, der im Spätherbste genannten Jahres unter dem Herzoge von Braunschweig gegen den General Hoche kämpfte . Hoche wurde den 17. November bei Blieskastel geworfen und am 28 , 29. und 30. in der dreitägigen Schlacht bei Kaiserslautern geschlagen . Unter denen , die preußischerseits dieses schönen Sieges wenig froh werden konnten , befand sich auch Otto von Rohr , der gleich am ersten Tage , den 28. , als er mit seinem Grenadierbataillon aus einer Waldecke vorbrach , in Gefangenschaft geraten war . Diensteifer und Herzensgüte trugen die Schuld daran . Schon war ihm der Rückzug durch einen Hohlweg geglückt , als er noch sieben seiner Leute , die das Signal überhört haben mußten , jenseits des Defilees im eifrigsten Scharmützel mit dem nachdrängenden Feinde sah . Er eilte zurück , um sie zu retten , wurde aber dabei von einem Haufen Volontärs gefangengenommen , die mittlerweile den Hohlweg besetzt hatten . Die » Volontärs « von damals waren den » Franktireurs « von heute sehr ähnlich . Otto von Rohr hat seine Schicksale während der nächsten fünf Tage , in ebenso vielen , mir zur Benutzung vorliegenden Briefen aufgezeichnet , Aufzeichnungen , aus denen ich ersehen konnte , wie wenig achtzig Jahre jenseits der Vogesen geändert haben . Alles liest sich wie Erlebnisse von heute oder gestern . Im Guten und Schlechten , in Liebenswürdigkeit und Frivolität , in Artigkeit und Frechheit ist der nationale Charakter derselbe geblieben . » 28. November 1793 . Drei oder vier Volontärs nahmen mich gefangen , zwölf oder mehr aber waren es , die mich zurückführten . Ich mochte zwei Minuten zwischen meinen Begleitern gegangen sein , als diese plötzlich einige Schritt hinter mir zurückblieben und mich allein stehen ließen . Die ganze Bande schwatzte ; zugleich mußte ich wahrnehmen , daß einer von ihnen das Gewehr anlegte und auf etwa zehn Schritt nach mir schoß . Der Schuß versagte . Mein Volontär begann nun zu poltern , schüttete neues Pulver auf die Pfanne , schärfte den Stein und legte wieder an . Mittlerweile war ich von meiner ersten Betäubung zurückgekommen und hatte die klare Vorstellung eines unvermeidlichen Todes . Mich wehren , dazu fehlte mir die Waffe ( meinen Degen hatte man mir abgenommen ) , mich durch Flucht retten , war ganz unmöglich ; ich verteidigte mich also nicht , weil ich nicht konnte , und stand , weil ich mußte . Ich weiß nicht mehr , was ich tat , nur das hab ich noch in Erinnerung , daß die ganze Gesellschaft lachte . Auch der Volontär , der im Anschlage lag , lachte mit . In diesem Moment , der über mich entscheiden mußte , trat ein alter Soldat , Sergeant , wie sich später ergab , aus dem Dickicht , schlug dem Buben das Gewehr nieder und rettete mich dadurch . Die ganze Bande verlief sich nun und ich war mit meinem Retter allein . Er hieß Malwing , war ein geborener Elsässer , hatte den Siebenjährigen und dann den amerikanischen Krieg mitgemacht und vermaledeite seine eigenen Leute , die er Meuchelmörder nannte . Er hieß mich guten Mutes sein , führte mich zum kommandierenden General Hoche und übergab diesem meine Person und meine Habseligkeiten . Die letzteren stellte mir ein Adjutant des Generals sofort wieder zu . Hoche selbst unterhielt sich ein wenig mit mir , war sehr artig und überließ mich dann wiederum der Obhut Malwings . Unter den Gegenständen , die mir zurückgegeben wurden , befand sich auch mein Degen , meine Schreibtafel und Schärpe . Ich bat Malwing , die letztere anzunehmen , was er indessen entschieden ablehnte . Er sagte nur , » ich solle sie