Traunstein gegen Rosenheim , Kufstein gegen Marquartstein . Durch Überredung gewonnnen oder durch Vorteil verlockt , durch Drohung eingeschüchtert oder durch Geld bestochen , fielen die Lehensleute von ihren Herren ab , innerhalb der Städte entzweite sich Volk und Regierung , der Bruder schlug gegen den Bruder , Vater und Sohn wurden Feinde . So standen auf allem Boden , der bayerisch hieß , von der Ulmer Gegend bis zum Böhmerwald und bis Linz hinunter , vom Main bis nach Tirol , die Bewohner schwesterlicher Erde mit Feuer und Eisen , mit Galgen und Pulver gegeneinander im Kampfe , und es entbrannte ein Krieg verwandter Stämme , schmachvoll und schauerlich , wie er unerhört war in der Geschichte eines von gleichem Blute durchströmten Volkes . König Sigismund , der in Sorge geriet um die Säulen des Reiches , mahnte durch Briefe und Gesandte zum Frieden , bat mit herzlichen Worten , wurde streng und drohte mit der Reichsacht . Und Rom , das seine Klöster und Kirchen gebrandschatzt und geplündert sah , rückte mit Kirchenbann und gräßlichen Strafen der Ewigkeit wider die vom Zwietrachtsteufel besessenen Fürsten aus . Aber keiner von den Wittelsbachern hörte auf die Stimme des deutschen Königs , keiner auf den Schrei des Papstes . Herzog Heinrich wie Herzog Ludwig schworen mit heiligen Eiden , das dem König gegebene Friedensgelöbnis unverbrüchlich gewahrt zu haben ; der königstreue Ingolstädter schob die Schuld auf den heimtückischen Landshuter , der königstreue Landshuter schob sie auf den allzeit gefährlichen Ingolstädter , einer beschuldigte den anderen des schnöden Friedensbruches , und jeder beteuerte , daß er wider Willen gezwungen wäre , sich seiner bedrohten Haut zu wehren . Nur die Münchener Herzöge konnten mit gutem Rechte sagen : » Wir müssen als redliche Leute die Treue wahren , die wir dem Vetter Heinrich zugelobten . « Von allen Fürsten , die in diesen Krieg verwickelt wurden , hörte nur ein einziger auf die Friedensmahnungen des deutschen Königs : Friedrich von Zollern , der Burggraf von Nürnberg und neue Herr der ehemals Wittelsbachischen Mark Brandenburg , mit der ihn König Sigismund auf dem Konzil von Konstanz für treue Dienste belehnt hatte . Obwohl ihn Ludwig mit Pikenstößen reizte und brandschatzend seine fränkischen Lande verwüstete , zögerte Friedrich noch immer , in den Kampf zu treten . Jeder Werbung seines Schwagers Heinrich von Landshut entzog er sich . » Was kümmert mich euer Vetterngezänk , ich will in Frieden meinen jungen Acker bauen . « Er blieb in seiner Mark , machte aus der Ferne noch einen Versuch zur Herstellung des Friedens in den bayerischen Landen , vereitelte einen Anschlag seiner Verbündeten auf den Ingolstädter und bot ihm die Hand zur Versöhnung . Sein Dank war ein mit Hohn und Schimpf beladener Brief , der ihn des Raubes am Hause Wittelsbach beschuldigte , ihn die brandenburgische Elster nannte und mit den Worten begann : » Du kürzlich hochgemachter Markgraf ! « Da schob auch Fritz von Zollern die Faust in den eisernen Handschuh und erschien im Felde . Mit raschen Stößen warf er dem Ingolstädter die Feste Parkstein nieder und eroberte die Burgen von Hilpoltstein , von Weiden und Floß . Was Herzog Ludwig hier im Norden verlor , das ließ er seine Gegner südlich der Donau in sinnloser Verwüstung büßen . Während dieses roten Herbstes wurden die bayerischen Lande durch Eisen , Feuer und Raub so schwer geschädigt , daß innerhalb weniger Monate mehr Leute verdarben und arm gemacht