Das ist abgemacht . Sprich also nicht dagegen ! Auch bitte ich dich sehr ernstlich , ja keine Fehler zu begehen ! Ihr kommt , so schnell ihr könnt , mir immer nach und habt euch dabei stets vor einem plötzlichen Zusammentreffen mit den Beni Khalid zu hüten , denn sie nehmen ihren Rückweg auf alle Fälle über den Bir Hilu , und so ist es möglich , daß ihr schon auf sie stoßt , während ich dem Perser nacheile . Dieses letztere kann allerdings nur dann der Fall sein , wenn sie ihn nicht gefunden haben , weil er meine Warnung befolgt und einen andern Weg gewählt hat . Also , Halef , Schnelligkeit und Vorsicht ! Weiter habe ich jetzt nichts zu sagen ! « Wir hatten nun unsere Leute erreicht . Ich schwang mich vom Pferde und sofort in den Sattel des Kameles . Ein kurzer Gruß und ich ritt fort , dem Hadschi die Erklärung dieser meiner Eile überlassend . Ich ließ Maschurah einige hundert Schritte langsam gehen ; dann trieb ich sie an ; sie gehorchte ; es ging ja zum Brunnen zurück ! Wir wären vom Bir Hilu aus erst in gerader Linie zwei Stunden lang , und dann in einem rechten Winkel von ihr aus über zwei Stunden wieder geradeaus geritten . Das machte zusammen einen Weg von ungefähr vier Stunden und eine halbe . Dieser Weg bildete die zwei Katheten eines rechtwinkligen Dreiecks , auf dessen Hypotenuse ich nun zurückkehrte . Sie war also nach der von uns bis jetzt innegehaltenen Schnelligkeit ungefähr drei Stunden lang . Aber Maschurah griff so erstaunlich aus , daß ich den Bir Hilu schon nach drei Viertelstunden erreichte . Die Beni Khalid konnten freilich schon hier sein ; ich hatte aber keine Zeit , mich von diesem Gedanken aufhalten zu lassen , denn wenn sie sich am Brunnen befanden , so lag grad in der Schnelligkeit für mich der beste Schutz vor ihnen ; ich kam an ihnen vorüber , ehe sie nur daran denken konnten , etwas gegen mich zu unternehmen . Der Platz war aber leer , kein Mensch zu sehen ! Maschurah hatte einen wunderbar leichten , elastischen Gang . Ich saß , obwohl ich balancierte , wie in einem unbeweglichen Stuhle . Sie besaß im höchsten Grade die hochgeschätzte Eigenschaft , welche der Beduine mit dem Worte » raumverzehrend « bezeichnet , und dabei ließ sie auch nicht die Spur von Anstrengung bemerken ! Als ich den Brunnen hinter mir hatte , war ich außerordentlich gespannt darauf , ob der Basch Nazyr einen andern Weg eingeschlagen hatte oder nicht . Im ersteren Falle durfte ich hoffen , daß er von den Beni Khalid verfehlt worden sei ; im letzteren aber war fast mit Sicherheit anzunehmen , daß sie ihren Zweck erreicht hatten . Bekanntlich waren wir bei unserm Wege nach dem Brunnen östlich ausgewichen . Ich konnte also erst , nachdem ich diesen Bogen abgeschnitten hatte , auf unsere alte Fährte treffen . Dies geschah sehr bald , und da bemerkte ich denn , daß der Perser meine Warnung nicht befolgt hatte ; seine Spur führte auf der früheren zurück ! Nun gab es nur noch eine , wenn auch sehr kleine Hoffnung : Wenn er langsam geritten war und der Hinterhalt der Beni Khalid in bedeutender Entfernung von dem Brunnen lag , so war es möglich , daß er sie noch nicht erreicht hatte . Freilich waren seit seinem Fortritte schon über fünf Stunden vergangen , die ich nun einzuholen hatte . Welch ein Glück also , daß der Perser so