der Lampen ; wenn er an Höfen und Kellern , an Toren und Zäunen vorbeiging ; eines alten Mannes Gesicht auftauchte , eines jungen Mädchens Gesicht , Arbeiter aus den Fabriken kamen , Soldaten aus den Kasernen , Seeleute vom Hafen . Da war für ihn Erzählung drinnen ; da war er wie der Leser eines aufregenden Buches . Einst ging er in Cleve bei Nacht durch dunkle Straßen . Da sah er vor einer Kirche einen Mann und eine Frau und fünf Kinder , armselig gekleidet alle ; vor ihnen auf dem Pflaster lagen mehrere Bündel , die ihre Habe enthielten . Nach einer Weile kam ein Mensch und redete herrisch mit ihnen ; sie hoben die Bündel auf und folgten ihm in traurigem Zug . Es waren Auswanderer , ihr Führer hatte vom Schiff gesprochen . Daniel dünkte es , als spanne sich eine Saite in seiner Brust und schwinge tonlos . Die sich entfernenden Schritte der acht Menschen wurden zum rhythmischen Gefüge . Verworrenes teilte sich ab ; finster Gewesenes schoß ins Licht . Voller Beklommenheit ging er seinen Weg , die Augen zu Boden geheftet , als suche er ; und er sah nicht mehr , hörte nicht mehr , wußte die Stunde nicht . Nach einer Erstarrung von anderthalb Jahren wehte Märzwind in seiner Seele . Aber es war wie Krankheit . Ungeduld verzehrte ihn . Sein nächstes Ziel war Kloster Oesede bei Osnabrück , von dort wollte er nach Berlin . Er konnte das Stillsitzen in der Eisenbahn nicht aushalten ; in Wesel gab er seinen Koffer als Fracht auf und wanderte mit Mantel und Rucksack weiter . Er marschierte acht bis zehn Stunden täglich , trotz des schlechten Wetters . Es war Ende Oktober , die Morgen und Abende waren kalt , die Straßen naß , die Quartiere elend . Nichts beirrte ihn ; er ging und ging , suchte und suchte , oft bis in die späte Nacht , leidenschaftlich in sich versunken . Als er ins Eisen- und Kohlenrevier kam , hob er immer öfter den Blick empor . Die Häuser waren schwarz , die Luft war schwarz , die Erde schwarz , geschwärzte Menschen begegneten ihm . Kupferdrähte sangen im Nebel , Hämmer dröhnten , gewaltige Räder surrten , Schlöte rauchten , Dampfpfeifen gellten , es war wie Traumvision , Landschaft eines unbekannten , verfluchten Sterns . Eines Abends trat er aus einer Kantine , wo er in Eile etwas zu sich genommen hatte . Er war noch zehn Kilometer von Dortmund , wo er nächtigen wollte . Er hatte die Dorfstraße verlassen , da flammten ringsum die Feuer der Hochöfen durch den Nebel , der infolgedessen blutrot glühte . Bergleute kamen schweigend auf das Dorf zu , und ihre müden Gesichter sahen im Flammenschein wie dämonische Fratzen aus . Fern oder nah , man konnte es nicht unterscheiden , zog ein Pferd einen Karren über glitzernde Schienen ; oben stand ein Mann und schwang die Peitsche . Tier , Karren und Mensch zeigten sich riesengroß , das Hühott klang wie ein wilder Geisterschrei , und die eisernen Laute aus den Werkstätten glichen dem Brüllen gequälter Kreaturen . Da fand Daniel , was er gesucht . Da fand er die wehevolle Melodie , welche ihn von Lenore am Tag ihres Todes fortgetrieben hatte . Wohl hatte er sie damals aufs Papier gebracht , aber sie war ohne Folge geblieben , war mit Lenore ins Grab gegangen . Jetzt war sie auferstanden , und alle Folge mit ihr , in wunderbarem Bogen hingedehnt , gegliedert wie ein Leib , erfüllt wie eine Welt . Aus der Maschine war ihm die Musik wiedergeboren worden . 