ein düster Reich . Aber noch ist unser Sinn erfüllt von der Sonne , von dem blauen Himmel , dem grünen Walde und dem magischen Schimmern der Ferne . Blicket in euch hinein , findet dorten noch einmal all die Berge und Abgründe , waldigen Hügel und Weidematten : Bächlein blitzen , von den Bauden steigt der Rauch , jedwedes Ding blickt und haucht uns an mit seinem eigentümlichen Wesen . Eine besondere Kunde gehört dazu , sich zurecht zu finden in der Landschaft und auf dem ganzen Erdenball , und solche Wissenschaft von den irdischen Orten dünket jedem Menschen ein würdig Ziel . Wenige aber lassen sich träumen , wie not eine andere Ortskunde tut . Wir haben ja nicht bloß ein leiblich Auge , sondern sind zu geistigem Schauen berufen . Auch im inneren Reiche gibt es Täler , dunkle Abgründe , sonnige Berggipfel und prangende Matten . Wohlan , liebwerte Gäste , suchet mit dem Geistesauge zu schauen , wenn ich euch jetzo ein Traumgesicht zeige , darin ich die Essentiam geistiger Ortskunde erfaßte . Ich befand mich in einem Felsenschlunde . Über Zacken klommen seltsame Wesen , und ich klomm mit ihnen , emporzukommen aus der Unheimlichkeit und das Licht zu erreichen , so von der Bergkuppe herniederfloß . Angst hatte ich vor denen , so mit mir um die Wette nach oben strebten ; denn es waren reißende Wölfe und Bären , zischende Schlangen und feuerschnaubende Drachen . Argwöhnisch schnappte das wilde Geziefer , und ich schlug um mich mit einer Keule . Ein höllischer Zustand ! Und ich hatte nur einen Trost : die Hoffnung , höher zu kommen und obzusiegen . Allmählich kam ich wirklich höher , die Finsternis ward Dämmerung , und je mehr Licht mich umfloß , desto minder feindselig erschienen mir die anderen Wesen . Mit Staunen erkannte ich , daß es keine reißenden Tiere waren , sondern Menschen , wiewohl sie allerdings Wölfen und Bären , Schlangen und Drachen ähnlich sahen . Wie ich nun inne hielt mit Keulenschlagen , so griffen auch sie mich nicht mehr an ; alle waren wir müde der wechselseitigen Fehde . Und eine Stimme sprach : Mag jeder ungehindert seines Weges ziehen ! Eine zweite Stimme fügte hinzu : Helfen wir einander ! So kommen wir alle besser vorwärts ! Da reichten etliche ihrem Nächsten hilfreiche Hand , und auf einmal waren die Gesichter der Menschen adlig . Mit Macht kamen wir nun empor ; jauchzend begrüßten die Obersten das Sonnenlicht . Ich gelangte auf eine leuchtende Bergmatte , wo Blumen gleich bunten Sternen flammten . Schön waren die Menschen , und sie reichten sich die Hände und kreisten in feierlichem Reigen bei Flötenspiel und Harfenklang . An einer noch höheren Stelle des Berges stund ein Jüngling , blitzend seine Stirn ; der rief mit starker Stimme : Noch höher ! Hier ist schon das Schauen Musik . Neben mir folgten etliche meiner Menschenbrüder der Einladung . Da wir nun die Höhe erreicht hatten , trat der Jüngling in unsere Mitte und sprach : Reichet euch die Hände und schauet einander tief ins Antlitz . Da findet ihr ein und dasselbe : den Menschensohn , dem ewigen Licht zum Tempel erkoren . Bisher habt ihr vermeinet , ein jeder sei dem Nächsten feind oder doch fremd . Bisher hat jeder gesprochen : Nur ich bin ich , du aber bist du ! Nunmehr kündet das ewige Licht aus eures Tempels Fenstern : Aufgewacht vom wüsten Traum , mit dem die Finsternis verstörte ! Du bist ich , und ich