so konnten und durften Sie die Arbeit abends machen . Warum sagten Sie , Sie seien fertig , während Sie nicht das geringste daran getan hatten ? « » Ich habe gemeint , Sie fragen , ob ich präpariert hätte . « » Lächerlich . Sie hatten neulich schon die Frechheit , meine Worte einfach zu verdrehen . Ich habe deutlich gefragt : Haben Sie Ihre Übersetzung gemacht ? Meine Frau war zugegen und ist Zeuge . « » Wenn Sie es gesagt haben , habe ichs eben anders verstanden . « » Die gewohnten Ausflüchte . Sie hatten ja nicht einmal präpariert . Das können Sie jemand aufbinden , der Sie nicht so genau kennt wie ich . Ich wünschte , ich hätte Sie nie kennengelernt ; am Ende kommt man durch Sie noch um den Ruf eines redlichen Mannes . Aber Sie werden durchschaut , nicht nur von mir , sondern auch von andern . Es gibt nur noch wenig Familien , bei denen Sie für liebenswürdig und aufrichtig gelten ; die meisten sehen ein , daß Sie eine alltägliche Einbildung und einen niedrigen Hochmut besitzen , daß Sie gleichgültig und anmaßend gegen weniger Vornehme sind , sobald Sie bei Vornehmeren Zutritt finden . Und was Ihre Verlogenheit betrifft , so bin ich erbötig , Ihnen in jedem einzelnen Fall auf den Kopf zuzusagen , ob Sie bei der Wahrheit geblieben sind , was in und außer Ihrem Horizont liegt , was Ihre Aufmerksamkeit fesseln kann und was nicht . Ich gebe Ihnen ein artiges Exempelchen aus der letzten Zeit . Es war beim Mittagstisch die Rede vom Regierungsrat Fließen . Meine Frau meinte , es sei dem guten alten Mann unangenehm , daß er nicht bei den Seinen in Worms sein könne . Ich bemerkte hierauf , daß der Regierungsrat eine große Verwandtschaft im Rheinkreis und soundsoviele Enkel habe . Darauf sagten Sie : Elf Enkel hat er , es wurde beim Generalkommissär davon gesprochen . Ich antwortete , daß ich von neunzehn Enkeln gehört , Sie versicherten aber , es seien elf . Ich wußte dem nun allerdings nichts entgegenzusetzen , aber das wußte ich bestimmt , daß Sie die Zahl nur in der Geschwindigkeit aufgegriffen hatten , um uns zu imponieren , um den Namen des Generalkommissärs in den Mund nehmen zu können und uns zu zeigen , daß Sie mit den Verhältnissen der Personen vertraut seien , die jenes Haus besuch ten . Hand aufs Herz : ists nicht so ? « » Jemand hat an der Tafel von elf Enkeln gesprochen . Ganz gewiß . « » Das glaube ich nicht . « » Doch . « » Pfui , schämen Sie sich , Hauser , in einem so ernsten Augenblick auf der Lüge zu beharren . Dazu gehört ein hoher Grad von Erbärmlichkeit , um nicht zu sagen Nichtswürdigkeit . An der Sache selbst ist ja wenig gelegen , aber Ihre fortgesetzte dreiste Behauptung läßt tief blicken . Sie zeigt , daß Sie nie einen Fehler auf eigne Rechnung nehmen , daß Sie nie eine Schwäche zugestehen wollen und es dabei aufs Äußerste ankommen lassen . In der ersten freien Stunde werde ich den Regierungsrat selbst fragen , wieviele Enkel er hat . Sind es wirklich elf , so werde ich Ihnen gehörige Genugtuung geben , im andern Fall will ich Sie in einer Weise beschämen , daß Sie an mich denken sollen . « Caspar senkte ergeben den Kopf . » Aber das Eigentliche , was ich Ihnen vorzuhalten habe , kommt noch , lieber Freund « , begann Quandt nach einer Pause , während welcher man den Sturmwind gegen die Fenster donnern und im Kamin wimmern hörte . » Es ist jetzt endlich an der Zeit , daß Sie einem Mann wie