Überlasse das der Zeit und Ernestinens Gefühl , liebe Mutter . Ich bitte sie nicht mehr darum , bis sie es von selbst tut . Und sie wird es tun , wenn sie mir einmal eine rechte Freude machen will ! “ Johannes stand auf und reichte ihr die Hand . „ Lebe Wohl , Ernestine . Ich habe um neun Uhr Kolleg . Aber sowie ich fertig bin , komme ich wieder . “ Ernestine sah ihn mit schwimmenden Augen an und hauchte kaum hörbar : „ Leb wohl , mein Freund ! “ Johannes zog voll inniger Freude ihre Hand an seine Brust : „ Ich danke Dir . “ Dann wandte er sich zur Mutter : „ Liebe Mutter , ich überlasse Dir Ernestine auf eine Stunde und hoffe von ganzer Seele , daß Ihr Euch verstehen lernt . In jedem Falle sei eingedenk dessen , was Du mir versprachst . “ „ Verlaß Dich darauf , mein Sohn . “ Er ging bis zur Tür , zögerte aber und rief die Mutter noch einmal zu sich . Sie kam und er flüsterte ihr flehend zu : „ Sei gut mit ihr , was Du ihr tust — das tust Du mir . “ Noch einen letzten , sehnsüchtigen Blick heftete er beim Hinausgehen auf Ernestine , dann schloß sich die Tür hinter ihm . Es wurde ihm so schwer , zu gehen . Es war ihm , als müsse er bleiben , als könne ihm Ernestine entfliehen , wenn er nicht behütend seine Arme um sie breite . Er wäre am liebsten umgekehrt , hätte die Pflicht ihn nicht gerufen . „ Wenn ich sie nur wiederfinde ! “ sagte er im einen Augenblick und im andern schalt er sich kindisch um diese Besorgnis . Er hatte sie eben gar zu lieb . Die Stunde , die eine Stunde Kolleg dünkte ihm eine Ewigkeit . Er sehnte sich dem Wiedersehen entgegen , als er noch kaum die Schwelle überschritten , die ihn von ihr trennte . Wie schön war sie heute nach dem erquickenden Schlummer , wie mädchenhaft , ja fast bräutlich ! O , wenn er zurückkam und sie ihn wieder ansah mit dem schwimmenden Blick , dann wollte er sich nicht länger halten , wollte sich ihr zu Füßen werfen und sie bitten , die Seine zu werden . Es mußte ja endlich gesprochen werden das entscheidende Wort , er bedurfte der Klarheit . Zweifel , wie die , in welche ihn der seltsame Widerspruch stürzte , der zwischen Ernestinens kalten , starren Grundsätzen und ihrem warmen , persönlichen Benehmen gegen ihn bestand , waren ihm auf die Dauer unerträglich . Nur eine Stunde noch trennte ihn von dem Ziele , dem alle seine Pulse mit voller frischer Manneskraft entgegenschlugen : „ Wäre sie nur schon vorüber ! “ * * * „ Essen Sie gerne Bohnen ? “ fragte die Staatsrätin Ernestinen . „ Weshalb fragen Sie mich das ? “ „ Weil ich Ihnen heute Mittag welche vorsetzen will . “ „ Ich danke Ihnen , aber ich darf nicht mit Ihnen speisen . “ „ Warum denn nicht ? “ „ Mein Oheim könnte unverhofft von seiner Reise zurückkehren und mir zürnen , wenn er mich nicht zu Hause fände . “ „ Sonderbar — wie kommt es , daß Sie , die stets nach Freiheit streben , sich so streng bevormunden lassen ? Ist das nicht ein Widerspruch ? “ Ernestine stutzte . Die Staatsrätin fuhr fort : „ Sie kämpfen für die Unabhängigkeit der Frauen , schelten den Gehorsam einer Gattin gegen ihren Ernährer Sklaverei und konnten sich von einem Manne , der , wie ich die Verhältnisse kenne , eher von Ihnen abhängig ist , als Sie es von ihm sind , konnten sich so wenig von ihm emanzipieren , daß Sie es nicht wagen , einen Tag auszubleiben ohne seine