, sie handelte mit Überlegung , wenn auch unter dem leitenden Trieb einer heftigen Nervenaufregung . So stand sie einen Augenblick zwischen dem Tisch und der Staffelei , den Blick auf das Bild gerichtet , das morgen in die Welt hinausgehen sollte . » Über das Gesicht hin , bis in die schamlose Brust hinein – dann wird er erst wissen , was Haß ist , was Haß vermag ! « – Sie murmelte diese Worte nur vor sich hin , und doch wurden sie gehört . Donna Mercedes war lautlos die Treppe hinabgeschlüpft und stand hinter ihr ; und in dem Augenblick , als sie den langen , hageren Leib schlangenhaft hinüberwarf , um mit raschen Dolchschnitten die rührende Mädchengestalt neben der Matrone zu zerfetzen , wurde sie erfaßt und zurückgerissen . Aber Donna Mercedes hatte diese Gegnerin unterschätzt . In diesem meist müde , in krankhafter Schwäche vorgebeugten Körper wohnte eine stets verleugnete , fast männliche Kraft . Im ersten entsetzensvollen Schrecken brach sie allerdings in sich zusammen ; wilden Blickes warf sie den Kopf herum nach dem unbekannten Wesen , das sie mit weichen , aber kräftigen Armen umschnürte , und stieß ein lautes Hohngelächter aus , als sie das zarte mädchenhafte Gesicht der jungen Dame erkannte . » Ah , die Pflanzerprinzessin ! – Was haben Sie hier zu suchen in der Wohnung eines verheirateten Mannes , keusche Donna ? « – Mit einem jähen , elastischen Aufspringen versuchte sie zunächst ihre Feindin abzuschütteln – das gelang nur zum Teil , aber ihr rechter Arm rang sich frei ; und nun strebte sie abermals wie eine Rasende nach dem Bilde hin und stieß wiederholt nach der Leinwand . Donna Mercedes mühte sich ab , ihr das Messer zu entreißen – es war unmöglich . Sie verletzte sich selbst die Hand ; unter scharfem Schmerz fühlte sie , wie ihr die Schneide tief in das Fleisch ging und gleich darauf das Blut heiß über den hochgehobenen Arm nach dem Ellbogen hinunterströmte . Und dabei lief das Zittern der Erschöpfung durch ihre Glieder . Verzweiflungsvoll rief sie laut und wiederholt nach Hilfe . Ihre volle , klingende Stimme hallte mächtig von den Steinwänden wider , und sie wurde gehört . » Lassen Sie mich ! « keuchte die Baronin in einem Gemisch von Wut und namenlosem Schieden , als draußen zuerst an der Tür des Glashauses und dann am anderen Eingang in das Atelier heftig gepocht und gerüttelt wurde . Allein Donna Mercedes bot ihre letzten Kräfte auf , um die Elende festzuhalten , die im Davonstürzen noch mit einer einzigen Bewegung ihre Absicht ausführen konnte . Und so wiederholte sie unter fortgesetztem Ringen den Ruf : » Hierher ! « bis droben der Gobelinvorhang weggeschleudert wurde und Menschen auf die Galerie herausstürzten . Der Stallbursche war der erste , der die Treppe herablief , ihm folgte die Majorin auf dem Fuße . » Nehmen Sie ihr den Dolch – das Bild ist gefährdet ! « rief Donna Mercedes dem Burschen zu . In diesem Augenblick flog die Waffe klirrend auf die Steine – die Baronin hatte sie selbst von sich geschleudert . Halb schwankend vor Erschöpfung ließ Donna Mercedes ihre Gefangene nunmehr frei . Aber alle Angst und Anstrengung hatten ihr die Geistesgegenwart nicht zu rauben vermocht – der Untergebene durfte nicht ahnen , daß Bosheit all das Unheil im Atelier und Glashaus angerichtet hatte , über das er entsetzt die Sünde über dem Kopfe zusammenschlug . » Die Frau Baronin ist fieberkrank , « sagte sie in gebietendem Tone zu ihm . » Laufen Sie rasch in das Haus zu Fräulein von Riedt – « » Baron Schilling ist eben heimgekommen , « antwortete die Majorin an seiner Stelle , während ihr Blick erschreckt , aber mit sofortigem Verständnis die ganze Sachlage umfaßte . Sie kam raschen Schrittes , kopfschüttelnd , über den überschwemmten Fußboden her und wich mit mißtrauischer Miene seitwärts , als die Baronin schweigend , mit hochaufgenommenen Kleidern an ihr vorüberschoß , um über die Wendeltreppe zu entfliehen . – » Er hat gesehen , wie wir nahe an ihm vorüber in das Haus gelaufen sind , und wird wohl gleich selber da sein , « setzte sie mit gehobener Stimme hinzu . » Mir scheint , er paßt besser hierher als irgend eine Dame . « In diesem Augenblicke sank die Baronin mit jenem schrillen Aufschreien , das Donna Mercedes im Säulenhaus schon so oft gehört , auf einer der untersten Treppenstufen zusammen und blieb regungslos liegen . » Larifari – das ist Komödie ! « sagte die Majorin hart und trat , ohne sich nur weiter umzusehen , zu Donna Mercedes , die eben das Taschentuch in das Wasser zu ihren Füßen tauchte , um es auf die Schnittwunden im Daumen und Zeigefinger zu pressen . Die junge Dame schrak zusammen – unter stürmischem Herzklopfen hörte sie , wie Baron Schilling auf die Galerie heraustrat . » Was geht hier vor ? « rief er in der ersten schreckensvollen Überraschung hinab . » Irgend ein Schuft , eine infame Kanaille hat die Abzugsrohren an den Springbrunnen verstopft , gnädiger Herr ! « antwortete der Stallbursche vom Glashause herüber , wo er um das Becken watete und eben einen großen Pfropfen zum Vorschein brachte . Er hatte bereits die Springbrunnen abgeschraubt , nur ein einziger rauschte noch , und über den Rand des Beckens schoß das Wasser immer noch klatschend auf den Boden . Baron Schilling eilte die Stufen herab – da stieß sein Fuß an die hingesunkene Frau . Er bückte sich , befühlte ihr Kopf und Hände , und wie jemand , der seine Vermutung bestätigt findet , ging er schweigend von ihr weg und schritt unverweilt auf Donna Mercedes und die Majorin zu . Mochte das falbe Licht des Mondes sein Gesicht entstellen , oder machte ihm eine furchtbare innere Bewegung das Blut stocken – er war entfärbt wie ein Toter . Er schien nicht zu bemerken , daß die Werke seiner künstlerischen Hand , seine Skizzen und Entwürfe und viele Lieblingsstücke seiner Sammlungen , wild durcheinander geworfen , vom Wasser bespült und überschwemmt , inmitten des Ateliers lagen ; er sah auch die Majorin nicht – seine Augen hingen nur mit einer Art fragenden Entsetzens an der weißen Gestalt , die von der Staffelei weggetreten war und sich bemühte , die blutbetropften Stellen ihres Kleides in den Falten zu verbergen und eine möglichst ruhige , unbefangene Haltung anzunehmen . » Mir scheint , das Unheil vom Klostergute rückt nun auch auf den Schillingschen Grund und Boden vor , « rief ihm die Majorin bitter entgegen . – » Ich wollte gerade , wie jeden Abend , zu meinen Enkeln gehen , um sie in ihren Bettchen liegen zu sehen , da hörte ich um Hilfe rufen , und der Bursche dort « – sie zeigte nach dem Stalldiener im Glashause – » kam auch über den Weg her und lief mit ... Es sieht schrecklich aus , wenn zwei Frauen miteinander ringen , als ginge es ums Leben – und hier hab ich ' s gesehen , hier auf der Stelle ! « – Sie warf einen finsteren Blick nach den Treppenstufen , wo ein schnell wieder verstummendes Rascheln Leben und Bewegung verriet . » Ich weiß nicht , was Ihrer Frau fehlt , Herr Baron , « fügte sie mit scharfer Stimme hinzu . » Die liebe junge Frau da sagt , sie sei fieberkrank , und so etwas muß es wohl sein ; denn ein Mensch mit klarem Kopfe , und wenn er nicht gerade durch und durch ein Bösewicht ist , stößt und sticht doch nicht mit dem Messer – da liegt es noch ! « – schaltete sie ein und stieß mit dem Fuß an den auf den Boden geschleuderten Dolch – » nach solch einem Bilde , das ihm auf der Gotteswelt nichts getan hat . « » Es ist ihm nichts geschehen , es ist unversehrt geblieben – Gott sei Dank ! « rief Donna Mercedes völlig selbstvergessen , in so erschütternd zärtlichen Tönen , als sei ihr das Liebste auf Erden gerettet . War es nicht , wie wenn ein blendendes Licht in jähem Strahle niederfahre und in den blauen , tiefen Augen des Mannes fortflamme , der dastand , als traue er seinen Sinnen nicht bei diesen nie gehörten , herzbewegenden Lauten ? ... Er faßte wortlos nach der Hand , die sein Werk , ein Stück seiner Seele , seines innersten Lebens verteidigt hatte unter Schmerzen , mit der rückhaltlosen Hingebung , wie es nur ein Weib vermag , das – liebt . Sie zog hastig und erschrocken die Hand an sich . » Es ist nichts – ein kleiner Hautritz ? Und glauben Sie ja doch nicht , daß es ums Leben gegangen sei – « Sie lachte kurz , fast rauh auf , und ihre völlig verwandelte Stimme hatte eine Herbheit , als wolle sie den einen verräterischen Augenblick bitter an sich selber rächen . – » Mein Gott , es versteht sich ja ganz von selbst , daß man Fieberkranke nicht gewähren läßt ! – Halten wir uns nicht auf ! Sehen Sie denn nicht , daß Ihre Arbeiten im Wasser schwimmen und zugrunde gehen , und daß vor allem die Frau dort nach dem Säulenhause gebracht werden muß ? « Die Majorin hatte schon ihren durchnäßten Kleidersaum aufgenommen und war an die Treppe getreten . Sie rief die Baronin an , allein keine Antwort erfolgte . » Geben Sie sich keine Mühe ! « rief Baron Schilling bitter hinüber . » In solchen Fällen kann nur die Pflegerin , Fräulein von Riedt , helfen – ich werde sie holen . « Er schloß die in den Garten führende Tür auf und entfernte sich rasch . » Und jetzt gehen Sie auch , « sagte die Majorin zu Donna Mercedes . » Es macht mir angst , Sie in den nassen Kleidern und Schuhen zu wissen ; und der Doktor muß auch her , um nach der Hand zu sehen ... Sie können ganz ruhig sein , ich stehe derweil Schildwache – an dem Bilde soll sich ganz gewiß niemand mehr vergreifen . « Die junge Dame huschte hinaus . Sie blieb noch einen Augenblick im schützenden Dunkel des Türbogens stehen und horchte mit klopfendem Herzen auf die eiligen Männerschritte , die immer entfernter von der Allee herüberklangen ; dann suchte sie die am Klosterzaun hinlaufenden Wege auf – sie wollte heute nicht mehr gesehen sein . In der Nähe des Säulenhauses sah sie Baron Schilling zurückkommen ; Fräulein von Riedt und ein Herr folgten ihm . Die Stiftsdame hielt sich stolz und hochaufgerichtet wie immer ; sie sah nicht im mindesten erregt aus , war aber gewissenhafterweise mit den verschiedenen Hilfsmitteln ihres Pflegeramts , wärmenden Schals und Medizinfläschchen , ausgerüstet . Kaum eine Stunde nachher fuhr der Wagen der Frau Baronin vor das Säulenhaus , und die Gnädige kam , einen dichten Schleier vor dem Gesicht und auf den Arm ihres Sachwalters gestützt , in Begleitung der Stiftsdame die Treppe herab , um mit dem letzten Zug abzureisen . Der Schillingshof war wie ausgestorben . Fräulein von Riedt hatte streng befohlen , daß sich niemand von der Dienerschaft sehen lasse , und so lauschten nur scheue , bestürzte Gesichter aus dunkeln Winkeln und Verstecken und sahen die graue Schleppe der Herrin draußen in der Säulenhalle verschwinden – sie wußten , daß die Gestrenge ging , um nie wiederzukehren . Das war noch ein harter Kampf im Atelier gewesen . Die streitenden Stimmen hatten weit über den nachtstillen Garten hingeklungen ; die hochliegende der Frau hatte sich in Vorwürfen und Verwünschungen erschöpft , und dazwischen waren die Einwürfe und Bemerkungen der markigen , tönenden Männerstimme wie wuchtige Keulenschläge niedergefallen . Darauf war die Ateliertür zugeschmettert