bin du ; und alles Menschliche , aus dem einen Lichte geboren , ist nur ein einziger Mensch . Erkenne ein jeder sich selbst im Mitmenschen wieder , schlinge die Arme um ihn und bitte : Vergib mir , daß ich so lange dich verkannt ! « Hier stockte meine Rede , ich ward gewahr , wie Agnetens Blick sich glühend in mich bohrte . Und ich fuhr fort : » Wird euch nun klar , liebe Freunde , was ich mit der geistigen Ortskunde meine ? Wir müssen im Reiche des Geistes unterscheiden zwischen niedrig und hoch . Zwischen den finstern Abgrund der Nichtigkeit und die himmlische Höhe hineingestellt , fühlen wir uns berufen , zum bessern Zustand zu gelangen . Doch von Gier besessen , besorgen wir , das Bessere müsse unser Nächster uns streitig machen . Da ergrimmen wir und eifern widereinander als reißende Bestien . Und fahren so lange fort mit unseligem Tun , bis wir beim Emporklimmen endlich zur Eintracht uns bekehren . Was hold und schön , erfüllt mit süßer Minne ; die heilige Weisheit macht licht und sanft , das klare Schauen der Schöpfung , das liebreiche Zusammenklingen mit allen Geschöpfen begnadet uns paradiesisch . Ja , Freunde , was wir Himmelreich heißen , ist mitnichten hinter den Sternen und ist auch an keinem besonderen Punkte der Zeit , wie jene wähnen , so erst vom jüngsten Tage erwarten , daß er ihnen das Paradeis auftun werde . Nicht an einem fernen Orte thronet der himmlische Geist , hat auch keine Wallmauer um sich gezogen , sich abzuschließen von seinen Geschöpfen . Sonsten redete ja unwahr der Psalmist : Ich gehe oder liege , so bist du um mich und siehest alle meine Wege . Führe ich gen Himmel , so bist du da ; bettete ich mich in die Unterwelt , siehe , so bist du auch da . Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meere , so würde mich doch deine Hand daselbst führen und deine Rechte mich halten . Auch würde der Apostel irre reden zu den Männern von Athen am Altar des unbekannten Gottes : Er ist nicht fern von einem jeglichen unter uns , denn in ihm leben , weben und sind wir . Ja , allenthalben gegenwärtig ist der ewige Urgrund ; alles ist aus ihm erboren und urkundet von ihm . Wer aber jemals das Versunkensein ins heilige Herz der Schöpfung empfunden , wer sich bezaubern ließ durch das magische Zusammenstimmen und in seliger Anbetung sich einer Mitseele geweiht , der hat in sich das Himmelreich , hat es jetzo und allhienieden . Nicht anders vermeinet der Heiland , indem er den Menschensohn , das ist den einen ewigen Menschen verkündet : So jemand zu euch wird sagen , siehe an diesem Orte ist der Menschensohn , an jenem - so sollt ihr es nicht glauben . Wenn sie zu euch sagen werden , siehe er ist in der Wüste , so gehet nicht hinaus , siehe er ist in der Kammer , so glaubet es nicht . Denn in einem Nu allgegenwärtig wie die Helle des Blitzes , der vom Aufgang bis zum Niedergang leuchtet , also wird auch sein die Anwesenheit des Menschensohnes . « Nachdenklich hatten meine Gäste den Kopf geneigt , bis auf Agneten , die noch immer zu mir emporstarrte . Heinrich griff sich an die Stirn und blickte mit traurigem Ernste . Mit bezug auf ihn fuhr ich fort : » Ihr habet den Wunsch geäußert , ich soll von den sieben Brüdern und der siebenfach vermählten Frau reden ! Nun wohlan ! Wollet selber das Urteil fällen und entscheiden , wem von den Sieben die Frau im Himmelreiche