Erlaubnis ? “ Ernestine war höchst betroffen , „ Sie haben Recht . Aber in diesem Zwange bin ich aufgewachsen . Er wurde mir zur Gewohnheit , deshalb bin ich mir seiner nicht mehr bewußt , und er trat niemals so schroff meinen Wünschen entgegen , daß er mich gereizt hätte , ihn abzuschütteln . “ „ Nun frage ich Sie aber , mein liebes Fräulein , ist diese stumpfe , halb unbewußte Gewöhnung edler , als der freiwillige , liebende Gehorsam , den sich die Frau für den angetrauten Gemahl auferlegt ? “ Ernestine schwieg einen Augenblick , dann sagte sie mit ihrer großherzigen Offenheit : „ Nein , das ist sie nicht . Aber ich habe sie mir nicht selbst auferlegt und darf mich nicht davon befreien , so lange mein Oheim das gesetzliche Recht der Vormundschaft über mich hat . “ „ So weit dehnt sich dies gesetzliche Recht aber denn doch nicht auf Ihre persönliche Freiheit aus , daß er Ihnen verbieten könnte , was gegen kein Gesetz verstößt . “ „ Er sagte mir immer , der Vormund sei der Herr des Mündels . Und erstreckte sich diese tyrannische Verordnung nicht gleichmäßig auf das männliche wie weibliche Geschlecht — ich hätte sie längst in meinen Schriften angefochten . “ „ Das würde nun freilich nicht viel geholfen haben , “ meinte die Staatsrätin kühl . Ernestine zuckte die Achseln : „ Dies ist wohl bei jeder meiner Schriften der Fall . Sie sollen und wollen aber auch nichts sein , als einer der vielen Wassertropfen , die den Stein aushöhlen , der den freien Strom der gesunden Vernunft dämmt . “ „ Wir wollen uns nicht auf ein so abstraktes Gebiet verlieren , “ sagte die Staatsrätin ablenkend . „ Ich will Ihnen lieber zureden , heute noch hier zu bleiben . “ „ Wenn ich nur wüßte , ob ich Ihnen nicht lästig bin ? “ „ Mir gewiß nicht und meinem Sohne bereiten Sie eine Freude , die weit größer sein wird , als der Ärger , den Ihr Wegbleiben vielleicht Ihrem Vormunde verursacht . — Doch — Sie müssen wissen , was Sie dürfen ! “ Ernestine legte ihre Hand in die der Staatsrätin : „ Ich bleibe ! “ „ Nun das ist schön . Johannes hätte es mir nie verziehen , wenn ich Sie nicht zu halten gewußt . “ Sie klingelte . Regine erschien und holte das Kaffeezeug hinaus . „ Du kannst mir die Bohnen bringen , ich will sie schneiden , “ sagte die Staatsrätin . Regine brachte das Verlangte in einer großen Schüssel und einen Napf für die Abfälle . „ Nicht wahr , Sie erlauben es ? “ fragte die Staatsrätin Ernestinen , setzte sich an ihr Fenstertischchen und zog ihr Taschenmesser hervor , um die Arbeit zu beginnen . Ernestine sah ihr erstaunt zu : „ Das machen Sie selbst ? “ „ Warum denn nicht ? Das Mädchen hat heute viel zu tun , und da nehme ich ihr gerne etwas ab . „ Ich würde Ihnen helfen , wenn ich könnte , “ meinte Ernestine . „ O versuchen Sie ’ s nur , wenn es Ihnen Spaß macht . Das ist ja keine Hexerei ! “ Die alte Dame suchte , über diese häusliche Anwandlung Ernestinens erfreut , ein zweites Messer hervor und gab es ihr mit einer Bohne in die Hand : „ Sehen Sie , nun schneiden Sie zuerst die Stiele und die Fasern ab . So ! — Hierzulande zieht man die Fasern nur herunter , das ist aber nicht gut , etwas Zähes bleibt immer , wenn man sie nicht wegschneidet . — So ! — Und jetzt schnitzeln Sie die Bohne der Länge nach — halt , nicht so dick , etwas feiner ! Nein , den Abfall nicht