nicht selber nach England eilen , um Sie aus der Schlinge zu befreien , in die Sie gefallen , doch hat er Herrn Mason , keine Zeit zu verlieren , um die falsche Heirath zu verhindern . Er wies ihn an mich , um ihm Beistand zu leiten . Ich wendete alle Eile an , und bin froh , daß ich nicht zu spät gekommen bin , wie Sie ohne Zweifel auch sein müssen . Wäre ich nicht moralisch überzeugt , daß Ihr Oheim todt sein wird , ehe Sie Madeira erreichen können , so würde ich Ihnen rathen . Herrn Mason zurückzubegleiten ; so wie die Sache steht , halte ich es aber für besser in England zu bleiben , bis Sie etwas Näheres über Herrn Eyre hören , oder bis er selber von sich Nachricht gibt . Haben wir noch sonst irgend etwas hier auszurichten ? " fragte er Herrn Mason . " Nein , nein -- lassen Sie uns gehen , " war die ängstliche Antwort ; und ohne zu warten , um von Herrn Rochester Abschied zu nehmen , gingen Beide zur Hausthür hinaus . Der Geistliche blieb noch ein wenig länger , um einige Worte der Ermahnung oder des Tadels an sein stolzes Beichtkind zu richten . Als er diese Pflicht erfüllt hatte , entfernte er sich auch . Ich hörte ihn fortgehen , als ich in der halboffenen Thür meines Zimmers stand , wohin ich mich zurückgezogen hatte . Das Haus war wieder rein , ich schloß mich ein und verriegelte die Thür , damit Niemand sich bei mir eindrängen möchte , und begann -- nicht zu weinen nicht zu trauern , dazu war ich noch zu ruhig , - sondern mechanisch mein Brautkleid abzulegen und mein wollenes Kleid wieder anzuziehen , welches ich gestern , wie ich geglaubt , zum letzten Mal getragen . Dann setzte ich mich nieder und fühlte mich matt und ermüdet . Ich lehnte meine Arme auf einen Tisch und ließ meinen Kopf darauf niedersinken . Und jetzt dachte ich : bis dahin hatte ich nur gehört , gesehen , mich bewegt -- war hinauf- und hinunter gefolgt , wohin man mich geschleppt oder geführt -- hatte ein Ereigniß nach dem andern an mir vorüberrauschen und ein Geheimniß nach dem andern sich lösen sehen -- aber jetzt dachte ich . Der Morgen war ziemlich ruhig vergangen -- Alles , mit Ausnahme der kurzen Scene mit der Wahnsinnigen -- die Verhandlung in der Kirche war nicht lärmend gewesen . Es hatte kein Ausbruch der Leidenschaft , kein lauter Zank oder Streit , kein Wortwechsel und keine Forderung , keine Thränen und kein Schluchzen stattgefunden . Es waren nur wenig Worte gesprochen , ein ruhiger Einspruch gegen eine Trauung geschehen , einige strenge , kurze Fragen von Rochester ausgesprochen , einige Antworten und Erklärungen gegeben und ein Zeuge aufgerufen worden ; dann hatte mein Herr die Wahrheit offen eingestanden und den lebenden Beweis gezeigt ; die Fremden waren fort und Alles vorüber . Ich war wieder in meinem Zimmer wie gewöhnlich -- ganz ich selber , ohne merkliche Veränderung , Nichts hatte mich getroffen , Nichts mich verbrannt oder verstümmelt . Und doch , wo war die Johanna Eyre von gestern ? -- wo war ihr Leben ? -- wo waren ihre Aussichten ? Johanna Eyre , die ein glühendes und erwartungsvolles Frauenzimmer -- ja fast eine Gattin gewesen – war wieder ein kaltes einsames Mädchen : ihr Leben war verblichen , ihre Aussichten trostlos . Ein Weihnachtsfrost war mitten im Sommer eingetreten : ein winterliches Schneegestöber