Ich stand einen Augenblick etwas betroffen da , war aber kaum eine halbe Stunde bei ihm gewesen , als ich nicht nur mit dem Unerwarteten in seiner Gesichtsbildung völlig ausgesöhnt war , sondern mir sogar schon in den Kopf gesetzt hatte , daß er so aussehen müsse , und daß kein andres Aeußerliches geschickter gewesen wäre , seinen innern Charakter schneller anzukündigen und stärker auszusprechen als gerade dieses . Denke dir einen corpulenten , breitschultrigen alten Mann , mit einem bis an die Seitenhaare kahlen Silenenkopf , und dem rüstigen Ansehen eines ächten Abkömmlings der Sieger bei Marathon und Salamin44 ; und ermiß nun selbst , welch einen Contrast eine solche Figur mit der Erwartung eines jungen Menschen machte , der sich nach einem ziemlich allgemeinen Vorurtheil , einen wegen seiner Weisheit und Geistesgröße berühmten Mann nicht anders als mit dem Kopf eines Pythagoras oder Solon denken konnte ! Aber der vielumfassende Verstand , der in dieser hohen und breiten , über den buschigen Augenbrauen sich weit hervor wölbenden Stirne wohnt ; der Geist , der aus diesen stieren Augen blitzt , und dir mit jedem Blick bis auf den Grund deines Innern zu sehen scheint ; der entschiedene Ausdruck eines festen , männlichen , keiner Furcht noch Schwäche fähigen Charakters , einer unwandelbaren Heiterkeit und Gleichmüthigkeit und einer biedern allen Menschen wohlwollenden Seele , dieser Ausdruck , der seinem ganzen Gesicht scharf und tief aufgeprägt ist , macht in wenig Augenblicken den ersten widrigen Eindruck schwinden ; du fühlst dich immer stärker und stärker von ihm angezogen ; ein unerklärbarer Zauber hält dich in seinem Kreise fest , und du wünschest , dich in deinem ganzen Leben nie wieder von ihm entfernen zu dürfen . Wundre dich nicht , Lieber , daß ich mich so lange bei der Physiognomie des Sokrates verweile ; denn ich habe mir in den fünf bis sechs Wochen , seit ich mit ihm lebe , ein ganz eigenes Studium aus ihr gemacht , und ich bin gewiß , daß sie einen wesentlichen Antheil an der außerordentlichen Gewalt und Ueberlegenheit hat , die dieser Mann - der seinem Aufzug und seinen Glücksumständen nach in ganz Athen wenige unter sich sieht , - über alle Menschen , die sich ihm nähern , zu behaupten weiß . Ich habe ihn während dieser Zeit , da ich selten von seiner Seite komme , nicht einen Augenblick anders als heiter und freundlich gesehen ; aber Antisthenes versichert mich , daß sich nichts Fürchterlicher ' s denken lasse , als das drohende Gesicht , womit er in einem Handgemenge vor den Mauern von Potidäa einen feindlichen Trupp , der sich des verwundeten Alcibiades bemächtigen wollte , zurückgescheucht habe ; und ich begreife vollkommen , daß er , sobald er will , grimmig genug aussehen kann , um einem Löwen Angst einzujagen . Ohne Zweifel ist gerade dieß die Ursache , warum der Ausdruck von Wohlmeinung und Güte eine so große Wirkung in seinem Gesicht thut , weil die natürliche Schönheit der Züge so wenig dazu beiträgt , und man also um so gewisser seyn kann , daß es der Abdruck wahrer Gesinnungen ist , und unmittelbar aus dem Herzen kommt . Das Nämliche gilt ( in seiner Art ) von dem ziemlich nah an Hohn gränzenden Spotte , der in den aufgestülpten Nüstern seiner Delphinen-Nase lauert , aber durch die gewöhnliche heitere Freundlichkeit seiner Augen und das gutherzige Lächeln seines dicklippigen Mundes so sonderbar gemildert wird , daß er aufhört Spott zu seyn , oder daß nur gerade so viel davon übrig bleibt , um seiner Art zu scherzen , und der ihm eigenen Ironie etwas Säuerlichsüßes zu geben , das unendlich angenehm ist , aber sich weder