. Indem er in dieser Weise von ihr sprach , sagte er : » Ich fühlte es , als ich sie kennen lernte , doch klar ist es mir erst nach und nach geworden , daß in ihr die Vereinigung zweier Ideale Gestalt und Leben gewonnen hat . Wird die Erde jemals ein einig einziges Schönheitsideal besitzen ? Ich weiß es nicht . Aber meine Yin ist es , nach der ich es meißeln oder malen würde , wenn ich Künstler wäre ! Und ich meine das nicht nur in körperlicher Beziehung . Die Summe aller seelischen Vorzüge kann nichts Anderes als nur Güte sein , und Yin ist ganz unfähig , etwas Anderes zu sein , als nur die Güte selbst . Ich habe um sie gedient , wie Jakob einst um seine Rahel diente , zwar nicht so lange , aber mit derselben Opferwilligkeit . Sie liebte mich , doch ihr Oheim weigerte sich , sie der Gefahr auszusetzen , sich von einem abendländischen Edelmanne , dessen Verwandte sie nicht anerkennen würden , später vielleicht verlassen zu sehen . Da lernte ich Ki Tai Schin kennen und verkehrte täglich mit ihm , doch ohne ihm auch nur ein einziges Wort über Yin zu sagen . Ich hatte früher die mongolische Rasse tief unterschätzt , wie fast jeder Europäer es tut , doch war es der Liebe gelungen , mir die Augen zu öffnen . Yin lebte in mir . Das gewann mir die Freundschaft dieses so hochgebildeten und weitblickenden Mandarinen . Er erfuhr den eigentlichen Grund meines Handelns nicht , aber wir wurden mit einander einig , das Werk zu schaffen , von welchem Ihnen sein Sohn berichtet hat . « Raffley hatte sich diesem Werke mit größtem Eifer hingegeben , doch erst als es zu einem überzeugenden Beweise gediehen war , hatte der Oheim ihn benachrichtigt , daß er ihn nun auch persönlich näher kennen lernen wolle . Um diese Zeit war es , daß Fu , wie ich ihn noch nennen will , seine große Studienreise in das Ausland unternahm , um am Schlusse derselben seinen Sohn aus dem Abendlande heimzuführen . Raffley , der sich seiner hocharistokratischen Familie wegen Blackstone nannte , sah endlich seinen Herzenswunsch erfüllt : Yin wurde sein ; Mutter und Oheim verließen mit ihr Peking , um sich an Raffleys Arbeit zu betätigen . In dieser ersten Zeit des Glückes wurde die Jacht gebaut , welche natürlich gar nicht anders als nur Yin heißen konnte . Aber einem Charakter wie Raffley konnte ein verheimlichtes Glück kein ganzes , kein volles sein . Er war unendlich stolz auf den Schatz , den er erworben hatte , und wollte ihn von seinen Verwandten anerkannt sehen . Er war es dieser Frau schuldig , daß sie von den Seinen so geehrt und so geachtet wurde , wie sie es verdiente . Darum ging er nach England . Er fand dort nichts als Widerstand . John Raffley , und eine Chinesin , pfui ! Es hatte da Szenen gegeben , welche er nicht beschrieb , sondern nur ahnen ließ . Aber da war ganz unerwartet ein glückverheißender Umstand eingetreten : der Governor wettete ebenso gern wie Raffley selbst und hatte während einer derartigen Szene eine Wette vorgeschlagen , welche von allen Beteiligten acceptiert worden war . Er wollte mit nach China gehen , um diese Yin zu sehen . Gefiel sie ihm , so sollte sie anerkannt und als vollständig ebenbürtig betrachtet werden ; gefiel sie ihm aber nicht , so hatte Raffley auf Alles zu verzichten , was er war und was er besaß . Diese Bedingungen wurden amtlich festgestellt , beglaubigt und von allen dabei interessierten Personen unterzeichnet . Dann trat Raffley mit dem Governor die Rückfahrt an , vollständig überzeugt , daß er gewinnen werde . Der alte Gentlemann aber forderte , daß unterwegs niemals von Yin gesprochen werden dürfe , weil dies sein Urteil im voraus beeinflussen könne , und Raffley weigerte sich nicht , auch hierzu seine Einwilligung zu erteilen . Das also war die » große