verbergen « , ein Rat , dem ich leider nicht folgte . Meine Börse mit etwa elf Dukaten nahm er . Ich besaß außerdem noch eine auf den General Möllendorf geprägte Medaille und eine kleine Schaumünze , ein Geschenk meines seligen Onkels ; ich erzählte ihm , was es mit beiden für eine Bewandtnis habe , worauf er sie mir ließ . Meine Uhr war bei der Bagage . Jetzt nahm mir der Alte Wort und Handschlag ab , daß ich mich als sein Gefangener benehmen wolle , führte mich dann nach einer nahegelegenen Bauernhütte und sorgte für ein Abendbrot , wie es die Umstände gestatteten . Darauf legte er sich neben mich schlafen . Mit uns war eine Rotte von Volontärs , unsaubere , ekelhafte Kerle . Ich hoffte aber sicher , am andern Tage ausgewechselt zu werden , und so stählte mich diese Hoffnung gegen die Widrigkeit alles dessen , was mich umgab . Ich schlief ein . Den 29. November 1793 . Morgens mit dem Tage kam mein alter Malwing . Ich war froh , ihn wieder zu sehen , stand auf und ging mit ihm , wohin er wollte . Er führte mich nach dem etwa eine halbe Stunde entfernten Hauptquartier , wobei wir an Truppenteilen vorüberkamen , die sich schon zu ihrem nahen Tagewerk versammelt hatten . Dieser Gang war eine Art Spießrutenlaufen , doch waren die Bemerkungen , die fielen , mehr beißender Spott und launiger Scherz , als pöbelhafte Worte und grobe Beschimpfungen . Sie frugen mich , ob ich etwas an meine Geliebte zu bestellen hätte , sagten , ich hätte viel Republikanisches , offerierten mir eine Prise Kontenanze u. dgl. m. Endlich langten wir im Hauptquartier an . Hier waren drei Generale , ebenso viele Repräsentanten und einige andere Offiziere in eine Stube einquartiert . Malwing stellte mich den Generälen vor und verließ das Zimmer . Generäle und Packknechte , Fleischer und Repräsentanten saßen ( gewiß ihrer dreizehn an der Zahl ) um einen großen Kumpen Reis mit Hühnern und frühstückten . Man war allgemein äußerst artig gegen mich und forderte mich auf , mit zu frühstücken . Eine kleine Weile hatte ich es mir gut schmecken lassen , als sich jemand neben mich hinstellte , der dem Anscheine nach ebenso hungrig war als ich . Er hatte keinen Löffel , ich bot ihm also meinen an , in der Hoffnung , daß ich ihn zurückerhalten würde . Das war aber irrig . Die Gesellschaft hatte nicht Löffel genug , und gingen diese deshalb auf eine Art Pränumeration aus einer Hand in die andere . An mich kam kein Löffel wieder . Nach dem Frühstück ging alles auf seinen bestimmten Posten zur Schlacht ; vorher indessen gaben mir die Generäle noch die Versicherung , sie wollten an diesem Nachmittag noch dem Herzoge von Braunschweig meine Auswechselung vorschlagen . Sie würden zu diesem Behufe das Nähere mit mir in Kaiserslautern , allwo sie ihr Hauptquartier zu nehmen gedächten , verabreden . Bis dahin möcht ich mir die Zeit nicht lang werden lassen . Diese ganze Unterhaltung und besonders der Punkt » in Kaiserslautern Hauptquartier nehmen zu wollen « war in so festem zuversichtlichem Tone gesprochen worden , daß ich jeden Glauben an das gute Glück der Preußen für diesen Tag aufgab . Ich blieb noch ein Weilchen allein , ward aber dann von einem Gendarmen abgeholt und auf die Wache gebracht . Das Wachthaus lag so , daß ich einen großen Teil des Schlachtfeldes übersehen konnte . Nicht mit den angenehmsten Empfindungen . Ich wußte , daß unsere Armee , besonders durch Krankheiten geschwächt , selbst unter Hinzurechnung der Sachsen kaum gegen 60000 Mann ausmachte ; wenn ich nun hörte , daß die Franzosen nach Vereinigung ihrer