aufrichtig gewesen war , mir das Geheimnis der Stute mitzuteilen ! Denn nur durch die Anwendung desselben konnte ich es ermöglichen , meine Absicht auszuführen . Ich beobachtete das Hedschihn also sehr aufmerksam , ob es eine Spur von Ermüdung oder Atemmangel zeige . Es ging aber so leicht und frisch , als ob es soeben erst das Nachtlager und die Tränke verlassen habe . Darum gab ich ihm nun das Zeichen . Ich rief zweimal seinen Namen und dann , als es aufhorchte , dreimal das Wort Bubuna . Der Erfolg war , daß es mit den Ohren spielte und in seinem bisherigen Schritt verblieb . Ich wartete eine Weile und wiederholte es dann - - - ganz mit demselben Mißerfolge . Ich hatte ganz genau gethan , was mir von Khutab Agha gesagt worden war ! Hatte er vielleicht bei seiner Mitteilung etwas vergessen ? Es wurde mir heißer und heißer , nicht etwa bloß von der über mir brennenden Sonne , sondern auch weil meine Angst um den Perser in stetem , schnellem Wachsen war . Wie konnte ich ihn retten , wenn mir das Kamel nicht gehorchte ! Ich wiederholte den Versuch noch zweimal , doch vergeblich ; ich bekam ganz dasselbe Ohrenspiel zur Antwort , weiter nichts ! Da dachte ich denn nun endlich an den Umstand , daß mich das Hedschihn ja noch gar nicht kannte . Vielleicht war das schuld an seiner Weigerung ! Ich hielt also an , stieg ab , rieb mir die Hand mit den Kamillen ein und hielt sie ihm dann hin . Sie wurde mit Begierde in das Maul genommen und dort festgehalten . Ich hatte nur acht oder zehn Pflanzen bekommen , die schon ganz abgebraucht waren , beschloß aber dennoch , einige davon zu opfern . Maschurah schnappte mit wahrer Wonne zu ; ich bekam die Hand frei und stieg wieder auf . Zunächst ließ ich sie eine kleine Strecke langsam gehen ; dann trieb ich sie an , und als sie gehorcht hatte , wartete ich nicht länger , den letzten Versuch zu machen : » Maschurah , Maschurah - - - ! Bubuna , bubuna , bubuna - - - ! « Da bekam ich einen Ruck , der mich fast aus dem Sattel warf , und dann - - - ja , dann ging es los , und aber wie ! Ja , es war genau so , wie der Perser gesagt hatte : die stehende Luft , die wir durchschnitten , wurde für mich zum Winde . Ich war früher einigemale gezwungen gewesen , bei meinem Rapphengste Rih auch das Geheimnis anzuwenden , und muß der Wahrheit nach gestehen , daß es mir jetzt war , als ob Rih damals schneller gewesen sei als das Hedschihn jetzt ; ich bin auch jetzt noch überzeugt , daß dies kein Irrtum war ; aber es kam nun darauf an , auf wessen Seite die größte Ausdauer war , ob auf der Seite des Pferdes oder des Kameles ! Der Basch Nazyr hatte , wie man weiß , dem letzteren den Vorzug gegeben . Es war jetzt kein Ritt , kein Jagen mehr , sondern ein Fliegen zu nennen . Die Felsengruppen , die es noch gab , schossen förmlich an uns vorüber . Dann kamen wir hinaus auf die steinige Serir , wo ich , um mich eines vaterländischen Ausdruckes zu bedienen , » aufzupassen hatte wie ein Heftelmacher « , um die Fährte , welcher ich folgte , nicht zu verlieren . Doch gehorchte Maschurah trotz der ungeheuern Schnelligkeit jedem meiner Worte und auch der leisesten Berührung mit dem dünnen Metrek147 . Auf dieser Ebene brauchte das Hedschihn zehn Minuten , um eine Strecke zurückzulegen , für welche auf dem Herwege im Schritte