worden , daß die Wände gezittert hatten , und die lange , graue Gestalt war unter den Platanen hingehuscht , wesenlos und schattenhaft wie der böse Geist , den der Sieg des Rechts aus einem lange behaupteten Seelenwinkel vertrieben . Und die Fichten hinter dem Atelier mochten wohl ihre alten Häupter und Bärte geschüttelt haben . Denn so lange sie auf Schillingschem Grund und Boden standen , hatten sie noch kein solch stürmisches Auseinandergehen zwischen Mann und Weib gesehen . Unter den Schillingschen Quer- und Trotzköpfen war manch grimmer Haudegen gewesen , und es hatten auch Frauen da gewaltet , kraftvoll und stark an Leib und Seele , die , ihrer Hausfrauenrechte wohl bewußt , mit strenger Würde ihr Zepter getragen . Aber der Herr war Herr und Gebieter geblieben , mochte die Frau auch Truhen und Schreine voll gediegenen und klingenden Wertes und einen Namen des edelsten Klanges mitgebracht haben ; und wenn einer der Eheherren auch noch so wild gepoltert , die alten Bäume des Schillingshofes wußten bis dahin nichts zu erzählen von so bösen , schneidend giftigen Worten aus Frauenmund , wie sie zu dieser schlimmen Stunde durch die Atelierfenster gedrungen waren . – – Am anderen Tag verkehrte Baron Schilling lange mit dem Sachwalter , der die Gnädige nur bis an den Wagen begleitet hatte und im Schillingshofe geblieben war . Auch Mamsell Birkner , die Kundige , wurde zu der Beratung gezogen und ihr die Aussonderung alles dessen , » was dagewesen war « , übertragen ... Dann , am späten Nachmittage , trat Baron Schilling in die Erdgeschoßwohnung . Es war gut , daß Besorgnis und Sehnsucht die Majorin gerade um diese Stunde hinübergetrieben hatten ; denn Donna Mercedes schrak fassungslos zusammen und blieb unbeweglich im Fensterbogen stehen , als er , dem anmeldenden Schwarzen auf dem Fuße folgend , unter die Tür trat . Er war im Reiseanzug , und draußen hielt der Wagen , der ihn und sein Gepäck zur Bahn bringen sollte . » Ich komme , um Frau von Valmaseda und Lucians Kindern mein Heim nochmals zur unumschränkten Verfügung zu stellen , « sagte er der Majorin , den Stuhl , den sie ihm bot , zurückweisend . » Meine gute Birkner und Hannchen werden alles tun , um die Räume so wohnlich wie möglich herzurichten , wenn der fremde Besitz ausgeräumt sein wird . « – Wie das seltsam von seinen Lippen klang , schneidend betont , und dabei von einem sonnenhellen Aufblick , einem tiefen Ausatmen begleitet ! – » Ich selbst muß fort ! Ich habe das niederbeugende Gefühl , als sei meine Seele verwildert im langjährigen Kampfe mit bösen Eindrücken , und bis nicht alle diese entstellenden Flecken weggespült sind , betrete ich das Haus meiner Väter nicht wieder . « Dann trat er in die Fensternische . Er nahm Donna Mercedes Rechte , die auf dem Schreibtisch lag , sanft zwischen seine schönen kräftigen Hände . – Versunken war aller Groll , alle bittere Verhöhnung in der Tiefe der blauglänzenden Augen , die auch jetzt das Feuer ausstrahlten , das gestern ein einziger Augenblick entzündet . » Verzeihung ! « flüsterte er , über die junge Dame gebeugt . » Der ungelenke Germane ist ein plumper Stümper in der Seelenkunde gewesen – er wird das mit einer jahrelangen , einsamen Wallfahrt durch die Welt büßen . « Und mit den Lippen leise und vorsichtig die verletzten Finger berührend , wandte er sich ab und verließ das Zimmer . 