Rhein- , Maas- und Moselarmee 150000 Mann stark seien , wenn ich sie , so unmittelbar vor mir , alle Felder und Wiesen weit umher bedecken sah , so stand meine Hoffnung niedrig und ich vergaß bei diesem Anblick alle meine eigene Not . Nachmittag brachte man einige Gefangene ein , erst einen Junker von Schulz vom Dragonerregiment Sachsen-Kurland , dann den Kapitän Wilhelmy von demselben Regiment . Auch einige Mannschaften . Wilhelmy sollte später , wie mein Unglücksgefährte so auch mein Freund werden . Wir hatten bereits eine ganze Weile miteinander gesprochen , ich meinerseits ihm schon diese und jene kleine Aufmerksamkeit erwiesen , und er hielt mich immer noch – durch meinen blauen Surtout mit weißen Aufschlägen dazu veranlaßt – für einen Volontär . Als er nun aber von seinem Irrtum zurückkam und mich als einen preußischen Offizier erkannte , da war er froh , ganz wie ich es war , einen Schicksalsgefährten zu treffen . Herzlich und gefühlvoll waren seine Äußerungen ; fest war der Bund , den die neuen Bekannten schlossen ; mir dünkt es ein Freundschaftsbund für die ganze Zukunft , für Zeit und Ewigkeit . Auch er war durch übereilte Hitze seiner Befehlshaber ins Mißgeschick gekommen ; im übrigen unverwundet wie ich . Er war der erste , der mir sagte , daß das Grenadierbataillon von Kalkstein den vorigen Abend nah an sechzig Mann verloren habe , daß ich zu den Toten gezählt worden und daß außerdem Leutnant von Reitzenstein gefallen und zwei Offiziere blessiert seien . Abends in der Dämmerung erschien abermals Freund Malwing . Er trat ein mit einem : à présent tout est au diable ! Dies hatte zum Teil Bezug auf die mir abgenommenen Habseligkeiten . Er hatte sie zusammen in ein Papier gewickelt , in seine Rocktasche gesteckt , und diese war ihm durch eine preußische Kanonenkugel weggerissen , oder wie er sich ausdrückte » zum Teufel geschickt worden « .Er hatte dabei eine Kontusion davongetragen , weshalb er zurück in ein Lazarett gehen mußte . Ich bot ihm , da mir sein Verlust leid tat , nochmals meine Schärpe an , aber er lehnte nochmals ab und verwies mir meine Unfolgsamkeit , sie nicht nach seinem Rate besser versteckt zu haben . Dann mahnte er mich zu Geduld und Vorsicht , reichte mir seine Flasche und ging fröhlich und guter Dinge ab , mit dem Versprechen , mich wieder zu besuchen . Und so beschloß sich der zweite Tag meiner Gefangenschaft . Durch tausend Bemerkungen belästigt , von Ahnungen und Besorgnissen gequält , dazu von der Hoffnung einer baldigen Änderung meines Geschicks nicht mehr geschmeichelt , setzte ich mich , meinem neuen Freunde Wilhelmy gegenüber , auf einen Schemel und wünschte mir Schlaf . Doch ihn zu finden , daran war nicht zu denken . Die Stube zum Ersticken heiß und mit Menschen derart gefüllt , daß ich schlechterdings meine Füße nicht regen konnte , ohne jemanden zu treten . Meine Lage war äußerst lästig , und endlich durch die Bewegungslosigkeit , zu der sich mein Körper gezwungen sah , dem Erstarren nahe , blieb mir kein anderes Mittel , als auf den Schemel zu steigen . Hier stand ich wie ein Säulenheiliger . Alles schlief und schnarchte , nur Wilhelmy und ich nicht . Genug , es war nicht die schmerzhafteste , aber doch die peinlichste Nacht meines ganzen Lebens . Endlich kam der so lang ' ersehnte Morgen , und alles regte und reckte sich . Ach wie war ich so froh . Den 30. November 1793 . Der Morgen kam und mit ihm die Sterbestunde für so manchen , Freund wie Feind . Viele fanden ihren Tod gestern schon , viele ehegestern , noch mehr fanden