eine ganze Stunde notwendig gewesen war . Und diese unbeschreibliche Hast wurde nicht geringer , sondern blieb sich stetig gleich , auch als wir die Serir hinter uns hatten und in den Sand kamen , bei dessen Beschreibung ich vom » Mahlen « der Hufe sprach . Aber er strengte unbedingt mehr an als der Felsenboden . Maschurah begann zu schwitzen . Dann wuchsen die schon beschriebenen Dünenreihen aus dem Sande empor . An der ersten hatte , wie ich aus den Spuren sah , der Perser aus irgend einem Grunde längere Zeit gehalten . Es war mir der Gedanke gekommen , das Hedschihn hier verschnaufen zu lassen ; aber bei dem Anblicke dieses Halteplatzes unterließ ich es , das Zeichen dazu zu geben , denn durch die hier entstandene Verzögerung war das Zusammentreffen des Basch Nazyr mit den Beni Khalid verzögert worden , und dadurch vergrößerte sich für mich die Möglichkeit , ihn doch noch vorher einzuholen und von ihnen abzulenken . Es war eine böse Anstrengung , welche das brave Tier zu überwinden hatte ! Auf der einen Seite sich an den steilen Sandbergen in fast rasenden Sätzen emporschnellend , schoß es an der andern mehr rutschend , gleitend und oft dem für uns beide gleich gefährlichen Sturze nahe , wieder hinab , um die nächste Düne in eben dieser Weise zu überwinden . Der Schweiß zeigte sich stärker ; schon bildete sich ein weißer Schaumrand an den Lefzen , und - - ja , da hörte ich den ersten , hastigen , lauten Atemstoß . Es war Zeit , innezuhalten ! » Yawahsch , yawahsch , yawahsch ! « rief ich . Maschurah fiel sofort in ein langsameres Tempo , in welchem ich sie aus Vorsicht noch eine ziemliche Strecke gehen ließ , bis sich wieder ruhiger Atem zeigte und der Schaum verschwunden war . Dann hielt ich an , stieg ab , liebkoste sie mit wirklicher Dankbarkeit , denn sie hatte mehr , weit mehr als ihre Pflicht gethan , und gab ihr die Datteln , welche ich für Assil Ben Rih eingesteckt hatte . Die Art , wie sie mich dabei ansah , war geradezu rührend . Ein solches Kamelauge hatte ich noch nicht gesehen ! Das war nicht die rote Farbe desselben , sondern der Inhalt des Blickes ! Es schien , als ob sie mich fragen wolle , ob ich mit ihr zufrieden sei . Wahrlich , der Mensch sollte doch stets beherzigen , daß das Tier auch eine denkende und fühlende Seele besitzt , welche Liebe und Härte vielleicht tiefer empfindet und besser zu unterscheiden weiß , als wir alle denken ! Ich habe zum Beispiele Beobachtungen gemacht , welche mir bewiesen , daß der Hund ein schärferer Menschenkenner ist als der Mensch selbst , und wenn das Tier in dieser Beziehung eine anerkennenswerte Thätigkeit der Seele zeigt , so widerstrebt es mir auch in anderer Beziehung , es für unfähig zu halten . Und doch , wie gefühllos verfährt der Mensch gegen seine Mitgeschöpfe , die ebenso wie er ihr Dasein der Güte des Allliebenden verdanken ! Ich glaube nicht , daß er sie dazu geschaffen hat , versengt , verbrüht , verhungernd und verdürstend , an das Marterbrett geschnallt , qualgekrümmt und schmerzheulend auf dem Felde des Tierversuches , der heiligen Vivisektion , zu verenden oder vielmehr , noch lebend schon als Aas behandelt , zu verrecken ! Man verzeihe mir diesen unästhetischen , doch wahren Ausdruck ! Ich bin ein Menschenfreund und darum auch ein Tierfreund , und