Miene und fuhr fort : » Ich gebe dir zu , daß du recht hast : Wir Männer bedürfen noch alle der Erziehung ! « » Oh , Effendi , wie bist du verständig und einsichtsvoll ! Was du sagst , ist immer richtig ! Ihr habt noch viel zu lernen ! « » Aber wir werden es lernen , damit wir dann auch die Frauen erziehen können . « » Wen ? « fragte sie rasch . » Die Frauen . Oder meinst du , daß es besser für euch sei , unerzogen zu bleiben ? « » Effendi , jetzt höre ich , daß das , was du sagst , doch nicht immer richtig ist ! « » Das schadet nichts , liebe Pekala . Wir irren alle . Du nicht zuweilen auch ? « » Ja , zuweilen ; aber in Betreff der Erziehung weiß ich , was ich weiß . Da kommt unser Pedehr . Er scheint zu dir zu wollen . Erlaube , daß ich gehe ! « Sie entfernte sich , um in ihre Küche zurückzukehren . Der Pedehr kam die Stufen herunter und zu mir her . Ich bot ihm eines der Kissen an , und er setzte sich nieder . Er erzählte mir in Beziehung auf die gefangenen Soldaten , was ich bereits von Schakara erfahren hatte . Da kam » das Kind « von links , wo sie steckten , herüber und meldete ihm , daß der Suari Jüzbaschysy behaupte , sehr notwendig mit ihm zu sprechen zu haben . Er erhielt die Weisung , ihn zu holen . Als der Rittmeister gebracht wurde , war sein Auftreten keinesweges so selbstbewußt wie gestern , als er kam . Er hielt den Kopf gesenkt . Der Stolz war ihm benommen ; aber aus seinem Auge sprach der zurückgehaltene Grimm . » Was willst du von mir ? « fragte der Pedehr . » Alles ! « antwortete er . » Was verstehst du unter diesem Alles ? « » Alles , was ihr uns abgenommen habt ; dazu die Waffen , die Freiheit und die Pferde ! « » Wenn du nichts weiter willst als das , so kannst du wieder gehen . Was wir haben , das behalten wir . « » Es gehört aber uns ! « » Euch ? « » Ja . « » Sagtest du gestern nicht , daß es das Eigentum des Schah-in-Schah sei ? « » Das war auch richtig . Er hat es uns anvertraut . Wir haben ihm Rechenschaft darüber abzulegen . « » Das ist nun nicht mehr nötig , weil ich ein Verzeichnis aufstellen werde . Was ihm gehört , wird er dann von mir bekommen . Ich betrüge ihn nicht . « » Du - - bist - - sehr unvorsichtig , Pedehr ! « knirschte der Rittmeister . » Du hast mich Scheik zu nennen , nicht Pedehr . Merke dir das ! Ein Vater von Dieben bin ich nicht ! « » Diebe ? Wir sind Soldaten ! Ich bin Offizier ! « » Wo sind eure Uniformen ? Ah , du schweigst ? « Der Rittmeister hatte vor Zorn die Hände geballt , die rechte halb erhoben . Da sah ich an ihr einen Ring , der mir auffiel . Er war von weißem Metalle und hatte eine achteckige Platte . Ich schaute schärfer hin . Der Rittmeister war in seinem Zorne an den Pedehr herangetreten . Er stand mir noch näher , so nahe , daß ich die auf der Platte befindlichen Zeichen erkennen konnte . Es war ein sâ mit einem lâm verbunden und darüber ein Verdoppelungszeichen . Nun wußte ich , was ich von ihm zu denken hatte . Er war ein » Sill « , ein Mitglied jener geheimen Verbrüderung , mit der wir ja schon wiederholt in Reibungen geraten waren . Er trat bei der letzten Frage des Pedehr wieder von ihm zurück und antwortete : » Wenn wir zu Beduinen kommandiert sind , können wir uns kleiden , wie wir wollen ! « » Wer hat euch zu den Kalhuran kommandiert ? « » Das ist meine Sache , nicht die deine ! « » Gut , so ist es auch nicht meine Sache , ob du Offizier bist oder nicht . « » Ein Schurke ist er , weiter nichts ! « sagte ich jetzt . Der Pedehr sah mich erstaunt an . » Weißt du das ? « fragte er . » Sogar ganz genau ! « » Kennst du ihn ? « » Ja . « » Seinen Namen ? « » Nein . « » Nur