beschrieben noch nachmachen läßt . Kurz , ich bin gewiß , diese sonderbare Mischung von Weisheit und Einfalt , von Ernst und Muthwillen , von Gleichmüthigkeit und genialischer Laune , Stolz und Bescheidenheit , Treuherzigkeit und Causticität , die das Eigenthümliche seines Charakters ausmacht , und wodurch er , mit Einem Wort , Sokrates ist , könnte gar nicht stattfinden , wenn ihm die Natur eine regelmäßige Gesichtsbildung gegeben hätte , und gerade diese die er hat sey diejenige , welche der in ihm wohnende Genius sich besser als eine andere anpassen konnte . Ich wurde von ihm mit seiner gewohnten Humanität aufgenommen ; doch richtete er anfangs die Rede selten an mich , ließ nur zuweilen einen ziemlich scharfen Blick auf mich fallen , und setzte übrigens das Gespräch fort , worin er , da ich ihm vorgestellt wurde , mit seinen meistens noch jungen Freunden begriffen war . Aber als ich es für Zeit hielt mich wieder wegzubegeben , nahm er mich bei der Hand und sagte : ich höre du gedenkst dich einige Zeit zu Athen aufzuhalten , um zu sehen , zu hören und zu lernen was bei uns Sehens , Hörens und Lernens werth ist . Du wirst dessen von aller Art manches finden ; des Gegentheils vielleicht noch mehr . Um desto weniger getäuscht zu werden , thut ein Fremder bei uns wohl , wenn er sein Urtheil zurückhält und etwas mißtrauisch gegen die ersten Eindrücke ist . Gefällt es dir in meiner Gesellschaft , so steht ' s bei dir , so oft um mich zu seyn als andere deines Alters , die mir ihr Zutrauen geschenkt haben und durch meinen Umgang besser zu werden glauben . Ich weiß wenig , wiewohl ich einen Theil meines Lebens mit Forschen zubrachte . Wo ich nicht weiter kann , behelfe ich mich mit dem , was mir das Wahrscheinlichste dünkt ; denn immer in Zweifeln schweben , ist für einen besonnenen Menschen ein unerträglicher Zustand ; indessen reiche ich mit dem wenigen , worüber ich gewiß bin , ziemlich aus , und halte mich desto fester daran . Meine Freunde haben ein Recht an alles , wodurch ich ihnen nützlich werden kann . Ich lasse mich gerne fragen , frage aber auch gern wieder , und hab ' es aus langer Erfahrung , daß dieß die kürzeste und sicherste Art ist , einander auf die Spur der Wahrheit zu helfen . - Ich bat ihn , mich als einen Jüngling zu betrachten , der das Schöne und Gute liebe , und in beiden das Wahre , und vornehmlich das Band das beide zusammenschlinge , durch ihn kennen zu lernen hoffte . Er schien mit dem was ich ihm sagte nicht unzufrieden , und ich denke , so muß einem Liebhaber , der von seiner Geliebten scheiden muß , zu Muthe seyn , wie mir ' s war , da ich mich von diesem zauberischen alten Mann entfernte . Ich habe mir , so nah als möglich an dem Häuschen des Sokrates , eine kleine Wohnung bei einem ehrsamen Bürger gemiethet , der einer von den fünf bis sechstausend Richtern dieser proceßreichen Republik45 ist , und da er wenig Vermögen hat , und ( nach hiesiger Bürgersitte ) zu vornehm ist ein Handwerk zu treiben , ohne sein tägliches Triobolon46 mit seiner zahlreichen Familie sehr kümmerlich leben müßte . Da vielleicht zwei Drittel der Attischen Bürger sich in dem nämlichen Falle befinden , so erklärt sich daraus , warum du in dieser Republik , worin das Volk der Gesetzgeber ist , unter drei bis vier Bürgern immer unfehlbar einen Richter , nämlich ein Mitglied der zehn großen Gerichtshöfe dieser wundervollen Republik findest , und warum alles darauf angelegt ist , das Proceßfieber , womit die Athener sammt und sonders - den Sokrates und etliche seiner Freunde ausgenommen - behaftet sind , zu nähren und unheilbar zu machen . Das Leben eines