zu reiten . Intschu-inta blieb zwar dabei , daß wir , zumal mit den Pferden , unbedingt gezwungen sein würden , wieder umzukehren ; ich aber war der Ansicht , daß kein vernünftiger Mensch auf den Gedanken gekommen sein könne , die drei Ausgänge völlig zuzuschütten . Ich nahm vielmehr an , daß sie nur maskiert , also versteckt worden seien , und verließ mich da auf meine Kombination und auf meine guten Augen . Sofort nach dem Essen bereiteten wir uns zur Durchforschung der Höhle vor . Wir selbst hatten Fackeln und Lichter mitgebracht , und als wir die Pakete der beiden Gefangenen öffneten , sahen wir , daß auch sie sehr reichlich damit versehen waren . Der Feuchtigkeit und Kühle wegen hatten wir uns große , dünne , aber wasserfeste indianische Decken mitgenommen , die wir wie Mäntel um uns legen konnten . Die Pferde wurden wieder gesattelt , die Medizinmänner auf die ihrigen festgebunden , einige Fackeln angebrannt , und dann begannen wir den unterirdischen Ritt , von dem ich mir so gute Erfolge versprach , obgleich ich gar nicht wußte , woher sie kommen sollten . Ich würde mehrere Druckbogen brauchen , um das Innere dieser wunderbaren Höhle auch nur einigermaßen zu beschreiben , doch kann ich dies einstweilen unterlassen , da sich mir später reichlich Gelegenheit geben wird , sie so zu schildern , wie sie es verdient . Sie kommt in Winnetous Testament des öfteren vor und ist dort der Schauplatz von Begebenheiten , über die ich jetzt noch schweigen muß . Wir ritten durch eine geradezu herrliche Unterwelt . Voran Intschu-inta mit einem Winnetou als Fackelträger , hinter ihnen ich mit dem Herzle , hierauf die Gefangenen , dann Pappermann mit den übrigen Winnetous , von denen einer die zweite Fackel trug . Wo es nötig war , zündeten wir uns zu den Fackeln auch noch Lichter an . Der Weg ging unausgesetzt aufwärts , und zwar oft ziemlich steil . Die Höhle war sogar an ihren niedrigsten Stellen so hoch , daß wir nirgends von den Pferden zu steigen brauchten . Kein einziger der unterirdischen Räume , durch die wir kamen , glich einem anderen . Es folgte Abwechslung auf Abwechslung , Ueberraschung auf Ueberraschung . Oft war die Ueberraschung so groß , daß wir uns lauter Ausrufe der Bewunderung nicht enthalten konnten . Es war ein Reich der herrlichsten Tropfsteinmärchen , welches wir da kennen lernten . Die köstlichsten Gedanken , zu Spat , Aragonit und Sinter erstarrt , wuchsen als Stalaktiten von oben herab . Ebenso köstliche Stalagmiten stiegen ihnen von unten aus entgegen , um sich mit ihnen zu Pfeifen , Säulen , Orgeln und anderen Gebilden zu vereinigen , von denen man kaum glauben konnte , daß sie der Erde angehörten . Wir aber hatten leider nicht Zeit zu eingehender Betrachtung , die wir uns für später aufheben mußten . Es drängte uns vorwärts , vorwärts , hinauf nach der Stelle , wo es sich zu entscheiden hatte , ob wir weiter konnten oder nicht . So ritten wir durch Gänge und Tunnels , durch kleine Kammern und riesige Säle , durch Refektorien und Kirchen , durch Vorhöfe und weite Säulenhallen , durch Veranden und Korridore . Wir kamen an Abgründen vorüber , in deren Tiefe der Fluß rauschte . Wir schlüpften zwischen dünnen Wasserfäden hindurch , die wie aus unsichtbaren Gartenschläuchen spritzten . Wir kamen über Stellen , wo es zu regnen schien . Wir sahen Kaskaden springen und