4 Jason Philipp Schimmelweis hatte das Haus an der Museumsbrücke verlassen müssen . Die Miete war zu teuer geworden , und die Geschäfte gingen schlecht . Der Zufall wollte , daß in dem Haus am Kornmarkt , von welchem er vor zwanzig Jahren seinen Aufstieg genommen , eine billige Wohnung frei war , und er zog dort ein . Verstand Jason Philipp seine Zeit nicht mehr ? War er zu alt , zu stumpf , um dem Publikum die literarische Nahrung mundgerecht zu machen ? Waren seine Anpreisungen ohne Kraft , die Reizmittel , die er ersann , ohne Würze ? Niemand wollte mehr Prachtwerke und Lexika auf Raten bei ihm kaufen , auch die reichen alten Herren , die nach zweideutiger Lektüre lüstern waren , kamen nicht mehr . Jason Philipp war ein säumiger Zahler geworden , die Verleger schickten ihm keine Kommissionsexemplare , er kam auf die schwarze Liste . Und er schimpfte über die neueren Schriftsteller und sagte , es sei kein Wunder , daß das Bücherschreiben von lauter nichtswürdigen Subjekten ausgeübt werde , da ja die ganze Nation am Gehirnschwund leide . Es half aber kein Räsonieren , der Zusammenbruch war nicht aufzuhalten . Ein Mann namens Rindskopf kaufte die Lagerbestände zu Makulaturpreisen , und die Firma Schimmelweis hatte aufgehört , zu sein . In seiner Bedrängnis hatte Jason Philipp bei der liberalen Partei Unterstützung gesucht . Er pochte auf die Freundschaft , die ihn mit dem vormaligen Führer , dem Freiherrn von Auffenberg , verbunden hatte . Da kam er übel an . Ein Renegat beruft sich auf den andern , hieß es ; natürlich , gleich und gleich gesellt sich gern . Dann ging er den Freimaurern um den Bart und wollte in die Loge eintreten . Doch gab man ihm zu verstehen , daß man einigen Grund habe , der Reinheit seiner Gesinnung zu mißtrauen und daß seine Bemühungen deshalb vergeblich seien . Eine Zeitlang wurde es ihm schwer , das tägliche Brot aufzubringen . Die Agentenstelle bei der Prudentia hatte er schon längst gekündigt . Seit einer Interpellation im Reichstag und einem großen Prozeß , der kurz hernach gegen die Gesellschaft anhängig gemacht worden war , und den sie verloren hatte , war es mit dem Ansehen des klug ersonnenen Brandschatzungs-Unternehmens vorbei . Jason Philipp hatte keine andere Wahl : er mußte wieder zur Buchbinderei seine Zuflucht nehmen . Er mußte wieder leimen , schneiden und falzen . Von wo er als ehrgeiziger , plänereicher , selbstsicherer , streitbarer Mann ausgegangen war , dorthin kehrte er am Abend seines Lebens arm und verbittert zurück . Nichts hatte gefruchtet , Beredsamkeit nicht , Pfiffigkeit nicht , Wechsel der Überzeugung nicht , Einsicht in die wirtschaftlichen Konjunkturen nicht und Spekulation nicht . Er hatte niemals an eine gerechte Weltordnung geglaubt , weder als Sozialist noch als ehrenfester Bürger , jetzt schien sie ihm nicht einmal passend für einen Merkspruch in einer Kinderfibel . Willibald war nach wie vor ein braver Handlungskommis ; Markus bekam einen Posten in einem Möbelgeschäft und lernte Volapük , denn er verfocht die Ansicht , daß sich alle Völker der Erde binnen kurzem nur noch dieser verbrüdernden Sprache bedienen würden . Therese siedelte so ruhig in das Haus am Kornmarkt über , als sei sie schon seit Jahren mit dem Gedanken vertraut . Es befand sich dort ein Erkerfenster , an diesem saß sie , wenn die Arbeit in der Küche getan war , und strickte Strümpfe für ihre Söhne . Bisweilen kratzte sie mit der Nadel ihren grauen Kopf , bisweilen griff sie nach einem Schälchen ungezuckerten , kalten