mir , der an Ihrem Schicksal ungeheuchelten Anteil nimmt , reinen Wein einschenken . Sie scheinen immer noch der Meinung , die ganze Welt stehe Ihrem Märchen von der geheimnisvollen Einkerkerung oder gar von der hohen Abkunft gläubig gegenüber . Sie befinden sich in einem schmählichen Irrtum , lieber Hauser . Anfangs , ich gebe es zu , hat man sich damit als einem rätselhaften Vorgang beschäftigt , aber nach und nach sind doch alle vernünftigen Menschen zu der Einsicht gelangt , daß sie das Opfer - lassen Sie mich die Eigenschaft nicht nennen , deren Opfer sie geworden waren . Ich kann mir wohl denken , Hauser , daß Sie den Anschlag ursprünglich nicht so weit treiben wollten . Im vorigen Winter , als die Schrift des Präsidenten erschienen war , da zeigten Sie sich selbst erschrocken von den Folgen Ihrer Tat , und Sie erinnerten mich an ein Kind , das ein bißchen mit dem Feuer gespielt hat und unversehens das ganze Haus in Flammen sieht . Sie fürchteten , den Futterplatz zu verlieren , den Sie sich durch Ihre Pfiffigkeit verschafft hatten , Sie mußten gerade da eine Entdeckung und die wohlverdiente Strafe fürchten , wo Ihre verblendeten Freunde das Glück für Sie sahen . Prüfen Sie sich doch in Ihrem Innern , ob ich nicht recht habe . « Caspar sah dem Lehrer mit einem leblosen Blick ins Auge . » Schön ; ich will Sie nicht zur Antwort zwingen « , fuhr Quandt mit düsterer Befriedigung fort . » Es ist nun wieder still um Sie geworden , Hauser . Eigentümlich still ist es geworden . Man will sich nicht mehr recht um Sie kümmern . So still war es auch damals um Sie geworden , bevor der angebliche Mordanfall im Hause des Professors Daumer sich ereignet hat . Kein Mensch unter all den vielen Tausenden , welche die Stadt Nürnberg bewohnen , hat zur kritischen Zeit oder später eine Person beobachtet , die auch nur im entferntesten im Zusammenhang mit einer solchen Greueltat gedacht werden konnte . Ihre Freunde glaubten trotzdem an den vermummten Unhold , so wie sie an den phantastischen Kerkermeister glaubten , der Sie das Lesen und Schreiben gelehrt haben soll . Nichtsdestoweniger hat Sie der Professor Daumer alsbald vor die Tür gesetzt . Er wird wohl gewußt haben , warum . Und heute steht Ihre Sache so , daß Sie sich entschließen müssen . Ihre mächtigsten Gönner , der Staatsrat , der Lord Stanhope , die Frau Behold , haben das Zeitliche verlassen . Erkennen Sie darin nicht einen Wink des Himmels ? Es hat ja nun keinen Zweck mehr für Sie , die Fiktion aufrechtzuerhalten . Sie sind doch jetzt ein Mann , Sie wollen doch ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft werden . Sprechen Sie zu mir , Hauser , eröffnen Sie sich ! Sprechen Sie mit Ihrem wahren Mund , aus wahrem Herzen ! « » Ja , was soll ich denn sprechen ? « fragte Caspar dumpf und langsam , indes seine Gestalt verfiel wie die eines Greises und auch in seinem Gesicht lauter greisenhafte Falten entstanden . Der Lehrer trat zu ihm und ergriff seine schwere steinkalte Hand . » Die Wahrheit sollen Sie sprechen ! « rief er beschwörend . » Ach , Hauser , es ist ja ein Jammer , Sie anzuschauen , wie das schlechte Gewissen gespensterhaft aus jedem Ihrer Blicke lugt . Ihr Gemüt ist bedrückt . Auf ! die gequälte Brust , Hauser ! Lassen Sie endlich einmal die Sonne hineinscheinen ! Mut , Mut , Vertrauen ! Die Wahrheit ! Die Wahrheit ! « Er packte Caspar am Kragen