , in hohem Grade besass . - Ein andrer peinlicher Abschied , den Herr Stark unmöglich anders als persönlich nehmen konnte , weil ein schriftlicher nach dem bisherigen engen Verhältniss , allzukalt würde geschienen haben , war der von der Witwe . Die gute Frau befand sich eben in einer sehr beunruhigenden Lage . Ein harter , ungestümer Gläubiger , der an das Lykische Haus eine zwar nur unbeträchtliche Forderung hatte , bestand durchaus auf Befriedigung ; aber die Casse hatte schon zu ansehnliche Zahlungen geleistet , um auch noch diese leisten zu können . Die Witwe wusste , dass , wenn alle aussenstehenden sichern Schulden eingegangen und dadurch die fremden Forderungen völlig getilgt wären , ihr nur wenig zu ihrem eigenen und ihrer Kinder Fortkommen übrig bliebe ; sie wusste , dass auch dieses Wenige unausbleiblich verloren gehen , und zu dem Elende der Armuth noch die Schande eines öffentlichen Bruchs hinzukommen würde , wenn das Beispiel von nur Einem Gläubiger alle übrigen ermunterte , ohne Zeitverlust auf sie einzubrechen . Der natürlichste Weg , aus dieser Verlegenheit herauszukommen , war der , sich an ihren so dienstfertigen und zu Diensten dieser Art durch sein Ehrenwort sogar verpflichteten Freund zu wenden ; auch konnt ' es kein Hinderniss für sie seyn , dass die Entdeckung ihrer Noth in der That nur eine versteckte Bitte um thätigen Beistand war : denn niemand wusste so gut als Herr Stark , dass bei den Vorschüssen , die er ihr etwa machen könne , nichts zu verlieren stehe . Sie setzte sich also nieder , ihn um seinen , freundschaftlichen Rath zu ersuchen ; allein sie brachte kein Wort aufs Papier : ein noch nie gefühlter , unüberwindlicher Widerwille zwang sie , von ihrem Schreibtische wieder aufzustehen . So ging es ein , so ging es mehrere Male . Endlich fiel natürlicher Weise die Aufmerksamkeit der Witwe von ihrer äussern auf ihre innere Lage ; sie befragte sich selbst wegen der Ursache eines Widerwillens , den wenigstens ihr Freund durch sein Betragen nicht verschuldet haben konnte , da er immer die Güte und die Gefälligkeit selbst gewesen . Sollte sie die Schuld etwa bloss in ihrer Bescheidenheit , in dem Gefühle suchen , dass es empfangene Freundschaftsdienste sehr schlecht erkennen heisse , wenn man so leichtsinnig bereit sei immer neue zu fordern ? Ihr innres bess ' res Bewusstseyn überzeugte sie , nicht zwar von der Falschheit , aber doch von der Unzulänglichkeit dieser Erklärung . Sie ward endlich zu einem Geständniss genöthigt , welches ihr , so einsam sie war , vor Scham das Blut in die Wangen jagte ; zu dem leisen , unwillkommnen Geständniss : dass sie ihren Freund mit etwas zärtlichem , als bloss freundschaftlichen Augen betrachte , und dass sie nur darum , weil sie ihn liebe , ihm so ungern in ihrer Blösse erscheine . Ihre nach Entschuldigung umherspähende Selbstliebe fand indess den Grund dieser Leidenschaft - die sie zwar aufs äusserste bekämpfen zu müssen einsah - nicht allein verzeihlich , sondern selbst lobenswürdig : dankbare Empfindungen , und mehr noch für die ihren kleinen Waisen erwiesene Liebe und Achtung , als für alle ihr selbst erzeigte grosse , nie zu vergeltende Gefälligkeiten , hatten ein Herz verstrickt , das sich noch immer jeder guten und edlen Empfindung ohne Rückhalt hingegeben hatte . Diese nur eben geendigte Selbstprüfung gab der Miene der Witwe , als Herr Stark