ihn heute . Früh mit der ersten Morgendämmerung begann die Schlacht von neuem ; das Feuer der Kanonen war dabei so heftig , wie ich es noch nie gehört hatte . Etwa um elf war die Bataille völlig zum Vorteil der Preußen entschieden . Die Franzosen machten indessen , wie bekannt , einen meisterhaften Rückzug , so daß sie trotz des schlechten Terrains , auf dem sie sich bewegten , keine Kanone verloren . Es kam ihnen dabei freilich zustatten , daß unsere Kavallerie ganz entkräftet war . Von dem Gewimmel der Zurückkommenden sahen wir nur wenig , da auch wir , als die Retirade begann , zurück mußten . Wir bildeten nur ein kleines Häuflein , Wilhelmy , ich , der Junker und etwa acht Gemeine , das war die ganze gefangene Gesellschaft , schließlich noch durch sechs oder sieben Deserteure vermehrt . Letztere höchst widriges Gesindel . Mit genauer Not bekamen wir einige von den erbeuteten Pferden ; dann , bei jedem Offizier ein Gendarm , außerdem noch zwei , drei zur Eskorte der übrigen , so ging unser Zug rückwärts auf der Straße nach Homburg zu . Ein wahrer Golgathas-Weg für uns arme Sünder . Gleich zu Anfang passierten wir einen großen Teil der französischen Armee , die auf einer weiten Ebene hielt . Hier fanden wir Truppen aller Art , auch das Proviantfuhrwesen . Wir kamen leidlich vorüber . Als wir aber eine andere Abteilung der geschlagenen Armee erreichten , bei der sich viele Hunderte von Schwerverwundeten befanden , war es mit unserer Ruhe vorbei . Ein großer Teil dieser Unglücklichen , als sie uns sahen , gebärdete sich wie rasend , wetterte und fluchte und schien durchaus willens , es bei den insultierenden Worten nicht bewenden zu lassen . Mehr als einmal schlug man die Gewehre auf uns an , und nur der Umstand , daß wir rechts und links Gendarmen zur Seite hatten , die bei dieser Gelegenheit so gut wie wir getroffen werden konnten , rettete uns aus dieser Gefahr . Die Insulten dauerten fort , aber nach einer halben Stunde schienen auch die Lungen erschöpft und man ward still . Nochmals eine halbe Stunde später und wir wurden in einem Stall untergebracht , wo sich unser Häuflein alsbald um einen Unglücksgefährten vermehrte . Das Regiment Göcking-Husaren hatte verfolgt und bei diesen Verfolgungs-Scharmützeln war Kornett Gottschling vom genannten Regiment verwundet und dann gefangen genommen worden . Er hatte einen Hieb über den Kopf , einen andern über die Hand und war in sehr bedauernswerter Lage . Der Zug setzte sich endlich wieder in Bewegung . Neue feindliche Trupps waren zu passieren , da wir aber auf dem Marsche blieben , so hatten wir weniger zu leiden ; nur der arme Gottschling erhielt einen Steinwurf . Gegen Abend rückten wir in ein Dorf ein , das nicht mehr ferne von Homburg war . Der Führer der Eskorte wollte weiter , aber die Mannschaften , die sich angeschlossen hatten , wollten bleiben oder wenigstens eine Rast machen . Der Führer mußte nun gehorchen . Ein Haus wurde ausgewählt , und wir Offiziere , der Junker , die Deserteurs und die Gendarmen kamen in ein und dieselbe Stube . Die gutmütige Wirtin schaffte Milch , wir selbst hatten Kommißbrot und so wurde denn eine Milchsuppe gekocht , die mir ganz besonders mundete , da ich seit jenem Reisfrühstück in Gesellschaft der Generalität , nichts Warmes mehr gegessen hatte . Homburg indessen sollte noch erreicht werden , und um zehn Uhr abends rückten wir in seine Straßen ein . Quartiere erhielten wir im Ratskeller , in einem weitläufigen Gemach , das schon vorher mit vielen Verwundeten belegt worden war . Uns