wirbelte über den warmen Junius dahin ; Eis überglaste die reifen Aepfel , Schneebänke drückten die blühenden Rosen nieder , auf Heu- und Kornfeldern lag ein erstarrendes Leichentuch : Wege , die am letzten Abend noch von blühenden Gesträuchen und Blumen umgeben gewesen , waren jetzt pfadlos von unbetretenem Schnee ; und die Wälder , die noch der zwölf Stunden so duftig wehten , wie die Haine in den Tropenländern , breiteten sich jetzt wild , öde und weiß , wie Fichtenwälder im winterlichen Norwegen , aus . Alle meine Hoffnungen waren erstorben -- von einem tödtlichen Schlage getroffen , gleich dem , der in jener Nacht die ganze Erstgeburt im Lande Aegypten tödtete . Ich sah meine Lieblingswünsche an , die gestern noch so blühend und glühend waren : sie lagen wie starre , kalte und bläuliche Leichen da , die nie wieder aufleben konnten . Ich sah meine Liebe an : jenes Gefühl , welches meinem Herrn gehörte -- welches er geschaffen hatte ; sie schauderte in meinem Herzen gleich einem kranken Kinde in einer kalten Wiege ; Krankheit und Qual hatten sich ihrer bemächtigt : sie konnte Herrn Rochester ' s Arme nicht aufsuchen -- sie konnte keine Wärme an seiner Brust finden . O ! nie konnte sie sich mehr zu ihm wenden , denn der Glaube war vernichtet – das Vertrauen zerstört ! Herr Rochester war nicht mehr für mich , was er gewesen , denn er war nicht , wofür ich ihn gehalten . Ich wollte ihn keines Lasters beschuldigen ; ich wollte nicht sagen , er habe mich betrogen : aber die fleckenlose Wahrheit war aus dem Gedanken an ihn verschwunden ; und aus seiner Nähe mußte ich gehen : das sah ich wohl ein . Wann -- wie -- wohin ? konnte ich noch nicht unterscheiden ; doch ich zweifelte nicht , er selber werde mich aus Thornfield treiben . Wahre Zärtlichkeit , so schien es , konnte er nicht für mich empfinden ; es war nur eine kurze , auflodernde Leidenschaft gewesen : der war ein Hinderniß im den Weg getreten , und er bedurfte meiner nicht mehr . Jetzt mußte ich fürchten , ihm in den Weg zu treten : mein Anblick mußte ihm verhaßt sein . O ! wie blind waren meine Augen gewesen ! wie schwach hatte ich gehandelt ! Meine Augen waren bedeckt und geschlossen : wirkliche Finsterniß schien um mich zu schwimmen , und das Nachdenken kam ein eben so schwarzer und stürmischer Tag daher . Von mir selber verlassen , aufgelöst und kraftlos , schien ich mich in das ausgetrocknete Bett eines großen Flusses gelegt zu haben ; ich hörte eine Flut daherrauschen durch die fernen Gebirge , und fühlte , wie der Strom herankam : aufzustehen hatte ich nicht den Willen , zu fliehen , nicht die Kraft . Ich lag matt da und wünschte zu sterben . Nur noch ein Gedanke regte sich in mir -- die Erinnerung an Gott : sie erzeugte ein unausgesprochenes Gebet : diese Worte wanderten auf und nieder in meinem verdunkelten Geiste , als etwas , was ich leise flüstern mußte . Aber es war keine Kraft zu finden , um sie auszusprechen : " Sei nicht ferne von mir , denn Ungemach ist nahe , und Niemand da , mir zu helfen ! " Es war nahe : und da ich keine Bitte zum Himmel erhob , es abzuwenden - da ich weder meine Hände faltete , meine Kniee beugte , noch meine Lippen bewegte -- so kam es , und in vollem , rauschendem Strome ergoß sich die wilde Flut über mich . Das ganze Bewußtsein