hereintrat , eine Schamhaftigkeit und Verlegenheit , ihrem Tone eine Sanftheit und Weichheit , wo durch sie einem Manne , der ihr ohnehin schon so sehr ergeben war , äusserst reizend erscheinen musste . Er forschte nach der Ursache ihres kränklichen Aussehens und ihrer Blässe ; sie schlug voll Verwirrung die Augen nieder : - Er bat , wenn sie irgend einen geheimen Kummer nähre , sich ihm mitzutheilen , und seine Dienste , falls er ihr nützlich seyn könne , nicht zu verschmähen ; sie dankte ihm mit inniger Rührung , aber ohne den Muth zu haben , mit ihrem dringenden wichtigen Anliegen herauszugehen : - Er gestand ihr die Absicht worin er komme , und dass er nichr lange mehr so glücklich seyn werde , ihr seine Dienste persönlich anzutragen ; sie war sichtbar erschrocken , forschte nach den Ursachen eines so unerwarteten Entschlusses , bat ihn , wenn es irgend möglich sei , davon abzustehen , und klagte , da ihr Bitten vergeblich war , mit nassen Augen ihr Schicksal an , das sie , nach so mancherlei harten Prüfungen , nun auch ihres besten , ihres einzigen Freundes beraube . - Ohne Zweifel hatte das unglückliche Verhältniss mit ihrem Gläubiger , aus welchem sie nun durch Herrn Stark herausgerissen zu werden nicht mehr hoffte , oder doch , bei seinen jetzt eintretenden eignen Bedürfnissen , auch nur von fern darauf anzutragen nicht die Dreistigkeit hatte , den grössten Antheil an ihrer Wehmuth ; Herr Stark indessen , der von jenem Verhältniss nicht im mindesten unterrichtet war , konnte unmöglich anders , als ihre Rührung ganz auf Rechnung ihrer innigen Dankbarkeit , ihrer zärtlichen Freundschaft setzen : und durch diesen Irrthum stieg seine eigene Rührung zu einem so hohen Grade , dass er , nach mehrern fruchtlosen Versuchen ein Lebewohl hervorzustammeln , und nach nur Einem , aber desto heissern , Kusse auf ihre Hand , sich eiligst von ihr losreissen musste . Er segnete , indem er auf die Strasse hinaustrat , die schon eingebrochne Dunkelheit , die es ihm erlaubte , unbemerkt hinter seinem Tuche zu weinen . Dann erlauschte er vor dem väterlichen Hause den Augenblick , wo er ungesehen in sein Schlafzimmer entschlüpfen konnte , warf sich , nur halb entkleidet , aufs Bette , und erleichterte sein gepresstes Herz durch Seufzer und Thränen . Er ward von mancherlei zärtlichen Wünschen , von mancherlei schmeichelhaften Hoffnungen bestürmt ; aber endlich gelang es ihm , durch die Rückerinnerung an seine ausgestandenen Leiden , sie alle von sich zurückzuweisen , und dadurch eine Seelenstärke und Entschlossenheit an den Tag zu legen , wie er sie , nach der sonstigen Weichheit seines gar zu guten Charakters , in sich selbst kaum gesucht hatte . Er sprang auf , zog noch diesen Abend den Reisecoffer aus seiner Kammer , öffnete Kasten und Schränke , und belegte alle Stühle mit Wäsche und Kleidungsstücken , um sie am folgenden Morgen beim Einpacken sogleich zur Hand zu haben . Nein ! sagte er , während dieser Arbeit , zu sich selbst : wer nicht die Kraft hat , sich fest und unwandelbar zu entschliessen , der bleibt , was er zu bleiben werth ist : ein Sklave . - Ich habe angefangen ; ich muss hindurch . - Mag es doch mein Vater nun mit Andern versuchen ! Mag er es doch erfahren , was für ein Unterschied zwischen einem Diener und einem Sohn ist ! Mag er es doch erfahren , und mich zurücksehnen so viel er will ! Ich werd ' ihm nicht kommen