seine Person also ? « » Auch diese nicht . Ich habe ihn gestern abend zum ersten Male gesehen . Aber dennoch bleibe ich bei meiner Behauptung . « » Beweise sie ! « brüllte mich der Perser an . » Schweig ! « befahl ihm der Pedehr . » Dieser Effendi sagt kein Wort , was er nicht beweisen kann . Ich kenne seine Gründe nicht , werde sie aber wohl erfahren . Wenn er dich einen Schurken nennt , so bist du einer ! « » Wer ist der Mann , den du Effendi nennst ? Ein Dschamiki ist er nicht ; das sehe ich ihm an . Ein Perser auch nicht . Jedenfalls ein türkischer Sunnit , dem nur die Hölle offen steht . Ich lache über alles , was er sagt . Ich frage dich noch einmal : Giebst du uns wieder , was uns gehört ? « » Nein . « » So fürchte die Blutrache ! « » Die giebt es hier auf meinem Gebiete nicht . « » Du kennst den Bluträcher nicht ! « » Wer wird es sein ! Irgend ein Mensch ! Ein Verwandter des Getöteten ! Ein freier Beduine jedenfalls nicht ! « Der Pedehr sagte das in geringschätzendem Tone . Das brachte den Perser noch mehr auf . » Nein , ein Beduine ist er freilich nicht . Er hat es nicht nötig , Brot zu genießen , welches auf Kamelmist gebacken worden ist ! Weißt du , wie der Muhassil geheißen hat ? « Der Pedehr schnippste verächtlich mit dem Finger . » Omar Iraki , « sagte er . » Kennst du seine Familie ? « » Sie ist mir gleichgültig . Da er ein Iraki ist , stammt er da unten aus dem Sand heraus . « » Spotte nicht ! Sein Vater ist einer der mächtigsten Männer im Reiche des silbernen Löwen . Er hat die Gewalt , euch alle zu verderben . Es stehen ihm tausende von Soldaten zur Verfügung , die euer ganzes Gebiet zur Wüste machen werden ! « » Sie mögen kommen ! Hoffentlich sind sie klüger und vorsichtiger , als ihr gewesen seid ! Aber wie heißt denn dieser große Mann , der solche Macht besitzt ? Willst du vielleicht die Gnade haben , mir seinen Namen mitzuteilen ? « » Er wird Ghulam el Multasim genannt . « Als der Perser diesen Namen sagte , sah er uns mit einem triumphierenden Blicke an . Er schien zu erwarten , daß wir erschrecken würden . Das war aber keineswegs der Fall . Freilich kann ich nicht behaupten , daß der Name gar keinen Eindruck auf uns gemacht habe . Seine Wirkung auf den Pedehr und mich war eine verschiedene . Man wird sich wohl noch des unadressierten Briefes erinnern , den Halef von unserm Wirte in Basra bekommen hatte . Wir hatten zwar von dem letzteren erfahren , daß er an einen gewissen Ghulam el Multasim gerichtet sei , aber nicht , wo dieser Ghulam wohne . Die einzige Auskunft des schwerbetrunkenen Wirtes hierüber hatte gelautet : » In - - - in - - - Straße nach - - ah - - ah ! « Ich hatte schon öfters an dieses Schreiben und seinen Adressaten gedacht . Das Wort » in « deutete an , daß er in einer Stadt wohne , aber in welcher ? Das war die Frage ! Sein Haus schien nicht im Innern sondern in einem Außenteile dieser Stadt zu liegen . Das war aus den beiden Worten » Straße nach - - « zu schließen . Aber war dieser Ghulam el Multasim derjenige , den der Rittmeister meinte ? Ghulam heißt , wie bereits einmal gesagt , Läufer , Page , auch Courier . So hieß ja der » Paß des Couriers « auch Boghaz-y-Ghulam . Unter Ghulam versteht man auch die Leibgarde des Schah . Wenn ein Offizier dieser Leibgarde für besondere Dienste zu belohnen ist , so kommt es vor , daß er als Muhassil irgendwohin geschickt wird , um die Steuern einzutreiben . Vielleicht war der Mann , von welchem der Rittmeister sprach , Offizier der Leibgarde . Daß beide Ghulams , der meinige und der seinige , identisch seien , war ein Gedanke , dessen Richtigkeit durch