gehören soll . Etwa dem Ältesten , der ihr erster Mann gewesen ? Und soll ihr dann verwehrt sein , ihre späteren Gatten lieb zu haben ? Wäre das ein Himmel für die Frau und für die sechs Brüder ? Ist der älteste Bruder etwa paradiesischer Wonne teilhaftig , so er diese , wie einen irdischen Schatz , für sich allein begehret ? Seid eins ! so rauscht der Baum des Lebens im Garten Eden , und solche Einheit ist die wahre Minne . Alle Gattenminne soll sich dazu verklären ; wer aber diese Verklärung verschmäht , hat erst hineingelugt zur Himmelspforte . Wahre Minne bleibet eingedenk , wie viel seliger geben denn nehmen . Will immer nur Liebes erweisen ; und an all ihrem Sonnenschein schmilzt das letzte Eis der Fremdheit , so daß zwo Seelen zu Einem Menschen zusammengetraut sind . Drum heiße ich die wahre Minne das Tor zum Himmelreiche . Wohlan , liebende Seele , bleib nicht unter dem Torbogen stehen , ganz geh hinein ! Fürchtest du aber , in all dem Lichte zu verlieren , was du insonderheit liebst , so sei getrost : Innen findest du auf Schritt und Tritt alles wieder , was du zuvor lieben gelernt hast , und die geliebte Seele schaut dir entgegen aus den Augen aller Verklärten . Drum so gibt es im Himmelreiche kein eifersüchtig Minnen mehr , nicht jenes Freien , vor dem Adam und Eva erröten mußten . O finde jene Liebe , so nicht Genuß will , sondern Andacht ! Ganz oben in lichter Höhe hauset sie , auf dem Gipfel der Verklärung , und ist eine wunderschöne Jungfrau . Erschauen läßt sie sich von manchem Menschenkinde , und am Strahle ihrer Schönheit entzündet , spricht das Menschenkind : Du meine liebste Braut , gern möcht ich kosten deine Süßigkeit . Doch die himmlische Jungfrau erwidert : So deine Liebe mein ewig Gut erstrebt , sei sie willkommen . Bedenke aber , daß du dem ewigen Gute nicht näher kommst , so du es in die Arme schleußest , wie Menschen mit irdischer Habe tun , die sie für sich allein begehren und den andern wegnehmen . Das ewige Gut ist jenes Wunderbrot , mit dem der Heiland die Fünftausend speiste , ohne daß es weniger ward . Wann du aber noch nicht die Kraft hast , aus aller Verblendung dich zu reißen , so wisse , daß deine Umarmung meine Strahlenkrone raubt und trübe macht mein weißes Gewand . Ach , mancher Erdenjüngling hat im Rausch der Sinne sein Ohr verschlossen solcher Mahnung und hat sich selbst hinausgetrieben aus dem Garten Eden , dieweilen der verbotene Apfel ihm die Enttäuschung beigebracht , so als ein Schatten sich heftet an Habgier und Genußsucht . Da muß der Verstoßene irren in Düsterkeit und Regen , durch Dorn und Distel , Gefahr und Sorge , Schande und Reue . Doch wenn er schließlich verzweifelt am Bergeshang gen Mitternacht liegt , wenn als ein Drache schnaubt der Sturm und alle Bäume heulen , so gehet dem armen Jüngling wohl ein Traum wie erlösende Morgensonne auf . Und siehe , diese Morgensonne ist seine Jungfrau , sie bestrahlt ein fernes Tal , daß es engelgleich lächelt . - Ist das nicht Eden ? frägt mit frohem Staunen der Jüngling . Und die Antwort lautet : Das ist die liebe Erde , nur anders angeschaut als sonsten von dir . Im Fegefeuer der Enttäuschung lerntest du nach Unschuld dich sehnen , mit deiner Sehnsucht aber ist auch die Erfüllung erwachsen . Im Auge blühet dir dein Himmelreich . Sei denn mit uns allen der Unschuld Friede ! « Nach dieser Rede