des Rocks , als wolle er ihm mit seinen Händen das Geheimnis entreißen . Was denn ? Was denn ? dachte Caspar , und sein Blick flatterte wehevoll umher . » Ich will Ihnen entgegenkommen « , sagte Quandt . » Knüpfen wir an ein Greifbares an . Als Sie nach Nürnberg kamen , zeigten Sie einen Brief . Sie trugen in den Taschen Ihres verschnittenen Fracks mehrere Bücher , es waren alte Mönchsschriften , darunter eine mit dem Titel : Kunst , die verlorenen Jahre einzubringen . Wer hat den Brief geschrieben ? Wer hat Ihnen die Bücher gegeben ? « » Wer ? Der , bei dem ich gewesen . « » Das ist ja klar , « versetzte Quandt mit erregtem Lächeln , » aber Sie sollen mir sagen , wie der hieß , bei dem Sie gewesen . Sie werden mich doch nicht für so närrisch halten , daß ich glaube , Sie wüßten das nicht . Ohne Zweifel war es doch Ihr Vater oder Ihr Oheim oder ein Bruder oder ein Spielgenosse , gleichviel . Hauser ! Stellen Sie sich vor , Sie befänden sich vor Gottes Angesicht . Und Gott würde fragen : Woher kommst du ? Wo ist deine Heimat , der Ort , wo du geboren bist ? Wer hat dir einen fälschen Namen angedichtet , und wie heißt du mit dem Namen , den du in der Wiege empfangen hast ? Wer hat dich unterrichtet und angelernt , die Menschen zu täuschen ? Was würden Sie in Ihrer Seelennot antworten , was antworten , wenn der erhabene Gott Sie zur Rechtfertigung aufforderte , zur Sühnung des verübten Trugs ? « Caspar starrte den Lehrer atemlos an . Das Blut stockte ihm . Die ganze Welt verkehrte sich ihm . » Was würden Sie antworten ? « wiederholte Quandt mit einem Ton zwischen Angst und Hoffnung ; ihm schien es , als sei er nahe daran , die verschlossene Pforte zu sprengen . Caspar stand schwerfällig auf und sagte mit zuckendem Mund : » Ich würde antworten : Du bist kein Gott , wenn du solches von mir verlangst . « Quandt prallte zurück und schlug die Hände zusammen . » Lästerer ! « schrie er mit durchdringender Stimme . Dann streckte er den rechten Arm aus und rief : » Hebe dich weg , du Unzucht , du verfluchter Lügengeist ! Hinaus mit dir , Infamer ! Besudle meine Luft nicht länger ! « Caspar kehrte sich um , und während er nach der Türklinke tastete , krächzte hinter ihm die Wanduhr zehn Schläge in das Sturmgebrodel . Seufzend , schlaflos wälzte sich Quandt die ganze Nacht auf den Kissen . Seine Heftigkeit mochte ihn gereuen , denn im Lauf des folgenden Tages suchte er sich Caspar wieder zu nähern . Aber Caspar blieb kalt und in sich gekehrt . Abends brachte Quandt das Gespräch auf den Regierungsrat Fließen ; er sagte , daß er sich erkundigt habe , und rief Caspar scherzend zu : » Achtzehn Enkel , Hauser , achtzehn sind es ! Na , sehen Sie , daß ich recht gehabt habe ? « Caspar schwieg . » Aber Hauser , Sie essen ja gar nichts mehr « , sagte die Lehrerin besorgt . » Ich habe keinen Appetit « , erwiderte Caspar ; » kaum daß ich angefangen habe zu essen , bin ich auch schon satt . « Am Mittwoch , dem elften Dezember , kam Quandt verspätet und sehr erregt zu Tisch . Er hatte auf dem Heimweg von der Schule einen heftigen Auftritt mit einem Fuhrknecht gehabt , der in der bergigen Pfarrgasse sein Pferd zuschanden geschlagen hatte , weil es den schwerbeladenen Wagen nicht zum Hafenmarkt hinaufziehen konnte . Quandt hatte dem rohen Kumpan Vorstellungen gemacht und einige hinzukommende Bürger zu Zeugen der unmenschlichen Quälerei