Wasserstrahlen aus unsichtbaren Dachtraufen stürzen . Aber wir verweilten uns nicht : weiter ging es , immer weiter , bis endlich der breite Weg zu Ende war . Er wurde mit einem Male so schmal und so unbequem , daß nur noch Fußgänger vorwärts konnten . » Du siehst , daß ich recht hatte , « sagte Intschu-inta . » Der Weg für Pferde ist zu Ende . Er führt nicht weiter . Es gibt keine Mündung , die hinter dem Schleierfall einen Ausgang bildet . « Er schien recht zu haben . Wir befanden uns in einem breiten Gange , der vor einer Doppelgruppe von Stalaktiten und Stalagmiten Halt machte und sich dann als sehr schmaler Weg von dieser Gruppe nach rechts wendete . Nach der Karte aber machte er diese Wendung nicht , sondern er ging geradeaus , nachdem er den schmalen Pfad von sich abgezweigt hatte . Das war der entscheidende Punkt ! Jetzt mußte es sich zeigen , ob ich mich auf meine Augen und auf mein Kombinationsvermögen verlassen konnte oder nicht ! Ich begann , die Tropfsteingruppe zu untersuchen , und sah sehr bald , daß es gar keiner großen Klugheit bedurfte , das Richtige zu entdecken . Stalaktiten sind nämlich die Tropfsteine , die sich von oben , also von der Decke herab , bilden . Unter Stalagmiten aber versteht man die Tropfsteine , die aus dem Boden in die Höhe wachsen . Treffen beide in der Mitte zusammen , so bilden sich nach und nach Säulen und Säulengruppen . Die Stalagmiten entstehen anders als die Stalaktiten . Beide sind sehr leicht voneinander zu unterscheiden , weil sie nicht dieselbe Struktur besitzen . Hier nun sah ich sogleich , daß die von oben herabhängenden Tropfsteine echt waren ; die von unten emporragenden aber waren nicht echt ; sie waren Stalaktiten , keine Stalagmiten . Sie waren nicht hier an dieser Stelle entstanden , sondern man hatte sie hergeschafft und hier zusammengestellt . Warum und wozu ? Sehr einfach : Um den breiten Pfad abzuschneiden , um ihn zu maskieren , zu verbergen , ganz genau so , wie ich vermutet hatte . Ich rüttelte an dem äußersten dieser Steine ; er ließ sich bewegen . Ich schaffte ihn zur Seite . Um das zu tun , war ich vom Pferde gestiegen . Die anderen folgten diesem Beispiele und halfen , auch die nächsten Steine zu entfernen . Dadurch wurde schon nach kurzer Zeit der breite Weg wenigstens so weit frei , daß wir uns von seiner Fortsetzung überzeugen konnten . Wir vergrößerten die Bresche , bis ein Mann hindurch konnte . Da forderte ich Pappermann und einen der fackeltragenden Winnetous auf , mir in die Lücke zu folgen . Ich wollte sehen , was dahinter lag . Die anderen sollten warten und inzwischen noch so viele Steine zur Seite schaffen , bis auch die Pferde passieren konnten . Wir drei nahmen zu der einen , brennenden Fackel noch eine zweite als Reserve mit und drangen dann weiter vor , natürlich zu Fuße . Es ging jetzt noch steiler empor , als vorher . Bald hörten wir es vor uns rauschen , dann brausen , dann donnern , ganz wie in der unmittelbaren Nähe des Niagarafalles . Dieses Brausen und Tosen wurde so stark , daß wir unsere eigenen Worte nicht mehr hörten . Die Wand zu unserer Rechten sank in die Tiefe ; die zu unseren Linken blieb . Von oben dämmerte es , als ob der Tag durch eine starke Milchglasscheibe zu uns herniederschaue . Und plötzlich , nach einer Biegung des Weges , sahen wir ihn stürzend herniederbrausen , den Schleierfall , in die Unterwelt , in der er sich zu dem Flüßchen bildete , an dem wir vorhin nach der Höhle geritten waren . Es wehte ein so scharfer Wind , daß wir die Hüte festhalten mußten . Wir schritten wie auf einer Felsenstraße der Schweiz . Auf der einen Seite die Felswand , auf der anderen der gähnende Abgrund , in dem der Wasserfall verschwand . Keine Barriere schützte uns . Aber der Weg war fest und so breit , daß vier Pferde nebeneinander gehen konnten . So passierten wir den Wasserfall in seiner ganzen Breite , bis wir an ihm vorüber waren , das Oberlicht verschwand und wir uns wieder nur auf das Licht unserer Fackel verlassen mußten . Hierauf ging es durch einen sehr aufwärts strebenden Stollen , der nicht geraden Laufes , sondern gebogen war . Hier ließ sich das Geräusch des Wasserfalles wieder vernehmen . Es wurde immer stärker und stärker , und als es so stark geworden war , daß es uns beinahe betäubte , sahen wir wieder den Schein des Tages , doch nicht von oben , sondern von vorn . Wir gingen darauf zu und befanden uns wenige Augenblicke später im Freien . Oder vielmehr nicht eigentlich im Freien , sondern zwischen der tosenden Masse des Schleierfalles und dem hochaufstrebenden Felsen , von dem sie sich herunterstürzte . Wir standen hart an dem Abgrunde , in dem sie verschwand . Da unten waren wir soeben vorübergekommen . Wir befanden uns genau in derselben Lage , wie die Besucher des Niagarafalles , die sich hinter die herniederschmetternde Wogenwand bringen lassen , um dann später davon erzählen zu können . Man brauchte nur zwischen Wasser und Felsen nach dem äußersten Ende des Falles zu gehen , um durch ein dort befindliches Pflanzengestrüpp hinaus auf die feste , trockene Erde zu gelangen . Ich wußte nun genug . Wir kehrten also nach der Stelle zurück , an der sich unsere Begleiter befanden . Als wir dort ankamen , waren sie mit ihrer Arbeit noch nicht fertig . Die fortzuschaffenden Steine besaßen ein derartiges Gewicht , daß lange Zeit dazu gehörte , sie zu entfernen . Das benutzte ich zu einer weiteren Exkursion . Ich wollte nun auch wissen , wohin der schmale Weg uns führte . Hiezu ließ ich mich aber nicht von Pappermann , sondern von Intschu-inta und einem Fackelträger begleiten . Das Herzle bat , mitgehen zu dürfen , und ich willigte ein , obgleich ihre Gegenwart uns das Suchen nicht erleichtern , sondern nur erschweren konnte . Ich rechnete , daß wir uns hier fast genau unter der Stelle befanden , auf welcher da oben die gewichtige Winnetoustatue sich im Bau zu erheben begann . Von hier aus bis zu der Stelle , wo der schmale Weg sich nach der Karte in zwei noch schmälere Wege teilte , war gar nicht weit . Als wir hingelangten , sah ich augenblicklich , daß hier wieder Stalaktiten anstatt Stalagmiten lagen . Man hatte also auch da maskiert . Intschu-inta merkte nichts . Er blieb nicht stehen . Er ahnte nicht , daß sich hier einer der schmalen Wege abzweigte , und ging mit dem Fackelträger weiter . Ich folgte ihnen , ohne etwas zu sagen . Der Weg , den sie versäumten , war jedenfalls derjenige , der bei den Teufelskanzeln mündete . Den wollte ich mir aber für mich allein aufheben . Der weitere Weg führte nach der Karte hinauf zum Schloß , und den hätte ich sehr gern heut noch kennen gelernt . Wir folgten darum dem schmalen Weg so weit , bis er zu enden schien . » Da hört er