griff ich wieder in die Harfe und sang dazu dies Lied : Es sprach die Ewigkeit : » Nur still , ihr Kindlein , ruht ! Bewahrt vor allem Streit , Bleibt Gottes Fleisch und Blut ! « Doch ein Geschrei erwacht : » Laß uns geboren werden ! « - So wurden Tag und Nacht , Luft , Wasser , Himmel , Erden . Das Menschenkindlein sog Mit Auge , Mund und Ohr . Die Sondergier betrog , Daß es sein Herz verlor . Von Habsucht ausgefüllt , Denkt es der Herkunft kaum ; Die Heimat liegt verhüllt , Vergessen wie ein Traum . Und wenn es rückwärts lauscht , Grüßt keine Mutter mehr ; Ach , nur ein Garten rauscht , Ein wogend Wipfelheer . Mit lichtem Schwerte droht Ein Wächter vor der Pforte , Wie Blitz sein Auge loht , Wie Donner seine Worte : » Im Heim der Ewigkeit War einer bei dem andern . Die unrastvolle Zeit Läßt euch entfremdet wandern . O Wüste Einsamkeit , Wo jeder einzeln irrt ! Die Völker sind entzweit , Die Sprachen sind verwirrt . Und weil um Rache schreit Vergoßnes Bruderblut , Nun denn , ihr Mörder , seid Einander Höllenglut ! « - So grollt der Rachegeist . Doch horch , der Garten Eden , Er säuselt und verheißt : » Herbei ! Ich heile jeden ! Erlösung wird beschert , Wenn ihr , der Wüste leid , Euch reuevoll belehrt Zur treuen Ewigkeit . Herbei , ihr Zagen ! Kommt An meine Gartenmauer ! Zu eurem Troste frommt Der ahnungsvolle Schauer . Wenn meine Wipfel raunen , Und Nachtigallen singen , Will euch vor süßem Staunen Das volle Herz zerspringen . Und wo sich zwei vereinen In Lieben und Erbarmen , Da halten sie mit Weinen Ihr Eden in den Armen . « Dem Nachhall lauschte die kleine Gemeinde . Wie ich die Harfe über die Schulter nahm , erhuben sich die Frauen von der Steinbank , es gingen meine Zuhörer . Ich ergriff die Fackel und verließ die Höhle . In meiner Klause fand ich auf dem Tisch ein Körblein mit Brot und Eiern . Dazu ein Schreiben von Sibyllens Hand : » Für die Speise , so Ihr bedürftigen Seelen gespendet , danken wir mit Liebe und möchten Euch gern etwelche Wohltat erweisen . Nehme dahero der Herr Johannes diese geringe Gabe für sein leiblich Wohl und bleibe uns fürder gewogen . « Durch das Fenster blickte ich meinen Gästen nach und sahe sie bei den Gräbern . Entblößten Hauptes stund Heinrich neben dem Oheim am Kreuze meines Bruders Zetteritz . Vor des Kindes Kreuzlein knieten die Frauen ; Agnete hielt die Hände vors Gesicht , als weine sie . Mußte wohl vernommen haben von des Kindes Opferung . Wiederum sah ich den Scheidenden nach , bis sie im Walde verschwanden , und meine Seele , sonst ruhig , war erfüllt von heimlicher Unrast . Machte mir den Vorwurf , in meiner Rede weit mehr empfohlen zu haben , als ich selber zu leisten imstande . Nächsten Sonntag in der Frühe begab ich mich auf den Weg zur Kieselwaldbaude . Ich wählte den Weg durchs Jammertal , schritt über den Steg des Zacken und fand mich in den Pfaden zurecht , so den Forst durchqueren . Den Kochelbach , vom trockenen Sonnenwetter Septembris seicht gemacht , konnte ich auf Steinblöcken überschreiten und klomm nun die Waldhöhe hinan , deren höchste Kuppe der Breite Berg . Dann hörte ich Rinder brüllen , und auf der Weide war ein alter Mann nebst dem Knaben , der mir Sibyllens Brief überbracht hatte . Die Hunde kläfften , bis sie der Knabe durch Steinwürfe von mir zurücktrieb . Oben auf der Matte , nahe dem Walde , lag die Balkenbaude , mit einem Unterbau aus Felsen . Über das Schindeldach stieg Rauch , ein Kätzlein sonnte sich unter der Haustür . Hinter der Baude dehnte sich zum Walde die aus Baumstämmen gefügte Hürde . Ein Bächlein floß hindurch und füllte etliche Holztröge . Von Tannen war die Weidematte umzingelt . Gleich einem Helm wölbte sich der Breite Berg . Seitlich an ihm vorbei blickte ich in die Schneegruben , gen Abend lag der Schwarze Berg mit dem Hohen Stein . Wieder zu Kiesewalds Baude gewendet , sah ich Heinrich auf mich zukommen , von Sibyllen gefolgt . » Guten Morgen , Herr Johannes ! « sprach er freundlich und bot mir die Hand . » Seid willkommen ! « fügte Sybille hinzu , » und sitzet an unserm Herd . « In beider Antlitz war zu lesen , mit welcher Freude sie mich aufnahmen . Wir traten in die Stube , wo es warm war . Setzten uns um den Tisch , darauf hatte es Buttermilch , Brot und Käse , auch Hammelschinken und eine Flasche Eibereschengeist . » Nehmt fürlieb , « sprach Heinrich , » stärket Euch nach dem Wege . « Wie er hörte , daß ich übers Jammertal gekommen , meinte er : » Über den Schwarzen Wog hättet Ihr es näher gehabt . Gern will ich Euch auf dem Heimweg bis dorthin geleiten . « Während ich aß und trank , verwunderte ich mich , daß Agnete nicht sichtbar . Sybille merkte , wen mein Blick suchte , und gab Aufklärung : » Agnete lässet Euch grüßen und um Entschuldigung bitten , daß sie abwesend . Sie begibt sich alle Sonntage hinunter gen Petersdorf oder Giersdorf zu Kranken sowie zu einsamen Leuten und Kindern , so in diesen schweren Zeiten verwaiset oder sonst hilfsbedürftig sind . Den Kindern ist sie Mutter , so gut sie vermag , unterweiset sie im Lesen und Schreiben , legt auch die Schrift aus , daß es zu Herzen geht . Bei einbrechender Dunkelheit wird Agnete von Dorfleuten heimgeleitet . So lange aber , Herr Johannes , dürfet Ihr nicht bei uns bleiben , zumal Agnete Euch bitten läßt , nicht auf sie zu warten . « Es war mir leid , die Frau zu verpassen , deren edle und geheimnisvolle Art eine sonderliche Teilnahme in mir wachgerufen . Meine Enttäuschung mag ich nicht ganz verhehlt haben , da ich zur Antwort gab : » Hätte ich früher erfahren , daß Agnete heute nicht daheim , würde ich Euch an einem andern Tage besucht haben . « Errötend versetzte Sibylle : » Ich will gestehen , Agnete wäre auch dann Eurem Besuche ausgewichen . Doch denket nichts Arges . Sie verehrt Euch . Aber sie wünscht , bei Eurem ersten Herkommen möchtet Ihr bloß Heinrich und mich sprechen . Den Grund mag Euch Heinrich nennen . « » So ist es , « - sagte der Mann zögernd . » Meine Frau hat den Wunsch , ich soll mich mit Euch aussprechen , ohne daß ihr Beisein unsere Offenherzigkeit beengt . « » Ja , redet frei mitsammen , « meinte Sibylle und verließ die Stube . Heinrich suchte nach Worten : » Ich danke Euch für Eure Auslegung des Evangeliums , und ich muß Euch wohl beistimmen , daß man im Himmelreich nicht also freiet , wie irdische Menschen tun . So Ihr aber vom schwachen Sterblichen verlanget , er solle gleich hier auf Erden ebenso heilig und verklärt sein , wie die Engel , und solle ein geliebtes Weib nicht für sich allein begehren , so mutet Ihr dem Sohne des Staubes zu , daß er mit einem Sprung über eine Kluft hinweggelange . Wann wir hinuntersteigen zum Schwarzen Wog , kommen wir an solch eine Kluft . So breit ist