beides muß und muß und muß ich sein , weil ich als Christ nicht anders kann ! Wer als Tierquäler über diesem Christentum erhaben steht , der mag immerhin über mein schwaches , lächerlich gefühlvolles Herz aburteilen ; ich aber bin ganz froh , daß ich grad dieses und kein anderes , auch nicht das seinige , habe ! Halef würde sagen : » El Mizan , el Mizan , die Brücke der Gerechtigkeit ! Sie mißt auch das kleinste unserer Gefühle ! « Und ich gestehe aufrichtig , daß ich , wenn ich ein Jünger der so inbrünstig festgehaltenen , inevitabeln Vivisektion wäre , mich vor dieser Wage fürchten würde ! Doch weg von dieser Abschweifung , welche vielleicht Entschuldigung findet , weil sie aus dem Herzen kam ! Ich gab dem Hedschihn noch einige der Bubuna-Pflanzen und stieg dann wieder auf , denn nach dieser höchst notwendigen Schonung des braven Tieres durfte keine weitere Minute versäumt werden . Wir begannen wieder im Schritte , gingen dann in schnelleres Tempo über , worauf ich das Geheimnis wieder wirken ließ . Maschurah gehorchte dieses Mal sofort . Es that mir leid , sie zum zweitenmal in dieser Weise anstrengen zu müssen ; aber es handelte sich um viele Menschenleben , und so außerordentlich ihre Leistung war , das , was man » Schinden « nennt , das war es denn doch nicht . Sie ging freiwillig ; sie trug keine Kandare , kein schmerzendes Gebiß , und sie wurde von keinem Peitschenschlage getrieben . So flogen wir wieder bergan und bergab wie vorher . Wie oft wich der Sand unter ihren Füßen ; wie häufig war sie dem Sturze , dem Ueberschlagen nahe , ohne daß ich sie , wie bei einem Pferde , mit Hilfen unterstützen konnte ! Und doch kam sie wohl zum Straucheln , zum Stolpern , Gleiten , doch aber nicht zum Fall . Sie hielt aus ; sie war ein wirklich unbezahlbares Tier ! Da kam ein Augenblick , an welchem eine ungewöhnlich hohe , aber auf dieser Seite nicht steile Düne zu nehmen war . Sie stieg langsam empor , allmählich , und Maschurah fegte im rasenden Laufe hinauf ; hätte ich auf dem Herwege gewußt , daß und in welcher Weise ich wiederkommen würde , so wäre ich wohl aufmerksam gewesen , mir die gefährlichen Stellen gut zu merken . Es schwebte mir jetzt eine vor , wo die nördliche Kante einer Düne oben eingefallen war ; es gab da einen steilen Sandsturz , den wir , um auf die Höhe zu gelangen , hatten umreiten müssen . Jenseits war es dann umso weniger schroff , fast bequem , hinabgegangen . Sollte das die jetzt vor uns liegende Höhe gewesen sein ? ! Es ging ja hier auf der südlichen Seite leicht hinan ! Herrgott ! Dann stand uns ein schwerer Fall bevor ! » Yawahsch , yawahsch , yawahsch ! « schrie , nein , brüllte ich . Aber das Hedschihn war schon hinauf ; es wollte auch gehorchen , konnte es aber nicht so schnell , wie es erforderlich war . Ja , ein Pferd , welches man an den Zügeln hat , das reißt man auf die Seite , was allerdings auch nicht ungefährlich ist ! Aber hier saß ich im hohen Kamelsattel und besaß weder im Metrek noch in der Maulleine ein Mittel , das Tier so rasch von der gefährlichen Richtung abzubringen . Mein Ruf bewirkte zwar sofort eine Verringerung der vorwärtstreibenden Energie , aber doch schon zu spät . Ich sah nicht hinüber nach der nächsten Höhe und auch nicht hinuter in das zwischen ihr und uns liegende