meines verschwendeten Lebens , meiner verlorenen Liebe , meiner erloschenen Hoffnung , meines vernichteten Glaubens strömte voll und mächtig über mich dahin in einer finstern Masse . Jene bittere Stunde ist nicht zu beschreiben : in Wahrheit , das Wasser ging mir bis an die Seele ; ich sank tief in den Schlamm , ich fühlte keinen festen Grund , ich kam in tiefes Wasser und die Wegen überfluteten mich . Ende des zweiten Theils . Erstes Kapitel Gegen Abend erhob ich mein Haupt , sah um mich , bemerkte den röthlichen Schein der untergehenden Sonne an der Wand und fragte mich : " Was soll ich thun ? " Aber die Antwort , die mein Geist gab : - “ Verlaß Thornfield sogleich ! ” - war so bestimmt , so schrecklich , daß ich mir die Ohren zuhielt und sagte , ich könne solche Worte jetzt nicht ertragen . “ Daß ich nicht Eduard Rochester ' s Braut bin , ist der geringste Theil meines Leidens , ” sagte ich bei mir selber , " daß ich aus den köstlichsten Träumen erwacht bin und sie alle eitel und leer gefunden habe , ist eine Empfindung des Entsetzens , die ich ertragen und bemeistern könnte , aber daß ich ihn augenblicklich und auf immer verlassen muß , ist unerträglich . Ich vermag es nicht . " Dann aber behauptete eine Kraft in mir , daß ich es könne und sagte mir , ich solle es thun . Ich rang mit meinem Entschlusse : ich hätte schwach sein mögen , um dem schrecklichen Leiden auszuweichen , welches vor mir lag , so wurde das Gewissen ein Tyrann , faßte die Leidenschaft bei der Kehle und sagte drohend zu ihr , sie sei mit ihrem zierlichen Fuße in die Pfütze gerathen , und schwur , sie mit seinem eisernen Arme in unergründliche Tiefen der Qual hinunter zu schleudern . " So mag ich denn hinweggerissen werden ! ” rief ich . " so mag mir nur Einer helfen ! " " Nein , Du sollst Dich selbst hinwegreißen ; Niemand soll Dir helfen : Du sollst selbst Dein rechtes Auge ausreißen , selbst Deine rechte Hand abhauen : Dein Herz soll das Schlachtopfer sein und Du der Priester , der es durchbohrt . ” Ich erhob mich plötzlich , von Entsetzen erschüttert , als ein so unerbittlicher Richter in der Einsamkeit sich hörbar machte - als das Schweigen von einer ehrfurchtgebietenden Stimme erfüllt wurde . Mein Kopf schwindelte , als ich aufrecht dastand : ich bemerkte , daß ich aus Aufregung und Entkräftung einer Ohnmacht nahe war ; weder Speise noch Trank war an dem Tage über meine Lippen gekommen . Jetzt überdachte ich mit seltsamer Angst , daß man , so lange ich hier eingeschlossen gewesen , nicht geschickt hatte , um zu fragen , wie ich mich befinde , noch um mich einzuladen , hinunter zu gehen : nicht einmal die kleine Adele hatte an die Thür geklopft ; nicht einmal Mistreß Fairfax hatte mich besucht . “ Stets vergessen die Freunde die , welche das Glück verläßt , ” murmelte ich bei mir selber , als ich den Riegel öffnete und hinausging . Ich stolperte über einen Gegenstand ; mein Kopf war noch schwindlig , meine Augen trübe und meine Glieder schwach . Ich konnte mich nicht sogleich fassen ; ich fiel , aber nicht auf den Boden : ein ausgestreckter Arm hielt mich . Ich blickte auf- Rochester , der dicht vor meiner Thür auf einem Stuhle saß , unterstützte mich . “ Du kommst endlich heraus , " sagte er . " Ich habe lange auf Dich gewartet und gehorcht ; doch keine Bewegung , kein Schluchzen habe ich gehört : noch fünf Minuten dieser Todtenstille und ich hätte das Schloß erbrochen , wie ein Dieb . So , Du vermeidest mich also ? - Du schliefest Dich ein und hängst allein Deinem Kummer nach ? Ich wollte lieber , Du wärest gekommen und hättest mich heftig ausgezankt . Du bist leidenschaftlich ; ich erwartete eine Scene der Art. Ich war auf den heißen Regen der Thränen vorbereitet ; nur hätte ich gewünscht , daß sie an meiner Brust wären vergossen worden : nun hat der gefühllose Fußboden sie aufgenommen oder Dein feuchtes Tuch . Aber ich irre Du hast gar nicht geweint ! Ich sehe eine weiße Wange und ein mattes Auge , aber keine Spur von Thränen Dein Herz hat also wohl kein Blut geweint ? " " Nun , Johanna , kein Wort des Vorwurfs ? Nichts Bitteres - nichts Stechendes ? Nichts , was das Gefühl verletzen oder die Leidenschaft aufstacheln könnte ? Du sitzest ruhig da , wo ich Dich hingesetzt habe , und siehst mich mit mattem und leidenden Blicke an . " " Johanna , es war nicht meine Absicht , Dich so zu verwunden . Wenn der Mann , der nur ein einziges kleines Lamm hatte , das ihm theuer war , wie eine Tochter , das von seinem Brode aß , aus seinem Becher trank und in seinem Schooße lag , es aus Versehen geschlachtet hätte , würde er diesen blutigen Fehlgriff nicht schwerer bereut haben , als ich den meinen bereue . Wirst Du mir zu vergeben ? ” Leser - ich vergab ihm in dem Augenblicke und auf der Stelle . Es war so tiefe Reue in seinen Augen , so wahres Mitleid in seinem Tone , so männliche Energie in seinem Wesen ; und überdies lag so unveränderliche Liebe in seinem ganzen Ausdrucke und in seiner Miene , daß ich ihm Alles vergab ; doch nicht in Worten , nicht äußerlich , nur im Innersten meines Herzens . " Du weißt , daß ich ein Schurke bin , Johanna ? ” fragte er nach einer Pause bedeutungsvoll - wahrscheinlich verwundert über mein Schweigen und meine Zahmheit , die mehr aus Schwäche , als aus freiem Willen hervorging . " Ja , Herr . ” " Dann sage es mir offen und heftig - schone meiner nicht . " " Ich kann es nicht : ich bin matt und krank . Ich bedarf etwas Wasser . ” Er stieß einen schaudernden Seufzer aus , faßte mich in seine Arme und trug mich die Treppe hinunter . Anfangs wußte ich nicht , in welches Zimmer er mich getragen ; es schwebte eine Wolke vor meinen gläsernen Augen , sogleich aber empfand ich die belebende Wärme eines Feuers , denn wenn es gleich Sommer war , so war ich doch eisig , kalt in meinem Zimmer geworden . Er hielt mir Wein an die Lippen , ich kostete ihn und erholte mich , dann aß ich etwas , was er mir anbot und war bald wieder völlig , hergestellt . Ich war im Bibliothekzimmer saß in seinem Sessel — er war ganz nahe . " Wenn ich jetzt ohne zu große Qual aus dem Leben scheiden könnte , so wäre es gut für mich , " dachte ich ; “ dann würde mir die Anstrengung erspart , die Saiten meines Herzens zu sprengen , indem ich sie aus den seinigen herausreiße . Es scheint , ich muß ihn verlassen . Ich will - ich kann ihn nicht verlassen ! ” " Wie ist Dir jetzt . Johanna ? ” " Viel besser , Herr , es wird mir bald ganz wohl sein . ” " Koste den Wein noch einmal , Johanna . " Ich gehorchte ihm ; dann setzte er das Glas auf den Tisch , stand vor mir und