sie , daß , ich keinen Stein hinüberschleudern kann , und tief im Abgrunde strudelt über Felsblöcke der Zackenfluß . Wer nicht Flügel an den Schultern hat , wie die Engel , vermag nicht stracks hinüber zu gelangen . Fein behutsam muß er den Abstieg nehmen über Geröll und durch Gestrüpp , muß den Fuß auf die Baumstämme setzen , so eine Brücke bilden , und muß am andern Ufer mühselig die Felsen emporklimmen . Die Sinnenwelt , so habet Ihr gesagt , ist ein Gleichnis für das Reich des Geistes . Nun freilich , an einen andern Abgrund , nicht unähnlich dem Schwarzen Wog , hat Eure Predigt mich geführt und heißet mich nun einen übermenschlichen Sprung durch die Luft hinübertun . Hinter der Kluft lächelt verklärt jenes Himmelreich , allwo man nicht freiet und nicht freien lässet . Hinüber aber weiß ich nicht zu gelangen , habe nicht einmal solch einen mühsamen Pfad durch den Abgrund , wie er vom Schwarzen Wog zum Zackenberge führt . Bedenk ich nämlich , es könne ein andrer Mann kommen und meines ehelichen Weibes Minne auf sich lenken , - o Herr , ich hätte nicht die Kraft , zu beherzigen , daß schon hienieden das Himmelreich anhebet . Wie denn ? Soll ich etwan zu Agneten sprechen : gehe hin und lebe mit dem andern ? Soll ich wie ein Heiliger zuschauen , wenn sie jenen herzet , wie sie mich nie geherzt hat ? Ratet Ihr mir , ich solle verzichtend beiseite schleichen , so wär ich vielleicht , wofern Gott mich stärkt , hiezu imstande . Doch gebrochenen Herzens würd ich es tun , und nicht im Himmelreiche wär ich , vielmehr an einer Stätte höllischer Pein . Wahrscheinlich aber wird meine Kraft zum Verzichte gar nicht ausreichen ; mag sein , daß mein Nebenbuhler quälenden Neid , gärenden Haß in mir weckt , und wer weiß , was ich dann tue . O Heiland , steh mir bei , daß nicht die Sünde Kains mich hinreiße . « Heinrichs Angesicht glühte , unter finsteren Brauen rollten die Augen . Beschwichtigend ergriff ich seine Faust und löste die zusammengekrampften Finger . » Ihr sagtet , Heinrich , daß ich Euch zumute , ohne Pfad und ohne Stütze über den Abgrund zu gelangen . Aber der Abgrund im inneren Menschen hat wohl Pfad und Brücke ; hat auch einen Freund , der dem Unkundigen weiset , wie er gehen soll . Weiset Ihr mich , lieber Heinrich , über den Abgrund am Schwarzen Wog , so lasset mich hinwiederum Euch helfen , über den Abgrund des Herzens zu gelangen . « » Seid Ihr das imstande ? « fragte Heinrich , und vor seinem durchdringenden Auge irrte mein Blick zur Seite . » Wirklich ? Seid Ihr das imstande ? « wiederholte er mit erhobener Stimme ; » oder gehöret Ihr zu jenen Prädikanten , so da meinen : Richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten ? « Er hatte mir weh getan ; doch ich gab im stillen zu , daß er wahr gesprochen . » Ja Heinrich , zu denen gehöre ich . Auch ich sage : Richtet Euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten . « Da er mich stutzig ansah , gab ich die Erklärung : » Könnet Ihr denn nicht begreifen , daß eines Menschen Auge weiter reicht , als die Kraft seiner Füße ? Wenn ich den Gipfel der Verklärung schaue , so bin ich doch nicht alsogleich imstande , hinaufzugelangen , obwohl ich mich anstrenge , nicht bloß im Schauen , sondern auch im Wandeln . Bittet mich nun ein Zweifler , ihm die Wahrheit zu zeigen , wie ich sie schaue , so schildere ich zwar den Gipfel