angerufen . Dafür war der Fuhrknecht mit erhobenem Peitschenstiel auf ihn losgegangen und hatte ihn angebrüllt , er solle sich zum Teufel scheren und sich nicht um Sachen kümmern , die ihn nichts angingen . » Gott sei Dank ist mir der Name des Kerls bekannt , und ich werde dem Polizeileutnant darüber Meldung erstatten « , schloß Quandt . Er wurde nicht müde zu beschreiben , wie der armselige Klepper vor dem Gefährt immer wieder vergeblich an den Strängen gezerrt habe , und wie das schwarze Blut unter seinen Rippen hervorgequollen sei . » Der Spitzbube , « grollte er , » ich werde es ihm zeigen , ein Tier so zu rackern . « Nachher , als Caspar weggegangen war , fragte ihn seine Frau , ob es ihm denn nicht aufgefallen sei , daß Caspar gar kein Wort über die Geschichte fallengelassen habe . » Ja , er war ganz stumm , es ist mir aufgefallen « , bestätigte Quandt . Eine halbe Stunde darauf ging er in Caspars Zimmer und bat ihn , die schriftliche Anzeige gegen den Fuhrknecht , die er verfaßt hatte , in der Wohnung Hickels abzugeben . Um drei Uhr kehrte Caspar mit der Nachricht zurück , der Polizeileutnant habe einen mehrtägigen Urlaub genommen und sei verreist . Aenigma sui temporis Es geschah am übernächsten Tage , einem Freitag , als Caspar kurz nach zwölf das Gerichtsgebäude verlassen wollte , daß er im Korridor vor der unteren Treppe von einem fremden Herrn angesprochen wurde , einem anscheinend sehr vornehmen Mann , der groß und schlank war , einen schwarzen Backen- und Kinnbart trug , und der ihn aufforderte , ihm wenige Minuten Gehör zu schenken . Caspar stutzte , denn in der Stimme des Mannes war etwas sehr Dringliches und etwas sehr Achtungsvolles . Sie gingen ein paar Schritte seitwärts von der Treppe , wo niemand vorüberkommen konnte . Der Fremde lächelte ermutigend , als er Caspars scheues Wesen bemerkte , und begann sogleich in derselben dringlichen und achtungsvollen Weise : » Sie sind Caspar Hauser ? Bis heute sind Sie es gewesen . Morgen werden Sie diesen Namen abstreifen . Wie mich schon der erste Blick in Ihr Gesicht belehrt und erschüttert hat ! Prinz , mein Prinz ! Erlauben Sie mir , Ihnen die Hand zu küssen . « Er bückte sich rasch und küßte ehrfurchtsvoll Caspars Hand . Caspar hatte keine Worte . Er sah aus wie einer , dem plötzlich das Herz stillsteht . » Ich komme vom Hof , ich komme als Abgesandter Ihrer Mutter , ich komme , Sie zu holen « , fuhr der Fremde fort , nicht weniger hastig , nicht weniger respekterfüllt . » Ich vermute , daß Sie seit langem darauf vorbereitet sind . Doch müssen wir auf der Hut sein . Wir haben große Hindernisse zu scheuen . Sie müssen mit mir entfliehen . Alles ist bereit . Die Frage ist nur , ob Sie willens sind , sich ohne Rückhalt mir anzuvertrauen , und ob ich auf Ihre unbedingte Verschwiegenheit rechnen darf ? « Wie sollte Caspar imstande sein , darauf zu antworten ? Er schaute in das Gesicht des Mannes , das ihm in jeder Beziehung außergewöhnlich , ja märchenhaft erschien , und mit stupider Aufmerksamkeit haftete sein Blick auf den zahllosen kleinen Blatternarben , die auf der Nase und den Wangen des Fremden sichtbar waren . » Ihr Schweigen ist für mich beredt « , sagte der Fremde mit einer schnellen Verbeugung . » Der Plan ist der : Sie finden sich morgen nachmittag um vier Uhr im Hofgarten ein , und zwar neben der Lindenallee , wenn man vom Freibergschen