sah mich aufmerksam an . Plötzlich wendete er sich mit einem unartikulirten Ausruf voll leidenschaftlicher Aufregung ab , ging rasch durchs Zimmer , kehrte zurück und neigte sich zu mir nieder , als wollte er mich küssen ; doch erinnerte ich mich , daß Liebkosungen jetzt verboten waren . Ich wendete also mein Gesicht ab und schob das seine zurück . “ Was ! - wie ist dies ? ” rief er heftig . " O ! ich weiß , Du willst Bertha Mason ' s Gatten nicht küssen ? Du denkst meine Liebkosungen und Umarmungen gehören einer Andern ? ” " Auf jeden Fall habe ich keinen Anspruch daran , mein Herr . " " Warum , Johanna ? Ich will Dir die Mühe des vielen Sprechens ersparen und für Dich antworten - weil ich schon ein Weib habe , willst Du sagen . - Ist meine Vermuthung richtig ? " “ Ja . ” " Wenn Du so denkst , mußt Du eine seltsame Ansicht von mir haben : Du mußt mich als einen ränkevollen Wüstling betrachten - als einen gemeinen und niedrigen Schuft , der uneigennützige Liebe gezeigt hat , um Dich in eine absichtlich gestellte Schlinge zu locken , Dir die Ehre zu rauben und die Selbstachtung zu entziehen . Was sagst Du dazu ? Ich sehe , daß Du nichts sagen kannst : für ' s Erste bist Du noch matt und hast Mühe genug , um Athem zu schöpfen ; für ' s Zweite kannst Du Dich noch nicht gewöhnen , mich anzuklagen und zu schmähen , und überdies sind die Schleusen der Thränen geöffnet , und sie würden hervorstürzen , wenn Du viel sprächest ; auch hast Du keine Lust zu schelten und zu schmähen und eine Scene zu machen : Du bedenkst , wie Du handeln sollst — Du siehst an , daß das Reden von keinem Nutzen ist . Ich kenne dich - ich bin auf meiner Hut . ” " Mein Herr , ich wünsche nicht gegen Sie zu handeln , ” sagte ich , und meine unsichere Stimme warnte mich , meinen Satz nicht zu vollenden . " Nicht in Deinem Sinne des Worts - aber in meinem , bist Du beschäftigt , mich zu Grunde zu richten . Du hast es so gut wie ausgesprochen , daß ich ein verheiratheter Mann bin - als einen verheiratheten Mann wirst Du mich meiden , mir aus dem Wege gehen : ja , noch diesen Augenblick hast Du Dich geweigert , mich zu küssen . Du beabsichtigst mir gänzlich fremd zu werden , unter diesem Dache nur als Adelens Gouvernante zu leben : wenn ich je ein freundliches Wort zu Dir sagen , wenn je ein freundliches Gefühl sich wieder zu mir neigt , wirst Du sagen : “ “ Dieser Mann hätte mich beinahe zu seiner Maitresse gemacht : ich muß wie Eis und Felsen gegen ihn sein . ” ” — Und Eis und Felsen wirst Du folglich werden . Ich suchte meine Stimme sicherer zu machen und antwortete : “ Ales um mich her ist verändert , mein Herr : ich muß mich auch verändern — daran ist nicht zu zweifeln : und um das Ueberströmen der Gefühle und beständige Kämpfe mit Erinnerungen und Vorstellungen zu vermeiden , giebt es nur ein Mittel - Adele muß eine neue Gouvernante haben , mein Herr . " " O , Adele wird die Schule besuchen - das habe ich schon bestimmt : auch will ich Dich nicht mit den scheußlichen Vorstellungen und Erinnerungen an Thornfield Hall quälen - an diesen verdammten Ort - dieses Zelt des Achan - dieses schamlose Gewölbe , welches den gräßlichen Anblick des lebendigen Todes dem Lichte des freien Himmels darstellt - an diese enge Hölle von Stein , mit ihrem einen wahren