Kaffees , das stets neben ihr stand . Ihr Blick war der trübste Menschenblick , den man wahrnehmen konnte , ihre Hand die schwieligste , runzligste Bauernhand , die je eine Städterin gehabt . Ununterbrochen mußte sie an das viele Geld denken , das in den zwei Dezennien , die sie am Ladentisch in der Plobenhofgasse verbracht hatte , durch ihre Hand gegangen war . Sie malte sich aus , wohin das viele Geld gerollt sein konnte , wem es jetzt diente , wen es jetzt quälte . Denn sie war nun seiner ledig , und sie freute sich in ihrem Innern , daß sie seiner ledig war . Eines Tages trat Jason Philipp aus seinem Arbeitsraum in die Stube , eine Zeitung in der Hand , und rief mit strahlender Miene : » Endlich , meine Liebe , endlich ! Ich bin gerächt . Jason Philipp Schimmelweis war doch ein guter Prophet . Nun , was meinst du ? « fuhr er fort , als ihn Therese ohne sonderliche Neugier anschaute , » was meinst du ? Rate mal . Ich lass ' was draufgehen , wenn du ' s errätst . Aber du errätst es ja nicht , das kann kein Weiberschädel fassen . « Er stieg auf einen Stuhl , hielt die Zeitung wie eine Fahne in die Höhe und jubelte : » Mit Bismarck ist ' s aus ! Er wird gegangen ! Der Kaiser hat ihn geschaßt ! Nun kann kommen , was will , ich habe nicht umsonst gelebt . « Jason Philipp hatte das Gefühl , als sei es hauptsächlich seinem Wirken zuzuschreiben , daß dem großen Kanzler die Zügel der Regierung entrissen worden waren . Seine Befriedigung äußerte sich auch weiterhin auf eine ebenso geräuschvolle wie seinem Alter unangemessene Weise . Er fiel die Bekannten auf der Gasse an und forderte Gratulationen von ihnen . Er spendierte in seinem Stammwirtshaus ein Faß Bier und legte in einer mit allerlei Sarkasmen und volkstümlichen Wendungen gespickten Rede die Gründe dar , weshalb er diesen Tag als den glücklichsten seines Lebens betrachte . Er sprach : » Erwiese mir das Schicksal die Gunst , vor diesem Schädling , diesem gewissenlosen Tyrannen einmal Mann gegen Mann zu stehen , wahrhaftig , ich nähme mir kein Blatt vors Maul , und er sollte Dinge von mir zu hören kriegen , die ihm noch kein Sterblicher gesagt hat . « Mehrere Monate vergingen , und eines Tages unternahm der mit seinem Geschick hadernde Bismarck von seinem Sitz im Sachsenwald eine Reise nach München . Eine gewaltige Erregung machte sich in Nürnberg bemerkbar , als es hieß , der eiserne Kanzler werde um die und die Stunde den Bahnhof passieren . Alles wollte ihn sehen , jung und alt , vornehm und gering , schon in der Morgenfrühe drängte sich das Volk in dichten Scharen durchs Königstor . Bei diesem Schauspiel durfte Jason Philipp nicht fehlen . » Einen Tiger , dem die Krallen abgeschnitten und die Zähne ausgebrochen worden sind , zu beaugapfeln , ist ein Vergnügen , das sich meiner Mutter Sohn nicht entgehen läßt , « sagte er . Seine Ellenbogenkraft leistete ihm nützliche Dienste , und als der Zug in die Halle fuhr , stand unser Rebell in der vordersten Reihe der zu einer undurchdringlichen Masse zusammengekeilten Menschen . Der Zug hatte einige Minuten Aufenthalt , und unter dem betäubenden Hurrageschrei des Volkes verließ der Fürst seinen Wagen . Er drückte dem Bürgermeister die Hand und begrüßte einige hohe Offiziere . Jason Philipp rührte sich nicht . Es fiel ihm nicht ein , Hurra zu rufen . Nein , es fiel ihm nicht ein . Ein säuerlich höhnisches Lächeln umspielte seinen Mund , und sein schon weißer Bart zuckte , wenn