40. Die ehemalige Fürstlich Trebrasche Villa lag der Stadt ziemlich nahe . Eine sehr belebte Landstraße mit nebenher laufendem schönen Promenadeweg durchschnitt den einen weit hingestreckten Zipfel des Parkes – es herrschte da steter Verkehr . Tiefer hinein wurde es stiller und stiller ; man hörte die scheuen Goldfasane durch das Dickicht huschen , Rehe ästen arglos auf den Lichtungen , die Schatten der dichtgescharten , laubschwellenden Waldwipfel wurden so tief , daß eine feuchte Kühle über die Wege wehte – ein wahrer Lebensodem für die riesigen Farne , das wuchernde Immergrün und Efeugewirr , das ohne die emsig wehrende Menschenhand binnen kurzem auch die schmalen Waldpfade übersponnen haben würde . – Man mußte ziemlich lange den Schlangenwindungen dieser Pfade nachgehen , ehe man die Menschennähe wieder spürte . Da und dort schob sich wohl ein kleines Schutzhaus aus Baumrinde zwischen die Eichen- und Buchenäste , und Steinsitze blinkten durch das grüne Dämmern ; aber in dem falben Sonnenschein , der neben dem die Laubwucht auseinander drängenden Dach des Schutzhauses hereinschlüpfen durfte , haschten nur schillernde Eidechsen , und auf den Steinbänken rastete kaum ein täppisch hüpfender junger Vogel , der seinen ersten Flugversuch aus dem heimischen Brutnest gemacht hatte . Dann aber sah man plötzlich durch auseinander fließendes Grün helle Steinprofile und plastisch gehobene Arme in die blauen Lüfte hineinragen ; sie stiegen bergauf und winkten verkleinert und halbverloren aus dunklem Gebüsch von der Höhe herab , wo allmählich einzelne Säulen hervortraten , weiße , blendende Marmorsäulen , eine nach der anderen erstehend , bis sie , ebenmäßig aneinandergereiht , plötzlich wie die funkelnden Saiten einer Riesenharfe , von Sonnengold durchspielt , hoch über dem Waldgründunkel zu schweben schienen – das war der Säulengang des kleinen Schlosses , von dem Mercedes gesagt hatte , daß es dem niedergebrannten Vaterhaus in der südlichen Heimat gleiche . Drüben , jenseits des Meeres , lag die Marmorpracht in rauchgeschwärzten Trümmern unter hochaufschießendem Gestrüpp und einem Netz von Lianen , die sich von den nahen Waldbäumen herübergeschaukelt und mit gierigen Armen nach dem gestürzten Menschenwerk gegriffen hatten . Hier war es auch , als kröchen Millionen grüngefiederter Netzfäden empor , um das weißschimmernde Haus zu umstricken , zu bewältigen ; allein nicht ein biegsamer Ausläufer dieser Rank- und Kletterrosenmassen durfte weiter vorrücken , als Menschenwille gebot . Sie schlangen sich um das Terrassengemäuer , um sein Bronzegeländer , das goldschimmernde Drahtgeflecht hier und da freilassend – es sah aus , als stürze da eine schneeweiße , dort eine rosenfarbene Kaskade von Stufe zu Stufe . Um die Mauerecken , die Säulensockel , die Postamente der Steinbilder schlüpfte das grüne , von tausend und aber tausend buntfarbiger Blüten durchstickte Gespinst , und so stand das kleine Schloß droben wie eine Schöne , die den buntgeflammten Mantel halb von den blendenden Gliedern fallen läßt . Früher war die Villa auch oft das Ziel der aus dem Walddunkel herüberlauschenden Spaziergänger gewesen , einzig und allein um ihrer feenhaften Schönheit willen ; denn der kränkliche alte Fürst , der selten einmal über die Terrassen schlich , oder ein paar goldbetreßte Lakaien , die unter dem Portal lungerten , vermochten wohl nicht , einen Menschenfuß auch nur um einen Schritt weiter zu locken ... Seitdem aber die » Amerikanerin « Herrin des Schlößchens war , wanderte mancher stundenlang auf den Parkwegen wartend auf und ab , um schließlich doch noch den Anblick der schönen Frau zu erhaschen , wenn sie langsam wandelnd zwischen den Lorbeer- und Rosenbäumen hinglitt oder die Terrassen herabkam , um sich auf ihr Pferd zu schwingen und wie ein Pfeil in den Park hineinzufliegen . Es waren nahezu drei Jahre verflossen , seit Donna Mercedes die Besitzung gekauft hatte , und noch war der Reiz ihrer fremdartigen Erscheinung , der Ruf ihres fabelhaften Reichtums , wie ein Wunder in aller Munde , doppelt nachhaltig , weil sie wie eine geheimnisvolle Einsiedlerin streng zurückgezogen , aber sichtlich beglückt , nur mit den zwei schönen Bruderskindern und der Majorin Lucian zusammenlebte . Die Majorin hatte ihr Wort wahr gemacht , nach dem ihres Bleibens in dem alten Klosterhause nicht länger sein werde , als die Pflicht erheische . Sie war die alleinige Erbin des gesamten Wolframschen Besitztums verblieben , da sich kein Testament ihres Bruders vorgefunden ... Einige Monate nach den traurigen Ereignissen hatte sie das Klostergut verkauft . Die Lippen fest zusammengepreßt , weder rechts noch links , am wenigsten aber rückwärts blickend , war sie am letzten Tag durch den Vorderhof gegangen und hatte die Mauerpfortentür hinter sich zufallen lassen , um den Wagen zu besteigen , in dem Donna Mercedes und die Kinder ihrer harrten , um sie für immer nach der » Villa Valmaseda « abzuholen . Zum letztenmal hatte das Rollen und Rasseln der kleinen Pforte ihr nachgeklungen , das jeden wichtigen Schritt , fast jedes Ereignis ihres Lebens begleitet , ihren Gang zur Konfirmation , zur Trauung , ihre Rückkehr aus der Welt – die Flucht des verstoßenen Sohnes , den letzten Weg des » verunglückten « Bruders . Unsäglich Schweres war ihr in dem dunklen Klosterhause auf die Schultern gelegt worden , auch die harte Züchtigung ihrer Irrtümer und Vergehen hatte sie erleiden müssen – und doch hatten Tränen in ihren Augen gezittert , denn sie hatte gewußt , daß nun auch seine Zeit gekommen war , daß der neue Besitzer beabsichtige , das zusammensinkende Mönchswerk bis auf den Grundstein niederzureißen . Sie selbst hatte es für unmöglich gehalten , daß sie noch einmal unter völlig veränderten Verhältnissen aufleben könne ; aber schon nach wenigen Monaten hatte Mercedes mit stiller Freude beobachtet , wie ihr Blick heller , der gramvolle , tiefgehende Ton ihrer Stimme weicher geworden war , wie die Augen aufstrahlten , wenn die schönen Enkel im fröhlichen Spiel mit Pirat um sie herumtollten und die Großmama , als höchste Instanz in allen Dingen , ihre Arme als schützenden Hafen bei vermeintlicher Gefahr oder Unbill ansahen . Auch nach dem , was ihr früher über verborgene Seelenschmerzen hinweggeholfen , nach der Arbeit , hatte sie gegriffen , und trotz aller Einsprüche , aller Bitten Donna Mercedes ' , nun nach einem so harten , arbeitsvollen Leben zu ruhen , das Regiment über die Wirtschaft und das Dienstpersonal im Hause der jungen Dame in die Hand genommen . Alles beugte sich willig und ehrerbietig unter das Zepter der rüstigen Matrone , das streng , aber zum Gedeihen , zur Wohlfahrt aller gehandhabt wurde ... Und was sie einst in Selbstüberhebung und Eigendünkel finster zurückgewiesen , die Liebe anderer , das genoß sie jetzt in vollem Maße , und ihr so lange unterdrücktes Herz erquickte sich daran . Donna Mercedes brachte ihr die Zärtlichkeit einer Tochter entgegen , und einer draußen in der Welt , der einst als Kind unter ihren Augen drüben auf dem Rasen des Schillingshofes mit ihrem Knaben gespielt , der ihm ein treuer Freund bis in den Tod hinein gewesen , er war ihrem Herzen nahe getreten , als sei er ein Bruder dessen , der jenseits des Meeres unter der Erde schlief . Baron Schilling hatte sich nahezu zwei Jahre in Skandinavien aufgehalten . Es hatte den Anschein gehabt , als wolle er nicht einen Atemzug deutscher Luft schöpfen , solange noch lösend an der Kette gefeilt wurde , die zwei Menschen in unglückseliger Ehe aneinander gefesselt hatte ... Was die Baronin an Grimm und glühendem Rachedurst in ihrem Herzen aufgespeichert hatte , es war bei diesen widerwärtigen Auseinandersetzungen zum