den Ring bestätigt wurde . Der Adressat des Briefes war unbedingt ein Sill . Daß der Rittmeister auch einer war , bewies sein Ring . Ich freute mich herzlich darüber , dem unbekannten Adressaten hiermit auf die Spur gekommen zu sein , doch selbstverständlich fiel es mir nicht ein , durch irgend eine Frage mein besonderes Interesse für ihn zu verraten . Ich war also still . Ganz anders der Pedehr . Kaum hatte er den Namen gehört , so hielt er den Rittmeister mit einem so erstaunten Blicke fest , daß dieser ganz verlegen wurde . » Ghulam el Multasim ! « sagte er . » Der Blutsauger ! Der Verachtete ! Und du hast , wie es den Anschein hat , geglaubt , daß ich erschrecken werde ? Meinst du , daß dieser Feigling es wagt , mich offen anzugreifen ? Ja , nun weiß ich , daß dieser Effendi Recht hat : du bist kein Offizier , sondern ein Schurke ! Du hast dich als seine Kreatur entpuppt . Ich bin mit dir fertig . Fort , fort ! « Eine solche Wirkung des genannten Namens hatte der Perser nicht erwartet . Er fühlte sich entlarvt und sagte kein Wort dagegen , als die beiden Dschamikun , welche ihn gebracht hatten , ihn nun bei den Armen faßten , um ihn fortzuführen . Als er hinter dem mehrfach genannten , alten Thore verschwunden war , sagte der Pedehr zu mir : » Nun ist es gewiß , daß diese Menschen keine wirklichen Soldaten sind . Dieser Multasim war nämlich früher Offizier der Leibgarde , ein nach obenhin kriechender , nach unten aber grausam rücksichtsloser Mensch . Er wußte sich durch solche Kriecherei bei dem damaligen Muajir el Memalek125 in der Weise einzuschmeicheln , daß es ihm gelang , einen langjährigen Pachtbrief für gewisse Staatseinnahmen ausgestellt zu erhalten , den auch der Sader aazam126 mit unterschrieb . Als er das erreicht hatte , nahm er seinen Abschied vom Militär , um nicht mehr gehorchen zu müssen , sondern nun fortan befehlen zu können und dabei ein reicher Mann zu werden . Er ist giftig wie eine Assaleh127 , feig wie eine alte , zahnlose Hyäne und gefühllos wie ein Stein . Wenn ein einziges Schaf genügt , die Steuer , welche schuldig geblieben ist , zu decken , so nimmt er eine ganze Herde . Wohin er kommt , da setzt er sich fest , um Land und Menschen auszusaugen , und wenn er endlich geht , ist er rund wie ein Maultier , welches von der fetten Weide kommt . Es giebt Menschen , welche den Raubtieren gleichen , und wieder andere , die wie das Ungeziefer sind . Wenn man sie und ihre Thaten kennen lernt , möchte man an Chodeh ' s Güte und Gerechtigkeit zweifeln , falls man nicht so genau wüßte , daß uns nur zu unserm Heile die Gründe dessen , was geschieht , verborgen bleiben - - « Er war , wie es schien , mit seinem Satze noch nicht zu Ende ; aber er hielt jetzt inne , weil er sah , daß meine Aufmerksamkeit von ihm abgelenkt wurde . Ich horchte . Es klangen Töne , die von oben herabkamen . Waren das Menschenstimmen ? War es ein Lied , welches sie sangen ? Ich konnte die Worte nicht vernehmen . Die Melodie lag nicht bloß in der obern Stimme , sondern auch in den unteren . Die Harmonisierung war eine sehr eigenartige , ganz gegen unsere Generalbaßregeln und aber doch nichts weniger als fehlerhaft . Mehr diese Seltsamkeit als der Gesang überhaupt war es , die mich frappierte . Der Pedehr lächelte . » Ueberrascht dich der Gesang ? « fragte er . » Ja , « gestand ich ihm . » Weil du ihn hier in einer so abgelegenen Gegend hörst ? Bei Leuten , von denen ihr meint , daß sie gar nicht singen können ? « » Nicht bloß darum . Niemand weiß besser als ich , daß der Orient nicht unmusikalisch ist . « » Aber ihr haltet seine Musik für