er die Lippenwinkel in satanischer Genugtuung auseinanderzog . Es fiel ihm nicht ein , den Hut zu ziehen , trotzdem in seiner Nähe ein unheildrohendes Murren vernehmbar wurde . Ich bin konsequent , mein lieber Bismarck , dachte er ; ich , Jason Philipp Schimmelweis , bin unbestechlich . Doch schien ihm die Genugtuung , die wir als satanisch bezeichneten , nicht ganz begründet , da sie in einem zu schroffen Gegensatz zu dem rings um ihn herrschenden Enthusiasmus stand . Was war in den dummen Pöbel gefahren ? Was raste er ? Sah den Feind vor sich , den Henker , sah ihn unschädlich , im bürgerlichen Kleid , und gebärdete sich , als sei der Messias aus dem Extrazug gestiegen ! Da dünkte es Jason Philipp , wie wenn die Blicke des Fürsten sich geradeaus gegen ihn richteten , wie wenn der furchtbar große Mann mit dem seltsam kleinen Kopf und den ungeheuerlich blauen Augen Anstoß an seinem Schweigen genommen , wie wenn er von seiner Gesinnung irgendwie Kunde erhalten hätte . Das säuerlich höhnische Lächeln erstarb in Jason Philipps Gesicht , er verspürte eine laue Unkraft , Angstschweiß perlte auf seiner Stirn , unwillkürlich drückte er die Knie durch und die Brust heraus , riß den Hut herunter , öffnete den Mund und schrie : » Hurra ! « Er schrie Hurra . Der Blick des Fürsten wandte sich wieder von ihm ab . Aber Jason Philipp hatte Hurra geschrien . Er schlich beschämt nach Hause . Er zog die Pantoffeln an die Füße ( » dem Müden zum Trost « ) ; sie waren schon recht zerfranst , die Pantoffeln , sie hatten gelitten im Lebenskampf ; er streckte sich auf dem Sofa aus , das Gesicht zur Wand , den Rücken gegen das Fenster , gegen die Welt gekehrt . 5 Wochenlang hatte Daniel in Berlin einsam gelebt , weit draußen , im Osten der riesigen Stadt . Da kam einer der Leiter des Hauses Philander und Söhne zu ihm . Er besuchte den Mann wiederum , und im Verlauf von zwei Stunden wurde er gegen seinen Willen mit einem ganzen Schwarm von Komponisten , Dirigenten , Virtuosen und Musikkritikern bekannt . Einige hatten von ihm gehört , er erschien ihnen merkwürdig , sie warfen ihre Netze nach ihm aus , er entschlüpfte , mußte sich bei unvermuteten Begegnungen dennoch fangen lassen , mußte Rede stehen , sich enthüllen , fand sich verpflichtet , interessiert , aber keiner hatte Gewalt über ihn , er ging nur zwischen ihnen durch . Sie lachten über seine Mundart und seine Unmanierlichkeit . Was sie anzog , war sein Selbstrespekt , was sie reizte , war sein verschlossenes Wesen , was sie originell fanden , war , daß er immer wieder für Monate aus ihrem Gesichtskreis schwand . Eine geschiedene junge Frau , eine Jüdin , Regina Sußmann mit Namen , faßte eine Schwärmerei für ihn . Sie erkannte in Daniel die elementare Natur ; je mehr er ihr auswich , je hartnäckiger warb sie um seine Beachtung . Manchmal tat es ihm wohl , wieder eine Frau zu spüren , den helleren Laut , den zarteren Schritt , den reineren Atem , doch glaubte er nicht an Regina Sußmann , weil sie ihm zu wissend schien . Da war nichts von jener Pflanzenart , ohne die ihm eine Frau bildlos und verwildert vorkam . An einem Wintertag besuchte sie ihn in dem öden Mietszimmer , das er in der Greifswalder Straße bewohnte . Sie setzte sich an das Pianino und phantasierte vor sich hin . Zuerst war es wie Dunst ; plötzlich lauschte er betroffen . Was er hörte , klang ihm auf eine halb unbehagliche , halb schmerzliche Weise vertraut . Es waren Motive