wurden als sonst in hundert Jahren . Immer wieder das gleiche : fallende Burgen , stürzende Mauern , geplünderte Städte , brennende Dörfer , verwüstetes Feld , geschändete Weiber , verstümmelte Mannskörper ohne Augen und Ohren , ohne Nasen und Lebner , große Lachen geronnenen Blutes und verwesende Leichname von Mensch und Tier , die zu begraben der Krieg keine Zeit gefunden . In allen bayerischen Landen begann es zu riechen , wie es beim Gadnischen Hallturm gerochen hatte . Und während das Volk verdarb , ohne Obdach war und hungerte , füllte die Ritterschaft jede Kriegspause mit Turnier und Festen , mit Tanz und Frauenspiel . Des Brennens und Mordens wurde weniger , als bei Anbruch der Winterkälte die Kinnhaut kleben blieb an der stählernen Halsberge und die blauen , starren Finger anfroren an den Schwertgriff . Nachdem die Truppen bis zur Adventzeit im Felde gelegen , waren Waffen und Harnisch verdorben , die Kleider am Leib der Kriegsleute verfault , das Sattelzeug der Gäule von Nässe und Frost zermürbt . Fast alle Dorfleute der bayerischen Lande mußten sich während des Winters in den Städten und Burgen halten . Außerhalb der Stadtmauern stand oft zwölf und fünfzehn Meilen weit kein Dorf und kein Haus mehr . Zwischen dem Main und den Bergen war an Dörfern ein halbes Tausend geplündert und niedergebrannt . Und manches Dorf war so ganz verderbt , daß weder Haus noch Kirche mehr übrig waren . In den Städten , Burgen und umwallten Märkten , wo sich die Flüchtlinge in gedrängten Massen bei Not und Hunger zusammenhuschelten , brachen fressende Seuchen aus . Unter Armut , Leiden und Hilflosigkeit verzagten die Menschen und wurden des Lebens müde . Sie sagten : » Sterben ist das Beste . « Nur die Siechenträger und Totengräber hatten Erntezeit , und die Pulvermüller , Schwertfeger , Pfeilschäfter und Waffenschmiede fanden bei ruheloser Arbeit reichlichen Verdienst . Das stählerne Klopfen bei Tag und Nacht war wie der fiebernde Pulsschlag dieses Winters in allen Städten und Burgen . Im schmelzenden Schnee des Febers jagten die Briefreiter durch die verwüsteten Länder , die belebt waren von Dohlenkrächzen und Geierflug . Eine böse Unsicherheit lauerte bei den schwarzen Resten der niedergebrannten Dörfer . Gauner , kranke Weiber , Bettler und Ausgestoßene sammelten sich zu Schwärmen des Elends und hausten in den Wäldern . Diebstahl , Raub und Meuchelmord durchtaumelten das Land . Ritterliche Heckenreiter machten gemeinschaftliche Sache mit den niedrig geborenen Räubern . Sogar des Königs Boten wurden auf den Straßen niedergeworfen und beraubt . Herzog Heinrich verstand es , zwischen Landshut und Burghausen eine Art von Sicherheit aufrechtzuerhalten . An den vielen , die seinem Landfrieden in die Quere gerieten , hatten die entlaubten Bäume neben den niederbayerischen Straßen schwer zu tragen . Herr Heinrich pflegte zu sagen : » Das sind Wölfe . Weg damit ! « Es sah auch sonst im Herzen seines Landes während dieses Winters ein wenig besser aus als anderwärts . Er hatte den Gegner nach Kräften geschädigt , doch immer nach Möglichkeit seine eigenen Leute geschont . Es war eines von seinen klugen Worten : » Wenn alle Bauern erstochen werden , wo nehmen wir andere her , um uns zu ernähren ? « Bei Beginn des lauen Frühlings stand er mit erfrischten , gut bewaffneten Truppen wieder als erster im Feld und berannte die noch winterschläfrigen Burgen seines Gegners . Er wandte sich immer gegen Plätze , deren Bezwingung nur ein