auf , « sagte Intschu-inta , indem er stehen blieb . » Und geht nicht weiter ? « fragte ich . » Nein . Genau wie vorhin ! « » Ja , genau wie vorhin ! Nimmt man die Steine weg , die ihn verhüllen , so sieht man sofort , daß er nicht alle ist , sondern sich hinter den Steinen fortsetzt . Fort mit ihnen ! « Diese Stalaktiten waren nicht schwer . Ich hob einige zur Seite . Intschu-inta half . Was ich gedacht hatte , das zeigte sich : der Weg ging weiter . Hier war es gar nicht nötig , alle Steine zu entfernen . Es genügte , über sie hinwegzusteigen . Dann hinderte uns nichts mehr , weiter zu gehen . Wir taten es . Aber von hier an hörten die Tropfsteine auf . Es gab nur noch Höhlen ohne Sinterbildung . Und sie lagen immer eine höher als die andere . Man hatte zu steigen . Schließlich hörte diese Bildung natürlicher Hohlräume ganz auf , und es ging zwischen Felsenspalten empor , auf künstlichen Stufen und Gängen , die übermauert waren . Dabei war die Luft außerordentlich trocken und rein . Ich hatte nicht nach der Uhr gesehen und auch weder die Stufen noch unsere Schritte gezählt ; aber es war mir , als ob wir schon weit über eine Viertelstunde emporgestiegen seien ; da hörten die Stufen plötzlich auf . Wir konnten nicht weiter . Wir befanden uns auf einer schmalen steinernen Treppe . Unter uns die Stufen , rechts Mauer , links Mauer , über uns Mauer . Nirgends eine Türe , ein Fenster , eine Oeffnung oder sonst etwas dem Aehnliches ! Wie da hinauskommen ? Grad über der letzten , also obersten Stufe war eine Steinplatte angebracht . Sie konnte nicht schwer sein , denn sie war höchstens drei Spannen im Geviert . Ich versuchte , sie zu heben . Es ging nicht . Sie hatte zwei Vertiefungen , die jedenfalls nicht ohne Absicht angebracht worden waren . Ich konnte das Heft meines Messers hineinstecken . Dadurch gewann ich einen Griff , die Platte zu verschieben . Ich versuchte dies nach vorn , nach hinten , nach rechts - - vergeblich . Aber nach links bewegte sie sich endlich . Ich hatte das Gefühl , als ob sie auf einer Rolle laufe . Es entstand über mir eine viereckige Oeffnung , durch welche ich steigen konnte . Ich tat dies aber nicht sofort , sondern ich war so vorsichtig , meinen Kopf nur erst bis zu den Augen hineinzustecken . Was sah ich ? Einen sehr hohen , achteckigen , gemauerten Raum mit zwei Türen . Die Wände waren vollständig mit Passifloren26 überwachsen , deren Ranken bis hinauf an die Decke reichten , wo es rundum zahlreiche Oeffnungen gab , das nötige Licht hereinzulassen . Die Ranken waren so dicht , daß man von der darunterliegenden Mauer nichts sehen konnte . Sie grünten und blühten , und zwar fast überreich . Daß dies noch jetzt , in der ziemlich späten Jahreszeit , geschah , war wohl eine Folge der Höhenlage und auch des Umstandes , daß die Vegetation nicht im Freien stattfand , sondern auf das Innere eines geschlossenen Raumes angewiesen war . Die Passionsblume hat bekanntlich über zweihundert Arten ; hier aber waren nur zwei derselben vertreten . Die eigentliche Flächenbekleidung wurde von Passiflora quadrangularis gebildet , deren Prachtblumen , innen rosenrot angehaucht , einen Durchmesser von zehn Zentimeter besaßen . Das ergab rundum eine Blütenpracht sondergleichen . Von diesem Untergrunde stach an der einen Wand eine vollständig weiß blühende Passiflora incarnata ab , die