aus dem Quartett , dem Lenoren-Quartett , wie er es für sich benannt hatte . Es stellte sich heraus , daß Regina Sußmann vor drei Jahren bei der Aufführung in Leipzig gewesen war . Nach einer lastenden Stille griff eine Frage Reginas kühn in sein Inneres . Sie wollte Fäden vom Werk zum Menschen knüpfen ; sie wollte von seinem unbekannten Schicksal den Schleier reißen . Er stieß sie zurück . Danach tat sie ihm leid , und zögernd fing er an , von seiner Symphonie zu sprechen . Die leidenschaftlich-stumme Teilnahme der Frau hatte etwas Verzauberndes ; er verlor sich , er vergaß sich , er eröffnete sich . Er baute das Werk in Worten vor ihr auf , die sieben Sätze gleich sieben Treppen eines Tempelturms , ein herrliches Empor in die oberen Sphären , ein tragischer Sturm mit tragisch heitern Pausen der Erinnerung und Besinnung , von lächelnden Genien begleitet , welche die Pfeiler der Traumregion schmückten und bekränzten . Dann begab er sich ans Klavier , schlug das wehvolle Hauptmotiv an und die beiden Seitenthemen , kontrapunktierte sie , steigerte , variierte , modulierte und sang zugleich . Seine Pupillen hatten sich erweitert und loderten hinter den Gläsern der Brille in grünem Feuer . Da kniete Regina Sußmann neben dem Instrument nieder . Vielleicht zwang sie die Ergriffenheit , dies zu tun , vielleicht wollte sie ihm einen sichtbaren Beweis ihrer Andacht und Verehrung geben . Da wurde ihm die Frau plötzlich widerwärtig , das gelöste Schmachten ihrer Augen erregte seinen Ekel , ihre kniende Stellung dünkte ihm wie Spott und Grimasse , eine Erinnerung war entweiht , er sprang auf , eilte wortlos , mit zornig verkniffenen Lippen hinweg und ließ sie , in seinem Zimmer , allein zurück . Als er spät in der Nacht heimkehrte , fürchtete er , sie noch zu treffen , aber sie war nicht mehr da . Nur ein Brief lag neben der Lampe auf dem Tisch . Sie schrieb , daß sie ihn verstanden habe ; sie habe verstanden , daß er in seiner Vergangenheit wie in einer Festung wohne , und daß Schatten um ihn seien , die durch keine Anmaßung eines Lebendigen verscheucht werden dürften . Sie wolle sich nicht in sein Inneres drängen , doch habe sie Angst um seine Zukunft und wie er den Hunger des Leibes , den Hunger des Herzens einst niederkämpfen würde . » Schamlose , « murmelte Daniel , » Spionin ! « Sie habe seine Größe erkannt , hieß es in fast perverser Demut weiter , er sei der Genius , dem sie entgegengeharrt , und sie wünsche sonst nichts , als ihm zu dienen . In der Ferne , da er ihre Nähe nicht ertragen wolle ; er möge es sich um seinet- und der Menschheit willen gefallen lassen . Daniel verbrannte den Brief . In der Nacht wachte er auf und hatte Sehnsucht nach der zärtlichen Berührung einer Unberührten . Er träumte ein Lächeln auf dem Antlitz einer Siebzehnjährigen , arglos Spielenden , und es schauderte ihm vor sich selbst . Kurze Zeit hernach fuhr er nach Dresden , wo er in der Königlichen Bibliothek zu arbeiten hatte . Es kamen Menschen zu ihm , die für ihn wirken wollten . An vielen Zeichen merkte er , daß Regina Sußmann glühende Propaganda für ihn trieb . Eines Tages erhielt er von einer Gesellschaft von Musikfreunden in Magdeburg die Aufforderung , dort ein Konzert zu leiten . Er schwankte lange , endlich willigte er ein . Äußerlich hatte der Abend nur geringen Erfolg , doch spürten die Hörer seine Macht . Stümpernde Musikanten , sich vergessend , wurden zu beseelten Sklaven seines