mäßiges Opfer an Geld , Zeit und Menschen von ihm verlangte . Ehe die blauen Veilchen kamen , war von den Bergen bis zum Main der Krieg schon wieder in roter Blüte . Herr Heinrich - ohne Rücksicht auf seine Verbündeten nur den eigenen Vorteil wahrend - führte diesen Frühlingsfeldzug so vorsichtig und sandte den treuen Vettern nur so bescheidene Hilfe zu , daß die Herzöge von München unwillig wurden und klagten : » Willst du nicht besser beispringen , so müssen wir von diesem Kriege abstehen . « Mit Heinrichs sparsamer Hilfstruppe , mit ihren Münchener Bürgern und ihren Oberländer Bauern brachen Herzog Ernst und Wilhelm dem Ingolstädter die Feste Friedberg , die Burgen Schwabeck , Türkheim und Grainsbach und bedrohten die Städte Neuburg und Rain , zwischen denen die Fackeln von hundert Dörfern loderten . Noch übler als südlich der Donau stand die Sache des von Feinden umkreisten Ingolstädters im Nordgau . Als Markgraf Friedrich die festen Plätze Kirchberg , Monheim und Dingolfing mit dem Schwerte genommen und zur Huldigung gezwungen hatte , mußte Ludwigs Hauptmann Christoph Laiminger nach dem Falle von Lauf bei Fritz von Zollern um einen Waffenstillstand ansuchen . Herzog Ludwig geriet in eine erbitterte Stimmung . Der Ausgang des Unternehmens konnte bei der Übermacht seiner Gegner nicht zweifelhaft sein . Die Zahl seiner Feinde mehrte sich noch immer , und seine eigenen Leute begannen irr an ihm zu werden . Die kleinen Mäuse verließen das sinkende Schiff . Auch einer von Ludwigs mächtigsten Vasallen , der Abendsberger , fiel von ihm ab und öffnete den Münchener Herzögen seine Burgen . Doch was in Ludwig die strotzende Kraft am gefährlichsten zerbröselte und sein helles Lachen erlöschen machte , war sein begründetes Mißtrauen gegen den eigenen Sohn . Prinz Höckerlein , obwohl er in diesen knirschenden Zeiten Töne von kindlicher Herzlichkeit gegen den Vater zu finden wußte , entwickelte hinter des Herzogs Rücken eine unheimliche Tätigkeit , zog des Vaters Freunde durch goldene Versprechungen an sich und gewann des Herzogs Vertrautesten , den Lautenspieler Nachtigall . Herr Ludwig fühlte das graue Spinnennetz , das da gewoben wurde , und konnte es doch mit seiner starken Faust nicht fassen , nicht zerreißen . Er ließ sich bei Tag und Nacht von seinen roten Einrössern bewachen und genoß keine Speise , ohne daß Prinz Höckerlein die Mahlzeit mit ihm teilte . Das Gefühl der Unsicherheit , seine ruhelose Sorge um Macht und Leben , seine gereizte Laune und sein Jähzorn verleiteten ihn zu Grausamkeiten , die sonst nicht in seiner Art lagen . Als eine seiner reichsten Städte , Donauwörth , von ihm abfiel und ihm die schweren Steuerlasten mit offener Fehde heimzahlte , zwang er den Bürger Lang , der den Fehdebrief überbrachte , das Pergament mit Schnur und Siegel zu verschlucken . » Du bist kein Gesandter . Du bist ein meineidiger Schuft . Allen deinen Mitbürgern , wenn ich sie fange , soll es ergehen wie dir ! « Dieser leutselige und frohe Fürst , der noch nie in seinem Leben ein Todesurteil unterschrieben hatte , gab den Befehl , dem städtischen Gesandten die Augen auszustechen , die Zunge und den Lebner abzuschneiden und die beiden Hände vom Leib zu hacken . Als dem Herzog in seiner kostbaren Stube gemeldet wurde , daß es geschehen wäre , deutete er auf den aus Bronze gegossenen Bluthund und sagte im Ekel : » Jetzt bin ich auch wie der ! Heraufsteigen zu mir hat sie nicht können , die Laus ! Jetzt hat sie mich zu sich