häßlich ? « » Wenigstens nicht für schön . « » Trifft dieses Urteil auch uns ? Wir sind ja hier im Oriente . Also nicht schön ! « Ich sah , daß er dies scherzend meinte . Es schaute mich dabei der Schalk aus seinen lieben , schönen Augen an . » Ich bitte dich ! So war es nicht gemeint ! « antwortete ich schnell . » Man hat aufgehört . Das Lied ist zu Ende . Schade ! Kaum hatte es begonnen , so hörte es schon wieder auf . Wenn ein fremder Mann nur bloß sehr schnell an dir vorüber geht , kannst du nicht wissen , wer und was und wie er ist . So auch bei diesem Liede . Es ist eine mir ganz fremde Gestalt an meinem Ohre vorübergegangen . Sie trug ein orientalisches Kleid . Es war mir , als ob sie nicht zu den jetzt Lebenden gehöre , sondern im Grabe der Vergangenheit geschlummert habe und nun wieder auferstanden sei . Das ist der Eindruck , den dieses Lied auf mich gemacht hat . « » Wie du das so in dieser Weise sagst ! Das sollte unser Chodj-y-Dschuna128 hören ! « » Wie ? Es giebt hier einen Lehrer , der besonderen Unterricht im Gesang erteilt ? « » Giebt es solche Leute denn nicht bei euch auch ? « » Allerdings . Aber unsere Verhältnisse sind ja doch ganz andere als die eurigen . « » Ich kenne sie nicht . Und was unsern Gesang betrifft , so liebe ich ihn zwar sehr , kann dir aber keine gelehrte Auskunft über ihn erteilen . Du wirst den Chodj-y-Dschuna kennen lernen und von ihm alles erfahren , was du wissen willst . Er ist eine Quelle der Töne , welche trotz seines hohen Alters hell und reichlich fließen . « Jetzt sang man wieder . Es wurde öfters abgebrochen und wieder neu begonnen . Das war Unterricht . » Man scheint zu üben ? « fragte ich . » Ja . Und weißt du , für wen ? « » Nein . « » Für dich ! « » Für mich ? Das klingt so freundlich überraschend ! « » Freundlich ? Ja , weil wir wünschen , daß du es freundlich aufnehmen möchtest . Und überraschend ? Was dich überrascht , ist bei uns ein lieber , alter Brauch . Das Grab war dir schon geöffnet , doch Chodeh ' s Hand hat dich ergriffen und wieder in das Leben zurückgeführt . Was dir geschieht , das geschieht auch uns , denn du bist unser Gast . Wir sind so froh , und für diese Freude soll heute der Tag des Dankes sein . « Das klang so einfach , so selbstverständlich ! Ein Tag des Dankes ! Für mich ! Ich gestehe , daß mich das verlegen machte . Diese Verlegenheit war der Grund , daß ich die ganz überflüssige Frage that : » Warum grad heut ? « » Weil Sonntag ist , der erste Sonntag , nachdem du das Krankenlager verlassen hast . Ich möchte dir da eine Bitte sagen , oder vielmehr nicht bloß eine , sondern zwei , und hoffe , daß du sie mir gewähren wirst ! « » Wie gern , wenn ich kann ! « » Du kannst ! Die erste ist , daß du uns überhaupt erlaubst , zu thun , was uns sowohl vom Herzen als auch von der Religion befohlen wird . Wir würden es zwar auch ohne deine Erlaubnis thun , denn zwischen Chodeh und seinen Menschenkindern darf kein fremder Wille stehen , der da meint , Befehle erteilen zu können . Das mag bei den Muhammedanern geschehen ; bei uns aber ist es anders . Wir haben keinen Imam , welcher sich einbildet , als der Eischikkagazi-Baschi129 des Weltenherrn darüber entscheiden zu können , welchen Besuch Chodeh anzunehmen hat und welchen nicht . Aber wenn du es nicht gestattetest , so würdest du nicht dabei sein können , was für uns sehr betrübend wäre . Die zweite Bitte ist , daß du dich nicht belästigt fühlen mögest . Wir wünschen , daß du dich so frei von allem Zwange fühlest , als ob das , was wir thun , in gar keiner Beziehung zu dir stehe . Denke dir , wir hielten Dankestag für einen