Wette « , von welcher der Governor einige Male vertraulich zu mir gesprochen hatte , und darum war diese schöne Yin für ihn ein » Gespenst « , vor welchem er sich scheute . Je näher er China gekommen war , desto mehr hatte sich in ihm die Befürchtung vergrößert , daß er einer Niederlage entgegengehe . Als Raffley mir das Alles erzählt hatte , ging er mit mir zu Tsi und teilte ihm mit , daß und aus welchem Grunde ihr beider Reiseziel dasselbe sei . Das Erstaunen des Chinesen war ebenso groß wie seine Freude . Hatte er mir doch so richtig ahnend gesagt , daß er sich diesen Blackstone ganz wie Raffley vorstelle . Nun war mit einem Male Alles glatt und klar geworden , und es sollte für Tsi noch eine ganz besondere Genugtuung geben , denn zufällig näherte sich uns jetzt der Governor , zu welchem Raffley sagte : » Dear uncle , steht fest , und haltet Euch irgendwo an ! Es ist ein Ereignis unterwegs , welches Euch sehr leicht ins Wackeln bringen kann ! « » Ich wackele nie ! « behauptete der Onkel . » Aber jetzt wahrscheinlich doch ; wollen sehen ! « Er nahm den Chinesen bei der Hand , zog ihn bis vor den Governor hin und fragte diesen : » Wer ist dieser Gentleman ? Kennt Ihr wohl seinen Namen ? « » Ah , so ! Jedenfalls ein Witz ! Well , gehen wir darauf ein ! Dieser Gentleman ist mein Freund und heißt Doktor Tsi . « » Nein , so heißt er nicht , sondern Ki Ti Weng . « » Ki - - Ti - - Ti - - Ti - - « machte der Uncle , indem sein Gesicht bei jedem » Ti « immer erstaunter wurde . » Ti - - Ti - - - Wang , Wing oder Weng ! So heißt doch wohl der Sohn deines Freundes , des Mandarinen Ki Tai - - Tai - - Tai und so weiter ? « » Allerdings . Und dieser Sohn ist eben unser Doktor Tsi . Ich habe natürlich keine Ahnung davon gehabt und es erst jetzt , in diesem Augenblick , erfahren . « » Ist es möglich ? Das soll ich glauben ? « » Gewiß ! « » Der Sohn des Mandarinen mit dem viertausendsechshundert Jahre alten Adel ? « » Ja . « » So halte mich ! Ich wackele ! « Er war im höchsten Grade erstaunt , obgleich er sich bemühte , seiner Verwunderung diese scherzhafte Wendung zu geben . So fuhr er fort : » Inkognito ! Unter andern Namen ! Es geht Alles , Alles anders , als man dachte ! Meine Wette , meine große , große Wette ! Aber ich werde mich rächen ! Dieser Doktor Tsi , der eigentlich Ki Ti - - Ti - - Ti und so weiter heißt , soll mir zur Strafe für seine Heimlichkeiten die Namen und Daten aller seiner Ahnen hersagen , welche es in diesen viertausend sechshundert Jahren gegeben hat . Bitte , vorwärts , nach meiner Koje ! Heut sieht sie unsern Tsi zum erstenmal als Gast ! « Er zog den Arm des Arztes unter den seinen und ging mit ihm fort . » Alter , echter Gentleman ! « sagte Raffley gerührt . » Könnte doch ein Jeder die alten Vorurteile in so anständiger Weise überwinden , wie er ! Ich bin überzeugt , daß er schon in den nächsten Tagen auch mit meiner herrlichen Yin genau so Arm in Arm promenieren gehen wird ! « - In Shanghai blieben wir einen ganzen Tag , denn es gab für alle Gesunden das Bedürfnis , sich einmal eine anhaltendere Bewegung zu machen , als an Bord möglich war . Es gelang mir , zwei gute Pferde aufzutreiben , um mit meinem Sejjid Omar , der sich sehr darüber freute , einen Ritt über den schattigen » Bund « und durch die jenseits des chinesischen Stadtteiles liegenden Avenuen zu machen . Dann begleitete ich Raffley durch die Läden , in denen er nach Gegenständen für die Geliebte suchte . Es hatte aber den Anschein , als ob ihm nichts ihrer recht würdig sei , obgleich er mir im Tone des Glückes anvertraute , daß sie die Einfachheit liebe und auch gar nicht nötig habe , sich zu schmücken , da sie selbst die köstlichste Perle sei , die man sich nur denken könne . Am Abende besuchten