der Verklärung , möchte aber nicht derart verstanden sein , als ob ich mich selber zu den Verklärten rechne ; vielmehr knie ich demütig in der Tiefe neben demselbigen , dessen Auge sich führen lässet von meinem Auge . « Heinrich war milde worden : » Verzeihet , Herr Johannes ; ich schäme mich des rauhen Wortes , so mir aus dem Munde gefahren , und ich weiß nun , daß Ihr mitnichten den heuchlerischen Prädikanten angehört . Wer die Kraft hat , ohne Zürnen sich mahnen zu lassen an seine Unzulänglichkeit , der ist ein Wegweiser zum Heil , nicht bloß mit Aug und Mund , sondern zugleich mit Herz und Wandel . Ihr habet mich still gemacht mit Eurer guten Antwort . So fahret fort , das Strudeln meines Abgrundflusses zu sänftigen und zeiget mir , wie Schritt für Schritt die Kluft mag überwunden werden . « Getröstet fuhr ich zu reden fort : » Wohlan , betrachtet noch einmal den Fall , daß jener andere kommt und spricht : ich bin Agnetens erster Mann . Würde er ebenso wie Ihr voll Eifersucht toben , so wäre jeder von euch beiden in Gefahr , den Platz zu verlieren , zu dem euch Agnetens Minne geführet . Erinnert Euch , wie nach meiner Auslegung die Gattenminne unter die Himmelspforte zu führen vermag . Ihr beide also würdet im eifersüchtigen Hader den Eingang zum Paradiese verlieren und wohl gar miteinander in einen höllischen Abgrund taumeln - es sei denn , daß der andere stärker ist denn Ihr , lieber Heinrich , und eben das vollbringt , was die Wahrheit Euch zumutet . « Betroffen fragte Heinrich : » Stärker denn ich ? Er sollte vollbringen , was die Wahrheit mir zumutet ? Was mutet sie mir zu ? « Ich entgegnete : » Nehmet einmal an , der andre spräche zu Euch mit Tränen im Auge : Dich liebt Agnete , wie sie einst mich geliebet hat . Aber vielleicht liebt sie mich noch immer . Sei es , wie es sei ; ihr Herz ist mir so heilig , daß ich sein Lieben nicht hemmen mag . Darum , lieber Bruder , der du ebenso , wie ich von ihr unter des Himmelreiches Pforte geführt bist , laß uns einträchtiglich vor ihr Antlitz treten ; mag sie dann entscheiden , in welcher Verfassung wir drei die wenigen Tage durchleben sollen , so uns - wer weiß - anoch beschieden sind . Wenn sie aber ratlos ist , oder wenn du , ihr jetziger Mann , nicht dulden magst , daß wir als drei Geschwister beisammen bleiben , so will ich still beiseite schleichen und darin Trost suchen , daß ich uns erspart habe , Übles zu tun , und daß ich auch in der Trennung tief im Herzen eins bin mit unserer Schwesterseele . « Groß sahe mich Heinrich an und schüttelte den Kopf : » Das ist kein Mensch , von dem Ihr redet . Menschen gehorchen dem Trieb der Kreatur . Diesen Trieb beobachtet doch an Kampfhähnen , die eifersüchtig hadern mit Schnabel und Sporn ... « - » Aber , Heinrich ! « unterbrach ich ihn lächelnd . » Soll dem Menschen unvernünftig Getier ein Muster sein ? Erkläret Ihr seines Herzens Sehnsucht nach Hoheit für eitel Narretei ? Und verdient Eure Agnete , die zur Stunde in Petersdorf auf lichten Pfaden wandelt , wie eine Beute dem Stärksten zugeeignet zu werden ? « Heinrich errötete . Ich aber fuhr fort : » Eure Frau ist nicht Euer Eigentum . Ein Herz hat Frau Agnete , und darin lebt der heilige Urgrund . Dieses Herzens Neigung soll niemand antasten mit rauher Hand . Angenommen , Ihr tätet es , was käme Euch davon Gewinn ? Mag sein , im Kämpfen