Menschen , der dir vollständig unbekannt ist . Willst du das , Effendi ? « Ich gab ihm , tief gerührt , die Hand und antwortete : » Du hast nichts zu fragen , und ich habe nichts zu entscheiden . Wie könnte ich mich als Imam gebärden , nachdem ich von dir hörte , daß es für euch keinen giebt ! Aber sage mir , in welcher Weise ihr diesen lieben , alten Brauch auszuführen pflegt ! « » Du wirst das besser sehen , als jetzt hören . Man wird dich gegen Mittag in einer Sänfte hinüber nach dem Gotteshause tragen . Dort bleibst du bis zum Abend . Es wird für alles gesorgt sein , was du brauchst . Unser Tifl ist in deiner Nähe , um dich zu bedienen . Jeder Dschamiki , der im Duar oder in der Nähe wohnt und euch als seine Gäste betrachtet , weil ihr die Gäste seines Ustad seid , wird anwesend sein . Gezwungen wird niemand . Wer kommt , der folgt nur seinem eigenen Willen . Aber so viele es ihrer sein mögen , es wird dich keiner belästigen . Es wird so sein , als ob du gar nicht zugegen wärst , doch wenn du mit jemand zu sprechen wünschest , so genügt ein Wort an Tifl , der ihn zu dir holt . Jetzt erlaube , daß ich gehe ! Man braucht mich , wie es scheint , anderwärts . « Schakara stand nämlich oben bei den Säulen und winkte ihm . Er ging . Was waren das doch für Gedanken , welche sich nun in mir regten ! Ich übergehe sie . Um aufrichtig zu sein , muß ich sagen , daß die Vorstellung , der Mittelpunkt einer Feier zu sein , eine unangenehme Empfindung in mir erregte . Es ist keineswegs ein beglückendes Gefühl , die Aufmerksamkeit Vieler auf sich gelenkt zu sehen . Man frage einen sogenannten » berühmten « Mann , und wenn er nicht bloß berühmt , sondern auch verständig ist , so wird man erfahren , wie teuer er diese Aufmerksamkeit zu bezahlen hat . Er ist durchaus nicht zu beneiden , sondern vielmehr zu beklagen . Die Oeffentlichkeit ist die Feindin jedes wahren Glückes . Wohl dem Manne , dem nicht das fürchterliche Los zuerteilt worden ist , die Aufmerksamkeit von Menschen zu erregen , welche so kurzsichtig und so übelwollend sind , ihn wegen einer » Berühmtheit « zu hassen und zu verfolgen , die schon an sich nicht leicht zu tragen ist ! Es war mir also gar nicht lieb , zu wissen , daß ich der Mittelpunkt dessen sei , was man sich vorgenommen hatte ; aber ich konnte doch unmöglich so undankbar sein , das , was ich empfand , den Gefühlen dieser guten Leute voranzusetzen ! Ich hatte mich zu fügen . Einige Zeit , nachdem der Pedehr in das Haus gegangen war , sah ich einen Mann aus dem Garten kommen , dessen Aeußeres meine Augen sofort auf sich zog . Nicht seine Kleidung ist ' s , die ich besonders zu beschreiben habe . Sie zeigte nichts , was mir hätte auffallen können . Sie war so einfach wie die jedes andern Dschamiki . Aber er selbst , der Mann war es , der gleich beim ersten Blicke mein ganzes Interesse erwecken mußte . Man denke sich Bismarck in orientalischem Anzuge und mit einem lang herabwallenden weißen Bart , aufrecht , stolz und aber doch nachdenklich daherschreitend , so hat man ein deutliches Bild von der Gestalt , die sich mir näherte . Auch das Gesicht von fast frappierender Aehnlichkeit , die starken , buschigen Brauen nicht ausgenommen . Er blieb kurz vor mir stehen , hob beide Hände bis zur Brust , verbeugte sich und fragte : » Du bist Kara Ben Nemsi Effendi ? « » Ja , « antwortete ich . » Ich komme von unserm Pedehr . Er hat mir gesagt , daß du es mir nicht übelnehmen werdest , wenn ich dich begrüße . Ich bin der Chodj-y-Dschuna . « » Du bist mir willkommen ! Erlaube , daß ich dich bitte , hier bei mir Platz zu nehmen ! « Ich schob