wir mit Mary Waller den berühmten , wunderbar illuminierten Garten von Chang Su Ho . Tsi hielt es für notwendig , der Lady diese Abwechslung zu bieten , zumal das Befinden ihres Vaters es ihr jetzt erlaubte , sich für einige Stunden von ihm zu beurlauben . Wir hatten uns in dem erwähnten Garten für uns allein gesetzt und betrachteten mit regem Interesse das vielgestaltete Leben , welches in der prachtvollen künstlichen Beleuchtung vor uns auf- und niederwogte . Da sprang Tsi plötzlich auf und eilte einem kleinen , schmächtigen Chinesen nach , welcher an uns vorübergegangen war , ohne von uns beachtet worden zu sein . Er hielt ihn fest und sprach zu ihm , ohne ihn vorher in der landesüblichen , umständlichen Weise begrüßt zu haben ; der Kleine schien also ein näherer Bekannter von ihm zu sein . Dann führte er ihn uns zu , und ich sah zu meiner Ueberraschung , daß es Fang , mein Bekannter von Point de Galle her war . Er stellte ihn uns unter Aufzählung aller Titel und Würden vor und fügte hinzu , daß dieser Mandarin des roten Blumenknopfes früher sein Lehrer gewesen und einer der berühmtesten Aerzte Chinas sei . Ich streckte dem lieben Kleinen nach europäischem Brauche meine beiden Hände hin , um ihn willkommen zu heißen , wodurch die Andern erfuhren , daß wir uns schon kannten . Er nahm selbstverständlich bei uns Platz , und da stellte es sich bald heraus , daß er in der Absicht , zu Tsis Vater zu reisen , hier in Shanghai nach einer Schiffsgelegenheit dorthin gesucht hatte . Raffley beeilte sich , ihn einzuladen , mit uns zu fahren , und es wurde bereitwilligst angenommen . Im Laufe der Unterhaltung kam die Rede auf unsern Patienten . Tsi begann zu erzählen . Fang hörte mit größtem Interesse , welches sich oft zur Spannung steigerte , zu und unterbrach den Bericht hier und da mit Erkundigungen , welche verrieten , daß er sich hier auf einem Gebiete befinde , auf dem er vielleicht noch heimischer als sein einstiger Schüler sei . Er hielt uns , als Tsi zu Ende war , über das Thema » Vision « ein Privatissimum , welches selbst einem europäischen Gelehrten ersten Ranges Bewunderung abgenötigt hätte , stimmte der bisherigen Behandlung Wallers in jeder Beziehung völlig bei und versicherte uns , daß die abendländische Wissenschaft hier vor einem Felde stehe , welches die Geringschätzung , mit der man es bis heut behandelt habe , nichts weniger als verdiene . Nach einiger Zeit verabschiedete er sich für einstweilen von uns , um sein Gepäck zu besorgen , und als wir dann an Bord ankamen , war er schon da und erzählte uns in heiterer Weise , daß mein Sejjid Omar ihn sogleich erkannt und eine wunderbare chinesische Rede vom Stapel gelassen habe . Am folgenden Vormittage nahmen wir Anker auf und gingen bei prächtigstem Wetter mit vollem Dampfe weiter . Indem wir uns von der Tschifulinie weit nach Westen hielten , entfernten wir uns von dem Kurse europäischer Fahrzeuge und bekamen nur dann und wann ein chinesisches zu sehen . Auch an Bord schien es weniger Leben als sonst zu geben . Mary war bei ihrem Vater . Tsi saß , wenn er sich nicht mit dem Kranken beschäftigte , mit Fang beisammen ; sie hatten ja einander viel zu berichten . Raffley beschäftigte sich mit dem Ordnen der Geschenke , welche er nach unserer Ankunft zu verteilen hatte , und der Governor war heut von einer Nervosität , welche ihn fast ungenießbar machte . Ich versuchte einigemal , ein Gespräch mit ihm zu beginnen ; er hielt mir aber nicht Stand . Das war wohl freilich zu begreifen , weil die Entscheidung nun so nahe lag . Bei einem dieser Versuche sah er mich wie ratlos an und sagte : » Wißt Ihr , Sir , was morgen geschieht , schon morgen ? O , diese Yin ! Ich wünsche sie ins Pfefferland und freue mich doch fast