so gezogen und beschnitten war , daß sie ein vier Meter hohes , aufrechtstehendes Kreuz bildete , ein ganz auffälliges Zeichen des Christentums hier an diesem mir fremden , geheimnisvollen Orte . Mir gegenüber gab es eine Tür , welche nicht geöffnet war . Und da , wo ich mich befand , schien auch eine zu sein , nur konnte ich sie nicht eher sehen , als bis ich höher stieg und dann aus der Oeffnung heraustrat . Da stellte es sich denn heraus , daß hier auf unserer Seite des Passiflorenraumes mehrere Stufen zu einem Ausgange emporführten , welcher verriegelt war . Ich stieg hinauf , schob den Riegel zurück und öffnete . Da stand ich draußen im Freien , nahm mir aber nicht Zeit , die Stelle zu bestimmen , an der ich mich befand , sondern machte die Tür wieder zu , ging die Stufen wieder hinab und forderte Intschu-inta auf , heraufzukommen und mir zu sagen , ob er wohl wisse , wo wir seien . Er tat es . Kaum sah er den Raum , so rief er verwundert aus : » Uff ! Das ist die Blumenkapelle , in welcher Tatellah-Satah zu beten pflegt ! « » Zu wem betet er da ? « fragte ich . » Zum großen , guten Manitou . Zu wem sonst ? « » Aber da ist doch das Kreuz , das Sinnbild des Christentums ! « » Das stammt von Winnetou . Er hat es gepflanzt . Er sagte , das sei das Zeichen seines Bruders Old Shatterhand . Er verstehe es noch nicht , aber er werde es verstehen lernen , je höher es hier wachse . Er hatte dich so lieb , so unendlich lieb ! « Man kann sich wohl denken , wie tief mich das ergriff ! Aber ich mußte diese Rührung schnell überwinden und fragte weiter : » Wohin führt die Tür , die uns da gegenüberliegt ? « » Nach Tatellah-Satahs Schlafgemach . « » Und die hier über den Stufen ? « » Hinaus auf den Berg . Niemand hat geahnt , daß es außerdem eine Falltüre gibt , durch die wir jetzt gekommen sind ! « Der Verschluß dieser Falltüre bestand in der Platte , welche ich von ihrem Platze entfernt hatte . Sie war unter den Fußbodensteinen derjenige , welcher von der Seite her direkt an die unterste Stufe stieß , in die er , weil sie hohl war , hineingeschoben werden konnte . Indem ich das getan hatte , war die Falltüre geöffnet worden . Ich brauchte ihn nur in seine vorige Lage zurückzuschieben , so war sie wieder zu . Nun stieg auch das Herzle mit dem Fackelträger herauf . Sie brach beim Anblick der unzähligen Leidensblumen in einen Ausruf der Bewunderung aus . Sie hatte da unten im Gange nicht gehört , was mir von Intschu-inta gesagt worden war . Dennoch erriet sie sofort den Zweck dieses Raumes . » Das ist ein Zimmer zum Gebet ! « Mit diesen Worten schritt sie nach der Mitte der Stube . Dort stand eine Bank , die mit einem Fell überkleidet war . Sie setzte sich darauf , dem Kreuz grad gegenüber , und sprach weiter : » Hier sitzt Tatellah-Satah , um mit Gott , seinem einzigen Herrn , zu sprechen . Er hat das Kreuz vor sich , das Erdenleid , welches den einzelnen Menschen und ganze Völker erlöst . Da betet er für die Erlösung seiner Rasse . Hier möchte ich sitzen und mit ihm beten , daß ihn der Herrgott erhöre ! « » Tue es ! « antwortete ich . » Wir gehen jetzt fort , doch nur , um wiederzukommen . « » Hierher ? « fragte sie . » Ja , hierher . « » Wann ? « » Vielleicht schon in einer halben Stunde . Ich kehre in die Unterwelt zurück , um die beiden Gefangenen zu holen und auf diesem verborgenen Wege in