hinuntergezogen . « Beim Auf- und Niederschreiten durch die von Vogelgezwitscher erfüllte Stube sah er in einem Silberspiegel sein Bild , lachte grell und spie es an . Dann plötzlich umklammerte er den Hals seines alten Gleslin , weinte wie ein Kind und bettelte : » Laß ihn töten ! Daß er nicht leiden muß ! « Nach diesen Tränen schien die alte Kraft in ihm wieder wach zu werden . Er wehrte sich wie ein Verzweifelter gegen eine Welt in Waffen , verpfändete seine kunstvollen Kostbarkeiten an Juden und reiche Bürger , rüstete ein neues Heer und gewann im Unglück eine Seelengröße , eine Festigkeit und Ruhe , daß auch unter seinen Gegnern mancher Gerechte ihn einen herrlichen , preiswerten Fürsten zu nennen begann . Die Münchener Herzöge - durch Ludwig zum Abzug von Rain und Neuburg gezwungen - wurden immer drängender gegen den Vetter Heinrich , dem sie trotz allem Mißtrauen noch immer die Treue hielten . Heinrich schickte neue Versprechungen und bundsbrüderliche Briefe , doch keinen Gaul , keinen Spießknecht , keine Büchse , und blieb persönlich dem Feldlager fern , sich entschuldigend mit einem Anfall seiner Krankheit . Durch Kundschafter gut unterrichtet , witterte er mit seiner klugen Nase das Erwachen einer neuen , bedrohlichen Kraft in dem Unverwüstlichen zu Ingolstadt . Und da hielt er mit Vorsicht das Seine zusammen , und während er am Tage zu Burghausen und seiner pflichtschuldigen Fiebers willen das Bett hütete und erst nach Anbruch der Dunkelheit einen erfrischenden Ausritt unternahm , betrieb er innerhalb seiner Mauern mit Hast und aller Gewalt ein neues Rüsten . Da wurde ihm zu Anfang des August , in später Nachtstunde , eine Botschaft gebracht , die ihn barfüßig aus dem Bett trieb und zu so wildem Jähzorn reizte , daß sich nun ein Anfall seines Erbübels ganz ehrlich bei ihm einstellte . Sein Schwager Zollern hatte ihm sagen lassen : » Wehre dich mit eigenen Fäusten deiner Haut , wenn du glaubst , daß du noch immer fechten mußt ! Mich erbarmt dieses schönen , deutschen Landes . Und der König will ' s. Ich schließe Frieden . Willst du dir raten lassen und nicht den Zorn des Königs wider dich heraufbeschwören , so tue das gleiche ! Meinst du es aufrichtig , so will ich Mittler sein zwischen dir und dem Loys . « Jagenden Puls in den Adern , mit nackten Füßen , nur in einen Mantel gewickelt , tobte Herr Heinrich in den schlecht beleuchteten , schmucklosen Stuben seiner Burg umher , während man den geheimen Rat Nikodemus aus der Stadt heraufholte . Die Zähne des Herzogs knirschten , die Nägel seiner Finger gruben sich in das Fleisch seiner zarten Fäuste , und die Augen traten ihm vor wie bei einem , den die Angst vor dem Tode rüttelt . Sein wühlender Haß schon fast erfüllt ! Seine Sehnsucht schon fast zur Wahrheit geworden ! Das erdürstete Glück schon in den Händen ! Jener Starke mit der gebeugten Stirn und dem erloschenen Lachen schon fast in den Staub gedrückt ! Und jetzt alles nur ein Halbes ! Alles zunichte , allem die Kehle durchschnitten . Und ihm , diesem Schwachen und Kleinen , war wieder das Schwert aus der Hand gewunden - wie damals auf der dunklen Gasse zu Konstanz ! In der großen , vielfenstrigen Stube , vor deren Scheiben eine schöne Sommernacht mit funkelnden Sternen blaute , setzte sich Herr Heinrich unter keuchenden Atemzügen , die flehende Mahnung seines Kämmerers mißachtend , an den Tisch und begann zu schreiben . Als Nikodemus kam , war die Antwort an Fritz von Zollern vollendet . Und Herr Heinrich