Attischen Bürgers ist ein immerwährender Rechtsstreit , und , die Festtage abgerechnet , vergeht kein Tag im ganzen Jahr , daß er nicht entweder als Richter oder als Partei , oder als Anwald oder als Zeuge , mit einem Rechtshandel beschäftigt ist . Wer diesem Uebel abhelfen wollte , würde dem größten Theil der Athener ihr tägliches Brot entziehen . Vermuthlich ist dieß auch die wahre Ursache , warum eine unbeschreibliche Geläufigkeit der Zunge ( sie nennen ' s Stomylie ) und eine gewisse angeborne Wohlredenheit und Begierde sich selbst reden zu hören , ein so allgemeiner Charakterzug dieses über allen Begriff lebhaften Volkes ist . Du wirst dich , wie ich sehe , schon daran gewöhnen müssen , lieber Kleonidas , daß ich nicht lange in meinem Wege fortgehen kann , ohne bald auf diesen bald auf jenen Gegenstand zu stoßen , der mich zu einer kleinern oder größern Abschweifung verleitet . Insofern ich dir nur keine Langeweile mache , wird es dir übrigens gleichviel seyn , was für einen Weg ich dich führe , da meine Briefe bloße Spaziergänge für dich sind . Ich denke meinem Vorsatz , eine Zeitlang auf dem Sokratischen Fuß , d.i. ein wenig armselig zu leben ( wiewohl mich der letzte Brief meines Vaters auf einmal um fünfhundert Minen reicher gemacht hat ) so lange getreu zu bleiben - als ich es aushalten kann . Bis hierher geht es noch gut . In der That für einen Kosmopoliten ist nichts nothwendiger , als auf alle Fälle mit zwei bis drei Obolen des Tages auskommen zu können , wiewohl es zu müssen vielleicht nie mein Fall seyn wird . Ich sehe und höre den Sokrates alle Tage , und habe , außer seinen Freunden oder eigentlichen Anhängern , noch wenig Bekanntschaften gemacht ; doch soll auch dieß mit der Zeit anders werden . Für jetzt ist mein Hauptzweck , den merkwürdigsten aller Menschen so lange zu beobachten und zu studiren , bis ich ihn ganz zu kennen und zu verstehen glaube . Ein einzigesmal habe ich in dieser Zeit mit Sokrates einem großen Gastmahl bei einem Athenischen Kalokagathos47 von der ersten Classe beigewohnt ; wo einem Cyrener die Mischung von Ueppigkeit und Pracht mit übel verhehlter Armuth und Knauserei nicht anders als auffallend seyn mußte . Reich scheinen zu wollen , so wie überhaupt mehr zu scheinen als sie sind , ist eines der charakteristischen Erbübel der Cekropiden48 ; dafür , daß niemand mehr reich sey , haben die Spartaner gesorgt , und es wird eine Reihe von Jahren dazu gehören , bis Athen sich von den Folgen ihres mißlungenen Anschlags auf Sicilien , und des so unglücklich für sie ausgefallenen Peloponnesischen Verheerungskrieges erholt haben wird . Sokrates galt ehmals für einen sehr angenehmen Tischgesellschafter , und viele der vornehmsten Athener würden ein festliches Gastmahl für unvollständig gehalten haben , wenn Sokrates dabei gefehlt hätte . Jetzt pflegt er eine solche Einladung nur selten anzunehmen . Ziemlich oft hingegen geschieht es , daß seine Freunde Abends in seinem Hause speisen , indem jeder sein Gericht hinschickt ; eine in Athen gewöhnliche und meines Erachtens sehr nachahmungswürdige Art , den Abend in auserlesener Gesellschaft ohne Belästigung des Hauswirths zuzubringen ; vorausgesetzt , daß das Höchste was eine Schüssel kosten darf , durch gemeinschaftliche Abrede nach einem sehr frugalen Maßstabe bestimmt sey . Diese kleinen freundschaftlichen Symposien49 sind durch die genialische Art , wie Sokrates Ernst und Scherz bald abzuwechseln bald in einander zu schmelzen weiß , für mich wenigstens , die unterhaltendste und sogar die lehrreichste Zeit , die ich in seiner Gesellschaft zubringe . 