Teufel , der ärger ist , als eine Legion von denen , die wir uns vorstellen . - Johanna , Du sollst nicht hier bleiben , auch wollte ich es nicht . Ich that Unrecht , Dich je nach Thornfield Hall zu bringen , da ich wußte , von welchen Geistern es bewohnt wird . Ehe ich Dich nur sah , beschwor ich sie , Dir jede Kenntniß von dem Fluche dieses Ortes fern zu enthalten ; nur weil ich fürchtete , nie eine Gouvernante für Adele zu finden , welche bleiben würde , wenn sie wüßte , mit wem sie unter einem Dache sei , da meine Pläne mir nicht gestatteten , die Wahnsinnige anderswohin zu bringen - obgleich ich ein altes Haus Namens Ferndean Manor besitze , welches sogar noch versteckter und verborgener ist , als dieses , wo ich sie sicher genug hätte unterbringen können , wenn nicht eine Bedenklichkeit wegen der ungesunden Lage mitten im Walde mein Gewissen von dieser Maßregel abgeschreckt hätte . Wahrscheinlich würden mich jene feuchten Wände bald von jener Last befreit haben : aber jeder Bösewicht hat sein eigenes Laster ; und ich habe keine Neigung zum indirecten Morde , wenn ich den Gegenstand auch noch so sehr hasse . Die Nähe des wahnsinnigen Weibes vor Dir zu verbergen , war fast ein gleiches Unternehmen , als wollte man ein Kind mit einem Mantel zudecken und es in die Nähe eines Upasbaumes legen : die Nachbarschaft jenes Dämons ist vergiftet , und war es stets . Aber ich will Thornfield Hall verschließen : ich will die Vorderthür zunageln und die untern Fenster mit Brettern verkleiden lassen ; ich will Mistreß Poole zweihundert Pfund jährlich geben , um hier mit meiner Gattin zu wohnen , wie Du dieses furchtbare Geschöpf nennst : Gratia wird viel für Geld thun , und ihr Sohn , der Verwalter von Grimsby Retreat , wird ihr Gesellschaft leisten und bei der Hand sein , um ihr beizustehen , wenn meine Gattin ihre Anfälle bekommt und von ihrem bösen Dämon getrieben wird , die Leute Nachts in ihren Betten zu verbrennen , sie zu erstechen , ihnen das Fleisch von den Knochen zu beißen und so ferner . ” — " Mein Herr , " unterbrach ich ihn , " Sie sind ohne Mitleid für diese unglückliche Dame : Sie reden mit Haß von ihr - mit rachsüchtigem Widerwillen . Es ist grausam - sie kann nicht dafür , daß sie wahnsinnig ist . " " Johanna , mein kleiner Liebling , ( so will ich Dich nennen , denn das bist Du ) Du weißt nicht , was Du redest und verkennst mich schon wieder : nicht weil sie wahnsinnig ist , hasse ich sie . Wenn Du wahnsinnig wärest , glaubst Du , daß ich Dich hassen würde ? " " Das glaube ich in der That , mein Herr . ' " Da irrst Du und kennst mich nicht , noch auch die Art der Liebe , deren ich fähig bin . Jedes Atom Deines Fleisches ist mir so theuer , wie mein eigenes , in Schmerz und Krankheit würde es mir noch theuer sein . Dein Geist ist mein Kleinod , und wenn er gebrochen wäre , würde er noch immer mein Kleinod sein . Wenn Du wahnsinnig wärest , würden meine Arme Dich umschließen , und nicht eine Narrenjacke . - Dein Griff , selbst in der Wuth , würde einen Reiz für mich haben : wenn Du so wild auf mich losführest , wie jenes Weib diesen Morgen that , würde ich Dich in einer Umarmung empfangen , die wenigstens ebenso zärtlich als fest sein sollte . Ich würde nicht mit Abscheu vor Dir zurückbeben , wie vor ihr : in