in die Schüssel , hier in den Napf ! Nun sehen Sie , alles in der Welt will gelernt sein . Wenn man es auch voraussichtlich nicht zu machen braucht , man muß es wenigstens können , man weiß ja doch nie , was geschieht ! “ Ein leiser Seufzer entstieg ihrer Brust , sie dachte daran , daß auch sie einst in Verhältnissen gelebt , die sie derlei niederer Verrichtungen überhoben — bevor sie ihr Vermögen in dem Geschäft des Bruders eingebüßt . Ernestine beobachtete mit lächelnder Verwunderung den Eifer , mit dem die Staatsrätin ihre Studien in diesem Fache begünstigte . Ja , sie fragte sich ernstlich , ob denn diese Frau wirklich Geist besitze ? Ein prüfender Blick auf die hohe , denkende Stirn und in die klaren , ausdrucksvollen Augen der Sprechenden überzeugte sie jedoch aufs Neue davon . In diese Reflexionen vertieft , setzte Ernestine zwar die ungewohnte Arbeit fort , aber die Staatsrätin entdeckte plötzlich zu ihrem Schrecken , daß sie in der Zerstreutheit die Abfälle zu den Bohnen und diese zu jenen warf . „ Liebes Fräulein , “ rief sie , „ sehen Sie doch , was Sie machen . O , nun muß ich die ganze Schüssel leeren und die Schnitzel heraus lesen ! “ Ernestine warf das Messer hin und bog sich im Stuhle zurück . „ Ach ich tauge nicht für solche Beschäftigungen . Jedem das Seine ! Verzeihen Sie mir , ich glaube wirklich nicht , daß es für mich der Mühe lohnt , dergleichen zu lernen . Ich werde ja nie in die Lage kommen , es zu bedürfen . “ „ Wie Sie wollen ! “ sagte die Staatsrätin kalt . „ Zürnen Sie mir ? Ist es möglich , daß Sie mir zürnen , weil ich nicht Bohnen schneiden kann ? “ Sie griff nach der emsigen Hand der alten Frau : „ Frau Staatsrätin , haben Sie Nachsicht . Man muß von einem Menschen nicht fordern , wofür er nicht paßt . Verlangen Sie vom Fisch , daß er fliege — vom Vogel , daß er schwimme ? Gewiß nicht ! — Also fordern Sie auch von einem Wesen , welches nur in einer abstrakten Welt heimisch ist , kein Interesse für den Materialismus des Lebens . “ „ < < Sie zanken sich um Bohnen und es handelt sich um Kronen > > , könnte man hier sagen , “ bemerkte die Staatsrätin . „ Und dennoch stehen diese Dinge in unserem Falle gewissermaßen in Zusammenhang . Das Wichtigste läßt sich hier nicht vom Unwichtigsten trennen . Solche kleinen häuslichen Verrichtungen , wie untergeordnet , ja nichtig sie auch scheinen mögen , sie gehören nun einmal zu den Obliegenheiten des weiblichen Berufs , sie sind wie die Maschen in einem Gewebe : eine einzige fallen gelassen und allmählich lockert und löst sich das Ganze auf ! “ Ernestine zuckte die Achseln . „ Sie haben von Ihrem Standpunkte aus Recht , Frau Staatsrätin , aber Ihr Standpunkt ist nicht der meine . Ich suche den weiblichen Beruf in etwas Höherem . Ein edler Geist darf sich nicht zu diesen Sorgen herabdrücken lassen , die — verzeihen Sie den Ausdruck — doch mehr oder minder gemein sind ! “ Die Staatsrätin zog die Brauen zusammen , aber sie ließ Ernestinen reden . Diese fuhr fort : „ Es ist ja ohnehin schlimm genug , daß uns noch so viel vom Tiere anklebt , daß wir essen und trinken müssen , um die Maschine im Gang zu halten , daß wir in dem Entwicklungsprozeß der Arten keine höhere Stufe der Vollendung erreichten.88 Wir sollten einen Stolz darein setzen , uns selbst weiter zu entwickeln , alle