blieb nur , wie in der Nacht vorher , ein kleines Plätzchen zum Stehen übrig . Hart an uns vorüber trug oder führte man die Verstümmelten . Eine Hölle war uns dieser Aufenthalt ; das war » gekerkert im Kerker « . Unbegreiflich und wunderbar war es uns allen und ist es mir noch in dieser Stunde , daß nicht einer dieser Unglücklichen , wütend wie sie waren , uns niedermordete oder doch mißhandelte . Wir erwarteten es jeden Augenblick , aber es blieb bei Fluch und Verwünschung . Ein oder anderthalb Stunden mochten wir in diesem Zustande zugebracht haben , bittend , flehend , daß man uns aus dieser Höhle des Jammers fortführen möge . Alles umsonst . Endlich , aufs äußerste empört , begannen wir selbst zu toben und zu fluchen . Das half . Man brachte uns in ein Wirtshaus , in dem ein französischer Artilleriegeneral logierte . Dieser teilte seine Stube mit uns und behandelte uns mit vieler Artigkeit . Wir ließen uns ein gutes Nachtmahl schmecken , legten uns auf Streu oder Stühle und vergaßen in festem Schlaf die bittern Erlebnisse des letzten Tages . Den 1. Dezember 1793 . Morgens beim Erwachen war der General fort ; wir haben auch später seinen Namen nicht erfahren können . Unser Frühstück , Kaffee und Zubehör , stand bereit , wir ließen es uns schmecken und weiter ging es bis Zweibrücken . Hier führte man uns auf den Marktplatz , wo denn alsbald alles , was nur Raum finden konnte , sich an uns herandrängte . Wir fürchteten ein Dacapo des Spiels vom vorigen Tage , aber es unterblieb ; teils waren hier keine Blessierten , teils war die erste Wut schon verraucht ; zudem befanden wir uns hier zumeist unter Linientruppen . In ihrem Beisein waren wir in der Regel vor groben Beleidigungen sicher . Jeder von uns ward von einem ganzen Haufen umzingelt , alles schwatzte und frug auf uns ein , frug immer von neuem und immer etwas anderes , ohne unsere Antworten abzuwarten . Dabei reichten sie uns Kognak und Brot , sprachen uns Mut zu und hießen uns guter Dinge sein . Genug , das Ganze dieser Szene war menschenfreundlich und gutartig , wenn ich einige Tölpel ausnehme , die grob wurden , weil wir ihnen kein Gegenprosit mehr zutrinken wollten . Einer den ich bat , mich nicht weiter zu nötigen , erklärte laut : » ich sei ein Emigrierter , er kenne mich « . Dabei nahm er mein Pferd beim Zügel und wollte mich zum Repräsentanten abführen . Doch kam es nicht soweit , einige andere bedeuteten ihm seinen Unsinn und drängten ihn weg . Nach einer halben Stunde führte man uns auf die Hauptwache . Hier wiederholten sich die Szenen vom Marktplatz , aber schon nach kürzester Frist wurden wir weiter geschleppt , und zwar in das Gefängnis der Stadt ; wir drei Offiziere kamen in die Armesünderstube . Wohl allenthalben sind sich diese Lokalitäten so ziemlich ähnlich . Das erste , was mir ins Auge fiel , war eine mit Kohle an die Wand geschriebene Zeile : » Der nächste Gang von hier geht zum Galgen . « Nun durften wir zwar annehmen , diesen Gang nicht tun zu dürfen , nichtsdestoweniger wirkte diese Zeile sehr unangenehm auf meine Empfindung und stand mir immer vor Augen . Sie war ein häßliche und beständige Mahnung an das höchst Kritische unserer Lage . Der Gefangenenwärter frug , » ob wir Geld hätten , um uns durch seine Vermittelung Lebensmittel kaufen zu können « , eine Frage , die wir leider verneinen mußten . Er schüttelte den Kopf , setzte einen Krug mit Wasser hin und wies auf einen andern größern Kübel ; zugleich versprach er Brot und Streustroh zu bringen . Wir waren wie versteinert ; doch kam