wie ein Kind auf sie ! Ist das nicht verrückt ? Werde ich gewinnen oder verlieren ? Pshaw ! Ich brauche ja nur fest zu behaupten , daß sie mir nicht gefällt , so habe ich den Sieg ! Aber erstens wäre das eine Lüge , weil mir doch schon ihr Bild gefällt . Zweitens liegt mir dieser alte , liebe John am Herzen . Sollen wir ihn um Alles , Alles bringen , weil er so klug ist , wirklich glücklich sein zu wollen ? Und drittens , hm , drittens kommt mir diese ganze Wette so unsinnig vor , daß ich mich gar nicht begreife . Wie ein vernünftiger Mensch nur wetten kann ! « Das klang grad aus seinem Munde so sonderbar , daß ich ein Lächeln nicht unterdrücken konnte . Er sah das und fuhr schnell und fast zornig fort : » Lacht nur , Sir , immer lacht ! Wer hat denn diesen Hieb gegen John und mich geführt ? Ihr ! Jede Wette ging verloren , nur die Eurige nicht . Und Waller wird die seinige auch bezahlen müssen ! Nun treibt mich heut die Ungewißheit hin und her , und ich kann mir nicht einmal mit einer Wette Luft machen ! Und wenn ich könnte , so würde ich es doch nicht tun , denn ich - - ich - - wette nie in meinem Leben mehr . Hört Ihr es ? Nie ! Und daran seid Ihr schuld , Ihr fataler , schrecklicher - - guter , lieber Mensch ! « Er drehte sich auf den Hacken um und ließ mich stehen . Der Kampf des Menschen mit sich selbst ist der schwerste , den es gibt . Es gelingt nur Wenigen , ihn bis zum Ende und siegreich durchzuführen . Am Abende dieses Tages geschah etwas sehr Eigenartiges , sehr Unerwartetes . Der Kranke hatte , ohne die Augen zu öffnen oder ein Glied zu bewegen , dreimal mit starker , befehlender Stimme verlangt , aus der Kajüte hinaus auf das Deck geschafft zu werden . Er wolle den Strahl von oben direkt auf sich leuchten sehen . Mary meldete das Tsi , und dieser war so bedachtsam , erst dann zu bestimmen , nachdem er mit Fang hierüber gesprochen hatte . Beide trafen in der Meinung zusammen , daß man den Wunsch zu erfüllen habe , zumal der Abend ein sehr ruhiger und selten schöner war . Natürlich war Waller nur mitsamt dem Lager zu transportieren . Es wurde herausgeholt und bis nach Yins Kajüte getragen , weil dieser Platz am besten hierfür paßte . Ich stieg mit Fang auf das Verdeck dieser Kajüte , von wo aus wir den Kranken nahe unter uns hatten . Tsi und Mary nahmen ihre Stellung zu seinen beiden Seiten . Er lag zunächst mit geschlossenen Augen . Erst nach längerer Zeit öffnete er sie und schaute zum Firmamente empor . Er sagte nichts . Seine Seele war nicht nach außen , sondern nur in ihm beschäftigt . In dieser Stille verging eine lange , lange Zeit . Da kam der Mond im Osten aus der See gestiegen . Der Kranke wurde zunächst unruhig ; dann lag er wieder still . Und plötzlich , so unerwartet und so laut , daß wir fast erschraken , ertönte seine Stimme : » Gebt Liebe nur , gebt Liebe nur allein ; Laßt ihren Puls durch alle Länder fließen ; Dann wird die Erde Christi Kirche sein , Und wieder eins von Gottes Paradiesen ! « Wir konnten ihn nur sehen , wenn wir uns von oben vorbeugten , und da wir befürchteten , ihn dadurch zu stören , so wurde es von jetzt an unterlassen . Wir vermieden jedes , auch das geringste Geräusch , und so hörten wir , daß er vor sich hinflüsterte . Dann wurde seine Stimme wieder laut : » Steigt nieder , die ihr jetzt am Himmel strahlt , zu der , die euch nur aus der Ferne kennt , zur Welt des Scheins , die mit dem Lichte prahlt , obgleich sie nichts als nur Geborgtes brennt ! Steig nieder , heilger Stern von Ephrata , der du der Stern der wahren Liebe bist ; erscheine , wie ' s in jener Nacht geschah , und zeige uns wie dort den wahren Christ ! « Ich sah den Sprechenden nicht , und dadurch bekam das , was er sagte , einen ganz eigenartigen , unbeschreiblichen Klang für mich . Es kam wie aus großer Tiefe oder weiter Ferne , ein Ruf , wie aus der Zeit des alten Testamentes . Nun fuhr er fort : » Wo ist die Liebe , die am ersten Tag der Menschheit Christi arm geworden war , die ohne Dünkel in der Krippe lag und Demut übte stets und immerdar ? Wo ist die Liebe , die zum Jünger kam und ihm nur dann die Seligkeit verhieß , wenn er das Kreuz geduldig auf sich nahm und alle Erdengüter von sich stieß ? Wo ist die Liebe , welche der geliebt , der jede ihrer Gaben so verstand , daß Alles , Alles , was die Rechte gibt , verborgen bleibt der andern , linken Hand ? Wo ist die Liebe , die sich willig bot , als Opferlamm , trotz aller Qual und Pein , durch einen unerhörten Martertod für Freund und Feind ein ewges Heil zu sein ? « Es war ein schwer ernster Ton , in welchem er diese vier Fragen ausgesprochen hatte , ein Grave , welches gar nicht gewichtiger erklingen konnte . Dann hörten wir ihn in eindringlich mahnender Weise weitersprechen : » Sie ist von Ewigkeit zu Ewigkeit ; sie ehrt den Staub und glänzt im Alpensirn . Sie trägt den Raum ; sie wohnt in jeder Zeit ; warum verschließt sich ihr das Menschenhirn ? Es schlägt ihr Puls , wenn auch ihm unbewußt , weil er des Herzens Stimme nicht versteht , sogar in jedes Egoisten Brust , in der ein Odem auf-und niedergeht . Gib ihr doch Raum , du armes Menschenkind , den Raum , den ihr das erste Ostern gab ; glaub an die Engel , die gekommen sind ; sie nehmen gern den Stein dir von dem Grab ! « Wie wunderbar das zu hören war ! Nicht wie eine Rede , noch weniger wie eine Deklamation . Es schien gar keiner Schallwellen und gar keines Ohres zu bedürfen , um das Herz zu erreichen . Es wirkte unmittelbar ; kein Sträuben half dagegen . Hierauf erhob er seine Stimme wieder : » Kling weit hinaus , so weit das Wort nur klingt , du frohe Botschaft , daß der wahre Christ von Herzen gern das größte Opfer bringt , weil es für ihn ja doch kein Opfer ist . Kling weit hinaus , so weit die Erde reicht , du Wort des Heiles , das auch uns bekehrt , und wer als Jünger seinem Meister gleicht , durch den seist du der Heidenwelt beschert ! Kling weit hinaus , und wo du auch ertönst , sei Evangelium für Jedermann . Wenn du die Völker einigst und versöhnst , bricht für uns Christi Reich des Friedens an ! « Er hatte die letzten Sätze immer langsamer und langsamer gesprochen ; nun war er still . Nach längerer Zeit hörten wir , daß er wieder nach seiner Kajüte verlangte . Er wurde hineingetragen . Wir stiegen von unserm hohen Platze hinab und folgten . Waller schien von der frischen , kräftigen Luft ermüdet und eingeschlafen zu sein . Tsi aber meinte , daß der Kranke wohl noch Etwas zu sagen haben werde . Die Besprechung des Gedichtes Zeile für Zeile sei allerdings beendet ; aber weil derselben die Erscheinung von Marys Mutter vorangegangen sei , dürfe man fast mit Sicherheit erwarten , daß er sie auch nun zum Schlusse wieder sehen werde . Diese Bemerkung mochte auf meinem Gesichte eine , wenn auch unausgesprochene , aber doch sehr deutlich lesbare Frage hervorgebracht haben , denn er fügte , indem er dabei lächelte , hinzu : » Sie wundern sich über die Sicherheit , mit welcher ich das wahrscheinlich Kommende voraussage ? Hätten Sie eine Ahnung von der strengen , unfehlbaren Logik , mit welcher sich diese für Sie so geheimnisvollen psychischen Tatsachen entwickeln , so würden Sie nicht staunen . Die Ereignisse auf diesem Gebiete geschehen nach wenigstens ebenso unerschütterlichen Gesetzen wie die Vorkommnisse der nicht metaphysischen Welt . Miß Mary mag hier bleiben und sich still verhalten ; wir Beide aber nehmen wieder draußen vor der Thür Platz , wo wir am letzten Male gesessen haben . Sie werden bald