Austrag gekommen . Vor allem hatte sie ihm mit Aufgebot aller Mittel doch noch den Schillingshof zu entreißen gesucht und war dabei von mancher Seite her kräftig unterstützt worden , weil man den durch die Schillings » usurpierten « , ehemals klösterlichen Besitz wieder in die Hand der Kirche zurückzuleiten wünschte . Aber das war nicht geglückt . Die verbrieften Zahlungen , die Baron Schilling seit Jahren zur Tilgung der Steinbrückschen Hypothek auf seinem Vaterhause geleistet hatte , ließen sich nicht aus der Welt leugnen und waren ein fester Wall , an dem die geistlichen Bestrebungen zersplitterten . Und nach langem , erbittertem Kampfe war endlich auch die Stunde gekommen , in der er sich sagen durfte , daß er frei sei . » Die Seele , die einst durch Habsucht und Überredungskunst irregeleitet und dem heiligsten Beruf entrissen worden , sei reuig heimgeflüchtet aus dem sündhaften Treiben der Welt , « hatte es in der letzten Zuschrift gelautet ... Mit der Baronin zugleich hatte Fräulein von Riedt den Schleier genommen , nachdem sie die große , sich selbst gestellte Aufgabe gelöst , infolge deren sie das entflohene – und geraubte » Lamm « mit all seinen weltlichen Gütern in die eigentliche Heimat zurückzuführen hatte ... Ihr , der Strengen , Unerbittlichen , der fanatisch Gläubigen winkte die Äbtissinnenglorie in nicht gar weiter Ferne , wie einmütig angenommen wurde . Baron Schilling war schon in den ersten Tagen nach seiner Abreise mit der Majorin in Briefwechsel getreten – er wolle einen heimleitenden Faden draußen in den großen Irrgängen des Welttreibens festhalten , hatte er geschrieben . Anfänglich war die alte Frau auch eine wackere , pünktliche Berichterstatterin gewesen ; aber allmählich hatten unaufschiebbare häusliche Geschäfte , auch hier und da ein Unwohlsein der Kinder , oft mehrtägige Stockungen veranlaßt , und da hatte sich dann Donna Mercedes gezwungen gesehen , die stets sehnsüchtig erwarteten Nachrichten zu geben ... Es war wirklich seltsam , daß die Majorin nie die Wandlung zu bemerken schien , die sich nach und nach vollzogen hatte . Zuerst wurde ihr pünktlich jeder Brief aus Schweden oder Norwegen zum Durchlesen vorgelegt ; später nahm Donna Mercedes die Gewohnheit an , halbe Seiten des Geschriebenen wegbiegend , die » Großmama « nur die auf die allgemeinen Familienverhältnisse bezüglichen Stellen lesen zu lassen , und schließlich bekam die alte Frau gar keinen der Briefe mehr zu Gesicht , und Donna Mercedes erzählte nur noch unter stetem Farbenwechsel , stockend und mit fast scheuer Stimme , was – die Großmama wissen sollte . Inzwischen hatte Baron Schilling als Künstler neue Lorbeeren geerntet . Das durch die weibliche Rachsucht bedrohte Bild hatte großes Aufsehen gemacht und war , wie verlautete , von einem Neuyorker Nabob um einen unerhört hohen Preis angekauft worden ... Er sei im Einheimsen neuer Motive bienenfleißig gewesen , hatte er einmal geschrieben und seine baldige Rückkehr in Aussicht gestellt . Allein gerade um diese Zeit war der Deutsch-Französische Krieg ausgebrochen . Mehrere Wochen waren die Nachrichten aus Skandinavien ausgeblieben , bis ein Brief aus Frankreich meldete , daß » der germanische Zorn « den Heimreisenden auf den feindlichen Boden getrieben habe , und er sich nicht gestatten dürfe , Glück in der Heimat zu genießen , während deutsche Krieger draußen kämpften . Seit dieser Nachricht war es gewesen , als stehe eine schwarze Wolke über der Villa Valmaseda und schaue düster und dräuend in die Fenster . Man sah Donna Mercedes nur noch lächeln , wenn ein halb zerknitterter Feldpostbrief oder eine mit Bleistiftzügen bedeckte Karte einliefen . Wenn aber der Telegraph die