Dünenthal ; ich hatte keine Zeit dazu , denn das , was jetzt geschah , vollzog sich in einem einzigen Augenblicke . Ich bemerkte in dem Momente , als wir die Kante oben erreichten , nur den vor uns gähnenden Sandsturz , weiter nichts , zog das linke Bein auf die rechte Seite und warf mich vorwärts , vom Kamele herab und in das Loch hinunter . Das war das einzige , was ich zu meiner Rettung thun konnte , während das im Schusse befindliche Tier hinaus in die Luft sprang . Nur die Weichheit des hinuntergerollten Sandes , auf den mein Sturz gerichtet war , konnte mich retten ! Ich fiel - - ich fiel und fiel - - fiel tiefer und immer tiefer ! Das war kein Fallen mehr , sondern ein langsames , gemächliches Niedersinken , welches gar kein Ende nahm ! Ich hatte die Augen zu und fühlte keinen andern Schmerz als nur einen scharfen Druck in den Hand- und Fußgelenken . Es war ein ganz eigenartiger Zustand . Hörte denn dieses Sinken gar nicht auf ? Welche Tiefe war es denn eigentlich , in welche ich mich hinunterbewegte ? Ich öffnete die Augen , um es zu sehen . Die Lider gehorchten dem seelischen Impulse ohne Widerstreben . Da sah ich - - - Ja , was ich da sah , das brachte mich augenblicklich zu der Ueberzeugung , daß dieses Gefühl der unaufhörlichen Abwärtsbewegung nicht Wahrheit sondern Täuschung , daß ich betäubt gewesen war ! Nur eines hatte mich nicht betrogen , nämlich der Schmerz an den Händen und den Füßen . Sie waren gebunden , und zwar so fest , daß man jedenfalls alle Gewalt angewendet hatte , um diese Arbeit so gut wie möglich zu machen . Vor mir saß Scheik Tawil Ben Schahid , zu seiner Rechten der Ghani und zu seiner Linken dessen Sohn . Neben dem Vater sah ich den Münedschi , der wach und munter war . Die drei andern Mekkaner saßen mehr auf der Seite . Indem ich weiter um mich blickte , sah ich oben den Sandrutsch , in den ich mich hatte werfen wollen . Der Schwung aber , den ich mir gegeben hatte , war im Vereine mit der Beharrungskraft des ungestümen Rittes zu groß gewesen , und so war ich darüber hinausgefallen und den steilen Abhang hinunter in das Thal gerollt . Da lagen die Soldaten zerstreut umher , alle tot , fast jeder in einer Lache von Blut . Der Ueberfall war den Beni Khalid geglückt , und ich hatte den Ritt zur Rettung des Persers und seiner Leute nicht nur vergeblich , sondern zu meinem eigenen Unheile unternommen . Die Kamele der Soldaten standen nicht weit von uns , und etwas weiter davon lag - - mein Hedschihn , ganz gemächlich wiederkäuend und mit den roten Augen hell um sich blickend . Es hatte also den Sturz ebenso überstanden wie ich , und zwar wohl nur infolge des tiefen , weichen Sandes , welcher sich grad an und unter der betreffenden Stelle aufgehäuft hatte . Wo aber war der Basch Nazyr ? Als ich den Kopf wendete , um mich nach ihm umzuschauen , sah ich ihn , oder vielmehr nur seine Beine , welche hinter einer niedrigen Sandwehe hervorragten . War auch er tot ? Ich nahm an , daß er noch lebte , denn seine Füße waren zusammengebunden wie die meinigen , was bei einem Leblosen doch nicht notwendig ist . Auch saßen fünf Beni Khalid bei ihm , wahrscheinlich um ihn zu beaufsichtigen . Auch das ließ darauf schließen , daß er noch am Leben war . Hinter ihnen lagen Kamele , vielleicht ein Dutzend , welche