hören , daß ich mit meinen Vermutungen das Richtige getroffen habe . « Bei unserer vorigen Beobachtung Wallers war es früher am Abende gewesen als heut ; aber auch die Mondzeit war unterdessen vorgeschritten , und so kam es , daß die Verhältnisse fast genau dieselben waren : der sanfte , weiche Schein des Lichtes fiel durch die großen Glasscheiben auf das Lager und stieg an der Gestalt des Ruhenden langsam empor . Als er das Gesicht erreicht hatte , begann Waller , sich zu bewegen . Er sprach jetzt nur ein einziges Wort ; es war der Name seiner Frau . Dann lag er wieder still ; es war , als ob er lausche . Hierauf wurde er abermals unruhig und wendete unter leisem Flüstern sein Gesicht hin und her , bis es , dem Mondscheine zugewendet , liegen blieb . Und nun begann er laut und deutlich : » Du kamst zu mir und gabst mir Augenlicht , in eure liebe , reine Welt zu schauen . Ich sah der Wahrheit in das Angesicht und will der Herrlichen mich antrauen . Wem sie gelehrt , die Täuschung zu besiegen , der soll dem Schein nicht wieder unterliegen . - - - Du kamst zu mir , warst einem Engel gleich , der Liebe brachte und um Liebe bat ; es hat ja immer nur das Himmelreich für unser Erdenreich den besten Rat . Es wollte sich mir im Gedichte zeigen , um durch dasselbe in mein Herz zu steigen . - - - Nun ist es da . Es ist die Seligkeit , die schon in diesem Leben mir gehört . O würde doch der Mensch nicht durch die Zeit und durch des Raumes Hinterlist betört , er würde kühn sich an das Ewge wagen und dann als Preis den Himmel in sich tragen ! « Hatte ich schon einmal solche Worte vernommen ? Wohl kaum jemals in meinem Leben , wenigstens in dieser Weise nicht . Sich an das Ewge wagen ! Ist das vielleicht so verwegen , wie es klingt ? Nein ; wir sollen es sogar ! Aber wir sollen nicht nur an das Ewige denken , sondern auch für die Ewigkeit leben , denn - - wir leben ja schon in der Ewigkeit . Zeit wird ja nur der winzige Teil von ihr genannt , in welchem der Mensch nach seinen Erdenstunden zählt . - Waller hatte hier innegehalten . Nun sprach er im Tone der Liebe weiter : » Gib mir die Hand , wie du sie mir gereicht , als du , mein Weib und Engel , zu mir kamst . Es hatte sich mir schon der Tod gezeigt , grad als du mich in deine Führung nahmst . Ich bin ihm nur durch dich , durch dich entgangen und hab nun jenes Leben angefangen . - - - Wie dank ich dir ! Nun bist du himmlisch mein , die du nur irdisch einst die Meine warst . Laß mich ein Schüler jener Liebe sein , als deren Strahl du dich mir offenbarst . Ich will ihr frei und ohne Falsch gehorchen und sie mir nicht auf andrer Namen borgen . « Er hatte seine beiden Hände ausgestreckt , dem Mondesstrahle entgegen , und sie dann so ineinander gelegt , als ob er zwischen ihnen die Hand einer unsichtbaren Person festhalte . Jetzt machte er eine Bewegung , als ob er diese Hand wieder freigebe , und ließ die letzten Worte folgen , denen er am Schlusse einen schweren Nachdruck gab : » Du lächelst froh , indem du von mir gehst . Die Hände faltend , schaust du himmelan . Ich höre , was du uns von dort erflehst : es ist die Seligkeit für Jedermann . Was macht zum Himmelreich denn schon die Erde ? Ein einz ' ger Hirt und eine einz ' ge Herde ! « Das war das Ende seines heutigen Gesichtes . Er wendete sich nach einiger Zeit nach der andern Seite , und Tsi war überzeugt , daß er nun nicht wieder sprechen werde . Mary , welche drin bei ihrem Vater gesessen hatte , kam jetzt heraus zu uns . Auch sie war tief ergriffen . Wir sprachen noch lange über das , was wir gehört hatten . Kein Wort aber fiel darüber , ob der Zustand , in welchem Waller diese Visionen hatte , für ihn vielleicht gefährlich sei . Wir waren überzeugt , daß Tsi in diesem Falle