war ruhig . Er reichte seinem geheimen Rat die Botschaft des Schwagers . » Lies ! « Lächelnd schlüpfte er in die warmen Schlafschuhe , die ihm der Kämmerer gebracht hatte , und zog seinen schwarzen Mantel fester um das Hemd . Nikodemus , als er gelesen hatte , sah den Fürsten erschrocken an . Der lachte leis und gab ihm die schief gekritzelte Antwort zu entziffern . Man sah es dem Kahlköpfigen an den Augen an , daß er den Inhalt dieses Blattes nicht begriff . » Wie heißt der letzte Satz ? « fragte Herr Heinrich . Nikodemus las : » So tue in deinem und meinem Namen , was ich als notwendig , hilfreich und redlich erkenne . « Mit heiterer Spannung in den fieberglänzenden Augen fragte der Herzog : » Das verstehst du doch ? « » Nicht ganz . « » Dann mußt du dich noch ein wenig besinnen . Treue Diener müssen die Gedanken ihres Herrn erraten . Siegle das Pergament ! Und fort damit ! Der Bote meines deutschen Schwagers wartet . « Herr Heinrich hatte das deutsch wie ein spottendes Wort betont . Nun trat er zu einem Fenster hin . Da draußen dämmerte ein klarer Morgen . » Schön Wetter wird ! Dieser gute König , der in Eilmärschen zu uns bösen Vettern kommt , um uns friedsam zu machen , wird feines Reisewetter haben . « Ein kurzes Lachen . » Ob Herr Sigismund , der sich um unseren Frieden bemüht , nicht besser Ursach hätte , den Frieden in seinem Ehebett herzustellen ? So viele Hirsche habe ich in meinem Leben noch nicht geschossen , als Königin Barbara ihrem hohen Gemahl schon durch das schöngesalbte Lockenhaar springen ließ . « » Auch Simson wurde betrogen . « » Dann bin ich lieber ein Schwacher . Aber wahr ist ' s , lernen kann man von diesem König . Er liebte zu sagen : Wer nicht zu heucheln weiß , versteht nicht zu regieren . Ein gutes Wort ! Seiner hab ich mich heut erinnert . Die Weisheit des Königs wird mir Früchte bringen . Gott soll ' s wollen . « Während Herr Heinrich zur Türe ging , glitt sein heiterer Blick über die Spruchbänder an der weißen Mauer . » Heut hab ich an den Loys gedacht ! Jetzt leg ich mich ins Bett . Guten Morgen , Nikodemus ! « Dem Kämmerer befahl er : » Ruf mir den Medikus ! « Unter seinem Mantel schauernd , trat er in den kahlen Korridor hinaus . Vor der Schlafstube des Herzogs hielten zwei Harnischer mit blankem Eisen die Wache - ein langer , sehniger Mensch mit einer schweren weißen Narbe über das sonnengebräunte Gesicht herunter ; der andere ein klobiges Mannsbild in wuchtigem Panzer , mit steinernen Zügen und heißen Augen . Diese beiden schienen bei Herzog Heinrich in hoher Gunst zu stehen , da er ihnen seinen Schlaf und sein Leben anvertraute . Er nickte ihnen freundlich zu . Und zu dem Mageren mit der schweren Narbe sagte er lustig : » He , du , mein Nüremberger Galgenvogel ? Bist du gesund ? « » Nit ganz , Herr ! « Der Harnischer lachte , doch etwas Mürrisches war im Klang seiner Stimme . » Faule Zeit vertrag ich nit recht . « » Dann wirst du gesünder werden . « Herr Heinrich , sich streckend , legte dem anderen die Hand auf die eiserne Schulter . » Und du , Ramsauer ? Warum dürsten deine Augen so heiß ? « » Weil ich sterben muß , wenn ich nit bald zu schaffen krieg . « Der Herzog betrachtete die zwei . » Hätt ich tausend wie ihr beide seid , so würde Gott immer wollen , was mir wohlgefällt . « In einem Schüttelfrost fingen ihm die Zähne zu schnattern an . Dabei kicherte er vergnügt vor sich hin : » Arbeit kommt . Wir kleinen Läuse wollen einen Stier umschmeißen . « Es erschien der