7. An Ebendenselben . Ich finde je länger je mehr , wie falsch der Begriff ist , den man sich im Auslande von Sokrates macht , indem man ihn für einen Philosophen oder Sophisten 50 von Profession und das Haupt einer eigenen Schule hält . Er ist , wiewohl er vielerlei Kenntnisse besitzt , kein eigentlicher Gelehrter , und ob er gleich ein sehr weiser und kluger Mann ist , weder das , was man einen Philosophen noch was man einen Staatsmann zu nennen pflegt ; oder , richtiger zu reden , seine Weisheit und Klugheit war es eben , was ihn abhielt sich aus dem einen oder dem andern dieser Qualitäten eine Lebensart zu machen . Er ist ein zu edler und guter Mensch um ein bloßer Bürger von Athen , und gleichwohl zu sehr Bürger von Athen um ein ächter Weltbürger zu seyn . Man erstaunt , bei einem Manne , der ( wenn man ein Paar Feldzüge ausnimmt ) nie aus Athen gekommen ist , einen solchen Umfang von Welt- und Menschenkenntniß , einen so hellen , von Vorurtheilen und Wahnbegriffen so gereinigten Verstand , und einen so feinen Sinn für die rechte Art mit allen Gattungen von Menschen umzugehen , zu finden ; und doch däucht mich ( wenn ich dieß ohne Schein eines thörichten Dünkels gestehen darf ) ich sehe zuweilen eine gewisse Beschränktheit in seiner Vorstellungsart , die mir bloß daher zu kommen scheint , daß er sich unvermerkt angewöhnt hat , Athen , den Mittelpunkt seiner eigenen Thätigkeit , für den Mittelpunkt der Welt , und was außer Athen ist , keiner sonderlichen Aufmerksamkeit werth zu halten . Ob ich mich hierin irre , darüber werde ich vielleicht in der Folge Gelegenheit finden , dich selbst zum Richter zu machen . Um mir beim Erforschen dieses in seiner Art so ganz einzigen Mannes viele Zeit und manchen Fehlschluß zu ersparen , habe ich mir Mühe gegeben , über seine Lebensgeschichte so viele und so zuverlässige Erkundigungen einzuziehen als mir nur immer möglich war . Sein Vater Sophroniskus war ein Steinmetz , und seine Mutter Phänarete die geschickteste und ihres Charakters wegen geschätzteste Hebamme ihrer Zeit in Athen . Er scheint sich auf diese Mutter etwas zu gute zu thun ; denn er liebt ihrer bei Gelegenheit öfters zu erwähnen , und soll einst , da ihm über sein Talent junge Leute zu bilden ein Compliment gemacht wurde , in seiner gewohnten Manier Ernst in Scherz einzukleiden , zur Antwort gegeben haben : es ist ein Erbstück von meiner Mutter ; meine ganze Kunst besteht in einer gewissen Geschicklichkeit die Entbindung schwangerer Seelen zu befördern.51 Die Frucht die ans Tageslicht kommen soll , muß freilich schon lebendig , gesund und wohlgestaltet in der Seele verborgen liegen , und alles was ich bei der Geburt thun kann , ist , ihr leicht und mit guter Art herauszuhelfen . Personen , die seine Eltern gekannt haben , versicherten mich , daß er äußerlich seinem Vater , und dem Gemüth und der Sinnesart nach seiner Mutter sehr ähnlich sey . Sophroniskus that an seinem Sohne - was er konnte ; er gab ihm die gewöhnliche Erziehung aller jungen Athener jener Zeit , die du aus der Scene der beiden Streithähne , Dikäos und Adikos Logos52 , in den berüchtigten Wolken des Aristophanes kennst . Der junge Sokrates lernte bei einem Schulhalter vom gewöhnlichen Schlage den Homer und Hesiod , wo nicht verstehen , wenigstens fertig lesen ; von einem Singmeister auf der Cither klimpern und alte Lieder nach alten Weisen singen ; und übte sich übrigens fleißig im Wettlaufen , Ringen und Fechten auf der Palästra . Der Vater , um seiner Pflicht ( nach einem bekannten Gesetze Solons ) volle Genüge zu thun , lehrte ihn seine eigene Kunst ; die Mutter , welche bei Zeiten merkte , an