Deinen ruhigen Augenblicken solltest Du keinen Wächter und keinen Krankenwärter haben , als mich . Ich könnte mich mit unermüdlicher Zärtlichkeit über Dich neigen , wenn Du mich auch mit keinem Lächeln erfreutest ; und würde nicht ablassen in Deine Augen zu blicken , wenn sie auch keinen Strahl des Erkennens für mich mehr hätten . - Aber warum verfolge ich diesen Ideengang ? Ich sprach davon , Dich von Thornfield wegzubringen . Du weißt , es ist Alles zur raschen Abreise bereit : morgen sollst Du gehen . Ich bitte Dich nur noch eine Nacht unter diesem Dache zu verweilen , Johanna ; und dann magst Du auf immer dem Elend und Schrecken dieses Ortes Lebewohl sagen ! Ich weiß einen Ort , der gleich einem Heiligthume Dich vor verhaßten Erinnerungen , vor unwillkommenem Eindringen und selbst vor Falschheit und Verleumdung schützen wird . ” " Und nehmen Sie Adele mit sich , " fiel ich ein ; “ sie wird eine passende Gesellschafterin für Sie sein . " " Was willst Du damit sagen , Johanna ? Ich sagte Dir ja , ich wolle Adele in die Schule schicken , und was soll ich mit einem Kinde als Gesellschafterin ? Und es ist noch nicht einmal mein eigenes Kind - sondern der Bastard einer französischen Tänzerin . Warum belästigst Du mich mit ihr ? Ich sage , warum bestimmst Du Adelen zu meiner Gesellschafterin ? " " Sie sprachen von einem zurückgezogenen Aufenthalte , mein Herr ; Zurückgezogenheit und Einsamkeit sind langweilig — viel zu langweilig für Sie . " " Einsamkeit ! Einsamkeit ! wiederholte er aufgeregt . ” Ich sehe , ich muß zu einer Erklärung kommen . Ich weiß nicht , welcher räthselhafte Ausdruck sich in Deinem Gesichte bildet . Du sollst meine Einsamkeit theilen . Verstehst Du mich ? " Ich schüttelte den Kopf : ich bedurfte einigen Muthes , so aufgeregt wie er wurde , selbst dieses stumme Zeichen der abweichenden Ansicht zu wagen . Er war rasch im Zimmer auf- und abgegangen und blieb plötzlich wie eingewurzelt stehen . Er sah mich lange und fest an : ich wendete meine Augen von ihm ab , richtete sie auf das Feuer und versuchte einen ruhigen und gesammelten Ausdruck anzunehmen und zu behaupten . “ Da kommt der Knoten in Johanna ' s Charakter , " sagte er endlich in ruhigerem Tone , als ich bei seinem Blicke erwartet hatte . " Der Seidenhaspel hat sich bis dahin leicht genug gedreht ; doch ich wußte schon immer , daß ein Knoten und ein Anstoß kommen würde : und da haben wir ' s. Jetzt kommt die Aufregung und Erbitterung und endlose Verwirrung ! Bei Gott ! es verlangt mich Simson ' s Stärke anzuwenden und die Fesseln wie Werg zu zerreißen ! ” Er setzte seinen Gang fort , hielt aber bald wieder an und blieb diesmal gerade vor mir stehen . " Johanna ! willst Du auf vernünftige Gründe hören ? " fragte er , beugte sich nieder und näherte seine Lippen meinem Ohr ; “ wenn Du es nicht willst , muß ich Gewalt anwenden . " Seine Stimme war ruh ; sein Blick der eines Mannes , der gerade im Begriff ist , eine unerträgliche Fessel zu sprengen und sich köpflings in ein lasterhaftes Leben zu stürzen . Ich sah , daß ich im nächsten Augenblicke , wenn sich die wahnsinnige Wuth noch mehr steigerte , nichts mit ihm würde anfangen können . Die gegenwärtige , vorübergehende Secunde war Alles , wodurch ich ihn bändigen und zügeln konnte : eine Bewegung