Nachricht von einer stattgehabten Schlacht brachte , dann warf sie sich auf ihr Pferd und jagte wild hinein in die Einsamkeit , in Sturm und Wetter , oft mit triefenden Kleidern auf dem abgehetzten treuen Tier heimkehrend ... Dann litt sie sichtlich Qualen der angstvollen Ungewißheit ; aber ihre Lippen blieben geschlossen – niemand konnte sich rühmen , durch irgend ein verräterisch entschlüpftes Wort die Vorgänge in dieser stolzen Frauenseele belauscht zu haben . Aber nun war auch diese bittere Zeit überwunden . Der ruhmvolle deutsche Nationalkrieg war beendet . Es wurde frühlingshell in den angstbefreiten Herzen – die Friedensbotschaft und der junge Lenz zogen , innig umschlungen , jubelnd über die deutsche Erde hin und weckten aufjauchzende Echos allerorten . Auch über der Villa Valmaseda blaute der Himmel längst wieder . Sie hatte just ihre schönste Zeit . Im Parke sangen die Drosseln , flötete der Pirol ; unter dem Laubdom der Waldpartien schwamm noch junggrünes Maienlicht , und schon brachen die Kletterrosen zu Tausenden auf . Von Licht und Farbenglanz überschüttet stand das Haus auf seinen Terrassen ; die Menschen gingen mit hellen Augen umher , und es lag etwas wie Hoffnungsfreudigkeit in der Luft , wenn auch ein Schatten sich eingeschlichen hatte , der zu all dem aufsprießenden Leben in traurigem Gegensatz stand . Vor mehreren Monaten war ein Brief aus Petersburg an Donna Mercedes eingelaufen . Lucile hatte nach fast dreijährigem Schweigen geschrieben , daß sie » merkwürdigerweise « infolge eines Katarrhes ein » ganz dummes , abscheuliches Lungenbluten « gehabt habe . Der Arzt bestehe hartnäckig darauf , daß sie – selbstverständlich nur für einige Wochen – ihren russischen Triumphzug unterbreche und sich in anderer Luft pflege und erhole , und da sei sie gesonnen , diese unfreiwilligen Ferien » diesmal « bei ihren Kindern zuzubringen . Donna Mercedes möge ihr aber Geld schicken , da sie augenblicklich nicht bei Kasse sei und verschiedene Kleinigkeiten berichtigen müsse , wenn sie loskommen wolle . – Und sie war gekommen , » so ermüdet von der langweiligen Reise « , daß man sie aus dem Wagen in ihr Zimmer hatte tragen müssen ... Diesem vollständig zerstörten Wesen gegenüber , das nur noch wenige Schritte zum Grabe hatte , verbiß die Majorin ihren unsäglichen Widerwillen und ihren heftig wieder aufgerüttelten Mutterschmerz , und auch Donna Mercedes bot alle innere Kraft auf , um geduldig , mit sanfter Güte dem letzten Willen ihres Bruders auch nach dieser Seite hin gerecht zu werden . Beide Frauen berührten mit keinem Wort die Vergangenheit ; desto mehr sprach sie , » der vergötterte Liebling der ganzen zivilisierten Welt « , von ihren Triumphen , ihren Genüssen , in der unumstößlichen Überzeugung , daß sie in wenigen Wochen wieder hinausfliegen werde aus der » urlangweiligen Villa , die wie verwunschen in einer vergessenen Weltecke liege , und nicht einmal zwei , drei neue , amüsante Menschengesichter zur Teestunde herbeizulocken vermöge « . Es war ein herrlicher Junimorgen . Man hatte die Kranke auf die völlig zugfreie zweite Terrasse getragen – denn die Füßchen , die seit drei Jahren schmetterlingshaft und Beifallsstürme erweckend über die Bühne gaukelten , waren » merkwürdigerweise « immer noch zu schwach , um die federleichte , kinderkleine Gestalt auch nur zwei Schritte weit zu tragen . Ein Zeltdach schützte sie vor dem blendenden , belästigenden Sonnenlicht . Sie lag fröstelnd auf ihrem Ruhebett , in wärmende Decken gehüllt ; nur der in blaue Atlasfalten und reiche Spitzengarnierungen vergrabene Oberkörper lag frei , und auch jetzt in seiner hilflosen Zusammengesunkenheit noch kokett anmutig auf dem Polster