diesem Sohn etwas mehr als einen künftigen Steinhauer geboren zu haben , wollte wenigstens einen Bildhauer aus ihm werden sehen ; und so wurde er , ich weiß nicht welchem damaligen Meister dieser Kunst , in die Lehre gegeben . Es scheint nicht daß er selbst eine besondre Anlage oder Neigung zu ihr in sich gefühlt habe ; indessen bracht ' er es doch darin auf einen gewissen Grad ; machte bis über sein dreißigstes Jahr seine hauptsächlichste Beschäftigung daraus , und fertigte binnen dieser Zeit unter andern Arbeiten verschiedene Statuen , wovon die meisten in einem Landhause seines Freundes Kriton zu sehen sind , der sich viele Mühe gegeben hat , so viele derselben zusammenzubringen , als für Geld zu haben waren . Ich habe sie gesehen , und da ich auch die Werke des Polyklet und Phidias gesehen habe , so darf ich dir ohne Scheu bekennen , daß Sokrates , dessen wahre Bestimmung war der weiseste und beste unter den Weisen und Guten seiner Zeit zu seyn , schwerlich weder der erste noch der zweite , noch der dritte unter den Bildhauern seiner Zeit geworden wäre . Indessen zeichnet sich doch unter seinen Versuchen in der Kunst eine Gruppe der Grazien aus , an welcher er wirklich mit Liebe und unter dem Einfluß der holdseligen Töchter Jupiters gearbeitet zu haben scheint ; man sieht , daß ihm Pindars semnai Xarites , panton tamiai ergon en oyrano53 wirklich erschienen , und daß er im Bestreben , die Ideale , die seiner Seele vorschwebten , im Marmor festzuhalten , vielleicht noch mehr geleistet hätte , wenn er weniger hätte leisten wollen . Denn das einzige was an diesen Grazien auszusetzen ist , und was jedem der sie sieht auffällt , ist daß sie gar zu ehrwürdig sind . Dem besagten Kriton hat es Griechenland zu danken , daß es sich unter seinen Heroen aller Art auch eines Sokrates rühmen kann ; ohne ihn wäre dieser wahrscheinlich Bildhauer geblieben , und die reinste sittliche Gestalt , in welcher die Humanität je der Welt persönlich im wirklichen Leben sichtbar geworden ist , würde wo nicht unenthüllt , doch auf ewig mit dem Schleier der Unbekanntheit und Vergessenheit bedeckt geblieben seyn . Kriton , noch jetzt der erste , so wie der älteste unter den Freunden des Sokrates , dem er an Alter etliche Jahre vorgeht , ist in den Augen aller , die ihn kennen und Menschenwerth zu schätzen wissen , einer der Edelsten , die dieses an vortrefflichen Männern fruchtbare Land seit Deukalion und Pyrrha hervorgebracht hat . Glücklicher Weise ist er auch einer der wohlhabendsten Athener , und im Gebrauch seines ansehnlichen Vermögens so großmüthig und freigebig als der berühmte Cimon , ja selbst auf eine noch verdienstlichere Weise , da kein Verdacht auf ihn fallen kann , daß ein ehrsüchtiges Streben nach Volksgunst oder irgend eine andere unlautere Absicht den mindesten Einfluß auf seine Freigebigkeit habe . Zufälliger Weise ( wie man , vielleicht sehr uneigentlich , zu sagen pflegt ) kam er in die Werkstatt des alten Sophroniskus , als der Sohn die erwähnte Graziengruppe eben vollendet hatte . Er betrachtete das Werk und den Werkmeister mit gleicher Aufmerksamkeit , ließ sich mit dem angehenden Künstler in ein Gespräch ein , und beschloß von Stunde an , sich um sein Vertrauen zu bewerben , und wenn er es gewonnen hätte , alles anzuwenden um ihn mit guter Manier aus der Stein-und Bildhauer-Werkstatt in eine seinen natürlichen Anlagen angemessenere Art von Thätigkeit zu versetzen . Es befanden sich damals drei Männer in Athen , deren jeder in dem Fache von Gelehrsamkeit , welches er vorzüglich bearbeitete , für den ersten galt : Anaxagoras54 von Klazomene , ein Philosoph