tierischen Bedürfnisse so viel wie möglich in uns zu bekämpfen , nicht aber ihre Befriedigung zu einem förmlichen Studium zu machen . Wir sollten uns unserer gebrechlichen bedürftigen Körperlichkeit schämen , statt sie zu einem Götzen zu erheben , dem zu opfern und zu fröhnen , der höchste Inbegriff weiblicher Tugenden ist . “ „ Das klingt Alles sehr schön , “ sagte die Staatsrätin , „ aber es ist doch ein beklagenswerter Irrtum . Der Schöpfer hat uns mit der Fähigkeit zum Genuß auch das Recht zu genießen verliehen und Alles , wofür wir sorgen müssen , ist , daß der Genuß schön und edel sei . Es ist eine falsche Scham , die das zu verleugnen sucht , dessen sie sich doch nicht entäußern kann — es ist gerade bei Ihnen , der Naturphilosophin , ein seltsamer Widerspruch . Vor wem wollen Sie sich schämen ? Vor Ihrem Mitmenschen ? Nicht doch , der teilt Ihre irdische Schwäche . Wo aber ist für Sie , die an keinen Gott glaubt , das überirdische Ideal , der körperlose , keinem Wechsel , keiner Begierde unterworfene Geist , vor dem Sie die Augen niederzuschlagen hätten , weil Sie Mensch sind ? “ „ In mir ist es , in meiner eigenen Phantasie . “ „ Ja , ja , das sind so die Redensarten . Weil Sie keinen Gott haben und ihn doch bedürfen , deshalb wollen Sie sich selbst zu einer Gottheit machen , und es demütigt Sie , daß Sie im Menschenleib umherwandeln müssen ! “ „ O nein , so eitler Hochmut ist mir fern . Es ist , wenn ich so sagen darf , eine Keuschheit der Seele , die durch die plumpen Anforderungen der Materie beleidigt wird . Und ich fürchtete , mich vor mir selbst zu entwürdigen , wenn ich diesen Anforderungen Zugeständnisse machte , die mir Zeit und Kraft für meine geistigen Arbeiten entzögen . “ „ Sie sprechen , als verstände ich unter den Obliegenheiten einer Hausfrau ein Aufgehen in den Raffinements des Materialismus . Ich verstehe darunter noch etwas Anderes als die Sorge für Essen und Trinken . Ordnung und Reinlichkeit zum Beispiel sind Lebensbedingungen und gerade ästhetischen Naturen am unentbehrlichsten , denn sie gehören in das Gebiet des Schönen , und die Hausfrau muß sie überwachen , wenn sie auch noch so viele Dienstboten halten kann . Freilich gibt es Frauen , die sich so viel mit Kehricht und Spülwasser zu schaffen machen , daß man glauben könnte , sie seien aus Liebe zum Schmutze reinlich . Auch das sind Extreme , von denen ich nicht rede . — Die Anleitung der Untergebenen , wenn man deren hat , die Einteilung und Erhaltung des Besitzes , die Beschaffung der Kleidung mit ihren hunderterlei Erfordernissen , endlich die Pflege der Kinder , das alles sind Notwendigkeiten , die keine Frau umgehen kann , nicht die reichste , die sie aber am wenigsten dem Manne aufbürden darf . Ich betrachte es als eine unserer heiligsten Pflichten , ihm die materiellen Sorgen abzunehmen , damit er für die idealen Güter der Menschheit kämpfen könne . Wir helfen so , wenn gleich nur in bescheidenster Weise , doch auch mit an ihren großen Werken , indem wir ihnen die Arbeitskraft frei und frisch erhalten . “ „ Ich bekenne offen , daß ich dieser Bescheidenheit nicht fähig bin . Ich kann mich nicht begnügen mit einem Verdienst , das ich mit jeder Haushälterin teilen müßte . Ich fühle die Kraft in mir , der Sache der Menschheit direkt zu nützen , warum soll ich sie