Haus kommt . Man wird Sie von dort zu einem bereitstehenden Wagen führen . Die einbrechende Dunkelheit wird unsre Flucht begünstigen . Kommen Sie ohne Mantel , so wie Sie sind ; Sie werden standesgemäße Kleider finden . Bei der ersten Raststation an der Grenze , die wir in drei Stunden erreichen können , werden Sie sich umkleiden . Ich bin Ihnen unbekannt . Sie sollen sich dem Unbekannten nicht auf Treu und Glauben übergeben . Bevor Sie in den Wagen steigen , werde ich Ihnen ein Zeichen behändigen , an dem Sie unzweifelhaft erkennen werden , daß ich zu meinem Auftrag von Ihrer Mutter bevollmächtigt bin . « Caspar rührte sich nicht . Nur sein ganzer Körper schwankte ein wenig , als wäre er erstarrt und der Wind drohe ihn umzublasen . » Darf ich dies alles als abgemacht ansehen ? « fragte der Fremde . Er mußte die Frage wiederholen . Da nickte Caspar : ernsthaft , schwer , und auf einmal war ihm die Kehle wie verbrannt . » Werden Sie sich zur bestimmten Stunde am bestimmten Platze einfinden , mein Prinz ? « Mein Prinz ! Caspar wurde leichenblaß . Er schaute wieder die Blatternarben mit verzehrender Aufmerksamkeit an . Dann nickte er abermals , mit einer Bewegung , die den Schein von Kälte oder von Verschlafenheit hatte . Der Fremde lüpfte mit demutsvoller Höflichkeit den Hut ; hierauf ging er und verschwand in der Richtung gegen die Schwanengasse . Während des ganzen Auftrittes , der etwa acht bis zehn Minuten gedauert hatte , war also nicht ein einziges Wort aus Caspars Lippen gekommen . War es Freude , die Caspar empfand ? War Freude so beschaffen , daß einen dabei fror bis ins Mark ? Daß beständig Schauder über den Rücken liefen wie kaltes Wasser ? Er machte immer nur ein halb Dutzend Schritte und hielt dann inne , weil er glaubte , der Erdboden sinke unter seinen Füßen . Menschen , geht mir aus dem Weg , dachte er ; weh mich nicht an , Schnee ; Wind , sei nicht so wild . Er betrachtete seine Hand und berührte mit der Spitze seines Fingers starr nachdenklich die Stelle , auf die der Fremde ihn geküßt . Warum arbeiten die Schustergesellen noch , es ist ja Mittagszeit , grübelte er , als er im Vorbeigehen in einen Laden blickte . Unaufhörlich rannen die Schauder über den Nacken herab . Es war schön , zu wissen , daß mit jedem Schritt , mit jedem Blick , mit jedem Gedanken Zeit verging . Denn darum handelte es sich jetzt ganz allein : daß die Zeit verging . Als er nach Hause kam , sagte er zur Magd , er wolle nichts essen , und sperrte sich in seinem Zimmer ein . Er stellte sich ans Fenster , und während ihm die Tränen über die Backen liefen , sagte er : » Dukatus ist gekommen . « Seine Gedanken hatten etwas von einem nächtlichen Flug wilder Vögel . Bis heute war ich Caspar Hauser , dachte er , von morgen an bin ich der andre ; und was bin ich jetzt ? Gestern war ich noch ein Schreiberlein , und morgen werd ich vielleicht einen blauen Mantel tragen , mit goldenen Borten verziert ; auch einen Degen soll mir Dukatus bringen , lang und schmal und aufrecht wie ein Binsenhalm . Aber ist denn alles wahr , kann es denn sein ? Freilich kann es sein , weil es doch sein muß . Erst als es völlig finster war , zündete Caspar das Licht an . Die Lehrerin schickte herauf und ließ fragen , ob er nichts zu sich nehmen wolle . Er bat um ein Stück Brot und ein Glas Milch . Dies wurde gebracht . Sodann fing er an , seine Laden