den Beni Khalid gehörten . Wo aber waren die andern Menschen und Tiere ? Die von uns untersuchte Fährte hatte doch auf wenigstens dreißig schließen lassen ! Später wurde es mir klar , daß der Scheik sie fortgeschickt hatte , um möglichst wenig Zeugen für das zu haben , was hier an dieser Stelle geschehen sollte . Auch wollte er den Kanz el A ' da nur für sich allein oder , falls dies nicht zu erreichen war , mit möglichst wenigen Personen zu teilen haben . Warum aber hatte er da die Mekkaner , welche doch den ersten Anspruch darauf erhoben , mit hierhergenommen ? Jedenfalls war die ganze Abteilung der Beni Khalid hier beisammengewesen , um dem Perser aufzulauern . Oben hatten wahrscheinlich Posten gestanden , um seine Ankunft zu melden . Sie waren mit einer Salve von über dreißig Schüssen empfangen worden , und wer dann noch lebte , war , den Basch Nazyr ausgenommen , durch weitere , schnelle Schüsse abgethan worden . Der seinen Soldaten voranreitende Perser hatte ebensowenig wie ich an den Sandrutsch gedacht ; er war , wenn auch in weniger gefährlicher Weise , herabgestürzt und den Beni Khalid in die Hände gefallen und sogleich von ihnen in Fesseln gelegt worden . Man kann sich meine Stimmung denken ! Nicht etwa , daß ich mich verloren gab ; o nein ! Selbst wenn ich nicht meine Haddedihn hinter mir gewußt hätte , wäre es mir nicht eingefallen , der Hoffnung auf Rettung zu entsagen . Aber der Anblick der zwanzig hingemordeten Asaker erfüllte mich mit Grauen . An diesem Scheik der Beni Khalid schien nur das eine Gute zu sein , daß er sein Wort heilig hielt . Weiter aber nichts ! Als er bemerkte , daß ich die Augen geöffnet hatte und mich bewegte , ging ein höhnisch grausames Lächeln über sein von Halefs Peitsche gekennzeichnetes Gesicht . Er deutete mit der Hand auf mich und sagte zu El Ghani : » Schau ! Er lebt ; er hat also den Hals nicht gebrochen ! Allah hat mir ihn für meine Kugel aufgehoben . Jetzt muß er sagen , warum er hierhergekommen ist . Wenn er es nicht gesteht , werden wir ihn schon zu zwingen wissen , die Wahrheit zu sagen ! Du hast meine Worte gehört . Nun sprich , Hund ! « Diese Aufforderung galt mir . Ich antwortete , ohne auf den Hund ! zu achten : » Ich habe keinen Grund , zu schweigen . Es fiel mir ein , daß ihr auf den Gedanken gekommen sein könntet , den Basch Nazyr zu überfallen und ihm den Kanz el A ' da wieder abzunehmen ; da bin ich ihm auf seinem Hedschihn , welches er mir geschenkt hat , nachgeritten , um ihn zu warnen . « » Allein ? « » Ja . « » Wo sind die Haddedihn ? « » Auf dem Wege , welcher von hier nach der Ain Bahrid führt . « » Sie werden dich nicht wiedersehen , aber uns , denn wir holen sie ein , um sie zu vernichten . Also , das Hedschihn , das kostbare , hat er dir geschenkt ? Wohl weil du ihm das Leben und den Schatz gerettet haben willst ? « » Ja . « » So ist es liebreich von dir , daß du es mitgebracht hast . Ich werde es behalten , und eure Pferde , von denen ich gestehe , daß sie ihresgleichen suchen , kommen auch in den Besitz meines Stammes ; ihr aber lauft alle in die Krallen des Teufels . Daß dies geschieht , dafür werde ich jetzt sorgen ! « Während er sprach , waren seine Augen und auch die Blicke der Mekkaner in einer Weise auf mich gerichtet , daß ich einsehen mußte , bei