Arms und Blicks . Ein ungewisses Glück , das er in den Guten weckte , rief ihn weiter auf der Bahn . Zwei Winter lang dirigierte er klassische Konzerte in den Provinzstädten des Nordens . Er war der erste , der damit begann , das Publikum an strenge Programme zu gewöhnen . Der erste erntet selten Dank . Hätte er sich nicht so puritanisch der Darbietung von Süßigkeiten enthalten , von Opernnummern und beliebten Tongemälden , sein Wirken hätte sich besser gelohnt . Er wurde mit Achtung genannt , dennoch ging er dunkel durch die Städte . Regina Sußmann war immer dort , wo er ein Konzert gab . Er wußte es , auch wenn er sie nicht sah . Bisweilen gewahrte er sie in der vordersten Reihe . Sie näherte sich ihm niemals . Dann und wann erschienen begeisterte Artikel in den Zeitungen , die erkennbar von ihr beeinflußt waren . Einmal begegnete er ihr auf der Treppe eines Hotels . Sie blieb stehen , bleich mit gesenkten Augen . Er ging vorüber . Da flammte wieder die Sehnsucht auf nach der zärtlichen Berührung einer Unberührten . Hungerte wirklich schon sein Herz ? Er biß die Zähne zusammen und arbeitete die ganze Nacht hindurch . Es schien ihm , als bedrohe ihn die düstere Nüchternheit seiner Zeit und seiner Welt schrecklich . Aber bedurfte es , um sie abzuwenden , eines Weibes ? Die Schatten wichen trauernd zurück , Gertrud und Lenore , schwesterlich umschlungen . Laß ab von deinem Tun ! riefen sie . Und er sah , daß ihn die provinzlichen Konzertreisen zu falschen Zielen lockten , falschen Ehrgeiz entfachten , seine Kräfte zerteilten . Auch ertrug er die blendend hellen Säle nicht mehr , die geputzten Menschen , die leer kamen , unverwandelt gingen . Es war alles wie Lüge . Da ließ er ab , gerade als die Verführung am stärksten war , als ihn die Berliner Philharmonie eingeladen hatte , in ihren Räumen seine eigenen Schöpfungen zu dirigieren . Plötzlich war er verschollen . Ehe drei Monate vergingen , war sein Name zur Sage geworden . 6 Sommer , Herbst und Winter des Jahres 1893 verbrachte er mit unstetem Wandern . Bald saß er an einem entlegenen Ort in Thüringen , bald in einem Tal der Rhön , bald im Erzgebirge , bald in einem Fischerdorf an der Ostsee . Tagsüber arbeitete er an dem Sammelwerk , in der Nacht komponierte er . Und nur der Firma Philander war sein jeweiliger Aufenthalt bekannt . Vor den Brotherren durfte er sich nicht verstecken . Allmählich entwöhnte er sich des Wortes so , daß es ihn Mühe kostete , mit einem Wirt über den Preis eines Zimmers zu verhandeln . Das beständige Schweigen meißelte seine Lippen zu unheimlicher Schärfe aus . Er hörte nichts von seiner Mutter , nichts von seinen Kindern . Es war , als hätte er vergessen , daß es Lebendige gab , die seiner mit Liebe , mit Angst gedachten . Die einzigen Boten aus der Welt waren Briefe , die er in Zwischenräumen von vier bis fünf Wochen durch das Verlagshaus in Mainz nachgeschickt bekam . Die Briefe waren von der Hand Regina Sußmanns , aber sie trugen ihre Unterschrift nicht , sondern die Schreiberin nannte sich » die Schwalbe « . Und sie redete Daniel mit Du an . Sie erzählte ihm von ihrem Leben , von Büchern , die sie las , von Menschen , die sie sah , und von ihren Ideen über Musik . Ihre Mitteilungen wurden ihm nach und nach unentbehrlich , ihre Treue rührte ihn , und daß sie sich ihres Namens entäußert hatte , gefiel ihm . Sie hatte eine erstaunliche Feinheit und Kraft im Ausdruck , und so unwahr , so gespannt