Leibarzt mit dem Heiltrank ; hinter ihm zwei Diener mit der Essigschüssel und den Tüchern . Bei der Schlafstubentüre des Herzogs gab es ein ruheloses Hin und Her . Im Nachtkleide kam die Herzogin Margarete gelaufen , Schreck in den Augen , und wollte eintreten . Aus der Stube hörte man die schnatternde Stimme des Herzogs : » Sei verständig , Gretl ! Denk an das junge Leben in dir und bleib in deinem Bett . Und weck mir den Jungen nicht auf . Der soll schlafen . Hörst du ? « Links und rechts von der Schwelle standen die beiden Harnischer wie starre Eisenbilder . Solange sie auf Wache waren , durften sie nicht reden miteinander . Doch ihre Blicke hielten Zwiesprache . In dem Schwergepanzerten , unter dessen Eisenschaller das völlig weiß gewordene Haar herausquoll , schien eine wilde Freude zu wühlen ; sie verzerrte sein steinernes Gesicht und war wie ein Brand in seinen Augen . Aus dem Blick des anderen , über dessen sonnverbranntes , in Leiden hager gewordenes Gesicht die schreckliche Narbe lief , sprach eine flackernde Ungeduld , in der sich Hohn und Sorge miteinander mischten . Als der Morgen hell wurde , rasselte eine Ronde von sechs Harnischern , die ein ritterlicher Hofmann des Herzogs führte , durch den kahlen Gang herauf . Die zwei bei der Türe wurden abgelöst ; dann die zwei alten Doppelsöldner vor dem Schlafzimmer der Herzogin und die zwei Gepanzerten vor der Stube des fünfjährigen Prinzen Ludwig . Die Ronde der Abgelösten klirrte in den Schloßhof hinunter . Hier war es ruhig . Doch Hof- und Wehrgänge waren so dick mit Spießknechten , Armbrustern und Faustschützen besetzt , als wäre ein Angriff in jeder nächsten Stunde zu besorgen . Vor dem grauen Schatzturm - den Herr Heinrich den Sieger nannte - bewachten vier Gepanzerte die schwer mit Eisen beschlagene Türe . Junge Weibsleute gingen mit leisem Schwatzen umher und verteilten an die Soldleute die Morgensuppe und den Frühwein . Über eine Zugbrücke , unter der ein faules Wasser den weißblauen Himmel des erwachenden Tages spiegelte , kam die Ronde in den zweiten Burghof . Das gleiche Gewimmel von Waffen wie im Hof des Schlosses . Und ein Schwarm von Handwerksleuten kam zur Arbeit . Schweres Balkenfachwerk umhüllte den noch unvollendeten Hunds-Törring ; der gewaltige Turm war bis zur dritten Schartenreihe gewachsen und sollte vollendet stehen , ehe der Winter käme . Im dritten Burghof , wo die neugegossenen Hauptbüchsen Maul gegen Maul in zwei Reihen standen , waren die Schlafhäuser und Turmstuben der Trabanten und Doppelsöldner . Hier ging die Ronde der Abgelösten auseinander . Die beiden , die vor der Schlafstube des Herzogs gestanden , traten in einen kleinen , alten Turm . In dem dunklen Stiegenraum umklammerte der Ältere den stahlgeschienten Arm des anderen . Eine rauhe Stimme : » Was uns der Herr vertraut hat , muß man verschweigen . Auch vor dem müden Buben da droben . « » Ich hätt mir den Schnabel eh nit zerrissen ! « gab der andere mürrisch zurück und wollte über die steile Treppe hinauf . » Bleib ! « » Was willst ? « » Wer kann sagen , was kommt ? Ich möcht nit haben , daß auch du noch saufen mußt - von meiner Treu . Du ! Unter den Meinen der Beste . Besser , als ich selber bin . Und ich sah , du leidest . Ich mein auch , daß ich weiß , warum . « Ein hartes Lachen . » So ? Meinst ? Könnt auch sein , daß du dich irren tust . « » Ich irr mich nit . Willst du frei sein , so bist du ' s. In meiner Seel wirst du bleiben , so lang ich leb . Jetzt kannst