ihm eines meiner Kissen hin , und er setzte sich . Als er sprach , sah ich , wie liebenswürdig , ich möchte fast sagen harmonisch , seine vollen , trotz des Alters noch so frischen Lippen geschwungen waren . Ich hatte das Gefühl , als könne dieser Mund nur kluge , gütige , nie aber häßliche Worte sprechen . Er bemerkte wahrscheinlich , daß mein Auge nicht mit einem gewöhnlichen Blicke auf ihm ruhte , denn er begann das Gespräch mit der Erkundigung : » Du schaust mich so eigen an . Bin ich dir vielleicht bereits bekannt ? « » Nein . « » Nicht ! Aber du lächelst ! Ich vermutete fast , daß du mich schon einmal gesehen habest . « » Das ist allerdings der Fall . « » Ich weiß nichts davon . Wo ? « » Nicht hier , sondern in Dschermanistan130 . « » Maschallah ! Da bin ich nie gewesen ! « » Das glaube ich dir wohl . Du warst es auch nicht selbst , sondern nur dein Ebenbild . « » Giebt es dort einen Mann , dem ich so ähnlich bin ? « » Sogar sehr ähnlich ! Und er ist kein gewöhnlicher Mann , sondern die rechte Hand des Schah-in-Schah von Dschermanistan . « Er sann einen Augenblick lang nach und fragte dann : » Die rechte Hand ? Ich weiß nicht , ob ich es erraten werde . Die Faust dieses weisen Herrschers wird Molaka131 genannt . Seine rechte Hand aber kann wohl nur Bismarak132 sein . Habe ich es richtig getroffen ? « » Ja . « » Und du findest , daß ich Aehnlichkeit mit diesem auch bei uns bekannten und berühmten Manne besitze ? « » Sogar eine ganz auffällige ! Deine Gestalt ist wie die seinige , und auch in Beziehung auf seine Gesichtszüge bist du eine sehr wohlgetroffene , lebendige Abbildung von ihm . « » Also eine zufällige Gleichheit körperlicher Eigenschaften , auf welche man sich ebenso wenig einzubilden hat , wie man darüber in Trauer zu geraten braucht , daß man einem nicht beliebten Menschen ähnlich sieht . Nicht durch seine äußeren , sondern durch seine innern Eigenschaften wird der Wert eines Menschen bestimmt . Bismarak ist ein großer , in der ganzen Welt bekannter Mann . Ich bin ein kleiner Musikadschi133 , den man nur hier in dieser Gegend kennt . Und grad darum bin ich wahrscheinlich glücklicher als mein berühmtes Ebenbild . Ich habe keine Feinde ! - Der Pedehr sagte mir , daß du auf unsern Gesang aufmerksam worden seiest . Was du vernommen hast , war nur eine Uebung , nach welcher du nicht urteilen darfst . « » Das thue ich auch nicht . Dennoch hat das , was ich hörte , mich zum Nachdenken angeregt . « » Zum Nachdenken ? Also treibst du auch Musik ? Denn bei wem dies nicht der Fall ist , für den pflegt sie nur vorhanden zu sein , um gehört , nicht aber begriffen zu werden . « Ich sah ihn erstaunt an . Ein Kurde brachte die Musik mit dem menschlichen Begriffsvermögen in Verbindung ! Er war also Musikphilosoph ! Dieser Gedanke wollte mich zum Lächeln bringen ; ich unterdrückte es aber glücklicherweise . Der Ort , an dem ich mich befand , hatte mich schon öfters überzeugt , daß europäischer Hochmut grad hier noch viel weniger als sonst irgendwo berechtigt sei . Auch sah dieser Mann gar nicht darnach aus , als ob er über einen hohen , ihm unbekannten Gegenstand in kindischer Ueberhebung schwatzen oder faseln könne . Da ihm meine Ueberraschung nicht entging , so erkundigte er sich : » Du scheinst anderer Meinung zu sein . Habe ich etwas Unüberlegtes gesagt ? « » Nein . Ich schließe ganz im Gegenteile aus deinen Worten , daß du sehr wohl zu überlegen verstehst . Du hast über Musik sehr oft und gründlich nachgedacht ? « » Nicht nur sehr oft , sondern auch sehr gern , gründlich aber nicht . Kein Mensch darf sich rühmen , derartigen