aus der Schule des Thales , der Sophist Prodikus von Ceos und Damon , ein geborner Athener , einer der berühmtesten Tonkünstler seiner Zeit . Der erste hatte das Studium der Natur , wiewohl auf einem falschen Wege , der zweite die Kunst zu reden , als eines der mächtigsten Werkzeuge , wodurch man in Republiken auf die Menschen wirken kann , der dritte , die Theorie der Musik , insofern sie eine Art von magischer Gewalt über das Gemüth und die Leidenschaften auszuüben fähig ist , zum Hauptgeschäfte seines Forschens gemacht . Alle drei genossen des Schutzes und der Achtung des großen Perikles , die vornehmsten Athener suchten ihren Umgang , und jedermann schätzte es für ein besondres Glück , wenn er seinem Sohne den Zutritt bei dem ersten , und den Unterricht der beiden andern verschaffen konnte . Sobald Kriton den Vorsatz gefaßt hatte , sich des jungen Sokrates mit Ernst anzunehmen , war seine erste Sorge , ihn mit diesen drei Männern , mit welchen er selbst auf einem freundschaftlichen Fuße lebte , in Bekanntschaft zu setzen ; denn er zweifelte nicht , daß sie stark auf den jungen Mann wirken und gar bald den Gedanken in ihm erwecken würden , die Natur habe ihn zu einer höhern Bestimmung berufen , als in Thon , Holz und Stein zu arbeiten . Verehrern der Kunst , wie du und ich , mag dieß etwas anstößig klingen ; aber die meisten Griechen machten sich damals und noch jetzt einen viel zu geringen Begriff von derselben , und ein Bildhauer war in ihren Augen am Ende doch nichts weiter als ein Handwerksmann , der sein Brod durch mechanische Handarbeit in einer harten Materie sauer und mühselig verdienen müsse . Wahrscheinlich hatte Kriton selbst damals keinen andern Gedanken , als den jungen Sokrates in eine höhere Classe hinaufzurücken , und durch Entwicklung und Ausbildung seiner Fähigkeiten in den Stand zu setzen , dereinst eine bedeutende Rolle in der Republik zu spielen . Auch erreichte er seine Absicht , wiewohl in einem ganz andern Sinne , und in der That auf eine weit vollkommnere Art als er sich vorgestellt haben mochte . Der Sohn des Sophroniskus gewann in kurzer Zeit die Zuneigung des gelehrten Triumvirats ; sie machten sich ein Vergnügen daraus , ihm Anleitung zu geben und von ihren Kenntnissen so viel mitzutheilen als er davon gebrauchen konnte und wollte . Denn , wiewohl er sich mehrere Jahre lang mit allen Arten der speculativen Wissenschaften , die von der Ionischen Philosophenschule damals mit ungemeinem Beifall betrieben , und von den sogenannten Sophisten nach ihrer eigenen Weise popularisirt wurden , mit vielem Fleiß gelegt haben soll , so scheint er doch ziemlich bald einen Beruf in sich gefühlt zu haben , seinen eigenen Weg zu gehen , und sich sowohl in Meinungen als im Leben unabhängig und frei von fremdem Einfluß zu erhalten . Es war ein Leichtes gewesen seine Wißbegierde zu erwecken : die sogenannte physische Philosophie , von welcher Anaxagoras Profession machte , hatte unendlich viel Anziehendes . Denn sie versprach nichts Geringeres , als den undurchdringlichen Vorhang , hinter welchem die Natur ihre Mysterien treibt , wegzuziehen , und über die angelegensten Fragen , die der menschliche Geist an sich selbst zu thun sich nicht erwehren kann , befriedigende Aufschlüsse zu geben . Aber sein guter Verstand ließ ihn bei Zeiten wahrnehmen , nicht nur daß sie nicht hielt was sie versprach , sondern auch , daß sie weit mehr versprach als sie halten konnte . Er suchte Wahrheit , und man fertigte ihn mit Hypothesen ab , die man zwar mit vielem Scharfsinn zu möglich scheinenden Auflösungen der Räthsel , die uns die Natur aufzurathen gibt , anzuwenden wußte , die aber keinen festen Halt hatten , und , wenn sie scharf geprüft wurden , weder den Verstand noch die Einbildungskraft befriedigten . Er suchte nützliche Wahrheit , und man wollte daß er einen großen Werth auf Speculationen legen sollte , von welchen nicht der mindeste Gebrauch im menschlichen Leben zu machen war . Alles was er mit den Nachforschungen , die einen guten Theil seiner schönsten Jahre aufzehrten , gewonnen zu haben glaubte , war - und konnte für einen so reinen Wahrheitssinn , wie der seinige , nichts anderes seyn , als » das Bewußtseyn , daß er vom Ursprung der Welt und ihren elementarischen Bestandtheilen , von Materie und Geist , von Raum und Zeit , von den unsichtbaren Kräften , mit deren sichtbaren Wirkungen die Natur uns überall umgibt , kurz , von den überirdischen und übersinnlichen , himmlischen und überhimmlischen Dingen , gerade so viel wisse als vorher , nämlich nichts oder wenig mehr als nichts . « - Dieß war ein großer Abfall von den glänzenden Erwartungen , die man ihm vorgespiegelt hatte , und was für ein anderes Resultat konnte aus einer solchen Erfahrung hervorgehen , als die innigste Ueberzeugung , daß der größte Theil der Probleme , womit die speculativen Philosophen seiner Zeit sich selbst und ihre Lehrlinge unterhielten , ganz und gar keine Gegenstände des menschlichen Wissens seyen , und daß ein gesunddenkender Mensch in der kurzen Lebenszeit , die ihm von der Natur so kärglich zugemessen wird , mehr als genug zu thun habe , wenn er nur zu einem hinlänglichen Grade von Kenntniß dessen was allen Menschen zu wissen nöthig und was nicht zu wissen ein großes Uebel ist , gelangen wolle . Er schätzte diese Ueberzeugung um so höher , je mehr Zeit und Mühe sie ihm gekostet hatte , und sie war ' s was seinem Geiste diese Richtung auf das Sittlichgute und überhaupt auf das Nützliche in allen Dingen gab , die er von dieser Zeit an nie wieder aus dem Auge verlor . Indessen fuhr er noch immer fort , die Bildhauerkunst nebenher zu treiben , insofern sie ihm zu Gewinnung seines nothdürftigen Unterhalts unentbehrlich war . Denn es währte ziemlich lange , bis der edle Kriton so viel über ihn vermochte , daß er , um sich aller mechanischen Arbeiten entschlagen zu können , diesem mit ganzer Seele an ihm hangenden Freunde gestattete dafür zu sorgen , daß es ihm für sein übriges Leben nie am Nothwendigen fehlen könne . Auch scheint dieß nicht eher geschehen zu seyn , als nachdem Sokrates in der Kenntniß seiner Selbst so weit gekommen war , daß er seinen innern Beruf , ein Menschenbildner in einem ganz andern und unendlich höhern Sinne zu seyn , nicht länger bezweifeln konnte . Eine der wichtigsten Folgen des Verhältnisses , worin er mit Anaxagoras und Kriton stand , war ( meines Erachtens ) der freie Zutritt in das Haus des Perikles , und die Gelegenheit , die er dadurch erhielt , diesen großen Mann und seine Staatsverwaltung näher kennen zu lernen , und in dieser Absicht auch den Umgang mit der berühmten Aspasia , der Juno dieses Attischen Jupiters ( wie sie der alte Kratinus in einer seiner Komödien nennt ) , sich zu Nutze zu machen . Aus dieser Zeit schreibt sich auch seine Bekanntschaft mit dem berüchtigten Neffen des Perikles , Alcibiades , her , von welchem er schon damals sehr richtig urtheilte , daß er entweder zum Heil oder zum Verderben Griechenlands geboren sey , je nachdem sein guter oder böser Dämon die Oberhand über ihn gewinnen würde ; und diese Ueberzeugung allein war es , was ihn bewog , sich unter die erklärten Liebhaber , von welchen dieser so viel Gutes und Böses versprechende Jüngling beständig