ich mit Hilfe eines listigen Schurken von Gendarmen , deren zwei bei uns geblieben waren , bald zu mir selbst . Freilich nicht auf angenehme Weise . Der Gendarm redete mich an : » Monsieur , il y a bien log temps que je désire à avoir un souvenir d ' un officier prussien . Vouz avez là quelque chose , dont vous ne pouvez plus faire usage : votre escarpe : en faite moi présent . « Ich band meine Schärpe ab , erinnerte mich , leider zu spät , der guten Lehren des alten Malwing , schwieg und gab dem Buben , was er spottend von mir erbat . Zugleich mein Letztes . Mit ironischer Höflichkeit bedankte er sich und schritt unter vielen Kratzfüßen zur Tür hin aus . Sein Spießgesell hatte es mit Gottschling ebenso gemacht . Der Gefangenwärter erschien nun wieder , brachte Streustroh und Leuchtung , fragte nochmals , » ob wir wirklich kein Geld hätten « und bedauerte uns herzlich , als wir ihm unser Nein wiederholten . Der gute , christliche Deutsche beklagte uns sehr und schien in Mitleiden für uns aufzugehen ; nichtsdestoweniger vergaß er , uns unser Deputat Brot für den Nachmittag und Abend zu geben . Nur ein Weilchen noch blieb er , um uns Trost und Mut einzusprechen , wünschte uns dann eine wohlzuruhende Nacht und – ging . Das Letzte , was er uns hören ließ , war das Rasseln und Klirren der Schlösser und Riegel . Nun waren wir mit uns und unserm Elend allein . Mein alter Wilhelmy erlag fast seinem Schicksal : er schwankte zur Streu und wünschte sich laut die ewige Ruhe . Gottschling litt heftige Schmerzen , legte sich auch und hoffte Linderung vom Schlaf . Ich folgte seinem Beispiel . Ein paar Stunden mocht ' ich geschlafen haben , als Wilhelmy mich weckte ; ihm brannten Kopf und Körper , Gottschling erwachte ebenfalls im heftigsten Wundfieber . Beide lechzten nach Wasser und – Gott ! der Krug war leer , ebenso der Kübel . Ich lief in der Stube umher , rief und schrie nach Hilfe ; umsonst , unser Kerker war zu abgelegen , als daß irgendwer hören konnte . Ich stieß gegen die Tür , in der Hoffnung , sie zu sprengen , aber Schloß und Riegel waren zu fest . Hinweg , selbst von der bloßen Erinnerung an diese Unglücksnacht . Den 2. Dezember 1793 . Morgens , vielleicht acht Uhr , saß ich an dem Lager meiner beiden Gefährten , vertieft und verloren in unser trübes Geschick . Wilhelmy und Gottschling , trotz Fieber und Durst , waren eben wieder eingeschlafen , als plötzlich die Tür aufging und einige junge Frauenzimmer , deren Bekanntschaft Gottschling vor acht oder zehn Tagen gemacht hatte , mit Kaffee und Semmel bei uns eintraten . Diese gutmütigen Magdalenen , die vielleicht durch den Gefängniswärter von ihm gehört haben mochten , hatten sich mit Mühe und Schwierigkeiten einen Weg zu uns gebahnt und leisteten nun soviel Hilfe , wie in ihren Kräften stand . Auch einen Stadtwundarzt brachten sie mit , um Gottschlings Wunden zu verbinden . Ich weckte nun meine beiden Kranken jubelnd auf , und beide labten und erquickten sich an dem Frühstücks , das ihnen geboten wurde . Unsere barmherzigen Samariterinnen standen uns gegenüber und freuten sich herzlich , daß uns ihre Gabe so vortrefflich mundete ; ebenso herzlich war unser Dank . Während des Frühstücks fand sich allerlei Gesellschaft ein : der gute christliche Kerkermeister , dessen Ehegespons , einige Gendarmen , schließlich auch einige Offiziere . Man kam und ging , alle waren voller Mitleid , aber dabei hatte es sein Bewenden . Im Laufe des Vormittags erschienen : ein Generaladjutant namens Bertrand , mehrere junge Leute von der