wäret Ihr dem andern über , - würde dann aber nicht Agnete , wofern sie Liebe für jenen hegt , seine Wunden in sich fühlen ? Und würde sie ihn , der um sie gelitten , nicht noch inniger lieben , Euch aber für einen Wüterich halten ? « Verwirrt antwortete Heinrich : » So soll ich mich von ihm verdrängen lassen ? « - » Wie wunderlich Ihr redet ! Wohnt jener in ihrem Herzen , so vermag kein Ankämpfen ihn daraus zu entfernen ; schafftet Ihr ihn auch aus ihren Augen , so erlangtet Ihr nichts weniger als Beförderung in ihrem Herzen . Und so wenig Ihr ihn von dort verdrängen könnet , so wenig ist er imstande , Euch diejenige Liebe zu rauben , die Euch Agnete gewährt ... « Des Mannes Angesicht ward heller : » Ihr meinet also ? « - » Ganz gewiß ! Wie könnte Agnete , sintemalen Treue sie beherrscht , jemals vergessen , was ihr Heinrich war und ist . « - » Doch ihre Liebe teilt sich zwischen zweien . « - » Lasset gut sein ! Liebe ist nicht wie ein irdisch Ding . Ein Laib Brot freilich , das zweien ausgeteilt wird , gewährt einem jeden nur die Hälfte . Die Liebe jedoch gleichet der Sonne ; wen sie bescheinet , der hat die ganze Sonne , und mögen es Myriaden Sonnenkindlein sein . « Leuchtenden Auges legte nun Heinrich Kiesewald die Hand auf meine Schulter , sah mir ins Aug und raunte , als wär ' s ein Geheimnis : » Ja , wenn ich wüßte , daß mir Agnetens Liebe also sicher wäre , und wenn ich wüßte , daß der andre ... Doch wer weiß denn , was er bringen kann ! Sehet , dieser Zweifel nagt an meinem Herzen , und meine Sorge ist wie eine Krankheit auf Agneten übergangen . Das ist der Grund , warum wir Euch , Herr Johannes , bemühen mit unserer Herzensangelegenheit . Agnete ist beglückt von Eurer Antwort und möchte auch mir das Heil zuwenden . Hat drum zu mir gesprochen : Sei du allein mit Herrn Johannes , damit du frei dein Herz ihm offenbaren kannst . Vielleicht , daß er dich heilt von deiner Sorge , er hat Macht über die Herzen , inmaßen ihm die Wahrheit nicht bloß in der Rede lebt , sondern zugleich in der Tatkraft . Sehet nun , Herr Johannes , wie sie so zu mir gesprochen , ist mir das ungefüge Spottwort beigefallen : richtet euch nach meinen Worten und nicht nach meinen Taten . Nicht wahr ? Saget selbst , es ist ein harter Weg zum Gipfel der Verklärung , und solang ich nicht weiß , ob jener andre wirklich sprechen würde , wie Ihr ihn sprechen lasset , so lange fehlt mir der Glaube . Was dieser rechte Glaube ist , weiß ich nun allerdings , seit Ihr mir das Glauben vorgemacht . Denn fürwahr , der rechte Glaube ist das Vertrauen auf eine Kraft , so als Keim im Menschenherzen wohnet . « » Recht so , Heinrich , das Vertrauen auf das bessere Selbst , so im Menschen sich entfalten soll zum Baume himmlischen Lebens . « Heinrich nickte sinnend : » Wie gleichet Ihr doch in Eurer Lehre meiner Agnete . Auch sie hat uns oft gesagt : Gott und das Himmelreich sind im Menschenherzen und sollen allbereits auf Erden zur Macht gelangen . Was mich betrifft , so bin ich ein Kleingläubiger . Doch ist meine Schwester Sibylle wie Agnete gesonnen . Wären diese edeln Weibsbilder nicht an meiner Seiten gestanden gleich Abgesandten des Lichtes , ich wäre wohl gänzlich verkommen im blutigen Schlamm der Heerstraße . Denn meines väterlichen Erbes beraubt und aus der Heimat vertrieben , bin ich der Widerspenstigkeit voll geworden