sie im persönlichen Verkehr auf ihn gewirkt hatte , so überzeugend und natürlich war alles , was sie schrieb . Nie ein Wunsch , daß er geben möge , was er doch nicht geben konnte ; nie eine Klage . Dafür eine Leidenschaftlichkeit des Verstandes , die ihm neu war , die er an Frauen noch nicht kannte , eine Glut und Sicherheit im Erfassen seines Wesens , vor der er sich beugte wie vor einer höheren Stimme . Er beantwortete keinen Brief , doch wartete er nicht selten mit Ungeduld auf den , der fällig war . Oft dachte er an die Schwalbe , in der Nacht , wenn er an ein schwarzes Fenster trat ; er dachte an sie wie an einen allsehenden Geist , der in den Lüften haust . Die Schwalbe , das war sinnvoll , die unruhige , zarte , schnelle Schwalbe . Und er sah jene eine , die sich damals in fabelhaftem Bogen über den Kirchenplatz geschwungen hatte , als Eberhard von Auffenberg gekommen war , um ihn zu den verwelkten Blumen zu führen . Da schrieb er an Philippine : » Schmücke meine Gräber , kauf zwei Kränze und leg sie auf die Gräber ! « » Du mußt zum Wolkengipfel hinan , sonst bist du verloren , Daniel , « lautete eine Stelle in einem der Schwalbenbriefe ; » sobald du um eine Einsamkeit weißt , mußt du in eine andere , ungewußte schlüpfen , sobald ein Weg sich dir bahnt , mußt du ins Dickicht stürmen , sobald ein Arm dich umschlingt , mußt du dich losreißen , und gibt ' s auch Blut und Tränen . Du mußt über die Menschen hinaus , du darfst kein Bürger sein , nichts Liebliches darf dir lieb werden , keinen Begleiter und keine Begleiterin darfst du haben , kühl und still müssen die Zeiten um dich schwingen , erzumschlossen bleibe dein Herz , denn die Musik ist eine Flamme , die im Menschen , der sie gebiert , alles durchbricht und verzehrt , bloß nicht den Stoff , den die Götter um den Auserwählten geschmiedet haben . « Wie hätte da nicht vollends das Bild der rothaarigen Jüdin entschwinden sollen , vor der Daniel in Widerwillen geflohen war ? Da war eine Muse , wie sie von Dichtern erträumt wird . Jüdin , wunderbare Jüdin , dachte Daniel , und dieses Wort , Jüdin , erhielt für ihn eine eigens Bedeutung von Gemütsgewalt und prophetischem Flug . » Das Werk , Daniel Nothafft , das Werk , « schrieb diese zweite Rahel ein anderes Mal , » der Prometheusraub , wann schenkst du ihn der verarmten Menschheit ? Die Zeit ist wie erdig schmeckender Wein , dein Werk muß Filter sein ; sie ist wie ein epileptischer Körper im Starrkrampf , dein Werk sei die heilende Hand , die man ihm auf die Stirn legt . Wann endlich gibst du , Sparsamer , wann reifst du , Baum , wann ergießt du dich , Strom ? « Aber dem Baum eilte es nicht , die Früchte abzuwerfen ; der Strom fand den Weg lang bis zum Meer ; er hatte Gebirge zu durchhöhlen und Felsen zu zerbrechen . O , qualvolle Nächte , in denen bestehende Form wieder und immer wieder verfiel ! O hundert qualvolle Nächte , in denen kein Schlaf war , nur aufgeregtes Toben vieler Stimmen ! Trübe Morgen , wo die Sonne auf zerfetzte Blätter schien und auf ein verstörtes Gesicht , ein Gesicht voll alter , immer neuer Leiden . Und Mondnächte , wo einer singend dahinschweift , nicht fröhlich singend , sondern singend wie einst die Ketzer auf den Marterbänken der Inquisition ; und Regennächte , Sturmnächte , Schneenächte , wo er dem Phantom einer Melodie nachrast , die halb schon sein Eigentum ist , halb noch im grenzenlosen Raum unter den Sternen irrt . Da wurde alle