schweren Fragen bis auf den Grund zu dringen . Selbst dann , wenn einst unser Geschlecht auf Erden ausgestorben ist , wird das Reich der Töne unerforscht geblieben sein . Ich habe gehört , daß die größten Gelehrten sich mit dieser Forschung befaßt haben und auch noch heut befassen . Es ist vergeblich gewesen . Ich bin kein Gelehrter . Ich baue meinen Garten und mein Feld und hüte meine Schafe . Ich pflege dabei die Musik ganz aus demselben Grunde , aus welchem ich esse und trinke , atme , wache und schlafe ; es ist der Befehl der Natur , dem ich gehorchen muß . Das eine beschäftigt meine Gedanken ganz ebenso wie das andere . Diese Gedanken können nicht gelehrt , nicht weise sein , denn ich habe keine Schule besucht , in der man lernt , wie man gelehrt zu denken hat . Sie strengen mich nicht an ; ich gebe mir keine Mühe , sie zu finden ; sie kommen mir wie die Luft , indem ich Atem hole ; sie sind so leicht , so einfach , so selbstverständlich . Ich würde wohl mit keinem Gelehrten über Musik sprechen können , und doch ist es mir ganz so , als ob ich mich dessen , was ich von ihr denke , nicht zu schämen brauchte . Wenn jemand spricht , wenn er singt , wenn er musiziert , so hörst du Töne . Was aber ist der Ton ? Ist er es selbst , den du hörst ? Oder sind es nur die luftigen Falten seines Gewandes , welche an dein Ohr schlagen ? Was für Töne giebt es wohl ? Etwa viele ? Oder giebt es nur einen einzigen , der sich aber nach der Verschiedenheit der Personen und der Werkzeuge auch verschieden offenbart ? So giebt es auch nur eine einzige Liebe , die sich aber bei jedem Geschöpf und in jedem Augenblicke anders zeigt . Dieser Ton ist von Chodeh allen Menschen gegeben worden ; sie wären ja nicht Menschen ohne ihn . Er ist ihnen so notwendig wie das Licht , ohne welches sie nicht leben könnten . Die Natur giebt täglich neue Strahlen und täglich neue Töne . Sie kommen von dem einen Lichte und von dem einen Tone . Der Mensch besitzt Organe , beide , die Strahlen und die Töne , in sich aufzunehmen . Und er hat oder macht sich Werkzeuge , beide hervorzubringen , weil dies für die Fortexistenz der Menschheit unentbehrlich ist . Werden die Töne in einfacher , natürlicher Weise hervorgebracht , so bilden sie die Sprache . Erweckt , gebraucht und vereinigt er sie nach künstlerischen Regeln , so hat er das hervorgebracht , was wir Musik zu nennen pflegen . Je mehr er sich mit dieser seiner Kunst von der Natur entfernt , desto schwerer zu begreifen wird ihre Sprache sein . Ja , es kann wahrscheinlich vorkommen , daß man sie gar nicht mehr zu verstehen vermag . Darum meine ich : Wer Musik für andere macht , um begriffen zu werden , der soll der Natur so nahe wie möglich bleiben . Der unmittelbare Nachbar der Natur ist der Gesang , den jedermann versteht , weil er nicht auf das Wort verzichtet hat . Wir lieben ihn und pflegen ihn . Er ist ein trauter Freund , der nicht in Rätseln sondern offen mit uns spricht . Ja , dieser Freund ist sogar mit uns verwandt , ist hier geboren , ist unser eigenes Kind , denn was wir singen , machen wir uns selbst ! Die Janitscharenmusik , welche in Teheran und Isfahan zu hören ist , bringt uns keinen einzigen Gedanken , den wir begreifen und liebgewinnen könnten . Ist das auch Musik , Effendi ? Wenn die höchste Stufe der Kunst die ist , auf welcher sie mit der Natur nichts zu schaffen hat , so mußt du zugeben , daß ihr eigentlicher Zweck nur der sein kann , das Ohr mit unbegreiflichem und blödem Lärm zu füllen . « Er hatte langsam und bedächtig gesprochen , aber doch fließend und in einer Weise , die mir deutlich sagte , daß er