unbedingt Einhalt getan hätte . Einer andern Frage aber mußte ich Worte geben : » Glauben Sie , daß Mr. Waller weiß , was er spricht ? « » Alles , Alles weiß er , jedes Wort , « antwortete der Arzt . » Haben Sie es ihm nicht angehört , daß er während des Sprechens überlegt ? Er bekommt das , was wir von ihm hören , zunächst nicht etwa für uns , sondern für sich selbst . Er hört es , wie wir hören , wenn gesprochen wird ; er könnte es schweigend entgegennehmen ; aber er spricht es laut und deutlich aus , weil es ihm dadurch leichter wird , es sich zu eigen zu machen . Er prägt es seinem Gedächtnisse ein , und wenn er es auch nicht wörtlich behält , so nimmt er doch ganz gewiß wenigstens den Sinn aus dem visionären Zustande mit herüber in das körperliche Leben . Hier bewegt und entwickelt er es in sich weiter . Er kann sich dieser Einwirkung des Jenseits nicht entziehen ; sie ist für ihn maßgebender und glaubwürdiger , als die Meinungen aller irdischen Autoritäten , und so kommt es , daß seine Ansichten ganz andere werden , als sie früher gewesen sind . Er wird das , was man nicht hier , in dieser Welt der Irrsale , sondern dort in jenem Reiche klar gewordener Geister einen Christen nennt . « » Geister ? Vielleicht auch Seelen ? « fragte Mary . » Glauben Sie , daß sie den Menschen sagen können , was meinem Vater gesagt worden ist ? Sie befinden sich doch in der Ewigkeit ; wir aber sind noch hier auf der Erde ! « » Ewigkeit und Erde schließen einander doch nicht aus , « erklärte Tsi . » Die Ewigkeit ist vor uns , hinter uns , neben und rund um uns . Wir befinden uns in ihr . Unsere Erde ist eines der winzigen , ununterbrochen im Kreise rinnenden Körnchen der nie sich erschöpfenden , nie sich leerenden Sanduhr der Ewigkeit . Es ist einer der größten und unverzeihlichsten Gewohnheitsirrtümer , anzunehmen , daß die Ewigkeit für uns erst nach unserm Tode beginne . Wir leben in ihr und gehören zu ihr , wie die von Ihnen erwähnten Geister und Seelen zu ihr gehören . Wenn Ihr Glaube diese Seelen in die Ewigkeit versetzt , in welcher Sie sich doch in Wirklichkeit schon selbst auch befinden , so sagt er doch weiter nichts , als daß sie hier bei Ihnen geblieben sind . Und ist dies der Fall , so ist es doch ganz selbstverständlich , daß diese Geister nicht nur auf uns wirken können , sondern sogar auf uns wirken müssen , besonders da es für sie keine körperlichen und räumlichen Verhältnisse gibt , durch welche sie daran gehindert werden . Für uns Chinesen ist das etwas so unendlich Selbstverständliches , daß wir mit unsern nur scheinbar Abgeschiedenen in der lieben , dankbaren Weise verkehren , welcher Sie so unberechtigter Weise die Bezeichnung Ahnenkultus gegeben haben . Ich sage Ihnen , daß es für Andere von unermeßlichem Vorteile sein würde , wenn auch ihnen endlich die Erkenntnis käme , daß sie durch ihren Unglauben in dieser Beziehung zu einer lieblosen Entfremdung mit Denen geführt werden , welche sich in diesem Leben für uns opferten und sich auch in jenem weiter für uns opfern , ohne daß wir es ihnen hier danken konnten , es ihnen also nun dort danken sollen ! Sie sind da ; sie sind hier bei uns ; ich schwöre es Ihnen zu ! Nun denken Sie sich ihr Herzeleid , ihre Trauer darüber , daß Sie sie von sich verstoßen und nichts von ihnen wissen wollen , und zwar nur aus dem ganz unzureichenden Grunde , daß Ihre materiellen Sinne nicht fein genug sind , das Geistige zu schauen , zu empfinden ! Es sind bittere Schmerzen , welche Sie dadurch den teuren Wesen bereiten , welche Ihnen hier in der Zeit nahe gestanden haben und auch hier in der Ewigkeit nahe bleiben sollen . Gibt es denn für Euch doch sonst so kluge Menschen kein Mittel , Euch von dieser geistigen Kurzsichtigkeit zu befreien