des Zurückweisens , der Flucht oder der Furcht hätte mein Geschick und das seine besiegelt . Aber ich fürchtete mich nicht : nicht im Geringsten . Ich empfand eine innere Macht , ich hatte ein Bewußtsein des Einflusses , was mich aufrecht hielt . Die Krisis war gefährlich aber nicht ohne ihren Reiz , wie ihn vielleicht der Indianer empfindet , wenn er in seinem Kano über den raschen Strom dahinschießt . Ich faßte seine geballte Hand ; löste die krampfhaft zusammengezogenen Finger und sagte besänftigend zu ihm : " Setzen Sie sich nieder ; ich will so lange mit Ihnen reden , wie Sie wollen , und Alles anhören , was Sie mir zu sagen haben , sei es nun vernünftig oder unvernünftig . ” Er setzte sich nieder , doch konnte er noch nicht sogleich reden . Ich hatte seit einiger Zeit mit Thränen gerungen ; ich hatte große Mühe angewendet , sie zu unterdrücken , da ich wußte , daß er mich nicht gern weinen sah . Jetzt aber hielt ich es für gut , sie frei und so lange sie wollten , fließen zu lassen . Wenn ihm die Thränenflut lästig war , um so besser . Ich gab also nach und weinte aus vollem Herzen . Bald hörte ich , wie er mich lebhaft bat , mich zu fassen . Ich sagte , ich könne es nicht , so lange er in einer solchen Leidenschaft sei . " Aber ich bin ja nicht zornig , meine Johanna ; ich liebe Dich nur zu sehr ; Du hattest Dein kleines bleiches Gesicht mit so entschlossenem und eisigen Blicke gestählt , daß ich es nicht ertragen konnte . Still jetzt , und trockene Deine Augen . " Seine besänftigte Stimme deutete an , daß er überwunden war ; da wurde auch ich ruhig . Jetzt bemühte er sich , seinen Kopf auf meiner Schulter ruhen zu lassen , aber ich wollte es ihm nicht gestatten . Dann wollte er mich zu sich ziehen ; auch das gestattete ich nicht . " Johanna ! Johanna ! ” sagte er im Tone so bitterer Traurigkeit , daß es durch alle meine Nerven bebte , " so liebst Du mich also nicht ? So war es also nur mein Stand und der Rang meiner Gattin , was Du schätztest ? Jetzt , da Du mich für unfähig hältst , Dein Gatte zu werden , weichest Du vor meiner Berührung zurück , als wäre ich eine Kröte oder ein Affe . ” Diese Worte verletzten mich , doch was konnte ich thun oder sagen ? Wahrscheinlich hätte ich Nichts thun oder sagen sollen , doch wurde ich so gequält von dem Gefühle der Reue , so seine Gefühle verletzt zu haben , daß ich den Wunsch nicht unterdrücken konnte , Balsam in die von mir geschlagene Wunde zu tröpfeln . " Ich liebe Sie mehr als je , " sagte ich ; " aber ich darf das Gefühl nicht zeigen oder ihm nachhängen ; und dies ist das letzte Mal , daß ich es ausdrücken darf . " " Das letzte Mal , Johanna ! Was ! Glaubst Du , Du könnest mit mir leben , mich täglich sehen , und doch , Johanna , wenn Du mich noch liebst , immer kalt und fremd sein ? " " Nein , mein Herr , ich bin gewiß , das könnte ich nicht ; und daher sehe ich , es gibt nur ein Mittel ; aber Sie werden wüthend werden , wenn ich es nenne . " " O , nenne es ! wenn ich zürne , so verstehst Du die Kunst des Weinens . - " " Herr Rochester , ich muß Sie verlassen . " " Auf wie lange , Johanna ? auf wenige Minuten , während Du Dein Haar ordnest , welches ein wenig verstört ist , und Dein Gesicht mit Wasser benetzest - welches fieberhaft aussieht ? " " Ich muß Adele und