Adjutantur , endlich auch ein Sekretär , um unsere Charaktere und Namen aufzunehmen . Alle diese Herren , besonders sichtbar und auffallend aber der Erstgenannte ( Bertrand ) , waren äußerst betreten , uns so gemißhandelt zu finden . Der Umstand , daß die Zweibrücker Mädchen uns ein Frühstück und zwar als ein Almosen gereicht , dazu auch einen Arzt uns zugeführt hatten , brachte die Herren vorzugsweise in Verlegenheit . Sie waren Zeugen , daß wir unsere Wohltäterinnen mit einem einfachen » Gott vergelts Euch « bezahlen mußten . Einige der jungen Offiziere versuchten auf mancherlei Art die Sache zu entschuldigen , doch ging es ihnen dabei nur schlecht von statten . Der Umstand , daß man uns in drei Tagen noch kein Zehrungsgeld , am Nachmittag und Abend kein Brot und auf die letzte Nacht auch nicht einmal Wasser , Heizung und Licht zur Genüge gegeben hatte , war nicht wohl zu entschuldigen . Alles , was man für uns getan , war , daß man uns unsere Schärpen geraubt hatte . Bei Aufzählung aller Unbill , die wir erfahren , traten mir die Tränen in die Augen . Bertrand , als er dessen gewahr wurde , trat zu mir heran und hatte freundliche Worte für mich . Es tat mir wohl und ich vermochte mich wieder zu fassen . Nachdem man unsere Namen und Charakter aufgeschrieben , schenkte uns Bertrand unter dem großmütigen Vorwande , » daß es die rückständige Gage sei « , anderthalb Karolin ; auch wurde ein Mittagbrot für uns besorgt . Ein Bekannter Wilhelmys , ein verabschiedeter Soldat , der jetzt in Zweibrücken lebte und vor einigen Wochen erst als Handelsmann Wein und andere Lebensmittel ins Lager geliefert hatte , erschien ebenfalls . Dieser verschaffte einem jeden von uns ein Hemd . Infolge davon wurde nun zwar unsere Kasse so gut wie wieder gesprengt , aber dennoch erkauften wir die Glückseligkeit des Wäschewechselns damit nicht zu teuer . Gegen Mittag brachen wir aus der Zweibrückener Armesünderstube auf und kamen um drei Uhr in Blieskastel an . Man war unschlüssig , wohin mit uns . Nachdem wir wieder dreiviertel Stunden lang auf freier Straße zur Schau ausgestellt gewesen waren , brachte man uns endlich in den » Turm « . Sergeanten und Gemeine bekamen den Raum unterm Dach ; wir Offiziere und der Junker aber wurden in die Stube des Stockmeisters einquartiert . Hier fanden wir bereits zehn oder zwölf Geiseln vor , die die französische Armee bei ihrer Retirade aus der umliegenden Gegend mitgenommen hatte . Hier brechen die Briefe ab . Was ich noch zu erzählen haben werde , steht räumlich in keinem entsprechen den Verhältnis zu dem bis hierher Mitgeteilten . Otto von Rohr samt seinen Leidensgenossen , die wir aus vorstehenden Briefen kennengelernt , wurde nach Frankreich abgeführt und in Nogent sur Seine , etwa siebzig Kilometer von Paris , interniert gehalten . Hier lebte er , ein Jahr lang und darüber , in ungetrübtem Glück , soweit das Leben eines Gefangenen überhaupt ein glückliches sein kann . Die große Zeit störte nicht seine Kreise . In Paris die Schreckensherrschaft , in Nogent Friede . Auf dem Eintrachtsplatze ( furchtbare Ironie ) fiel Dantons Haupt , und sein blutiger Schatten ging um , bis das Haupt dessen , der ihn stürzte , dem seinen nachgefallen war , – in Nogent aber , als wäre die Welt so klar wie die Sommernacht , die sich jetzt über ihm wölbte , saß Otto von Rohr unter dem Gezweig einer mächtigen Akazie und neben ihm saß Jacqueline , die Tochter des Hauses , halb Kind noch , und hörte ihm zu , wenn er von seiner Heimat erzählte , von den weiten Strecken Sand und der