du dir noch allweil ein neues Leben machen . Das meinig ist aus , ich weiß nit , wann . Sobald der Streich gefallen ist , auf den ich wart ! Ich mag dich nit mit hinunterreißen . Du sollst weiterschnaufen . « » So ? Weiterschnaufen ? Da mußt du mich bleiben lassen . Magst du mich nimmer als Knecht , so laß mich bleiben als des Buben Bruder . Dich und den Buben hab ich . Sonst nichts . Das mußt du mir lassen . Komm ! Auf der finsteren Stiegen wispern ? Wir sind doch keine Liebesleut . Tät ich nit wissen , daß du nüchtern bist wie der Schloßkaplan vor der Frühmess ' , so tät ich glauben : Du bist voll und hast einen Jammer . Komm ! Und mach keinen Lärm ! Der Bub muß Ruh haben . Die braucht er wie ein kranker Vogel die Federn . Tu fürsichtig auftrappen ! « Runotter nahm die Eisenschaller vom Kopf , legte den klirrenden Arm um den Nacken des Malimmes und preßte die Stirn an seine zerhackte Wange . Vorsichtig stiegen sie über die drei steilen Treppen hinauf , die wie schmale Leitern waren . Eine kleine Turmstube mit zwei Betten ; drei Holzstühle und ein plumper Tisch bei dem winzigen Fenster ; zinnernes Geschirr in einer Rahme ; und an den Holznägeln der Mauer hingen die Kleider und das Waffenzeug . Während Malimmes neben dem Herd die Rüstung lautlos von sich herunterschälte , trat Runotter in die Helle des Fensters . Mit den weißen , dünnen Haarsträhnen sah er aus wie ein Siebzigjähriger , der noch den Körper eines kraftvollen Mannes hat . Er legte jedes Wehrstück , das er von sich abtat , auf sein Bett hin . Malimmes kam mit nackten Füßen aus dem Herdwinkel und half . Dieses Jahr des Burgenbrechens , des Mordens und Brennens , der Gefahr und Mühsal , hatte den Bauernsöldner äußerlich kaum verändert . Nur ein bißchen mager war er geworden , und in dem sonnverbrannten Gesicht war die große Narbe jetzt wie ein weißer Kreidestrich . Noch immer war das Lachen um seinen Mund , doch mit einem Zug von Hohn und Starrheit . Und ein müdes Leiden dämmerte in seinen Augen . Runotter ging auf die niedere Kammertüre zu . Rasch fragte Malimmes : » Wär ' s nit besser , du tatst dich schlafenlegen ? « » Ich muß das Kind sehen . « » Höi , Bauer ! Ich müßt viel ! Und tu ' s nit . « Runotter zögerte . Dann griff er hastig nach der Klinke und trat in die Kammer . Ein Raum , der gerade ausreichte , um ein Bett , einen kleinen Tisch und einen schmalen Kasten zu fassen . Das Fenster ging nach Osten , von wo die kommende Frühsonne ein glimmerndes Feuerband über die Balkendecke hinwarf . Auf dem Gesimse standen drei Töpfe mit rotblühenden Blumen ; sie sahen in der ersten Morgenglut der Sonne wie kleine , stille Flammen aus . Über dem Bett war ein plumpes Kreuzbild , mit Blüten und Grün geschmückt . Auf einem Sessel lag die bunte Kleidung eines Jungsöldners . Jul , in einen braunen Mantel gewickelt , ruhte schlafend auf dem Bett , mit den Fäusten vor den Augen . Das dichte , langgewordene Haar umschleierte die heiße Wange und verhüllte die Schultern . Während Runotter neben dem Bette stand , schlief Jul noch immer weiter ; doch als der schwere Mann die Kammer lautlos verlassen wollte , fuhr Jul mit dem Kopf und dem rieselnden Schwarzhaar vom Kissen auf . Dieser Kopf mit diesem Haar und den entrückten Augen war von ergreifender Schönheit , lieblich und dennoch erschreckend . Das strenge , schmale , sonngebräunte Knabengesicht hatte noch nie so deutlich den Zügen eines Weibes geglichen wie jetzt nach diesem Jahr der Reiterplage , nach dem Anblick