das Schloß zu bringen . Da sieht sie kein Mensch außer uns . Ich wünsche , daß niemand von ihren Angehörigen und Genossen erfahre , wo sie sich befinden . Es hat keinen Zweck , daß du uns in die Höhle zurückbegleitest . Du müßtest doch mit uns wieder hier herauf . « » Gut , so bleibe ich . Aber was tue ich , wenn mich jemand hier erwischt ? « » Du würdest als Freundin behandelt werden , sei es , wer es sei . Uebrigens ist es gar nicht nötig , daß du dich erwischen lässest . Du brauchst nur hier die Stufen hinauf und in das Freie zu gehen , so bleibst du ungesehen . Es würde wohl niemandem einfallen , nachzusehen , ob die Tür angelehnt ist oder nicht . « » Ja , richtig ! Also , ich warte hier . « Sie setzte sich wieder auf die Bank . Wir anderen aber stiegen wieder in den Gang hinab . Wir ließen ihn nicht offen , sondern ich schob die Steinplatte wieder vor . Dann kehrten wir nach der Stelle zurück , wo unsere Gefährten auf uns warteten . Sie waren mit ihrer Arbeit , die Stalaktiten wegzuräumen , fast zu Ende . Ich setzte mich nieder , um die wenigen Minuten zu warten . Als ich still saß , fühlte ich , daß es von der Decke auf mich niedertropfte . Aber es war nicht Wasser , sondern zerriebenens Gestein . Es streute wie Mehl oder Sand auf mich herab . Zuweilen war auch ein erbsen- , bohnen- oder nußgroßes Stück dabei . Ich schaute empor . Das Licht unserer Fackeln reichte nicht bis ganz hinauf , trotzdem sah ich grad über mir einen schmalen Riß , aus dem es bröckelte . Das war in einer solchen Höhle nichts Auffälliges . Darum kam ich gar nicht auf den Gedanken , nach den Ursachen dieses Risses zu fragen . Und doch war es , wie sich später zeigte , von außerordentlicher Wichtigkeit für uns . Als der breite Weg freigeworden war , sagte ich , daß wir uns hier zu trennen hätten . Die beiden Medizinmänner hatten mit mir , Intschu-inta und einem Fackelträger zu Fuß nach oben zu steigen . Die andern aber ritten , indem sie unsere ledigen Pferde mitnahmen , unter Pappermanns Führung den vorhin von uns entdeckten Weg empor , der hinter dem Schleierfalle mündete . Von dort aus hatten sie sich sogleich nach dem Schlosse zu wenden . Wir warteten , bis sie fort waren . Dann verband ich den Medizinmännern die Augen und verbat mir alles Widerstreben . Hierauf nahm ich den Komantschen und Intschu-inta den Kiowa beim Arme . Der Fackelträger schritt voran . So stiegen wir den schon einmal gemachten Weg nach dem Passiflorenraum empor . Das ging , weil die Augen der Gefangenen verbunden waren , so langsam , daß wir nicht , wie ich gesagt hatte , nach einer halben Stunde , sondern erst nach über einer ganzen Stunde droben bei den letzten Stufen ankamen . Da machte ich mich daran , die Platte auf die Seite zu schieben . Indem ich dies tat , hörte ich Stimmen . Es schien jemand bei meiner Frau zu sein . Ich öffnete die Falltür so geräuschlos wie möglich . Dann schob ich vorsichtig nur den oberen Teil meines Kopfes , bis an die Augen , hinaus , um zu sehen , wer da sprach . Das Herzle war verschwunden , jedenfalls durch die Treppentür hinaus , in das Freie . Jetzt saß Tatellah-Satah auf der Bank , dem Kreuze gegenüber . Bei ihm standen zwölf Apatschenhäuptlinge , jüngeren Alters , von denen ich keinen kannte . Der älteste von ihnen war nicht über fünfzig Jahre alt . Der alte » Bewahrer der großen Medizin « sprach