Sumpfniederung , in der ein Fluß laufe , » schilfbestanden und tief und schwarz wie der Styx , der um das Reiche des Todes schleicht « . Dann fragte Jacqueline , » ob dort auch Menschen wohnen ? « » Kaum « , antwortete der Gefangene voll übermütiger Laune , » Halbwilde nur , die schwarzes Brot essen und einen bräunlichen , immer schäumenden Saft trinken , den sie Bier nennen . Und zur Winterzeit machen sie Löcher ins Eis und springen hinein oder jagen tagelang durch den Wald , um Füchse zu fangen und mit dem wilden Eber zu kämpfen . Und wenn sie dann heimkehren , können sie oft ihr Dorf nicht finden , weil es in Schnee versunken ist . « Dann fragte Jacqueline : » Und wie sehen diese Menschen aus ? « , worauf dann Otto von Rohr erwiderte : » Genau wie ich , Jacqueline . « Und dann lachten sie beide und hörten nicht , daß ein leises Rauschen , wie ein Klageton , durch den Wipfel der alten Akazie ging . Denn der alte Baum , der das Leben kannte , wußte , was bevorstand : Trennung . Sie kam ; der Baseler Frieden machte den Gefangenen frei . Wieviel Schwüre wurden laut , wieviel Tränen fielen . Eines Tages aber lag alles zurück wie ein Traum , und nur zweierlei war noch wahr und wirklich : das Leid im Herzen Jacquelines und eine kleine seidengestickte Henkelbörse , die sie dem Scheidenden zum Abschiede gereicht hatte . Darin befand sich eine Schaumünze mit ihrem Lieblingsheiligen darauf , und – ein Samenkorn von dem Akazienbaum , unter dem sie so oft gesessen . Dies Samenkorn ist in Trieplatz aufgegangen . Es ist derselbe Baum , der ( womit wir diese Erzähung einleiteten ) vom Park aus in das Gartenzimmer blickt . Urania von Poincy Urania von Poincy Die Tage von Nogent sur Seine lagen über ein Menschenalter zurück . Da ( dasselbe Jahr noch , in dem unser Otto von Rohr , inzwischen zum General und Präsidenten hoher Kommissionen emporgestiegen , aus dieser Zeitlichkeit schied ) knüpften sich neue Beziehungen zwischen Frankreich und – Trieplatz . Noch einmal gewann ein Rohr ein französisches Frauenherz . Und diesmal keine Trennung , oder doch keine andere als durch den Tod ! Moritz von Rohr , ein Neffe Ottos , stand 1838 bei einem rheinischen Regiment in Saarlouis . Er war zweiundzwanzig Jahr alt , groß und schlank . Der Winter brachte Maskenbälle wie gewöhnlich , und auf einem dieser Bälle war es , daß Moritz von Rohr die Bekanntschaft Urania de Poincys machte , der schönen Tochter des Herrn und der Frau von Poincy , die sich damals , sei es erziehungs- oder zerstreuungs- oder gesundheitshalber , in Saarlouis aufhielten . Dieser Ball entschied über das Leben des jungen Paares ; die leidenschaftliche Liebe , die beide füreinander hegten , überwand jedes Hindernis , Moritz von Rohr erbat und erhielt seinen Abschied und in demselben Winter noch erfolgte die Trauung zu Notre Dame in Paris . Die Hindernisse , deren ich eben erwähnte , waren nicht wenige : die Familie de Poincy war nicht mehr jenseits des Rheins , sie war jenseits des Ozeans zu Hause , seitdem der Großvater der jungen Dame das vom Schrecken regierte Frankreich Anno 1793 gemieden und nach Amerika flüchtend , erst in Kuba , dann in New Orleans sich niedergelassen hatte . Dort lebten sie jetzt in hohem Ansehen : der Name de Poincy war der Name einer Handelsfirma geworden . Selbstverständlich lag nicht hierin die Schwierigkeit , die Rohrs dachten niemals gering von bürgerlicher Hantierung , am wenigsten vom Großhandel , der mit eigenen Schiffen die Meere befährt , aber der Weg von der Dosse bis an den Mississipi war doch