auszuräumen ; einen ganzen Stoß von Papieren und Briefen warf er ins Feuer , die Schreibhefte und Bücher ordnete er mit peinlicher Sorgfalt . Er öffnete eine Truhe und zog unter mancherlei Kram das Holzpferdchen hervor , das er noch von der Gefangenschaft auf dem Vestnerturm her besaß . Er betrachtete es lange ; es war weiß lackiert , mit schwarzen Flecken , und hatte einen Schweif , der bis auf das Brettchen fiel . O Rößlein , dachte er , hast mich manches Jahr begleitet , was wird nun aus dir ? Ich will wiederkommen und dich holen , und einen silbernen Stall werd ich dir bauen . Damit stellte er das Spielding behutsam auf ein Ecktischchen neben dem Fenster . Es mag füglich wundernehmen , daß ein Gemüt wie das seine , so mit Ahnung begabt , so mit Erfahrungen vielerlei Art gefüllt , vom ersten Augenblick der vermeintlichen Wandlung seines Schicksals in eine dermaßen blinde Gläubigkeit verfiel , daß auch nicht ein Funke des Mißtrauens , der Furcht oder nur des zweifelnden Staunens in ihm erglomm . Ein Vorgang , so weit außerhalb des gebundenen Wirklichen , so abenteuerlich in seiner Plötzlichkeit , so zierdelos und simpel , daß ein Schüler , ein Kind , ein Verrückter daran Anstoß genommen hätte , und er , dem so viele Menschengesichter unvermummt oder durch Schuld entmummt gegenübergetreten waren , er , dem die Welt nichts andres war , als was der Schwalbe , die vom Süden kommt , das durch Bubenhände zerstörte Nest , er ergriff mit unerschütterlicher Zuversicht die unbekannte Hand , die sich aus unbekanntem Dunkel ihm entgegenstreckte , die starre , kalte , stumme Hand . Aber bei ihm war keine andre Hoffnung mehr . Oder es war überhaupt von Hoffnung keine Rede . Hier war das selbstverständlich Endliche , das jenseitig Sichere , das Ungefragte , dem kein Wort der menschlichen Sprache , ja nicht einmal ein Gedanke , eine Vorstellung , eine Vision mehr nahekommen konnte und das sich so vorbestimmt vollzieht wie der Aufgang der Sonne , wenn es Tag wird . O ihr müdgetriebenen Glieder , ihr Ketten an den Gliedern , ihr trägen Minuten , ihr schweigenden Stunden ! Noch prasselt der Kalk in der Mauer , noch bellt von fern ein Hund , noch bläst der Sturm den Schnee ans Fenster , noch knistert das Licht auf der Kerze , und alles dies ist voll Bosheit , weil es so beständig scheint , so langsam vergeht . Um neun Uhr begab er sich zur Ruhe . Er schlief fest , später in der Nacht hörte er alle Viertelstundenschläge von den Kirchen . Bisweilen richtete er sich auf und schaute beklommen in die Finsternis . Dann kam ein Traum , in dem Schlaf und Wachen unmerklich ineinanderflossen . Ihm träumte nämlich , er stehe vor dem Spiegel , und er dachte : wie sonderbar ich habe ein so bestimmtes Gefühl von der Glätte des Spiegelglases , und doch träume ich nur . Er erwachte oder glaubte zu erwachen , verließ das Bett oder glaubte es zu tun , machte sich im Zimmer zu schaffen , legte sich wieder hin , schlief ein , erwachte abermals und grübelte : Sollte ich das mit dem Spiegel nur geträumt haben ? Jetzt trat er vor den Spiegel hin , gewahrte sein umschattetes Bild , fand etwas Fremdes daran , wovor , ihm graute , und bedeckte den Spiegel mit einem Tuch , das blau war und goldene Borten hatte . Als er sich nun hingelegt hatte und nach einer Weile wirklich erwachte , da erkannte er , daß alles nur ein Traum gewesen war denn der Spiegel