ihnen keine Spur von Erbarmen zu finden . Der Münedschi horchte aufmerksam auf jedes Wort . Jetzt , als der Scheik schwieg , wendete er sich mit der Frage an ihn : » Das ist der Effendi aus dem Wadi Draha , der hier gefangen vor uns liegt ? « » Ja , « antwortete Tawil . » Was werdet ihr mit ihm thun ? « » Er wird erschossen , und zwar gleich hier ! Hast du etwas dagegen einzuwenden ? « » Nein , gar nichts . Ich stimme vollständig bei . Ich hätte ihm noch einige Bemerkungen zu machen , unterlasse es aber , weil so ein Mensch nicht wert ist , daß ich mit ihm spreche . Ich habe ihm in das Gesicht gespuckt ; das ist für ihn genug , um zu wissen , was ich von ihm denke und wie unendlich ich ihn verachte . Während er vorgiebt , ein frommes , unschuldiges Lamm zu sein , ist er ein Raubtier , und zwar ein so gefährliches , daß man sich mit seiner Tötung Allahs Lohn verdient . Ihn zu schonen , würde die größte Sünde sein , die ihr auf euch laden könnt . Er gehe also dahin , wohin er gehört : in die Hölle ! « Da ließ sich auch El Ghani hören : » Das ist ganz so , als ob ich es gesagt hätte ! Ich gebe also auch meine Zustimmung und fordere von dir , oh Scheik , daß er erschossen wird ! « » So ? Ihr stimmt also bei ! « fragte der Scheik in einem so ironisch wegwerfenden Tone , daß ich vermutete , das Verhältnis zwischen ihm und seinen Gastfreunden sei nicht mehr das frühere . » Es ist prahlerisch und lächerlich , mir eure Einwilligung anzubieten . Ich thue hier , was mir beliebt , und frage nicht , ob es euch paßt oder nicht . Ihr wißt ja , wie wir jetzt zusammen stehen ! Bildet euch also nicht ein , daß ich mich nach euren Wünschen richte ! « » Ich wünsche nichts , sondern ich fordere mein Recht ! Vor allem verlange ich den Perser für mich ! Er hat mir , dem Liebling des Großscherifs , die Schande des Diebstahls frech in das Gesicht geworfen ; er ist mir mit Soldaten nachgeritten , wie man einen ehrlosen Verbrecher verfolgt ; er trägt die Schuld an der Behandlung und an allen Beleidigungen , die wir am Bir Hilu erduldet haben , er , der von Allah verdammte Schiit , der nicht wert ist , daß ich ihn auch nur mit dem Fuße berühre , um ihn fortzustoßen . Darum verlange ich , der Vollstrecker des Urteiles zu sein . Es darf ihn keine andere Kugel treffen , als nur die meinige ! « » Dagegen habe ich nichts , « lachte der Scheik in einer jeden Gefühles baren Weise . » Wenn es dir Spaß macht , ihn mit deiner eigenen Hand in die Hölle zu schleudern , so werde ich dich nicht hindern , es zu thun . Hast du geladen ? Du kannst es sofort thun , denn unsre Zeit für hier ist abgelaufen . « Er stand auf , der Ghani auch . Sollte das im Ernst gemeint gewesen sein ? Das wäre ja fürchterlich ! Ich erhob meine Stimme , um gegen diesen Mord zu protestieren , erhielt als Antwort aber nur ein höhnisches Gelächter . Da hörte ich , jetzt und hier zum erstenmal , die Stimme des Basch Nazyr : » Ich bitte dich , gieb dir keine Mühe Effendi ! Ich habe schon selbst erfahren , daß jedes Wort umsonst ist . Mein Tod ist beschlossen , und davon gehen diese Leute um keinen Preis ab . Ich bin selbst schuld daran , denn ich habe deine Worte in den Wind geschlagen und werde nun dafür bestraft . Aber ich will nicht wie ein armseliges Paket , sondern wie ein Mann sterben . Bindet mir die Füße los ! Ich will die Kugel stehend empfangen . Thut mir wenigstens diesen Gefallen ! Ich fliehe nicht ; ich gehe keinen Schritt von der Stelle , von welcher aus ich durch die Pforte des Todes treten soll ! « Da lachte der Scheik wieder in der schon beschriebenen Weise auf und antwortete : » Diesen Wunsch werde ich dir gern erfüllen , denn ich bin ein menschenfreundlicher Mann , und es wird ja doch dein letzter sein in diesem Leben ! « Er ging zu ihm hin und gab ihm die Füße frei . Der Perser stand auf , kam langsam auf mich zu und sah mir in das Gesicht . Er mochte auf demselben lesen , was in mir vorging , denn er schüttelte den Kopf und sagte : » Denk nicht darüber nach , wie mir vielleicht zu helfen wäre ! Wir sind nicht zu retten und können nichts thun , als mit Würde sterben . Ich bin nicht nur schuld an meinem , sondern auch an deinem Tode . Hier bitte ich dich nicht um Verzeihung , denn alle Ohren , welche es hier giebt , sind es unwert , solche Worte anzuhören . Aber du wirst nur wenige Minuten nach mir durch die große Mauer , welche Ben Nur uns zeigte , nach Es Setschme , den Ort der Sichtung , kommen , und da erwarte ich dich , um dich auf meinen Knieen und mit der Hand zu bitten , mir meine Unbedachtsamkeit zu verzeihen . Wie ich dich kenne , weiß ich , daß ich nicht umsonst bitten werde . Ja ? « » Ich verzeihe dir schon jetzt , « antwortete ich . » Das Leben der Menschen steht in einer höheren Hand , die uns noch im letzten Augenblicke retten und sogar die Kugeln lenken kann . Ihr wollen wir uns anvertrauen ! « » Thut das , wenn es euch beliebt ! « lachte der Scheik abermals . » Ich habe aber auch eine Hand , und der entkommt ihr nicht , so wahr euer Es Setschme , der Ort der Sichtung , nichts als Schwindel ist ! Aber da ihr glaubt , dort drüben so schön vereinigt zu sein , will ich euch zu Liebe dafür sorgen , daß ihr es schon hier sein werdet . Wir graben jetzt ein Grab , in welches wir euch neben einander legen . Die Leichen der Asaker mögen die Geier fressen , sie bleiben liegen ; euch aber sollen nur die Würmer bekommen . Das ist der einzige Unterschied , den wir zwischen zwei Arten von Halunken machen . In der Hölle trefft ihr doch mit ihnen zusammen ! « Seine Beni Khalid machten sich auf seinen Befehl daran , ein Loch in den Sand zu wühlen , nicht weit von uns und grad vor unsern Augen , so daß wir zusehen konnten . Das gab doch einen Aufschub , wenn auch nur einen kurzen ; aber jede Minute war jetzt kostbar , denn es stand außer allem Zweifel , daß Halef sich der allergrößten Eile befleißigen werde . Ich wußte zwar nicht , wie lange Zeit ich betäubt gelegen hatte , aber da mein Hedschihn sich während derselben so ruhig niedergelegt hatte und von den Beduinen trotz der Erregung , welche unser Erscheinen hatte hervorbringen müssen , gar nicht mehr beachtet worden war , so durfte ich annehmen , daß dieser Zustand der Besinnungslosigkeit von längerer Dauer gewesen sei . Die Hoffnung , daß die Haddedihn noch rechtzeitig zu unserer Rettung eintreffen würden , war also gar nicht ausgeschlossen . Das hätte ich dem Perser gerne gesagt ; aber der Scheik und auch der Ghani hielten uns so scharf unter ihren Augen , daß mir kein leises Wort ermöglicht war . Sie hinderten aber den Basch Nazyr nicht