alles kriegerischen Grauens , nach dem Miterleben des gehäuften menschlichen Jammers . In den großen , blauen Augen , die im Erwachen ratlos ein Ziel der Ruhe zu suchen schienen , brannte ein seelenkranker Blick , der wie das Träumen einer ekstatischen Nonne war . » Gottes Gruß zum Morgen , Kind ! « Juls Augen , die noch immer nicht völlig erwachen wollten , irrten über die Mauern des kleinen Raumes hin und blieben verstört an dem gebeugten Manne haften . » Kommt schon wieder ein Tag ? « Das klang , wie die Rettungslosen fragen : » Kommt der Tod ? « Bekümmert sagte Runotter : » Kind ! Die Sonn ist da . Siehst du ' s nit ? « Stumm schüttelte Jul den Kopf , und eine gramvolle Müdigkeit veränderte sein Gesicht . » Ich bin schuld . « Runotter atmete schwer . » Der ander hat wieder recht gehabt , ich hätt deine Ruh nit stören sollen . Geh , tu noch weiterschlafen ! « Er wollte die Kammer verlassen . Da streckte Jul die zitternde Hand und flüsterte mit der Angst eines Kindes , das sich vor Gespenstern fürchtet : » Vater ! « Runotter kam , setzte sich auf den Rand des Bettes und faßte die glühenden Hände : » Um Gott , was ist denn mir dir ? « Und Jul , wie im Fieber : » Vater ! Tu mich anschauen ! Was siehst du an mir ? « » Was soll ich denn sehen ? « » Meine Stirn schau an ! Siehst du da nicht , was anders ist wie sonst ? « » Du bist wie allweil . « Ein tiefes Atmen , ein dumpfes Besinnen . Und dann die hastige Frage : » Vater ? Sag mir , ob das sein kann ? « » Sein kann alles . Was meinst du ? « » Ob das sein kann ? Daß man ein zwiefacher Mensch ist und ein doppeltes Leben hat ? Das eine im traurigen Wachen und das ander - ich weiß nit , wann ? Und ich weiß nit , wo ? « Runotter erschrak . Bevor er antworten konnte , befreite Jul . die zitternden Hände , warf sich auf das Lager hin und preßte unter ersticktem Schreikrampf das Gesicht ins Kissen . Hilflos sah Runotter diesen zuckenden Körper im braunen Mantel an und ballte die Fäuste . » Aschacher ? Wo bist du ? « Tappende Sprünge . Mit nackten Füßen , halb entkleidet , stand Malimmes am Bett , faßte den Jul an beiden Schultern , rüttelte ihn heftig und befahl : » Wie , Bub ! Sei gescheit ! Flink , steh auf ! « Er lupfte ihn aus dem Bett heraus und stellte ihn aufrecht hin . » Jetzt tu dich waschen ! Fest ! Der Tag wird schön . Wir zwei , wir reiten ein paarmal in der Sonn um die Stadt herum . « Malimmes packte den Runotter am Arm und zog ihn aus der Kammer . » Komm , Bauer ! Ich koch derweil , bis der Bub sich fertig macht ! « Gewaffnet , in bunten , schmucken Kleidern und im Funkelglanz der Stahlplatten , ritten Malimmes und Jul um die siebente Morgenstunde zum Tor hinaus . Der Falbe und der Jngolstädter schmiegten sich im Traben gegeneinander , und immer scherzte der eine mit der Schnauze nach dem anderen hin . In der Sonne schimmerte das Fell der Gäule , das am Hals und auf den Hinterbacken von vielen , weißgrauen Narben durchrissen war . - - - Auf der gleichen Straße war im Grau des Morgens der Bote des Brandenburgers mit starkem Geleit davongeritten , gegen die Donau hinunter . Fünf Tage später jagte dieser Bote von Nürnberg nach Ingolstadt . Als er um die Mittagsstunde bei Herzog Ludwig einritt in den von heiterm Lärm und buntem Leben erfüllten Schloßhof , mußte er verwundert dreingucken , mußte lachen , mußte an Burghausen denken . Was er dort gesehen hatte , war die wache , schweigende , bis an die Zähne bewaffnete , des Angriffs harrende Kraft . Und hier -