war keineswegs verhängt . Es war eine lange Nacht . Des Morgens ging er wie gewöhnlich aufs Gericht . Er verrichtete seine Schreibarbeit wie mit verschleierten Augen . Um elf Uhr klappte er das Tintenfaß zu , räumte auch hier alles säuberlich zusammen und entfernte sich still . Quandt war wegen einer Lehrerkonferenz über Mittag vom Hause fort . Caspar saß mit der Frau allein bei Tisch . Sie sprach beständig vom Wetter . » Der Sturm hat den Schlot auf unserm Dach umgerissen , « erzählte sie , » und der Schneider Wüst von nebenan ist durch die herunterfallenden Ziegel beinahe erschlagen worden . « Caspar blickte schweigend hinaus : er konnte kaum das gegenüberliegende Gebäude sehen ; Regen und Schnee untermischt wirbelten durch die verdunkelte Gasse . Caspar aß nur die Suppe ; als das Fleisch kam , stand er auf und ging in sein Zimmer . Punkt drei Uhr kam er wieder herunter , nur mit seinem alten braunen Rock bekleidet und ohne Mantel . » Wo wollen Sie denn hin , Hauser ? « rief ihn die Lehrerin von der Küche aus an . » Ich muß beim Generalkommissär etwas holen « , entgegnete er ruhig . » Ohne Mantel ? Bei der Kälte ? « fragte die Frau erstaunt und trat auf die Schwelle . Er sah zerstreut an sich herab , dann sagte er : » Adieu , Frau Lehrerin « , und ging . Bevor er die Haustür schloß , warf er noch einen Abschiedsblick in den Flur , auf das geschweifte Geländer der Treppe , auf den alten braunen Schrank mit den Messingschnallen , der zwischen Küchen und Wohnzimmertür stand , auf das Kehrichtfaß in der Ecke , das mit Kartoffelschalen , Käserinden Knochen , Holzspänen und Glassplittern angefüllt war , und auf die Katze , die stets heimlich und genäschig hier herumschlich . Trotz des blitzhaft schnellen Anschauens dieser Dinge schien es Caspar , als ob er sie nie deutlicher und nie so absonderlich gesehen hätte . Als die Klinke eingeschnappt war , ließ der schier unerträgliche Druck , der seine Brust verschnürte , ein wenig nach , und seine Lippen verzogen sich zu einem schalen Lächeln . Dem Lehrer werd ich schreiben , dachte er ; oder nein , besser ist es , selber zu kommen ; wenn der Winter vorbei ist , werd ich kommen und mit dem Wagen vors Haus fahren ; ich werd es einrichten , daß es Nachmittag sein wird , da ist er daheim . Wenn er vors Tor tritt , werd ich ihm nicht die Hand reichen , ich will mich stellen , als ob ich ein andrer wäre , in meinen schönen Kleidern wird er mich ja nicht erkennen . Er wird einen tiefen Bückling machen : » Wollen Euer Gnaden gnädigst eintreten ? « wird er sprechen . Wenn wir im Zimmer sind , stell ich mich vor ihn hin und frage : » Erkennen Sie mich nun ? « Er wird auf die Knie fallen , aber ich reiche ihm die Hand und sage : » Sehen Sie jetzt ein , daß Sie mir unrecht getan haben ? « Er wird es einsehen . » Ei , « sag ich , » zeigen Sie mir doch mal Ihre Kinder und schicken Sie nach dem Polizeileutnant . « Den Kindern werd ich Geschenke bringen , und wenn dann der Polizeileutnant kommt , zu dem werd ich nicht reden , den werd ich nur anschauen , nur anschauen ... Von der Gumbertuskirche schlug es halb vier . Es war noch viel zu früh . Auf dem unteren Markt ging Caspar rings an den Häusern herum . Vor dem Pfarrhaus blieb er eine Weile sinnend stehen . Infolge seiner inneren Hitze spürte er die Kälte kaum . Er sah nur wenige Leute , die , wie vom Wind gepeitscht , schnell