Landschaft bleiche Vision , Busch und Gras und Blume wie Gespinst in einem Fieber , Menschen , die vorübergingen , und Nebelschwaden , die überm Wald faserten , waren von ein und derselben Beschaffenheit ; nichts war greifbar ; der Gaumen schmeckte den Bissen nicht , die Finger spürten kein Ding . Schlechtes Wetter war das willkommene ; es dämpfte die Geräusche , machte die Menschen stiller . Verflucht die Mühle , die klappert , verflucht der Zimmermann , der den Balken schlägt , verflucht der Fuhrknecht , der die Gäule anruft , verflucht das Lachen von Kindern , das Quaken der Frösche , das Zwitschern der Vögel ! Ein Fühlloser blickt auf euch , einer , der stumm und taub ist , einer , der Kleid und Schmuck von der Welt reißen will , damit keine Farbe und kein Glanz sein Auge ablenkt , einer , der bei Nacht zum Himmel fliegt , um das ewige Feuer zu stehlen , und bei Tag in Gräbern wühlt , ein Auswürfling . Als das Frühjahr kam , begann er den dritten Satz , ein Andante mit Variationen . Es drückte den schauerlichen Frieden aus , den Lenores schlummerndes Antlitz eine Nacht vor ihrem Tod gezeigt . Da waren plötzlich alle Quellen erschöpft , und er wußte nicht , warum seine Hand und seine Phantasie erlahmten . Eines Abends kehrte er von einer langen Wanderung nach Arnstein zurück , einem Marktflecken im Unterfränkischen , wo er um diese Zeit sein Quartier aufgeschlagen hatte . Er wohnte bei einer Nähterin , einer armen Witwe , und als er in sein Zimmer trat , sah er das Töchterchen der Witwe , ein zehnjähriges Kind , vor der geöffneten Schachtel stehen , in der sich die Maske der Zingarella befand . In harmloser Neugier hatte das Mädchen den Deckel heruntergenommen und war gebannt von dem unerwarteten Anblick . Als es Daniel gewahr wurde , zuckte es erschrocken zusammen und wollte fliehen . Aber Daniel legte ihm die Hand auf die Schulter und sagte : » Bleib nur ! « Er fühlte den mageren Körper , die furchtsam bebende Gestalt unter seiner Hand , und eine ferne Erinnerung schlug ihm wie mit Krallen in die Brust . Der Mund der Maske schien zu sprechen , Stirn und Wangen leuchteten weiß ; wenn er die Augen abwendete , tanzte oben im Raum ein Elfchen , und das Elfchen erregte eine schuldvolle Unruhe in seinem Gemüt . 7 Philippine wollte nie erlauben , daß das Agneslein mit andern Kindern spielte . Einmal war das Kind auf den Platz gegangen und hatte zugeschaut , wie kleine Mädchen » Schneider , leih mir die Scher ' « spielten und lachend von Baum zu Baum liefen . Gern hätte es sich zu ihnen gesellt , aber niemand forderte das blasse , scheue Wesen auf , am Spiele teilzunehmen . Da schoß Philippine wie eine Furie daher und rief erbost : » Geh in die Stuben ' nauf , sonst kriegst a Schell ' n , daß dir drei Tag lang die Zähn im Maul klappern . « Auch zog sie immer ein schiefes Gesicht , wenn der alte Jordan sich zu dem Kind setzte , um mit ihm zu reden . Beachtete er dies Zeichen ihres Unwillens nicht , so begann sie erst leise zu singen , dann lauter , dann schimpfte sie in gehässiger Weise und gab sich nicht eher zufrieden , als bis Jordan mit einem Seufzer aufstand und hinausging . Er durfte es nicht wagen , Philippine zu trotzen ; sie bestrafte ihn , indem sie ihm schlechtes Essen und winzige Portionen verabreichte . Und er litt viel an Hunger . Er verdiente nur ein paar Groschen in der Woche und mußte das Geld sparen , damit er die Ausgaben bestreiten konnte , die ihm durch die