an eine Tätigkeit verschwenden , zu welcher auch die Unfähigkeit ausreicht , um den Mann zu unterstützen ? “ „ Sie unterschätzen diese Tätigkeit , weil Sie sie nicht kennen . Im rechten Sinn erfaßt , mit dem rechten Geiste ausgeübt , kann sie geadelt und von hoher Bedeutung werden . Denn je gebildeter , je geistvoller eine Frau ist , desto mehr wird sie die Wichtigkeit der Aufgabe begreifen , die der Mann zu lösen hat , und mit ihr die Notwendigkeit , sie ihm durch zarte Sorge für sein körperliches und geistiges Wohl zu erleichtern . Und mit diesem Gedanken vor Augen wird die profanste Beschäftigung ideal , die widerwärtigste Arbeit eine Tat der Liebe . So viel Zeit bleibt aber auch der fleißigsten Hausfrau , wenn sie nur den Willen dazu hat , sich weiter zu bilden und ihre Talente zu üben , um des Gatten Mußestunden zu erheitern . Das , mein liebes Fräulein , das ist es , was ich unter einer Frau , wie sie sein soll , verstehe . “ Sie faßte plötzlich Ernestinens Hand und zog sie näher zu sich . „ Und so — warum soll ich es nicht offen sagen , so möchte ich das Weib finden , dem ich eine Mutter werden soll ! “ Ernestine sah sie erstaunt an . „ Wollen — sollen Sie mir denn Mutter sein ? “ Die Staatsrätin stockte einen Augenblick , dann sagte sie : „ Ich möchte es sein . Sie sind eine Waise , und ich beklage Sie ! Wenn Sie ein Weib würden , wie es sein soll , wenn Sie sich unseren sozialen und christlichen Einrichtungen fügten , dann könnte ich Sie wie eine Mutter lieben ! “ Ernestine entzog ihr die Hand . „ Ich danke Ihnen für Ihre gute Absicht . Aber wenn Sie mit Ihr Wohlwollen nur unter solchen Bedingungen gewähren , dann kann ich es schwerlich verdienen . “ Die Staatsrätin schüttelte das Haupt mit wachsendem Unmut . „ Sie haben mich nicht verstanden . “ „ Ich habe Sie verstanden — besser als Sie mich ! “ „ Sie denken wohl , meine hausbackene Weisheit sei für Sie faßlich — die Ihre aber für mich zu hoch ! “ Die Staatsrätin legte das Messer in die Bohnen und schob die Schüssel zurück . „ Und ich sage Ihnen , es kann auch für Sie die Zeit noch kommen , wo Sie an meine schlichten Lehren denken und es vielleicht bereuen werden , mich zurückgestoßen zu haben . “ „ Frau Staatsrätin , ich stoße Sie nicht zurück — ich bin nur zu ehrlich , um ein Gefühl für mich in Anspruch zu nehmen , das mir unter Bedingungen angeboten wird , die ich nicht erfüllen kann . Ich müßte heucheln , um Ihre Zufriedenheit zu erringen — ich bin aber stets wahr gewesen . Es ist Diebstahl , eine Liebe anzunehmen , die auf irrigen Voraussetzungen unseres Wesens beruht . Was hülfe es mir , wenn ich mich jetzt an Ihre Brust geworfen und schweigend Ihre Zärtlichkeit erwidert hätte , während ich doch wußte , daß Sie mich nicht als die liebten , die ich bin , sondern nur als die , für welche ich mich ausgäbe ? Später oder früher hätten Sie den Irrtum erkannt und mich um der Täuschung willen verachtet ! Nein , ich fühle mich so , wie ich bin , der Liebe edler Menschen nicht unwürdig und kann ich sie mir nicht durch Wahrhaftigkeit und Offenheit verdienen , so will ich sie doch nimmer erschleichen ! “ „ Sie sprechen sehr stolz ! Solche Selbstgefälligkeit steht einem jungen Mädchen einer alten Frau gegenüber nie wohl an , am wenigsten der Mutter ihres besten Freundes und Wohltäters . “ „ Frau Staatsrätin , “ rief Ernestine , „ die Wohltaten Ihres Sohnes werde ich ihm ewig danken — aber mit Heuchelei und feiger Unterwürfigkeit würde er selbst sie nicht gelohnt wissen wollen ! “ „ Mein Fräulein , “ sagte die Staatsrätin sich bezwingend , „ Sie ereifern sich unnütz . Ich bin eine einfache , praktische Frau , die Ihre Sprache nicht reden , Ihrem Fluge nicht folgen kann . Ich will Sie auch nicht herabziehen zu uns . Ich wollte Ihnen nur diese Erde in ihrer wahren Gestalt zeigen , damit Sie wissen , was Ihrer wartet , wenn Sie sich doch einmal heimisch darauf niederlassen wollten , und Ihnen ein paar mütterliche Arme entgegenbreiten , damit Sie einst auf dem Boden der Wirklichkeit nicht gar zu hart anprallen . “ „ O , Frau Staatsrätin , wenn die Erde so ist , wie Sie mir dieselbe schildern , dann bleibe ich lieber oben in einer kälteren aber reineren Sphäre ! “ „ Nun , ich dächte , eine Sphäre , die Sie nicht vor den Steinwürfen ergrimmter Bauern schützt , wäre denn doch so neidenswert nicht ! Ich wenigstens würde ihr eine anspruchslose Pflichterfüllung im stillen häuslichen Kreise vorziehen . Doch , der Geschmack ist verschieden . “ Ernestine zuckte bei diesen Worten zusammen . „ Die Wahrheit wird im Himmel geboren und auf Erden gesteinigt ! Wer sie auf die Erde bringen will , muß den Mut eines Märtyrers haben ! Das sind so alte Gemeinplätze , daß man sie nicht mehr aussprechen kann , ohne banal zu erscheinen . Wer die Wahrheit erkennt , muß sie auch bekennen , und die Seligkeit der Erkenntnis wiegt mir alle Leiden auf , die das Bekenntnis mir brachte . “ „ Verzeihen Sie — aber das sind Phrasen , mit denen Sie einen öffentlichen Skandal , wie den gestrigen , nicht beschönigen können . “ „ Frau Staatsrätin ! “ rief Ernestine erglühend . „ Seien Sie ruhig , liebes Kind , ich spreche als Mutter mit Ihnen . Was haben Sie davon , wenn Ihr Benehmen die < < Wahrheiten > > , welche Sie verkünden wollen , von vornherein diskreditiert ? Wer wird an den Verstand und die Lehren einer Frau glauben , die es nicht einmal versteht , die eigene Person vor der Lächerlichkeit zu bewahren ? O , hören Sie mich ruhig an , ich rede im Geiste dessen , der jede Stunde sein Leben für Sie gäbe . Ich möchte Alles vom Herzen heruntersprechen , damit nichts mehr zwischen uns sei ! Die Welt ist nun einmal erbarmungslos gegen jede Herausforderung in dem Wesen des Weibes , weil ihm unsere Begriffe von Sitte ein bescheidenes Verharren in den Schranken der Familie unerläßlich gebieten und man in dem Mute , sich von so uralten und allgemeinen Gesetzen zu emanzipieren , einen Mangel an weiblichem Scham- und Ehrgefühl sieht , den man nicht empfindlich genug strafen zu können glaubt . Die Öffentlichkeit ist ein dornenvoller Boden . Bei jedem , wenn auch noch so behutsamen Schritt , den das Weib über die Grenze seines Berufs hinaus tut , gerät es in Nesseln und Stacheln , die ihm den ungewappneten Fuß verwunden , die der Mann hingegen sorglos niedertritt . Und gelingt es ihr auch , sich auf diesem unholden Gebiet einen Kranz zu winden , so ist es doch immer , wie einer unserer Dichter sehr richtig sagt , — eine Dornenkrone ? ! “ 89 Ernestine blickte starr vor sich nieder . Die Staatsrätin wußte nicht , was in ihr vorging . Plötzlich aber hob sie die stolze Stirn empor . „ Und sei es eine Dornenkrone , ich will sie mir auf das Haupt drücken . Immer noch lieber , als die vergänglichen Rosen eines alltäglichen Glückes oder gar die philiströse Haube der deutschen Hausfrau ! “ Die Staatsrätin blickte gen Himmel , als bete sie um Geduld . Dann erwiderte sie mit sichtlicher Überwindung : „ Ich gebe Ihnen ja zu , daß die Stellung der Frauen im Allgemeinen eine würdigere sein dürfte . Aber wir können sie nicht dadurch verbessern , daß wir uns gegen sie auflehnen , nur dadurch , daß wir sie würdig ertragen , denn letzteres erwirbt uns Achtung , ersteres aber macht uns zum Gespött wie jedes vergebliche Beginnen ! “ „ Frau Staatsrätin , wahrlich , den Spott , der mir begegnet , hoffe ich noch in Furcht umzuwandeln . “ „ Und wenn Ihnen dies auch gelingt , was nützt es Ihnen ? Ist es ein beglückenderes Gefühl für eine Frau , wenn die Menschen scheu vor ihr zurückweichen , als wenn sich eine Schar froher liebender Wesen um sie drängt , auf die sie sich mit ihrem Herzblut ein heiliges Eigentumsrecht erworben hat ? “ „ Ich lebe nicht für mich — ich lebe für die Sache von Millionen Frauen , für die ich zu kämpfen berufen bin . Und wenn ich selbst noch so glücklich werden könnte , ich würde mich verachten , wenn ich über das eigene Wohl das Elend so vieler Tausende vergäße . Ich bekenne Ihnen aber auch offen , ich könnte mich nie zufrieden fühlen in einem Leben , wie Sie es der Frau vorschreiben . Wer einmal auf den Wogen des Gedankenmeeres schwamm , das die Welt umschließt , der stirbt am Heimweh , wenn man ihn in die vier engen Wände einer Häuslichkeit sperrt . “ Die Staatsrätin ließ die Arme in den Schoß sinken , ihre Geduld war zu Ende . „ Es ist Alles vergebens . Die vernünftigste Vorstellung findet keinen Eingang bei Ihnen ! “ „ Die vernünftigste Vorstellung nennen Sie das ? Nun , ich bekenne Ihnen offen , ich hatte bisher eine andere Vorstellung von dem , was vernünftig ist ! “ „ Freilich , freilich , — Sie meinen das , was Kant und Hegel so nennen ! Sie sind eine Anhängerin der sogenannten < < reinen Vernunft > > , die alles verleugnet , was dem Menschen teuer und heilig sein muß und die Welt viel besser gemacht hätte , wenn ihr der liebe Gott nicht früher ins Handwerk gepfuscht ! Mögen Sie immerhin Ihre Lehren der reinen Vernunft in die Welt streuen , sie können nicht viel schaden , denn sie zeigen nur , wie nichtig und unhaltbar die Gründe sind , auf die sich Gottes Gegner stützen . Aber in die eigene Familie nimmt man solch ein Wesen nicht gerne auf . Vertrauen kann solch verneinender Geist nimmermehr erwecken und das schmerzt mich um meines Johannes willen ! “ Ernestine schwieg eine Zeit lang , dann sah sie die Staatsrätin traurig an . „ Ich habe mich ja nicht um Aufnahme in Ihre Familie beworben , Frau Staatsrätin , ich weiß , daß ich überall mit meinen Ansichten ein Ärgernis bin . Wer die Mängel und Schäden der menschlichen Gesellschaft durchforscht und aufdeckt , der ist nirgend ein gern gesehener Gast , man vermeidet in ihm den verkörperten Vorwurf . Die Emanzipierten schelten mich eine Philisterseele , die Philister eine Emanzipierte . Ich gehöre keiner Partei an und lebe in Opposition mit Allen . Es ist ein furchtbares Los , und nur ein reines Bewußtsein hilft es ertragen . “ „ Oder eine große Selbstüberhebung , “ warf die Staatsrätin halblaut hin . Ernestine errötete über und über . Mit mühsam verhaltenem Zorn erwiderte sie : „ Frau Staatsrätin , wenn man sein Leben lang die Bescheidenheit der Gesinnungslosigkeit geübt hat , wie jede Frau in Ihren Verhältnissen es muß , dann ist es leicht , ein Weib , das den Mut seiner Meinung besitzt , der Selbstüberhebung zu beschuldigen ! “ „ O , man ist deshalb noch nicht gesinnungslos , wenn man auch seine Anschauungen nicht als unumstößliche Wahrheiten mit Kriegstrompeten verkündigt ! “ „ Frau Staatsrätin ! “ sagte Ernestine , am ganzen Körper zitternd . „ Wenn ein Tröpfchen von dem mütterlichen Wohlwollen , dessen Sie vorhin erwähnten , in Ihnen wäre , so beurteilten Sie mich weniger hart . Eine Mutter hat Nachsicht für ihr Kind — wie konnten Sie Mutter sein wollen , bevor Sie Nachsicht zu üben vermochten ? “ „ Ich weiß allerdings nicht , wie ich mich so schwer täuschen konnte . Und dennoch tat ich es — tat es redlich . Gott weiß , ich hatte es gut mit Ihnen vor . Wenn Sie wüßten , welche Rolle Sie in der Welt spielen . Sie würden sich demütiger und dankbarer für das Opfer zeigen . Ja , bäumen Sie sich nur auf , man muß auch Wahrheit ertragen können , wenn man mit der eigenen Wahrhaftigkeit prahlt — also das Opfer sagte ich , das eine Mutter bringt , wenn sie Ihnen dem Sohne zu lieb die Türe ihres Hauses und Herzens öffnet . “ Ernestine saß bleich und stumm da , ihre Hände lagen gefaltet im Schoß , sie vermochte sich nicht zu rühren . Die Staatsrätin fuhr in höchster Erregung fort : „ Ich hatte es gebracht — ich hatte mich überwunden und mich über Ihren Atheismus , Ihre Unweiblichkeit , über Ihren Ruf weggesetzt . Ich habe gehofft — für meinen Sohn — gehofft , Sie könnten sich ändern und ich wollte redlich dazu helfen . Aber Sie weisen meine erste Annäherung in einer Art ab , die mich zittern läßt vor dem Gedanken , daß solch verhärtetem Gemüt das weiche Herz meines Johannes anheim gegeben sei , daß er ein Weib an seinem Herd aufnehme , das allen Pflichten der Gattin Hohn spräche , und sein Haus ihn selbst zu Grunde richte . “ Ernestine sprang auf . Sie rang nach Atem , ihre Worte brachen sich abgerissen und mühsam Bahn . „ Frau Staatsrätin , ich kann Ihnen versichern , daß niemals zwischen Ihrem Sohne und mir die Rede von einer Verbindung war , daß ich nie dieses Haus betreten hätte , wenn ich gewußt , wie verfemt ich bin . Ich verspreche Ihnen , daß Sie sich beruhigen können , ich werde Ihnen nicht die Schande antun , mich als das Weib Ihres Sohnes aufnehmen zu müssen . Wenn er je mir seine Hand böte , ich würde sie ausschlagen . Da ich an keinen Gott glaube , kann ich Ihnen keinen Eid leisten , aber ich schwöre Ihnen bei meiner Ehre , die mir mehr ist als mein Leben … “ „ Halten Sie ein ! “ unterbrach sie die Staatsrätin tödlich erschrocken . „ Mein Johannes , was tu ’ ich ? Ernestine , machen Sie es nicht schlimmer , als es ist , treiben Sie es nicht auf die Spitze . Ich wollte ja nicht , daß Sie meinem Sohne , ich wollte nur , daß Sie Ihren Fehlern und Irrtümern entsagen ! Versprechen Sie mir , sich zu ändern , und Sie werden meinem Herzen eine geliebte Tochter sein ! “ „ Ich kann Ihnen das nicht versprechen , — will es nicht . Glauben Sie , ich würde betteln und feilschen um das zweifelhafte Glück , an einem