vorüberhuschten . Als er sich von der Hofapotheke rechts gegen den Schloßdurchlaß wandte , schlug es dreiviertel . Da rief jemand ; er blickte empor , der Fremde von gestern stand neben ihm . Er trug einen Mantel mit mehreren Kragen und darüber noch einen Pelzkragen . Er verbeugte sich und sagte ein paar höfliche Worte . Caspar verstand ihn nicht , denn der Wind war gerade so heftig , daß man hätte schreien müssen , um einander zu hören . Daher machte der Fremde bloß eine Gebärde , durch die er Caspar bat , mit ihm gehen zu dürfen . Offenbar war selbst eben im Begriff gewesen , den Ort des Stelldicheins aufzusuchen . Bis zum Hofgarten waren es nur noch wenige Schritte . Der Fremde öffnete das Türchen und ließ Caspar den Vortritt . Caspar ging voran , als ob es so sein müsse . Eine Mischung von einfältiger Ergebenheit und ruhigem Stolz zeigte sich in seinem Gesicht , um mit sonderbarer Raschheit einem Ausdruck des Grauens Platz zu machen , denn der Augenblick war zu stark , er konnte seine Wucht nicht ertragen . In dem Zeitraum , den er brauchte , um von dem Pförtchen über den dichtbeschneiten Orangerieplatz zu den Bäumen der ersten Allee zu gehen , durchlebte er in seinem Innern eine Reihe gänzlich unzusammenhängender Szenen aus ferner Vergangenheit , eine Erscheinung , die von Seelenforschern auf dieselbe Wurzel zurückgeführt werden kann wie etwa die , daß ein von einem Turm Fallender während der Zeit des Sturzes sein ganzes Dasein an sich vorübergleiten sieht . Er erblickte zum Beispiel die Amsel , die mit ausgebreiteten Flügeln auf dem Tisch lag ; dann sah er mit ungemeiner Deutlichkeit den Wasserkrug , aus dem er in seinem Kerker getrunken ; dann sah er eine schöne goldene Kette , die ihm der Lord aus seinen Schätzen gezeigt , womit die angenehme Empfindung verbunden war , die ihm Stanhopes weiße , feine Hand erregte ; ferner sah er sich im Saal der Nürnberger Burg , wohin Daumer ihn geführt , und sein Auge weilte auf der sanften Linie einer gotischen Fensterwölbung mit einem Entzücken , das er damals sicherlich nicht verspürt hatte . Sie kamen zum Kreuzweg , da eilte der Fremde voraus und gab mit erhobenem Arm irgendein Zeichen . Caspar gewahrte hinter dem Gebüsch noch zwei andre Personen , deren Gesichter durch die aufgestellten Mantelkragen völlig verhüllt waren . » Wer sind diese ? « fragte er und zauderte , weil er annahm , hier sei der verabredete Platz . Mit den Blicken suchte er den Wagen . Das Schneegestöber erlaubte jedoch nicht weiter als zehn Ellen zu sehen . » Wo ist der Wagen ? « fragte er . Da der Fremde auf beide Fragen nicht antwortete , schaute er ratlos gegen die zwei hinter dem Gebüsch . Diese näherten sich oder es schien wenigstens so . Sie riefen dem Blatternarbigen etwas zu , erst der eine , dann der andre . Darauf entfernten sie sich wieder und standen dann auf der andern Seite des Wegs . Der Fremde drehte sich um , griff in die Tasche seines Mantels , brachte ein lilafarbenes Beutelchen zum Vorschein und sagte mit heiserer Stimme : » Öffnen Sie es ; Sie werden darin das Zeichen finden , das uns Ihre Mutter übergab . « Caspar nahm das Beutelchen entgegen . Während er sich bemühte , die Schnur zu entknüpfen , durch die es zugebunden war , hob der Fremde einen langen , blitzenden Gegenstand in der Faust und schnellte mit dem Arm gegen Caspars Brust . Was ist das ? dachte Caspar bestürzt .