mit sehr bewegter Stimme zu ihnen . Ich hörte die Fortsetzung des angefangenen Satzes : » Unser guter Manitou ist größer , millionenmal größer , als die roten Männer bisher glaubten . Sie nahmen an , er sei nur ihr Gott , nicht aber auch der Gott aller Anderen , die da leben . Falls dies auf Wahrheit beruhte , wie klein wäre er da , wie klein ! Der Gott einiger armen Indianerscharen , die von den Bleichgesichtern zermalmt , zerquetscht und zertreten werden ! Wie groß und wie mächtig müßte dagegen der Gott der Weißen sein ! Und wie sehr müßten wir da wünschen , daß dieser Gott der Weißen an Stelle des ohnmächtigen Manitou der Indianer trete ! Doch dieser Wunsch wurde uns erfüllt , noch ehe wir ihn empfanden . Schaut hin auf das Kreuz ! Es blüht , um uns zu erlösen . Es nimmt uns Manitou , um Manitou uns zu geben . Es sagt uns , daß es nur einen einzigen gibt , den Allmächtigen , den Allweisen , den Allstarken , den Allgütigen , und daß wir ihn seiner Allstärke und seiner Alliebe berauben , indem wir ihn nur für uns haben wollen , für uns allein , die wir die unglücklichste aller Nationen sind und die schwächste aller Rassen . Das Kreuz ruht in der Erde und ragt zu Gott empor . Das ist das eine , was es bedeutet . Aber es breitet seine beiden Arme aus , um jedermann und alle Welt zu umfangen . Das ist das andere , was es bedeutet . Niemand von uns hat das gewußt . Old Shatterhand war es , der uns dieses Wissen brachte . Wir aber nahmen es nicht an . Ein Einziger nur bewegte diese Kunde in seinem Herzen . Dieser Einzige war Winnetou . Er beobachtete ; er prüfte . Er begann , zu glauben . Und je fester dieser sein Glaube wurde , desto öfter kam er zu mir , um mich zu bitten , diese Leidensblumen und dieses Kreuz an die Lieblingsstätte meiner Gebete pflanzen zu dürfen . Es war sein inniger Wunsch , Old Shatterhand zu mir zu bringen . Sein weißer Bruder sollte hier , an dieser Stelle , sehen , wie der Kreuzesgedanke und die Ueberzeugung von einem einzigen , großen Manitou im Herzen seines roten Bruders Wurzel gefaßt und sich zur Blüte und Frucht entwickelt habe . Ich aber war dagegen . Ich haßte Old Shatterhand . Da ging Winnetou , der Herrliche , der Unvergleichliche , hin und kam nicht wieder . Doch was in seinem Herzen lebte , das kehrte zurück . Das kam zu mir . Das trieb mich tagtäglich hierher , in diesen Raum . Das lehrte mich nachdenken . Das brachte mir Licht . Das lehrte mich beten , nicht zu dem schwachen , kleinen Manitou der roten Männer , sondern zu dem gewaltigen , unendlichen , erhabenen Manitou Old Shatterhands , der allein imstande ist , uns , seine roten Kinder , neu zu beseelen , damit wir endlich werden , was wir werden sollten , aber nicht geworden sind . Heut ist er da , Old Shatterhand , dem ich mein Haus und mein Herz versagte . Heut liebe ich ihn . Heut weiß ich es , daß ich nichts vermag ohne ihn , ganz ebenso , wie die rote Rasse ohne die weiße nichts vermag . Er wird das Bleichgesicht sein , welches die uns verloren gegangenen Medizinen zurückzubringen hat . Wißt ihr , was das bedeutet ? Er wird es sein , der uns in Liebe vereint , obgleich wir uns im Haß zerstören wollen . Und während wir - - « Er hielt mitten im Satze inne . Unsere Fackel , die wir noch nicht hatten auslöschen können , begann sehr laut zu knistern . Sie sprühte Funken . Sie gab Rauch , der neben