umgeben war , zu mischen , und alles Mögliche anzuwenden , um das Vertrauen desselben zu gewinnen , die Liebe des Schönen und Guten in ihm zu entzünden , und ihm für seine Schmeichler und Verführer Gleichgültigkeit und Verachtung einzuflößen . Ohne Zweifel trugen alle diese Verhältnisse vieles dazu bei ihn auf den wahren Standpunkt in seinem künftigen Wirkungskreise zu stellen , und über den Plan seines Lebens in sich selbst gewiß zu machen . Vermuthlich faßte er schon damals den festen Entschluß , dem er bisher immer treu geblieben ist , der strengsten Erfüllung aller seiner Bürgerpflichten unbeschadet , sich jeder Einmischung in die Staatsverwaltung zu enthalten , so selten als möglich in den Volksversammlungen zu erscheinen , und nie als öffentlicher Redner aufzutreten . Weder seine Familie , noch seine Glücksumstände , noch seine Neigung bestimmten ihn eine politische Rolle in Athen zu spielen ; so viele andere hatten dazu einen nähern Beruf , und waren , wofern sie nur wollten , weit besser im Stande , sich auf diesem Wege um den Staat verdient zu machen . Ihm hingegen zeigte sich ein neuer , von keinem andern noch betretener Weg , wie er seinen Mitbürgern und Zeitgenossen auf eine ihm eigene Weise ungleich nützlicher als auf jede andere werden konnte . Die Republik hatte ein sehr dringendes Bedürfniß , an welches keiner von ihren Vorstehern und Rathgebern dachte , und diesem nach Vermögen zu Hülfe zu kommen , fühlte er sich von seinem Genius berufen . In einer Zeit , wo niemand zu bemerken schien , daß die täglich zunehmende Ausartung der alten Sitten den Staat eben so unvermerkt dem Verderben immer näher bringe ; in einer Zeit , wo der allzurasche Uebergang von der ehmaligen goldnen Mittelmäßigkeit zu der hohen Stufe von Macht und Reichthum , worauf Perikles die Republik erhoben hatte , den eiteln Athenern so glänzende Aussichten eröffnete , daß sie , aller Mäßigung vergessend , nichts als Alleinherrschaft und unbegränzte Vermehrung ihrer Besitzthümer und Einkünfte träumten ; zu einer Zeit , wo ein Mann von so ruhigem Blick und gesundem Urtheil , wie er , leicht voraussehen konnte , daß sich ein furchtbares Ungewitter gegen Athen zusammenziehe und daß bald genug Umstände eintreten würden , in welchen der allgemeine Mangel an sittlicher und politischer Tugend durch die unseligsten Folgen tief gefühlt werden müßte : in einer solchen Zeit , sich selbst in Gesinnungen und Grundsätzen , Worten und Werken zum Vorbilde aller häuslichen und bürgerlichen Tugenden darzustellen , und Jünglinge von edler Art durch den Reiz seines Umgangs an sich zu ziehen , um sie zu gleichen Grundsätzen und Gesinnungen zu bilden ; dieß war unläugbar der größte Dienst , den ein Mann dem Vaterlande leisten konnte ; und der einzige Mann der es wollte und konnte - war Sokrates . Du siehest nun , lieber Kleonidas , in welchem Sinne Sokrates ein öffentlicher Lehrer genennt werden kann , wiewohl er nie eine Schule gehalten noch gestiftet , nichts geschrieben , und mit allen seinen Bemühungen , die Leute die mit ihm umgehen weiser und besser zu machen , keinen Obolus gewonnen hat . Auch ist zwischen ihm und den Sophisten , die den Unterricht in den Wissenschaften , besonders in der Moral , Politik und Demagogik55 als eine Profession treiben , nicht die geringste Aehnlichkeit . Er gibt sich so wenig für einen Gelehrten aus , daß er sich vielmehr im Scherz , zuweilen auch wohl in vollem Ernst , auf seine Unwissenheit viel zu Gute thut . Der ganze Unterschied , hörte ich ihn einmal sagen , zwischen mir , der nichts weiß , und diesen bewunderten Herren , die alles wissen und sich