mir aus der Oeffnung stieg und von den Indianern sofort gerochen und gesehen wurde . Sie schauten alle zu mir her . Tatellah-Satah stand überrascht von seinem Sitze auf . So blieb mir nichts anderes übrig , als , um mich sehen zu lassen , aus der Bodenöffnung zu steigen . » Old Shatterhand ! « rief er aus . » Old Shatterhand , von dem ich spreche ! « » Old Shatterhand ! Er ist ' s ? Er ist ' s ? « wurde er von den Häuptlingen gefragt . » Ja ; er ist es ! « antwortete er . » Ein Loch im Boden ! Wo führt es hin ? Wo kommst du her ? « Diese letzteren Worte waren an mich gerichtet . Ich ging auf ihn zu , zog die Karte , die ich dem Medizinmann der Komantschen abgenommen hatte , aus der Tasche , faltete sie auseinander , gab sie ihm und antwortete : » Schau hier nach ! So wirst du sehen , woher ich komme . « Er sah die Ueberschrift , und er sah die Zahl , da rief er auch schon aus : » Aus der geheimen Bibliothek ! Die hochwichtige Karte , die einem meiner Ahnen gestohlen worden ist ! Nach deren Dieb wir bisher vergeblich forschten ! Im Verdacht stand der damalige Medizinmann der Komantschen , der mehrere Wochen lang hier Gast gewesen war und die Bibliothek sehr oft betreten hatte . Und jetzt bringt Old Shatterhand sie mir ! Welch ein Wunder , welch ein großes Wunder ! Von wem hast du sie ? « » Von dem Urenkel des Diebes . Ich zeige dir ihn . « Es genügte ein Ruf von mir , so kamen Intschu-inta und der Fackelträger zu uns heraufgestiegen und brachten die beiden Gefangenen mit . Sie wurden von den Apatschenhäuptlingen sofort erkannt . Diese letzteren wollten in laute Ausrufe der Verwunderung ausbrechen , ich aber wehrte ihnen durch eine Handbewegung ab und sagte leise : » Still ! Sie dürfen nicht sehen und hören , wo sie sind ! Ich erzähle nachher . Gibt es hier im Schlosse einen Ort , wo es möglich ist , Gefangene derart aufzubewahren , daß sie weder entfliehen noch von anderen Leuten gesehen werden können ? « » Wir haben sehr gute und sehr sichere Gefängnisse hier , « antwortete Tatellah-Satah . » So mag Intschu-inta sie dort unterbringen und dann wiederkommen . Ich brauche ihn noch . « Tatellah-Satah gab seinem riesigen Diener mit unterdrückter Stimme die nötigen Befehle , worauf dieser sich mit den beiden Medizinmännern und dem Fackelträger entfernte , um sie nach dem Verließ zu schaffen . Da wurde über den Treppenstufen die Tür geöffnet , die ins Freie führte , und das Herzle ließ sich sehen . Es war ihr gelungen , sich rechtzeitig zurückzuziehen . Nun , da sie durch die angelehnte Tür sah , daß ich wieder da war , glaubte sie , sich auch mit sehen lassen zu dürfen . Man kann sich denken , daß dies das Erstaunen der Häuptlinge nicht verringerte . Ich erzählte ihnen , so viel ich zu erzählen für nötig hielt , denn zum vollständigen Mitwisser meiner Ansichten und Pläne wollte ich keinen von ihnen machen . Grad als ich fertig war , kehrte Intschu-inta zurück . Er meldete , daß die Gefangenen fest eingeschlossen , und daß Pappermann und seine Begleiter vom Wasserfalle her auf dem Schlosse eingetroffen seien . Ich teilte ihm mit , daß er mich jetzt noch einmal hinunter in die Höhle zu begleiten und zu diesem Zweck zwei neue Fackeln zu besorgen habe . Das Herzle fragte , ob auch sie dabei sein müsse . Als ich das verneinte , bat mich Tatellah-Satah , ihm meine Squaw anzuvertrauen . Er erwarte